Die Bewegungsschule (57)

Gertrud Kolmars „Garten im Sommer“ ist in ganz unterschiedlich langen, ganz unterschiedlich sich bewegenden Versen geschrieben. Einmal klingt aber eine Bewegung auf, die jedem, der die „Bewegungsschule“ besucht hat, sofort vertraut ist – ein Gruß vom „großen Bruder“!

 

Und ein winziger reglos hockender Frosch, der aus grüner Bronze geformt ist.

 

Und ein win– / ziger | reg– / los hock– / ender Frosch, || der aus grü– / ner Bron– / ze geformt / ist.

ta ta TAM / ta ta |  TAM / TAM TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta TAM / ta ta TAM / ta

Sehr schön! Auch wenn der hier waltende Zufall sich durchaus bemerkbar macht , und zwar weniger durch die eine einsilbig-leicht besetzte Senkung (das schadet nicht) als vielmehr durch die fehlende / undeutliche Nebenzäsur im ersten Halbvers?! Aber auch das ist verschmerzbar …

Die Bewegungsschule (56)

Friedrich Gottlieb Klopstock schreibt in seinen „Gedanken über die Natur der Poesie“:

Die tiefsten Geheimnisse der Poesie liegen in der Aktion, in welche sie unsre Seele setzt. Überhaupt ist uns Aktion zu unserm Vergnügen wesentlich. Gemeine Dichter wollen, dass wir mit ihnen ein Pflanzenleben führen sollen.

Der letzte Satz ist ein Schatz, fraglos. Und heute nicht weniger gültig als vor über 200 Jahren, fürchte ich … Auch wenn man Klopstocks Liebe zur (Sprach-)Bewegung nicht in vollem Ausmaß teilt, anregen lassen sollte man sich:

 

Wie sie herschwebt an des Quells Fall! Mächtiges Getön,
Wie Rauschen in den Nächten des Walds ist ihr Schwung!

 

– Steht in Klopstocks „Unsre Sprache“. Und die Bewegung des ersten Verses …

◡ ◡ — —, ◡ ◡ — —, — ◡ ◡ ◡ —

… beeindruckt wirklich. Sprache ist Bewegung, „Schwung“; das hat niemand besser verstanden als Klopstock, und er hat dieses Wissen auf auch heute noch wirksame und gültige Art in Verse umgesetzt.

Die Bewegungsschule (55)

Der „große Bruder des Bewegungsschulenverses“ hat auch einen richtigen Namen, nur klingt der nicht besonders schön: „Katalektischer anapästischer Tetrameter“. Dann doch lieber „Aristophanischer Vers“, denn so heißt er auch! Aristophanes hat ihn viel in seinen Komödien benutzt, zum Beispiel in den 414 vor Christus zum ersten Mal aufgeführten „Vögeln“; in der ersten Szene wendet sich dort der Chorführer an die Zuschauer:

 

O ihr Menschen, verfallen dem dunklen Geschick, „den Blättern des Waldes vergleichbar“,
Ohnmächtige Zwerge, Gebilde von Lehm, traumähnliche Schattengestalten,
O ihr Eintagsfliegen, der Flügel beraubt, ihr erbärmlich-verweslichen Wesen,
Jetzt lauschet und hört die Unsterblichen an, die erhabenen, ewiglich jungen,
Die ätherischen, himmlischen, seligen, uns, die Unendliches sinnenden Geister,
Die euch offenbaren die Lehre vom All und den überirdischen Dingen:

 

Nun weiß ich nicht, was da im griechischen Ursprungstext steht, sondern kenne nur die (klassische) Übersetzung von Ludwig Seeger; die aber hat viele wunderbare Stellen, an denen die Sprache so kraftvoll und doch immer beherrscht und gebändigt dahinströmt, dass es eine Freude ist!

(Im letzten der angeführten Verse ist „euch“ betont: Die euch /offenba– / ren die Leh– / re vom All …, TAM TAM / ta ta TAM / ta | ta TAM / ta ta TAM || … Das stellt wahrscheinlich wieder einmal das Offensichtliche fest, aber ich dachte, ich erwähne es sicherhaltshalber.)

Die Bewegungsschule (54)

ta TAM TAM ta TAM – das ist im deutschen Vers eine seltene Bewegung?! In der deutschen Prosa auch, aber: sie kommt vor. So stolperte ich heute im fünften Band von Hermann Hesses „gesammelten Werken“, erschienen 1978 bei Suhrkamp, am Ende von „Narziß und Goldmund“ auf folgende Sätze:

Narziß legte ihm die Hand auf den Arm, sofort schwieg er und schloss lächelnd die Augen. Er schlief friedlich ein. Verstört lief der Abt und holte den Arzt des Hauses, Pater Anton, dass er nach dem Kranken sehe.

