Die Bewegungsschule (60)

Noch einmal zu diesem in den Einträgen der letzten Woche schon zweimal angesprochenen Satz von Peter Hacks:

Das Metrum setzt ein Erwartungsschema, und in dem Wechsel von Erfüllung und Nichterfüllung der Erwartung liegt der ästhetische Reiz.

Damit meint er nicht das Angleichen oder Entfernen der Versbewegung an das metrische Schema eines (iambischen) Verses, wie hier zuletzt angesprochen, sondern die Veränderung des Metrums (und damit natürlich auch der Versbewegung)!

Beim in (59) angesprochenen Vers aus dem Heym-Sonett „Printems“ …

Ein Ackerer geht groß am Himmelsrand.

… ist zum Beispiel die zweite Hebung mit einer sehr leichten Silbe besetzt worden, die dritte Senkung dagegen mit einer sehr schweren Silbe – mit Abteilung nach Sinneinheiten:

◡ — ◡ ◡ | — — | ◡ — ◡ —

Rein vom Metrum her könnte man sagen, zwei Iamben sind durch einen „Ioniker a minore“ ausgetauscht worden:

◡ — / ◡ ◡ — — / ◡ — / ◡ —

Ein Versfuß, über den schon August Wilhelm Schlegel geurteilt hat, er sei für den deutschen Iambus „nicht völlig unbrauchbar“. Und tatsächlich haben ihn einige Dichter in ihren iambischen Versen, und im englischen iambischen Vers ist er sogar vergleichsweise häufig!

Die Bewegungsschule (59)

Wenn man erst einmal angeangen hat, über die iambische Bewegung nachzudenken, fallen einem alle möglichen Sachen auf … Wenn die iambische Bewegung sehr eng am Metrum sein, aber nicht gänzlich mit ihm übereinstimmen soll, kann man zwei Iamben zu einem doppeliambischen Wortfuß zusammenfassen: ◡ — ◡ —. Im fünffüßigen Iambus geht das zweimal, ein einzelner Iambus bleibt übrig. Die drei so geschaffenen Bestandteile lassen sich auf drei verschiedene Arten anordnen:

◡ — ◡ — | ◡ — | ◡ — ◡ —

◡ — | ◡ — ◡ — | ◡ — ◡ —

◡ — ◡ — | ◡ — ◡ — | ◡ —

Und wenn man sich danach Georg Heyms bekanntes Sonett „Printemps“ anschaut …

 

Ein Feldweg, der in weißen Bäumen träumt,
In Kirschenblüten, zieht fern über Feld.
Die hellen Zweige, feierlich erhellt,
Zittern im Abend, wo die Wolke säumt,

Ein düstrer Berg, den Tag mit goldnem Grat,
Ganz hinten, wo ein kleiner Kirchturm blinkt.
Das Glöckchen sanft im lichten Winde klingt
Herüber goldnen Tons auf grüner Saat.

Ein Ackerer geht groß am Himmelsrand.
Davor, wie Riesen schwarz, der Stiere Paar,
Ein Dämon vor des Himmels tiefer Glut.

Und eine Mühle fasst der Sonne Haar
Und wirbelt ihren Kopf von Hand zu Hand
Auf schwarze Au, der langsam sinkt, voll Blut.

 

… stellt man fest, dass jede dieser drei Möglichkeiten genau einmal verwirklicht wird – in V5, V10, V14. V9 ist eine leicht abgeänderte Form desselben Musters! Die restlichen Verse verdienen aber auch einen nähereren Blick bezüglich ihrer Bewegung, zum Beispiel, wie die „iambische Bewegtheit“ zum Gedichtschluss hin immer vernehmbarer wird …

Die Bewegungsschule (58)

In vorgestrigen Eintrag wurde Peter Hacks zitiert, unter anderem mit diesem Satz (gesagt über „Iamben“):

Das Metrum setzt ein Erwartungsschema, und in dem Wechsel von Erfüllung und Nichterfüllung der Erwartung liegt der ästhetische Reiz.

Dagegen ist nichts zu sagen, nur: wann ist ein Erwartungsschema erfüllt, wann nicht erfüllt? Und welches Erwartungsschema liegt einem iambischen Vers genau zugrunde?!

Hm.

