Wortvergnügt (6)

Joachim Heinrich Campe hat in seinem trotz des umständlichen Titels sehr lesenswerten „Wörterbuchs zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“ viele Vorschläge für neue Wörter gemacht, von denen manche heute so geläufig sind, dass niemand auf den Gedanken käme, sie könnten „erfunden“ worden sein – „tatsächlich“, „Lehrgang“, „Feingefühl“ … Die meisten seiner Neubildungen haben sich aber nicht durchgesetzt und sind heute nur noch für ein Schmunzeln gut, so zum Beispiel die „Schweißlöcher“, die die „Poren“ nicht haben verdrängen können.

Für das französische „taciturne“ schlägt Campe, in Anlehnung an „redselig“, das entsprechende „schweigselig“ vor; ein schweigseliger Mensch ist ein Mensch, der „viel oder oft schweigt, und im Schweigen Vergnügen findet, oder durch Schweigen beseligt wird“.

Auch dieses Wort hat sich nicht wirklich durchgesetzt. Es ist aber auch nicht ganz unbenutzt geblieben, wie ein schöner Satz von Franz Grillparzer beweist:

„In Stuttgart machte ich die Bekanntschaft Uhlands, des letzten deutschen Dichters, der bei sich zu Hause ebenso liebenswürdig ist als in der Fremde schweigselig und neblicht.“

„Schweigselig und neblicht!“ Was für ein bemerkenswerter Zustand das sein muss …

Wortvergnügt (5)

Ich habe vor Jahren ein Distichon geschrieben, in dem das Wort „weltenzerwinternd“ vorkommt; das recht wohlwollend aufgenommen wurde! Der Weg dahin ist der übliche, die Verbindung von Bekanntem und Unbekanntem.

Wo es ein zusammengesetztes Wort gibt, wie etwa „überwintern“; da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch das entsprechende Grundwort benutzt wird oder wurde, selbst wenn man selbst es nicht im Wortschatz hat. Hier wäre das „wintern“, und siehe da, der Online-Grimm kennt es! Und in mehr als einer Bedeutung, als Beispiel sei winterliches Wetter bringen, rauh und winterlich sich gebärden angeführt, samt Vers-Beleg bei Johann Heinrich Voß: Stolberg, trotz dem Orkan, wie er wintere.

An Zusammensetzungen wird angeführt: auswintern, durchwintern, einwintern, entwintern, nachwintern, überwintern, verwintern, zuwintern. Wieder Voß: Denn er duftet linden März /
Und entwintert euch das Herz.
Auch die anderen Einträge lohnen das Nachlesen!

Von da aus ist es nicht mehr weit bis zu einer Zusammensetzung mit eher unüblicher Vorsilbe. „Umwintern“ – warum nicht? Oder eben „zerwintern“. Dann noch der Schritt zum Partizip – fertig! Das „Welten“ davor kann man getrennt schreiben oder ins Wort ziehen – „Welten zerwinternd“ oder „weltenzerwinternd“, das macht keinen großen Unterschied, denke ich.

Und wem das noch nicht genügt, und angesichts der Jahreszeit auch nicht mehr recht zu passen scheint – wo es ein „wintern“ gibt, ist ein „sommern“ nicht fern! Der Grimm kennt es jedenfalls, Voß zum Dritten: der nun sommernden Heitre Beginn. Wobei „Heitre“ gleichfalls ein feines Wort ist: Klarheit, Glanz, Helligkeit, sagt der Grimm … Und wieder die Vorsilbe gewählt, hm, diesmal vielleicht „um-„?

Früher Vögel Gesang, der den klammen Stift mir umsommert.

