Erzählformen: Die Stanze (9)

Auch wenn die Stanze im Deutschen nach italienischen Vorbild, was meint: als Erzählstrophe  Fuß fasste – schlussendlich sind die meisten deutschen Stanzen dann eben keine epischen, sondern lyrische. Johann Wolfgang Goethe hat diesen Schritt auch gemacht: „Die Geheimnisse“, einen erzählenden Text, hat er nach 40+ Strophen abgebrochen. Zwei davon:

 

Willkommen, ruft zuletzt ein Greis, willkommen,
Wenn deine Sendung Trost und Hoffnung trägt!
Du siehst uns an; wir alle stehn beklommen,
Obgleich dein Anblick unsere Seele regt:
Das schönste Glück, ach! wird uns weggenommen,
Von Sorgen sind wir und von Furcht bewegt.
Zur wichtgen Stunde nehmen unsre Mauern
Dich Fremden auf, um auch mit uns zu trauern:

Denn, ach, der Mann, der alle hier verbündet,
Den wir als Vater, Freund und Führer kennen,
Der Licht und Mut dem Leben angezündet,
In wenig Zeit wird er sich von uns trennen;
Er hat es erst vor kurzem selbst verkündet.
Doch will er weder Art noch Stunde nennen:
Und so ist uns sein ganz gewisses Scheiden
Geheimnisvoll und voller bittrer Leiden.

 

Da ist zwar von dem Druck, den die Reimhäufung auf den Text ausübt (und den jeder gespürt hat, der schon einmal Stanzen geschrieben hat) nicht viel zu spüren, alles liest sich fließend und ungezwungen; aber hernach hat Goethe ganz andere Stanzen geschrieben …

Formal gesehen ist bemerkenswert, dass die Verschlüsse nicht in allen Strophen gleich sind, sondern – wie hier zu sehen – zwischen weiblichen und männlichen Reimen wechseln.

Erzählformen: Die Stanze (8)

Goethes eigener Versuch in „erotischen Stanzen“ ist „Das Tagebuch“, entstanden allerdings Jahrzehnte nach Heinses Stanzen. Drei der 24 Strophen – ein Reisender nächtigt notgedrungen in einem Gasthaus:

 

Nun setzt ich mich zu meiner Tasch‘ und Briefen
Und meines Tagebuchs Genauigkeiten,
Um so wie sonst, wenn alle Menschen schliefen,
Mir und der Trauten Freude zu bereiten;
Doch weiß ich nicht, die Tintenworte liefen
Nicht so wie sonst in alle Kleinigkeiten:
Das Mädchen kam, des Abendessens Bürde
Verteilte sie gewandt mit Gruß und Würde.

Sie geht und kommt; ich spreche, sie erwidert;
Mit jedem Wort erscheint sie mir geschmückter.
Und wie sie leicht mir nun das Huhn zergliedert,
Bewegend Hand und Arm, geschickt, geschickter –
Was auch das tolle Zeug in uns befiedert –
Genug ich bin verworrner, bin verrückter,
Den Stuhl umwerfend spring ich auf und fasse
Das schöne Kind; sie lispelt: „Lasse, lasse!

Die Muhme drunten lauscht, ein alter Drache,
Sie zählt bedächtig des Geschäfts Minute;
Sie denkt sich unten, was ich oben mache,
Bei jedem Zögern schwenkt sie frisch die Rute.
Doch schließe deine Türe nicht und wache,
So kommt die Mitternacht uns wohl zu Gute.“
Rasch meinem Arm entwindet sie die Glieder,
Und eilet fort und kommt nur dienend wieder;

 

Hier sind, näher am italienischen Original, alle Versausgänge weiblich im Unterschied zu Heises Stanzen! Gemeinsam haben die Werke der beiden Verfasser dagegen, dass ihre (literarischen) Zeitgenossen von derlei Inhalten nicht wirklich begeistert waren – Goethe das „Das Tagebuch“ erst gar nicht veröffentlicht, und später ist es in Ausgaben seiner Werke oft nicht oder nur verändert aufgenommen worden …

Erzählformen: Die Stanze (7)

Wilhelm Heinses in (6) vorgestellte Stanzen gefielen Christoph Martin Wieland ganz und gar nicht. Johann Wolfgang Goethe dagegen war, wie viele andere auch, begeistert! Er hatte Heinses Stanzen in der 1774 erschienenen Druckfassung des „Laidion“ kennengelernt, für die Heinse noch einige Stanzen angehängt, die eigentliche Stelle des Anstoßes, die Vergewaltigung, aber nicht etwa umgeschrieben, sondern „geschwärzt“ hatte –  es waren statt der ensprechenden Verse nur Reihen von Gedankenstrichen zu lesen. „Hintenan sind Ottave angedruckt, die alles übertreffen, was je mit Schmelzfarben gemalt worden“, urteilte Goethe noch im Erscheinungsjahr  in einem Brief an Schönborn, und der von Heinse geprägten Form der Stanze ist er dann einige Male sehr, sehr eindrucksvoll gefolgt.

