Die Bewegungsschule (53)

Der „Bewegungsschulenvers“ und kein Ende …

1817 nennt J.H.F. Meineke das „tataTAM“ einen „sehr munter aufspringenden Tanzfuß“ und merkt weiter an, auf seiner Grundlage gebildete Verse „schicken sich mehr zur lyrischen als zur deklamatorischen Poesie, und zwar nur zu Liedern muntern Inhalts.“

Hm.

Schwierig, das; so ganz habe ich an diese Zuordnungen nie geglaubt … Sicher, jedes Versmaß hat seine Eigenarten und darum fällt es seinem Nutzer leichter, diesen Eigenarten entgegenkommende Inhalte darzustellen als solche, die diesen Eigenarten Widerstand leisten; aber dass es nicht geht, und dass so keine Wirkungen zu erzielen sind: Das ist einfach nicht so.

Zwei Jahre früher, 1815,  hat Lord Byron sein später äußerst bekanntes Gedicht „The Destruction of Sennacherib“ veröffentlicht, dessen erste Strophe so lautet:

 

The Assyrian came down like the wolf on the fold,
And his cohorts were gleaming in purple and gold;
And the sheen of their spears was like stars on the sea,
When the blue wave rolls nightly on deep Galilee.

 

– Und auch ohne die restlichen Strophen zu kennen, ist klar: hier wird deklamiert, zauf jeden Fall aber erzählt; und sonderlich „munter“ geht es nicht zu … Aber das Herannahen zu Pferde: Das wird sicherlich gut wachgerufen durch den tataTAM-Rhythmus!

Bemerkenswert auch, wie der dritte Vers den Grundvers überdeutlich ausprägt:

And the sheen / of their spears || was like stars / on the sea,
ta ta TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta ta TAM

Der vierte Vers ist da viel freier meinem Empfinden nach, aber die gegebene Blaupause lässt keinen Zweifel aufkommen?!

Die Bewegungsschule (52)

Ich habe den Abend damit verbracht, in Stefan Zweigs „Der Kampf mit dem Dämon“ zu lesen. Zu Friedrich Hölderlins Gedichten sagt Zweig unter anderem:

Diese Entwicklung zur Freiheit, dieses Sich-Losreißen, Sich-Selbstherrlichmachen des Rhythmus (auf Kosten der Bindung und geistigen Ordnung) geht im Hölderlinschen Gedichte ganz allmählich vor sich: zuerst hat er den Reim, die klirrende Fußkette von sich gestoßen, dann das über die breitatmende Brust zu enge Kleid der Strophe gesprengt; antikisch nackt lebt nun das Gedicht seine körperhafte Schönheit aus und eilt wie ein griechischer Läufer dem Unendlichen entgegen. Alle gebundenen Formen werden dem Inspirierten allmählich zu enge, alle Tiefen zu seicht, alle Worte zu dumpf, alle Rhythmen zu schwertönig – die ursprünglichste klassische Regelmäßigkeit des lyrischen Baues überwölbt sich und bricht, der Gedanke schwillt immer dunkler, mächtiger, gewitterhafter aus Bildern empor, immer tiefer und voller wird gleichzeitig das rhythmische Atemholen, großartig kühne Inversionen binden oft ganze Strophenreihen in einen Satz zusammen – aus den Gedichten werden Gesänge, hymnischer Anruf, prophetische Schau, heroisches Manifest.

Ja … Etwas weniger wortgewaltig gesagt: An Hölderlin führt, macht man sich Gedanken über die Art, wie sich Verse bewegen, kein Weg vorbei; und auch wenn es viele Gründe gibt, eine Hölderlin-Ausgabe im Schrank zu haben – seine wunderbare Bewegungs-Kunst ist darunter nicht der schlechteste.

Nochmal Zweig:

Die ersten Zeilen seiner Hymnen haben immer etwas vom Kurzen, Abrupten, Losschnellenden eines Abstoßes, das Verswort muß immer erst fort von der Prosa des Daseins, um sich einzuschwingen in sein Element. … Hat sich Hölderlin aber einmal in die Begeisterung abgestoßen, so flutet ihm der Rhythmus gleichsam wie feuriger Atem von der Lippe, wunderbar bindet sich in kunstvollen Verschränkungen die schwere Syntax, die blendendsten Inversionen kontrapunktieren sich mit einer strahlenden, einer zauberhaften Leichtigkeit: durchsichtig wie feinster Stoff, wie die gläserne Schwinge eines Insektes lässt das „wehende Lied“ durch seine klingenden, leuchtenden Flügel den Äther und sein unendliches Blau fühlen.

