Vierter Gesang

Noch ist andrer Gebote Befolgung übrig dem Trinker
Einer Genesungsquelle. Du sollst sie lernen, wofern du
Dein willfähriges Ohr nicht versagst der belehrenden Vorschrift.

Eines nur ist mir bewusst, was König und Bettler sich wünschet,
Dessen Verlust den ersten entgöttert im Purpurgewande,
Dessen Besitz den Mann im Kittel erhöhet zum Halbgott.
Holde Gesundheit du, du bist dies Eine! Dich missen
Heißt aufhören zu leben und doch nicht sterben. Dich haben
Heißt auf goldener Leiter zum Sitz der Olympier steigen.
Siehe! Die weite Natur, reich ausgesteuert mit Gaben
Aus der schaffenden Hand Allvaters, spendet die Fülle
Köstlicher Güter zum weisen Genuss den Erdebewohnern.
Ohne dich sind sie nicht da. Dem Erkrankten scheint die Natur selbst
Siech und leer; ihr großes, gestirntes Tempelgewölbe
Eine Verwesungsgruft, der Mond die düstere Lampe,
Die dem Elenden dämmert, der über Verwesungen wandelt.
Sterbliche, denen ein Gott dies unaussprechliche Glück gönnt:
Einen gesunden Geist und einen gesunden Gefährten,
Der, mit freien Sinnen gerüstet, den Funken der Gottheit
Trägt in irdischer Hülle, verscherzt das himmlische Kleinod
Durch unweisen Lebensgenuss nie! Freunde, bewahrt es,
Wie der Streiter den Schild, und ihr werdet kühner besiegen
Jeglichen Sturmes Gewalt auf der dunklen Woge des Lebens.
Lass dir meinen Gesang der Geheimnisse größtes enthüllen,
Dauernder dich zu freun des guten Sterns der Gesundheit,
Oder, wofern ihn mit Nebel bewölkt ein neidischer Dämon,
Mutig den Feind zu verjagen, und unter dem himmlischen Einfluss
Dieses Gestirns das Glück des Daseins froh zu genießen,
Heiter und satt vom Mahle des Lebens, ein fröhlicher Gast, einst
Aufzustehn! und: Ich war in Arkadien auch! dich zu rühmen.
Siehe, Bewegung erhält das Wohlsein aller Geschöpfe.
Selbst, was leblos ruht in der Schöpfung weitem Gebiete,
Wird durch rege Bewegung veredelt, gewinnet an Schöne.
Stachlige Disteln erzeugt das müßig liegende Brachfeld,
Aus des scholligen Ackers emporgeworfener Furche
Sprosst der nährende Halm, und wuchert mit schwellenden Ähren.
Wird nicht zum faulen Morast des Talwalds gärende Lache,
Die kein Lüftchen bewegt, kein Sturm aufwühlt in der Tiefe?
Keine Najade bewohnt den schlummernden See, wo beständig
Neblichter Dunst ausdampft, und grünlicher Schlamm sich erzeuget.
Aber der Bäche Kristall den den helldurchsichtigen Bergquell,
Der mit Gesprudel sich über die Wurzeln alternder Bäume
Murmeld ergießet, von Klippe zu Klippe die Lieselchen fortwälzt,
Und im mäandrischen Laufe bewässert arkadische Täler:
Ihn nur lieben die Nymphen, und baden die rosigen Glieder
Durch die schwülere Nacht in seinem lebendigen Silber.
Sei Nachahmer des Bachs, wofern du die Gaben der Nymphen
Willst dir zum Heile genießen! Entreiße dich weichlicher Ruhe,
Welche die Muskeln erschlafft, und die Nerven des Zärtlinges lähmet,
Bis er entkräftet und bleich, ein wankender Schemen, umherschleicht.
Auf! Ihr Trinker der Quelle! Die tausendfarbige Landschaft
Lächelt dem Freund der Natur, und er wandelt, wohin ihn die Laune
Oder der Zufall führt: bald zwischen goldenen Ernten,
Die mit schmächtigem Halm entgegenreifen der Sichel;
Bald am gewundenen Ufer des majestätischen Stromes,
Der auf silbernem Rücken den Reichtum ferner Gefilde
Dörfer und Städte vorüber mit flatternden Wimpeln dahinträgt;
Bald in dem Blumengewimmel der grün umhügelten Taldrift,
Wo nach fröhlicher Schur weißvliesiger Herden des Festes
Jubel ertönt, und der Wald die bäurischen Lieder zurückhallt.
Seliger Mann! den nie die Sirenengesänge der Ehre,
Nie der höfische Stolz und der lärmende Markt der Gewinnsucht
Aus dem schönen Gebiete verlocken der reinesten Freuden,
Die der hehren Natur vollwallenden Urnen entströmen;
Der aus goldenen Becher der Morgenröte Begeistrung
Trinkt, und mit schönen Gefühlen den Geist bereichert am Urborn
Heiliger Seelengenüsse, besucht von wenigen Edlen.
Ihn entzücken die Hymnen des Walds in der Jugend des Lenztags,
Ihn erfreuen im Herbst fruchtreich die lachenden Gärten,
Wo das reifende Gold am Gezweig, wie der Morgen, errötet;
Ihn der kristallene Winterpalast beeister Gehölze,
Wo die Blume des Frosts hell blinkt an der Quelle dem Rehe,
Und im bereiften Gesträuch das Eichhorn schüchtern entfliehet.
Seliger Mann, den dieses entzückt! Ihn weihet von vielen
Sich zum Liebling die gute Natur, und zum Priester die Wahrheit.

