Achtes Abenteuer

Er kam, des Bauernlebens satt,
In eine hochgetürmte Stadt.
Da strömt das Volk im Abendschein
Durch Tor und Brücke aus und ein:
Altherrn mit weißen Haaren
In farbigen Talaren;
Studenten ziehn in Schwärmen
Mit Lachen und mit Lärmen.
Aus blumgen Kähnen schallt Gesang
Zu Bechergruß und Lautenklang.
Sie riefen Heil der hohen Schule
Und sangen von der liebsten Buhle.

Rausch, als es dunkelt, folgt von fern
Durchs Stadttor zwei gelehrten Herrn.
Die priesen einen weisen Mann,
Der heut den Doktorhut gewann:
Der sei vor allen andren Meistern
Vertraut mit Göttern und mit Geistern.
„Den“, dache Rausch, „den muss ich sehn!
Der eine Mann wird mich verstehn.
Ihm werd ich nicht zum Spotte
Vor diesem neuen Gotte.
Zwar der ist Sieger, ist im Recht;
Doch ich bin werter von Geschlecht.
Mir brachte Blumenopfer dar
Ein adlig Volk in goldnem Haar,
Da seine krumgenasten Väter
Ein Kalb umsprangen mit Gezeter.
Das weiß der Mann; der ist gelehrt.
Wie mich das Bauernvolk entehrt,
Dem weisen Meister will ich’s klagen:
Der wird manch tröstlich Wort mir sagen.“

Er sucht das höchste Giebeldach,
Dort war des Herrn Studiergemach,
Pocht an die Türe zart und fein;
Da schallt ein mürrisches Herein!
Und drin am Fensterpulte stand
Ein Mann in langem Hausgewand.
Der, rings umschanzt vom Bücher hauf,
Liest ruhig fort und blickt nicht auf.
Doch nickt er flüchtig im Studieren
Und brummt: „Ihr wollt Euch inskribieren.
Dort liegt das Merkbuch, tragt Euch ein!
Ihr sollt den Kursus benedein:
Was Ihr bis heut von Göttern wisst,
Ist des Augias alter Mist.“
Dann kramt er fort in seinen Bänden.
Rausch dreht sein Hütlein in den Händen:
„Verzeiht, dass ich Euch plage,
Und gönnet mir die Frage:
Hat einer von der Götter Art
Sich Euch schon leibhaft offenbart?“
„Pah“, lacht er, „eitel Phantasie!
Die gibt es nicht und gab es nie.“
„Oho“, sprach Bruder Rausch gekränkt,
„Das geht so glatt nicht, wie Ihr denkt!
Und wollt ihr nur vom Buche sehn,
So habt Ihr einen vor Euch stehn.“

„Was?“ schrie empört der weise Mann,
Sprang vor und starrt ihn grimmig an.
„Ein Ammenspuk! Was will der hier?
Wagt so ein Popanz sich zu mir?
Fürwahr, ein Puck, ein Poltergeist,
Ein Kerl, der Rumpelstilzchen heißt!
Welch ein Phantast hat Euch vexiert,
Zu glauben, dass Ihr existiert?
Das haben wohl die Philologen
Euch armem Schlucker vorgelogen.
Jedoch gemach! Sie sind gerichtet.
Ich habe gründlich sie vernichtet;
Sie sterben aus, habt nur Geduld!“
Und damit warf auf seinen Pult
Er einen schweren Folianten,
In Holz gefasst, mit Eisenkanten.
Das knallte wie ein Donnerschlag,
Dass Bruder Rausch zu Tod erschrak.
„Hier ist der Schule Wust und Wahn
Für alle Zeiten abgetan.
Von all den himmlischen Gestalten,
Mir hat nicht eine standgehalten.
Wer ist noch, was er scheint, geblieben?
Zum Urbrei hab‘ ich sie zerrieben.
Doch gar mit Herren Euren Wesens,
Da macht man wenig Federlesens.
Ich weiß, Ihr bildet Euch wohl ein,
Ein deutsch Original zu sein,
Und seid im Nilschlamm doch gezeugt
Mit allem, was da kreucht und fleugt!
Ihr seid, wenn nicht ein Renegat,
Ein nachgepfuschtes Plagiat,
Ein Faselhans nach fremder Norm,
Kurz, eine schlechte Typhonform!
Das merkt Euch wohl, und nun hinaus!
Für Larven bin ich nicht zu Haus.“
So schob der Mann mit Ungebühr
Den Kleinen unsanft vor die Tür.

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