C. F. Edler: Der Hexameter

Aus: Deutsche Versbaulehre, 1842

§ 403. Unter den Versarten, deren Bekanntschaft wir dem klassischen Altertum verdanken, steht der Hexameter oben an. In der griechischen Sprache, welcher er eigentümlich angehört, indem er in die lateinische nur aus dieser durch Nachbildung übertragen worden ist, scheint er mehr eine freiwillige Harmonie der durch Stärke und Schwäche des Tones, Langsamkeit und Schnelligkeit der Bewegung und durch Vollklang, Verschiedenheit der Zeitdauer und reichen Wechsel der Vokale sich auszeichnenden Sprache, als eine wirkliche, absichtliche prosodische Messung zu sein.  Für uns ist er gleichfalls nur eine Nachahmung und also gewissermaßen ein Kunstprodukt, so lange wir in dem griechischen Verse, nametlich im homerischen, das Muster finden,  welches wir in unserer Sprache so nachbilden wollen, dass es das griechische Vorbild in allen Nuancen wiedergeben soll. Die Verschiedenheit des Organismus unserer und der griechischen Sprache macht dieses schon für den Klang unmöglich, aus Gründen, welche in der Beschaffenheit und dem Gebrauche der Vokale liegen, und wird es auch für den leichten rhythmischen Gang und gleichsam Fluss des Verses unmöglich machen.

Wie wenig auch Bürgers Versuche, den Hexameter nachzubilden, den Anforderungen entsprechen, welche wir an diesen Vers notwendigerweise machen müssen, so sind doch seine Gründe, mit welchen er diese Unmöglichkeit darzulegen versuchte, aller Beachtung wert, wenn von einem Vergleich des deutschen mit dem griechischen Hexameter die Rede ist. Welche nordische Sprache, bemerkt er, mit ihren starkleibigen, ein- und zweisilbigen Wörtern, hinten und von mit rasselnden Konsonanten verpanzert, bei deren Niedertritt der Boden dröhnt, wäre im Stande, den leichten flüchtigen Hexameter in seinem schwebendem Gange, der kaum die Spitzen des Grases krümmt, nachzubilden? Unsere Sprache, deren Takt sich meist mit ganzen und halben und nur sehr wenigen Viertel-Schlägen begnügt, wird dem Hexameter bald zu wenig, bald zuviel, und eine überragende Fülle geben.

§ 404. Dessenungeachtet ist damit nicht gesagt, dass die deutsche Sprache keine Hexameter besitzen könne. Auch Bürger wie Klopstock erkannten die Möglichkeit an. Freilich keinen griechischen, am wenigsten einen homerischen, bei welchem höchstwahrscheinlich das Ohr des Hörers eine nicht gering zu achtende Rolle gehabt haben dürfte; sicherlich aber einen, der nach den Gesetzen, die das spätere Griechenland für den Rhythmus dieses Verses feststellte und im Einklange mit den, aus dem Bau unserer Sprache sich ergebenden Bestimmungen geformt ist. Er wird und muss sich vom griechischen Muster in mehrfacher Hinsicht entfernen; aber er kann sich für die deutsche Sprache zu eben der Vollkommenheit erheben wie für seine Sprache der griechische. Die Bldsamkeit der deutschen Sprache steht ihm nicht entgegen, ebensowenig die Fügsamkeit derselben in Formen, welche ursprünglich außerhalb des Charakters und der Grenzen der deutschen Poesie lagen. Dass es bisher immer noch nicht ganz gelungen ist, diesen Vers der deutschen Poesie eigentümlich zu machen, lag anfangs wohl an den Schwierigkeiten, welche der Mangel an richtigen Grundsätzen der Silbenmessung erzeugen musste; an denen auch die ersten Versuche, ihn einzuführen, scheiterten. Später, als man diesem Mangel durch tieferes Eingehen in den Organismus unserer Sprache und eine ihm gemäße Gesetzgebung für deren Quantitätsverhältnisse meistenteils abgeholfen hatte, tat seiner Vollkommenheit das Bestreben Abbruch, unsere Sprache in Formen zu zwängen, welche ihrem Charakter widerstreiten und wodurch ihre Selbstständigkeit und der durch diese bewirkte eigentümliche Reiz verloren gingen. Man wollte durchaus den griechischen Hexameter nicht nur seiner Form, sondern auch insofern nachbilden, als diese Form auf Freiheiten beruht, welche wohl andere Sprachen,aber nicht die deutsche gestatten können.

