Der Getröstete (F. X. Bronner)

Der Getröstete
(Eine wahre Geschichte)

Der Frau Dorothea Zellweger
geb. Gessner gewidmet,
bei ihrer Vermählung. 1790.

 

Wie wenn zu traur’gen Zellen
Die Sonne strahlt,
Und dann, erwacht, die Biene
Zur Öffnung eilt;
Wie sie des Frühlings Wonne
Entzücket sieht;
So – seh‘ ich deinen Wonne –
Bin ich entzückt.

– S. Gessner

 

Geliebte Freundin!

.                                        Nehmen Sie
Dies Brautgedichtchen gütig auf!
Es zieht verlangend Ihnen nach,
Wie Schwalben warmer Sommerluft,
Und will sich gern dazu verstehn,
Ins Nachtland der Vergessenheit
Hinab zu gleiten, wenn es nur
Den Trost mit sich nimmt, Ihrem Mund
Ein süßes Lächeln abgelockt
Und Ihre schöne Seele sanft
Gerührt zu haben. Aber doch
Zur Warnung eins! (Denn Schrecken tut
Den jungen Frauen gar nicht wohl.)
Es spricht von einem grässlichen,
Ergrimmten Tier. Entsetzen Sie
Sich nicht zum zweitenmal vor ihm!
Und sollten Sie es etwa selbst
Im Bilde scheu’n, so lassen Sie,
Ich bitte, dies Gedichtchen nichts
Entgelten! Denn sein ganzer Stoff
Ist echter Wahrheit Gold, sein Kleid
Idyllentracht; sein Ziel Ihr Herz;
Sein Himmel Ihres Beifalls Lohn.
Nun, Gnade! Himmelspförtnerin!

 

Auf einer weiten Wanderung
In fremde Lande schmachtete
Der junge Fischer Haliät,
Voll Kummer, einst nach Hülf‘ und Trost,
Wie nach des Retters Arm ein Kind,
Das Wolkenbruch und Wogendrang
Auf einen öden Werder warf.
Da bot Palämon ihm die Hand,
Palämon, dem die Redlichkeit
Aus jeder Miene leuchtete,
Den weit und breit die ganze Trift
Der Hirtenfänger Ersten pries.
Da wachte in des Fischers Brust
Die lang‘ entschlafne Munterkeit
Von neuem auf, und strömte bald
In kleinen Fischerliedern aus.
Palämons edle Gattin hielt
Ihn wert wie einen glücklichen,
Willkommnen Gast; ihr lieber Sohn,
Ein Jüngling, der sich Biedersinn
Und edelmut zu Führern kor,
Vertauschte Herz um Herz mit ihm:
Und ihre Tochter, sanft und gut,
Und reich mit jeder Anmut Reiz
Geschmucket, wie die schönste Braut
In ihres Vaters Schäferwelt,
War dem gerührten Haliät,
Was nach dem Frost der jungen Flur
Die milde Frühlingssonne ist;
Sie lächelt frische Lebenslust
Und Wonne allen Wesen zu.
Vom süßesten Entzücken schwoll
Des dankbarn Fischers Busen oft
Im Kreise dieser Redlichen.

Doch ach! ein herbes Schicksal rief
Ihn bald, aus ihrer Mitte weg,
Zur Wildnis seines Vaterlands.
Er wohnte dort am Lycusstrom,
Von seiner Freunde Heimat fern,
In einem Binsenhüttchen, still,
Einsiedlerisch und unbemerkt.
Nur selten brachten Fremdlinge
Von seines Herzen Lieblingen
Ihm Kunde aus dem fernen Land;
Jetzt froh erwünscht, wie nachts ein Licht
Dem Irrenden im düstern Wald;
Jetzt trauervoll und schmerzlich, wie
Das Prasseln eines Hagelschlags
Dem Pflüger, oder Sturmgebraus
Dem Schiffervolk auf weiter See.
Ach! nur zu bald bereitete
Die Nachricht von Palämons Tod
Ihm nie gefühlter Schmerzen Glut
In seines Busen Innerstem!

