Grotefend / Roth: Anapästische Verse

Georg Friedrich Grotefend, Georg M. Roth: Anfangsgründe der deutschen Prosodie (1815)

§ 59 Die anapästischen Verse, die sich wegen ihrer Heftigkeit zunächst an die jambischen und trochäischen Rhythmen reihen, lassen überall die Spondeen zu, außer dass in den katalektischen Versen der Ausgang daktylisch zu sein pflegt. So natürlich dem anapästischen Verse ein häufiger Abstoß in der Hebung scheint, so ermüdet doch das stetige Gehämmer durch seine Einförmigkeit. Darum wird an schicklichen Stellen ein weiblicher Einschnitt unter die männlichen gemischt, und auch durch Zusammenziehung der Kürzen die Mannigfaltigkeit der Wortfüße befördert a). Die Griechen und Römer erlaubten sich in den anapästischen Versen bei der Zusammenziehung der Kürzen sogleich die Auflösung der Länge, so dass die Anapästen ein daktylisches Aussehen erhielten. A. W. Schlegels Nachahmung dieses Gebrauches in seinem Ion b) möchte schwerlich unter den Deutschen Beifall finden. Die melischen Dichter der Alten haben die Anapästen wegen ihrer Heftigkeit vermieden, desto häufiger findet man sie bei Komikern und Tragikern und in lyrischen Chorgesängen. Der Dimeter bildet bei den alten Dramatikern anapästische, ununterbrochen fortgehende Systeme, die mit dem unvollzähligen Dimeter (Paroemiacus) schließen c), vor welchem oft unmittelbar oder mit nachfolgendem Dimeter der Monometer steht d). Der unvollzählige Tetrameter mit einem Einschnitte in der Mitte ist häufig bei Aristophanes, und heißt daher der Aristophanische Vers e).

Beispiele

a) Man vergleiche:

1) Verse mit gleichen Wort- und Versfüßen:

Welch frohes Entzücken erfüllet die Brust,
Wenn im grünenden, sprossenden, blühenden Hain
Das Gezweig sich verjüngt und der Duft sich erneut.

2) Verse mit ungleichen Wort- und Versfüßen:

Welch anmutvolles Entzücken gewährt
In dem Lenze, wenn neu das Gezweig aufsprosst,
Frischgrünender Bäume balsamischer Duft.

b) Goldlockig das Haupt in ambrosischem Duft,
Lächelnd in ewiger Jugend und Schönheit. –
Die lass sich entfalten, und siehe, wie schön
Liebe sie dir zum unsterblichen Kranz flicht.

c) Weh! Lohnest du so der Geliebten, Apoll?
O wie anders gelobt hast du mir damals,
Als, ein arglos Kind jungfräulichen Tritts,
Ich allein lustwandelt‘ auf Frühlinges Aun,
Und der Blumen, des Laubs, hellfarbigen Putz
In das faltig geschürzte Gewand las. A. W. Schlegel

d) Ausspreche das Wort,
Das die Herzen zermalmt, und empor von dem Haupt
Uns sträubet das Haar voll Angstgraun. Apel

e) Antworte du mir, weswegen gebührt die Bewunderung wohl dem Poeten?

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