Erzählformen: Die Brunnenstrophe (24)

Wer heute an die Brunnenstrophe denkt, hat vermutlich sofort irgendein Gedicht der Romantik im Ohr. Aber die Strophe ist viel älter, sowohl in ihrer weltlichen als auch ihrer geistigen Verwendung! Vor mehr als sechshundert Jahren gab es zum Beispiel schon ein Lied, dass man auch heute noch in der Adventszeit hören kann, diesen Anfangs:

 

Es kommt ein Schiff, geladen
Bis an sein’ höchsten Bord,
Trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
Des Vaters ewigs Wort.

 

Gerade einmal um die 60 Jahre alt ist dagegen „Ich steh‘ in Gottes Hand“ von Ruth Schaumann, entnommen dem 1947 bei Kerle erschienenen Band „Klage und Trost“:

 

Tod wirft vom Himmel nieder
Blitz, Flammen, Erz und Rauch,
Und singt er seine Lieder,
Ich selber singe auch:

Gegrüßt, der mich erschaffen,
Mich flirrend Körnlein Sand,
Und steht die Welt in Waffen,
Ich steh‘ in Gottes Hand.

Gegrüßt sein Sohn in Leiden,
Sein Geist in Liebe frei!
Und soll ich heut‘ verscheiden,
Steht mir dreieinig bei!

Dann mag dem Tod gelingen
Sein Wurf durch Angst und Pein,
Ich selber werde singen
Und sterbend lebend sein.

 

Diese Verse klingen „alt“ auf gleich mehrere Arten – S1 V2 zu Beispiel wirkt mir ziemlich barock (und ja: auch zu Gryphius‘ und Opitz‘ Zeiten war die Brunnenstrophe in Gebrauch); aber so ganz das „Heute“ zu verleugnen, das gelingt ihnen eben auch nicht?!

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (23)

Die Brunnenstrophe an sich ist pflegeleicht; sie kann aber auch ohne große Mühe abgewandelt werden. Klabunds „Lied im Herbst“ zum Beispiel verkürzt den vierten Vers von drei Iamben auf nur einen Iambus:

 

Wie Krieger in Zinnober
Stehn Bäume auf der Wacht.
Ich taumle durch Oktober
Und Nacht.

Blut klebt an meinem Rocke.
Mein Weg ist weit und lang.
Des Tales dunkle Glocke
Verklang.

Auf einem schwarzen Pferde
Reit ich von Stern zu Stern.
Die Sonne und die Erde
Sind fern.

Ich bin von vielen Winden
Zu Gott emporgereicht.
Werd ich den Frühling finden?
Vielleicht …

 

Das ist sicher eine andere Strophe, eine andere, am Schluss mutwillige Bewegung?! Spannend aber, wie im Vortrag dieser vierte Vers auch gegen die Erwartung der sich vollendenden Brunnenstrophe verwirklicht werden muss; und wie leicht das in der Schlussstrophe geht, wodurch alle Spannung vom Gedicht abfällt …

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (22)

Um den in den letzten beiden Brunnenstrophen-Einträgen begonnenen Gang in die Gegenwart abzuschließen, hier ein Verweis auf an meinen vater von Arne Rautenberg, gestern auf faz.net im Rahmen der Frankfurter Anthologie von Kai Sina vorgestellt und besprochen, dazu von Thomas Huber gelesen. Eine Brunnenstrophe ist dabei allerdings nur die erste der drei verarbeiteten Strophen. Das gegebene Schriftbild sieht wüst aus:

 

für dich bin ich
gestorben
so wurds mir kolportiert
was zwischen uns
verdorben
hat unsern weg

markiert

 

Huber lässt sich im Vortrag davon allerdings nicht aus der Ruhe bringen und liest diese und die anderen beiden  Strophen als Einheiten. Deutlich aktuellere Brunnenstrophen werden sich kaum finden lassen; „an meinen Vater“ stammt aus einem 2017 erschienenen Lyrikband Rautenbergs, „nulluhrnull“.

