Erstes Abenteuer

Erstes Abenteuer

Es lag im Wald abseits vom Rhein
Ein armes Bettelklösterlein.
Dort dienten, der Versuchung fern,
Zwölf biedre Mönche Gott dem Herrn.
Sie wohnten in des Friedens Zelt,
Entrückt dem Schiffbruch dieser Welt:
Die einen in der Jugend Prangen,
Mit sanftem Blick und zwarten Wangen,
Von frommen Eltern kaum geboren
Zu Himmelsbürgern auserkoren,
Eh sie der Maienhauch der Sünde
Mit seiner süßen Brunst entzünde.
Die andern alt, mit langem Bart,
Gebräunt von mancher heißer Fahrt;
Die schlaffen Augen gaben Kunde
Von mancher wildverschwelgten Stunde:
Nun büßten sie im härnen Kleid
Des Lebens schöne Eitelkeit.

Herr Irminold der Guardian,
Dem sie voll Demut untertan,
Der hatte lange mit Scholaren
Die Welt durchschweift in jungen Jahren,
Bald eines Bischofs Tischgenoss,
Bald Schreiber in des Kaisers Tross,
Bald mit verwettertem Gesinde
Ein Gast des Waldes und der Winde.
Er war ihr Stolz; denn er allein
War schriftgelehrt und sprach Latein.
Sie zählten zu den Geistesarmen,
Die Christus segnet voll Erbarmen.
Denn ihnen schuf kein Rätsel Qual;
Sie dachten täglich siebenmal
In Reu und Leid des Sündenfalles;
Sie wussten nichts und glaubten alles.

In ebnem Bette floss ihr Leben,
Der strengen Regel fromm ergeben.
Sie gingen barhaupt, ohne Schuhe
Und schliefen sanft auf harter Truhe.
Nie dampfte Fleisch auf ihrem Tisch;
Am Fasttag fehlte selbst der Fisch.
Sie aßen Bohnen unverdrossen
Und anders, was dem Halm entsprossen,
Der alten Väter heilge Kost.
Für sie vergor kein edler Most.
Sie kannten keine andre Süße
Als Hymnen und Mariengrüße.
Von irdischer Arbeit Schweiß und Pein
Blieb ihnen Leib und Seele rein.
Ihr einzig Tagwerk war Gesang;
Sie sangen halbe Nächte lang
Mit so zerknirschten Jammerlauten,
Dass sich die Engel dran erbauten.
Wornach der Menschen Gier entbrannt,
Kein Geld entweihte ihre Hand.
Doch kam einmal die Not ins Haus,
So schwärmten sie gleich Immlein aus
Und rührten rings durch Herzensgüte
Der Bauernweiber weich Gemüte.
Sie traten lächelnden Gesichts
Ins Hoftor ein und sagten nichts,
Empfingen aber sich zur Labe
Bescheiden auch die ärmste Gabe.
Und wenn erglomm der Abendstern,
So kehrten sie von nah und fern,
Beladen für des Leibes Not
Mit Reisigwellen, Frucht und Brot,
Verzehrten froh die magre Beute
Und lobten Gott und gute Leute.

Hienieden war ihr Paradies
Ein Gütchen, das ans Kloster stieß,
Von hoher Mauer rings umschlossen,
Von einem klaren Bach durchflossen.
Dort lauschten sie am Sommertag
Auf Kuckucksruf und Wachtelschlag
Und plauderten, versteckt in Rosen,
Von jenen weißen dornenlosen,
Die der Gerechten warten
Im lichten Himmelsgarten.

