Drittes Abenteuer

Der Sonnwendabend kühlt die Luft
Mit Rosentau und Lindenduft.
Schon funkeln wie entflammte Sterne
Lustfeuer auf den Höhn der Ferne.
Im Klostergarten grün umheckt
Prangt eine Tafel reich gedeckt
Mit zieren Bechern und Pokalen,
Mit Eisgeschirr und Erdbeerschalen.
Rings in den Lauben liegen Pfühle;
Verdoppelt ist die Zahl der Stühle.
Es harren auf des Mahls Beginn
Die Brüder mit erregtem Sinn,
Ein fragendes Gedränge.
Da nahen muntre Klänge:
Der Kleine tanzt durchs offne Tor;
Er bläst auf grünem Haberrohr,
Und hinter ihm, ein holder Schwarm,
Da schreiten paarweis Arm in Arm
Zwölf zarte Bürschlein jung an Jahren
Im Kleid der fahrenden Scholaren.
Er jubelt: „Heil zum Sonnenfeste!
Nun teilet euch in meine Gäste!“

Bald schmausten alle buntgesellt.
Durch Lampen war der Tisch erhellt;
Die hingen von den Linden
Aus blumigen Gewinden.
Erst sahn die Schüler schamhaft drein
Und hauchten schüchtern Ja und Nein.
Doch Bruder Rausch mit Scherz und Schwank
Schenkt ihnen süßen Lautertrank,
Dass alle Wangen festlich glühten,
Aus sanften Augen Funken sprühten.
Sie schauten seitwärts ihren Mann
Mit raschen Schelmenblicken an
Und stimmten in die Neckerein
Mit silberhellem Kichern ein.

So ging es fort in Saus und Braus.
Doch als zu Ende war der Schmaus,
Da rückten sie die Stühle
Und schwärmten durch die Kühle.
Ein Sonnwendfeuer wird entfacht;
Das lodert in die Vollmondnacht.
Sie lagern in der Runde
Auf weichem Wiesengrunde.
Die Schüler streun im Übermut
Sich Rosen in der Locken Flut
Und flechten sie, mit Wein durchlaubt,
Den Mönchen um das kahle Haupt,
Dass lüstern aus den Kränzen
Die weißen Platten glänzen.
Da schallt ein Lachen von der Linde;
Dort wiegt sich Rausch im Abendwinde.
Er saß, rot angeglüht vom Brand,
Die Zauberfiedel in der Hand.
Sie riefen „Spiel uns einen Reigen!“
Und wieder fing er an zu geigen,
Doch heut mit nie gehörtem Klang,
Der fein durch alle Sinne drang.
Anhebt sie leis und leise,
Die heilge Elbenweise.
Sie bebt hinaus durch Berg und Flur:
Der Hochzeitsreigen der Natur.
Ein süßer Schreck durchzuckt die Nacht.
Was schläft und atmet, das erwacht.
Die Vöglein in des Nestes Ruh,
Sie schütteln sich und hören zu.
Die Hindin auf der Heide
Blickt auf von ihrer Weide.
Der Wolf, von Beutegier entbrannt,
Vergisst sein Wid und steht gebannt.
Der Eichwald stillt sein Rauschen,
Und alle Wesen lauschen.
Und wie die Weise mählich schwillt,
Haucht weiche Sehnsucht durchs Gefind.
Die jungen Mönche schaun empor,
Als öffne sich des Himmels Tor,
Von Schauern überronnen,
Von Wehmut und von Wonnen,
Das Herz im Tiefsten aufgewühlt,
Das sich noch nie so kühn gefühlt.
Verheißend lockt in alle Weiten
Die Welt mit tausend Herrlichkeiten;
Nach Wunderfernen stürmt ihr Sinn.
Die Alten träumen vor sich hin,
Als sähen sie Gestalten schweben
Aus einem frühern Erdenleben.
So fremd und doch so wohlbekannt
Entschleiert sich ihr Jugendland.
Da liegt es rings im Maienschein:
Wie ging sich’s da so hold zu zwein!
Sie fasst ein schmerzliches Gelüst
Nach Lippen, die sie einst geküsst,
Nach blütenhellen Wangen,
Die längst in Staub vergangen.

