Erzählformen: Die Chevy-Chase-Strophe (6)

Wie die meisten vierzeiligen Strophen kann auch die Chevy-Chase-Strophe durch angefügte Verse erweitert werden. Fügt man ein Reimpaar aus iambischen Vierhebern an, entsteht diese sechszeilige Strophe:

x X / x X / x X / x X a
x X / x X / x X b
x X / x X / x X / x X a
x X / x X / x X b
x X / x X / x X / x X c
x X / x X / x X / x X c

Wie immer bei der Reimanordnung ababcc kann das schließende Reimpaar epigrammatisch-nachdrücklich genutzt werden; wird die Strophe erzählend gebraucht, ist das weniger der Fall, wie zum Beispiel in Nikolaus Lenaus „Der Raubschütz“, an dessen Beginn dem Leser der Müller Jacob zu mitternächtlicher Stunde gezeigt wird; es stürmt, als plötzlich:

 

Die Tür geht auf, er fährt empor:
Wer kommt zu solcher Stund?
Ein Weidmann mit dem Feuerrohr,
Mit seinem Stöberhund,
Hahnfeder, Gemsbart auf dem Hut,
Das grüne Wams befleckt mit Blut.

Der Müller starrt, zurückgebeugt,
Dem Jäger ins Gesicht,
Sein Haar entsetzt zu Berge fleugt,
Sein Blut zum Herzen kriecht:
Der Raubschütz ists, der wilde Kurd,
Der jüngst im Wald erschossen wurd.

 

Die Zweiteilung der Strophe ist zwar da, wird aber nicht wirklich betont! Die zweite Strophe von „Der Freundschaftsbund“ von Johann Heinrich Voß trennt etwas deutlicher:

 

Erbarmend sah des Lebens Müh
Der Menschen Vater, schwieg,
Erschuf die Freundschaft, wog, und sieh,
Des Elends Schale stieg.
Da sprach der Vater: „Es ist gut!“
Und alles Leben hauchte Mut.

 

Da wird vielleicht auch schon ein gewisser Grundton, eine Grundstimmung der Strophe hörbar? Das Volks- und Küchenlied klingt nicht viel anders („Der Räuber Willibald“, zweite Strophe) …

 

Einst raubt er eine Jungfrau fein
Und führt sie in den Wald
Und sprach: Mein Kind, jetzt bist du mein!
Ich heiße Willibald.
Jetzt will ich kühlen meine Lust
An deiner zarten weißen Brust.

 

… und das Liebeslied auch nicht („Winterlied“ von Gottfried August Bürger, erste Strophe):

 

Der Winter hat mit kalter Hand
Die Pappel abgelaubt,
Und hat das grüne Maigewand
Der armen Flur geraubt;
Hat Blümchen, blau und rot und weiß,
Begraben unter Schnee und Eis.

 

Insgesamt eine schöne, runde Strophe, die auszuprobieren sich lohnt!

Erzählformen: Die Chevy-Chase-Strophe (5)

Die Chevy-Chase-Strophe hat es in der deutschen Dichtung zu großer Beliebtheit gebracht. Das liegt sicher an ihren zahlreichen Vorzügen; trotzdem muss es jemanden gegeben haben, der sie eingeführt und als Beispiel vor die Verfasser und Leser gestellt hat!

Dieses Verdienst darf sich zu einem nicht geringen Teil Johann Wilhelm Ludwig Gleim zuschreiben, der die Strophe in seinen „Preussischen Kriegsliedern“ verwendtete, um die Schlachten Friedrichs des Großen zu besingen. Das „Herausfordrungslied vor der Schlacht bei Roßbach“:

 

Heraus aus deiner Wolfesgruft,
Furchtbares Heldenheer!
Heraus zum Streit in frische Luft,
Mit Mut und Schlachtgewehr!

Wir kleiner Haufe wachen schon,
Und singen Schlachtgesang,
Und wecken dich mit Kriegeston,
Mit Lärm und Waffenklang.

Was schlummerst du? Die träge Rast,
Schickt die für Helden sich?
Wenn du gerechte Sache hast,
Warum verkriechst du dich?

