Erzählformen: Die alkäische Strophe (24)

Friedrich Gottlieb Klopstock schätzte es, seine Gedanken zu Fragen der Dichtung auch in Versform darzustellen. In „An Johann Heinrich Voß“, also einen anderen Dichter, der sich viel aus den Fragen der Versbewegung machte, findet sich diese alkäische Strophe:

 

Dank euch noch einmal, Dichter! Die Sprache war
Durch unsern Iambus halb in die Acht erklärt,
Im Bann der Leidenschaften Ausdruck,
Welcher dahin mit dem Rhythmus strömet.

 

Das ist nun so gar nicht lyrisch oder odengemäß getragen und feierlich, aber trotzdem passend; denn der große Rhythmiker Klopstock war den iambischen Versmaßen gar nicht zugetan, die nicht sehr viel „rhythmischen Spielraum“ lassen, und lobt hier also die Dichter, die ihm gefolgt sind in seinen Versuchen, diese iambischen Versmaße durch zum Beispiel die Nachbildungen antiker Formen zu ersetzen. Und in welcher Form könnte das besser geschehen als in einer Odenstrophe?!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (23)

In seiner sehr empfehlenswerten „Einführung in den neueren deutschen Vers“ (Metzler 1989) schreibt Alfred Behrmann auf Seite 79:

Wer die Sorgfalt für die einzelne Silbe, die das Dichten in strengen gräko-lateinischen Versen erzwingt, als subaltern empfindet, mag auf Bürger hören, der erklärte: „Ich verkündige allen denen, die es noch nicht wissen, ein großes und wahres Wort: Ohne die Silbenstecherei darf kein ästhetisches Werk auf Leben und Unsterblichkeit hoffen.“

Nun ist Bürgers Aussage eine sehr einseitige, damit angreifbare und auch oft angegriffene; aber das Beispiel, das Behrmann dann für die alkäische Ode angibt – Friedrich Hölderlins zweistrophige Ode „An unsre großen Dichter“ -, lässt doch sehr stark vermuten: Es ist etwas dran …

 

Des Ganges Ufer hörten des Freudengotts
Triumph, als allerobernd vom Indus her
Der junge Bacchus kam, mit heilgem
Weine vom Schlafe die Völker weckend.

O weckt, ihr Dichter! weckt sie vom Schlummer auch,
Die jetzt noch schlafen, gebt die Gesetze, gebt
Uns Leben, siegt, Heroën! ihr nur
Habt der Eroberung Recht, wie Bacchus.

 

Um eine Strophe so selbstverständlich, so überzeugend füllen zu können, muss man schon einiges an Arbeit aufwenden; und Erfahrung schadet ganz bestimmt auch nicht. Und selbst einer der großen Dichter sein, wahrscheinlich; Hölderlin eben.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (22)

Wenn man sich so durch Youtube treiben lässt, stößt man auf erstaunliche Dinge …

 

Furchtlos bleibt aber, so er es muss, der Mann
Einsam vor Gott, es schützet die Einfalt ihn,
Und keiner Waffen brauchts und keiner
Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.

 

Das ist die letzte Strophe von Friedrich Hölderlins „Dichterberuf“, und ohne Frage eine vollendete alkäische Strophe. Begegnet ist sie mir eben in Fritz Lang recites Hölderlin, einem Ausschnitt aus dem Film „Le Mépris“. Schöner Vortrag, wirklich; und auch sonst ebenso erheiternde wie beachtenswerte anderthalb Minuten, nicht zuletzt durch das viersprachliche Durch-, Mit- und Gegeneinander!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (21)

Die deutschen Nachbildungen antiker Strophen reimen sich genausowenig, wie es ihre Vorbilder getan haben; und das aus gutem Grund. Rudolf von Gottschall hat trotzdem viele derartige Versuche unternommen, zum Beispiel in dieser selbstbezüglichen Strophe:

 

O zage vor dem kühneren Schwunge nicht,
Der alten Brauches sklavische Fessel bricht,
Der um die Regel, die uns bindet,
Zartere Blüten des Reimes windet.

 

Und zugegeben, das klingt gar nicht einmal so schlecht.  Trotzdem ist es keine alkäische Strophe mehr, denn das, was sie ausmacht – die beiden kleinen Bögen in V1 und dann V2, an die sich der große, durch V3 und V4 schwingende Bogen anschließt – wird hier durch die Reime zerstört, die, wie üblich, die Aufmerksamkeit weg von der Bewegung auf den Klang lenken, aber eben auch die Bewegung an sich zerstören. Ich denke, für die alkäische Strophe gilt, was für Hexameter, Distichon und all die anderen „alten“ Maße auch gilt: Ohne Reim ist sie besser dran.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (20)

Die im letzten Beitrag von Isolde Kurz aufgeworfene „Götter-Frage“ haben auch andere gestellt – und wie sie in der alkäischen Strophe beantwortet! So der vierzig Jahre jüngere Josef Weinheber:

 

Wir hatten ja im Anfang mit Göttern und
Dämonen viel zu tun. Und es waren da
noch hohe Menschen: Als ein Durchgang
mächtiger Gegner und hehrer Streite.

Doch dann verfiel der Raum, und es kam die Zeit.
Da zogen sich die Götter zurück. Wo war
denn noch für sie zu tun? Die Halle
starrte verlassen mit Säulentrümmern.

