Verschiedenes zu anapästischen Versen

Der Verseingang

Wie ein schwerer Vogel erst einen Anlauf machen muss, bevor er ins Fliegen kommt, und wie ein beladener Wagen nur langsam einsetzt, bis er in der Ebene lustig rollend weiter sich bewegt, so setzen inhaltschwere anapästische Reihen gewöhnlich langsam mit einem Jambus ein, bevor sie ihre charakteristisch rollende Bewegung annehmen. Es widerstrebt unserem Gefühl, die rhythmische Reihe mit zwei Thesen zu beginnen; auch verlangt die rhythmische Malerei für Unterbrechung des hastigen Forteilens zuweilen nur eine Thesis. Dies ist wohl der Grund, weshalb man so selten ganze Gedichte aus reinen Anapästen antrifft. Beim Rezitieren des Anapästs liest man die beiden Thesen so, dass sie den gleichen Tongrad zu haben scheinen.  (C. Beyer)

 

Versregeln

Der anapästische Vers bedarf nur weniger Regeln.

1 – Die Anapäste müssen rein sein, und dürfen nicht mit Molossen, Tribrachen, Daktylen, Bacchien und anderen dreisilbigen Füßen vermengt werden. Folgender Vers würde daher ein sehr schlechter anapästischer Vers sein:

Hört Siegsruf, aus der Fern schallet er mit Trompetengeschmetter
— — —, ◡ ◡ —, — ◡ ◡, ◡ ◡ —, ◡ ◡ —

2 – Durch die Auflösung der Anapästen in einen der Päonen wird der Rhythmus zwar figuriert, aber nicht verändert.

Voll der edleren Gefühle, die Mitleid weckt
◡ ◡ — , ◡ ◡ ◡ —, ◡ ◡ —, — —

Es versteht sich dann aber von selbst, dass die Kürzen der Päonen so flüchtig angenommen werden müssen, dass sie mit den Anapästen einerlei Zeitraum füllen.

3 – Die Anfangssilbe eines anapästischen Verses kann lang sein, nur muss sie, weil sie Auftaktsilbe ist, thetischer Natur sein. (J. H. F. Meinecke)

 

Die Vermeidung der Amphibrachen

Der Auftakt des Anapästus enthält zwei Momente, kann aber auch durch eins vertreten werden, welchem dann die der Anakrusis überhaupt innewohnende Unbestimmtheit eigen ist, und das daher durch eine langzeitige Silbe gebildet wird, obwohl sich diese aks voller Auftakt ansehen lässt, dessen beide kurzen Momente sich einem langen konzentriert haben. Der kurzzeitige einsilbige Auftakt veranlasst aber leicht amphibrachische Wortteilung; deshalb ist anzuraten, dieses gleichsam anlaufende Moment lieber langzeitig zu wählen oder den Amphibrachus durch daktylischen oder spondeischen Wortfuß zu vermeiden, und den Vers, durch Herbeiführung der anapästischen Zäsur nach der Arsis, in seiner eigentümlichen Bewegung sich zeigen zu lassen:

Da stößt | kein Nachen vom sicheren Strand

Die Stadt | vom Tyrannen befreien

So mög auch Gott, | der allmächtige Hort

Wir sehen hieraus, wie sehr es beim anapästischen Verse darauf ankommt, seine Bewegung von Hause aus anzukündigen, und dass er dieses teils durch den Auftakt zweier kurzer Momente, oder eines langzeitigen, und in den meisten Fällen durch sofortigen Abschntt in der Arsis der ersten rhythmischen Reihe zu erreichen sucht, wodurch eine Verkennung seiner Bewegung mit der daktylischen und amphibrachischen von vorn herein gleichsam abgewehrt wird. (C. F. Edler)

 

Die Zäsur

Es ist noch anzuführen, dass hinsichtlich der Zäsuren eine große Abwechslung stattfinden kann, wobei man jedoch darauf zu achten hat, die Bewegung nicht in amphibrachische oder daktylische ausarten zu lassen, wenn der Daktylus oder Amphibrachys als Wortfüße zu oft verwendet werden. Die eigentliche Zäsur, insofern sie nämlich mit logischem Schlusse und Interpunktion zusammenhängt, findet sich am häufigsten am Ende der ersten metrischen Dipodie:

Träumende Wehmut, hinschmachtender Gram (Schlegel)

doch kann sie auch anderwärts vorkommen, oder der ganze Dimeter eine rhythmische Einheit bilden, wo dann natürlich die Worteinschnitte nicht als Zäsuren gelten. (C. F. Edler)

 

Der Anapäst im Vergleich

Der Anapäst klingt gegen den Daktylus hart, weil in dem Anapäst eigentlich der Pyrrhichius ◡ ◡ und der Iambus ◡ — zusammen tönen, die einander zu nahe liegen, weil sie sich beide ihrer Natur nach zum Sprunge neigen, und also der sanfte Wechsel zwischen Steigen und Fallen bei dem Anapäst ◡ ◡ — nicht stattfindet, der den Daktylus ◡ ◡  so harmonisch macht, in welchem der Trochäus und Pyrrhichius zusammentönen, wovon sich der erste zum Fall, und der letztre schon wieder zum Sprung neigt.

Setz‘ ich aber zu dem Anapäst ◡ ◡ — noch eine kurze Silbe, so mildre ich durch den daraus erwachsenden sanften Fall am Ende die Härte desselben, und aus dieser Mildrung erwächst der dritte Päon oder Didymäus ◡ ◡ — ◡, der doch unter allen metrischen Füßen vielleicht den sanftesten Klang hat. (K. P. Moritz)

 

Anapästische Verse

Diese Verse erlauben überall die Vertauschung des Anapästs mit dem steigenden Spondeus, welcher dem Grundfuße an Zeitdauer gleich ist und dessen lebhaftere Bewegung mäßigt, ohne den Rhythmus zu schwächen, vielmehr demselben mehr Würde gibt.

In der neueren Poesie aber setzt man an die Stelle des Anapästs noch häufiger den Iambus, welcher zwar einerlei Tonbewegung mit dem Grundfuße hat, aber von geringerer Zeitdauer ist und daher den Rhythmus offenbar schwächt.

Der anapästische Rhythmus ist im allgemeinen kräftig und lebhaft eindringend. Durch eingemischte Spondeen wird er ruhiger und gehaltener, ohne an Kraft zu verlieren. (F. Ficker)

 

Vom daktylischen zum anapästischen Vers

Denkt man sich vor einer daktylischen Reihe den einfachen Auftakt, so würde die natürliche Bewegung dieser Reihe die amphibrachische werden:

◡ |  — ◡ , ◡ — ◡ , ◡ — ◡ ,  ◡ — ◡
Vertrautes Gelispel ersehnter Begrüßung

Denn der einzelne Daktylus verliert, wie jede Reihe, den Weit des Auftaktes am Schluss. Seine Form wir also durch den Auftakt zu amphibrachischen, ◡ — ◡.

Dass aber diese Form, schon als vorwaltende (zum Beispiel in Wortfüßen der Hexameter) und noch viel mehr als charakterisierende Form den Vers verunstalte und verweichliche, weil sie ein stetiges Anheben und Ablassen darstellt und deswegen mehr Nebulistisches als feste Gestalt hat, ward von jeher allgemein anerkannt. Wollte also ein Dichter amphibrachische Verse bilden, so müsste er sich wenigstens bemühen, den Charakter der Gattung in dem Verse selbst aufzuheben; er würde zum Beispiel statt

Es locket zum Tanze das Lied

die Bewegung

es lockt zu dem Tanz der Gesang

vorziehen. Nun aber ist die Bewegung nicht mehr amphibrachisch, sondern anapästisch, und der einzelne Auftakt steht jetzt zu schwach vor der immer zweizeitig anlaufenden Bewegung. Er fordert daher, um sich zu halten, Zweizeitigkeit, sei es in zwei Silben, oder in einer zweizeitigen Silbe:

Schon lockt zu dem Tanz der Gesang

Und so ist ein anapästischer Vers aus dem daktylischen entstanden. (A. Apel)