Die Bewegungsschule (51)

In (26) wurde der sogenannte „Hinkiambus“ vorgstellt …

ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / TAM ta

… mit dem ihn kennzeichnenden doppelten „TAM“ am Versende! Ein kurzer Text in diesem Maß, geschrieben von Friedrich Rückert, liest sich so:

 

Ein Liebchen hatt ich, das auf einem Aug‘ schielte;
Weil sie mir schön schien, schien ihr Schielen auch Schönheit.
Eins hatt ich, das beim Sprechen mit der Zung anstieß,
Mir war’s kein Anstoß, stieß sie an und sprach: „Liebster!“
Jetzt hab ich eines, das auf einem Fuß hinket –
„Ja freilich“, sprech ich, „hinkt sie, doch sie hinkt zierlich.“

 

An den wurde ich erinnert, weil ich auf Youtube eine Vertonung davon gehört habe – von Carl Loewe, gesungen von Hans Hotter: Hinkende Iamben

Einfach einmal reinhören und darauf achten, wie Tonsetzer und Vortragender mit diesem Zusammenstoß zweier schwerer Silben umgegangen sind!

Die Bewegungsschule (50)

Die bisher vorgestellten Möglichkeiten sind, bezogen auf den eigentlichen „Bewegungsschulenvers“:

– Ein kürzerer „Vollvers“, der die Grundgröße eines Gedichts ist, in dem aber auch „Halbverse“ und „Schlussverse“ vorkommen können;

– Ein längerer Vers, der sich aus einem „Vollvers“ und einem „Schlussvers“ zusammensetzt.

Beide Formen können aber durchaus auch im selben Gedicht auftauchen! Ich zeige das an einem Stück von Robert Eduard Prutz, „Die politische Wochenstube“.

Dort findet sich ganz am Schluss eine Parabase, in der „der Dichter“ seine eigene Meinung darlegt. Er beginnt in alternierenden Reimversen, denen ein Übergangsteil mit kürzeren Versen der oben genannten Art folgt; an diese schließen sich dann die längeren Verse an. Die Reimverse erklären dabei erst einmal, was überhaupt vorgeht! Der Dichter, behauptet Prutz,

 


Darf den Göttern seines Herzens frei vor allem Volke huldigen,
Darf sogar, mit leiser Stimme, seine Fehler selbst entschuldigen.

Drum fröhlich heraus, drum fröhlich heraus,
Anapästisch geflügelte Maße!
In dem Festtagsschmuck, in dem Tänzergewand,
Vollduftigen Kranz in entfesseltem Haar,
Mit den Sohlen geklatscht und die Schellen gerührt,
Dionysische, göttliche Freude!

Wohl ehezuvor, wenn sonst der Poet euch lyrische Strophen geklimpert,
Von Freiheitdrang, von Zukunfttraum und der sehnenden Hoffnung der Jugend:

 

Die Reimverse vor dem angeführten Paar haben gewöhnliche weibliche Reime; „huldigen / entschuldigen“ ist dann ein Reim mit ungewohnten zwei unbetonten Silben am Schluss! Das ist eine pfiffige Überleitung, finde ich, zu den folgenden Versen, die ja nicht mehr dem strengen „Auf und Ab“ folgen, sondern dem „tataTAM“ verpflichtet sind!

Die sechs kürzeren Verse sind dabei ein Vollvers, ein Schlussvers, drei Vollverse und wieder ein Schlussvers, alle formvollendet gebaut! Dann setzen die Langverse ein, und in ihnen ist die ganze, mehrere Dutzend Verse lange Selbstauskunft des Dichters gehalten.

Dieser kleine Ausschnitt zeigt: Der Bewegungsschulenvers ist, wie sein „großer Bruder“, durchaus in der Lage, im Verbund mit anderen Versen aufzutreten; was die Möglichkeiten der Textgestaltung noch einmal gewaltig erweitert! Erst recht, wenn man die Möglichkeit dazunimmt, andere Verse nicht nur abschnittsweise mit „unseren“ Versen wechseln zu lassen, sondern sie sogar unter diese zu mischen!