Freundinnen, folget der Muse zum stillen, entlegenen Haine!
Lasst mit kistallnem Gefäß euch ein ländliches Mädchen begleiten,
Euch mit der Frische des Quells den Durst zu stillen im Schatten,
Wann ihr vertraulich hier, an ein murmelndes Bächlein gelagert,
Ausruht, horchend der Amsel gesang im Wipfel der Buche,
Oder selber ein Lied von Voß anstimmend, dem Sänger
Lieblicher Landidyllen, die selbst Apollon-Homeros
Beifallslächeln gewännen, wofern sie der Alte vernähme.

Hebst du zu Felsabhängen und wildromantischen Berghöhn
Gerne den Fuß, so sei mir gegrüßt mit dem herzlichsten Gruße,
Freund der Gebirge! Du bist mir ähnlich, ich nenne dich Bruder.
Früh entzückte mich schon, in dem Blütenlenze der Kindheit,
Thüringens Bergtrift; schon als Knabe bestieg ich der Gleichen
Altertümliche Burg, und die Felsengestade der Gera,
Wo, von Geklipp umstarrt, Goldadler horsten am Abhang.
Weihrauch dampfte das Tal, und ich stand, vom werdenden Frührot
Angestrahlt, am benachbarten Himmel und atmete Bergluft.
Heil dir, goldenes Land! wo zuerst die Sonne mir aufschloss
Gottes herrliche Welt, wo zuerst in dämmernder Mooskluft
Eine Muse mich fand, und den Schlummerer kränzte mit Efeu.
Staunend erwacht‘ ich und sah die Wunder der fabelnden Vorwelt,
Sah durch grünes Gebüsch an des Talstroms schilfigem Ufer
Nymphen und Hamadryaden den Frühlingsreigen beginnen;
Heil! und sie weiheten mich zum Herold ihrer Geschenke.

