Zehntes Abenteuer

Müd‘ dieser ganzen Menschenwelt
Kam er hinaus ins freie Feld.
Blind war die Nacht, wie Blei die Luft;
Am Boden flockt sich Nebelduft.
Da sah er unfern im Gehege
Ein feurig Ding abseits vom Wege,
Das über Schollen hüpfte
Und durch die Zäune schlüpfte,
Hintollernd auf dem Ackerpfad.
Als er ihm langsam näher trat,
Fing’s lichterloh zu brennen an:
Es war ein kleiner Feuermann,
Der einen Grenzstein keuchend trug
Und wimmernd Purzelbäume schlug.
„Mir ist, als kenn‘ ich diesen Wicht.
Das ist ein altvertraut Gesicht!“
Er sah ihm lang verwundert zu;
Dann rief er unwirsch: „Höre du,
Du magst dir diese Scherze sparen!
Zu Ernstes ist uns widerfahren.
Sprich, Mummhart, meiner Basen Kind,
Was das für Affensprünge sind?“

Das Feuermännlein stockt‘ im Lauf
Und schaute schwerbetroffen auf.
Weißglühend stand der Arme da,
Dass man ihm durch die Rippen sah.
Dann hub er kläglich an zu weinen:
„Ach, find‘ ich einen von den Meinen?
Ja, Rausch, welch Unheil ist geschehn,
Seitdem wir uns zuletzt gesehn!“
„Was fackelst du, wie Stroh entflammt?“
„Ich spuke, Freund. Das ist mein Amt.“
„Kannst du dich so heruntergeben?“
Jenun, Freund Rausch, man will doch leben!
Im Staube kriecht das alte Recht;
Verdarben lässt uns dies Geschlecht.
Das Wasser ging mir an die Kehle:
Da ward ich eine arme Seele.
Es ist das wohl ein saures Brot;
Doch nährt es seinen Mann zur Not.
Ich bin kein Herr von Stande;
Doch kennt man mich im Lande.
Kehrt spät der Schulz vom Kirmesschmaus
Und flucht im Finstern sich nach Haus,
Schwer von des Metes Honigseim,
Ich leucht ihm für ein Trinkgeld heim.
Die Bauern tun mir alle Ehr‘,
Und meine Qual erbaut sie sehr.“

Rausch blickt auf den Genossen;
Auch seine Tränen flossen:
„Weh mir, soll dies das Ende sein,
So weiß ich nimmer aus noch ein!“
Und kleinlaut hub er an zu sagen,
Was er dem Guardian ausgeschlagen.
„Wie?“ eifert Mummhart, „bist du toll?
Dies Angebot ist ehrenvoll.
Das ist doch traun ein schönrer Posten,
Als wie ein Weihnachtsblock zu glosten!“
Er nahm den Vetter bei der Hand,
Der wie verdonnert vor ihm stand:
„Was ziemt uns Kleinen dies Gewimmer?
Ging’s doch den großen Herrn noch schlimmer.
Wie Opferrauch im Wind verweht,
Schwand ihnen Macht und Majestät,
Willst du’s erproben, komm mit mir!
Die alten Götter zeig‘ ich dir.
Am Kreuzweg im verfemten Grunde,
Da ziehn sie heim von nächtger Runde.“

Er führt ihn durch die Halde
Und lauscht hinauf zum Walde:
„Hier harre still! Sie nahen schon.
Hörst du der Eule Jammerton?
Spürst du, wie alles, was da lebt,
In dumpfen Ängsten bangt und bebt?
Das Waldweib stöhnt im Hagedorn;
Windfratzen laufen durch das Korn.
Die Wolkenwölfe ziehn in Rotten
Mit ihren grauen Wolkenzotten.
Der ganze Wald erknarrt und kracht;
Sieh hin, da kommt’s! Es flammt die Nacht!“
Und durch die Lüfte braust im Flug
Ein greulicher Gespensterzug,
Ein Galgenvolk, zu Haufen
Dem Rabenstein entlaufen:
Gehenkte Diebe mit dem Strick
Um das gebrochene Genick,
Geköpfte, ein gedrängter Schwarm,
Zu Ross, ihr glotzend Haupt im Arm,
Geräderte, durchs Rad geschlungen,
Zerschellt, mit ausgereckten Zungen,
Schnapphähne mit zerschlitzen Lippen,
Den Pfahl des Schinders in den Rippen,
Ein Mordgesindel ohne Zahl,
In Leichenstarre, fahl und kahl,
Von Krähen jämmerlich zerhackt,
In blutgen Fetzen schmählich nackt,
Verwest, verwittert und verzaust,
Mit Nattern in der Knochenfaust.
Und Weiber kommen mitgefahren,
In wüstem buhlendem Gebaren,
Sturmhexen, die auf Besen sitzen,
Mit dürrem Leib und schlaffen Zitzen.
So jagt mit rasendem Geschrei
Das wilde Totenheer vorbei.