Wenn man sich zum Beispiel den iambischen Fünfheber anschaut, der ja so aussieht:

◡ — ◡ — ◡ — ◡ — ◡ —

… dann ist noch keineswegs gesagt, dass sich dieser Vers auch iambisch bewegen wird; er kann genausogut trochäisch klingen oder amphybrachisch oder ganz anders. Man kann dieses MIschmasch, in dem viele, und viele sehr gute! Gedichte geschrieben sind, vielleicht „Alternationsbewegung“ nennen?!

Am nächsten an die „metrische Erwartungshaltung“ kommt aber eine „iambische Bewegung“, und die entsteht, wenn die hörbaren Sinneinheiten, die „Wortfüße“, mit den metrischen Einheiten übereinstimmen!

Beides, die „Alternationsbewegung“ und die „iambische Bewegung“, steht am Anfang von Gertrud Kolmars „Die Müde“ scharf geschieden nebeneinander:

 

Dies Müde, Flügellose ruht auf mir
So wie ein großes, sanftes, goldnes Tier.

 

– Im ersten Verspaar ist die iambische Bewegung, wenn überhaupt, äußerst schwach vernehmbar: „auf mir“ im ersten Vers, „so wie“ im zweiten. Bestimmend sind die zweisilbigen Wörter der Form — ◡ mit ihrer trochäischen Wortbewegung. Das ändert sich aber aufsehenerregend im zweiten Verspaar!

 

Uns trägt, was schwillt: ein Trank, der überlief.
Es blickt mich an. Sein Blick ist gut und tief.

 

Hier stimmen Metrum und Bewegung fast vollständig überein, die beiden Verse sind so iambisch, wie sie irgend sein können!

Uns trägt, | was schwillt: || ein Trank, | der überlief.
◡ — / ◡ — / ◡ — / ◡ — / ◡ —
Es blickt | mich an. || Sein Blick | ist gut | und tief.
◡ — / ◡ — / ◡ — / ◡ — / ◡ —

Dadurch stellt sich auch eine für den iambischen Fünfheber sehr wichtige Größe ein: Der Einschnitt nach der vierten Silbe. Ob er da ist oder nicht, und wenn ja, wie stark er ist: das prägt den Vers außerordentlich! Weiter zum dritten Verspaar:

 

Es lastet schwerer und mein Atem hebt
Es nicht mehr auf. Sein Drachenmantel webt

 

Hier ist wieder eher die Alternationsbewegung zu spüren, aber der zweite Vers bewahrt zumindest den Einschnitt nach der vierten Silbe. Den weist auch das vierte Verspaar auf, das dadurch nicht übermäßig, aber doch erkennbar iambisch klingt:

 

Ins Düster sich. Ein Zackenkrallen spinnt,
Drum schale Milch zu einem Mohnkopf rinnt.

 

Das fünfte und sechste Verspaar sind sehr weit weg von der iambischen Bewegung, erst im letzten Vers taucht der Einschnitt nach der vierten Silbe wieder auf und führt aus der Alternationsbewegung:

 

Nun darf ich nur noch eigne Lieder sehn,
Die blau und grüne Pfauenräder drehn.

Ich habe kein Gesicht mehr. Hauch wird Stein.
Bedächtig kehrt mein Schauen in mich ein.

 

„Führt aus“, denn: Das siebte Verspaar ist wieder von äußerst deutlicher iambischer Bewegung!

 

Es steigt hinab, hinab, es fällt, wird dicht.
Der Schwarzschlund sackt es ein: es wehrt sich nicht.

 

Wobei hier der Einschnitt einmal nicht ganz so deutlich, einmal sehr deutlich nicht hinter der vierten, sondern hinter der sechsten Silbe liegt. Aber auch dieser Einschnitt fördert die iambische Bewegung sehr!

 

Das neunte Verspaar ist im ersten Verspaar nur milde, im zweiten etwas erkennbarer iambisch …

 

Es sinkt geballt in tauben Mauerkern.
Es ist in sich. Nur seltsam klar und fern.

 

… ehe das letzte Verspaar, das mit dem ersten Verspaar eine Art Rahmen aufspannt, auch dessen Alternationsbewegung wieder aufnimmt:

 

Scheint auch dies Müde, Flügellose hier
So wie ein kleines, silbern sanftes Tier.