Auch dafür bietet Prutz ein Beispiel, kurz vor dem oben beschriebenen Ausschnitt:

 

O erschein‘, o erscheine, wir flehen dich an,
Zu lösen die Kette, zu sprengen das Band;
Dem zerschlagenen,
Seelezermarterten,
O erscheine dem flehenden Volke!

 

– Die ersten beiden Verse sind Vollverse, wobei der zweite durch die verschobene Zäsur und das einzelne „ta“ am Verseingang drei aufeinanderfolgende Wortfüße, will heißen: Sinneinheiten der Form „ta TAM ta“ erzeugt, die bekanntlich in der Häufung eine träge, schwunglose Bewegung zur Folge haben; man findet diese Bewegung oft in Reimversen, und tatsächlich ist „an / Band“ ja nicht so weit weg von einem Reim!

Nach diesen beiden Versen folgen zwei kurze Verse, deren Bewegungsmuster nicht zu denen „unserer“ Verse gehören, weder des kürzeren noch des längeren! Ganz fremd sind sie aber auch nicht durch ihre vielen „tata“; und setzt man sie zu einem Vers zusammen …

Dem zerschla– / genen, see– / lezermar– / terten,

ta ta TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta ta

… erkennt man, sie unterscheiden sich zusammen von einem Schlussvers nur durch ein überzähliges „ta“ am Versende! Der letzte Vers ist dann, wie es sich gehört, ein tadelloser Schlussvers.

Und so bieten sich wieder neue Möglichkeiten. Ganz am Anfang der „Bewegungsschule“ stand ein einzelnes „tataTAM„; daraus hat sich inzwischen auf der Grundlage eines vergleichsweise einfachen Verses eine unübersehbare Fülle von Bewegungslinien und damit Darstellungsmöglichkeiten entwickelt, die aber alle aus diesem Ursprung hervorgegangen sind und noch von ihm wissen – und Zeugnis ablegen von ihm im Ohr des Hörers; wodurch ein Verfasser, der sich dieser Form bedient, eine große Freiheit hat bei der gleichzeitigen Sicherheit, stets den Eindruck von Zusammengehörigkeit und Einheit zu vermitteln.

Die Bewegungsschule (49)

Auch der erste Teil von Friedrich Rückerts „politíscher Komödie“ Napoleon nutzt den in (47) vorgestellten „großen Bruder“ unseres Bewegungsschulenverses; allerdings auf eigene Weise – und damit ist noch nicht einmal die über viele Dutzend  Verse durchgehaltete „i“-Assonanz gemeint!

Ziemlich zu Anfang tritt der auf einem Storch reitende „Geist der Zeiten“ auf:

 

Wär nicht mein Blick schon an Wunder gewöhnt, und machte vor euerem Blicke
Nicht auch zu ’ner Art von Wunder mich selbst der Vogel, auf welchem ich sitze;
So würd ich jetzt mich wundern, und euch auch höflich zu wundern euch bitten,
Nicht über den Hahn; denn solcherlei Vieh gibt’s eben auf jeglichem Miste:
Nein, über ein anderes Paar vielmehr von seltsamen Wundergeschwistern,
Die spornstreichs über das Meer herziehn in erstaunungswürdigem Ritte,
Mit seltenem Putz, mit seltnem Gezeuch, halb reitend auf seltenem Tiere,
Und halb auf der Luft; ihr Blick ist stolz, sie scheinen vom Lande der Briten.

 

Besagtes Paar sind „Der Ritter St. Georg, mit dem Dreizack in der Hand, auf einem Leoparden; ihm zur Seite ein fliegender Engel mit einer Trompete“. Der Inhalt ist ein wenig … wunderlich, um das Wort einmal aufzunehmen; aber hier geht es ja vor allem um den verwendeten Vers!

Da fällt eine gewisse Nachlässigkeit auf: Eins von zwei Dingen muss zutreffen – entweder werden die „tata“ recht leichtfertig zu „ta“ verkürzt, oder die als Ersatz für ein „tata“ gewählten „TAM“ sind sehr schwach. Das hat in den ersten drei Versen deutliche Auswirkungen auf die Versbewegung! „So würd ich jetzt mich wundern, …“, der Anfang des dritten Verses, klingt zum Beispiel wie einer der handelsüblichen „Auf-und-Ab-Verse“?! Das aber wirklich dieser Vers …

ta ta TAM / ta ta TAM | ta ta TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Grundlage des Textes ist, zeigt sich vom vierten bis zum siebten Vers:

