Erzählformen: Siebenzeiler (6)

Wieder einmal steht die Kanzonenform im Blickpunkt: Erster Stollen, zweiter Stollen (zwei Verse), Stollen (zwei Verse), Abgesang (drei Verse); der Abgesang dabei mit neuen Reimen. Jedenfalls in den allermeisten Fällen! In Mascha Kalékos „Wiedersehen mit Berlin“ (zu finden zum Beispiel in „Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte“, erschienen bei dtv,  auf Seite 83) sind die ersten beiden Strophen siebenzeilig und nach den Kanzonengrundsätzen gebaut – bis auf die Reime, denn die sind beim Abgesang  dieselben wie in den Stollen! Die erste Strophe:

 

Berlin im März. Die erste Deutschlandreise,
Seit man vor tausend Jahren mich verbannt.
Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,
So mit dem Fremdenführer in der Hand.
Der Himmel blaut. Die Föhren rauschen leise.
In Steglitz sprach mich gestern eine Meise
Im Schlosspark an. Die hatte mich erkannt.

 

Und es ist schon erstaunlich, wie stark dieser Verzicht auf frische Reime die Kanzonenform verwischt, fast unkenntlich werden lässt …

Erzählformen: Siebenzeiler (5)

In den bisher schon vorgeführten Siebenzeilern spielte die Kanzonenform eine wichtige Rolle: Ein Aufgesang, bestehend aus zwei zweizeiligen, gleichen Stollen, und ein dreizeiliger Abgesang. Dieser unterscheidet sich zumindest im Reim, kann aber auch ein leicht anderes Metrum aufweisen! Ein Beispiel für letzteres ist Friedrich Rückerts „Frühlingsruf“:

 

Am Bienenhause liegt der Strahl
Der Sonn‘ und weckt die Bienen;
Zur Arbeit möchten sie in’s Tal,
Allein, was wehrt es ihnen?
Ach, das Tal noch kahl zumal
Liegt im winterlichen Bann,
Ohne Blum‘ und Blüten.

Und auch den Finken regt das Licht,
Das helle, hell zu schlagen;
Warum doch schicket er sich nicht,
Gepaart zu Nest zu tragen?
Weil noch licht, weil dicht noch nicht
Laub und Blatt der Baum gewann,
Um ein Nest zu hüten.

In diesen Lüften webest du,
Und schwebst aus diesen Strahlen;
Was hebest du die Todesruh‘
Nicht auch von diesen Talen?
Frühling tu dazu im Nu,
Dass der Kunstfleiß sammeln kann,
Und die Liebe brüten!

 

Hier nutzt der Aufgesang den vierhebigen Iambus, der Abgesang dagegen den vierhebigen Trochäus – ein deutlicher Unterschied in der Wirkung! Aber auch die Gestaltung der Reime ist auffällig: Die Stollen sind ab, ab gereimt, der erste Vers des Abgesangs nimmt dann noch dreimal (!) den a-Reim auf, wonach der vorletzte und der letzte Vers innerhalb der Strophe reimlos bleiben, allerdings strophenübergreifend mit den Schlussversen der anderen beiden Strophen reimen! Alles sehr eigenartig … Ins Bild passt all der andere „Klangschmuck“, den Rückert einbaut: das „liegt, winterlichen, Bann, Blum, Blüten“, was die beiden Schlussverse der ersten Strophe verklammert und in der zweiten Strophe gleichfalls wieder aufgenommen wird: „Laub, Blatt, Baum, gewann“. Die dritte Strophe will davon dann nichts mehr wissen, streut aber dafür noch einen Dreifachreim ein, „webest, schwebst, hebest“; Und noch verschiedenes anderes, so dass, als es zu dem eigentlich fast albernen „tu dazu im Nu“ kommt, der Leser schon alles hinzunehmen bereit ist und es nicht weiter auffällt …

Wie ernst man das nehmen sollte? Keine Ahnung. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Rückert, der in Bezug auf die Versgestaltung über unglaubliche Möglichkeiten verfügte, hier seinen Spaß hatte beim Ausreizen dieser Möglichkeiten!

Erzählformen: Siebenzeiler (4)

Karoline von Günderode hat viele etwas eigenartige Formen verwendet – „Der Trauernde und die Elfen“ zum Beispiel nutzt eine siebenzeilige Strophe aus iambischen Vierhebern, die xaxaxbb gereimt ist! Die dritte der fünf Strophen, der am Grab seiner „Trauten“ Trauernde begegnet den Elfen:

 

Und sieh! ihm naht der Elfen schönste
Und spricht: „Was trauerst du so sehr?
Komm! Ist dein Mädchen dir gestorben?
Vergiss sie! Komm zum Tanze her!
Frei sind wir Elfen, ohne Sorgen,
Leicht wie der Sinn ist unser Fuß,
Und froh und leicht sind Lieb‘ und Kuss.“

 

Auch wenn der Gleichklang des Reimes hier weniger Unterstützung bietet, gliedert sich die Strophe doch, wie so viele Siebezeiler, im Verhältnis „Zwei zu Zwei zu Drei“,  in Aufgesang (zwei gleiche Stollen) und Abgesang?! So gesehen, wenig neues; Die Wirkung ist aber doch eine ganz eigene!

