Rudolf Borchardt: Klage der Daphne

Aus: Rudolf Borchardt. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Gedichte. Stuttgart: Klett 1957. S. 180-185.

 

Klage der Daphne

Frühe vor Tag in dem Tau, wo sie kalt lag, fand ich die Grille,
Atmet ihr über den Fühler, da hob sie ihn; gab ihr im Hinfliehn
Hauch meiner ängstigen Brust, gedankenlos, ohne das Mitleid.
Mitleid übe der Grobe, der Leichtgerührte: der Jäger,
Wenn er die Hinde gerade erschossen hat, schone des Rickleins,
Oder es bringe den Kindern der Hässliche, dass sie erbarme,
Warm im Runde der blutigen Hand, den geborgenen Nestling.
Mich nicht eben wie diese erbarmt es mich, mich die Gejagte
Schwingt es über den Bach wie ein Hirsch, mich durch die Getreue
Schneller den irgend ein anderes Wild, ein gehetzteres wäre,
Oder von Baume zu Baum von dem frevelnden Knaben gesteinigt,
Surrt die unselige Grille! nicht diese wohl: diese in Busen
Schob ich mir achtlos Tun, ein zerfahrenes, wilder Gedanken.
Ruchlos bin ich, ein Wild, ich selber geworden, wer wär ich,
Dass ich das Veilchen im Tau ersäh, darüber ich stürme,
Dass ich der Grille gewahre, eh hinter mir, eh ich sie eintrat?
Grille, du rufst und rufst in dem Busen mir immer; was rufst du!

Hinter mir rennts geschwinder denn ich; wie hurtig ich wäre
Läuferin ich, der Gespielinnen immer ich erste Gepriesne,
Flüchtiger sausts, es erspäht mühloser noch, ach, es erjagt mich
Endlich, und – seh ichs jetzt oder nicht, – was suchen, was spüren?
Hat michs doch, schon zielt es auf mich, schon über mir jauchzt es!
Bergt mich, Klüfte im Fels, wie nur immer den zitternden Steinbock!
Wasserfall schütze mich, dass ich im Stoß vor dem Stößer verschwinde.
Dryas, gönne im Stamme mir Unterschlupf, Erde, erbarm dich,
Tu mir auf die heiligen Brüste und birg mich in ihnen,
Wie ich die Grille mir zwischen den Brüsten hier, also verbirg mich
Armseligste! Ich rufe nicht her daraus, wie mir die grille
Ruft am jagenden Herzen, ich schweige schon! Nicht meinen Herzschlag
Soll er vernehmen, der Schöne, der Tanzende, hinter mir drein Der!
Noch meinen Herzschlag, Göttin, ersticke mir; noch in den Brüsten
Eisige mir in der Kühle die Brust, da wird es verstummen,
Wie sichs mir in der Wärme ermunterte, dass es sich toll ruft –
Grille, du rufst und rufst und rufst noch immer? Was rufst du?

Mich nicht eben! Warum grade mich, mich eine, Apollon?
Oder, wohl, die eine nicht mich; warum zu den vielen
Mich noch? Eine denn noch zu unzähligen, ich aber diese?
Schön, ich dünke dichs? Schönste? Ich hasste mich, wär ich es lang noch:
Jung, ich altere doch, oh, altert‘ ich! Lieblich? Ich liebe
Nicht, nicht dich, und liebte mich keiner, ich lebt‘ es mir eins noch!
Muss ich es geben denn, was du mir nehmen willst muss ich sein, was
Du dir dünkst, dass ich sei und befiehlst es mir – muss ich es lügen,
Was dich blendete, wie ich weiß es nicht, – muss ich die Echo
Werden, weil du mir singst, an der Steinwand, muss ich es dulden?
Leben soll ich mir nicht, nicht sterben mir, wie es den Töchtern
Ziemt der bescheidenen Erde, den einfachen? Feiergedanken
Nicht mehr kennen, sie blühen nur auf in den Kindern des Alltags!
Alltags Dinge nicht schaffen, sie glücken nur täglichen Weibern?
Scherzen mit rechtlich geborenen Kindern nicht, rechtlichem Vater
Nicht die noch ungeschickten, wie Tierlein sind, in die bereiten
Arme heben, ich nicht? Halbgöttlichen gleichen? An Brüsten
Nicht das Geborene säugen wie dich nicht, Phöbus, die Mutter
Säugen gedurft, Ambrosia gab man dir, geistrige Zauber;
Davon schrilltest du ihr an der Brust, unmenschlicher Spieler,
Zithergewandter als Säugling schon, wie’s mir an der Brust schrillt,
Aus der unmenschlichen Kehle, ein Tier, was schonte ich sein auch?
Grille, du rufst und rufst, und rufst noch immer! Was rufst du?