§ 405. Die Ursache davon möchte wohl die sein, dass man sich nicht an selbstständige Schöpfungen, sondern an Nachbildungen griechischer Muster versuchte, bei denen natürlich noch andere Punkte zur Sprache kommen müsssen als der Versbau allein, und das wohl eben durch diese auch anderwertig zu nehmenden Rücksichten der Schritt zur Vollkommenheit bei einem Dichter zurückgehalten wurde, welcher sonst um die Ausbildung des Hexameters sich nicht genug zu würdigende Verdienste erworben hat.  Der mit dem Geiste des Altertums völlig vertraute Johann Heinrich Voß kann, unbeschadet der Verdienste seiner Vorgänger, gleichsam der Schöpfer des deutschen Hexameters genannt werden, und selbst Klopstock, dem das Verdienst bleibt, zuerst auf die Befähigung unserer Sprache zu diesem, sowie zur Nachahmung der lyrischen Versmaße des Altertums überhaupt, aufmerksamgemacht zu haben, muss vor ihm weit zurücktreten, wenn es sich um metrische Vollkommenheit des Rhythmus handelt. Mängel, die seinen in vielen Beziehungen unerreichbaren homerischen Gesängen ankleben, verkündigen sich um so mehr als eine Erscheinung, welche die Gebundenheit, die der Übersetzer stets fühlen wird, erzeugte, als in seiner Luise, wo diese Gebundenheit nicht vorhanden war, der größte Teil derselben glücklich vermieden ist,  ohne der Schönheit des Verses in irgendetwas zu schaden. Indessen ist man, nach Klopstocks und Voß‘ Vorgange, weitergeschritten. Viele Bestimmungen hinsichtlich der Silbenmessung, die von beiden als gültig anerkannt und in den Versbau übertragen worden sind, haben eine notwendige Veränderung erfahren, welche natürlich auf den Vers und dessen Bildung zurückwirken musste. Vieles, über dessen Anwendung man noch zweifelhaft war, ist nunmehr als unbedingt anwendbar  anerkannt und das noch mit einer gewissen Ungebundenheit selbst von Voß geübte metrische Gesetz hat sich in ein strengeres, geregelteres verwandelt, ohne gerade abgeschlossen oder keiner Änderung fähig zu sein. Durch diese Erweiterung musste auch der deutsche Hexameter selbst vervollkommnet werden und die Gestalt, in welcher wir ihn jetzt vor uns sehen, der Klang, mit welchem er jetzt unser Ohr erfüllt, sind die Resultate der Forschungen und Studien der Gegenwart.

§ 406. Also nur von dem Standpunkte aus, welchen unsere Sprache jetzt vorschreibt, kann die Bildung dieses Verses hier berücksichtigt werden. Alles, was außerhalb dieser Grenzen liegt, was ihr zu erreichen unmöglich sein dürfte, obwohl es vielleicht anderen Sprachen nicht unmöglich wäre, muss zurückgewiesen werden,  so lange wenigstens, bis es der Zukunft gelingt, den Beweis zu führen oder durch die Praxis zu liefern,  dass auch dieses Unmögliche nur auf einer Verkennung beruht habe, oder dass es durch die Zeit selbst zum möglichen herangebildet worden sei.

Was das Technische anbetrifft, so ist der Hexameter, wie schon sein Name besagt, aus sechs daktylischen Versfüßen (— ◡ ◡) gebildet, von denen nur der letzte unvollständig ist und als Trochäus erscheint. Die Form desselben ist also:

— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Jedoch wird sie nur selten so angetroffen. Da nämlich, nach den metrischen Gesetzen der Griechen, die langzeitige Silbe in ihrer Geltung zwei kurzzeitige aufwiegt, so kann, ohne eine Veränderung des Metrums, statt der beiden kurzzeitigen auch eine langzeitige Silbe eintreten, und es geschieht dieses sehr häufig, aber in unmittelbarer Reihenfolge nur an der Stelle der vier ersten Daktylen:

— — / — — / — — / — — / — ◡ ◡ / — ◡

Doch auch die unmittelbare Reihenfolge der Spondeen findet eben so selten als die der Daktylen statt; vielmehr wird durch die verscheidenartige Abwechslung beider eine gewisse Mannigfaltigkeit des Metrums bewirkt, indem durch diese Abwechslung mit Daktylen und Spondeen innerhalb der ersten vier Füße allein 13 verschiedene Kombinationen möglich werden, je nachdem man entweder einen bis drei Daktylen oder gleichviel Spondeen verwendet.

§ 407. Diese Zusammenziehung der Daktylen in Spondeen ist zwar an allen Stellen gestattet, indessen lässt man sie selten im fünften Takte eintreten, und wenn sie hierin vorkommt, so erfordert die Regel, dass wenigstens der vorangehende vierte Fuß ein Daktylus sei. In diesem Fall, wobei jedoch keineswegs notwendig ist, dass auch die ersten drei Glieder Spondeen sind, führt der Vers den Namen „Spondiacus“ oder „spondeischer Hexameter“, und die Form desselben ist folgende:

— — / — — / — — /
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — — / — ◡

Ebenso kann statt des Trochäus im sechsten Gliede ein Spondeus gesetzt werden. Ohne Erwägung der anderen beim Bau des Hexameters zu nehmenden Rücksichten ergeben sich, für den Wechsel zwischen Daktylen und Spondeen, Beispiele ais folgenden Versen:

Sanft mein Leben dahin; mir war, als wallete ringsum
— — / — ◡ ◡ / — — / — — / — ◡ ◡ / — ◡
Purpurgewog

Dann wird Zeus der Kronid‘ aus strahlender Höhe des Äthers
— — / — ◡ ◡ / — — / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

… Die ungeheure Chimära
Töten, die göttlicher Art, nicht menschlicher, dort emporwuchs
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — — / — ◡ ◡ / — — / — ◡

… Lärm unholden Gevögels,
Das aus dem Schutt zanksüchtig emporschwärmt, stieg in die Felskluft. (Voß)
— ◡ ◡ / — — / — ◡ ◡ / — — / — ◡ ◡ / — —

Wie oft Schifffahrt kaum fortrückt mühvolleres Rudern.
— — / — — / — — / — — / — ◡ ◡ / — ◡

So kann ernst bald ruhn, bald flüchtiger wieder enteilen.
— — / — — / — — / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Oder, der Weisheit voll Lehrsprüche dem Hörenden einprägt. (Schlegel)
— ◡ ◡ / — — / — — / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Viel Wohnstatt auch sah er, und mancherlei Sitten der Menschen. (Wolf)
— — / — — / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Wenn zu den Reihen der Nymphen versammelt in heiliger Mondnacht. (Goethe)
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — —

Es kommen zwar auch bei den Dichtern Verse vor, welche sich bloß in Daktylen oder Spondeen bewegen, wie folgende zur Bezeichnung des Ganges gebildete:

Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten.
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Ahnungsvoll durchdringt beim Festmahl Hoffnungsschimmer.
— — / — — / — — / — — / — — / — ◡

Wieder die Freunde zu sehn, die geliebten, gedacht‘ er im Herzen.
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Allein sie gehören zu den Seltenheiten und sind mit Recht als poetische Malereien, oft selbst als Spielereien, zu beurteilen; wenigstens hat man den virgilischen Vers quadruperante putrem sonitu quatit ungula campum längst dafür gehalten.

§ 408. Hieraus schon ergibt sich, welcher Mannigfaltigkeit dieser Vers fähig wird. Dieselbe wird noch dadurch erhöht, dass nicht in jedem Versfuße auch zu gleich ein Wortfuß enthalten ist, viellmehr der Versfuß in den Wortfuß hinein-, oder dieser in jenen Hinübergreift:

Ob ver|säumte Ge|lübd‘ ihn er|zürneten, | ob Heka|tomben

Sondern ver|gönnt, weil du | selber ge|zeugt die ver|derbende | Tochter. (Voß)

So durch|drungen von | Gift die | harmlos | atmende | Kehle (Goethe)

Im Hexameter ist die Hauptzäsur, welche nach der Länge oder der ersten Kürze des dritten Versfußes eintritt und im erstern Falle als männliche, im andern als weibliche Zäsur anzusehen ist, die wesentlichste:

Wonniger schon in das Herz || vom bezaubernden Blatte sich schwingend. (Voß)
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Welche Wonne gewährte || der Blick auf das herrliche Bild mir. (Goethe)
— ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ || ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Diese Zäsur, welche den sonst langen Vers gewissermaßen in zwei Glieder teilt und dadurch gleichsam einen Ruhepunkt schafft, teilt ebenso den Rhythmus, indem nach der männlichen Zäsur der Rhythmus des Daktylus mit dem des Anapästes wechselt.

Viel in der Meerflut litt er des schmerzlichen Leids im Gemüte. (Wolf)
— ◡ ◡ / — — / — ◡ || ◡ / ‚— ◡ ◡ / ‚— ◡ ◡ / — ◡

Armes Weib, nicht musst du zu sehr mir trauern im Herzen.
— ◡ / — — / — ◡ || ◡ / ‚— ◡ / ‚— ◡ ◡ / ‚— ◡

Helena, heiße mich nicht so freundlich setzen, ich darf nicht. (Voss)
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || — / ‚— ◡ / ‚— ◡ ◡ / ‚— ◡

Dadurch wird keinesfalls ein Auseinanderfallen oder Zerfallen des Verses bewirkt, vielmehr verkettet der überbleibende Teil des Versfußes das Folgende mit dem Vorangehenden, der Wortfuß aber das Vorangehende mit dem Folgenden. Diese Zäsur ist also nicht, wie beim Pentamter, als eine trennende zu betrachten und sie erfordert, wie in den vorigen Beispielen sich zeigt, nur ein Wortende, nicht aber notwednigerweise einen Sinnabschnitt, obschon derselbe gleichfalls eintreten kann und häufig vorkommt:

Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilion hinsinkt. (Voß)
— — / — ◡ ◡ / — || ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Schwammen entgegen dem Strom, abhärtend die nervigen Glieder. (Neubeck)
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || — / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Auch ohne diese Sinnpause wird der Ruhepunkt, welchen diese Zäsur zu schaffen bestimmt ist, bemerklich genug, er mag nach der Länge oder der Kürze folgen.

§ 409.