 

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Dass ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
Ich freute mich bei einem jeden Schritte
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
Und alles war erquickt, mich zu erquicken.

 

Die erste Strophe der „Zueignung“ – und ein ziemlich beeindruckendes Beispiel dafür, was die deutsche Stanze leisten kann!

Erzählformen: Die Stanze (6)

Worum geht es in den in (5) erwähnten „Laidion-Stanzen“ von Wilhelm Heinse? Nun: Zu Zeiten Alexander des Großen erzählt Kleon, der seit Tagen nicht schlafen kann, wie er Almina dabei beobachtet hat, sich zu entkleiden und ein Bad zu nehmen.

 

Jetzt hüpft ihr Fuß empor, von frischer Kühle
Süß angeschreckt – schon steht sie in der Flut
Und überlässt dem reizenden Gewühle
Der Wellen sich; jetzt taucht sie ganz die Glut
Von sich hinein; wollüstige Gefühle
Durchschauern sie – es zittern Geist und Blut
Wie Wonn‘ in ihr; still lächelt das Entzücken
Um ihren Mund, und taumelt auf den Blicken.

 

Das lässt Kleon ganz und gar nicht kalt; in Bewegung kommen die Dinge aber erst, als eine Wolke herabschwebt und von ihr aus „Kinder“ anfangen, Alminas Kleider einzusammeln und Kleon zu entkleiden.

 

Schon wurde mir der Mantel weggetragen –
Im Augenblick war ich der Knaben Spiel.
Ei! Ei! schien der, mit Spott im Blick, zu sagen,
Dem noch zuletzt zum Los das Hemde fiel,
So stark, und jung, und schön – und nichts zu wagen?
Zu diesem Pfeil ist dort das schönste Ziel! –
O Zauberin Almina! – hingesprungen
Hing ich an dir mit festem Arm umschlungen.

 

Almina flieht, Kleon verfolgt sie, „Um nun den Sturm der Lieb‘ aus mir zu wüten“ (Was für ein Vers), erreicht und überwindet sie.

 



Sie kämpfte noch, und meine Seelen irrten,
Von diesem Kampf zum höchsten Sturm geschreckt,
Voll Wut herum, dass alle Nerven girrten,
Verwundet schon mit süßem Blut befleckt –
Und endlich brach, nach hundert Donnerschlägen,
Im Sturm hervor entzückend süßer Regen.

Gleich Blitzen flammen um die Lippen Küsse –
Auf jede Stille folgt ein Donnerschlag –
Es spritzt das Blut der tollen Liebesbisse –
Die Trunkenheit der Wonne raubt den Tag
Den Augen, macht, dass Hände, Leib und Füße –
Ein jedes voll verzückter Seelen lag,
Vom Nektar der Empfindungen durchflossen,
Die Amor in die Flammen ausgegossen.

 

Uh. Das ist, so eindruckvoll es auch gestaltet ist, die Schilderung einer Vergewaltigung?! Als alles vorbei ist, reagiert Almina so:

 

Almina sah mit schwachen, feuchten Blicken
Voll Gnade, Zorn, und Lieb‘ und Ernst mich an,
Und wand sich los – geschwind war Leib und Rücken
Und Brust und Hals in sein Gewand getan –
Ich musste dich die Blüte lassen pflücken,
Und ich verzeih’s, weil ich’s nicht ändern kann;
Doch schweigst du nicht von dem, was hier geschehen,
Dann wehe dir! Dann sollst du Rache sehen.

 

Uh zum Zweiten. Nachdem er zu Ende erzählt hat, findet Kleon doch noch Schlaf, und die letzten Stanzen schlidern den Inhalt seiner Träume.

Die hier vorgestellten Verse finden sich in dem schon erwähnten Brief Heinses an Wieland; wie Heinse glauben konnte, 1773 mit einer solchen Darstellung durchzukommen, ist mir ein ziemliches Rätsel …

Von der großen Wirkung, die diese Stanzen trotzdem hatten, wird der nächste Eintrag berichten!