 

Nun ist das hier Beschriebene nicht unbedingt das, was Hacks unter „Erwartungsschema“ versteht; aber ich denke doch, dass dieses Hinführen zur und das anschließende Wegführen von der Grundbewegung in die gleiche Richtung geht; und dass man, achtet man darauf, wie nah oder fern die eigenen Verse der iambischen Grundbewegung sind, viel stärker als gestaltet erkennbare Vers schreibt, als wenn man sich ausschließlich der Alternationsbewegung anvertraut.

Die Bewegungsschule (57)

Gertrud Kolmars „Garten im Sommer“ ist in ganz unterschiedlich langen, ganz unterschiedlich sich bewegenden Versen geschrieben. Einmal klingt aber eine Bewegung auf, die jedem, der die „Bewegungsschule“ besucht hat, sofort vertraut ist – ein Gruß vom „großen Bruder“!

 

Und ein winziger reglos hockender Frosch, der aus grüner Bronze geformt ist.

 

Und ein win– / ziger | reg– / los hock– / ender Frosch, || der aus grü– / ner Bron– / ze geformt / ist.

ta ta TAM / ta ta |  TAM / TAM TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta TAM / ta ta TAM / ta

Sehr schön! Auch wenn der hier waltende Zufall sich durchaus bemerkbar macht , und zwar weniger durch die eine einsilbig-leicht besetzte Senkung (das schadet nicht) als vielmehr durch die fehlende / undeutliche Nebenzäsur im ersten Halbvers?! Aber auch das ist verschmerzbar …

Die Bewegungsschule (56)

Friedrich Gottlieb Klopstock schreibt in seinen „Gedanken über die Natur der Poesie“:

Die tiefsten Geheimnisse der Poesie liegen in der Aktion, in welche sie unsre Seele setzt. Überhaupt ist uns Aktion zu unserm Vergnügen wesentlich. Gemeine Dichter wollen, dass wir mit ihnen ein Pflanzenleben führen sollen.

Der letzte Satz ist ein Schatz, fraglos. Und heute nicht weniger gültig als vor über 200 Jahren, fürchte ich … Auch wenn man Klopstocks Liebe zur (Sprach-)Bewegung nicht in vollem Ausmaß teilt, anregen lassen sollte man sich:

 

Wie sie herschwebt an des Quells Fall! Mächtiges Getön,
Wie Rauschen in den Nächten des Walds ist ihr Schwung!

 

– Steht in Klopstocks „Unsre Sprache“. Und die Bewegung des ersten Verses …

◡ ◡ — —, ◡ ◡ — —, — ◡ ◡ ◡ —

… beeindruckt wirklich. Sprache ist Bewegung, „Schwung“; das hat niemand besser verstanden als Klopstock, und er hat dieses Wissen auf auch heute noch wirksame und gültige Art in Verse umgesetzt.

Die Bewegungsschule (55)

Der „große Bruder des Bewegungsschulenverses“ hat auch einen richtigen Namen, nur klingt der nicht besonders schön: „Katalektischer anapästischer Tetrameter“. Dann doch lieber „Aristophanischer Vers“, denn so heißt er auch! Aristophanes hat ihn viel in seinen Komödien benutzt, zum Beispiel in den 414 vor Christus zum ersten Mal aufgeführten „Vögeln“; in der ersten Szene wendet sich dort der Chorführer an die Zuschauer:

 

O ihr Menschen, verfallen dem dunklen Geschick, „den Blättern des Waldes vergleichbar“,
Ohnmächtige Zwerge, Gebilde von Lehm, traumähnliche Schattengestalten,
O ihr Eintagsfliegen, der Flügel beraubt, ihr erbärmlich-verweslichen Wesen,
Jetzt lauschet und hört die Unsterblichen an, die erhabenen, ewiglich jungen,
Die ätherischen, himmlischen, seligen, uns, die Unendliches sinnenden Geister,
Die euch offenbaren die Lehre vom All und den überirdischen Dingen:

 

Nun weiß ich nicht, was da im griechischen Ursprungstext steht, sondern kenne nur die (klassische) Übersetzung von Ludwig Seeger; die aber hat viele wunderbare Stellen, an denen die Sprache so kraftvoll und doch immer beherrscht und gebändigt dahinströmt, dass es eine Freude ist!

(Im letzten der angeführten Verse ist „euch“ betont: Die euch /offenba– / ren die Leh– / re vom All …, TAM TAM / ta ta TAM / ta | ta TAM / ta ta TAM || … Das stellt wahrscheinlich wieder einmal das Offensichtliche fest, aber ich dachte, ich erwähne es sicherhaltshalber.)