Oft, wenn sein Herz vom süßen Drang,
Sich mitzuteilen, überfloss,
Und rings in öder Wildnis doch
Kein mitempfindend Wesen traf;
Oft, wenn geschäftig seine Hand
Aus Weiden kleine Reusen flocht,
Und wenn er einsam seinen Kahn
Auf raschen Fluten treiben ließ,
Beim Angeln und beim Netzeziehn,
Beim Hahnengruß und Eulenruf,
Schwang auf der Sehnsucht Fittichen
Sein Geist sich zu Palämons Haus
In seiner Lieben Arme hin –
Wie ein gefangnes Vögelchen
Begierig sich ins Freie schwingt,
Bis es des Fadens Fessel fühlt,
An dem ein loser Knab‘ es hält.

Jetzt hatte falbes Abendrot
Ihn ans Gestad hinausgelockt.
Er wühlte da den feuchten Grund,
Mit einer Lampe in der Hand,
Nach Regenwürmern eifrig durch,
Um Köder für die Angel sich
Zu sammeln, und die Fische schlau
Durch ausgestreute Fütterung
Zum reichen Fanf herbeizuziehn.
Sein Sinn entflog, indes er grub,
Zuz seinen fernen Freunden hin.
Jüngst hatt‘ ein trauriges gerücht
Von ihm die Ruhe weggescheucht;
Nun brach er so in Klagen aus:

„O Tochter meines edlen Freunds,
Du süßes Kind, der Unschuld Bild!
Ist’s wahr, was das Gerücht erzählt?
Ist deine Schönheit hingewelkt,
Verwüstet deiner Bildung Reiz
Durch eines Ungeheuers Zahn,
Wie eine schöne Lilie
Durch garstiger Insekten Fraß?
Man sagt, an dünnem Faden hing
Dein Leben: Ach! mich schauert drob! –
Du kamst an deiner Freundin Hand
Aus einer kühlen Laube her,
Den Abendschmuck der Flur zu sehn.
Zwei schöne Lusterscheinungen,
Die sanft gehüllt in Mondenlicht,
Sich unsrer Erde segnend nahn,
Und Trost und süße Linderung
Auf Leidende herunterstreun.
Da schoss ein gräßlich großer Hund
Mit aufgesperrtem Rachen, laut
Verderben murrend, auf dich los,
Und schlang die raue Pfote dir
Ergrimmt um deinen Lilienhals,
Den nie ein kühner Menschenarm
Durch frechen Druck entheiligte.
Noch spannte so viel Kraft und Mut
Die Sehne dir, durch Schrecken stark,
Dem fürchterlichen Ungeheu’r
Den wunden Nacken zu entziehn.
O weh! da sprang der Rasende
Mit doppelt ungestümer Wut,
Mit Augen wie des Höllengeists,
Zum zweitenmal an dir empor.
Die treue Freundin griff ihn kühn
Beim Halsband, rief und zerrt‘ und riss:
Umsonst! Des Mädchens schwache Hand
Ward von des Tieres Zug besiegt
Wie von dem Sturm ein Ährenhalm.
Es hauet geifernd sein Gebiss
In deinen runden, weichen Arm,
Und knirscht im durchgequetschten Fleisch,
Und mischt des Mörderrachens Schaum
Mit deinem unbefleckten Blut.
O Jammer, Jammer! Süßes Kind!
Du fliehst, ein Lämmchen vor dem Wolf,
Er folgt dir mit Hyänendurst,
Bis wo die Rettung deiner harrt,
Bis zu des Gartens offner Tür.
Du schlüpfest schnell hinaus, und ziehst
Entschlossen und behende sie
An dich, und drückst und klammerst fest
Mit allem Aufwand deiner Kraft
Des Ungeheuers Schnauze ein,
Dass es vor Qual die Zähne fletscht,
Und durch die enge Lücke sich
Der Schneide zu entwinden strampft.
O Glück! Nun klappt der Riegel zu:
Du siehst dich außer der Gefahr,
Erholest dich, und prüfest selbst
Der tiefen Wunden offnen Mund,
Und drückst beherzt das Blut heraus.