Bis zur Späte der Nacht verweile, so will Hygiea,
Keiner im offnen Gefild. Sobald auf duftender Heuflur
Über die Purpurblumen, gemäht von der Sense, des Abends
Rötliche Wimper den Perlentau mitleidig hinabweint;
Wirbelnd die Lerche sich senkt zum Nest in der heimischen Furche;
Langsam vom Anger zurück ins Dorf die läutenden Herden
Kehren mit schwellendem Euter, und bläulich im feuchten Gebüsche
Funkelt der leuchtende Wurm zum Tanze der Feen und Elfen:
Dann ihr Waller, zurück vom Feld in die wirtlichen Hallen!
Zwar singt jetzt die geflügelte Dichterin dämmernder Haine
Ihr elegisches Lied, und flötet mit sapphischem Feuer
Schwärmerisch ihrer Liebe Gefühl der lauschenden Echo;
Zwar blitzt über dem Tannengehölz der freundliche Stern her
Aus dem Silbergewölk, und leuchtet dem liebenden Jüngling,
Aber nicht euch, die den Nymphen gelobten, die Regeln der Weihe
Treu zu vollbringen. Es atmet die Nachtluft selbst der Gesunde
Oft nicht sonder Gefahr; dem Siechlinge wird sie zum Grabhauch.