Die Bewegungsschule (54)

ta TAM TAM ta TAM – das ist im deutschen Vers eine seltene Bewegung?! In der deutschen Prosa auch, aber: sie kommt vor. So stolperte ich heute im fünften Band von Hermann Hesses „gesammelten Werken“, erschienen 1978 bei Suhrkamp, am Ende von „Narziß und Goldmund“ auf folgende Sätze:

Narziß legte ihm die Hand auf den Arm, sofort schwieg er und schloss lächelnd die Augen. Er schlief friedlich ein. Verstört lief der Abt und holte den Arzt des Hauses, Pater Anton, dass er nach dem Kranken sehe.

– So zu finden auf Seite 315.

Weil der Antispast (ta TAM TAM ta) und der Dochmius (ta TAM TAM ta TAM) aus entgegengesetzt betonten Gliedern gebildet sind, brechen sie sich gleichsam in sich selbst und widerstreben sich im Schritt; also sind sie vorzugsweise geeignet, den Wechselstreit der Gefühle und die Stöße der Leidenschaften zu malen. Sie haben also den Charakter des Gebrochenen an sich; sie stürmen nicht vorwärts, ihre Bewegung ist gehemmt durch Widerstreit: sie dehnen sich mehr aus, indem sie ihre Kraft entwickeln, und werfen allen Nachdruck auf sich selbst, was besonders vom Antispast gilt. Denn der Dochmius, um eine Silbe länger, tut zugleich einen Schritt vorwärts, nicht ohne Beschwer und würdevoll: er erobert sich gleichsam ein Feld, wo er seine Gewalt ausbreitet. Beide Füße scheinen daher ihrer Natur nach bestimmt, das Ringen und Kämpfen der Seele, den Widerstreit und Widerstand zu veroffenbaren; was schmerzlich ist und Klage erweckt, ergießt sich durch diese Formen wie ein Strom über Felsen.

Schreibt Johannes Minckwitz in seinem „Lehrbuch der rhythmischen Malerei der deutschen Sprache“. Drei solche „ta TAM TAM ta“, dabei sogar zweidirekt aufeinanderfolgende, sind im Hesse-Ausschnitt enthalten: „Narziß legte“, und

sofort schwieg er und schloss lächelnd

Und gleich darauf, auch unmittelbar aufeinander folgend, stehen zwei „ta TAM TAM ta TAM„!

Er schlief friedlich ein. Verstört lief der Abt

Ob man das mit Minckwitz Vorstellungen in Übereinstimmung bringen kann?! Die „Verstörung“ sicherlich, das „lächelnd“ und das „friedlich“ vermutlich weniger … Insgesamt eine eigenartige Stelle, die noch eigenartiger wird durch den Reim „schlief“ / „lief“ – wieder ein „Vershinweis“!

Er schlief friedlich ein.
Verstört lief der Abt

– Und eigentlich könnte man das wirklich als zwei Verse untereinandersetzen: „ta TAM TAM ta TAM„.

Die Bewegungsschule (53)

Der „Bewegungsschulenvers“ und kein Ende …

1817 nennt J.H.F. Meineke das „tataTAM“ einen „sehr munter aufspringenden Tanzfuß“ und merkt weiter an, auf seiner Grundlage gebildete Verse „schicken sich mehr zur lyrischen als zur deklamatorischen Poesie, und zwar nur zu Liedern muntern Inhalts.“

Hm.

Schwierig, das; so ganz habe ich an diese Zuordnungen nie geglaubt … Sicher, jedes Versmaß hat seine Eigenarten und darum fällt es seinem Nutzer leichter, diesen Eigenarten entgegenkommende Inhalte darzustellen als solche, die diesen Eigenarten Widerstand leisten; aber dass es nicht geht, und dass so keine Wirkungen zu erzielen sind: Das ist einfach nicht so.

Zwei Jahre früher, 1815,  hat Lord Byron sein später äußerst bekanntes Gedicht „The Destruction of Sennacherib“ veröffentlicht, dessen erste Strophe so lautet:

 

The Assyrian came down like the wolf on the fold,
And his cohorts were gleaming in purple and gold;
And the sheen of their spears was like stars on the sea,
When the blue wave rolls nightly on deep Galilee.