– So zu finden auf Seite 315.

Weil der Antispast (ta TAM TAM ta) und der Dochmius (ta TAM TAM ta TAM) aus entgegengesetzt betonten Gliedern gebildet sind, brechen sie sich gleichsam in sich selbst und widerstreben sich im Schritt; also sind sie vorzugsweise geeignet, den Wechselstreit der Gefühle und die Stöße der Leidenschaften zu malen. Sie haben also den Charakter des Gebrochenen an sich; sie stürmen nicht vorwärts, ihre Bewegung ist gehemmt durch Widerstreit: sie dehnen sich mehr aus, indem sie ihre Kraft entwickeln, und werfen allen Nachdruck auf sich selbst, was besonders vom Antispast gilt. Denn der Dochmius, um eine Silbe länger, tut zugleich einen Schritt vorwärts, nicht ohne Beschwer und würdevoll: er erobert sich gleichsam ein Feld, wo er seine Gewalt ausbreitet. Beide Füße scheinen daher ihrer Natur nach bestimmt, das Ringen und Kämpfen der Seele, den Widerstreit und Widerstand zu veroffenbaren; was schmerzlich ist und Klage erweckt, ergießt sich durch diese Formen wie ein Strom über Felsen.

Schreibt Johannes Minckwitz in seinem „Lehrbuch der rhythmischen Malerei der deutschen Sprache“. Drei solche „ta TAM TAM ta“, dabei sogar zweidirekt aufeinanderfolgende, sind im Hesse-Ausschnitt enthalten: „Narziß legte“, und

sofort schwieg er und schloss lächelnd

Und gleich darauf, auch unmittelbar aufeinander folgend, stehen zwei „ta TAM TAM ta TAM„!

Er schlief friedlich ein. Verstört lief der Abt

Ob man das mit Minckwitz Vorstellungen in Übereinstimmung bringen kann?! Die „Verstörung“ sicherlich, das „lächelnd“ und das „friedlich“ vermutlich weniger … Insgesamt eine eigenartige Stelle, die noch eigenartiger wird durch den Reim „schlief“ / „lief“ – wieder ein „Vershinweis“!

Er schlief friedlich ein.
Verstört lief der Abt

– Und eigentlich könnte man das wirklich als zwei Verse untereinandersetzen: „ta TAM TAM ta TAM„.

Die Bewegungsschule (53)

Der „Bewegungsschulenvers“ und kein Ende …

1817 nennt J.H.F. Meineke das „tataTAM“ einen „sehr munter aufspringenden Tanzfuß“ und merkt weiter an, auf seiner Grundlage gebildete Verse „schicken sich mehr zur lyrischen als zur deklamatorischen Poesie, und zwar nur zu Liedern muntern Inhalts.“

Hm.

Schwierig, das; so ganz habe ich an diese Zuordnungen nie geglaubt … Sicher, jedes Versmaß hat seine Eigenarten und darum fällt es seinem Nutzer leichter, diesen Eigenarten entgegenkommende Inhalte darzustellen als solche, die diesen Eigenarten Widerstand leisten; aber dass es nicht geht, und dass so keine Wirkungen zu erzielen sind: Das ist einfach nicht so.

Zwei Jahre früher, 1815,  hat Lord Byron sein später äußerst bekanntes Gedicht „The Destruction of Sennacherib“ veröffentlicht, dessen erste Strophe so lautet:

 

The Assyrian came down like the wolf on the fold,
And his cohorts were gleaming in purple and gold;
And the sheen of their spears was like stars on the sea,
When the blue wave rolls nightly on deep Galilee.

 

– Und auch ohne die restlichen Strophen zu kennen, ist klar: hier wird deklamiert, zauf jeden Fall aber erzählt; und sonderlich „munter“ geht es nicht zu … Aber das Herannahen zu Pferde: Das wird sicherlich gut wachgerufen durch den tataTAM-Rhythmus!

Bemerkenswert auch, wie der dritte Vers den Grundvers überdeutlich ausprägt:

And the sheen / of their spears || was like stars / on the sea,
ta ta TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta ta TAM

Der vierte Vers ist da viel freier meinem Empfinden nach, aber die gegebene Blaupause lässt keinen Zweifel aufkommen?!