Doch wenn Rosse zu zähmen, den Hengst zu tummeln dich freuet,
Lass im erschütternden Laufe den stolzen Wiehrer dich tragen
Durch das stäubende Feld, dass laut vom geflügelten Hufschlag
Schalle der Grund. Und klirret im Statt ein rasches Gespann dir,
Schirre die mutigen Renner mit wallenden Mähnen zur Lustfahrt
Oft an den prangenden Wagen, und lass die rollenden Räder
Durch den glühenden Sand hinstürmen mit lautem Gerassel.
Hast du selber gelernt, des Gaules Mut zu beherrschen,
Sei selbst Lenker, und lass mit entzügeltem Trabe die Rosse
Durch aufwallenden Staub hinrennen; schlage den Rücken
Deines Gespanns mit Riemen, und schwinge die sausende Geißel.
Ein so regsames Werk gibt Kräfte wieder den Nerven,
Treibet im rascheren Laufe das Blut durch das enge Geäder.
Balsam atmen die Lungen zugleich in der lauteren Feldluft.
Sanftre Bewegung gewährt die Kahnfahrt. Siehe den Schwan dort!
Wie mit gebogenem Hals er majestätisch dahinschwimmt
Auf der silbernen Flut des grün umuferten Landsees.
Dich empfange der schwebende Kahn mit geselligen Freunden,
Wann die grünliche Welle der Abend wandelt in Purpur,
Und mit azurenen Schwingen den Bord Eisvögel umflattern.
Heute noch segn‘ ich den Tag, mein Sofron, wo wir zusammen,
Viel der Edlen mit uns, auf gleitendem Nachen des Frühlings
Fest begingen. Die Göttin des Fests war heitere Freude,
Wie sie beständig wohnt in dem Lächeln deiner Serena,
Und in dem offenen Auge Clarissas, unsrer Gefährtin,
Die mit dem Lispel der Harfe die silberne Stimme vermählte.
Auf uns kam die Wonne der Götter vom Himmel hernieder,
Als uns wieder empfing das Gezelt an der grünen Umufrung,
Wo den sokratischen Becher die schöne Begleiterin kränzte,
Medos blühende Braut, die Königin unserer Feier.
Nimmer vergess‘ ich den Tag, den festlichen; gleich der Geliebten
Bild schwebt seine verklärte Gestalt mir die Seele vorüber,
Von der Erinnrung geführt, die stets der Vergangenheit Hallen
Liebliche Zaubergestalten entlockt, der vorigen Tage
Äthergebilde, die dann umringen die tröstende Göttin,
Wann sie den Menschen erscheint, und den einsamen Traurer erfreuet,
Der im fremden Gefild zum Stern der Dämmerung aufblickt.
Doch wann schauernden Wolken befruchtender Regen entträufelt,
Der die gesunde Bewegung dem Waller wehrt in der Freie:
Denn ergetze den Abend hindurch dich die komische Muse.
Jetzo besuche den Dom, wo das Singspiel dich in der Feenwelt
Zaubergefilde versetzt; wo Falstaff oder Pedrillo,
Heldengesinnungen plump nachahmend, über den Schauplatz
Schreiten mit trotzigem Schritt; wo der Witz mit Satyrgelächter,
Und die verschlagene List wetteifernd die Bühne besteigen;
Oder zum Lachen dich kitzelt die Miene der bäurischen Einfalt.
Fleuch, wenn deinem Gefühl zum Schmerz wird, was den Gesunden
Nur mit süßem Schauer erfüllt, und der Wonne der Wehmut,
Fleuch der tragischen Muse Kothurn, das düstere Nachtstück:
Lears ohnmächtige Wut, Othellos schreckliche Reue,
Ugolinos Tod, und die dolch bewehrte Medea.
Bangen Entsetzens voll suchst du vergebens die Ruhe
Auf dem Lager daheim. Dich schreckt im ängstlichen Traume
Hamlets Geist, und das grasse Gespenst, das Macbeth erblickte,
Grinst hohläugig dich an, und zeigt auf die blutenden Wunden.
Lass die reizenden Szenen des häuslichen Glücks dich erheitern,
Lächelnder Unschuld Sieg, und des Herbsttags ländliche Feier,
Und erblicke verschönert sie wieder im freundlichen Traumbild.
Weihe dem Schlaf die Nacht, nicht dem Spiele bebilderter Blätter,
Wo zusammmengekrümmt der Spielende sitzt, und des Lebens
Freie Verrichtungen hemmt, bald zürnt ob schwerem Verluste,
Bald sich freuet, und bald Fortunens Launen verfluchet.
Viel Unheil folgt dieser Empfindungen stürmischem Wechsel,
Reue beginnet den Zug, ihn beschließt graunvolle Verzweiflung.
Aber des regsamen Spiels, das einst Nausikaa spielte
Mit der Gefährtinnen Schar auf rötlich blühender Kleetrift;