Da wächst der Klang mit Zaubermacht
Wie Sturmgesang der Frühlingsnacht.
O, schaut nicht vorwärts, nicht zurück!
So nahe grüßt euch Lieb und Glück.
Die Welt ist euer, schaut euch um!
Ein festlich prangend Heiligtum.
Des Mondes Silber tränkt die Matten,
Und rieselt durch der Zweige Schatten,
Und alle Blumen öffnen sacht
Des Blätterschoßes zarte Pracht,
Und süße Wohlgerüche schwellen
Der Lüfte sanft erregte Wellen.
Gleich Wölfchen steigt der Bienen Zug;
Sie schwärmen auf im Hochzeitflug.
Von Faltern wimmelt Busch und Au;
Die Adler kreisen hoch im Blau.
Waldvöglein heben goldnen Schall,
Die Lerche mit der Nachtigall.
Der Spielhahn schleift, der Täuber girrt;
Das gluckst und schmettert, zirpt und schwirrt,
Und fernher aus den Föhren
Erdröhnt des Hirsches Röhren.

Mit allberauschender Gewalt
Ergreift die Weise Jung und Alt
Und reißt sie fort im Siegerschritt:
Sie springen auf und singen mit.
Die Schüler zwängt ihr Brustgewand:
Sie werfen’s ab mit wilder Hand, –
Und schwanweiß taucht aus schwarzer Hülle
Magdlicher Glieder schlanke Fülle,
Und wen noch Traumesweh umwunden,
Fühlt im Entzücken sich gesunden.
Der Erde liebstes Lenzgebild,
Das Lieb und Luft entgegenschwillt,
Lichtäugig Leben jugendwarm
Schmiegt sehnend sich in ihren Arm.

Wie glüht ihr Blick im Flammenglanz!
Und horch, die Weise ruft zum Tanz.
Verzaubert muss sich alles drehn;
Kein Halten gibt’s, kein Widerstehn.
Sie fassen sich im Ringelreihn
Und rasen um den Feuerschein,
Bis im Gewog die Kette reißt
Und Paar um Paar im Wirbel kreist.
Das scherzt wie Bräutigam und Braut,
Neckt, flieht und hascht mit Jubellaut.
Sie schließen fester sich zusammen
Und springen jauchzend durch die Flammen,
Um sich in lauschigen Revieren,
In dunklen Lauben zu verlieren.

Nur noch ein einzger Ton erscholl,
Der süß und immer süßer schwoll,
Bis alle Sinnen und Gedanken
In ihm ertranken und versanken.

Und sieh, da wallt die Königin,
Frau Minne, durch die Mondnacht hin.
Sie blickt umher: Des Himmels Dach
Umwölbt ein großes Brautgemach.
Sie segnet mild die ärmste Stätte,
Weiht jedes Blatt zum Hochzeitbette. –

Und rückwärts spielt nach Elbenpflicht
Sein Zauberlied der kleine Wicht,
Bis das es leise, wie’s begann,
In einen Seufzerhauch verrann.

Still ist es. Nur die Flamme saust,
Die tobend in den Äther braust.
Nun sinkt sie jäh, mit Rauch vermischt,
Zuckt, sprüht und flackert und erlischt.
Sacht glitt der Mond dem Walde zu,
Und Tal und Hügel kehrt zur Ruh.
Die Rose, üppig aufgeblüht,
Die Lilie neigt sich schlummermüd.
Da taumeln aus den Kelchen
Verschlungene Libellchen.
Es regnen Käfer liebesmatt
Wie Tropfen Gold von Blatt zu Blatt.
Die Vögel stecken wieder
Die Köpflein ins Gefieder.
Glühwürmchen tippt sein Lichtlein aus;
Still sucht das Wild sein grünes Haus.
Nun huscht der Träume Schattenschwarm,
Und Lieb entschläft in Liebesarm.
Nichts wacht mehr als der Sternenreigen;
Der wandelt fort in selgem Schweigen.

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