W. v. Blomberg: Die Satire

Die Satire (Wilhelm von Blomberg)

Viele Lehrer hat ich zunächst, ein lockiges Knäblein,
Schwarz im blonden Volke daheim: Gestorbener Zeugnis
Reden und Tun, und lebender viel, und hatte die Zunge
Früh gelöst, und schaute mit keckem Auge die Dinge,
War nicht friedlich daheim, in andere Häuser zu schauen
Lohnete mehr, und früh dem Sinn mit dem Tritte zu folgen.
Und ich wähnt in dem Strahle des Tags die Geister zu sehen,
Tief in den Mienen versteckt, auf Lipp und Augen erscheinend.
Einige lockten mich an und zeigten mir himmlischen Ursprung,
10 Stimm und Gestalt bewegend wie oben über den Sternen;
Andere zogen mich Armen hinab in die finstere Erde,
Weisend die Not, und das Spiel des allverderbenden Zufalls,
Und dem gehassten naht ich mich oft, willkommen ihm selbst nicht.
Und es mahnete mich mit jeglichem Alter zu reden,
Und in den Schulen erkühnt die zürnenden Lehrer zu lehren.
Drohenden sagt ich: „Es ist nicht Schuld der eigene Wille,
Also will es in mir ein unbezwingliches Leben,
Denn zwei Wege muss ich zugleich abwandern und aufwärts;
Heute fern im Olymp und morgen bei den Gesellen
20 Deshalb schmähet mir nicht gesondertes Wissen und Reden.
Drum ja seht ihr mich schwarz vor vielen andren gestaltet,
Hüten könnt ihr euch immer, und eure Ohren mit Wachse
Schließen, dass ich euch nicht mit böslicher Zunge verderbe.
Aber habt ihr einmal die bösen Worte vernommen,
Zürnet mir nicht, und folget mir nicht, und haltet an Eurem.
Denn ihr sinket hinab, ich schweb euch oben ein Irrlicht.
Helfet mir nicht zum Gesang mit euren Stimmen, und leset
Giftige Kräuter nicht auf, mir Stoff in die Hände zu geben.
Denn euch brennen sie nur, mir sind sie spielender Umgang.“
30 Als ich nun so im heimischen Volk dem Treiben begegnet,
Vieles redend am Weg und im Wald, und erfülletem Markte,
Nahte sich mir ein finsterer Mann und sah mir das Auge
Scharf, und gab mir die Hand, und zog zu heimlichen Wort mich.
„Lange“, redet‘ er, irr ich, ein solches Wunder zu finden,
Und ich achtete schon, vergeblich laufe der Pfad mir,
Hin von Norden nach West und Süd, und hin nach dem Aufgang.
Dich nun kannt‘ ich sogleich aus Tausenden, also geschieden
Zeigst du von andern dich, und dich den Gesucheten nah mir.
Auf mit mir in den Wald, du sollst ein Wunder vollenden.
40 Denn ich seh es an dir, du bist ein göttliches Mittel,
Helfend in mancherlei Pein und Nöten dem Menschengeschlechte;
Wie einst unter das Kraut ein mächtiges mische der Weltgeist,
Dem die Gewalt gegeben hinein in die innerste Seele,
Wunderbar wirkend zu dringen dem übermütigen Menschen.
Also mit ätzendem Saft die Wunden zu heilen verstehst du,
Und in Verstorbenes wieder lebendige Keime zu pflanzen.“
Und ich sprach: „Was suchst du bei mir, und preisest mich also?“
Und er sagte mir noch: „Ein Greis ist dorten zu sehen,
Ganz im Gemüte verwirrt und blind und leidend und hülflos,
50 Aber den Königen König im weiten Runde der Erde,
Wenn du verlornes Erkennen von sich und den wirklichen Dingen
Wieder erweckst im Gemüte, das fern dem irdischen Ursprung
Irrt im Beschaun der Götter an Lethes fesselnden Ufern.
Also hält ihn der zaubrische Kreis in seiner Gewahrung,
Dass er des Wahnsinns Herrlichkeit nie dir willig vertauschet
Mit der kalten Vernunft und nackt beschauetem Leben.
Du nun wahrlich, du wirst mit Worten lösen den Zauber,
Dass er sich selber erkennet, und niederstürzen in seinem
Innern die goldenen Säulen des eingebildeten Tempels,
60 Und er auch uns erkennt, beschämt aus der Lüge sich windend.“
Und wir gingen, den Mann zu finden, in dunkle Gebirge