Was Unsinn in Hexameterform ist, aber gerade aus der Tastatur fiel, als ich auf ein Beispiel neugierig war; und so schlecht gar nicht klingt. Wobei, sagt die Suchmaschine, „umsommern“ durchaus vorkommt; bei Celan zum Beispiel! Aber am besten selbst schöpfen nach genau diesem Muster: Ein gerade noch bekanntes Wort suchen; und dann einen Schritt darüber hinausgehen. Wenn das Ergebnis, das neugeschaffene Wort, den begeistert, der es geschaffen hat: ist die Wahrscheinlichkeit groß, es gelingt auch bei anderen!

Wortvergnügt (4)

Heute ist mir ein ungewöhnliches Wort aufgefallen in einem Brief, den Gottfried August Bürger an Christian Gottlob Heyne geschrieben hat – der entsprechende Satz:

Da es indessen keine Kunst sein würde, gegengrob zu sein, so täte dies alles noch nichts.

Gegengrob! Höchst ungewöhnlich, werden doch mit dem Präfix „gegen-“ nur Substantive gebildet, „Gegen-satz“, „Gegen-teil“, und viele mehr. Aber Adjektive?!

Der Online-Grimm führt zu gegenhart an:

Gegenhart, gekürzt aus hart gegen hart, Hartes mit Hartem vergeltend, und ergänzt: Es wird solcher kurz und fein bezeichnenden Adjektivbildungen mit „gegen“ mehr gegeben haben.

„Kurz und fein bezeichnend“ – das trifft es gut, glaube ich?! Zu gegenklug finden sich im Grimm noch diese Verse von Burkhard Waldis:

Es ist mancher so gar verschlagen
Und denkt, er sei so klug allein.
So find’t er doch zu Zeiten ein‘,
Der auch geschickt und gegenklug
Kann Trug vergelten mit Betrug.

Schon etwas älter, keine Frage, aber trotzdem ein schönes Beispiel für eine Gestaltungsmöglichkeit, die man im Hinterkopf behalten sollte – wirksam ist sie sicherlich!

Wortvergnügt (3)

Wie schon erwähnt: Um zu neuen Wörtern zu kommen, nehme man etwas altes, bekanntes und gebrauche es auf neue Weise. Das geschieht im Laufe der Sprachentwicklung  auch un-willentlich immer wieder so; etwa wenn zu dem bekannten Ausdruck „sich satt essen“ ein entsprechendes „sich satt trinken“ gebildet wird, dann „sich satt sehen“, was sicher auch als gänzlich gewöhnlich empfunden wird; aber auch noch viele andere Verbindungen:

„Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, wenn ich mich noch itzt alle Wochen einmal in Gesellschaft so vieler rechtschaffner Leute satt essen, satt lachen und satt zanken könnte.“

Ein Satz von Gotthold Ephraim Lessing. Mir am stärksten im Gedächtnis geblieben ist aber, was Matthias Claudius 1772 in seine Familienbibel geschrieben hat, nachdem sein erster, zwei Monate zu früh geborener Sohn kurz nach der Geburt gestorben war:

„Er lebte nur wenige Stunden und ging, nachdem er sich hier sattgeweint hatte, wieder heim.“

Was fängt man damit an? Außer, dass es einen Weg aufzeigt, zu leicht ungewöhnlichen, aber wirkungsvollen Ausdrücken zu gelangen, meine ich …

Wortvergnügt (2)

An Übersetzungen der Odyssee herrscht nun wahrlich kein Mangel; von daher lohnt vielleicht der Blick auf einige weitere Vers-Wiedergaben, die die in (1) begonnene Reihe „seufzerreich“ – „seufzererregend“ – „jammerbringend“ fortsetzen?!

Köchergehäus – drin staken gar viel der surrenden Schäfte

– So Rudolf Alexander Schröder. Nun ist die Frage, wie man die homerischen Beiwörter übersetzt, schon eine grundsätzliche; aber das „surrend“ wirkt ziemlich schwach, fast wie eine Verlegenheitslösung.

Der die vielen Geschosse enthielt, die Boten des Jammers.