Wann nur gewahrtest du mich, Unsäglicher! Dass ich es wüsste!
Dass mich ein Aug, wie andere Bräutliche, dass mich ein Schrei doch,
Wild und ein süßer, ein einfacher hätte, ein selger getroffen,
Troffen, oh, wohl wie ein Schuss, ein verwundender, das mir das Herz dran
Wider den Willen zersprungen sich auftan hätte, und wüsst es!
Aber erspäht ward ich, und ich wusst es nicht; aber erlauert
Ward ich von Geistergesichte; begeistert hab ich und weiß nicht,
Einen Gespenstigen, mir Überlegnen, einen mir Fernen!
Fernher sieht er und wirkt fernher, sich selber berauscht er
Fern im Leiergebraus, nicht andere, selber zuerst sich!
Fernher schießt er, ein immer Ermordender, nicht wie ein Kämpfer
Kommt und fordert den Kämpfer ins Offene, wählt sich ein Opfer
Unbefragt in der grässlichen Höh! O liebliche Nähe,
Aber auch mir nun bist du versagt, der Geflüchteten; schon sein
Eigen dünk ich mir nun, der das Nächste unter dem Fuß saust,
Lüfte erfüllt mein Name, ich fliehe sie, denn er erschallt ihn,
Völker verkündigen mich, ich meide sie, Törinnen neiden
Mir den entsetzlichen Ruhm, ich neide der letzten, der Hirten-
Mädchen verbranntester, unansehlichster, dass sie im Dunkel
Darf, dem erbärmlichen, sterben, Erbarmen nehmen und geben
Unter den Sterblichen, die sich einander noch gerne erbarmen
Und eines Tierleins, selbst achtlos, noch wilder Gedanken –
Grille, du rufst und rufst noch immer, was rufst du?

Hätt ich ihn nur nicht selber gewahrt, und, wie er geschaffen,
Wüsst ich es nicht und graute mirs immer nicht über den Busen!
Einmal warst du mir nah, und vergeblich, Phöbus Apollon,
Eitel spähte das schreckliche Blau in dem himmlischen Auge.
Nah schon warst du mir, unter mir brachen die eisigen Knie,
Tod und das Ende erschien; da kreuzte dir Hermes, ein Sturmwind
Aaren gleich über Fittichen hockend die Sohlen der Laufbahn,
Stand bei dir, und vergaßest du mein für den Wink; und es tat sich
Neben mir auf aus Stämmen des Hags und winkte mich einwärts:
Schutzrecht gab mir das Mädchen des Baums dem gepeinigten Mädchen,
Rankte sich mir um den Wuchs und schloss um uns beide die Rinde,
Aber sie blieb mir hell wie ein Glas; und sagte die Nymphe:
„Fürchte dich nicht; er gewahrt dich nicht, soweit mir der Bann reicht,
Aufgehoben betrachte ihn nur; was fliehst du den Großen?“
Grille, du rufst nicht mehr, wie du riefst; ich wollte, du riefest.

Prachtvoll standst du im glühenden Blau, grausamer Bezwinger,
Eing in Hüften und breit deiner Schulteren, drüber verächtlich
Prunkte das Knabengesicht seellos und lachte der schöne
Singende Mund, und verschmähte die Welt das Auge des Sehers.
Zwitschernd ging dir wie Vögeln die Zwiesprach mit dem Gebruder,
Der wie ein Zwilling neben dir sah, und hatte die Ferse
Schimmernde, auf einem Steine und bückte sich, Fittiche richtend.
Nebeneinander, Entsetzliche, standet ihr, größer, als wir sind,
Harte Gewältiger, gleißender Haut, mit lachenden Zähnen
Zwischen dem schwelgenden Munde, Verzehrende, Flammengeschwister,
Und ihr beredetet euch, über mich, in eigener Sprache.
Furchtbar müssen sie sein so wie ihr, euch willige Bräute,
Große und lachende Mädchen des Zufalls, brennende Dirnen
Ohne ein Herz in Brüsten, in deren vergessende Arme
Und in den Schoß ihr Brennende fahrt zu gewitternder Hochzeit.
Hätt ich dich einen gesehn, wer weiß, ich wäre dir schwächer
Dann oder wann erlegen und trüge von dir die Gespenster.
Aber ich sah euch Gleich zu Gleichende, wo ihr ein Blut seid,
Sprecht wie es hergeht unter euch allen, lacht, wie ihr auslacht,
Tötet, wie du im Sprechen den Stein nachzieltest dem Eidechs,
Trafst und erschlugst, achtlos, wie ich achtlos schützte die Grille –
Grille, du rufst nicht mehr, aber rufe du wieder! Ach rufe!

Selige dort, im Baume gesessene, der er vorbeistob
Blendend hinter der Spur, der vermeintlichen, aber betrogen!
Fernher hörten wir sie, die Götterklage, wir lachten,
Weinend ich, aber bitterlich sie, des erschütternden Wohllauts,
Denn er vernahm mein nicht und befragte den Wald und die Felsen.
Selige, wäre ich du, und er stöbe mir, stöbe vorüber:
Gerne für Gnade des Ausruhns nur, für Gnade des Schutzes
Vor der Liebe des Liebunwissenden, Liebeunwerten
Lobte ich mir dein Ästegeschick in dem ewigen Grüne!
Holzgeworden und windebesucht viel lieber und wurzelnd
In den geheiligten Grund und ein Spiel sein heiliger Lüfte,
Spiel im Spiele der zärtlichen Nachtigall, oder dem Spiele
Ländlicher Mädchen und Hirtengeschlechts, in den Schatten mich kehrend!
Ihnen beschützte ich Küsse und Heimlichkeit, menschliche Wonne
Und das Zittern der Braut und die Lust des verwegenen Werbers
Über der freundlichen Erde, der unteren, aller der Heimat
gerne vergäß ich und all des Geweigerten, Himmlischen dankbar,
Dass sie mich ließen, welkte ich hin, die Verborgene: alles
Ists, das Verborgene, schön, und das Ruchbare, alles ein Greuel!
Aber sie lassen mich nicht, es erbarme sich meiner der Vater
Selber, der Meisternde, denn, und liebte mich wie ich ihn liebe,
Weinend, ein fliehendes Kind: ach, hilf mir, eh er mich einholt!
Birg mich in dich, wie in mich eins deiner Sterbenden einbarg –
Grille, du rufst nicht mehr, aber rufe du wieder! Ach rufe.