Die Schnitte des Hexameters

Aus: Andreas Heusler, Deutsche Versgeschichte, dritter Band (de Gruyter 1929), Seite 256 – 260.

Leicht gekürzt um Verweise auf andere Stellen der Versgeschichte und einige Bemerkungen über den antiken Hexameter; auch einige wenige Beispiele fehlen. Wer kann, sollte unbedingt den „richtigen“ Text einsehen!

 

1113 Der Hexameter hat eine gesteigerte Empfindlichkeit, er ist gleichsam aus zarterem, zerbrechlicherem Tone geknetet als unsre übrigen Versarten. Das liegt gutenteils an seinen Schnitten.

Es handelt sich um Schnitte im eigentlichen Sinne: keine Versgrenzen; sie führen keine metrische Pause mit sich. Aber zur Formrichtigkeit des deutschen Hexameters gehört es, dass an gewissen Stellen ein Schnitt eintrete, an anderen nicht.

Man hat bemerkt, der Hexameter kenne 16 Zäsuren und, wenn man die „Nebenzäsuren“ mitrechne, eine unübersehbare Vielheit (z. B. Minor). Dabei zählt man alle Kolonschlüsse. Nach diesem Verfahren müsste man jeder deutschen Versart ein verwickeltes Zäsurwesen zuerkennen. Wir wollen den Begriff der Nebenzäsur nicht verbannen, fragen aber beim Hexameter wie anderwärts so: an welchen Stellen fordert oder meidet man fühlbaren Kolonschluss? Dann wird das Bild sehr viel einfacher.

Von einem „Schnitt“ zum Beispiel nach dem ersten Takte kann nicht die Rede sein; in Verseingängen wie

Schlug er, | da /  wand sich / jener …

Sammelten, | ses zu / bringen …

sind die bezeichneten Kolonschlüsse Zufall, sie dürften fehlen. Vossens angebliche Schnitte vor der Schluss-Silbe sind Missgeburten:

… so / viel er be- / sitzt, gilt

 

1114 Die kurze Regel für den deutschen Hexameter lautet so: Er braucht einen Schnitt im dritten oder im vierten Takte. Beide Male kann der Schnitt nach der Hebungs- oder der ersten Senkungssilbe liegen, also männlich oder weiblich sein. Beispiele aus Goethes Reineke Fuchs, erster Gesang:

3m: 3 Übten ein / fröhliches / Lied || die / neuer- / munterten / gel

3w: 17 Alle /  hatten zu / klagen, || er / hatte sie / alle be- / leidigt

4m: 11 Hof zu / halten in / Feier und / Pracht; || er / lässt sie be- / rufen

4w: 114 Isegrim / kam von / ferne ge- / schlichen, || ver- / zehrte die / Fische

Auf der Abwechslung dieser vier Arten ruht der Reiz des Hexameters nicht minder als auf dem Wechsel der Silbenzahl. Man weide sich an dem Formenspiel der ersten zwölf Reinekeverse! Den Anfang des „Messias“ mag man dagegenhalten. Eine gewohnte Schwäche der Ungeübten ist einseitiger Gebrauch von 3m und 3w.

Die drei ersten Arten sind die bei Griechen und Römern allbräuchlichen (Man bemerke, das für die Alten wichtige Verbot des Wortschlusses an bestimmten Stellen spielt im Deutschen nicht; da kann an jeder Stelle ein Wort enden.)

Der vierte Schnitt, „post quartum trochaeum“, meiden die Griechen, und so haben ihn auch bei uns Voss und die Seinen verfehmt. Unter ihrem Drucke hat ihn Goethe 1799 und 1800 mehrmals weggebessert; Schiller fing schon ein paar Jahre früher damit an. Klopstock bewahrte seine entschiedene Vorliebe für diese Zäsur, und in diesem Punkte ist sogar Platen nicht vossisch geworden! Wenigstens als Nebenschnitt bringt er das 4w ungescheut, doch gelegentlich auch als Hauptschnitt:

Leicht an den / Strand, | ganz / ohne Be- / schwerde, || mit / freundlichem / Lächeln (1833)

Niemals, / ruft er | mit / mischem / Eifer, || be- / geisterte / Shakespearn (1834)

 

1115 Mit dem Schnitt im vierten Takte, 4m und 4w, verbindet man gern eine hörbare Grenze in oder nach dem zweiten, männlich oder weiblich: eine Nebenzäsur. Dann dreiteilt sich der Vers. So vorhin in Reineke I, 11 oder in:

50 Mehr als / euch  | doch / Wackerlos / Klage || will / wenig be- / deuten (4w)

49 Ist hier / niemand, | jung oder / alt, || er / fürchtet den / Frevler (4m)

68 Und sie / setzten sich | gegenein- / ander, || be- / gannen das / Credo (4w)

Das sind beliebte Formen. Nötig aber ist dieser Nebenschnitt nicht; man höre vorhin Reineke I, 114 oder:

70 Innerhalb / unseres / niges / Fried || und / freiem Ge- / leite (4m)

87 Aber / wird ihm / diesmal ver- ziehn, || so / wird er in / kurzem (4m)

169 Denn seit- / dem des / nigs / Friede || ver- / kündiget / worden (4w)

IV 189 Noch zum / letztenmal / öffentlich / sprechen || und / redlich be- / kennen (4w)

Umgekehrt macht die Grenze im zweiten Takte den Schnitt im vierten nicht entbehrlich:

276 Braun den / ren er- / nannte man / aber || zum / Boten. Der / nig

Hier dürfen wir über den Kolonschluss nach aber nicht hinweglesen. Diese Grenze übertönen hier die beiden nach Bären und Boten, und doch ist sie das lebenswichtige Gelenk des Verses und die beiden anderen Zugabe. Missraten ist diese Zeile der elsässischen Zwillinge Wolf (geb. 1774):

Käuzchen / schwingen | aus / ihren / staubigen / Nestern / die Flügel

 

1116 Die beiden Schnitte im dritten Takte, 3m und 3w, die freihalbierenden, sind nicht nur die häufigsten, sondern die ohrenfälligsten. Das Ohr erwartet die Zäsur im dritten Takt und „hört sie dort auch wirklich, wenn es der Sinn nur einigermaßen gestattet“ (Gotthold 1820).

1 Pfingsten, das / liebliche / Fest, | war ge- / kommen; | es / grünten und / blühten

Der tiefste Satzeinschnitt, nach gekommen, ergäbe die Form 4w. Man kann aber auch den Kolonschluss nach Fest zur Herrschaft bringen: Form 3m. Es ist eine Frage der Stimmführung. Ähnlich in:

5 Festlich / heiter / glänzte | der / Himmel | und / farbig / die Erde

45 Reineke / hab auch / das | ihm ge- / nommen! | Jetzt / sprang auch der / Kater

100 Als zwei / gleiche Ge- / sellen | zu leben. | Das / muss ich er- / zählen

136 Reineke / konnte vor / Zorn | nicht reden, | doch / was er sich / dachte

Die Messung nach Form 4 ist die weniger gemeinplätzige – eben weil das Ohr zunächst Form 3 erwartet! In Zeile 64 kommt zugleich zweierlei Iktensetzung in Frage:

Lasst euch er- /zählen, | wie er so / übel || an / Lampen dem / Hasen

oder

Lasst euch er- / zählen, wie / er || so / übel an / Lampen dem / Hasen

Die folgenden Verse rettet man durch Anbringen der Form 3:

Unbe – / dächtig / sagte || der / Kater: / tut mir die / Liebe (Reineke III 47)

Nehmet uns / auf, ihr / hoch|| auf- /ragenden / Wälder, ihr / ler (Gebr. Wolf)

Und er / tat es, der / un|| er- / forschliche, / wie sie ihn / nannten (G. Hauptmann, Anna)

Führe sie / mir, als /  deine || Nach- / ahmerin, / voller Ent- / zückung (Messias I 11)

Zur Not auch noch:

Sah, und mit / dem er un- / nach|| ahm- / barere / Taten voll- / führte (Messias I 318)

 

1117 Unter den Nebenschnitten, die beliebig stehen oder fehlen können, hat die Vossische Schule einem besonders nachgestrebt: der von Thoekrit begünstigten „Tmesis bucolica“ (Voß, Zeitmessung 195 f.). Sie fällt ans Ende des vierten (dann meist dreisilbigen Taktes und hat als eigentlichen Einschnitt Form 3 vor sich. In Goethes unbefangener Dichtung fließen diese Verstypen absichtslos ein:

23 Edel / seid ihr und / groß! || Und / ehrenvoll, | jedem er- / zeigt ihr

26 Aber vor / allen / Dingen || er- / barmt euch, | dass er mein / Weib zu

Unter Schlegels Einwirkung ist er ihnen bewusst nachgegangen, so in der Achilleis.

