Siebtes Abenteuer

Er schlich sich vor zum Waldesrand.
Da saß ein Pärlein Hand in Hand
Allein in grüner Einsamkeit
Und klagte Gott sein Liebesleid.
Es war die blonde Hadulind,
Des reichen Bauern einzig Kind;
Dort lag in weiter Fluren Kranz
Sein stolz Gehöft im Abendglanz.
Sie liebte trotz der Eltern Drohn
Des armen Nachbars schmucken Sohn;
Doch morgen wird sie ungefragt
Verhasstem Werber zugesagt.

„Weh“, ruft der Bursch, „wir sind betrogen!
Wie hat der Stelzfuß doch gelogen,
Der uns im Glas den Alraun wies
Und unverhofftes Glück verhieß!
Gibst du dich hin dem ekeln Wicht,
Ich trag es nicht, ich duld‘ es nicht.
Ich würg‘ ihn hier mit dieser Faust
Und mach‘ ein End‘, davor mir graust.“
Das Mägdlein weinte bitterlich:
„Wie soll ich leben ohne dich?“
Sie sah mit ernsten Augen auf:
„Und haben wir nicht freien Lauf?
Was hindert uns, zu fliehen,
So weit die Schwalben ziehen?
Dir ist die alte Märe kund,
Wie Walther floh mit Hildegund:
So gürte dich vor Mitternacht
Und komm gerüstet wie zur Schlacht!
Den Wurfspieß nimm zum Wanderstab
Und harre mein am Hünengrab!
Mein Bündel, das ist bald bereit:
Nichts nehm‘ ich als mein Hochzeitskleid.
Diebsfinger zünd ich heimlich an;
Das ist der stärkste Schlummerbann.
So hört kein Störer meinen Tritt.
Ich bring‘ den Hecketaler mit!
Der hilft uns bis ans End‘ der Welt,
Und mag’s dann gehn, wie’s Gott gefällt!

„Glück auf den Weg!“ so rief im Grimme
Mit einmal eine raue Stimme,
Und zornerglühend stand vor ihnen
Der Bauer mit verzerrten Mienen:
„Der Donner soll verdammen
Die Ahneln und die Ammen,
Die, statt der Dirne vorzubeten,
Durch Märlein ihr den Kopf verdrehten!“
Er hielt mit seiner Eisenhand
Der Tochter runden Arm umspannt:
„Wir werden dich verwahren,
Bis wir zu Neste fahren.
Bist erst bei deinem Mann geborgen,
Der mag dann für das weitre sorgen.
Er weiß, wie man das Füllen zähmt,
Dass es zum Zaume sich bequemt.
Doch rat‘ ich diesem Laffen hier,
Jagd er mir wieder im Revier,
So meid‘ er mich und meine Mannen:
Mit Hunden hetz‘ ich ihn von dannen.“

Sie sprach: „Hier geht Gewalt vor Recht.
Was hast du gegen Heribrecht?
Er ist, wenn nicht an Gütern reich,
Doch dir und jedem Herren gleich:
Ein freier Mann auf freiem Grund.“
„Ja“, rief der Bursch mit stolzem Mund,
„Und hätt‘ ich nichts als diesen Arm,
Ich will sie betten weich und warm.
Kein bessrer pflügt und schwingt die Garben:
An meinem Herd soll niemand darben!“
Da lacht der Alte spöttisch froh
Mit Lauerblicken: „Prahlst du so?
Vergönnst du dir, dich selbst zu loben,
Vergönn auch mir, dich zu erproben!“
Am Abhang dehnt sich sonnverbrannt
Ein weites wüstes Heideland.
„Da drüben dieses Distelfeld,
Schon lange schaut‘ ich’s gern bestellt.
Nun zeig, was so ein Held vermag!
Find ich’s geackert bis zum Tag,
Dann, aber merke wohl, nur dann“ –
Drei Finger streckt er himmelan –
„Ich schwör es bei des Herren Leib!
Nur dann wird Hadulind dein Weib.“
Er höhnt: „Du weißt, ich halte Wort!“
Und zieht das Mädchen mit sich fort.