Erzählformen: Die Stanze (5)

Im Deutschen kam die Stanze mit Wilhelm Heinse in Schwung, der 1774 im Anhang seines „Laidion“ eine kürzere Erzählung in Stanzen veröffentlichte. Ende 1773 hatte er einen Großteil dieser Stanzen an seinen Freund und Förderer Christoph Martin Wieland geschickt in einem Brief, der ganz wunderbar ist …

Nach dem eigentlichen Gedicht lässt sich Heinse über die Stanze an sich aus:

Der Bau der Stanze. Ich las in der Vorrede zu Ihrem Idris: „Die Schwierigkeiten würden unendlich gewesen sein, wenn ich mir in der Länge und Kürze der Zeilen nicht eine Freiheit erlaubt hätte, welche die Natur unserer Sprache zu erfordern schien.“ Ich antworte hierauf: Richtig ist es, dass die regelmäßige italienische Stanze wenigstens hundert Mal schwerer ist als die freie Stanze im Idris; ob diese aber die Natur unserer Sprache zu erfordern scheint – müsste wahrscheinlich durch die geringere Anzahl unserer weiblichen dreifachen Reime entscheiden werden, denn an Wörtern fehlt’s uns nicht hauptsächlich; nun wollt‘ ich aber behaupten, dass sich der weiblichen Reime selbst im Idris wenigstens eine Anzahl zu zehn Gesängen findet, ohne das dadurch die geringste Monotonie entstehen sollte.

Hm. So richtig klug ist es wohl nicht, dem Mann, der die eigene Dichtung drucken soll – in diesem Brief bietet sie Heinse Wieland für dessen Zeitschrift „Merkur“ an -, zu sagen, dass er selbst es sich zu leicht gemacht hat, noch dazu aus nicht stichhaltigen Gründen? Aber das ficht Heinse auch im Weiteren nicht an:

Ferner sagen Sie, dass diese Freiheit eine Quelle von musikalischen Schönheiten geworden ist. Ich geb‘ es zu, Ihrem tranzendalistischen Genius in Ihrem bezaubernden Idris; aber lassen Sie uns andere Erdensöhne uns eben dieser Freiheit bedienen, was wird da herauskommen? 

Damit wechselt er aber endlich zu seinen eigenen Versen:

Ich habe also in meiner Stanze lauter fünffüßige Jamben genommen; und damit sie meine Enkel singen mögen, wie die Gondolieri die Stanzen des Ariosto – lächeln Sie nur immer über meine närrische Grille! Sie kann mir doch mehr nützen als schaden – immer die Reime auf einerlei Art abwechseln lassen.

Das klingt nun endgültig so, als sei Heinse schlicht besoffen vom Glück einer vollendeten Dichtung … Aber er überbietet das noch locker:

Dabei werd‘ ich mir es zum Gestz machen, keine einzige Stelle, wissentlich. aus allen epischen Dichtern nachzuahmen, geschweige zu übersetzen; warum soilt‘ ich das noch einmal sagen, was schon vor mir vortefflich gesagt wurde? Warum sollt‘ ich von hundert Stanzen des Ariosto eine für mich abzunagen mir die beschwerliche Mühe machen, da och leichter zehn andere während der Zeit erseinnen kann, die vielleicht ebenso gut sind?

Selbstvertrauen ist … da. Und Ariost, hier und an noch mehr Stellen dieses Briefs; er ist ohne Frage für alle diese Dichter und Dichtungsdenker eine ganz wichtige Bezugsgröße!

Übrigens haben mich diese 40 Stanzen nicht zuviel Mühe gekostet, in zwo Nächten, ich beteur‘ es Ihnen beim Apoll und den Musen! hab‘ ich sie an meinem Klavier aus der Seele gesungen,  um …

Ich lasse es mal dabei – der Brief ist zwar noch um einiges wunderlicher, aber das hat nichts mehr mit der Form als solcher zu tun. Im nächsten Eintrag folgt dann der Blick auf die Stanzen selbst! Mit denen, das will Heinse im wesentlichen sagen, die „Hauptform der deutschen Stanze“ ihren beachtlichen ersten Auftritt hatte.

