Die zehn Tugenden

Die eigentlich auf den antiken Hexameter bezogenen „zehn Tugenden“ sind verschiedentlich erwähnt; ich gebe zwei Texte dazu, einen knappen, eher aufzählenden und einen etwas ausführlicheren (der die Grundlage des ersten ist).

Aus: Friedrich Schmitthenner: Teutonia. Ausführliche teutsche Sprachlehre, nach neuer wissenschaftlicher Begründung (S. 211).

 

Die Grammatiker nennen noch zehn Tugenden der daktylischen Sechsfüßer. Nach diesen Tugenden heißen dieselben

Unverstümmelt, wenn keine Wörter darinnen des Metrums halber zusammengezogen, wie froh’s, oder erweitert, wie Adelers, sind.

Aus dem Ganzen (ungeheftet), wenn sie, ohne Bindewörter, bloß aus Hauptwortarten bestehen, wie:

Schicksalvoller Gestirnlaufbahn allfassender Umkreis

Einfach, wenn sie keine zusammengesetzen Wörter enthalten, wie:

Stimme von Gott, wie Donner und Sturm, und Gesäusel des Frühlings (Voß)

Fünfgliedrig, wenn sie aus fünf Wortfüßen bestehen, zum Beispiel:

Ödes Gebirgwaldschloss, melancholischer Eulen Behausung.

Nach Füßen gegliedert, wenn jeder Fuß von einem besonderen Redeteil gegliedert wird.

Anschwellend, wenn sie, von einem einsilbigen Worte anfangend, zu solchen mit immer mehr Silben fortschreiten. Man nennt solche Verse der Ähnlichkeit wegen, die sie mit einer Keule haben, auch Keulenverse (versus rhopalici), zum Beispiel:

Weit, bahnlos, ausschweifet verheerende Wasserbeflutung

Antwortend, wenn der zweite Abschnitt mit dem ersten in Sinn und Wort einen Gegensatz bildet.

Rund, wenn sie leicht und ohne Anstoß gelesen und gehört werden können.

Kräftig, wenn sie gewichtvolle Wortfüße und eine nachdruckvolle Tonstellung haben, wie:

Schrecklich erscholl Kriegsdonner vom jähen Gebirg in das Schlachtfeld (Voß)

Volltönend, wenn die starken Stimmlaute in ihnen vorwalten, wie:

Aber du bist furchbar, sehr furchtbar, Gott, mein Erbarmer (Klopstock)

 


 

Aus: August Apel, Metrik, zweiter Band. (Gekürzt und leicht bearbeitet)

Ein rechter Musterhexameter soll nach Diomedes zehn Tugenden haben. Er soll sein: Unverstümmelt; aus dem Ganzen; von einfachen Worten; fünfgliedrig; nach Füßen gegliedert; wohlgeordnet; rund; volltönend; wohllautend.

Ist hie und da einige Pedanterei darin nicht zu verkennen, so kann man doch nicht ableugnen, dass ein richtiger Sinn für das Schöne den meisten dieser Behauptungen zu Grunde liegt.

Unverstümmelte Verse sind solche, deren Worte des Metrums wegen weder zusammengezogen noch erweitert sind, die also ihre natürliche Silben- und Buchstabenzahl des Verses wegen nicht haben ändern müssen. Ein Beispiel vom Gegenteil wäre etwa:

Froh’s Muts stunde der Fürst; austeil’nd gar manche Genade

Nur verwechsle man mit diesen Fehlern nicht die Elision der Vokale, wo sie weder Härte noch Übellaut erzeugt.

Aus dem Ganzen heißt ein Vers, wenn er ohne Bindeworte bloß aus Hauptworten zusammengefügt ist.

Schicksalvoller Gestirnlaufbahn allfassender Umkreis

Dass ein solcher Vers besser klinge als ein durch kleine Bindewörter zerstückelter, fällt in die Sinne. Allein nur das Zuviel der kleinen Wörter und ihre Einmischung, um den Vers zu füllen, oder weil der Dichter zu bequem ist, eine bessere Wortfolge zu wählen, verdient Tadel; denn niemand wird im Ernst ein gedicht von einigem Umfang ohne alle Bindewörter verlangen. Soviel ist auch gewiss, dass die Bemühung, mit möglichster Vermeidung der Bindewörter zu schreiben, nicht allein dem vers, sondern selbst der Sprache des Dichters Kraft und Würde gibt.

