Der Antispast

Johannes Minckwitz

Der Antispast ist ein seltenerer Versfuß der deutschen Sprache. Er umfasst eine kurze, zwei lange und noch eine kurze Silbe:

◡ — — ◡

Beispiele sind: Gebirgshöhen, Triumphlieder, heraufsteigen, zurückführen, der Sturm wütet, Musik jubelt.

Weil dieser Fuß aus entgegengesetzt betonten Gliedern gebildet ist, bricht er sich gleichsam in sich selbst und widerstrebt sich im Schritt; also ist er vorzugsweise geeignet, den Wechselstreit der Gefühle und die Stöße der Leidenschaften zu malen.

Man sieht sein Gegentonspiel aus den einfachen, wie zusammengesetzten Beispielen: Gewalttaten, der Mond leuchtet. Er hat also den Charakter des Gebrochenen an sich; er stürmt nicht vorwärts, seine Bewegung ist gehemmt durch Widerstreit: er dehnt sich mehr aus, indem er seine Kraft entwickelt, und wirft allen Nachdruck auf sich selbst.

Dieser Fuß scheint daher seiner Natur nach dazu bestimmt, das Ringen und Kämpfen der Seele, den Widerstreit und Widerstand zu veroffenbaren; was schmerzlich ist und Klage erweckt, ergießt sich durch diese Form wie ein Strom über Felsen.

 

August Wilhelm Schlegel

Der Antispastus ist unter allen Füßen am wenigsten musikalisch und ein wahrer Dämon der Disharmonie, zum Beispiel: die See tobte, hinaufsteigen, verantworten, Gesichtspunkte, ◡ — — ◡, und viele Hunderte; er zieht Ohr und Seele nach verschiedenen Seiten hin.

 

Johann Heinrich Voß

Mit Hebung stößt an Hebung, aus Iambus und Trochäus zusammengefügt, der unruhig anstrebende Antispast, ◡ — — ◡, Granitberge, hinanklimmen; da frohlockend Gesang hallte.

Er kommt fast nur als Genosse, selten als Anführer eigener Versarten vor. Ein Vers mit dreifachem Antispast:

Da wutvoller die Meerwoge zum Felsufer emporschlug.

Der Gegenstoß wird verstärkt, wenn vorn ein Anapäst, oder hinten ein Daktylus ist: die Granitberge, hinankletterten, der Gewalttragende.

Der Antispast darf zur Abwechslung in den choriambischen Takt gestellt werden:

Donnerten laut | brausende Nord | stürme daher.

 

Karl Philipp Moritz

Zwei kurze und in der Mitte zwei lange Silben, gerade das Umgekehrte vom Choriambus, den Antispast oder Gegenzug, ◡ — — ◡, der sich, weil er mit dem Sprung anhebt, mehr zum Jambus neigt, und die gewaltsamste und schwerste, so wie der Choriambus die natürlichste und leichteste, Silbenstellung ausgemacht. Er ist ein wahrer Gegenzug: denn der Sprung reißt uns vorwärts, indes der Fall uns wieder rückwärts zieht. Wir werden plötzlich in unserem Anlauf gehemmt, und müssen uns zu einem von dem vorhergehenden verschiednen Schritt bequemen: statt aufs neue zu steigen, wozu wir doch eigentlich den Anlauf gemacht haben, müssen wir auf einmal plötzlich sinken. Daher entsteht das Harte, Disharmonische und Zwangvolle dieses metrischen Fußes. Es ist uns weit natürlicher, vom Fall wieder aufzuspringen, als aufzuspringen, um zu fallen. Der Wiederaufsprung nach dem Fall setzt uns in die Lage, worin wir bleiben wollen; aber der Fall nach dem Aufsprunge setzt uns in eine Lage, worin wir nicht bleiben wollen. In dem Choriambus wird das Steigen durch den Fall gleichsam vorbereitet; und das ist der natürliche Gang des Verses; die elastische Feder springt nicht eher auf, als bis sie vorher niedergedrückt ist. – Das Steigen kann wohl durch das Fallen, aber nicht umgekehrt das Fallen durch das Steigen vorbereitet werden. Denn wir betrachten das Fallen wohl als Mittel zum Steigen, aber nicht das Steigen als Mittel zum Fallen. Das durch Vorschiebung der kurzen Silbe bewirkte unvorbereitete Steigen in dem Jambus hat daher schon an sich etwas Gewaltsames, welches nun in dem Antispast, wo das Steigen, statt durch den Fall vorbereitet zu werden, diesen Fall sogar nach sich hat, am allermerkbarsten wird. Der Fall oder Trochäus scheint uns da ganz unzweckmäßig zu stehen; er scheint uns nicht eigentlich zum Sprung oder Jambus zu gehören, weil er ihn weder bestimmt, veranlasst, noch vorbereitet, sondern gleichsam unnütz nachtönt. Dahingegen der Choreus in dem Choriambus den darauffolgenden Sprung oder Jambus vorbereitet, welcher sich daher auch willig an ihn heranschmiegt. Der Choriambus macht daher die größte Harmonie, so wie der Antispast die größte Disharmonie unter den metrischen Füßen aus.

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Nach dem richtigen Versmaß muss ich den Vers „So stehet ein Berg Gottes“ so lesen: ◡ — ◡ | ◡ — — ◡. Und wenn ich ihn so lese, und seine Füße nicht zu Iamben zwingen will, so ist der Vers wirklich schön, weil in seinem Schluss durch den Antispast ◡ — — ◡ etwas Malerisches liegt, das mit der Größe des Gegenstands übereinstimmt. Der schwerfällige, disharmonische Antispast ◡ — — ◡ „ein Berg Gottes“ wird durch den leichten und harmonischeren Amphibrachys ◡ — ◡ „so stehet“, der aber auch die Länge in der Mitte hat, gleichsam vorbereitet, und diese beiden Füße machen hier eine sehr treffende und malerische Zusammenstellung aus.

 

Hans-Heinrich Hellmuth

Die rhythmische Figur des Antispastes ist von einer eigentümlich obstinaten Bewegung: ein Vorwärtsstreben zunächst und Hochwölben zum ersten Tongipfel, jäh gehemmt dann durch die zweite, die Nebenhebung, und schließlich gleichsam verebbend in der rückgeneigten, unbetonten Endungssilbe. Erhebliche rhythmische Kraft liegt auch in den tiefen Zäsuren, die sich bei seiner Wiederholung ergeben und kaum überspielen lassen, so dass insgesamt Rhythmen von starker Suggestion entstehen.

 

Friedrich Gottlieb Klopstock

Der Fuß — ◡ ◡ —, Wonnegesang, ist übereinstimmend; aber wenn zwei sich folgen; so verliert sich etwas von der Übereinstimmung, als: Stürme des Nords huben die Flut. Denn in diesen beiden liegt der ◡ — — ◡, Gesichtskreise, versteckt. Dieser letzte Fuß ist im Gegenteile sehr abstechend; aber wenn sich ihrer zwei folgen, so wird das Abstechende ein wenig schwächer, als: Da Waldströme sich herwälzten. Denn in diesen beiden liegt nun der Fuß — ◡ ◡ —, Wonnegesang, versteckt.

In den angeführten Doppelfüßen wurde in dem ersten das Übereinstimmende, und in dem zweiten das Abstechende vermindert. Es gibt auch Fälle, wo das eine oder andere vermehrt wird:

Der Fuß — ◡ —, Winterluft, hat nur wenig Abstechendes. In: Wetter drohn schrecklich her wird es durch den versteckten ◡ — — ◡, Gesichtskreise, vermehrt.