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (21)

Je weiter man sich der Gegenwart nähert, je stärker hebt sich die Brunnenstrophe gegen ihre Umgebung ab. In Ingeborg Bachmanns „Sämtlichen Gedichten“ (Piper, 6. Auflage 2009) zum Beispiel findet sich auf Seite 144 „Bleib“. Die erste der drei Strophen:

 

Die Fahrten gehn zu Ende,
der Fahrtenwind bleibt aus.
Es fällt dir in die Hände
ein leichtes Kartenhaus.

 

Und was vor 150 Jahren eine gänzlich unauffällige Strophe gewesen wäre, sticht hier unter den davor und danach stehenden Gedichten (darunter durchaus einige Reimgedichte!) doch sehr heraus. Und damit müsste sich jeder abfinden, der diese Form nutzt: die Erinnerung an Vergangenes, und damit ein Eindruck von Unpassendheit im Jetzt. Den kann man nutzen für sich, oder gegen ihn ankämpfen; aber da ist er.

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (20)

Zum Guten oder Schlechten – die Brunnenstrophe klingt immer etwas romantisch und volkstümlich, oder zumindest erwartet man das von ihr. Werden andere Inhalte dargestellt, modernere: Klingt es oft etwas fremd. Das kann man schon an Ferdinand von Saars inzwischen gleichfalls nicht mehr ganz taufrischem „Arbeitergruß“ feststellen! Die ersten vier Strophen:

 

Vom nahen Eisenwerke,
Berußt, mit schwerem Gang,
Kommt mir ein Mann entgegen,
Den Wiesenpfad entlang.

Mit trotzig finstrer Miene,
Wie mit sich selbst im Streit,
Greift er an seine Mütze –
Gewohnheit alter Zeit.

Es blickt dabei sein Auge
Mir musternd auf den Rock,
Und dann beim Weiterschreiten
Schwingt er den Knotenstock.

Ich ahne, was im Herzen
Und was im Hirn ihm brennt:
„Das ist auch einer,“ denkt er,
„Der nicht die Arbeit kennt.“

 

Ein Arbeiter aus einem Eisenwerk – nichts, was man bei Brentano oder Eichendorff zu erwarten hätte! Aber die Strophe bewältigt selbstredend auch das.

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (19)

Ein etwas weniger bekannter Text von Joseph von Eichendorff ist „Der Kühne“:

 

Und wo noch kein Wandrer gegangen,
Hoch über Jäger und Ross
Die Felsen im Abendrot hangen
Als wie ein Wolkenschloss.

Dort zwischen den Zinnen und Spitzen
Von wilden Nelken umblüht,
Die schönen Waldfrauen sitzen
Und singen im Wind ihr Lied.

Der Jäger schaut nach dem Schlosse:
Die droben, das ist mein Lieb! –
Er sprang vom scheuenden Rosse,
Weiß keiner, wo er blieb.

 

Drei Strophen, in denen die Senkungsstellen ganz unregelmäßig mit entweder einer oder zwei unbetonten Silben gefüllt sind; wobei diese unbetonten Silben noch dazu sehr unterschiedlich sind,  wie zum Beispiel „Wald-frau-en“ belegt?! Trotzdem sind die Verse erkennbar von gleichem grundlegenden Bau, und in dieser Eigenart auch vom Hörer erfahrbar; die Brunnenstrophe ist gut herauszuhören!

Inhaltlich ist es genau die Art von Erzähltext, der in der Brunnen-Strophe zur Geltung kommen kann: Nicht zu lang, nicht zu reich an Einzelheiten, nicht zu stark angewiesen auf innere Bezüge.