„Sieh“, raunte Mummhart, „dieses war
Dereinst Walhallas Heldenschar.
Und denkst du noch der Wolkenfraun?
Wie war es herrlich anzuschaun,
Wenn sie, den Helm im Goldgelock,
Mit Speer und Schild und Waffenrock,
In siegreich königlichen Sitten
Zum Walfeld durch die Lüfte ritten!
Erkennst du sie, den Stolz der Lieder,
In diesem Hexentrosse wieder?
Und kennst du den vergrämten Mann,
Der dort im Fuchshut trabt voran?
Der Alte auf dem magren Schimmel,
Dereinst der höchste Herr im Himmel,
Durchirrt er nun, entthront, verdammt,
Sein treulos Volk. Was ihn umflammt,
Das ist der Hölle Feuerschein:
Beim Satan zieht er aus und ein.
Er, den vor Ehrfurch ganz verzagt
Wir einst kaum anzuschaun gewagt,
Der Gott der Helden und der Dichter,
Der führt nun dieses Schandgelichter!“

Es war in erster Morgenhelle,
Der Guardian las in seiner Zelle,
Als plötzlich vor ihm an der Wand
Ein kleiner roter Teufel stand.
„Ha, Bruder Rausch! Kommst du erst heut?
Ich hab‘ mich lang auf dich gefreut.
Der Menschen Sinnen und Gebaren
Hast du wohl gründlich nun erfahren.
Ich seh‘, die Reise tat dir gut.“
„Ja“, schmollte Rausch, „wenn dieser Brut
Ihr Gott zum Teufel sich verkehrt,
Sie sind fürwahr nichts bessres wert!“

Ein schlecht verhaltner Freudenton
Durchlief das Kloster: „Wisst ihr’s schon?
Der Bruder Rausch ist heimgekehrt!
Wir haben lang doch sein entbehrt.
Und denkt, das ehrt den ganzen Orden:
Er ist der Unsern einer worden.“

In Anmut, ohne Wortgefecht
Fügt sich nun alles regelrecht.
Wenn ihn der Exorzist besprach,
Gab Rausch als der gescheitre nach.
Er wich dem Wedel achtungsvoll,
Wie das ein frommer Teufel soll.
Auch seines Amts vergaß er nicht:
Er übte des Versuchers Pflicht
Und goss auf ihr verarmtes Haus
Der Erde Herrlichkeiten aus.
Die ließen duldsam ihn gewähren,
Doch nicht aus weltlichem Begehren,
Nein, um zum Spott den Pfuhl der Sünden
In seiner Seichtheit zu ergründen.
Wie bald im Überdruss erschlafft
Des Bösen Trieb, des Bösen Kraft!
Dann fromm empört ergriffen sie
Die Waffen heiliger Magie.
Man schwang in sittlicher Eksatse
Das Räucherfaß ihm vor der Nase.
Er ward beschworen und gebannt,
Bis er in seinem Berg verschwand.

Sie aber fasten wieder
Und geißeln ihre Glieder,
Bis, von der Buße Kraft durchwärmt,
Ihr Mut nach frischem Streite schwärmt.
Dann kommt auch, eh der Mond verstrichen,
Rausch wieder sacht hervorgeschlichen,
Dass er sein altes Spiel erneue
Und durch Versuchung sie erfreue.
So führt die Weltlust ewgen Krieg:
Den satten Guten bleibt der Sieg.
Stets, wenn er’s just vollendet meint,
Zerstört sein Werk der böse Feind
Und treibt, das ist sein teuflisch Los,
Das Laster in der Tugend Schoß.