Hier ging dereinst der Bruder Benz,
Der würdge Nestor des Konvents,
Und sucht‘ in erster Frühlingshitze
Ein kühles Ecklein sich zum Sitze.
Im Hintergrund, am Rand des Quells,
Ragt hoch ein eppichgrüner Fels;
Dort, überdacht vom dichten Flieder,
Ließ sich der fromme Bruder nieder,
Sah blinzemd in den Sonnenschein
Und schlief beim sang der Grillen ein.
Sanft glitt sein Haupt zum weichen Rasen:
Da weckte ihn ein grobes Blasen,
Das meuchlerisch im besten Schlaf
Ihn an der blanken Glatze traf.
Er schreckt empor – doch geht kein Hauch;
Kein Blättlein bebt an Baum und Strauch;
Die Fliegen schwärmen mit Gesumm.
Er schlägt ein Kreuz und dreht sich um
Und kehrt sein Haupt der Felswand zu.
Wie wohl tut ihm die sichre Ruh!
Doch nun – fürwahr, er träumt doch nicht –
Nun bläst es scharf ihm ins Gesicht.
Da rief er mit entsetztem Ton
Zu seinem heilgen Schutzpatron.
Doch wie er nach dem Boden starrte,
Gewahrt‘ er eine Felsenscharte;
Drin klafft ein langer, feiner Spalt;
Von dorther weht es modrig kalt.
„Hier“, sprach der Mönch mit Beben,
„Hier ist ein Schatz zu heben!“
Er leif auf schwanken Sohlen,
Die Brüder herzuholen;
„Merkt auf, ich zeig euch einen Ort,
Da liegt der Nibelungen Hort!“
Sie kamen alle, Mann für Mann,
Mit Hacken und mit Schaufeln an
Und gruben um die Wette
An der gefeiten Stätte.

Da tauchte bald ein rundes Tor
Aus Schutt und Felsgeröll hervor.
Nun leuchtet in den Berg hinein
Vom hellen Tag ein Dämmerschein,
Und drinnen wölbt sich hoch und weit
Ein Keller aus der Römerzeit.
Viel alte Krüge stehn umher
Mit mächtgem Bauch, doch leider leer.
Die armen Mönche sahn sich stumm
Enttäuschten Blicks und fröstelnd um.
In diesem heidnischen Gemäuer
Schien’s ihnen doch nicht recht geheuer.
Da zischelt einer angstverstört:
„Was war das? Habt ihr’s nicht gehört?“
Ein jeder sucht vor Schrecken
Am andern sich zu decken,
Horcht atemlos mit offnem Mund
Hinunter nach des Kellers Grund.
Und wirklich, hinten aus dem Düstern,
Da kam ein Pusten und ein Flüstern,
Darnach ein Laut, wie wenn mit Gähnen
Erwachende die Glieder dehnen.
Da sträubte sich ihr bisschen Haar;
Um Hilfe schrie die ganze Schar.
Das war ein Rennen und ein Laufen;
Sie lagen bald auf einem Haufen.

Nun eilt der Guardian herbei;
Den Hirten lockt der Herde Schrei.
Er hört die Mär geneigt zum Scherze
Und steigt hinab mit heilger Kerze.
Die Krüge schaut er mit Behagen;
Ihn rührt ein Wunsch aus jungen Tagen.
Das war der Durst nicht, der gemeine:
Die Sehnsucht war’s nach goldnem Weine.
Er sprach: „Wo ist, davor euch graust?
Hier hat ein guter Geist gehaust.“
Er trat hinein, erhob das Licht
Und sprach mit lächelndem Gesicht:
„Ja, gütger Geist, wer du auch seist,
Wir sind an Freuden arg verwaist.
Lass dir’s gefallen, lass dich laden,
Als Gast uns gastlich zu begnaden!“
Sein Licht erlosch. Er ging von dannen,
Bestaunt von seinen treuen Mannen,
Und sprach: „Die Schatten werden lang,
Macht euch bereit zum Abendsang!“

