Fünftes Abenteuer

Ihm folgte Rausch mit schnellen Schritten:
„Dein Glatzenvolk hat schlechte Sitten!
Sie haben bübisch mich entehrt,
Weil ich getan, was sie begehrt.“
Der Guardian saß und blickt‘ ihn an,
Bis er mit ernstem Ton begann:
„Gedenk, es war mein erstes Wort,
Du seist hier nicht an deinem Ort.
Du bist erkannt, es ist vorbei:
Ich lass dich aller Dienste frei.“
Der Kleine schaut erschrocken
Aus seinen goldnen Locken:
„Sie haben mich gescholten;
Das hab ich treu vergolten.
So bin ich quitt mit deinen Mannen.
Und darum willst du mich verbannen?“
„Ich nicht, ich mag dich gerne leiden.
Ich trank vom frischen Quell der Heiden,
Kann frei auf eignen Füßen stehn
Und ohne Glaubenskrücken gehn.
Doch meinem Volk bist du ein Grausen:
Ihr könnt nicht mehr zusammen hausen.“

Der Kleine klagt: „So werd ich gehn,
Den lieben Herrn nicht wiedersehn?“
„So lang und oft, wie du begehrst,
Wenn du kein heidnisch Wesen wärst.
Nimm treuen Freundesrat von mir:
Wohin du fliehen magst von hier,
Und wanderst du nach allen Winden,
Wirst nirgends eine Heimat finden.
Der Kirche Sieg ist längst entschieden;
So füg auch du dich: mache Frieden!
Versteh mich recht! Sie wahrt den Schein:
Dein Stand und Kleid soll christlich sein.
Hast du die Herrin anerkannt,
So schirmt sie dich mit starker Hand.
Im Kreise christlicher Dämonen
Wirst du bequem und sicher wohnen.
Mit Heiden soll kein Christ verkehren;
Den Teufel darf er nicht entbehren.“
Da schreit der Kleine: „Wehe,
Wenn ich dich recht verstehe!
Ein Teufel soll ich werden?“
Fragt er mit Zorngebärden.
„Ein andres wird dir kaum gelingen:
Zum Engel wirst du’s schwerlich bringen.
Die sind so spröd altjungfernhaft:
Du blühst in deiner Sünden Saft.“

Da warf der Elb das Haupt empor
Und trat mit heftgem Tritte vor:
„Pfui, wisst Ihr nicht, mit wem Ihr sprecht?
Ich bin von göttlichem Geschlecht!“
So ruft er, und sein Auge rollt.
„Bist du so stolz?“ sprach Irminold,
„Nur eine Frage gib mir frei:
Erzähle mir, warst du dabei,
Als aus der Elemente Krieg
Die erste Sonne jauchzend stieg.
Des Lebens Sinn und tiefsten Grund,
Des Weltalls Wesen tu mir kund!
Erhebe mich in Göttersphäre,
Damit ich dich als Gott verehre!“

Lang schwieg gebeugt der kleine Mann
Und trutzt ihn halben Blickes an:
„Ein grausam Wort! Was tat ich dir?
Wie unhold sprichst du doch zu mir!
Als ich der Nacht entstanden,
War alles schon vorhanden.
Du magst der Urwelt Riesen fragen:
Sie reden auch nach Hörensagen.
Aus Ewigkeiten rauscht es her,
Ein grundlos uferloses Meer.
Nimm alle Götter zu Geleitern:
In Nacht und Wahnsinn wirst du scheitern.
Oft erbt sich halbvergessner Sang
Von Mund zu Mund, wer sagt wie lang?
Ein Rätsellied, das man noch singt,
Weil es so schön zur Harfe klingt.
Doch niemand weiß, wer’s einst ersann,
Und niemand lebt, der’s lösen kann:
So ist die Welt. Wie mancher Laut
Tönt deinem Herzen so vertraut!
Meinst ihre Worte zu verstehn,
Bis jäh die Sinne dir vergehn.
Die dich mit Sehnsucht überquillt
Und lässt sie ewig ungestlillt;
Bald kühn wie junges Werben,
Bald trostlos bis zum Sterben.
Es ist ein wundersam Gedicht:
Doch seine Deutung findst du nicht.“