Da flog von Mund zu Munde
Die wunderbare Kunde,
Wie sie des Teufels Handen
So sieghaft widerstanden.
Bald war ihr Ruhm der Stolz der Zeit,
Des Volkes Glück, der Klöster Neid.
Sie wurden groß an Land und Macht;
Ihr Münster strahlt in Glanz und Pracht.
Wallfahrer ziehn in hellen Haufen,
Um ihr Gebet sich zu erkaufen
Und um sich wie an Himmelswonnen
An ihrer Heiligkeit zu sonnen.
Besonders fassten fromme Fraun
Zu ihnen zärtliches Vertraun;
Denn vor der Welt und ihren Garnen
Weiß nur der Kundige zu warnen.
Die Fürsten und die edlen Herrn
Verweilten dort als Gäste gern
Und ließen gegen reiche Gaben
In ihrer Kutte sich begraben.

Von diesem neuen Glanz und Heil
Erhielt auch Rausch sein gutes Teil.
Sein Ruf begann sich auszubreiten
Wie kaum in seinen schönsten Zeiten.
Wie wichtig ward sein Tun und Lassen!
Die Blinden sangen’s auf den Gassen.
Man hört’s mit Wohlgefallen
In Hütten und in Hallen.
Sein Name, der so lang vergessen,
Man rief ihn aus auf Markt und Messen.
Da stand sein lustger Lebenslauf
Im schmucken Reimgedicht zu Kauf;
Das fehlt in keiner Bücherei.
Man malt und schnitzt sein Konterfei
Am Schenkenschild, am Schifferkiel.
Er ward agiert im Fastnachtspiel,
Und jedes Auge lachte,
Wo seiner man gedachte.

Wollt‘ einer spötteln über ihn,
Sein Dasein gar in Zweifel ziehn,
Gleich schrie entsetzt ein jeder Christ:
„Hört, was der Lästrer sich vermisst!
Des Geistes Licht, den frommen Glauben
Will er dem armen Volke rauben!“
Vors heilge Tribunal zitiert,
ward er zu Boden disputiert
Und saß im Turme brunnentief,
Bis er den Irrtum widerrief.

So vielbeliebt und allbestaunt,
Ward Rausch begütigt, bestgelaunt
Und sprach: „Der Weise gehe nicht
Zu streng mit Menschen ins Gericht!
Wenn sie erst wenig uns behagen,
Wer tiefer blickt, lernt sie ertragen.
Ich nahm die Sache viel zu krumm:
Sie scheinen schlecht und sind nur dumm!“

Doch in des Berges tiefstem Schacht,
Da riefen sich in stummer Nacht,
Die noch von den zersprengten Scharen
Des stillen Volkes übrig waren
Und sich ins Felsgeklüft der Schroffen,
Ins hohle Tropfgestein verschlossen.
Begierig lauschten sie den Mären
Von ihres Bruders neuen Ehren.
Sie kamen schüchtern allgemach
Und folgten seinen Spuren nach
Und lebten friedlich da und dort
Vermummt im Teufelskleide fort.

Doch wenn in erster Maiennacht
Der alte Heidendrang erwacht,
In Lüften sich die Geister scharen,
Die Hexen nach dem Brocken fahren,
Dann ziehn auch sie zum alten Bund
Auf tiefgeheimen Waldesgrund.
Der fromme Pilger hört mit Grausen
Die zottigen Drachenflügel sausen.
Bald wimmelt an der Lichtung Saum
Von kleinen Teufeln Busch und Baum,
Die auf den Zweigen kauern
Und nach dem Monde lauern.
Und steigt aus Nacht und Nebelflor
Der Feen Sonne still empor,
Dann fällt der raue Mummenschanz;
Die Wiese wogt vom Elbentanz.
Kommt ein verirrtes Sonntagskind,
Ein Spielmann, der auf Lieder sinnt,
Der wird in Huld und Gnaden
Zu ihrem Fest geladen.
Sie schenken ihm das Laub vom Hag:
Das wird zu Gold am goldnen Tag.
Sie aber jubeln hold gepaart;
Wie sind die Bräutlein schlank und zart!
Und schweben zierlich sie den Reigen,
Kaum dass sich da die Gräser neigen;
Der Tropfen Tau im Silberlicht
Erzittert, doch zerfließt er nicht.
Und haben alle sich begrüßt,
Und ist die alte Lust gebüßt,
Dann noch vor Tage ziehn sie gern
Nach Haus zu ihren neuen Herrn.
Sie sind zufrieden mit dem Tausch
Und weltversöhnt wie Bruder Rausch.

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