 

Das klingt heutzutage fremd; aber die Eignung der Strophe für dieses zupackende, aufrüttelnde „Wecken“ ist immer noch spürbar, und Gleims Zeitgenossen spürten das erst recht!

Erzählformen: Die Chevy-Chase-Strophe (4)

Zweisilbig besetzte Senkungsstellen machen sich immer bemerkbar, allerdings besonders, wenn die den Vers beginnende, erste Senkung so gestaltet ist! Theodor Fontanes „Frühling“ ist keine Ballade, nutzt aber auch die Chevy-Chase-Strophe:

 

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
„Er kam, er kam ja immer noch“,
Die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuss auf Schuss;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muss.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei;
Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.“

O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.

 

Die erste Strophe ist ein wenig aufgelockert, die zweite stark, die dritte, dem zögerlichen Inhalt angemessen, gar nicht; aufschlussreich ist aber der Blick auf die vierte Strophe, deren V2 eine doppelt besetzte Eingangssenkung aufweist: „Und die“! Das sticht für’s Ohr wirklich besonders hervor?! In V4 dann noch eine seltene Abweichung: die Eingangssenkung ist überhaupt nicht besetzt, der Vers beginnt dadurch betont! Aber auch das kann man als Möglichkeit sehen, das „Abschütteln der langen Winterruh“ mit den Mitteln der Form zu verdeutlichen; als deutlichen Gegensatz zur Einförmigkeit der dritten Strophe.

Erzählformen: Die Chevy-Chase-Strophe (3)

Will man die Grundform der Strophe abwandeln, stehen die üblichen Möglichkeiten zur Verfügung, zuallererst die gelegentliche Besetzung der Senkungsstellen mit zwei unbetonten Silben. Ein Beispiel dafür ist  Moritz Graf von Strachwitz‘ „Ein anderer Orpheus“, eine etwas eigenwillige Fassung des nordischen Sagenstoffs aus Atli- bzw. Nibelungenlied!

Gudrun schlägt bei Strachwitz Gunnar die die Harfe haltenden Hände ab, ehe sie ihn in den Schlangenturm werfen lässt. Der trägt seinen Namen nicht umsonst:

 

Und aus den Ritzen rechts und links
Vorkams und krochs und quolls,
Und zischend um den Ritter rings
Zehntausendstimmig scholls.

 

– Das ist die Grundform, alle Senkungen sind einsilbig besetzt! Gudrun ruft Gunnar in seiner misslichen Lage zu:

 

„Das ist ein guter Harfner traun,
Der in des Todes Weh,
Wenn man die Finger ihm abgehaun,
Noch harft mit seiner Zeh‘!“

 

Hier ist in V3 eine Senkung mit zwei unbetonten Silben besetzt, und die Wirkung ist deutlich: Eine Auflockerung des strengen Auf und Ab, und eine Beschleunigung der Versbewegung! Gunnar nimmt den wunderlichen Ratschlag an und spielt die Harfe mit den Füßen, was dieses Ergebnis zeitigt:

 

Drei Tage erscholl der Harfe Stimm‘,
Drei Nächte stark und gut,
Und ringsum horchte trotz Hunger und Grimm
Die funkeläugige Brut.

 

– Da sind dann schon drei Verse mit solchen doppelt besetzten Senkungen versehen, in V3 stehen sogar gleich zwei davon; die Grundform ist als Bezugsgröße ein wenig verloren gegangen und teilt sich dem Hörer nur noch schwach mit. Aber in ihrer abwechslungreichen Bewegung ist die Strophe trotzdem wirksam; und wahrscheinlich auch ein Hinweis darauf, dass, sollte jemand auf den Gedanken kommen, heute noch in dieser Strophe zu schreiben, er es besser in dieser (leicht) aufgelockerten Form tut – das klappernd-eintönige Auf und Ab der strengen Alternation wirkt doch recht altbacken!