 

– Und auch ohne die restlichen Strophen zu kennen, ist klar: hier wird deklamiert, zauf jeden Fall aber erzählt; und sonderlich „munter“ geht es nicht zu … Aber das Herannahen zu Pferde: Das wird sicherlich gut wachgerufen durch den tataTAM-Rhythmus!

Bemerkenswert auch, wie der dritte Vers den Grundvers überdeutlich ausprägt:

And the sheen / of their spears || was like stars / on the sea,
ta ta TAM / ta ta TAM || ta ta TAM / ta ta TAM

Der vierte Vers ist da viel freier meinem Empfinden nach, aber die gegebene Blaupause lässt keinen Zweifel aufkommen?!

Die Bewegungsschule (52)

Ich habe den Abend damit verbracht, in Stefan Zweigs „Der Kampf mit dem Dämon“ zu lesen. Zu Friedrich Hölderlins Gedichten sagt Zweig unter anderem:

Diese Entwicklung zur Freiheit, dieses Sich-Losreißen, Sich-Selbstherrlichmachen des Rhythmus (auf Kosten der Bindung und geistigen Ordnung) geht im Hölderlinschen Gedichte ganz allmählich vor sich: zuerst hat er den Reim, die klirrende Fußkette von sich gestoßen, dann das über die breitatmende Brust zu enge Kleid der Strophe gesprengt; antikisch nackt lebt nun das Gedicht seine körperhafte Schönheit aus und eilt wie ein griechischer Läufer dem Unendlichen entgegen. Alle gebundenen Formen werden dem Inspirierten allmählich zu enge, alle Tiefen zu seicht, alle Worte zu dumpf, alle Rhythmen zu schwertönig – die ursprünglichste klassische Regelmäßigkeit des lyrischen Baues überwölbt sich und bricht, der Gedanke schwillt immer dunkler, mächtiger, gewitterhafter aus Bildern empor, immer tiefer und voller wird gleichzeitig das rhythmische Atemholen, großartig kühne Inversionen binden oft ganze Strophenreihen in einen Satz zusammen – aus den Gedichten werden Gesänge, hymnischer Anruf, prophetische Schau, heroisches Manifest.

Ja … Etwas weniger wortgewaltig gesagt: An Hölderlin führt, macht man sich Gedanken über die Art, wie sich Verse bewegen, kein Weg vorbei; und auch wenn es viele Gründe gibt, eine Hölderlin-Ausgabe im Schrank zu haben – seine wunderbare Bewegungs-Kunst ist darunter nicht der schlechteste.

Nochmal Zweig:

Die ersten Zeilen seiner Hymnen haben immer etwas vom Kurzen, Abrupten, Losschnellenden eines Abstoßes, das Verswort muß immer erst fort von der Prosa des Daseins, um sich einzuschwingen in sein Element. … Hat sich Hölderlin aber einmal in die Begeisterung abgestoßen, so flutet ihm der Rhythmus gleichsam wie feuriger Atem von der Lippe, wunderbar bindet sich in kunstvollen Verschränkungen die schwere Syntax, die blendendsten Inversionen kontrapunktieren sich mit einer strahlenden, einer zauberhaften Leichtigkeit: durchsichtig wie feinster Stoff, wie die gläserne Schwinge eines Insektes lässt das „wehende Lied“ durch seine klingenden, leuchtenden Flügel den Äther und sein unendliches Blau fühlen.

Die Bewegungsschule (51)

In (26) wurde der sogenannte „Hinkiambus“ vorgestellt …

ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / ta TAM / TAM ta

… mit dem ihn kennzeichnenden doppelten „TAM“ am Versende! Ein kurzer Text in diesem Maß, geschrieben von Friedrich Rückert, liest sich so:

 

Ein Liebchen hatt ich, das auf einem Aug‘ schielte;
Weil sie mir schön schien, schien ihr Schielen auch Schönheit.
Eins hatt ich, das beim Sprechen mit der Zung anstieß,
Mir war’s kein Anstoß, stieß sie an und sprach: „Liebster!“
Jetzt hab ich eines, das auf einem Fuß hinket –
„Ja freilich“, sprech ich, „hinkt sie, doch sie hinkt zierlich.“

 

An den wurde ich erinnert, weil ich auf Youtube eine Vertonung davon gehört habe – von Carl Loewe, gesungen von Hans Hotter: Hinkende Iamben

Einfach einmal reinhören und darauf achten, wie Tonsetzer und Vortragender mit diesem Zusammenstoß zweier schwerer Silben umgegangen sind!