Das im erneuerten Lent rotwangige Knaben hinauslockt
Vor die Tore der Stadt zum violensprossenden Anger,
Rings mit Linden umschirmt, des gliederbewegenden Ballspiels
Schäme sich keiner, und müsst‘ er daheim es selbst vom Katheder
Oft mutwilliger Jugend verbieten, damit sie darüber
Nicht Cellarius mühsam gelernte Regeln vergesse.
Hier vergess‘ er sie selbst beim Ball, und lerne vergnügt sein!
Mehr Vorschriften, die Glieder zu regen, will ich dir melden.
Prüfe zuerst an leichten Geschäften die zitternden Kräfte,
Gehe zu schwereren über. Allmählich leichtert die Übung
Jegliches Werk, und schafft der Arbeit Mühe zum Spiel um.
Sträubt ein zu zartes Gefühl sich dagegen nicht, oder das Mitleid,
Wann du den leidenden Wurm erblickst am hakigen Stahle,
Eile mit Fischergerät zum klaren, kiesigen Waldbach,
Der mit sanftem Gemurmel den Moosfels küsset am Strande,
Wo du sitzest, und wirf in der Flut fischreichen Kristall hin
Mit der beköderten Angel die Schnur an der weidenen Rute,
Schleudre darauf die getäuschte Forelle mit zuckendem Schwunge
An das Gestad, ein leckres Gericht für den Trinker des Heilquells.
Edlerer Freuden Genuss entblüht der Kunde der Kräuter.
Welch ein zartes Geschäft, der Blüten Gebäu zu zergliedern,
Dann in Gattungen sie zu ordnen nach ihrer Befreundung!
Rolle die Schriften auf des unsterblichen Schweden, und lerne
Sein sinnreiches System anwenden auf jegliche Blume.
Mit amazonischem Stolz beherrscht die sklavischen Männer
Eine Königin hier, und prangt in der glänzenden Mitte.
Mit sultanischer Pracht umarmt der herrische Gatte
Seine Gemahlinnen dort im wollustatmenden Harem.
Hier im geheimen Gemach, versteckt vor lüsternen Augen,
Feiert ein scheues Geschlecht Aphroditens Fest im Verborgnen.
Dort erwarten im offnen Gefild, hochzeitlich bekleidet,
Kühnere Bräute den fernen Gemahl, der auf dem Gefieder
Tragender Winde mit Lust den süßen Umarmungen zueilt.
Oftmals sah ich die Wangen des bleichen, entkräfteten Jünglings
Frischer glühn, und dem Blick ein kühneres Feuer entlodern,
Der nicht errötete, gleich dem Bewohner niedriger Hütten,
Garten und Feld zu bauen. Das Land schuf Gott, und der Mensch nur
Qualmende Städte. Verehre darum den göttlichen Feldbau.
Oftmal sah ich den Siechen bei Feldarbeiten genesen,
Oft durch emsigen Fleiß sich den Leib abhärten den Landwirt,
Der den Sommer hindurch, sobald der kommende Tag sich
Rötete, bald mit dem Spaten das Beet umgrub, mit der Karste
Bald die Schollen des Ackers zermalmete, bald um den Obstbaum
Wegzugäten das Moos, und den Boden zu lockern bemüht war.
Rüstig schwang er, zugleich mit den Heuern, die klingende Sense
Auf der blumigen Wiese, von zirpenden Grillen umschwirret.
Hielt ihn Regen daheim, und der feucht herstürmende Südwind,
Rastlos drasch er sodann den Halm auf ebener Tenne.
Umzuwühlen sogar mit dem furchenden Eisen das Brachfeld,
Jocht‘ er selber den Stier an den Pflug in der Kühle des Morgens.
Horch, was jüngst ich vernahm im äskulapischen Tempel,
Als ich das Opfer dem Gott hintrug zum Dank der Genesung,
Was von dem Marmorgesäul am Altar Weihtafeln mich lehrten.
Aus der lockeren Erde, sobald die glänzende Pflugschar
Hat, gleich Wellen emporgeworfen die schwärzlichen Schollen,
Quillt ein balsamischer Dunst, und wallt unsichtbar im Winde
Über die Furchen empor. Der Ackerer atmet die Frische,
Doch unwissend, wie sehr ihn erquickt der geistige Würzduft,
Und, wann er triefet von Schweiß, ihn stärkt zu der müdenden Arbeit.
Noch erfrischender steigt aus geackertem Boden der Dunst auf,
Wann aus Sommergewittern befruchtender Regen herabtroff,
Hoch in der segnenden Wolk‘ aufblüht der farbige Bogen,
Hinter den Waldungen hohl nur noch murmelt der dummpfere Donner.
Kann den klirrenden Pflug dein Arm nicht lenken, und willst du
Ahnen den Balsamhauch der erfrischenden Erde, so folge
Nach in der Furche dem Pflüger, und trinke den stärkenden Heilduft.