Erzählformen: Die Chevy-Chase-Strophe (2)

Auch Johann Martin Miller nutzt für seinen „Ritter Richard“ die Grundform der Strophe. Der Anfang des Textes:

 

Der Ritter Richard sah einmal
Das Fräulein Adelgund,
Und herzlich tat er seine Qual
Ihr unter Tränen kund;

Und wurde bald erhört. Es sprach
Die Lieb‘ aus ihrem Blick,
Sie sahen sich an jedem Tag,
Und täglich wuchs ihr Glück.

 

Knapp auf den Punkt gebracht; und das können solche Strophen wirklich gut! Allerdings sind die Verse sehr kurz, und vor allem Dreiheber haben oft die Schwierigkeit, in ihrem schmalen Raum eine Handlung so darzustellen, dass Spannung und Dramatik fühlbar werden. „Ritter Richard“ beispielsweise ist später im Text fort, und „Fräulein Adelgund“ schwenkt in dieser Zeit auf „Ritter Robert“ um, den sie sogar zu ehelichen gedenkt; was „Ritter Richard“ nicht gut aufnimmt:

 

Ein frischgeflochtner Blumenkranz
Umschlang ihr blondes Haar,
Und alles ging, in Prunk und Glanz,
Mit ihnen zum Altar.

Des Priesters Stimme schallte schon,
Sie sprachen beid‘ ihr Ja.
Gott segn‘ euch!Fluch euch! hallt‘ ein Ton,
Und flugs war Richard da;

Und stieß das Schwert mit einem Stoß
Ins Herz dem Bräutigam,
Dass quellend sich sein Blut ergoß
Und schwarz am Altar schwamm;

Und mit der andern Hand ergriff
Er ungestüm das Weib,
Und stieß das Schwert, noch rauchend, tief
Ihr in den falschen Leib.

 

Mir scheint, es fehlt in den letzten beiden der angeführten Strophen ein wenig der Nachdruck, die Überzeugungskraft, die dem (blutigen) Geschehen angemessen wäre? Vielleicht lohnte es sich, bei verschiedenen Verfassern nachzuschauen, wie sie solche Tötungen schildern – um mit Hilfe welcher Verse!

 

Er wirft sein Schwert, das blitzend des Jünglings Brust durchdringt,
Draus statt der goldnen Lieder ein Blutstrahl hoch aufspringt.

 

Das ist aus Ludwig Uhlands „Des Sängers Fluch“ und das erste, was mir in den Sinn kam … Weil es nachdrücklicher ist? Und das durch die Langverse möglich wird?!

Erzählformen: Die Chevy-Chase-Strophe (1)

Die Chavy-Chase-Strophe ist eine sehr robuste Erzählstrophe eigentlich englischen Ursprungs, die viel Anklang gefunden hat in der deutschen Dichtung! Sie sieht so aus:

x X / x X / x X / x X a
x X / x X / x X b
x X / x X / x X / x X a
x X / x X / x X b

– Also eine kreuzgereimte Strophe, in der sich iambische, männlich schließende Vierheber mit iambischen, männlich schließenden Dreihebern abwechseln! Die Senkungsstellen können gelegentlich mit zwei unbetonten Silben besetzt sein, was der Strophe mehr Schwung und Vielgestaltigkeit verleiht; „Die Wahl“ von Gottlieb Konrad Pfeffel, ein recht frühes Beispiel der Strophe, nutzt aber die Grundform:

 

Graf Hunerich, ein deutscher Mann,
Hielt sich und seinem Weib,
Frau Hedwig, einen Schlosskaplan
Zum frommen Zeitvertreib.

Der Mönch vergaß beim leckern Tisch
Des Grafen sein Brevier;
Aß auch am Freitag selten Fisch,
Trank lieber Wein als Bier.

Einst weckt ihn was um Mitternacht;
Da stand in stillem Grimm,
Gehörnt, in schwefelgelber Tracht,
Fürst Luzifer vor ihm.

Wähl, sprach er, unter dreien eins:
Ermorde Hunerich,
Entehr‘ sein Weib, sauf dich voll Weins,
Sonst hol‘ ich morgen dich.

Er wählt die Flasche, treibt berauscht
Mit Hedwig frevle Lust,
Und stößt dem Mann, der sie belauscht,
Ein Messer in die Brust.