Zu Neubecks Hexameter

Aus einer Rezension von August Wilhelm Schlegels Elegie „Rom“ in der Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung (Januar 1807)

Ehe Schlegel sich zu seiner jetzigen Meisterschaft hindurchgearbeitet hatte, machte er an sich und andere Künstler sehr laxe Forderungen und begnügte sich oft schon, wenn er dem Bedürfnis des Wohlklangs Genüge leistete.

Jenes bewies er durch seine eigenen hexametrischen Gedichte, durch frühere Urteile über den Vossischen Homer (von denen er vieles als unreif zurücknahm – Charakteristik, T. 2, S.192); mehr noch durch das überschwengliche Log, welches er dem Verfasser der Gesundbrunnen zuteilte: „er habe Voß die hexametrische Kunst beinahe bis zur Gleichheit abgelernt.“

Es sei ferne, diesem lieblichen Sänger den Kranz entreißen zu wollen, den ihm die Musen selbst aufs Haupt gesetzt haben; allein einen vollendeten Verskünstler dürfen wir Neubeck nicht nennen. Zwar hat er seinen Hexameter mit Sorgfalt und sichtbar nach dem vossischen ausgebildet; allein er scheint doch mehr im Allgemeinen die Harmonie der vossischen Versifikation begriffen und empfunden, als die Grundsätze derselben studiert und ergründet zu haben.

Er glaubte, ihr größter Zauber entstehe aus der richtig beobachteten Quantität, und darin zeigt er sich auch fast immer unsträflich; aber das tiefere Geheimnis der glücklichen Zäsuren und mannigfaltigen kleineren Einschnitte, des volltönenden Versausgangs, des Periodenbaus, der schönen Mischung von wohllautenden Vokalen und Mitlautern: alle diese Dinge, die nur ein feingebildetes Ohr wahrnimmt, hat Neubeck der Luise nicht abgelernt.

Wir wollen gern verschweigen, dass sich in seinem Gedichte vielleicht fünfzig Verse finden, die wegen der verfehlten Zäsur gar keine Hexameter bilden; aber auch, wo die einzelnen Verse untadelig sind, scheint der Verfasser so wenig Sinn für den Reiz der Abwechslung zu haben, dass man bisweilen vier, fünf Amphibrachen hintereinander findet, oder acht bis zeht Verse, die durchaus einerlei Silbenfall haben, oft in den nämlichen Wortfüßen.

Solche Dinge, die Schlegel ehemals gut nannte, würden ihm jetzt sehr verwerflich dünken, da er seitdem in der Metrik eine Vollkommenheit errungen hat, die ihn den ersten Vorbildern an die Seite stellt.

(T. Z.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.