Oftmals dringet die Not, am Heilungsquell in dem Spätjahr,
Wann der herbstliche Strahl schon zeitigt die rötelnde Traube,
Anzuflehn die Najaden. Versäum‘, o versäume nicht, Jüngling,
Dann die männliche Jagd! Wohlauf! In die Fährte des Wildes!
Wann des Morgens Hand von der Erde den graulichen Flor hebt,
Draus zu bilden die Zierde der Heitre, die farbigen Wolken.
Horch! Der Hörner Getön, und der Rüden gebell in den Dickicht!
Auf! Und erlege den Hirsch, den gewaltigen! Durch die Gesträuche
Flieht er, gestreckt, und es rauschen die hangenden Äste der Tannen
Um sein Zackengeweih. Es erschrickt am steinigen Abhang,
Wos auf kühlendem Moose sich lagerte, neben des Felsens
Dunkelsprudelndem Quell, das gesprenkelte Reh, und entfliehet
Tief in den innersten Wald, und entgehet dem Jammergeschick noch
Seines geängstigten Bruders, den jetzt das zerschmetternde Blei traf.
Einsam betrauert es hier, in einer verborgenen Felskluft,
Ach! den blutigen Fall des Fürsten der Wälder; den grauen
Augen entstürzten hinab in das Moos die Tropfen der Wehmut.
Jäger von hohem Geschlecht, beflügelt den Tod des Erlegten
Rasch mit geschliffenem Stahl! Nicht langsam unter der Doggen
Zähne verblute der Hirsch, unwürdige Qualen erduldend!
Dass sein letztes Geröchel zum Rachausrufe nicht werde.
Götter vernehmen den Ruf des grausam Erwürgten; sie lieben
Nicht der Menschen Geschlechter allein; dem Tiere, das harmlos
Lebet im Wald und sterbend den Herrn der Erde bereichert,
Gönnen sie gerne auch, weil es atmet, ein fröhliches Dasein.
Muss es bluten, so wünscht der Erbarmung ewige Güte
Abzukürzen die Pein, zu beflügeln das grause Verhängnis.
Horch! Ich singe noch mehr. In den grünlichen Nächten der Forste
Lauscht unsichtbar oft die göttliche Nymphe der Quelle,
Deren Kristall ihr trinkt zur Genesung. Junger Dryaden
Festliche Tänze zu schaun, sich selbst in den Reigen zu mischen,
Weilt sie die Nacht durch hier, bis rötlich der Morgen herauftagt.
Aber sobald das Getöse der Jagd, und das Wiehern der Rosse
Durch die Dämmerung hallt, so zerstreut die tanzende Schar sich.
Jede verbrigt sich in Kluft und Baum vor dem Auge der Menschen.
Scheut ihr Jäger, die Gegenwart der hehren Najade!
Wagts nicht, grausam zu sein vor dem schauenden Auge der Göttin,
Deren Geschenk ihr schöpft, damit ihr Fluch nicht den Heilborn
Euch zur Vergeltung entkräfte, der Götter Beleidigung räche.