Im letzten Abendgrauen stand
Der Bursch, bis ihm ihr Bild entschwand.
Der eben noch so kühn gesprochen,
Wie jählings war sein Trotz gebrochen!
Er senkt das Haupt: „Es ist vorbei!“
Dann fährt er auf mit wildem Schrei,
Flicht eilig einen Strick von Bast
Und läuft damit zum nächsten Ast.
Doch sieh – ein roter Heinzelmann
Saß rittlings drauf und lacht ihn an:
„Was soll’s, du Narr? Die Stunden rinnen.
Ans Werk, das Liebchen zu gewinnen!“
Des Burschen Hand entfiel der Strick;
Doch vor des Männleins gütgem Blick
Schwand ihm vom Herzen Schreck und Bangen.
„Ach“, sprach er mit betränten Wangen,
„Hätt ich ein Dutzend Hände,
Ich bring‘ es nicht zu Ende!“
„Sag‘, willst du mich nach Brauch der Alten
In deinem Freihof ehrlich halten?
So möcht‘ ich mich erdreisten,
Für dich das Werk zu leisten.“
„Ach, liebes Wichtel, rate mir!
Was du begehrst, gelob‘ ich dir!“

Schon bricht die bleiche Nacht herein;
Der Osten ahnt des Mondes Schein.
„Wohlan“, sprach Rausch und schwang die Hand,
„Schlafzauber sing‘ ich übers Land.
Denn Elbenwerk sieht einer nur,
Der weidet durch des Himmels Flur,
Der Nachthirt mit den Wolkenschafen.
Kein Leben lauscht. Die Lüfte schlafen.“
Des Jungen stürmend Herz umspinnt
Ein Traumgewebe dicht und lind,
Und eingelullt vom Zauberton
Liegt er im Moos und schlummert schon.

Doch als gemach der sanfte Bann
Im kühlen Morgenhauch zerrann,
Da weckt ihn kräftger Erdgeruch:
So dampf ein frischer Ackerbruch.
Und wirklich, sieh, den ganzen Hang
Ziehn schwarze Furchen sich entlang,
Gewölbte Beete hoch und breit,
Die glatten Schollen gleich gereiht:
Das Unerhörte war vollbracht,
Das Feld gepflügt in einer Nacht.

Die Nachbarn hörten, was geschehn,
Und alles lief, das Werk zu sehn.
Von ringsher wie zum Bittgang wallten
Die Meier mit den Ehehalten.
Man schaut und staunt, man lacht und zecht:
Dem reichen Pocher ward sein Recht!
Und jeder lobt den schmucken Jungen;
Der ward umjubelt und umschlungen.
Die Burschen trugen frohgesellt
Ihn auf den Schultern um das Feld.
„Da seht ihr’s“, riefen Weib und Mann,
„Dass treue Liebe Wunder kann!“

Der Bauer sah sein Spiel verloren:
Zu hoch und heilig war’s geschworen.
Da schritt mit Bänderstab und Strauß
Der Brautknecht stolz von Haus zu Haus.
Es ritten auf gestrählten Rossen
Zum Ehrentag die Gaugenossen.
Gefolgt von schwertbewehrter Schar
Traf sich im Hof das junge Paar.
Er trat einher in lichtem Prangen;
Sie schlich, vom Schleier überhangen.
Er scharlachrot, sie blütenweiß,
So stehn sie in der Sippe Kreis.
Da sprach ein Bauer wettergrau,
Es war der ältste Mann im Gau:
„Ich hör‘, hier soll ein Bräutchen sein.
Sprich, kecker Bursch, willst du sie frein?“
„Ja, Vater Ilsung, gebt sie mir!“
Nun wandte sich der Greis zu ihr:
„Ich seh hier einen frischen Knaben.
Sag, willst du ihn zum Manne haben?“
Sie stand ein Weilchen züchtig stumm;
Dann sprach sie: „Ja, ich bitt‘ Euch drum!“
Er fragte, wie’s der Brauch befahl,
Zum zweiten und zum dritten Mal.
Dann gab er sie in seine Hand:
„Gefestet ist dies Eheband;
Bezeug es dein und ihr Geschlecht.
Nimm sie nach freier Franken Recht!“
Er hielt im Arm sein junges Glück
Und schlug das Schleiertuch zurück.
Wie scheu und schalkhaft glühn den Mann
Zwei blaue Kinderaugen an!
Er küsste sie zum Gattengruß
Und trat ihr leise auf den Fuß.