„Ja,“ rief bewegt der Guardian,
„All unsre Weisheit ist ein Wahn!
Die Dinge zu benennen,
Das heißen wir Erkennen.
Wer fasst das grenzenlose All?
Das ist für uns ein Wort und Schall:
Was leben will, das schränkt sich ein;
Unendlich sein heißt gar nicht sein.
Ein Wesen ohne Schranken
Zersprengt uns die Gedanken.
Drum nimmt man, was die Stunde beut:
Der Schöpfungstag ist ewig heut.
Das Höchste, was der Geist erfuhr,
Lehrt ihn Verzicht. Wir können nur
Das Unvergängliche verehren
Und nach Vergänglichem begehren.
Gleich Völkerzügen, die sich drängen,
In Kampf und Wanderfahrt sich mengen,
So durch des Himmels Öde ziehn
Der Götter reisge Dynastien
Und streiten sich um Raum und Rang
Vom Aufgang bis zum Niedergang.
Doch wie der Strom vorübertreibt,
Sie gehn – das Weltgeheimnis bleibt.
Und bist du selbst ein Kind der Zeit,
Gleich uns ein Spiel von Luft und Leid,
So lass dir mit uns allen
Den Wechsel auch gefallen!
Wie alles, was zum Licht erwacht,
Trägst du das Muttermal der Nacht.
Wer gar der Menschen Gunst begehrt,
Was ist dem Dauerndes gewährt?
Doch darfst in unsern Tagen
Du wahrlich nicht verzagen:
Du bist Gebild nach ihrem Bilde,
Und gegen solche sind sie milde.
Ja, wenn es ernst wär mit dem Einen,
Dem Gleichnislosen, Heiligreinen,
Der uns zu selgen Höhen lenkt,
Mit Schönheit, Geist und Liebe tränkt!
Wie, wenn des Tages Auge strahlt,
Die Farben, die der Morgen malt,
In ihrem bunten Spiel erblinden,
So müsstet ihr ins Blaue schwinden.
Doch ihn mag wohl der Seher ahnen,
Der einsam wandelt hohe Bahnen:
Das Volk, das in der Erde gräbt,
Am derben Trug der Sinne klebt,
Die Schuldbeladnen, Mühsalreichen,
Sie wollen Götter ihresgleichen.
Der Weltkraft innerliches Walten
Muss menschlich greifbar sich gestalten.
Den Trieb verbannt kein Predigtwort,
Kein Taufgruß aus dem Herzen fort.
Die Kirche kommt ihm sanft entgegen
Und nützt ihn weise, sich zum Segen.
Glaub‘ mir! Hast du dich eingewöhnt,
Auch du wirst bald mit ihr versöhnt.“

„Ihr sagt von Göttern schöne Sachen,
Und mich wollt Ihr zum Teufel machen!“
„Ei, ob man Gott euch oder Geist,
Ob Engel oder Teufel heißt,
Was tut’s, wenn man nur an euch glaubt!
Viel besser Horn und Satyrhaupt,
Als dass ihr unbeachtet
Ins Nichts hinüberschmachtet.
Und wenn euch Lieb und Ehrfurcht lügen,
So lasst euch mit der Furcht genügen!“

„Zum Teufel, Herr, bin ich zu gut!
Er ist der Knecht der Glaubenswut,
Der Bestie mit dem Heilgenschein,
Die schwelgt an ewger Höllenpein!“
„Freund, wolltest du dich nur bequemen,
Die Sache nicht so schwer zu nehmen!
Bedenke, wer lebt ohne Tadel?
Viel Schwächen deckt kein hoher Adel.
Ob Götter, ob Titanen,
Das kommt von gleichen Ahnen,
Heißt heute Freund und morgen Feind:
Man muss nur wissen, wie’s gemeint.
So schlimm sie aufeinander wettern,
Sie sind im Grund die nächsten Vettern.
Nein, schilt mir nicht die Herrn der Nacht!
Groß ist ihr Heer und ihre Macht.
Was oft der lieben Gotteshuld
Mit ihrer himmlischen Geduld
In Jahren nicht gelingen mag,
Vollbringen sie an einem Tag.
Sieh unser gläubges Herdentier,
Schwach von Vernunft und stark von Gier
Und stets verlockt, abseits zu weiden
Auf dieses Lebens grünen Heiden!
Wie sammelten wir armen Hirten
All die Zerstreuten und Verirrten,
Wär nicht der schwarze Zottelhund,
Der grimme Wächter, mit im Bund.
Schweift uns ein Wildling überzwerch,
Er scheucht ihn in der Kirche Pferch.
Von Teufelsangst und ihrer Buße
Lebt unsre ganze heilge Muße.
Doch er, so sündig vielgewandt,
Ist uns auch sonst noch gern zur Hand.
Denn er ist, ganz wie du, gesellig,
Macht als Verführer sich gefällig,
Erhöht die Ehre, wenn wir siegen,
Entschuldigt uns, wenn wir erliegen.
Denn wo wir straucheln in der Welt,
Da hat er uns ein Bein gestellt.
Wenn wir in Evas Apfel bissen,
Ihm schiebt man alles ins Gewissen.
Drum sieh, wo unsereins gedeiht,
Da ist der Teufel auch nicht weit.
Wir haben uns in allen Landen
Von jeher wunderbar verstanden.“