Kommt, ich nahe dem Ziel, o kommt, Teutoniens Töchter,
Schmückt noch meinen Gesang, eh meinen Händen die goldne
Leier entfällt, und zurück zum Olymp entfleugt die Begeistrung!
Doch sie fliehe zurück, ihr lockt sie wieder herunter!
Schmückt, ihr Holden, meinen Gesang, und vergönnet dem Dichter
Nur ein beschiedenes Reis zum Lohn von dem Kranze der Myrthe,
Den die Grazien euch und die sanfteren Tugenden flechten.
Gebt mir das blühende Reis, dass ich um die Leier es winde,
Welche die Muse mir stimmt zu sanftern, melodischen Tönen.
Huldinnen schuf die Natur zu den Werken der blutigen Jagd nicht.
Flügel zu geben dem Huf, mit der Schenkel Gewalt an des Gaules
Rücken gedrückt, ziemt Männern allein, und Penthesileen,
Wild und beherzt: allein wer übertrifft in des Tanzes
Leichtesten WEndungen euch? Herzu! Der erleuchtete Saal winkt!
Folgent dem Beispiel hier der reigenliebenden Nymphen!
Schwebt im weißen Gewande dahin mit dem kühneren Jüngling
Durch labyrinthische Reihn, bald schwimmend in sanfter Bewegung,
Bald mit geflügelter Eil‘, und zephyrlich hüpfenden Füßen.
Doch bei den heiligen Tränen verwittweter Gatten, den Tränen
Unglückseliger Mütter, und liebender Jünglinge Jammer!
Raset nicht, gleich den Mänaden, und bis zur wüsten Ermattung;
Noch eilt, heiß vom Tanze, zum luftigen Fenster im Vorsaal,
Wo mit kühlendem Hauch euch fächelt der feuchtende Nachtwind!
Folgt wann schneller die Purpurflut in den schwellenden Adern
Kreiset, des Jünglings Wink nicht nach zum Gang in den Mondschein!
Lasst, wann dem wallenden Busen der Odem glühend ensäuselt,
Euch nicht verleiten, den kalten Kristall der Quelle zu trinken!
Lasst euch warnen das Jammergeschick der jungen Theone!

