Die Korrelation (5)

Das folgende Sonett ist sehr, sehr berühmt und stammt von Francesco Petrarca; die sich anschließende Übersetzung hat Hugo Friedrich verfasst. Während sich im letzten vorgestellten Korrelationssonett eine dreigliedrige Korrealtion sehr kunstvoll, aber eben auch sehr auffällig durch die Verse zog, benutzt Petrarca nur eine zweigliedrige Korrealtion, die er so zu handhaben weiß, dass sie den Text zwar spürbar gliedert, ihn aber nicht ausschließlich bestimmt. Große Vers- und Sprachkunst!

Inhaltlich geht es um einen Traumbesuch von Petrarcas inzwischen verstorbener Herrin „Laura“:

 

Né mai pietosa madre al caro figlio
né donna accesa al suo sposo dilecto
die‘ con tanti sospir‘, con tal sospetto
in dubbio stato sí fedel consiglio,

come a me quella che ‚l mio grave exiglio
mirando dal suo eterno alto ricetto,
spesso a me torna co l’usato affecto,
et di doppia pietate ornata il ciglio:

or di madre, or d’amante; or teme, or arde
d’onesto foco; et nel parlar mi mostra
quel che ’n questo vïaggio fugga o segua,

contando i casi de la vita nostra,
pregando ch’a levar l’alma non tarde:
et sol quant’ella parla, ò pace o tregua.

 

Nie gab wohl eine Mutter ihrem Sohn,
Nie ihrem lieben Gatten eine Gattin
Mit soviel Innigkeit, mit solchem Bangen
In ernst bedrängter Lage hilfreich Rat,

Wie sie mir gibt, wenn aus der ew’gen Stätte,
Der hohen, sie auf mein Verbanntsein blickt
Und mir erscheint in altgewohntem Fühlen,
Das Aug‘ von doppeltem Erbarmen schön,

Der Mutter wie der Liebenden, voll Angst,
Voll reiner Glut; spricht sie, so ists ein Wink,
Was ich hienieden tun soll und was meiden.

Sie zählt mir her die Unbill dieses Lebens,
Fleht, dass ich nicht zu spät mich aufwärts höbe,
Und nur wenn sie spricht, ruh‘ ich oder harre.

Die Korrelation (4)

„Das europäische Sonett“ von Friedhelm Kemp, erscheinen 2002 bei Wallstein, hat der Verserzähler ja schon vorgestellt unter „Bücher zum Vers“. Ich sage hier aber gerne noch einmal, dass das zwei ganz wunderbare Bücher sind! Auf Seite 328 des ersten Bandes schreibt Kemp auch etwas zur Korrelation im Sonett:

Diese kunstvoll verschränkte Sonderart des Sonetts führen die Metriker als Korrelativsonett auf, als „sonnet en vers rapportes“, in dem mehrere – meist drei – Bildketten syntaktisch parallel durch das ganze Sonett hindurchlaufen. Das hat von fern etwas von einer Fuge und überzeugt nur, wenn es mit höchster Überwachtheit durchgeführt wird.

Vorgeführt wird die Korrealtion dann anhand eines Sonetts von Etienne Jodelle, der eine Dame in Form der „Diana triformis“ besingt; dementsprechend nutzt er eine dreigliedrige Korrelation, die sich in jedem(!) der 14 Verse findet:

 

Des astres, des forêts, et d’Achéron l’honneur,
Diane, au Monde haut, moyen et bas préside,
Et ses chevaux, ses chiens, ses Euménides guide,
Pour éclairer, chasser, donner mort et horreur.

Tel est le lustre grand, la chasse, et la frayeur
Qu’on sent sous ta beauté claire, prompte, homicide,
Que le haut Jupiter, Phébus, et Pluton cuide,
Son foudre moins pouvoir, son arc, et sa terreur.

Ta beauté par ses rais, par son rets, par la crainte
Rend l’âme éprise, prise, et au martyre étreinte :
Luis-moi, prends-moi, tiens-moi, mais hélas ne me perds

Des flambeaux forts et grefs, feux, filets, et encombres,
Lune, Diane, Hécate, aux cieux, terre, et enfers
Ornant, quêtant, gênant, nos Dieux, nous, et nos ombres.

 

Der Sterne Zier, der Wälder und der Schattenwelt,
Darf sich Diana dort und hier und da ergetzen,
Mit Pferden, Hunden und mit Eumeniden hetzen,
Dass sie uns strahlt, uns jagt und gräßlich überfällt.

So großen Glanz, so wildes Jagen, solch Entsetzen
Schickt deine Schönheit auch, hell, rasch und mörderisch,
Dass Jupiter, Apoll und Pluto minder sich,
Die Götter Blitz und Pfeil und Schrecken minder schätzen.