Das ist nun Friedrich Georg Jünger, der das Beiwort ganz aufgibt und durch einen Zusatz ersetzt.

Samt dem Köcher mit Pfeilen, die Seufzer erregen, und viele

… waren darinnen. Anton Weiher geht noch einen Schritt weiter und landet beim Relativsatz. Warum nicht – auch das ist eine Möglichkeit, eine Eigenschaft auszudrücken; und immerhin sind so die Seufzer wieder da!

– So könnte das noch ein Weilchen weitergehen. Aber ich glaube, vieles ist auch durch diese sechs Beispiele schon klar geworden?! Einmal lohnt es sich immer, mehr als eine Möglichkeit zu versuchen, will man eine bestimmte Sache ausdrücken;  vor allem im Vers! Da ist dann vom Einzelwort „seufzerreich“ bis zum vollständigen Satz „die Seufzer erregen“ alles dabei, und mal passt das eine, mal das andere.

„Seufzerreich“ ist dabei sicher die Möglichkeit, die den Text am meisten strafft, dem Vers die größtmögliche Festigkeit verleiht. Und es hat auch eine Eigenschaft, die zum Beispiel dem „seufzererregend“ abgeht; das könnte man in „Seufzer erregend“ auflösen, was sicher einen leicht anderen Ausdruck hat, aber zum Beispiel im Hexameter keinen Unterschied machte; wohingegen „seufzerreich“ nur in ein Präpositionalgefüge auflösbar ist, „an Seufzern reich“. Was dann wieder die Wahl zwischen Verknappung und Lockerung, Vereinzelung und Einbindung, Sinnlichkeit und Logik eröffnet … Möglichkeiten über Möglichkeiten!

Wobei die für den Vers nutzbringendste sicher das Zusammenziehen ist – der Schritt zum einzelnen, für sich wirkenden, überraschenden, schönen Wort.

Wortvergnügt (1)

Wie kommt man zu Wörtern, die Verfasser wie Leser wortvergnügt zurücklassen?! Ich denke, auf den üblichen Wegen: Man sammelt sie in den Texten, die man liest, und verwendet sie anschließend (bei passender Gelegenheit); oder man stellt sie selber her.

In Bezug auf das erste Verfahren lohnt vielleicht ein Blick in Johann Georg Hamanns (der Onkel des gleichnamigen, aber ungleich berühmteren philosophischen Schriftstellers) Poetisches Lexikon, oder, wie der Titel weiter ausführt: Nützlicher und brauchbarer Vorrat von allerhand poetischen Redensarten, Beiwörtern, Beschreibungen, scharfsinnigen Gedanken und Ausdrückungen, nebst einer kurzen Erklärung der mythologischen Namen, aus den besten und neuesten deutschen Dichtern zusammengetragen, und der studierenden Jugend zum bequemen Gebrauch mit einer Anweisung zur reinen und wahren deutschen Dichtkunst ans Licht gestellt.

In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben, und damit zu Zeiten, in denen das Dichten ein Handwerk war, war das der „studierenden Jugend“ wirklich ein „bequemer“ Helfer: zu alphabetisch geordneten Stichwörtern gibt es eine kurze Beschreibung, von Dichtern verwendete Redensarten – und eben Beiwörter, die zuvor von Dichtern in Zusammenhang mit diesem Stichwort benutzt worden waren! Zum Beispiel finden sich zu der aus der Odyssee bekannten Calypso diese Beiwörter:

Die schöne, holde, geschickte, beglückte, zufriedene, verliebte, entbrannte, verlassne, betrübte, anmutsvolle, seufzerreiche, unsterbliche.

Nun ja. Keine besonders beeindruckende Auswahl?! Aber eins ist doch dabei, das ein wenig aufhorchen lässt: seufzerreich.

Das ist, erst einmal, selten; und damit auffällig. „Tränenreich“, ganz genauso gebildet, ist viel bekannter, aber eben auch gewohnter!