Singe die bange Geschichte, mein Lied. Ich muss mit dem Sprössling
Dunkler Zypressen das Myrtenreis an der Leier vermählen,
Die nun tönen sollte zum Tanz. Jetzt tönet sie Wehmut,
Wehmut tönet sie jetzt an dem frühen Grabe Theonens.
Wie sich, vom Sturme gebrochen, die Lilie neigt an dem Bache,
Dann am Ufer verwelkt, so sank und verweset am Quell sie,
Wo sie den Sommer hindurch verweilte mit ihrem Geliebten.
Dieser beschloss, sich hier an der Urne der guten Najade
Aufzuheitern den Geist, zu zerstreun die Wolken des Ernstes
Auf der denkenden Stirn. Ihm war die schöne Theone,
Ihm schon bräutlich verlobt, zu der Heilungsquelle gefolget,
Zärtlich besorgt um den innig geliebten. Frisch, wie der Morgen,
Wann er über dem Hain aus goldnen Woöken hervorblickt,
Schwebte die liebliche Frühlingsbraut mit siegender Anmut
Durch die bewundernden Reihn der sammelten Gäste der Nymphe.
Doch als jetzo die Saiten verstummten, und eben ihr Medon
Sich in dem Nebengemach mit gleich empfindenden Freunden
Traulich beredete, schlich Theone mit glühender Stirne,
Taubeperlt und feucht, wie die Erstlingsblume des Frühlings,
Welche die tagende Wolke mit hellem Silber beträufte,
Also schlich sie, von keiner Gespielin begleitet, zum Garten,
Ach! ganz uneingedenk der Warnung ihres Geliebten.
Feuchtkalt wehte die Nacht, und schauernd eilte die Jungfrau
Hin zur Grottenkaskade, die silberhell in dem Mondlicht
Über das Moos in ein Becken herab mit sanftem Geräusch floss.
Schmettere lauter, o Nachtigall, im Platanen gehölze,
Flöt ein lesbisches Lied! – O Jammer! Du singest ein Grablied,
Melancholisch und ernst, denn ach! schon blinkt im Kristalle,
Schon berühret die Lippen die lebensberaubende Kühlung,
Aus dem Becken geschöpft; und der Mond in der silbernen Welle
Zitterte sanft, und sie trank – tot sank die schönste der Bräute,
Tot in den Sand, und verhauchte den Geist. Im Saale vermisst sie
Bald ihr Geliebter, und eilt mit Ahndungen aus der Versammlung.
Die du der Leidenden gern dich erbrarmst, mitleidige seele,
Noch, noch spare die Tränen. – Der ängstlich suchende Jüngling
War in den Garten gekommen, und rief die Geliebte mit Namen.
Aber verstummt war des Mundes lieblicher Wohllaut,
Einst sein Echo. Leise verhallte der zärtliche Name
Tief in den Schatten der Nacht. Ein Schauer durchströmt ihm die Glieder.
Dunklere Wolken verhüllten den Mond; elegischer weinte
Philomeles Geflöt, die Quelle murmelte klagend.
Eben erschüttern das Herz ihm neue Schauer, indem er
Kommt zu der Stätte der Trauer, und hell ihr weißes Gewand sieht
Schimmern im dämmernden Lichte der Mondnacht. Eilender naht er.
Halte den bebenden schritt zurück, Unglücklicher! Fliehe!
Fliehe, damit nicht kaltes Entsetzen dich tötend ergreife!
Aber vielleicht ist Rettung – vielleicht noch Hoffnung zum Leben –
Zweifelnd zuerst, ob seine Geliebte die weiße Gestalt sei,
Rief er noch einmal: „Theone!“ – „Theone!“, hallte die Grotte
Bänger zurück, und es folgt ein schreckliches Todesverstummen.
Zitternd darauf, und mit klopfender Angst bebet näher der Jüngling,
Sieht die Röte der Wangen entflohn, sies rieseln des Schweißes
Tropfen vom wohlbekannten Gesicht; doch glaubt er sie tot nicht,
Wähnet, entatmet liege sie nur in täuschender Ohnmacht.
Doch nun fasst er die Lilienhand der Entseelten, und fand sie
Starr und kalt und entstellt von bläulichen Flecken – Entsetzen!
Jetzt erst drang, wie ein Dolch, der finstere Todesgedanke
Durch sein Herz, und den Lippen entscholl ein beklommener Angstschrei;
Denn ihn lähmte der Schmerz. – O seht den erschütternden Anblick!
Neben der Leiche der Braut liegt, niedergeschleudert vom Schrecken,
Medon, und kann nicht weinen, um Hülfe zu rufen vermochte
Kaum der Elende noch; doch hier war Hülfe vergebens,
Ganz ohnmächtig die Kunst. – Trüb starrte das Aug‘ in die Nacht hin;
Weder die blühende Farbe des Antlitzes kehrete wieder,
Noch die Wallung des Busens, den Herzschlag leise verkündend.
Selbst dem prüfenden Erz unbeweglich ruhte der Leichnam.
Um den Verzweifenden standen verstummt die trautesten Freunde,
Tränen im Blick; kaum wagten die Lippen ein linderndes Trostwort.
Er, den Tröstungen taub, und müde, die Sonne zu schauen,
Er noch immer mit Küssen die Stirn der Geliebten bedeckend
Und den erkalteten Mund, er wünscht zu vergehn, und verging nicht,
Will nur sterben mit ihr, doch sein erbarmt sich der Tod nicht,
Mitleidlos – und nun, ihr mitempfindenden Herzen,
Ehrt sein Jammergeschick mit der Menschlichkeit heiligen Tränen!
Doch die Leier entsinket der Hand mittrauernd; ich kann nicht
Singen des Jünglings Schmerz, da zurück ihm kam die Besinnung;
Auch nicht den eigenen Gram, denn Freundin war mir Theone.
Lieblicher Stern, frühgingest du nieder, und nimmer erhebst du
Wieder dein strahlendes Haupt; dein freundlicher Schimmer erheitert
Nicht mehr deine Gespielen zum Scherz in den Hallen der Heimat.
Nicht mehr dämmert dein Licht, vom Gewölk der innigen Rührung
Oder des Mitleids sanft umzogen, die Wonne der Wehmut
Uns in die Tiefen des Herzens hinab; das Auge der Not blickt
Nicht mehr nach dir empor; du strahlst der flehenden Armut
Nicht mehr Segen und Trost herab und himmlische Milde.
Lieblicher Stern, dich verbirgt uns ewige Nacht, und wir weinen.
Gleich dem Sänger, der einst wehklagt‘ an der Urne Narcissas,
Weint‘ ein Vater dir nach, und eine verzweifelte Mutter;
Ach! und mit Orpheus Jammer verweint sein Leben ein Jüngling.
Fern von der Heimat ruht auf einem ländlichen Kirchhof
Medons Braut, und die Freundin des Harfners, der die Geschenke
Gütiger Nymphen besang, und die Regeln lehrte des Heilkelchs.
Trauerbirken umhangen den Aschenkrug mit der Aufschrift:
Reizendes Mädchen, vernimm! Hier ruht die Hülle Theonens,
Modernder Staub nun, ein beseelt von der Grazien Anmut.
Glühend vom Tanze trank sie den Tod in der Kühle der Quelle,
Ach! urplötzlichen Tod! Streu deine Blumen, und denke,
Denk‘ an das Wehegeschick der frühverblüten Theone!

 

Erläuterungen

Lächelnder Unschuld Sieg: In den Hagestolzen von Iffland.

Des Herbstes ländliche Feier: Der Herbstag von Iffland.

Das einst Nauscaa spielte: S. Homers Odyssee von Voß. Sechster Gesang.

Eine Königin hier: Die Klasse Polyandria monogyna, oder die vielmännrige mit einem Stempel oder weiblichem Geschlechtsteil. Dahin gehören zum Beispiel der Mohn, das Schöllkraut, die Linde.

Mit sultanischer Pracht: Die Klasse Monandria digynia, oder die einmännrige mit zwei Stempeln oder weiblichen Geschlechtsteilen, wie der Frühlings- und Herbstwasserstern, Callitriche verna et autumnalis L.

Hier im geheimen Gemach: Die Klasse Cryptogamia, oder der unkenntlichen Vermählungen, welche die Moose und Schwämme enthält.

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