Erzählformen: Die Stanze (4)

Hinter einer Form, die in allgemeinen Gebrauch kommt, steht meistens ein großes Werk, dass diese Form beispielhaft verwendet. Der Hexameter zum Beispiel wäre in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht schlagartig beliebt geworden, hätte Klopstock nicht mit seinem „Messias“ ein diesen Vers verwendendes Werk vorgelegt, das seine Zeitgenossen tief beeindruckt und begeistert hat!

In Bezug auf die Stanze spielt (auch) Ludovico Ariostos „Der rasende Roland“ diese Rolle. Fünf Stanzen daraus in der klassischen Übersetzung von Johann Diederich Gries – die Beschreibung der Zauberin Alcina:

 

Was kunsterfahr’ne Maler je erfunden,
Reicht an die Schönheit ihrer Bildung nicht.
Die blonden Haare, lang und aufgewunden,
Besiegen selbst des Goldes glänzend Licht.
Mit Rosen haben Lilien sich verbunden
Und überstreun ihr zartes Angesicht.
Die heitre Stirn, in ihres Maßes Reine,
Scheint wie geformt aus glattem Elfenbeine.

Zwei schwarze Bogen, fein und zart, umhegen
Ein schwarzes Augen- nein, ein Sonnenpaar,
Im Blicken zärtlich, sparsam im Bewegen.
Da nimmt man Amor, scherzend, fliegend wahr;
Da sendet er herab der Pfeile Regen
Und raubt die Herzen, jedem offenbar.
Die Nas‘, absteigend mitten im Gesichte,
Macht auch des Neides Tadelsucht zunichte.

Dann folgt der Mund, von Grübchen hold umfangen,
Und mit natürlichem Karmin bedeckt,
In dem zwei Schnür‘ erlesner Perlen prangen,
Bald von der Lipp enthüllt und bald versteckt.
Da kommt die holde Red‘ hervorgegangen,
Die auch im rausten Herzen Milde weckt;
Da sieht man oft das süße Lächeln werden,
Das, wie es will, den Himmel bringt zur Erden.

Der Hals ist Schnee, und Milch die Brust; vollkommen
Gerundet jener, diese voll und breit.
Ein Äpfelpaar, dem Elfenbein entnommen,
Wallt auf und ab, wie bei der Lüfte Streit
Am Uferrand die Wellen gehn und kommen.
Vom andern gäb‘ auch Argus nicht Bescheid;
Doch schließt man wohl, es müsse das Versteckte
Dem ähnlich sein, was sich dem Aug‘ entdeckte.

Den Armen ist das rechte Maß gespendet,
Und oftmals wird die zarte Hand geschaut,
Die, länglich, schmal, durch ihre Weiße blendet;
Nicht Ader spannt noch Knöchel ihr die Haut.
Die ganze herrliche Gestalt vollendet
Der kurze Fuß, rundlich und wohlgebaut.
Den Engelreiz, im Himmel selbst entsprossen,
Hielt auch der dichtste Schleier nicht verschlossen.

 

Vierzig Verse, Alcina wörtlich vom Kopf bis zum Fuß zu beschreiben, und das in nicht sehr eigenständigen Bildern. Wobei die Schönheit, wohlgemerkt, die „Böse“ ist, die sich alle paar Monate einen neuen Mann als Liebhaber nimmt und den jeweiligen Vorgänger in Steine oder Bäume oder Quellen verwandelt …

„Erwischt“ hat es Rüdiger, der eigentlich vergeben ist. Aber:

 

Und glatt aus seinem Herzen ist verschwunden
Die schöne Jungfrau, der er’s einst verlieh.
Alcina wusch von alten Liebeswunden
Es völlig rein durch mächtige Magie;
Auch wird nichts andres mehr in ihm gefunden,
Als sie allein und Zärtlichkeit für sie.
Und dieser Bann entschuldigt ihn notwendig,
Wenn er sich leicht erwies und beständig.

 

Jaja. Aber die Frage bleibt – ist das wirksam? Ich denke, ja; und das hat viel mit dem Umstand zu tun, dass hier in Versen erzählt wird, und auch damit, dass hier die Stanze verwendet wird.

 

Der „rasende Roland“ hatte übrigens 2016 fünfhundertsten Geburstag, und aus diesem Anlass rückte er wieder ein wenig in den Blick; die NZZ hatte zum Beispiel einen Artikel von Christine Wolter, Frauen, Ritter, Liebeswahn. Kann man lesen!

