A. Peters: Hans und Bärbel

Eine Schnitter-Idylle (1840)

Rhythmisch sausten die Sensen im Korn, mit bebänderten Hüten
Schritten die Schnitter im Zug und schwangen die mächtigen Schneiden.
Sichtbar rückten sie vor, wie ein Heer, das die Feinde zurückdrängt,
Schritt für Schritt sie bekämpft, nicht umblickt. Jubelnde Mädchen
Banden, was jene gefällt, es erhob sich Mandel auf Mandel
Strotzender Garben; vom Feld querüber schwankte ein Fuder
Unbeholfen davon. Ich schaute dem fröhlichen Fleiß zu,
Lange gefesselt. Zuletzt dann schlendert‘ ich weiter und setzte
Unter die Eiche mich, fern, am Brunnen. Da kam von den Mähern
Eilig ein Dirnchen gesprungen, behend, leicht schlüpfenden Fußes,
Einen gehenkelten Krug in der Hand, gerad‘ auf den Born zu.
Schüchtern sah sie umher, ob niemand lauschte. (Ich selbst war
Hinter die Eiche getreten.) Sie stellte den Krug auf die Steinbank,
Lehnte sich über den Born, ihr Figürchen bespiegelnd, und lachte –
Lachte noch einmal und nickte hinunter und pfiff, – doch es ging nicht.
So mit gespitztem Mündchen verharrt‘ in der Schwebe die Kleine:
Rot ihr Mieder und kurz nur das Röckchen, es strebte vergebens
Ihr mit dem blumigen Saume das nackende Füßlein zu küssen.
Aber dem Hute gelangs, mir den Nacken zu bergen, die Stirn gar,
Doch nur ein Weilchen; sie löste das Band schon und schüttelt‘ ihn von sich.
Lang hings Bärbel nun so in Gedanken, des ländlichen Bornes
Einsam glühende Knospe, in zitternder Tiefe gespiegelt.
Endlich doch bog sie sich auf, stand sinnend und griff nach dem Steinkrug,
Setzt‘ ihn wieder und sprach zu sich selbst mit vergnüglicher Schalkheit:
„Listiger Hans, und du fängst mich doch nicht! Steckst du im Born gar?
Lauschest herauf? (Sie schnitt ein Gesicht in den Brunnen:) so mach ichs,
Werd‘ ich ja rot, wenn du kommst! Und zupfst du mich doch an den Zöpfen,
Greif ich zum Kruge geschwind und bespritze dich über und über!“ –
Hastig nun zog sie das Wasser, den frischen, elastischen Gliedern
Gönnte die rasche Bewegung das mannigfaltige Spiel kaum,
Denn schon kam von den Schnittern, den durst’gen, ein Bote herüber,
Eins von den älteren Mädchen. Es sagte und nahm ihr den Krug weg:
„Bärbel, wo steckst nur so lang? Und lässt und verdursten und schaffst nichts?
Spottest beständig uns aus, doch nun wart, heut sorge für Spott nicht!
Weißt du, was Kätherle sprach? ‚Das Häschen, da sonst es so flink ist,
Muss es verliebt sein!‘ – Einer belacht‘ es, er rief: ‚Und das tüchtig!“
„Wars wohl der Hans?“ – „Nein, Hans schwieg still, doch der alte Andreas
Wetzte die Sense und sagte, und hustete immer: ‚So lauft doch
Selber und holt euch den Krug! Mags faule Magretel da drüben
Gleich nur am Kampe verbleiben, die Arbeit muss sie allein tun,
Alles da binden und stellen.‘ Da lachten die andern ihm Beifall.“ –
„Ha, das tu ich gar fix, rief Bärbel, gewiss bin ich früher
Fertig als ihr, und da komm ich und such Kornblumen, den Hut ab
Setz ich, ein Kränzel ins Haar, und tanz vor der Nas‘ euch und lache!“
Sprach es und huschte hinüber und tummelte schon mit dem Korn sich:
Lustig umflog sie das Röckchen, ich sah an verschiedenen Orten
Fast sie zugleich und man glaubte, sie tanze mit Garben den Kehraus:
Eins, zwei, drei! und gestellt war wieder die folgende Mandel.
Weit jedoch dehnte die Ecke sich hin und da alles getan war,
Sank sie erschöpft an das Korn und nickte und träumte und schlief ein.