Die Bewegungsschule (52)

Ich habe den Abend damit verbracht, in Stefan Zweigs „Der Kampf mit dem Dämon“ zu lesen. Zu Friedrich Hölderlins Gedichten sagt Zweig unter anderem:

Diese Entwicklung zur Freiheit, dieses Sich-Losreißen, Sich-Selbstherrlichmachen des Rhythmus (auf Kosten der Bindung und geistigen Ordnung) geht im Hölderlinschen Gedichte ganz allmählich vor sich: zuerst hat er den Reim, die klirrende Fußkette von sich gestoßen, dann das über die breitatmende Brust zu enge Kleid der Strophe gesprengt; antikisch nackt lebt nun das Gedicht seine körperhafte Schönheit aus und eilt wie ein griechischer Läufer dem Unendlichen entgegen. Alle gebundenen Formen werden dem Inspirierten allmählich zu enge, alle Tiefen zu seicht, alle Worte zu dumpf, alle Rhythmen zu schwertönig – die ursprünglichste klassische Regelmäßigkeit des lyrischen Baues überwölbt sich und bricht, der Gedanke schwillt immer dunkler, mächtiger, gewitterhafter aus Bildern empor, immer tiefer und voller wird gleichzeitig das rhythmische Atemholen, großartig kühne Inversionen binden oft ganze Strophenreihen in einen Satz zusammen – aus den Gedichten werden Gesänge, hymnischer Anruf, prophetische Schau, heroisches Manifest.

Ja … Etwas weniger wortgewaltig gesagt: An Hölderlin führt, macht man sich Gedanken über die Art, wie sich Verse bewegen, kein Weg vorbei; und auch wenn es viele Gründe gibt, eine Hölderlin-Ausgabe im Schrank zu haben – seine wunderbare Bewegungs-Kunst ist darunter nicht der schlechteste.

Nochmal Zweig:

Die ersten Zeilen seiner Hymnen haben immer etwas vom Kurzen, Abrupten, Losschnellenden eines Abstoßes, das Verswort muß immer erst fort von der Prosa des Daseins, um sich einzuschwingen in sein Element. … Hat sich Hölderlin aber einmal in die Begeisterung abgestoßen, so flutet ihm der Rhythmus gleichsam wie feuriger Atem von der Lippe, wunderbar bindet sich in kunstvollen Verschränkungen die schwere Syntax, die blendendsten Inversionen kontrapunktieren sich mit einer strahlenden, einer zauberhaften Leichtigkeit: durchsichtig wie feinster Stoff, wie die gläserne Schwinge eines Insektes lässt das „wehende Lied“ durch seine klingenden, leuchtenden Flügel den Äther und sein unendliches Blau fühlen.

Die Bewegungsschule (51)

In (26) wurde der sogenannte „Hinkiambus“ vorgestellt …

ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / TAM ta

… mit dem ihn kennzeichnenden doppelten „TAM“ am Versende! Ein kurzer Text in diesem Maß, geschrieben von Friedrich Rückert, liest sich so:

 

Ein Liebchen hatt ich, das auf einem Aug‘ schielte;
Weil sie mir schön schien, schien ihr Schielen auch Schönheit.
Eins hatt ich, das beim Sprechen mit der Zung anstieß,
Mir war’s kein Anstoß, stieß sie an und sprach: „Liebster!“
Jetzt hab ich eines, das auf einem Fuß hinket –
„Ja freilich“, sprech ich, „hinkt sie, doch sie hinkt zierlich.“

 

An den wurde ich erinnert, weil ich auf Youtube eine Vertonung davon gehört habe – von Carl Loewe, gesungen von Hans Hotter: Hinkende Iamben

Einfach einmal reinhören und darauf achten, wie Tonsetzer und Vortragender mit diesem Zusammenstoß zweier schwerer Silben umgegangen sind!

Die Bewegungsschule (50)

Die bisher vorgestellten Möglichkeiten sind, bezogen auf den eigentlichen „Bewegungsschulenvers“:

– Ein kürzerer „Vollvers“, der die Grundgröße eines Gedichts ist, in dem aber auch „Halbverse“ und „Schlussverse“ vorkommen können;

– Ein längerer Vers, der sich aus einem „Vollvers“ und einem „Schlussvers“ zusammensetzt.

Beide Formen können aber durchaus auch im selben Gedicht auftauchen! Ich zeige das an einem Stück von Robert Eduard Prutz, „Die politische Wochenstube“.

Dort findet sich ganz am Schluss eine Parabase, in der „der Dichter“ seine eigene Meinung darlegt. Er beginnt in alternierenden Reimversen, denen ein Übergangsteil mit kürzeren Versen der oben genannten Art folgt; an diese schließen sich dann die längeren Verse an. Die Reimverse erklären dabei erst einmal, was überhaupt vorgeht! Der Dichter, behauptet Prutz,

 


Darf den Göttern seines Herzens frei vor allem Volke huldigen,
Darf sogar, mit leiser Stimme, seine Fehler selbst entschuldigen.