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (18)

Frösche sind beim Verserzähler recht häufig vertreten, da sie im „Königreich von Sede“ eine der Hauptrollen spielen! Da wundert es nicht, wenn ich beim Durchsehen von Gedichtsammlungen besonders auf Froschgedichte achte. Heute fiel mir eines von Karl Geisheim auf, „Frühlingsmusikanten“, aus dem ich drei Strophen vorstelle:

 

Quak, quak! so ging’s im Teiche,
Quak, quak! stimmt alles ein:
Kommt, kommt, ihr lieben Leute,
Der Frösche Gast zu sein.

Denn wahre Hexenmeister
Die Herren Frösche sind;
Man sieht sein blaues Wunder,
Wenn ihr Gesang beginnt.

Das fahle, graue Röckchen
Der Mutter Erde schwand,
Frosch rief sich einen Schneider,
Der hat es Grün gewandt.

 

Das ist … harmlos, aber immerhin auf recht niedliche Weise harmlos; und in der Brunnenstrophe auch in einer Form dargestellt, die diese Harmlosigkeit gutheißt und lächelnd unterstützt. Wobei die Frühlingskünste der Frösche am Ende noch relativiert werden:

 

Da will der Frosch wohl sagen:
Seht, das hab‘ ich gemacht;
Doch wird er ob des Dünkels
Dann billig ausgelacht.

 

Geisheim gibt noch den Hinweis „nach der Melodie von ‚Für fünfzig alte Weiber'“; da mir das aber nichts sagt im Moment, verweise ich auf Paul McCartneys We all stand together, mit dem es eine, äh: Schnittmenge gibt. Frösche, zum Beispiel; und man wundert sich …

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (17)

Eine einfache Abwandlung der Brunnenstrophe entsteht, wenn der dritte Vers in Metrum und Reim verdoppelt wird. Den so entstandenen Fünfzeiler hat zum Beispiel Theodor Storm in „Verirrt“ verwendet:

 

Ein Vöglein singt so süße
Vor mir von Ort zu Ort;
Weh, meine wunden Füße!
Das Vöglein singt so süße,
Ich wandre immerfort.

Wo ist nun hin das Singen?
Schon sank das Abendrot;
Die Nacht hat es verstecket,
Hat alles zugedecket –
Wem klag ich meine Not?

Kein Sternlein blinkt im Walde,
Weiß weder Weg noch Ort;
Die Blumen an der Halde,
Die Blumen in dem Walde,
Die blühn im Dunkeln fort.

 

Wobei Storm verschiedene Dinge vorführt, die man mit dieser Form anstellen kann: Die Wiederholung des Reimworts aus V1 in V4 zum Beispiel ( „süße“ in S1, „Walde“ in S3); in S2 ist V1 ungereimt, was sich ergibt, wenn die ursprüngliche vierzeilige Strophe nur halbgereimt war (aus xaxa wird xabba). Das kann auch durch ein ganzes Gedicht hindurch tragen, die Beispiele dafür sind zahlreich! Friedrich Hebbels „Der junge Schiffer“ beginnt so:

 

Dort bläht ein Schiff die Segel,
frisch saust hinein der Wind!
Der Anker wird gelichtet,
das Steuer flugs gerichtet,
nun fliegts hinaus geschwind.

Ein kühner Wasservogel
kreist grüßend um den Mast,
die Sonne brennt herunter,
manch Fischlein, blank und munter,
umgaukelt keck den Gast.

 

Eine angenehm zu lesende Strophe, die sich auch ohne große Mühe schreibt und daher sicher einen Versuch wert ist!

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (16)

Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ war seinerzeit ein sehr, sehr berühmtes Buch – aber auch die Moritat, die Heinrich Gottfried von Bretschneider daraus gemacht hat, war wohlbekannt. Acht Strophen daraus:

 

Ein Pfeil vom Liebesgotte
Fuhr ihm durchs Herz geschwind:
Ein Mädchen, sie hieß Lotte,
War eines Amtmanns Kind.

Die stand als Vize-Mutter
Geschwistern treulich vor
Und schmierte Brot mit Butter
Dem Fritz und Theodor,

Dem Liesgen und dem Kätgen –
So traf sie Werther an
Und liebte gleich das Mädgen,
Als wär’s ihm angetan.