Erzählformen: Die Stanze (3)

Die im vorigen Beitrag angesprochenen Schwierigkeiten, oder besser: Besonderheiten, die sich bei dem Versuch ergeben, aus einer italienischen Strophenform eine deutsche Strophenform zu machen, hat die deutschen Dichter lange umgetrieben; Christoph Martin Wieland hat dabei seine eigenen Lösungen gefunden. In der Vorrede zu seinem Versepos „Idris und Zenide“ schreibt er:

Das folgende Gedicht ist der erste Versuch, den der Verfasser in einer Art von Stanzen, die den Ottave rime der Italiener ähnlich sind, gewagt hat.

Der Unterschied besteht darin, dass in den Stanzen, worin Bojardo, Ariost, die beiden Tassos, Marino und so viele andere gedichtet haben, alle Zeilen gleich viel Silbenfüße zählen, dass alle Reime weiblich sind, und dass die beiden Reime, an welche die ersten sechs Zeilen gebunden sind, immer auf einerlei Art alternieren, so dass immer die dritte und fünfte Zeile auf die erste, die vierte und sechste aber auf die zweite reimen: da hingegen in den Stanzen des Idris 1) Jamben von acht und neun, zehn und elf, zwölf und dreizehn Silben nach Gutbefinden gebraucht werden; 2) die zwei Reime der sechs ersten Zeilen, ebenfalls nach Willkür, bald wechselweise verschränkt, bald auf jede andre mögliche Art zusammengeordnet sind, und endlich 3) männliche und weibliche Reime abwechselnd und nach Belieben die erste oder letzte Stelle der Stanze einnehmen können.

Diese Freiheit, welche die Natur unsrer etwas ungeschmeidigen Sprache bei einem ersten Versuche wo nicht notwendig zu machen, doch wenigstens zu entschuldigen schien, kann in den Händen eines Dichters, der mit einem Ohr für Wohlklang und Numerus begabt ist, zu einer reichen Quelle musikalischer Schönheiten werden, wodurch diese freiere Art von Stanzen einen wahren Vorzug vor den strengern Ottave rime erhält. Die Monotonie der letztern, die in einem großen Gedichte endlich sehr ermüden müsste, wird dadurch vermieden, und ein weit schönerer Periodenbau, mit einer sehr mannigfaltigen, oft nachahmenden, immer dem Ohre gefälligen Eurythmie und Singbarkeit (wenn ich so sagen darf) in diese Versart gebracht; Vorteile, wovon ganz gewiss kein geringer Teil des Vergnügens abhängt, welches auch solche Leser, die der Prosodie und Versifikation ganz unkundig sind, an Idris und Oberon gefunden haben.

„Oberon“ ist ein anderes Versepos Wielands. Die unterschiedliche Verslänge lässt sich in folgender Stanze, die zufällig die gewöhnliche Reimstellung und die gewöhnliche Verteilung der Versschlüsse hat, gut einschätzen – „ein junger Ritter“ ist im Begriff, ein Bad zu nehmen:

 

Er schnallt den Harnisch ab, legt Helm und Lanze nieder,
Und überlässt der lauen Flut
Den frischen Reiz der jugendlichen Glieder.
Ihr unbefleckter Schnee, getuscht mit Rosenblut,
Scheint aus den Spiegelwellen wieder,
So wie der Sonne Bild von glattem Marmor tut,
Ihm hätte kaum (die Wahrheit zu gestehen)
Die alte Vesta selbst kaltblütig zugesehen.

 

Und doch: Die von Wieland genannten Vorzüge sind deutlich erkenn- und vernehmbar!

Erzählformen: Die Stanze (2)

Wenn August von Platen Recht hat mit seiner im letzten Eintrag getroffenen Unterscheidung „Italienische Stanze = episch, deutsche Stanze = lyrisch“ – worin liegen dann die Unterschiede?

Einmal im benutzten Vers. Die italienische Stanze verwendet den Endecasillabo, einen sich rhythmisch zwar  zum Iambus hinwendenden, aber eigentlich recht freien und beweglichen Vers. Die deutsche Stanze verwendet an seiner Stelle den fünfhebigen Iambus, also einen Vers mit vergleichsweise wenigen rhythmischen Möglichkeiten. Das fällt bei einem kurzen, zum Beispiel vier Stanzen langen lyrischen Gedicht nicht weiter auf; reihen sich aber im Rahmen einer längeren Erzählung hundert und mehr Stanzen aneinander, entsteht schnell ein unschöner Eindruck von Eintönigkeit.