Erzählformen: Siebenzeiler (3)

Auch die beim Verszähler schon häufiger vorgestelle vierzeilige Brunnenstrophe lässt sich nach Art der in (1) und (2) gezeigten Strophen zu einem Siebenzeiler mit der Reimfolge ababccb erweitern, wie zum Beispiel in Gottfried Kellers „Parteigänger“:

 

Ich bin ein wilder Reiter,
Auch beißt und schlägt mein Gaul,
Ich bin ein grober Streiter
Und führ‘ ein grobes Maul;
Und sind auch allerwegen
Mir rostig Schild und Degen –
Drein schlag‘ ich drum nicht faul!

 

Der dreizeilige „Abgesang“ kann aber auch eine andere Reimanordnung haben, zum Beispiel ababcxc, wie in Wie schön blüht uns der Maien:

 

Wie schön blüht uns der Maien,
Der Winter fährt dahin.
Mir ist ein schöns Jungfräulein
Gefallen in meinen Sinn.
Bei ihr, da wär ich wohl,
Wenn ich nur an sie denke,
Mein Herz ist freudenvoll.

 

Also mit einer „Waise“, einem ungereimten Vers als sechster Zeile. Und der Abgesang ist auch nicht daran gebunden, die Verse des Vierzeilers genau zu kopieren – gegenüber der gerade gezeigten Strophe hat die folgende, von Gustav Schwab in „Die Maid von Bodman“ genutzte eine um einen Iambus verlängerte fünfte Zeile, sprich: einen Vierheber unter lauter Dreihebern!

 

In Beten und in Sehnen
Die Jungfrau harrt im Haus,
Bis bei den Sarazenen
Der lange Streit ist aus.
Es kehret heim der Kämpfer Schar,
Sie schaut hinaus nach Einem,
Den wird sie nicht gewahr.

 

Dadurch verkürzen sich die drei Verse des Abgesangs immer um eine Silbe, was eine ganz eigene Bewegung zur Folge hat … Ich mag diese Strophe gerne, schreibe sie gerne und empfehle sie allen am Siebenzeiler Interessierten weiter!

Erzählformen: Siebenzeiler (2)

Anette von Droste-Hülshoffs „Das Bild“ ist ein langes Gedicht, aber die ersten drei Strophen genügen sicher, um einen Eindruck zu bekommen:

 

Sie stehn vor deinem Bild und schauen
In dein verschleiert Augenlicht,
Sie prüfen Lippe, Kinn und Brauen
Und sagen dann: Du seist es nicht;
Zu klar die Stirn, zu voll die Wange,
Zu üppig in der Locken Hange,
Ein lieblich fremdes Angesicht.

O wüssten sie es, wie ein treues
Gemüt die kleinsten Züge hegt,
Ein Zucken nur, ein flüchtig scheues,
Als Kleinod in die Seele legt;
Wie nur ein Wort, mit gleichem Klange
Gehaucht, dem Feinde selbst das bange,
Bewegte Herz entgegen trägt –

Sie würden besser mich begreifen,
Seh’n deiner Locken dunkeln Hag
Sie mich mit leisem Finger streifen,
Als lüft‘ ich sie dem jungen Tag;
Den Flor mich breiten dicht und dichter,
Dass deiner Augen zarte Lichter
Kein Sonnenstaub verletzen mag.

 

Ein Gedicht, dass denselben Strophenbau nutzt wie das gestern vorgestellte Gedicht von Friedrich Schlegel: Sieben Zeilen im Reimschema ababccb – wieder die Kanzonenform! Diesmal sind die Verse aber keine trochäischen Dreiheber, sondern iambische Vierheber, was sicher auch zum Eindruck größerer Gelassenheit beiträgt. Und ich denke, da steckt auch größere dichterische Befähigung dahinter; denn „Das Bild“ ist schon ein guter Text, keine Frage!

Erzählformen: Siebenzeiler (1)

Siebenzeilige Strophen sind unter den deutschen Strophen, deren große Mehrheit eine gerade Anzahl von Versen hat, eher die Ausnahme; einen genauen Blick sind sie aber bestimmt wert!

Ein erstes Beispiel, „Freiheit“ von Friedrich Schlegel – kein besonderes Gedicht, aber formal eine sehr häufige Bauform im Siebenzeiler!

 

Freiheit, so die Flügel
Schwingt zur Felsenkluft,
Wenn um grüne Hügel
Weht des Frühlings Luft,
Sprich aus dem Gesange,
Rausch in deutschem Klange,
Atme Waldes Luft!

Was mit Lust und Beben
In die Seele bricht,
Dies geheime Leben,
Ist es Freiheit nicht?
Diese Wunderfülle,
Die in Liebeshülle
An die Sinne spricht?

 

Und so noch neun Strophen. Inhaltlich, nun ja. Aber das Reimschema, ababccb, lässt schon ahnen, dass hier die alte Kanzonenform verwirklicht wird: Der erste Teil des Gedichts (ab) wird im zweiten Teil wiederholt (ab), ehe ein dritter Teil, der länger ist als jeder der beiden Teile davor, aber kürzer als beide zusammen, die Strophe schließt (ccb).

Ohne Frage eine wunderbar runde, fein abgestimmte, gültig wirkende Bauweise! Das abab, der aus zwei „Stollen“ bestehende „Aufgesang“, ist dabei oft eine bekannte Vierzeiler-Strophe, hier die Strophe von (zum Beispiel!) „Alle meine Entchen“. Oder, um beim Schlegelschen Inhalt zu bleiben: Von „Freiheit, die ich meine“ von Schenkendorf. Das anschließende ccb, der „Abgesang“, kann sich im Metrum vom Aufgesang abheben oder, wie hier, sich der gleichen Verse bedienen.