Zweites Abenteuer

Als Bruder Rausch sein Amt begann,
Da hub ein neues Leben an.
Die guten Mönche staunten,
Sie sahn ihm nach und raunten,
Wenn er mit leisem Kindertritt
Geschäftig durch die Gänge glitt.
Was seine kleinen Hände brachten,
Misstrauisch nahmen sie’s und lachten.
Es war ihr alter Bohnenbrei;
Doch fremde Süße war dabei.
Im Wasser selbst welch milde Güte!
Wie angehaucht von Rebenblüte.
Und es geschah nach wenig Tagen,
Dass Hühnchen auf den Bohnen lagen,
Gefüllt mit zarten Leckerein,
Und aus dem Krug floss edler Wein.
Sie zagten erst, sie nippten dann
Und blickten schnalzend himmelan.
Und immer reicher ward ihr Mahl,
Und immer würziger der Pokal,
Den er, vor Eifer heiß und rot,
Mit freundlich schlauem Lächeln bot.
Die Tafel deckt ein feines Linnen,
Wie es nur Edelfräulein spinnen,
Und kein Gelüst blieb ungestillt.
Nun gab es Braten zahm und wild
Und eine Fülle von Gerichten,
Wie Kaiserköche sie erdichten:
Im Honig schwimmt der weiße Schwan;
Vom Zimmetbaum falzt der Fasan,
Und fürstlich prunkend stellt der Pfau
Des Schweifes bunte Pracht zur Schau.
Die armen Mönche saßen
Verzaubert still und aßen.
Sie lösten sich den Kuttenstrick
Und sprachen mit gerührtem Blick:
„Der Kleine wird uns recht zum Frommen;
Der muss von guten Eltern kommen.“

Doch stieg er höher noch in Gunst,
Wies er am Fasttag seine Kunst:
Weinsuppen in der Frühe
Und Aal in Safranbrühe,
Und mittags in der Krebse Kranz,
Da lag der fette Biberschwanz,
Forellenkrapfen, Blamenschier,
Und Feigenmus in Malvasier
Und abends Turmpasteten
Von Salmen und Lampreten:
„Ach“, riefen sie, „du selges Kind,
Du machst das Fasten sanft und lind!“

Für alles sorgt‘ er treu und klug
Und tat sich nimmermehr genug.
Das Tellerbrett, der Gläserschrank
Glitzt jeden Morgen spiegelblank.
Stets war der Estrich glatt gefegt,
Und Saal und Zelle wohl gepflegt.
Bald sah man über Flur und Treppen
Ihn rastlos Pfühl und Polster schleppen,
Des harten Lagers Druck zu mildern,
Und weiche Decken bunt von Bildern;
Die glänzten allerorten
Von Pelz und seidnen Borten:
So schön, wie nun ihr Bette war,
War in der Kirche kein Altar.

Und in der Klosterwiese Grün
Fing alles wuchernd an zu blühn.
Dichtschattig sprossten Baum und Strauch,
Umweht von süßem Blumenhauch.
Darin erscholl mit sanfter Macht
Das Lied der Vöglein Tag und Nacht.
Durch Myrthen schlich der Quell dahin,
Und golden Fischlein spielten drin.
An Bäumen bei des Baches Rand,
Da waren Tücher ausgespannt,
Worin an schwülen Nachmittagen
Die ältern Brüder schlummernd lagen,
Wenn sich die jüngern frisch und kühn
Auf Schaukeln schwangen durch das Grün.
Sie schwebten hoch im Bogen,
Dass ihre Kutten flogen.

Dort floss der Rhein in Purpurschein
Mit seinen Burgen groß und klein
Und zog den Blick von Ort zu Ort
Und zog die Herzen mit sich fort,
Wie er am goldnen Himmelsrand
Im lichten Duft der Ferne schwand.
Sie sehn die Kaufmannschiffe gleiten,
Sehn Herrn und Fraun mit Falken reiten;
Im Dorfe jauchzt der Tänzer Schwarm,
Und Pärchen wandeln Arm in Arm,
Und Kinder ziehn in Reihen,
Geputzt mit grünen Maien:
Die Mönche schauten sehnsuchtbang
In diese Welt voll Licht und Klang.