Erschrocken eilt dein Vater nun
Herbei, und deine Mutter und
Dein Bruder; alle stehen blass
Um dich, voll Graun, und wagens kaum
Der Wunden Gähnen anzusehn.
Von ihrem Mitleid sanft gerührt
Erzählest du, mit munterm Ton,
und angenommner Heiterkeit,
Dein Abenteuer, edles Kind!
Vergissest eigne Schmerzen gern,
Um ihrem Herzen Trost zu leihn,
Und lächelst liebreich Minderung
Des jähen Schreckens ihnen zu.
‚Gott! war das Untier etwa toll?‘
Wer zittert für den Leben nicht?
Mit Beben prüft man höchstgenau
Des Hundes Wildheit böser Art,
Und findet ihn – o Glück! – nicht toll.
Nun Mut und Preis dem, der dir Mut
Und Kräfte gab! Dein Leben lischt
Nicht aus! Geliebtes Kind, es hing
Fürwahr an dünnem Faden nur.
Ach! aber wenn der Grässliche
Mit wilder Wut dir Klau und Zahn
Auch in das holde Antlitz hieb?
Wenn deiner sanften Bildung Reiz
Nun unter schlimmen Narben welkt?
Dann ewig Jammerschad‘ um dich!
Der Jüngling geht in seiner Kraft
An dir vorüber, sucht ein Herz,
Das edel ist, und ach! errät
Aus deiner Züge Widerstreit
Der Seele hohe Schönheit nicht!
Dann, sanftes Mädchen, schmeichelt dir
Der süße Muttername nie,
Und du verblühest, wie ein Baum,
Der einsam in der Wüste traurt,
Und niemals süße Früchte trägt.“

So klagt‘ am Ufer Haliät.
Da rauscht‘ es hinter ihm durchs Gras:
Und sieh! ein Fremdling trat vor ihn.
„Willkommen mir“, sprach Haliät,
Und bot ihm freundlich seine Hand,
„Willkommen, fremder Mann! Dir steht
Mein Hüttchen offen; sei mein Gast!“
Da führt‘ er ihn an seinen Herd,
Und setzt ihm Met und Fische vor,
Und wusch ihm seine Füße rein.
Und als der Mann, gelabt und froh,
Sich auf sein Schilfbett lagerte,
Berfragt‘ er ihn, und streckte sich
Vertraulich plaudernd neben ihn:
„Nun sage mir, mein Freund! wenn nicht
Die Antwort dir beschwerlich fällt,
Woher dein Weg dich heute führt?“

„Ich komme“, sprach der Reisende,
„Aus dem Gebirg‘, und setze schon
Neun Tage meinen Wanderstab
Durch unbekannte Gegenden.
Doch naht sich meiner Reise Ziel
Noch nicht. Denn fern vom Meere wohnt
Mein Freund, den ich besuchen will.
Allein auf meinem Wege zog
Ein braver Jüngling freundlich mich
In seiner Mutter wirtlich Haus,
Und sagte: ‚Lieber Gast! Wenn dich
Dein Weg in jene Triften führt,
Wo Lycus mit dem Vindastrom
Sein rauschendes Gewässer mischt;
So grüße mir zu tausendmal
Den guten Fischer Haliät!'“

O Freund! Das war Palämons Sohn!“
Rief schnell der überraschte Wirt,
Und Freude blitzt‘ aus seinem Blick:
Wie lebt er? Wie sein Schwesterchen?
Wie seine Mutter? Sprich, mein Freund!
Ich bin der Fischer Haliät.
Hat nicht der Rachen jenes Hunds
Des süßen Mädchens Angesicht
Mit schlimmen Narben überdeckt?“

„Heil dir!“, erwiderte der Gast
Mit fröhlicher Verwunderung:
„So bin ich, wo der Vindastrom
Sich mit des Lycus Fluten mischt,
Bei dir, nach dem mein Herz sich sehnt?
Noch glaubt‘ ich mich so nahe nicht.
Ich grüße dich mit Freundeskuss,
Mit aller Bruders-Offenheit!
O hätt‘ ich dich sogleich erkannt!
Ich wär als Freudenbote dir
Schon lange doppelt lieb und wert.
Vernimm nun kurz den Inbegriff
Von dem, was dich entzücken wird!
– Palämons Tochter ist vermählt! –
Was machst du so die Augen groß?
Des Hundes Rachen hat ihr nicht
Das Antlitz, nur den Arm zerfleischt.
Noch schimmert ihrer Anmut Licht.
Was seufzest du, und lächelst halb?“
„O wenn sie nur auch glücklich ist!“