Spürt man dem „seufzerreich“ ein wenig nach, landet man in der Tat auch in der Odyssee – am Anfang des 21. Gesangs zum Beispiel findet sich, in der Prosa-Übersetzung Wolfgang Schadewaldts, dieser Satz:

Dort lagen ihr die Kostbarkeiten des Herrschers: Erz und Gold und vielbearbeitetes Eisen, dort lag auch der zurückschnellende Bogen und der Köcher, der pfeilaufnehmende, und in ihm waren viele seufzerreiche Pfeile.

Spannend! Wobei die Übersetzer,  die den homerischen Hexameter im Deutschen nachbilden wollten, hier tricksen mussten, denn in der Schlussformel des Verses, dem „X x x / X x“, ist eine doppelt besetzte Senkung Pflicht:

Pfeilgefüllt; drin waren viel seufzererregende Pfeile.

So übersetzte Roland Hampe. Noch anders, aber auch mit einem Partizip, das die benötigten unbetonten Silben herbeischafft, der Klassiker Johann Heinrich Voss:

Und der Köcher, gefüllt mit jammerbringenden Pfeilen.

Wogegen nichts zu sagen ist; aber den Reiz von „seufzerreich“ haben beide Beiwörter nicht! Womit ein erster Eintrag für eine Beiwörterkladde gefunden wäre … Und auch das Bilden eigener Wörter kann hier seinen Anfang nehmen, denn Zusammensetzungen mit „-reich“ lassen sich ohne Mühe bilden, als Abwandlung schon bestehender Begriffe oder ganz frei. Statt „die zahlreich versammelten Menschen“ eben „der Menschen kopfreiche Versammlung“; einfach versuchen, alles mögliche:

Winterszeit, in der Stadt: eine nasenreiche Erkältung.

Wobei es kein völliger Zufall ist, dass die Beiwörter hier und in den anderen beiden Hexametern auf der vierten und fünften Hebung zu stehen kommen. Aber davon: ein andermal.

Wortvergnügt (0)

Wer mit Sprache gestaltet, greift in der Regel nicht unmittelbar auf die Alltagssprache zurück, sondern verändert sie je nach seinen Bedürfnissen; es entsteht eine „Dichtersprache“. Diese Dichtersprache ist mal mehr, mal weniger von der Alltagssprache unterschieden, immer aber zählt zu ihr das Nutzen von Wörtern, die in der Alltagssprache selten oder gar nicht vor kommen, oder von Wörtern, die sogar erst neu geschaffen werden für den Einsatz in einem Gedicht oder Prosa-Text!

Möglichkeiten dazu hat die deutsche Sprache genug. Diese Möglichkeiten sollten aber nicht um ihrer selbst willen genutzt werden, sondern im Dienste einer bewussten Darstellungsabsicht. Wie bei vielem anderen lohnt es auch hier, bei Friedrich Gottlieb Klopstock vorbeizuschauen, der in seiner Jugend eine Dichtersprache vorgefunden hat, die im Geiste der Aufklärung stand und der Alltags-, beziehungsweise der Prosasprache nahezu gleich war; und der dann darangegangen ist, eine anschließend weit in die deutsche Dichtung hineinwirkende eigene Vers-Sprache zu schaffen.

Eines seiner wichtigsten Anliegen war dabei die Kürze des Ausdrucks, die (unter anderem) durch die Bildung von Zusammensetzungen zu erreichen ist: nicht „von fern herweinende Stimmen“, wie sich in der ersten Auflage von Klopstocks Messias findet, sondern „fernherweinender Stimmen“, wie er in späteren Auflagen dafür setzte und was die Präposition „von“ einspart, wodurch der Ausdruck einmal eigenständiger wirkt, weniger eingebunden in den Sinnzusammenhang; und zum anderen auch ungewohnter, neu, und damit den Leser – wortvergnügt zurücklässt.