Nicht ü– / ber den Hahn; | denn sol– / cherlei Vieh || gibt’s e– / ben auf jeg– / lichem Mis– / te:
TAM TAM / ta ta TAM | TAM TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Nein, ü– / ber ein an– / deres Paar / vielmehr || von selt– samen Wun– / dergeschwis– / tern,
TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / TAM TAM || ta TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Die sporn– / streichs ü– / ber das Meer / herziehn || in erstau– / nungswür– / digem Rit– / te,
ta TAM / TAM TAM / ta ta TAM / TAM TAM || ta ta TAM / TAM TAM / ta ta TAM / ta

Mit sel– / tenem Putz, | mit sel– / tnem Gezeuch, || halb rei– / tend auf sel– / tenem Tie– / re,
ta TAM / ta ta TAM | ta TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Hier gibt es zwar auch vergleichsweise viele Stellen, an denen ein „tata“ zu einem „ta“ verkürzt wird, aber sie nehmen nicht überhand und die Grundbewegung des Verses bleibt immer erkennbar! Im achten Vers dagegen sind es schon wieder so viele Verkürzungen, dass die Versbewegung unklar wird.

Und so das ganze Stück hindurch – immer mal wieder Verse von großer Klarheit, dazwischen aber maches verwaschene, unklare. Wunderbar setzt zum Beispiel eine Aufforderung St. Georgs die Versbewegung um:

 

Nimm, Engel, die Siegstrommet‘ an den Mund, ruf‘ Albions Preis in die Winde!

 

– Ein Vers, den zu sprechen Freude macht.

Die Bewegungsschule (48)

Der in (47) mit Hilfe einer Übersetzung vorgestellte „große Bruder“ des „Bewegungsschulen-Verses“ ist für  deutsche Texte sehr selten verwendet worden. August von Platen etwa nutzt in in seinem Schauspiel „Der romantische Ödipus“:

 

Wohl sind ja Homer und die Griechen beliebt, nicht weil sie die Griechen gewesen,
Nein, weil der Natur stets treu sie verharrt, weil falsche Manier sie verabscheut,
Drum leuchten sie uns als Muster voran, als göttliche Regel der Schönheit.

 

TAM TAM / ta ta TAM | ta ta TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta
TAM TAM / ta ta TAM | TAM TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / TAM
TAM TAM / ta ta TAM | TAM TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Ohne die Griechen geht es dann doch nicht?! Ein heute nicht mehr vermittelbarer Tonfall jedenfalls, fürchte ich, wenn Platen den Vers auch geschickt und sicher handhabt; wie er zum Beispiel die Anfänge der Versteile immer wieder etwas „beschwert“, damit der Vers nicht zu früh ans Laufen kommt, ist einen genaueren Blick allemal wert!

Die Bewegungsschule (47)

In (10) habe ich vorgeschlagen, die Möglichkeiten von „Vollvers“ und „Schlussvers“ durch das Schreiben von Verspaaren auszuloten, die aus je einem dieser Verse bestehen. Es gibt dafür allerdings noch eine andere Möglichkeit – den „großen Bruder“ sozusagen, einen Langvers, zusammengesetzt aus einem Voll- und einem Schlussvers:

ta ta TAM / ta ta TAM | ta ta TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / ta

Es gibt also eine feste Zäsur nach dem „Vollvers“, dessen ihm eigene Zäsur meist auch zumindest durch ein Wortende hörbar gemacht wird; und die ersten sechs „tata“ dürfen durch ein „TAM“ ersetzt werden, lediglich das siebte bleibt immer erhalten! Dafür kann aber das schließende „ta“ auch ein „TAM“ sein.

Schon 423 vor Christus hat Aristophanes diesen Vers in seinen „Wolken“ benutzt, und Johann Jacob Christian Donner hat ihn in seiner 1861 entstandenen Übersetzung nachgebildet:

 

Drum sangen sie wohl von des nassen Gewölks blitzleuchtendem grimmigen Sturmdrang,

 

Drum san– / gen sie wohl | von des nas– / sen Gewölks || blitzleuch– / tendem grim– /migen Sturm– / drang,

TAM TAM / ta ta TAM | ta ta TAM / ta ta TAM || TAM TAM / ta ta TAM / ta ta TAM / TAM

Wahrlich ein Langvers; und einer von starker, eindrücklicher Bewegung noch dazu! Lässt man alle „tata“ stehen und ersetzt keines von ihnen durch ein „TAM“, wird der Vers rasend schnell:

 

Und die rührende Kunst, die beschwatzende Kunst und den blendenden Zauber des Wortes.