Einfach heißt ein Vers, in welchem keine Wortzusammensetzung enthalten ist:

Stimme von Gott, wie Donner und Sturm und Gesäusel des Frühlings (Voss)

Fehlerhaft wäre dagegen in dieser Hinsicht:

Donnerte bald graunhaft, wie gestadanklimmende Brandung (Voss)

Wer wird aber solche Zusammensetzung im Ernst tadeln? Das Zusammenzwängen zeilenausfüllender Prachtwortkolosse mag billig gescholten werden, und nur in Gedichten nach Art orphischer Hymnen oder in der Parodie am Platze sein; allein jede Zusammensetzung verwerfen, wäre vom Kritiker Pedanterei und für den Dichter unausführbarer, verderblicher Zwang.

 Fünfgliedrig heißen Verse, die aus fünf Wortfüßen bestehen:

Ödes Gebirgswaldschloss, melancholischer Eulen Behausung

Andere ( zum Beispiel Plotius) rühmen sogar viergliedrige Hexameter als vorzüglich:

Waldumgürteter Einsiedlei grünschwellendes Moosdach

Bei griechischen und lateinischen Dichtern findet man dergleichen großgegliederte verse ungleich häufiger als bei deutschen. Einige Schuld davonn trägt ohne Zweifel die Sprache, welche sich mehr zu Einsilbigkeit neigt als die alten; sehr viel aber verdirbt die Sorglosigkeit der meisten Dichter, die, unterstützt durch halbkritisches Raisonnement, die Schönheit des Verses für ein Phantom der Schule halten.

Nach Füßen gegliedert heißen Verse, in welchen jeder Fuß von einem besondern Redeteil erfüllt wird.

Anschwellende Verse heißen Verse, welche von einem einsilbigen Wort beginnen und zu immer mehrsilbigen fortgehn, also gleich einer Keule sich vom schmalen Ende immer weiter ausbreiten:

Weit, bahnlos, ausschweifet verheerende Wasserbeflutung.

Wenn man auch eine solche metrische Künstelei nicht als Muster aufstellen kann, so möchten doch dergleichen Verse, wo sie ungezwungen am rechten Ort stehen,  Aufmerksamkeit und Wohlgefallen erregen.

Antwortend heißen Verse, deren zweiter Abschnitt mit dem ersten in Sinn und Wort einen Gegensatz bildet.

Rund heißen Verse, welche leicht und ohne Anstoß gelesen und vom Hörer vernommen werden können. Dieser Rundung und Glätte bedürfen sie sowohl in Ansehung der Prosodie (sonst werden sie hart und holprig) als auch der Wortstellung (sonst werden sie gezungen). Nur verlange man nicht, auf der anderen Seite ausschweifend, die Wortfolge der Prosa vom heroischen Vers.

Kräftig ist der Vers in Ansehung seiner Bewegung, deren Gewalt auf gewichtvollen Wortfüßen und nachdruckvoller Tonstellung beruht. Zum Beispiel:

Schrecklich erscholl Kriegsdonner vom jähen Gebirg in des Schalchtfeld (Voss)

Das Gegenteil sind schwächliche Verse, deren Schwäche gleichfalls auf schwachen Wortfüßen und kraftloser Tonstellung beruht. Zum Beispiel statt des vorigen:

Schrecklich erschollen die Donner vom jähen Gebirge den Streitern

Volltönend sind Verse in Ansehung des Klanges, wenn sie volllautende Vokale tönen lassen, und deren Klang nicht durch anhaltende, schwirrende und rasselnde Konsonanten zerstören. Klopstocks bekannter Vers:

Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,

hat diese Vorzüge nicht. Die stets wiederkehrenden „e“ und die vielen „s“ machen ihn tonlos. Voller lautet von ihm:

Aber du bist furchtbar, sehr furchtbar, Gott, mein Erbarmer

und von Voss:

Suchest du Wortausdruck, Sinn ist Grundwesen und Urquell

Zu dem Wohlklang der Verse gehört auch besonders, was von deutschen Dichtern so oft vernachlässigt wird: der möglichste Wechsel der Endvokale und Endkonsonanten sowohl in Vers als auch in einzelnen Worten. Der  deutsche Versbildner gewinnt diesen Wechsel fast schon dann, wenn es ihm gelingt, die zudringlichen Wortendungen in „en“ oft zurückzuweisen; dass die anderen dann zu gleichförmig sich zudrängen, verhindert schon der Bau unserer Sprache. Ferner ist es nicht hinreichend, in den langen Silben sich des Überreichtums von „e“ zu entäußern, weil dieser Laut dagegen aus allen Kürzen nachhallt. Die deutsche Sprache macht dem Dichter allerdings manche Schwierigkeit; wer aber diese Mängel aus eigner Erfahrung kennt und nicht bloß in die allgemeine, oft nur halbverstandene Klage einstimmt, der hätte in seiner Erfahrung auch Mittel gefunden, wo nicht alle, so doch viele dieser Schwierigkeiten zu beheben.

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