Voss gibt das anschauliche Beispiel:

Jener / sprachs, und ver- / wirrt || ent- / eilte sie, | Qualen er- / duldend

Eine formgerechte Gleiderung nach 3m. Sie würde zerstört durch die Änderung:

Jener / sprachs, und / angstvoll | eilte sie, | Qualen er- / duldend

Denn hier gingen dem Küherschnitte nur Grenzen in zweiten und nach dem dritten Takte voran: dem verse fehlte also der nötige Schnitt im innern des dritten oder vierten Taktes. (Es liegt nicht an Partizip gegen Adverb, wie Minor meint!) Auch Platen hat eine Zeile derart durchschlüpfen lassen (23. Juni 1835):

Jene ver- / steinerten, | die du so / mörderisch, | einem Po- / lyp gleich

 

1118 Formwidrig sind danach die sogenannten „zäsurlosen“ Hexameter, das heißt die keinen der erwähnten vier Schnitte, 3m und 3w, 4m und 4w, hergeben. Bodmers Verse waren dafür berüchtigt. Ein Beispiel wieder aus den Elsässern Wolf:

Rauschet nicht, / wehende / Nieder- / münster- / linden, mir / furchtbar

Am meisten greift es die Hexameter-Linie an, wenn am Schluss des dritten Taktes eine nicht zu überhörende Kolongrenze eintritt. Sie zerschneidet den Vers in zwei mehr oder weniger gleiche Hälften; ist der dritte Takt dreisilbig, verletzt es weniger.

Einen / schönen/  Paian | sangen die / jungen Ach- / aier (Bürger, Ilias I, 473)

Mild steigt / nieder und / huldreich | über die / glänzende / Ebne (Gebrüder Wolf)

Schmeidige / doch ein / weniges | deine / borstige / Seele (Mörike, Sichrer Mann)

Bei Friedrich von Stolberg ist der Fall verhältnismäßig häufig. Während Goethe schon vor dem Hereinreden der Philologen die Schnitte feinfühlig handhabt.

Klostock hat den antiken, genauer den lateinischen Zäsurregeln, die er ja von der Schule her kannte, nicht den Krieg erklärt; beobachtet doch die große Masse schon seiner frühesten hexameter diese nicht selbstverständlich zu nennenden Vorschriften. Wenn er dennoch öfter als andere ausweicht, muss das an einer gewissen Gleichgültigkeit in diesem Punkte liegen. Und zwar haben ihn hierin die 1760er Jahre nicht schulfromm gemacht. Eine spätere Äußerung, aus den grammatischen Gesprächen 1794, befremdet durch ihre Harthörigkeit für die homerische Hauptzäsur 3w.

Auf den ersten Gesang des Messias in der Fassung von 1748, 705 Zeilen, rechnen wir 21 „zäsurlose“ Fälle (nicht mitgerechnet, was irgend anders deutbar ist). Ein Beispiel:

509 Still mit / einem all- / gegen- / wärtigen | Morgen be- / grüßte

Öfter kann man schwanken, wo der Halbpartschnitt nach den dritten Takte notwendig ins Ohr falle;  ein sicherer Vertreter:

682 Und drauf / sagt er, | o / Benjamin, | unsern um- / stehenden / Müttern

Von den 21 Fällen setzen sich acht, zum Teil mit geändertem Wortlaut, bis in die letzte Fassung fort. Diese bringt aber auch neue Fälle.

 

1119 Wir machen uns auf den Einwand gefasst: dem Unbefangenen klingen diese Verse ebenso schön; die Schnittregel der Alten ist für uns leeres Herkommen. Darauf könnte man antworten wollen: die ganze Hexameterform ist Herkommen, und zu ihr gehört diese Regel; wer sich in sie eingelebt hat, spürt die Übertretung als ein Weniger an Form.

Allein der Gegensatz zwischen griechen und Römern (1114) zeigt schon, dass man die Regel enger oder weiter fassen kann. Es fragt sich, an welchem Muster man sich erziehen will. Voss wählte das griechische Muster und empfand daher den Schnitt 4w als unschön, ja sogar einen Nebenschnitt an dieser Stelle:

Ei, ver- / schmähet ihr / so || den / Honig, | den / mancher be- / gehret

Auch heutige Gäzisten bekennen sich zu diesem Urteil. Wir stehen also da vor einer Grad- und Geschmacksfrage; und die Antwort kann nicht einfach vom gesunden deutschen Sprachgefühl kommen.

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