 

Das, gar mehrere Verse nacheinander, ist schwer auszuhalten? Daher sehen die Verse in der Gruppe auch eher so aus:

 

Voll Andacht ziemt es zu schweigen dem Greis, und fromm dem Gebete zu lauschen.
Allherrschender Gott, unermessliche Luft, die den Erdball schwebend emporhält,
Und Äther im Glanz, und o Göttinnen hehr, ihr blitzhelldonnernden Wolken,
Steigt auf und dem sinnenden Forscher erscheint, ehrwürdige Frau’n, in den Lüften!

 

Wer mag, kann sich ja die entsprechenden Silbenbilder erarbeiten; insgesamt ist es ein sehr schöner Vers, den zu schreiben Spaß macht und der die Beschäftigung mit ihm allemal lohnt!

Die Bewegungsschule (46)

Es ist an der Zeit, einmal wieder an den „Bewegungsschulen-Vers“ zu erinnern! Im letzten Trimeter-Eintrag ging es um Verse aus Adelbert von Chamissos „Fortunat“; der enthält aber auch eine Fülle anderer Versarten. Unter anderem finden sich ganz am Schluss des Bruchstücks, anschließend an iambische Trimeter, die folgenden Verse, in denen „Agrippina“ in höchster Verzweiflung „zurückweicht“:

 

Wildgrimmiger Leu du verdarbst in der Brust
Und der Liebe Gewalt und der Mitleid ganz
Richtender Gott weh, weh Rasender mir
Die zum Zorn ich gereizt den verderblichen Mann!
Denn raubte die Tat die entfliehende Zeit
Hält karg sie den Raub, und die Saat trägt Frucht
Und entschnellt, fleugt, trifft, der befiederte Pfeil
Spiel kindischer Lust ich bewege das Rad
Es im Schwung hinrollt, und erfasst und entrafft
Die erschrockene bangaufschreiende mich
Zu der Tiefe hinab.

 

Das ist inhaltlich ein wenig … wirr?! Auch durch die eigene Zeichensetzung. Ich kenne die Verse nun schon ein Weilchen, aber so wirklich verstanden, was in ihnen verhandelt wird, habe ich immer noch nicht. Oder nur so halb. Nun waren diese Verse ja auch gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, wer weiß also, als wie „fertig“ Chamisso sie angesehen hat – aber das Unzusammenhängende hilft sicher auch, die Seelenlage der Agrippina zu verdeutlichen; und dabei hilft auch der verwendete Vers, der  in seiner raschen, stürmischen Grundbewegung für diese Augenblicke höchsten Gefühls gut geeignet ist! Wer Chamissos Vers mit den bis (14) entwickelten Möglichkeiten vergleicht, stellt fest: Er bedient sich genau dieser Möglichkeiten – nur V3, der betont einsetzt, fällt aus der Reihe. Die Zäsur wird streng eingehalten; erst ganz am Schluss verzichtet ein Vers sogar völlig auf sie:

Die erschrok– / kene bang– / aufschrei– / ende mich

ta ta TAM / ta ta TAM / TAM TAM / ta ta TAM

An die Stelle des Einschnitts tritt also eine im Klang besondere schwebende Betonung, die die Versmitte im Gegenteil vollständig „vereinheitlicht“, ehe der letzte Vers, als Halbvers, dann die tiefstmögliche Pause herbeiführt, indem er schon in der eigentlichen Versmitte, dem Ort des Schnittes: schließt. Höchst eindrucksvoll!

Die Bewegungsschule (45)

Schaut man sich Pentameter an in Hinblick auf die dritte Hebung, dann stellt man fest, sie ist in der weit überwiegenden Zahl der Fälle von einem einsilbigen Wort besetzt, meist einem Dingwort oder einem Zeitwort; je nach Verfasser und Text sind es zwischen 70% und 80% (und manche Texte liegen sogar noch darüber – Goethes „Alexis und Dora“ bringt es auf 84%!). Das verwundert nicht – neben dem „TAM“ sind alle anderen in Frage kommenden Wörter im Deutschen vergleichsweise selten: „ta TAM“ (ist die Hebung nicht einsilbig besetzt, dann so gut wie immer von der betonten Silbe eines so gebauten Worts) / „ta ta TAM“ / „TAM ta ta TAM“ …

