Jacob Minor: Anapästische Verse

Jacob Minor: Neuhochdeutsche Metrik, 2. Aufl. 1902, S. 280

Unter den anapästischen Versen ist der häufigste der Dimeter, mit der Zäsur in der Mitte des Verses, und meistens auch mit dipodischer Gliederung. Das Schema ist also:

v v ―‘ v v ―“ || v v ―‘ v v ―“

Anstatt des Anapäst kann steigender Spondeus an allen Stellen des Verses eintreten; sinkender Spondeus ist auf den Verseingang und den dritten Fuß (unmittelbar hinter der Zäsur) beschränkt.

goldlockig das Haupt || in ambrosischem Duft;
das der blumige Schatz || unschuldig beklagt.

Hier findet natürlich schwebende Betonung statt. Im ersten Fuß kommt sehr oft auch Jambus anstatt des Anapäst vor. Daktylus an Stelle des ersten Anapäst hat meistens den fallenden Rhythmus des ganzen Verses zur Folge:

träumende | Wehmut, | hinschmachtender | Gram.

Anapästische Dimeter hat zuerst W. Schlegel (Jon) im Drama mit freien Zäsuren angewendet, Goethe ist ihm in der Pandora gefolgt. Später hat sie Enk (1839) für leidenschaftliche Stellen des Trauerspiels empfohlen. Die Zäsur soll eingehalten, aber die größte Mannigfaltigkeit der Versfüße angestrebt werden, und die anapästischen Dimeter sollen mit katalektischen Dimetern und Monometern abwechseln. Enks Schüler Halm hat sich in der prophetischen Vision der Thusnelda dieses Versmaßes bedient.

Meistens wird eine Reihe von vier bis acht solchen anapästischen Versen durch einen katalektischen Vers

v v ―‘ v v ―‘ v v ―‘ v

auf silberner Schwinge des Wohlklangs

abgeschlossen; die ganze Versreihe bildet dann ein Anapästensystem.

In Platens Komödien kommt aber auch der katalektische anapästische Tetrameter vor:

v v ―‘ v v ―‘ | v v ―‘ v v ―‘ || v v ―‘ v v ―‘ | v v ―‘ v

nicht wollte hinfort | in dem Lustspiel mehr | auftreten der ernst- | ere Dichter.

Nach der zweiten Dipodie ist ein stärkerer Versabschnitt Gesetz; in den meisten Fällen steht auch am Schlusse jeder Dipodie eine männliche oder seltener eine weibliche Zäsur,

und der wahre Gefallen || erfreut das Gemüt

oder es schließt mit dem Versfuß wenigstens der Wortfuß.

Die anapästischen Verse gehören schon zu den gemischten Versarten, wo zweisilbige und dreisilbige Versfüße nebeneinander stehen und die Taktdauer strenger genommen werden muss.

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