Einsamen Pfad, und klimmten an Felsen nieder und aufwärts.
Endlich fanden wir ihn, vor einsamer Hütte gelagert.
Blind nun war er und sang ein finster tönendes Lied sich.
Und ich fasste mir Mut und sprach zu dem Greise die Worte:
Was nun härmst du dich hier in Nacht und einsamer Wildnis,
Fern von helfender Hand und alterpflegender Liebe?
Aber die Augen sind dir geblendet, also erscheinet
Alles anders in dir, und fremd gar dünket dir endlich
70 Solch unseliges Los und dich betrügendes Leben.
Weißt du nicht, dass du der König des mittleren Waldes der Erde,
Dass zu dienen um dich die anderen Menschen bestellt sind?
Und du steigst den Berg nicht hinan, dasSzepter zu führen,
Und du entwöhnest das Volk, die herrschende Stimme zu hören?
Auf, besinne dich wohl, und fremd nicht sei’s und verstandlos,
Was ich dir eben gesagt, den Herrschenden werde der Erste.
Denn nicht schwach ja ist dir der Leib, und edel die Bildung,
Abzulenken von dir den Trotz der niederen Seelen,
Und um das Edelste selbst die herrschenden Netze zu spannen.
80 Aber schauernd wirst du dich selbst erkennen im Worte,
Wenn ich dir weiter erzählt, wie du und die Erde geschieden,
Und wie streng der Gewalt der eiserne Szepter gebühre,
Und allein mit dem Eisen gestählt auflebe die Freiheit.
Wieder erblicke den Stern, den deiner Jungend die Götter
Hefteten, welchen du selbst in Nebelwolken gehüllt hast,
Und empfange das dir vergessene Zeichen des Lebens.“
Dies nun sprach ich, es neigte der Greis das geblendete Antlitz
Nieder, und sprach abwendend zu der eigenen Seele:
„Also neiget die Blüte sich mir, der tötende Staub sinkt
90 Über mich hin, und Duft und Blätter wollen vergehen.
Wagt ihr, gegen den Tod zu streiten, törichte Menschen?
Retten wollt ihr auch das Unrettbare, öffnen das Auge
Dem für die Nacht, der Sonnen in sich und Himmel zu schaun hat,
Und nach hellerem Tag aus Todesnächten emporstrebt?
So nun sah mich gewachsen der Wald, und den grünenden Wald ich.
Beide scheiden wir wohl, seht ihr die goldenen Säulen
Nicht im Inneren mir anitzt, so werdet ihr einst sie
Steigen sehn aus der Asch empor an die Bogen der Sterne.
Gönn ich in Frieden euch alles und harre wie es auch werde,
100 Tut ein gleiches an mir, und glaubet wo es vergönnt ist.
Also kannt‘ ich mich selbst und hielt mich fern von den andern.“
Und mich grauset‘ die Rede, Wang bemeistere Scham rings.
Weg nun wand‘ ich den Blick, beschämt auf den Führer ihn heftend.
Aber er schwieg und deutete wieder das Wort zu ergreifen.
„Höre mich Greis,“ so sprach ich, und reichte nimmer zu hart mich.
Denn es ward mir ein Stachel gegeben unter die Blätter,
Diesen breche zuvor, wer in den Händen die Blume
Sicher zu führen bestrebt, und freudige Lüfte zu atmen.
Denn gefällt auch die Knospe, das herbe Blatt und der Stengel,
110 Welcher das liebliche Bild der Blume führet im Innern.
Was ich gesagt, es redet‘ durch mich ein finsterer Alter;
Aber im Munde der Jugend ergrünt die verständige Rede:
Höre mich Greis, verdamme mich nicht, denn jugendlich bin ich.“
Und es horchte der Greis, und wendete zu mir das Antlitz,
Und er sprach: „Mein Sohn, du spät aus dem Staube Geborner,
Wo nichts weiter erblüht, und rings die Herrlichkeit alle
Sinkt in Trümmer zurück, und gleich sich alles hinabdrängt.
Wie nur kommst du mich an, ein wehes schauriges Stündlein(?),
Ähnlich dem Schwert und der Waage, die Tat zu prüfen dem Toten?
120 Aber ferne den Alten von dir, und wie er auch schweige,
Denn ich liebe die Absicht nicht, sie störet mit Bösem;
Du aber rede mir frei, dich hör ich, rede mir immer!“

(Wilhelm von Blomberg)