Doch wenn in blauer Dämmrung dann
Der Mond die Silberfäden spann
Und Tal und Höhe lag in Schweigen,
Da hub der Kleine an zu geigen.
Er fiedelte kristallenrein
Gar wundersame Melodein
Und sang dazu vom Reich der Zwerge,
Von Helden schlafend tief im Berge,
Vom Todeskuss der Wasserfraun,
Vom Elbentanz auf Waldesaun,
Der einst den schönen Jungen
Mit holdem Bann umschlungen,
Als er durchschritt den Rosenhag
Die Nacht vor seinem Hochzeitstag:
Da rührt ihn mit der weißen Hand
Die Königin von Elbenland
Und tanzt mit ihm am Wiesenhang
Bei leisem Sang und Flötenklang.
Er kehrte heim nach kurzen Stunden:
Da waren hundert Jahr entschwunden,
Und längst sein armes Lieb indessen
Im Gram gestorben und vergessen.
Die Weise klang so schaurig,
So süß und doch so traurig,
Wie uralt ewge Liebesklage
Um diese flüchtgen Erdentage.
Doch plötzlich taucht aus Leid und Nacht
Sein Lied in helle Tagespracht
Und kehrt ins Leben lachend jung
Mit einem kecken Freudensprung.
Er sang von Lust und Kosen,
Von Bechern und von Rosen;
Er sagte Märlein wunderhold,
Durchwirkt mit weiser Sprüche Gold;
Er wusste kluger Rätsel viel
Und manch ein neckisch Fragespiel;
Vom Riesen wusst er manchen Schwank,
Von derbem Schimpf und Heldenzank,
Von wilden Schelmenstreichen
Und Lügen ohnegleichen.
Das klang so lustig, schmuck und toll,
Dass alle des Entzückens voll
Die hellen Tränen lachten
Und kaum des Mahls gedachten.

So ging mit reichlichem Gewinn,
Mit Scherz und Ernst der Tag dahin.
Und wurd es endlich Schlafenszeit,
Stand Naschwerk schon am Bett bereit
Und Becher voll von edlem Nass,
Und Maulbeerwein und Hippokras.
Sie knusperten und tranken,
Bis sie im Bett vesanken
Und sanft in seinen weichen Tiefen
Wie Engelein in Wolken schliefen.