Bärbel, du träumst? O ich rate, du träumst, wie im Kranz du sie auslachst,
Oder vom Erntezug und vom Reigen – am Ende vom Hans gar?
Ja, du träumest vom Hans, du Schalk, und du sinnst auf ein Schelmstück,
Träumst du aber auch wohl, dass Hans dein Schlummern beäugelt? –
Hans war den Schnittern entschlüpft, nach der Kleinen zu forschen, die Arbeit
Fand er getan wie gehext, und noch nicht vom Erstaunen genesen,
Sah er die liebliche Dirn‘ im Schlaf; hinschlich er und lauschte.
Keck stands Jäckchen dem Buben und dummschlau sann er auf Pfiffe,
Heute der Süßen Geständnis und Brautkuss doch zu erbeuten.
Wichtig fragt‘ er sich selbst und legt‘ an die Nase den Finger:
„Hans, wie fängst du das an? Erweck‘ ich sie, gibt es wie stets Krieg,
Kirr‘ ich sie dann, tu schön, so reicht sie ’nen Klapps mir und läuft weg!“
Denkend rieb er die Stirn, schlug öfters ergrimmt vor den Kopf sich,
Sann dann wieder bedächtig und brummte. – „Ich habs!“ rief er plötzlich,
Und wie ein Zecher vom Blitz, halb trunken vom feurigen Weine,
Aufspringt, Flaschen und Krüge im stolprichten Schwunge dahinstürzt,
Sprang vor Entzücken der Hans, sah Maulwurfshaufen und Kraut nicht,
Kam ins Gestrauchel, Gepurzel und stürmt ins Getreide des Nachbars,
Dass er die rasselnden Bunde zerwarf und im Nu auf der Nas‘ lag.
Doch wie ein Stehaufmännchen war schnell Hans wieder zu Beinen,
Schlich auf den Zehen und spähte in Angst, ob Bärbel erwacht sei.
Hans, dein Glücksstern strahlt. Süßruhend schlummerte Bärbel,
Bietend im glühenden Mund, so klein, liebreizend gespalten,
Hold unschuldig dem Hans ein Röschen, das eben sich auftut.

Hans nun fing sich im Hut ganz leis Grashüpfer in Unzahl,
Nur von den kleinsten. Er streckte damit an der Seite des Mägdleins
Sacht sich nieder und tat, sobald er die springende Heerschar
Über die Liebste gesät, als schlief er – und schnarchte sofort laut.
Bärbel regte sich schon. Sie fuhr mit der Hand nach dem Ohr hin,
Auch in die Locken, worin sich ein Paar von den Hüpfern verwickelt,
Schlug dann wieder nach einem im Halbschlaf, murmelte: „Fliege,
Geh doch!“ – Aber umsonst. Zuletzt, unaufhörlich gequält, sprang
Rasch sie empor und gewahrt den Buben. Sie stößt einen Schrei aus,
Steht schon gewendet zur Flucht, da entdeckt sie, er schläft ja, und kehrt um,
Nähert sich eilig, erblickt ihn mit pochendem Herzen, sie bebt noch,
Aber sie schaut ihm gerührt ins Antlitz und neigt sich ein wenig –
Hans schläft ruhig – sie beugt sich tiefer und senkt auf ein Knie sich,
Streichelt ihm leise die Hand, hielt ein – kniff fein in die Wang‘ ihm –
Hans schlief ruhig. – Sie lachte. – Doch Hans schlief ruhig sein Stückchen,
Nur dass er stöhnte. Da presst‘ an ihr Herz sie die Hand des Verschmitzen,
Husch! und da war es geschehn: sie küsst‘ ihm errötend den Krauskopf.
Jetzo blinzelte Hans, doch höchst vorsichtig; er hielt sich
Ängstlich still wie ein Angler, der eben der tanzenden Spule
Deutliches Zucken gewahrt. Und der Goldfisch biss und ihr Kuss flog
Über die Lippen ihm hin. Da ruckte der Fischer die Schnur an,
Schlang ihr den Arm um den Nacken und rief: „Jetzt hab ich dich, Füchslein,
Hab dich erwischt!“ Doch sie schrie: „Hans, lass mich, du Räuber, du Spitzbub!“
„Nimmer, wo nicht du gelobst, mein Weibchen zu werden – entschließ dich!
Vierzig Schafe und zwei Spann Ochsen nebst Wiesen und Äckern
Sagte der Vater mir zu, dazu noch das kleinere Wohnhaus;
Überleg es dir recht und bedenk, dass du eher nicht loskommst!“
Bärbel erwiderte kurz, doch mit merklich begütigter Stimme:
„Gleich lass los, du empfängst jetzt einen gepfefferten Ohrklapps
Wegen des Trugs!“ – Nach richt’gem Empfang stahl Hans ihr ein Mäulchen,
Wiederholte die Frage und Bärbelchen flüsterte: „Ja, Hans!“

Fernher scholl der Gesang der Schnitter, die über den Hügel,
Der schon die Sonne verbarg, heimzogen zum dampfenden Herde.
Sanft von den Tönen gewiegt schlich eben das Pärchen vorüber.
Neckisch‘ hört ich sie flüstern und Hans sprach schon von der Hochzeit,
Welches verfängliche Wort ihr so wonnigen Stich in das Herz gab,
Dass sie zur Mutter zu eilen beklommen den Bräutigam antrieb.

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