Drum fröhlich heraus, drum fröhlich heraus,
Anapästisch geflügelte Maße!
In dem Festtagsschmuck, in dem Tänzergewand,
Vollduftigen Kranz in entfesseltem Haar,
Mit den Sohlen geklatscht und die Schellen gerührt,
Dionysische, göttliche Freude!

Wohl ehezuvor, wenn sonst der Poet euch lyrische Strophen geklimpert,
Von Freiheitdrang, von Zukunfttraum und der sehnenden Hoffnung der Jugend:

 

Die Reimverse vor dem angeführten Paar haben gewöhnliche weibliche Reime; „huldigen / entschuldigen“ ist dann ein Reim mit ungewohnten zwei unbetonten Silben am Schluss! Das ist eine pfiffige Überleitung, finde ich, zu den folgenden Versen, die ja nicht mehr dem strengen „Auf und Ab“ folgen, sondern dem „tataTAM“ verpflichtet sind!

Die sechs kürzeren Verse sind dabei ein Vollvers, ein Schlussvers, drei Vollverse und wieder ein Schlussvers, alle formvollendet gebaut! Dann setzen die Langverse ein, und in ihnen ist die ganze, mehrere Dutzend Verse lange Selbstauskunft des Dichters gehalten.

Dieser kleine Ausschnitt zeigt: Der Bewegungsschulenvers ist, wie sein „großer Bruder“, durchaus in der Lage, im Verbund mit anderen Versen aufzutreten; was die Möglichkeiten der Textgestaltung noch einmal gewaltig erweitert! Erst recht, wenn man die Möglichkeit dazunimmt, andere Verse nicht nur abschnittsweise mit „unseren“ Versen wechseln zu lassen, sondern sie sogar unter diese zu mischen!

Auch dafür bietet Prutz ein Beispiel, kurz vor dem oben beschriebenen Ausschnitt:

 

O erschein‘, o erscheine, wir flehen dich an,
Zu lösen die Kette, zu sprengen das Band;
Dem zerschlagenen,
Seelezermarterten,
O erscheine dem flehenden Volke!

 

– Die ersten beiden Verse sind Vollverse, wobei der zweite durch die verschobene Zäsur und das einzelne „ta“ am Verseingang drei aufeinanderfolgende Wortfüße, will heißen: Sinneinheiten der Form „ta TAM ta“ erzeugt, die bekanntlich in der Häufung eine träge, schwunglose Bewegung zur Folge haben; man findet diese Bewegung oft in Reimversen, und tatsächlich ist „an / Band“ ja nicht so weit weg von einem Reim!

Nach diesen beiden Versen folgen zwei kurze Verse, deren Bewegungsmuster nicht zu denen „unserer“ Verse gehören, weder des kürzeren noch des längeren! Ganz fremd sind sie aber auch nicht durch ihre vielen „tata“; und setzt man sie zu einem Vers zusammen …

Dem zerschla– / genen, see– / lezermar– / terten,

ta ta TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta ta

… erkennt man, sie unterscheiden sich zusammen von einem Schlussvers nur durch ein überzähliges „ta“ am Versende! Der letzte Vers ist dann, wie es sich gehört, ein tadelloser Schlussvers.

Und so bieten sich wieder neue Möglichkeiten. Ganz am Anfang der „Bewegungsschule“ stand ein einzelnes „tataTAM„; daraus hat sich inzwischen auf der Grundlage eines vergleichsweise einfachen Verses eine unübersehbare Fülle von Bewegungslinien und damit Darstellungsmöglichkeiten entwickelt, die aber alle aus diesem Ursprung hervorgegangen sind und noch von ihm wissen – und Zeugnis ablegen von ihm im Ohr des Hörers; wodurch ein Verfasser, der sich dieser Form bedient, eine große Freiheit hat bei der gleichzeitigen Sicherheit, stets den Eindruck von Zusammengehörigkeit und Einheit zu vermitteln.

Die Bewegungsschule (49)

Auch der erste Teil von Friedrich Rückerts „politíscher Komödie“ Napoleon nutzt den in (47) vorgestellten „großen Bruder“ unseres Bewegungsschulenverses; allerdings auf eigene Weise – und damit ist noch nicht einmal die über viele Dutzend  Verse durchgehaltete „i“-Assonanz gemeint!