Doch als er kam vor seine Zelle,
Da saß ein Männlein auf der Schwelle,
Glattwangig, zart und wohlgestalt,
Von einem roten Hemd umwallt,
Ein rotes Hütchen in den Locken.
„Willkommen!“ rief er unerschrocken,
„Woher, du Fremdling schön und licht?
Von bösem Stamme bist du nicht.“
Da klang ein Stimmchen fein wie golden:
„Wir heißen auch die guten Holden.“
„Was suchst du hier auf meinen Pfaden?“
„Du hast ja selbst mich eingeladen
Im Keller, wo ich lag und schlief,
Bis mich dein Gruß ins Leben rief.“
„Wie kamst du in die Felsengruft?“
„Wohl lebt ich einst in freier Luft,
Den Frauen lieb, den Helden wert,
Und allem Volke hochgeehrt,
Bis mit des fremden Gottes Namen
Die schwarzen Kuttenmänner kamen,
Gebete murmelnd auf Latein.
Ihr Beil erknirscht im heilgen Hain;
Singhäuser baun sie allerorten,
Beschimpfen uns mit wilden Worten
Und machen uns die Ohren gellen
Mit ihren großen welschen Schellen.
Da scharten sich die Meinen
Mit Wehmut und mit Weinen
Und fuhren aus, ein stilles Heer,
Bei Nacht stromabwärts übers Meer.
Ich dacht erst mit den andern
Auch fernhinweg zu wandern.
Da fand ich jenes Mauerloch,
Wo ich im Unmut mich verkroch.
Dort standen aus verschollner Zeit
Viel spitze Krüge schöngereiht,
Uralten Römerweines voll:
Die trank ich aus in meinem Groll.
Nun musst du wissen: unser Wein,
Das ist der klare Mondenschein.
Wir scheuen als Beschwerde
Das rote Blut der Erde.
Doch ich im Trutze trank und trank
Bis ich umnebelt niedersank.
So stille war’s im Grunde;
Mich störte keine Kunde.
Nur oft wie einer Drohne Summen
Hört‘ ich von fern die Glocken brummen.
Ich aber schlief, ich glaube gar,
Wohl über siebenhundert Jahr.“
„Und nun?“ „Nun bin ich hier erschienen,
Als Gast euch gastlich zu bedienen.“
„Uns, die zum selben Gotte beten
Wie jene Schwarzen, die dich schmähten?
Denkst nicht, uns für dein Leid zu strafen?“
„Das ist vertrunken und verschlafen!
Ihr habt so freundlich mich begrüßt
Und mir der Schwarzen Schimpf gebüßt.
Auch seid ihr braun, ein gutes Zeichen:
Ich habe Vettern, die euch gleichen.“

Der Guardian wiegt das Haupt und spricht:
„Freund, hier ist deine Stätte nicht!“
Doch jener fleht: Lass mich gewähren!
Als meinen Herrn will ich dich ehren.“
Er blickt empor, ein bittend Kind:
„Wir sind so gern, wo Menschen sind.“
„Wohlan, ich heiße Irminold,
Und du, wie heißt du?“ „Wie ihr wollt!
Da wo es sprudelt, rauscht und braust,
Hab ich am liebsten einst gehaust
Und ritt als Fant auf Wind und Wolke;
Drum hieß ich Rausch bei meinem Volke.“
„Durch diesen Namen ehrt mit Recht
Dich auch der Sterblichen Geschlecht.
Wieviel die Sagen melden
Von Trünken deutscher Helden,
Es brauchte siebenhundert Jahr,
Bis deiner ausgeschlafen war:
Drum sollst du auch in unsern Reihn
Als Bruder Rausch gepriesen sein.
Doch welches Amt wird dir zu Lehn?
Wir sind mit Dienern wohlversehn:
Der Oberkämmrer sorgt getreu
Im Schlafgemach für trockne Streu;
Der Truchsess hält mit wenig Haus
Und würzt mit Fasten unsern Schmaus,
Und Wassermann der Schenke,
Dem mangelt nie Getränke.“
„Herr, lasst sie dieser Dienste frei!
Gebt mir die Ämter alle drei!“
Der Guardian nickt ihm lachend zu:
„Und welchen Liedlohn forderst du?“
Bleibt mir mit Wort und Mienen hold,
So heisch ich weder Dank noch Gold.“
„Das sei gelobt in Treuen!“
Es soll euch nicht gereuen!“

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