Einen näheren Blick sind dabei die Wörter der Form „TAM ta TAM“ wert. So jedenfalls kommen sie bei den Verfassern vor, die die Senkungen entweder mit einer oder zwei unbetonten Silben besetzen – die eher am antiken Vers sich ausrichtenden Verfasser ersetzten dagegen die zwei leichten Silben durch eine schwere Silbe, wodurch man beim „TAM TAM TAM“ landet. Und das ist, verglichen mit dem üblichen Einsilber an dieser Stelle, der besagten dritten Hebung: ein himmelweiter Unterschied in der Wirkung, sowohl bezogen auf die Bewegung als auch bezogen auf den Klang!

 

Dreh in der Mondscheinsnacht ihren gesonderten Tanz!

 

– Ein Pentameter von August von Platen, der auf die erwähnte Weise gebaut ist:

Dreh in der / Mondscheins- / nacht || ihren ge- / sonderten / Tanz!

TAM ta ta / TAM TAM / TAM || TAM ta ta / TAM ta ta / TAM

Noch stärker tritt die Wirkung eines solchen „TAM TAM TAM“ hervor, wenn der Satzeinschnitt nicht mit dem Verseinschnitt zusammenfällt. Wieder Platen:

 

Starbst du, des Unglücksstamms letzter, ein Dichter und Held!

 

Der Verseinschnitt liegt hinter „-stamms“, die Satzeinschnitte aber nach „du“ und nach „letzter“:

Starbst du, des / Unglücks- stamms || letzter, ein / Dichter und / Held!

– Und das klingt dann ganz anders als der durchschnittliche Pentameter! Für diese Wirkung genügt schon ein einzelner Satzeinschnitt:

 

Welcher an Gastfreundschaft glaubte, zu töten gewagt!

 

– Auch dieser Vers stammt von Platen. Aus den drei Beispielen mitnehmen für das eigene Schaffen kann man sicher dieses: Soll ein Pentameter anders klingen als sonst üblich, ungewöhnlich; dann empfiehlt es sich, die dritte Hebung mit einer Silbe zu besetzen, die zu einem drei- oder viersilbigen Wort gehört. Besonders stark ist die Wirkung, wenn es sich um ein Wort der Form „TAM TAM TAM“ handelt; und treten dann noch Satz- und Verseinschnitt auseinander, ist von der üblichen Pentameterbewegung kaum noch etwas vernehmbar!

Die Bewegungsschule (44)

In der Wiege und im Sarg ist niemand ein großer Mann.

 

Das ist kein Vers; es ist auch kein Aphorismus. Es ist ein ganz gewöhnlicher Satz aus einem Text, den Rudolf Alexander Schröder anlässlich Friedrich Hölderlins 100. Todestag geschrieben hat, also 1943, und der in seinen „Gesammelten Werken in fünf Bänden“ (erschienen 1952 bei Suhrkamp) zu finden ist: im zweiten Band auf Seite 702.

Im Zusammenhang wirkt dieser Satz nicht sonderlich auffällig – der Text beginnt so:

Es ist eine eigentümliche Sitte, die uns den Geburtstag oder den Todestag großer Männer feiern lässt. In der Wiege und im Sarg ist niemand ein großer Mann. Aber da Seelengröße und die aus ihr geborene Leistung inkalkulable Faktoren sind und man in keinem gelebten Leben den Punkt bestimmen kann, auf dem sie am strahlendsten oder am entscheidensten hervortreten, so ist es wenigstens eine leidliche Auskunft, wenn man sich an die Grenzdaten eines für die Nation oder für die Welt wichtigen Lebens hält, um seiner feiernd zu gedenken.

Aber wer sich ein Ohr hat wachsen lassen für die  die Bewegungslinien der Sprache, dem fällt der Satz auch „im Gedränge“ auf:

In der Wiege / und im Sarg / ist niemand / ein großer Mann.

ta ta TAM ta / ta ta TAM / ta TAM ta / ta TAM ta TAM

Nach Sinneinheiten, sprich: Wortfüßen abgeteilt zeigt sich, der Satz bewegt sich recht anziehend! Er hat vier ähnliche, aber nicht gleiche Wortfüße, was den beiden Grundgrößen der gestalteten Sprache entspricht, Wiederholung und Abwandlung. Auch lautlich wirkt der Satz geschlossen. Alles in allem also doch eine Art Vers?!