M.-L. Enk: Der anapästische Dimeter

Aus: Über deutsche Zeitmessung

Der anapästische Dimeter verträgt die Verwechslung des Anapästs mit dem Spondeus auf jeder Stelle, auf der gleichen wie auf der ungleichen. Da jedoch der Rhythmus den steigenden Spondeus erfordert (— ‚—“ oder —‘ —‘, mit der zweiten Länge in der Hebung;  — —‘ oder — — mit der zweiten unvollkommenen Länge in der Hebung), wie zum Beispiel:

Wes Mund spricht aus der Gebärerin Not?
— —‘ , —‘ —“ || ◡ ◡ — , ◡ ◡ —

oder:

Wenn finstere Nacht zu entweichen beginnt:
— —‘ , ◡ ◡ — || ◡ ◡ — , ◡ ◡ —

so ist es offenbar, dass der sinkende Spondeus nur zu Anfang des Verses und nach einer arsischen Zäsur seine Stelle finde. Das wenigstens ist gewiss, dass er an der ersten und dritten Stelle, zum Beispiel

Goldlockig das Haupt in ambrosischem Duft
—“ —‘ , ◡ ◡ — || ◡ ◡ — , ◡ ◡ —

oder

Dass der blumige Schatz unschuldig beklagt
◡ ◡ — , ◡ ◡ — || —“ —‘ , ◡ ◡ —

das Ohr weit weniger beleidigt, als auf der zweiten und vierten, zum Beispiel

Ich allein lustwandelt‘ auf Frühlingsau’n
◡ ◡ — , —“ —‘ ◡ || ◡ —“ , —‘ —“

oder

Knüpfend die traubigen Locken des Haupthaars
— ◡ | ◡, — ◡ ◡, — ◡ | ◡, —“ —‘

auf welcher letzteren Stelle er fast immer einen Daktylus vor sich hat.

Den Daktylus verträgt der Rhytmus des anapästischen Dimeters leichter, wenn er dem Spondeus vorausgeht, als wenn er ihm nachfolgt, zum Beispiel:

Träumende Wehmut, hinschmachtender Gram
— ◡ ◡ , —“ —‘ || —“ —‘ , ◡ ◡ —

Nur wenn beide Dipodien aus einem Daktylus mit nachfolgendem Spondeus bestehen, ensteht ein Übelstand, zum Beispiel

Kundige Felskluft, wo ich ihn hintrug
— ◡ ◡ , —“ —‘ || — ◡ ◡ , —“ —‘

oder wenn mehrere Daktylen aufeinanderfolgen, zum Beispiel

Lächelnd in ewiger Jugend und Schönheit
— ◡ | ◡ , — ◡ ◡ , — ◡ | ◡ , —“ —‘

Bisweilen schleicht sich zu Anfang des Verses dennoch eine Kürze ein, die, wenn sie nicht allzu schwach ist, zur Not immer noch an dieser Stelle die Länge zu repräsentieren vermag, zum Beispiel:

Bei Geißelgeheul und Flammengezisch
◡ — , ◡ ◡ — || ◡ — , ◡ ◡ —

Der Proceleusmaticus ist, da er sich im Deutschen nicht rein darstellen lässt, für den deutschen anapästischen Dimeter unbrauchbar.

Die Hauptzäsur hat der anapästische Dimeter nach der ersten Dipodie. Ob die andern von Schlegel gebrauchten Cäsuren, häufiger angewendet, dem Vers nicht vielmehr sein eingentümliches Gepräge nehmen würden, als sie der Schönheit desselben zuträglich wären, lässt sich billig bezweifeln. Diese scheint mehr von der Abwechslung der Versfüße als von dem Wechsel der Zäsuren abzuhängen; umso mehr, da die Einmischung des Monometers und des unvollständigen Dimeters das ihrige dazu beiträgt, die Eintönigkeit zu entfernen.