Dein Zauber hat mit Licht, mit List, mit Angst und Bangen
Die Seele mir gebannt, umgarnt und ganz umfangen:
So blende, greife mich, halt mich, doch ach! vernichte

Mit grellen Fackeln mich in Netzen nicht und Höhlen,
Luna, Diana, Hekate, dreifältig Lichte,
Schmuck, Drangsal, Qual, den Göttern, uns und unsren Seelen.

 

Die wunderbare Übersetzung stammt von Kemp. Die Korrelationen, denen am besten jeder selbst nachspürt, bauen auf folgenden Grundbegriffen auf:

Himmel (Licht) – Diana als Mondgöttin Selene;
Erde (Jagd) – Diana als Jagdgöttin Artemis;
Unterwelt (Tod) – Diana als Göttin der Unterwelt, Proserpina.

Gut möglich, dass sich das Sonett als „reine Form“ besonders für eine solch formabsolute Technik eignet, wie es die Korrelation ist?! Jodelles Sonett liest sich gut, einerseits; andererseits ist aber auch ein Gefühl von Übertreibung da, eben nach einem Überbewerten der Form. Das muss aber nicht sein, und im nächsten Eintrag zur Korrelation soll daher ein Sonett vorgestellt werden, das die Korrelation unaufdringlich-bereichernd nutzt.

Die Korrelation (3)

Hugo Friedrich bestimmt in seiner wunderbaren „Geschichte der italienischen Lyrik“ (Klostermann 1964) auf den Seiten 556 und 557 die Korrelation so:

„Auf der Basis von gewöhnlich zwei lexikalischen Grundelementen wird ein Text aufgebaut, der zu den Grundelementen weitere Glieder hinzufügt (Adjektive, Prädikate, Metaphern, Appositionen usw.), diese Glieder jedoch auf die folgenden Verse verteilt, von wo aus sie auf die Grundelemente zurückbezogen werden müssen.“

Und weiter:

„In den meisten Fällen – und sie liegen durchweg außerhalb klassischen Dichtens – ist die Korrelation eine Figur des reinen Stilschematismus, ein konstruierter Beziehungsapparat, der kaum von der Sache oder vom Thema nahegelegt wird, daher auch nicht nach dem Grad der thematischen Angemessenheit beurteilt sein will. Sie verlangt ein Kalkül, das für die richtige Verteilung der korrelativen Glieder, für ihre Erkennbarkeit und tunlichst auch für die Variation in der Reihenfolge der Rückbezüge zu sorgen hat. Dass eine solche formabsolute Figur jedem maniristischen Dichten willkommen ist, liegt auf der Hand.“

Hm. Ich nehme als Beispiel mal ein lateinisches Distichon:

Pastor arator eques pavi colui superavi
Capres rus hostes fronde ligone manu

Das „Epitaph auf Vergil“, ein Distichon aus der Anthologia Latina, das sich auf drei Werke Vergils bezieht: Bucolica, Georgica und Aeneis. Übersetzt heißt das ganze etwa:

Als Hirte, Pflüger, Reiter weidete, bebaute, überwand ich
Ziegen, Land, Feinde mit Laub, der Hacke, der Hand.

Man sieht schon, auf Deutsch funktioniert das nicht ganz so gut; zumindest nicht ohne weiteres und in dieser überbordenden Form. Trotzdem wird, denke ich klar, worauf es hinausläuft: Die Sätze „Als Hirte weidete ich Ziegen mit Laub“ etc sind auseinandergenommen und die sich entsprechenden Satzteile zusammengestellt worden!? Im wesentlichen das gleiche Verfahren, das schon bei Opitz‘ Verspaar zu beobachten war, zu finden im ersten Korrelations-Eintrag!

Das muss man sicherlich mögen; ich für mich kann damit eine ganze Menge anfangen … Einfach mal versuchen, ich glaube zum Beispiel, dass sich Merkverse auf diese Art gut bauen lassen! Aber auch „gewöhnliche“ Inhalte lassen sich so aufmerksamkeitswirksam verarbeiten. Ich stelle noch ein eigenes Beispiel an den Schluss – ein Distichon, das in den lange zurückliegenden Zeiten geschrieben wurde, da Kanzlerin Merkels angebliche oder tatsächliche „Führungsschwäche“ die Nachrichten bestimmte:

Wer, und welchen Berufs, und welchen Handelns verdächtig?!
Merkel, Kanzlerin, führt, ohne zu wissen, wohin.

Wobei der Pentameter beliebig gefüllt werden kann – da man sich mit politischen Inhalten oft nicht beliebt macht, lassen sich sicherlich auch die Nachrichten aus dem Sport so in Form gießen:

Wer, und welchen Berufs, und welchen Handelns geständig?!
Kießling, Fußballer, schießt neben das Tor und hinein.

