J. H. Voß: Der bezauberte Teufel

Eine orientalische Idylle (1781)

LURIAN
Keuchst du schon, Bock? Nur langsam! Wir kommen frühe zum Blocksberg;
Nach dem Siebengestirn ist erst in anderthalb Stunden
Mitternacht. Fleug höher, du Narr! Dir sengten nur eben
Zwo Sternschnuppen den Bart; und in der arabischen Wüste
Taut es stark, mir trieft das Wasser schon von den Hörnern.
Horch, was heult da? Hinab! Du, heule noch eins!

PUHX
Habuhu!

LURIAN
Für ein Uhugeheul ist die Stimme zu laut, und ein Teufel
Wimmert so leise nicht.

PUHX
Habuhu!

LURIAN
Hinter dem Felsen?
Herzensbrüderchen Puhx! Du armer Teufel, du gleichst ja
Einem Dieb am Galgen, von Wind und Sonne gedörret!
Kaum bedeckt die enthaarte gerunzelte Haut dir die Knochen!
Sag, wer hat dir den Schwanz im Palmenbaume verkeilet?

PUHX
Ach, der verzweifelte Gaßner, der Taugenicht, bannte mich hieher,
Weil ich den Schatz in Kohlen verwandelte! Aber wie heißt du?

LURIAN
Kennst du Lurian nicht, dem Luther mit mönchischer Arglist,
Als ich ihn necken wollte, das Tintenfass ins Gesicht warf?
Dies Pechpflaster bedeckt noch mein linkes geblendetes Auge.

PUHX
Lurian? Ei wo ist denn dein böser Schaden am Hintern?
Weißt du? Wir suchten einst Händel am jüterbockischen Hufschmied,
Der nach dem Teufelsbild, an der Türe mit Kohlen gezeichnet,
Glühende Stangen stieß. Des Abends im stürmischen Winter
Klopften wir an, und baten um Nachtquartier in der Esse.
Aber der Racker hielt vor das Schlüsselloch den bekreuzten
Kohlensack, den ihm Sankt Nepomuk hatte verehret.
Sorglos fuhren wir drein. Da legt‘ er uns auf den Amboß,
Und zerhaut‘ uns weidlich mit funfzigpfündigem Hammer.
Wären wir nicht, als Flöhe so klein, in die Nähte des Sackes
Hin und wieder gehüpft; er hätt uns völlig zermalmet.
Als er den Sack aufschnürte, da floh ich behende vondannnen;
Dich erwischt‘ er, und setzte dein Hinterteil auf den Schleifstein,
Rief den Gesellen heraus, und hast du mich schleifen gesehen,
Bis du schreiend versprachst, dein Leben nicht wiederzukommen.
Lange humpeltest du, und warst auch magrer, als jetzo.

LURIAN
Alles verändert sich, Freund. Sobald es meine Gesundheit
Zuließ, ging ich, mein Heil in Morgenland zu versuchen.
Hier verbannete mich aus einer besessenen Jungfrau
Von holdseliger Bildung ein abissinischer Bischof.
Und nun leb ich im Kloster, und feg als geistlicher Kobold
Nachts die Zellen der Mönche, den Feuerherd und die Kirche.
Dafür werd ich geteilt, und gespeichert wie ein Kapäunchen;
Denn im Vertraun, es lebt sich ganz gemächlich im Kloster.
Nun, was schnüffelst du, Puhx?

PUHX
Mich deucht, ich rieche so etwas!
Sicherlich trägt dein Bock was leckres zum heutigen Picknick!

LURIAN
Und du hättest wohl Lust, die Leckerbisschen zu kosten?

PUHX
Lurian, trautester Freund! Seit funfzehn Monden genieß ich
Bloß Heuschrecken, und Honig, der dort aus dem Felsen herabtrieft,
Oder Datteln vom Baum; und äußerst selten ein Wildbret,
Etwa ein Skorpiönchen, und eine magere Eidechs!
Ja ich verschmachtete gar in der stäubenden Dürre des Sommers,
Wenn nicht manchmal ein Smum mit giftigem Hauch mich erquickte!

LURIAN
Na, so wollen wir sehn, wie die Herren Fratres den Ranzen
Mir gespickt! Und wann du mit Trank und Speise gelabt bist,
Will ich versuchen, dein Schwänzchen vom Zauberbaum zu befreien.
Hat auch der Papst den Gaßner für heilig erklärt?