Bald spürten alle neugemut
Im Herzen frisches Lebensblut.
Die Labekost, der Zeitvertreib
Tat ihnen wohl an Seel‘ und Leib.
Sie gingen auf bei all dem Segen
Wie knospend Laub im Frühlingsregen.
Sie wurden merklich feister,
In Wort und Mienen dreister.
Nicht mehr gebückt, wie Mönche gehn
Und schweigend vor sich nieder sehn,
Sie schritten mit erhobnem Haupt,
Den Hut mit jungem Grün umlaubt,
In munteren Gebaren,
Neugierig wie die Staren.
Drall in die Kutten eingespannt
Als wär’s ein ritterlich Gewand,
Mit weiten Ärmeln, feingereppten,
Die sie wie Schwalbenschwänze schleppten,
In Stiefelchen von Korduan
Stolzierten sie wie ein Galan,
Das Lockenkrönlein wohl gekraust,
Mit kleinen Sperbern auf der Faust,
Am Gurt ein sammtnes Täschchen
Mit goldnen Bisamfläschchen.
So sah man brüderlich umschlungen
Die Alten scherzend mit den Jungen
Am Festtag durch die Blütenaun
Lustwandeln in der Lüfte Blaun.
Manch Bäuerlein, an dessen Herd
Sie früher bettelnd eingekehrt,
Wich aus dem Weg und grüßte sie
Verwundert mit gebeugtem Knie.
Sie nickten vornehm abgewandt
Und winkten gnädig mit der Hand.
Auch ihr Gesang im Kirchenchor
Klang nicht so fromm mehr wie zuvor:
Sie schrien an der heilgen Stätte
Mit Fink und Amsel um die Wette;
Sie sangen kühner stets und schriller
Im Jubelton und schlugen Triller.
Der stille, heilig dumpfe Sinn,
Die Kindeseinfalt war dahin.
Sie unterfingen sich zu denken,
Erfüllt von übermütgen Ränken,
Und freuten sich, mit scharfen Reden
Einander heftig zu befehden.
Nicht alle stimmten fröhlich ein;
Da gab’s geheime Seelenpein.
Insonderheit der Bruder Benz,
Der würdge Nestor des Konvents,
Der litt oft nachts in seinen Kissen
An Alpdruck und Gewissensbissen
Und spürte schon mit Ach und Wehe
Die Strafe Gottes in der Zehe.
Im rechten Feuereifer schalt
Der fromme Bruder Hunibald.
Der hatte sich zu lange Zeit
Geplagt, gegeißelt und kasteit,
Um seinen Lohn im ewgen Leben
So leichten Kaufes hinzugeben.
Doch gegen ihn sprach Winimar,
Der schönste aus der jungen Schar:
„Wie hat der Kleinmut dich verstört!
Hast nie von großen Herrn gehört,
Von Erzbischof und Kardinal,
Die schwelgten an der Freuden Mahl?
Sie sangen manch verbuhltes Karmen,
Umstrickt von weichen Weiberarmen;
Sie jagten Wild auf schlankem Renner
Und starben doch als heilge Männer.“
„Die lebten nach der Freien Recht;
Der Mönch ist seiner Regel Knecht.“
„Zu ängstlich nach der Regel schaun,
Heißt das nicht Gottes Huld misstraun,
Hoffärtig scheun den Born der Gnaden,
Zu dem wir alle sind geladen?
Nein, schau nur auf den Guardian:
Erkennst du da nicht weisen Plan?
Wie man die Unschuld zaghaft lobt,
Die kein Versucher noch erprobt,
Hat auch die Buße wenig Wert,
Die niemals ahnt, was sie entbehrt.
Leicht trägt ein hähernes Gewand,
Wer Samt und Seide nie empfand,
Nicht minder, wer vergessen,
Was Holdes er besessen.
Wer sich dem Reiz der Welt entzieht,
Der meint zu siegen, wenn er flieht.
Nur der wird ehrlich sie bezwingen,
Der sie umfasst in keclem Ringen.
Was ist der Engel höchste Freud?
Ein einzger Sünder, der bereut,
Gilt mehr in ihren selgen Reichen,
Als hundert Fromme deinesgleichen.
Bei unsrem ewgen Fastensang
Ward ihnen leicht die Weile lang:
Doch denk, wie werden sie uns ehren,
Wenn wir uns glorreich einst bekehren!“

So sprach der schöne Winimar,
Und Beifall rief der Brüder Schar.
Der Guardian schwieg und dachte lächelnd,
Mit einem Psalmenbuch sich fächelnd:
„Wie töricht war’s, mit leerem Magen
Den freien Künsten nachzujagen!
Der Teufelsjunge disputiert,
Als hätt er in Paris studiert.“
Der fromme Hunibald hinwieder
Sah schwerbetroffen vor sich nieder:
„Wird das von allen eingeräumt,
So hab ich viele Zeit versäumt.“
Er ging und suchte unverwandt,
Bis er den kleinen Kämmrer fand,
Zog ihn beiseite und begann:
„Du nimmst dich unser trefflich an,
Willst uns den Tand der Erde lehren,
Um unsern ewgen Schatz zu mehren.
Doch, im Vertrauen sei’s gesagt,
Du bist im Angriff noch verzagt,
Lockst uns wie Kindervolk mit Kuchen:
Du musst uns kräftiger verfluchen.
Den Weltling macht gemeines toll;
Doch ein Asket ist anspruchsvoll.
Drum, willst du Heilige verführen,
So gilt’s, das Feinste aufzuspüren.
Der Guardian geht noch heut auf Reisen;
Dann magst du deine Künste weisen.“
Der Kleine lacht: „Ich will’s besorgen!
Die heilge Sonnwend kommt uns morgen.
Gesellschaft bring ich jung und fein:
Ihr sollt mit mir zufrieden sein.“

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