Da löste sich der Ring mit Schalle,
Und zum Gelage drängten alle.
Das Brautmus schleppt der Koch herbei,
Begrüßt mit hellem Lustgeschrei.
Vor jeder Schüssel tief und schwer
Ziehn muntre Schwegelpfeifer her.
Aus Tonnen kommt der Met geflossen,
Wie eine Sündflut ausgegossen.
Da ward auf gute Nachbarschaft
Mit ungefüger Reckenkraft
Geschlungen und gesogen,
Dass sich die Bänke bogen.
Dann ging es paarweis Hand in Hand
Zur Linde, wo der Maibaum stand.
Man zog im Schritt der Lieder
Den Anger auf und nieder;
Man schlug in Himmelshelle
Die bunten Sommerbälle.
Die Dirnen schürzten sich zum Tanz,
Und freudenrot im frischen Kranz
Begannen sie den Reihen
Zu Fiedeln und Schalmeien.
Der stolze Spielmann Hurlebaus
Sprang mit dem Dudelsack voraus.
Ein Faß erklettert Stürzenkrug,
Der meisterlich die Trommel schlug.
Manch Dorfkind wird von wilden Jungen
Gleich Puppen durch die Luft geschwungen.
Da schimmern Knie blank und prall;
Dazu Gegrill und Jubelhall.
Manch Pärlein in den Graben rollt,
Und alles singt und springt und tollt.
Doch oben aus dem Taubenhaus
Steckt Bruder Rausch den Kopf heraus.
Er freut sich des Gewühls und lacht
Und spricht: „Das hab‘ ich gut gemacht.“

Mit Liebesglück und Sonnenschein
Zog er im jungen Haushalt ein
Und schwamm in Vollbehagen
Wie zu der Vorzeit Tagen.
Wo er in Hof und Feld erschien,
Wie ehrenvoll begrüßt man ihn!
Im Keller, hinterm Fass versteckt,
War ihm ein Bettlein aufgedeckt,
Und wenn er nachts zum Herde kam,
Fand er ein Näpfchen frischen Rahm.
Sein Liebstes war die Dämmerzeit,
Wenn alles ruhte weit und breit
Beim Demantschein der Himmelskerzen;
Da vor dem Haus mit Sang und Scherzen
Saß Heribert bei Hadulind
Und seinem jungen Hofgesind.
Ein Ahorn an der Scheune Tor
Streckt einen langen Arm hervor;
Dort saß vergnügt der kleine Gast
Und schwang den Leib, dass sich der Ast
Wie eine Gerte schwankend bog,
Drauf lachend er die Luft durchflog.

So ging’s mit Rausch im ersten Mond;
Im zweiten ward man ihn gewohnt.
Im dritten scherzt man über ihn
Und spürt Gelüst, ihn aufzuziehn.
Das Männchen würdevoll und zierlich,
Sein Eifer war doch zu possierlich.
Sie raunten dies, sie raunten das:
„Es wäre traun ein Heidenspaß,
Wenn unter ihm der Ast zerkrachte!“
So meinte Heribert und lachte.
Der Knecht, wie so der Meister sprach,
Sah pfiffig drein: „Da helf‘ ich nach!“
Und schmunzeld ob dem feinen Witz
Durchsägt er ihm den Lieblingssitz.
Die Nachbarn alle in der Runde,
Sie kehrten ein zur Feierstunde;
Die Türbank fasst die Gäste kaum.
Bald saß auch Rausch im Ahornbaum.
Doch wie er trieb sein Schaukelspiel,
Da brach der Ast. Der Kleine fiel,
Wie reifes Obst vom Baume schnellt.
Die Beinchen himmelwärts geprellt,
Lag er im Gras und ward zu Schanden,
Indem sie lachend ihn umstanden.
„Wie hart, Frau Erde, bist du doch!
O Menschenundank härter noch!
Fluch dem, der einen Bauern rettet!
Ihm werde so wie mir gebettet!“
Er stöhnte laut in bittern Wehn
Und schied auf Nimmerwiedersehn.

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