PUHX
Wie wollt‘ er!

LURIAN
Gut! – Da koste das Stück von der Klapperschlange mit Schierling
Und die gebratene Kröte mit einer Tunke aus Asa.
Sieh, wie der Teufel schmackt, und die rauen Ohren beweget!
Und wie die Nas ihm schnaubt, und der Saft aus dem Maule herausläuft!
Hier sind Otterneier, in Hexenbutter geschmoret,
Fliegenschwämme mit Nafta, und junge fette Taranteln.
Aber du musst auch trinken! Da willst du ein Schlückchen Tabaksöl,
Oder den Magenwein, den mein liebster Küper in Hamburg
Kunstgemäß mit Arsenik und Silberglätte gewürzet?
Wetter! So setze doch ab! Du Esel säufst wie ein Postknecht!
Nun zum Nachtisch, Puhx, noch ein paar geräucherte Seelen.
Diese bewohnte vordem den geilsten Schwelger; mit Ablass
Körnte der Pater sein Gut, und gab mir die Seele zum Räuchern.
Kützelt sie nicht die Zunge mit scharfem ranzigem Wohlschmack?
Diese besaß im Leben ein Geizhals. Aber was kaust du?
Ist sie zu dürr und zähe? So wirf sie dem meckernden Bock hin!
Dieses war die Seele des windigsten deutschen Magisters,
Der das Völkchen mit dummem entscheidendem Bücherurteil
Narrete. Tunke sie reichlich in Phosphorus, gegen die Blähung!
Jetzo wisch dir das Maul; zum Anbiss kann das genug sein.
Bald wird Satanas dich auf dem Blocksberg besser bewirten.

PUHX
Ha! Das heiß ich ich geschmaust! Mein armes runzlichtes Bäuchlein,
Jetzo bist du so rund und so glatt und so lieblich zu klatschen!
Wäre mein Schwanz nur los, ich ginge selber ins Kloster!

LURIAN
Ei, den wollen wie lösen! Ich raubte dem koptischen Bischof
Neulich dies kleine Büchlein voll pharaonischer Schriften,
Welches er einst bei Sakara im steinernen Mumienkasten
Eines ägyptischen Zauberers fand. Drin stehet ein Bannspruch,
Welcher jede Bezaubrung, nur nicht der Heiligen, aufhebt.
Aber mein rechtes Auge hat auch von der Tinte gelitten!
Streichle mein Rückenhaar mir aufwärts, während ich singe,
Dass die Funken mir leuchten! – Ahirom tukimalidscho
Zalka kerutsch misrai – Du kratzest ja, Puhx, wie ein Kater!
Ziehe die Krallen doch ein! – bedulemi puschakirolwin
Kirlekamatschka wenorch happuhxing abrakadabra!

PUHX
Heißa! Ich hüpfe vor Freuden! Mein Schwanz ist frei! O du trauter
Lurian, lass dich umhalsen! Das Feuer der höllischen Wonne
Brennt mir aus Nas und Maul! Wie königlich wedelt mein Schwänzchen!

LURIAN
Trillert der alte Narr, wie ein saugendes Lamm, mit dem Schwanze!
Komm, und sitz auf den Bock; zum Fliegen bist du zu kraftlos.
Armer, du bist so leicht, wie die kupfernen Blasen am Luftschiff!
Aber schließe nur ja mit dem Hühnerfuße, der andre
Pferdefuß ist schwerer; und halte dich fest bei den Hörnern!
Hurtig schwinge dich, Bock, durch sausende Lüfte zum Blocksberg!

 

Anmerkungen

Der verzweifelte Gaßner: Johann Joseph Gaßner (1727 – 1779) war ein berühmt-berüchtigter Exorzist und Wunderheiler.

Kapäunchen: Ein Kapaun ist ein Masthahn.

Smum: Eigentlich Samun, eine Sandsturm-Art im afrikanisch-arabischen Raum.

Asa: Asant, auch Stinkasant oder Teufelsdreck: im Irak, in Afghanistan und Pakistan heimische Pflanze.

Nafta: Naphta, Erdölfraktionen, früher als Bestandteile des griechischen Feuers verwendet.

Sakara: Sakkara, altägyptische Totenstadt, 20 km südlich von Kairo gelegen.

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