„Ja, wär er nur nicht so vertrackt,
So ungetümlich abgeschmackt!
Er ist zu gräulich für das Lachen,
Zu lächerlich, um graun zu machen.“
„Ach so, du kennst nur jene Fratze
Mit Huf und Schweif und Krallentatze.
Nein, Freund, so will der Bauer ihn;
Denn der liebt kräftge Medizin.
Uns tut ein ketzerischer Zug,
Der Blick des Spötters schon genug.
Ein schalkhaft Hörnerpärchen keimt;
Lacht wie ein Kuppler abgefeimt
Mit kecken höfischen Manieren:
Dass alles wird dich trefflich zieren.“

Rausch sah zu Boden, schwieg und sann,
Und Irminold hub wieder an:
„Nicht jedem ist sein Leben
In freie Hand gegeben.
Ich selber, schau, wie treib ich’s hier?
Viel sanfter säß ich, glaube mir,
Ein Liebling heiliger Natur,
Mit Aristipp und Epikur
Bei Lyraklang und vollen Bechern,
Statt hier mit meinen armen Schächern
Den dürren Rosenkranz zu drehn
Und auf die schöne Welt zu schmähn.
Ach, Herz und Welt sind heut entzweit;
So will’s der Eigensinn der Zeit.
Sieh, der Gescheitre bist ja du:
Gib nach und drück ein Auge zu!“

„Du möchtest allen Trost mir rauben!
Ich kann es nicht, ich will’s nicht glauben,
Was wir für dieses Volk getan,
Das sei nun Alterweiberwahn.
In Gunst und Gnade nimmer müd,
Wie waren freudig wir bemüht,
Gedeihn und Heil zu spenden
Mit unsichtbaren Händen!
Wie wuchs durch unsre stille Pflege
Das Gut im Haus und im Gehege.
Des Herdes Brot, die Milch der Kühe,
Und zogen wir in heilger Frühe
Im Reigenschritte durch die Flur,
Erquoll vom Segen unsre Spur.
Beim kranken Kind in schwüler Nacht
Die guten Holden hielten Wacht.
Es wurde groß in unsrer Mitte;
Wir stützen seine schwanken Tritte.
Vors Bett des Jünglings legten wir
Am Weihetag die Waffenzier;
Beim Osterfrühstück fand die Maid
Im Moos ein Nestlein voll Geschmeid.
Des Kindes Wunsch, der Traum der Braut,
Er ward dem Hausgeist leis‘ vertraut,
Und galt es ernste Männertat,
Wir saßen ungesehn im Rat.
Als feierlich geladne Gäste
Verteilten wir am Hochzeitsfeste
Glückseckel, Wunschring, Zauberhorn,
Des Metes unerschöpften Born.
Wir sprachen Trost in schweren Tagen
Und halfen fromm die Toten klagen.
Und all der trauliche Verein,
Die Treue soll vergessen sein,
Verweht im Wind mit welkem Laube?
Das muss ich sehn, bevor ich’s glaube.“

Der Guardian hob sich rasch vom Pfühl:
„So zieh hinaus ins Weltgewühl,
Willst du mit eignen Augen sehn!
Doch, armer Freund, wie wird dir’s gehn?
So weise und so unerfahren,
Wirst du dich schwer vor Schaden wahren.
Wie ging’s dem Fant auf nächtger Au,
Der tanzte mit der Elbenfrau?
Da sangest du dein eignes Los:
Du schliefst zu lang im Bergesschoß
Und findest deine Welt nicht mehr.
Du segelst in ein fremdes Meer;
Doch denk‘, bevor dein Schifflein sinkt,
Dass hier ein sichrer Hafen winkt!“
Rausch zeigt hinaus: „Die Schatten weichen.
Das Tag erhebt sein Siegeszeichen!“
Er schwenkt sein Hütlein: „Auf ins Land!“
Rief er frohlockend und entschwand.

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