Ein zweiter Unterschied sind die Reime. Davon hat das Italienische einfach mehr, und vor allem: Im Deutschen haben fast alle weiblich-unbetonten Reime ein „schwaches e“ als Vokal der Schluss-Silbe, und auch das trägt zur Eintönigkeit stark bei. Dem zu entgehen, verwendet die “ Hauptform der deutschen Stanze“ zumindest in drei der acht Verse männlich-betonte Vers-Schlüsse. Der Mangel an Reimen führt dagegen zu einer bestimmten Wirkung, wie Johann Ranftl bemerkt:

Die dreimalige Wiederholung gleichgeordneter Reime ist für den deutschen Dichter, dem lange nicht die unerschöpfliche Reimfülle der italiensichen und spanischen Sprache zuströmt, eine schwierige Aufgabe. Eine reiche Bilderfülle sowie synonyme Erweiterungen müssen oft das Maß bis zum Rande füllen helfen. Diese Notwendigkeit und die langen Verse selbst in ihrer gleichmäßigen Wiederkehr geben der Strophe eine pompöse Pracht und feierliche Würde.

Und da wundert es dann nicht, dass die deutsche Stanze zwar auch für erzählende Dichtungen gebraucht wird, aber eben vor allem für Gedichte, in denen diese feierliche Pracht am Platz ist: repräsentierende Gedichte, Huldigungen, Widmungen, Glückwünsche,  Totengedenken, Zueeignungen … Ein Beispiel ist der erste der drei „Stanzen an die Leser“ von Friedrich Schiller:

 

Die Muse schweigt, mit jungfräulichen Wangen,
Erröten im verschämten Angesicht,
Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen,
Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.
Des Guten Beifall wünscht sie zu erlangen,
Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht.
Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne,
Im Busen schlägt, ist wert, dass er sie kröne.

 

Wobei man, wollte man boshaft sein, anmerken könnte, dass Schiller nicht der „pompösen Pracht und feierlichen Würde“ der Stanze bedurfte, um auf den abgehobeneren Pfaden der Dichtung zu wandeln … Die „Stanzen an die Leser“, so schrieb er Körner, sollten jedenfalls, am Ende eines Almanachs stehend, „die Leser auf eine freundliche Art verabschieden“. Nun denn.

Erzählformen: Die Stanze (1)

Die unrsprünglich italienische Stanze ist im Deutschen verschiedenartig nachgebildet worden; als „Hauptform der deutschen Stanze“ gelten acht iambische Fünfheber mit dem Reimschema abababcc, wobei der zweite, vierte und sechste Vers männlich-betont, die anderen fünf Verse weiblich-unbetont schließen.  Das ist eine Strophe von einigem Raum, und wird in ihr erzählt, breitet sich das Erzählte gerne in vielen Einzelheiten vor dem Leser aus. Als Beispiel eine sich im Beschreiben verlierende Stanze aus dem ersten Gesang von Ernst Schulzes „Die bezauberte Rose“:

 

Dann nahte sich aus sanftgeteilten Wogen
Ein glattes Schiff dem blumenreichen Strand.
Wie lustig auch die seidnen Wimpel flogen,
Wie leicht die Luft das Segel auch gespannt,
Doch ward es sanft von Schwänen fortgezogen,
Um deren Hals ein goldner Zaum sich wand;
Aus Ebenholz erglänzten Mast und Stangen,
Von Elfenbein schien Bord und Kiel zu prangen.

 

Und nicht, dass es damit getan wäre;  die Beschreibung des Schiffes nimmt noch zwei weitere Strophen in Anspruch, bevor – nichts weiter geschieht, sondern weiter beschrieben wird, diesmal die auf dem Schiff sich befindende Fee Ianthe:

 

Ein schmaler Reif von hellen Diamanten
Umgab ihr Haupt mit zauberischem Licht,
Und leicht umfloss mit reichgestickten Kanten
Ein zarter Flor ihr blühndes Angesicht;
Allein den Strahl, den ihre Blicke sandten,
Verbürge selbst der Isis Schleier nicht;
Der eine Arm lag auf des Thrones Lehne,
Der andre hielt am goldnen Band die Schwäne.

 

Auch das braucht mehr als eine Stanze … Darauf muss man sich als Leser einlassen. Tut man es, merkt man allerdings schnell, dass das Fortschreiten in den vier Verspaaren – dem dreimaligen „ab“ und dem schließenden, oft etwas abgehobenen „cc“ – sich schnell einprägt und die Wahrnehmung viel stärker bestimmt als das eine oder andere eigentlich entbehrliche Adjektiv oder eine unnötig umfangreiche Aufzählung.