Ziemlich zu Anfang tritt der auf einem Storch reitende „Geist der Zeiten“ auf:

 

Wär nicht mein Blick schon an Wunder gewöhnt, und machte vor euerem Blicke
Nicht auch zu ’ner Art von Wunder mich selbst der Vogel, auf welchem ich sitze;
So würd ich jetzt mich wundern, und euch auch höflich zu wundern euch bitten,
Nicht über den Hahn; denn solcherlei Vieh gibt’s eben auf jeglichem Miste:
Nein, über ein anderes Paar vielmehr von seltsamen Wundergeschwistern,
Die spornstreichs über das Meer herziehn in erstaunungswürdigem Ritte,
Mit seltenem Putz, mit seltnem Gezeuch, halb reitend auf seltenem Tiere,
Und halb auf der Luft; ihr Blick ist stolz, sie scheinen vom Lande der Briten.

 

Besagtes Paar sind „Der Ritter St. Georg, mit dem Dreizack in der Hand, auf einem Leoparden; ihm zur Seite ein fliegender Engel mit einer Trompete“. Der Inhalt ist ein wenig … wunderlich, um das Wort einmal aufzunehmen; aber hier geht es ja vor allem um den verwendeten Vers!

Da fällt eine gewisse Nachlässigkeit auf: Eins von zwei Dingen muss zutreffen – entweder werden die „tata“ recht leichtfertig zu „ta“ verkürzt, oder die als Ersatz für ein „tata“ gewählten „TAM“ sind sehr schwach. Das hat in den ersten drei Versen deutliche Auswirkungen auf die Versbewegung! „So würd ich jetzt mich wundern, …“, der Anfang des dritten Verses, klingt zum Beispiel wie einer der handelsüblichen „Auf-und-Ab-Verse“?! Das aber wirklich dieser Vers …

ta ta TAM / ta ta TAM | ta ta TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Grundlage des Textes ist, zeigt sich vom vierten bis zum siebten Vers:

Nicht ü– / ber den Hahn; | denn sol– / cherlei Vieh || gibt’s e– / ben auf jeg– / lichem Mis– / te:
TAM TAM / ta ta TAM | TAM TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Nein, ü– / ber ein an– / deres Paar / vielmehr || von selt– samen Wun– / dergeschwis– / tern,
TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / TAM TAM || ta TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Die sporn– / streichs ü– / ber das Meer / herziehn || in erstau– / nungswür– / digem Rit– / te,
ta TAM / TAM TAM / ta ta TAM / TAM TAM || ta ta TAM / TAM TAM / ta ta TAM / ta

Mit sel– / tenem Putz, | mit sel– / tnem Gezeuch, || halb rei– / tend auf sel– / tenem Tie– / re,
ta TAM / ta ta TAM | ta TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Hier gibt es zwar auch vergleichsweise viele Stellen, an denen ein „tata“ zu einem „ta“ verkürzt wird, aber sie nehmen nicht überhand und die Grundbewegung des Verses bleibt immer erkennbar! Im achten Vers dagegen sind es schon wieder so viele Verkürzungen, dass die Versbewegung unklar wird.

Und so das ganze Stück hindurch – immer mal wieder Verse von großer Klarheit, dazwischen aber maches verwaschene, unklare. Wunderbar setzt zum Beispiel eine Aufforderung St. Georgs die Versbewegung um:

 

Nimm, Engel, die Siegstrommet‘ an den Mund, ruf‘ Albions Preis in die Winde!

 

– Ein Vers, den zu sprechen Freude macht.

Die Bewegungsschule (48)

Der in (47) mit Hilfe einer Übersetzung vorgestellte „große Bruder“ des „Bewegungsschulen-Verses“ ist für  deutsche Texte sehr selten verwendet worden. August von Platen etwa nutzt in in seinem Schauspiel „Der romantische Ödipus“:

 

Wohl sind ja Homer und die Griechen beliebt, nicht weil sie die Griechen gewesen,
Nein, weil der Natur stets treu sie verharrt, weil falsche Manier sie verabscheut,
Drum leuchten sie uns als Muster voran, als göttliche Regel der Schönheit.

 

TAM TAM / ta ta TAM | ta ta TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta
TAM TAM / ta ta TAM | TAM TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / TAM
TAM TAM / ta ta TAM | TAM TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Ohne die Griechen geht es dann doch nicht?! Ein heute nicht mehr vermittelbarer Tonfall jedenfalls, fürchte ich, wenn Platen den Vers auch geschickt und sicher handhabt; wie er zum Beispiel die Anfänge der Versteile immer wieder etwas „beschwert“, damit der Vers nicht zu früh ans Laufen kommt, ist einen genaueren Blick allemal wert!