Wie in der Kinder Mitte
Sie da mit munterm Scherz
Die Butterrahmen schnitte –
Da raubt‘ sie ihm das Herz.

Er sah, beklebt mit Rotze,
Ein feines Brüderlein
Und küsst‘, dem Rotz zum Trotze,
An ihm die Schwester sein.

Fuhr aus, mit ihr zu tanzen
Wohl eine ganze Nacht,
Schritt Menuetts der Franzen
Und walzte, dass es kracht‘.

Sein Freund kam angestochen,
Blies ihm ins Ohr hinein:
„Das Mädgen ist versprochen
Und wird den Albert frein.“

Da wollt‘ er fast vergehen,
Spart‘ weder Wunsch noch Fluch,
Wie alles schön zu sehen
In Doktor Goethes Buch.

 

Rotze. Ja. Die zuvor, in diesem Ausschnitt und danach erzählte Geschichte ist jedenfalls die von „Doktor Goethe“ bekannte; das „wie“, die mutwillig unbekümmerte Füllung der so volkstümiich gewordenen Brunnenstrophe, gibt dem ganzen aber einen eigenen Klang und unterstützt die (auch angelegte) parodistische Wirkung aufs feinste?!

Erzählformen: Die Brunnenstrophe (15)

Die in (12) und (13) vorgestellte „doppelte Brunnenstrophe“ ist eigentlich die ältere Form, und die „einfache Brunnenstrophe“ die jüngere; trotzdem hat man fast auschließlich den Vierzeiler im Ohr, während der Achtzeieler heute fremd wirkt. Das liegt, auch und besonders, an der Romantik, die viele großartige, wirkungsmächtige Gedichte in volkstümlichen, kreuzgereimten Vierzeiler-Strophen geschrieben hat und diese Art Strophe als „Ohren-Maß“ eingeführt hat: Längere Strophen, wie sie vor 1800 beliebt und häufig waren, wirken heute fremd.

Die „doppelte Brunnenstrophe“ hat Robert Eduard Prutz 1841 benutzt, um seinen Band „Gedichte“ zu eröffnen mit „Den Dichtern“ – die zweite Strophe:

 

Wohl hört man allerorten
Von Unmut, Zwist und Streit,
Sie schmäh’n mit herben Worten
Auf diese schlimme Zeit:
Dass aus der Welt entschwunden
Die alte Märchenpracht,
Und keiner drin gefunden,
Was er als Kind gedacht.

 

Vor allem angesichts der letzten vier Zeilen ist die Wahl der Strophenform hier vielleicht ganz passend?! Als dieser Form eher fremder Inhalt wirkt, zumindest auf mich, dann die deutlich rhetorische Aufforderung der dritten Strophe:

 

Und sind so schlimm die Zeiten
Und ward die Zeit so schlecht:
Was mehr? So musst du streiten
Und kämpfen für das Recht.
Da gilt’s nicht Seufzer singen,
Schwermüt’ge Litanei’n,
Da gilt es fröhlich Ringen,
Gilt Mann mit Männern sein!

 

In der letzten Strophe schließlich kommen beide Stimmen zu Wort, die volkstümliche wie die gedanklich-aufrüttelnde, fein auf die beiden Strophenhälften verteilt:

 

Noch leuchten Gottes Sterne
Wohl über Land und Flut,
Noch gibt es nah und ferne
Viel Herzen fromm und gut:
Sie sollen nicht verderben!
Zu Taten, kühn und groß,
Soll dein Gesang sie werben:
Sieh, das ist Dichterlos!

 

Was er hier beschreibt, hat Prutz in seinem eigenen Dichten jedenfalls umgesetzt … Mit welchem Erfolg – nun ja; zu seiner Zeit war er jedenfalls ein bekannter und vielgelesener Mann!