„Das ist sie, Freund! Vernimm mich ganz!
Ihr Nachbar, ein verehrter Greis,
Besuchte jüngst das Hügelland.
Dort floss im Kreise redlicher,
Bewährter Freunde ihm der Mund
Von seiner sanften Nachbarin,
Und ihrer holden Sittsamkeit
Und ihrem Witze, froh und leicht,
Und ihren tausend Tugenden
Und Reizen über. Sieh! da kam,
Von dieser schönnen Schilderung
herangelockt, und lüstern nach
Des urbilds seligem Besitz,
Nicht lange drauf ein edler Mann
– Rechtschaffen, offem klug und gut -,
Von seines Hügellandes Trift
Zum Wohnort derr Gepriesenen.
Er sah die Schöne, ward entzückt,
Und bot ihr, flehend, Herz und Hand.
Sieh, Freund! So schlang des Himmels Huld
Um dieses werte Seelenpaar
Getreuer Liebe schönstes Band.
Die Rosen der Zufriedenheit
Und jedes süßen Glückes blühn,
Im höchsten Flor, ringsum sie her,
Und düften ihnen Wonne zu.
Dies weiß ich alles aus dem Mund
Der edlen Freunde, die du kennst;
Und unser Tischgespräch beschloss
Palämons Witwe mit dem Wunsch:
„O lebte mein Geliebter noch,
Und nähme Teil an unserm Glück;
Dann wären unsre Freuden voll!“
Ein Tränchen bebte sichtbarlich
In ihren Augen, da sie sprach,
Und weckte rührend auch bei uns
Des Mitgefühles nassen Blick.“

Bewegt erwiedert‘ Haliät:
„Dein Wort ist reich an hoher Lust,
Mit süßer Wehmut untermengt,
Wie der erwünschte Hochzeitstag
Der zarten jungen Braut, wenn ihr
Geliebter, von der Mutter weg,
Sie in sein fermes Haus entführt.
O! meiner Freundin seliger,
Verklärter Gatte sieht gewiss
Aus seiner schönen Sternenwelt,
Sanftlächelnd, auf dies holde Paar
Herab, und streckt die Strahlenhand
Zum väterlichen Segen aus.
Süß wie sein zärtlichstes Gefühl,
Entzückend wie ein himmlischer
Gesang, ist deine Botschaft mir,
Dass seine Tochter glücklich ward.
Ein Freudenfest sei diese Nacht!
Die Wonne raubt mir ohnehin
Den Schlaf. Wohlan, mein lieber Freund!
Auch morgen bleibest du mein Gast;
Ein froher Rasttag stärket dich.
Hier blinkt noch süßer Met genug,
Und draußen im Behälter schwimmt
Der schönste Fisch; den schupp‘ ich ab,
Und brat‘ ihn langsam in der Glut,
Zum nächtlichen vergnügten Mahl.
Komm, Brunder! Lass uns festen, bis
Der Schlaf uns eindlich mit Gewalt
In seine weichen Arme nimmt!“

So sprach der junge Haliät,
Und hüpfte froh um seinen Herd,
Wie Fischchen in der lauen Flut,
Und trank, und aß, und sang entzückt.

Er sang, die Muschel in der Hand:

Des Himmels besten Segen dir,
Geliebtes Paar! Es lagre sich
Der Freuden mannigfaltig Heer
Vor deiner Haustür, wie ein Schwarm
Gesunder Bienen vor dem Mund
Des überfüllten Korbs im Mai!

Die Liebe web‘ aus Zaubergarn
Ein unzerreißlich starkes Netz,
Und schling‘ es, sanft und fest, um dich!
Dann, edle Freundin! glänzt dein Glück,
Undsterblich, wie der Tugend Lohn,
Und ungetrübt, wie Sonnenlicht;

Dann strömt von dir Zufriedenheit,
Erquickend, gleich dem Frühlingstau,
Auch über deine Lieben aus;
Dann blühst du, wie ein schöner Baum,
Der an der Wasserquelle prangt
Und reichlich süße Früchte trägt.°

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