Denn auch über das „Phantomtor“ wurde viel berichtet … Wie gesagt: Versuchen! Ich denke, es lohnt sich.

Die Korrelation (2)

Auch Shakespeare hat sich der Korrealtion bedient, etwa bei Ophelias Klage um den so verändert erscheinenden Hamlet:

O, what a noble mind is here o’erthrown!
The courtier’s, scholar’s, soldier’s, eye, tongue, sword;
Th‘ expectancy and rose of the fair state,
The glass of fashion and thie mould of form,
Th‘ observ’d of all observers – quite, quite down!

In zweiten Vers baut Shakespeare, statt einfach the „courtier’s eye, the scholar’s tongue, the soldier’s sword“ zu sagen, zwei korrelierende Dreiergruppen!?

A.W. Schlegel hat in seiner klassischen Übersetzung diese Gruppen aufgelöst:

Oh, welch ein edler Geist ist hier zerstört!
Des Hofmanns Auge, des Gelehrten Zunge,
Des Kriegers Arm, des Staates Blum und Hoffnung,
Der Sitte Spiegel und der Bildung Muster,
Das Merkziel der Betrachter: ganz, ganz hin!

Das klingt … anders. Weniger überraschend, gewöhnlicher?! Der Vergleich zeigt jedenfalls ganz gut, was mit einer solchen Korrelation erreicht werden kann.

Die Korrelation (1)

„Korrelation“ meint im Gedicht die Beziehung von räumlich getrennten Wörtern und Wortgruppen. Im einfachsten Fall gibt es zwei Grundbausteine, zum Beispiel zwei Substantive, die um weitere Bausteine ergänzt werden – Prädikate, Adjektive, Appositionen, alles, was denkbar ist; doch diese Ergänzungen stehen nicht in direkter Nachbarschaft der Substantive, sondern werden auf die folgenden Verse verteilt.

Ein Beispiel gibt das erste Quartett eines Sonetts, das Georg Rodof Weckherlin auf Martin Opitz geschrieben hat, den berühmten Schulmeister der deutschen Barockdichtung:

Indem mein Ohr, Hand, Mund schier müd, die schweren Plagen,
Die dieser große Krieg mit Hunger, Schwert, Pest, Brand
Und unerhörter Wut auf unser Vaterland
Ausgießet, ohn Ablass zu hören, schreiben, klagen,

– Der Dreischritt „zu hören, schreiben, klagen“ des vierten Verses bezieht sich auf das „Ohr, Hand, Mund“ des ersten Verses!

Solche Korrelationen kennt die europäische Dichtung seit vorchristlicher Zeit. Maßvoll eingesetzt, sind sie sehr wirkungsvoll und können einem Text viel Gutes tun! Allerdings ist die Gefahr groß, die Dinge zu übertreiben. Vom in Weckherlins Sonett gepriesenen Martin Opitz stammt dieses Alexandriner-Couplet:

Die Sonn’, der Pfeil, der Wind, verbrennt, verwundt, weht hin,
Mit Feuer, Schärfe, Sturm, mein’ Augen, Herze, Sinn.

Zweifellos keine große Dichtung, aber doch ein gutes Beispiel, wie solche Korrelationen aussehen können, wenn sie als Kunststück aufgefasst und auf die Spitze getrieben werden! Schreibt man die vier Halbverse untereinander …

Die Sonn’, der Pfeil, der Wind,
verbrennt, verwundt, weht hin,
Mit Feuer, Schärfe, Sturm,
mein’ Augen, Herze, Sinn.

… kann man die zerlegten Sätze wieder zusammensetzen, indem man sie wie Spalten von oben nach unten liest: „Die Sonn‘ verbrennt mit Feuer mein‘ Augen“, „Der Pfeil verwundt mit Schärfe mein Herze“, „Der Wind weht hin mit Sturm mein‘ Sinn“. Wie gesagt: Keine große Dichtung, aber eine sehr ansprechende Gestaltungsmöglichkeit! Ich möchte daher in einigen Beiträgen verschiedene Beispiele vorstellen von Korrelationsgedichten, sowohl solche, in denen maßvoll korreliert wird, als auch solche, in denen haltlos übertrieben wird. An den Schluss diesen Beitrags möchte ich einen Gedichtanfang Johann Wolfgang Goethes stellen:

Will ich die Blumen des frühen, die Früchte des späteren Jahres,
Will ich was reizt und entzückt, will ich, was sättigt und nährt,

In diesem Distichon werden die „Blumen“ und die „Früchte“ des Hexameters im Pentameter durch „reizt und entzückt“ und „sättigt und nährt“ nachträglich & korrelativ ergänzt! Das wirkt ganz anders als bei Weckherlin & Opitz; besser, weil ungezwungener und fließender.