Stabreim

Wilhelm Jordans Stabreim-Vers

(Jacob Minor, Neuhochdeutsche Metrik 1902, Seite 372-374)

In Jordans Stabvers sind zwei Halbverse durch den Stabreim (alliteration) zu einem Langvers verbunden. Jeder dieser Halbverse besteht aus zwei Hebungen; der Auftakt und die Senkungen können fehlen oder mehrsilbig (bis zu vier Silben) sein. Der Schluss des ersten Halbverses kann stumpf sein, es können aber auch noch eine oder zwei Senkungen folgen; der Schluss des zweiten ist selten stumpf, meistens folgt der letzten Hebung noch eine schwächere Silbe nach. Die Langzeile besteht also wie der altgermanische Vers aus vier Hebungen.

Jordans Praxis zeugt wie seine Theorie von einem außerordentlich feinen gefühl für den Rhythmus sowohl wie für die Betonungsgesetze der deutschen Sprache. Die Metrik kann gerade aus seinen anomalen Versen am meisten lernen.

Wenn er zum Beispiel sagt, dass ein Fehlen aller Senkungen oder umgekehrt eine Häufung der Senkungen nur dort gestattet sei, „wo der Inhalt die Erlaubnis schafft“, so hat er damit vollkommen recht.

Sein Beispiel Holms Herz stand still würde, nach den allgemeinen Betonungsgesetzen des Deutschen, allerdings so lauten müssen: „Holms Herz stand still ; aber er rechnet mit einer der Katastrophe angepassten Vortrag, wie Goethe in dem Angstruf der Epimeleia aus der Pandora; so, in abgebrochenen und dumpf hervorgestoßenen Worten, vermag der Satz vier Takte wohl zu füllen; die Frage aber, ob dem Dichter ein solcher Vortrag gestattet ist und ob der Rhythmus des aller Senkungen baren Verses an und für sich, ohne Rücksicht auf den Sinn, ein gelungener ist, gehört vor ein anderes Forum.

Ebenso wenig gibt der folgende Vers zu Tadel Anlass, wenn man ihn richtig liest: wir würden plätscherten mit den Schweifen und plauderten geschwätzig auch in Prosa nicht anders als viertaktig sprechen, „plätscherten mit den Schweifen und plauderten geschwätzig“.

Es ist ein Irrtum Gottschalls, dass „plätscherten mit den Schweifen und plauderten geschwätzig“ die natürliche Betonung sei; gerade umgekehrt würden in daktylisch-trochäischen Versen hier Silben gehoben, die bei der durch den Sinn geforderten lebhaften Aussprache zurücktreten.

Ganz anders sieht es mit dem Wolfischen Vers diese | mit dem friedlichen Vergleiche | sich bemengende Gewalt, denn hier sind die Nebenakzente auf mit und sich unvermeidlich, erstens weil die an Lautgehalt reichere Silbe zwischen zwei ganz gewichtlosen steht, und zweitens, weil eine Redepause vor mit und sich nicht zu umgehen ist und dadurch auch das Tempo ein langsameres wird.

Der Stabreim verbindet zunächst die zwei Halbzeilen für das Gehör und für das Gedächtnis zu einer Einheit, der Langzeile.

Es alliterieren nur die Hebungen, die betonten Silben; diese aber müssen nicht eben Wortanfänge sein, sie können auch als haupttonige Stammsilben auf Vorsilben folgen, also im Innern des Wortes stehen. Nicht nur dieselben, sondern auch gleichwertige Konsonanten gelten als Gleichlaute und wie im altdeutschen alliterieren die Vokale untereinander.

Derselbe Anlaut kann sich also in einer Langzeile zwei, drei, vier Mal einstellen. Je schlichter und einfacher der Inhalt ist, desto sparsamer verwendet Jordan die Alliteration; je lebhafter und leidenschaftlicher, desto reichere Anwendung findet auch die Alliteration.

Die stärkste Wirkung schreibt Jordan zwei unmittelbar aufeinander folgenden Stäben (zweite und dritte Hebung) zu; bei drei Stäben wirkt darum auch die dritte Hebung stärker als die vierte.

Das am stärksten betonte Wort des Verses heißt Hauptstab.

Neben der einfachen Alliteration bedient Jordan sich auch der doppelpaarigen: in seinen Nibelungen kommen zwei sich umschlingende Stäbe so oft vor, dass sie streckenweise vorherrschen. Hier sind nur zwei Stellungen möglich: abab oder abba; denn die dritte Kombination aabb würde die beiden Vershälften nicht verbinden, sondern trennen.

Dennoch hat Jordan auch die Stellung, deren ungestümer Gewalt er selbst vor der viermaligen Alliteration den Vorzug gibt, ausnahmsweise angewendet: die flackernde Flamme durchprasselte prächtig. Bei Wagner ist diese Stellung aabb nebben abba und dem selteneren aaaa besonders beliebt.

Endlich verbindet Jordan nicht bloß die Halbzeilen, sondern auch die Langverse durch die Alliteration, indem er dieselben Anlaute der Hebungssilben in dem folgenden, in dem dritten, ja selbst in dem vierten Verse wiederkehren lässt.

Oder er stellt neben den Hauptstab eine Nebenalliteration: die erste bindet die Halbzeilen zu einer Langzeile, die zweite den ganzen Vers mit dem folgenden: also xaab || bccy und so weiter.

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