Und was wir an Dämonen uns aufgepflegt,
ward dünn und dürr. Sie trieben kein Reis mehr: Qual,
sonst nichts. Und hatten einst uns doch den
Göttern, dem Gott, an die Brust getrieben.

Jetzt essen wir das mühsam gesparte Brot
der Ausgeglichenheit, und wir zahlen es
mit kleinster Münze. Arme Götter!
Arme Dämonen! Vorbei — Geht schlafen!

 

Auch hier: Vier Strophen. Die beiden Gedichten gemeinsamen „schlafenden Götter“ scheinen ein anziehendes Bild zu sein, wenn sie auch ganz unterschiedlich Verwendung finden; genauso die „Trümmer“.  Erstaunlich das eigenartig umgangsspachliche „ja“ im ersten Vers?!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (19)

Wenn eine Verfasserin eigentlich nur gereimte Gedichte in ihren „gesammelten Werken“ hat; aus welchen Gründen sind dann die wenigen Texte in „antiken“ Maßen entstanden? Ein weitverbreiteter Grund – die Wahl der Form als Folge des gewählten Inhalts – lässt sich bei Isolde Kurz‘ „Tote Götter“ vermuten:

 

Dein Tempel ist verwaist und dein Gott ein Traum,
Kein Glaube wärmt, o Seele, dein ödes Haus,
Doch bleibt der Ort geweiht, und fernab
Rauscht des geschäftigen Tags Gemeinheit.

So liegt im Hain zertrümmert ein Götterbild,
Sein Dienst vergessen, ach, seine Priester tot!
Das edle Haupt zerschellt, doch Hoheit
Strahlt von dem herrlichen Rumpf noch immer.

Der Vorzeit Geister hüten die Stätte treu,
Den Leib umgießt verklärendes Abendrot,
Die Lüfte reden leis‘, und lieblich
Duften die Blumen, wo Götter schlafen.

Ja, tote Götter, euer ist noch der Ort,
Und dein des Herzens Stille, Erinnerung;
Doch euer Tag ist um, und ewig
Trauert die Seele, dass Götter sterben.

 

„Doch euer Tag ist um“ – das ist, irgendwie, eine sehr schnörkellose Feststellung … Die alkäischen Strophen sind sicher gebaut, man merkt, dass Kurz ungeachtet der Reim-Vorliebe ein sicheres Verständnis dieser Form hatte! Die Art, wie in den ersten beiden Versen jeder Strophe die Zäsur nach der fünften Silbe mal beachtet, mal abgewandelt wird, gefällt zum Beispiel; Das „Springen“ von einer Strophe in die nächste, was die antiken Strophenformen ja viel eher ermöglichen als spätere Reimstrophen, fehlt allerdings. Nicht schlimm, aber ein wenig eine verpasste Möglichkeit …

Erzählformen: Die alkäische Strophe (18)

Johann Heinrich Voß wusste von den Baugesetzen der alkäischen Strophe soviel wie jeder andere, und mehr als die meisten; wenn seine in dieser Strophe geschriebenen Texte also manchmal unpassend klingen, liegt es am Inhalt … Eine Strophe aus „Auf Michaelis‘ Tod“:

 

Entsteigt den Gräbern, schlummernde Geister, schwebt,
In weißer Hülle, wimmernd und totenbleich
Um meine Klagen, bis der Frühe
Dämmerung euch zu der Gruft zurückscheucht!

 

Makellos gebaut; aber … Aus Gräbern steigende, wimmernde Geister?! Das will mir, dargestellt in einer antiken Odenstrophe, erst einmal seltsam scheinen! Aber es wird schnell klar: Um die Antike geht es hier nicht.

 

Ha! Tod, du schwarzer Mörder! Wie viele traf
Dein Schlachtschwert schon der blühendsten Hoffnungen
Im deutschen Eichenhain! Auch diesen
Würgtest du, welcher begann, und groß war?

 

„Ha!“ – das könnte der am wenigsten an die Antike erinnernde Gedicht-Baustein aller Zeiten sein?! Zum „deutschen Eichenhain“ passt derlei dagegen ganz gut.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (17)

Zu Friedrich Gottlieb Klopstock gehört auf mehr als eine Weise der Begriff „Erhabenheit“. Viele seiner Texte beruhen auf ihm, auch viele seiner Oden, alkäischer oder anderer Art. In „Unterricht“ driftet diese Erhabenheit allerdings ins Komische ab – es geht dabei um das Zureiten einer Stute!

 

Iduna Hensler grüßet, mein Stolberg, dich,
Und sagt dir leichthinspielendes Ganges, hoch
Den Kopf, die Mähn‘ im Fluge: Dass sie,
Bei der entscheuchenden Kerze Schimmer,

In diesem stets noch starrenden Winter, (Ach
Zum ersten Male wagt‘ ich, die mürrischen
Ostwinde meidend, nicht, der Eisbahn
Tönende Flügel mir anzulegen!)

Durch mich zum Aufsitz stehen gelernt; durch mich
Gelernet kurzen Zephyrgalopp, verlernt,
Doch nicht zu sehr! den allzu frohen,
Launigen Schwung in die Läng‘ und Breite!

 

– Das sind die ersten drei der insgesamt sechs Strophen. Die Erhabenheit von Sprache und Form ist hör- und spürbar; der Inhalt hält sich aber so gar nicht daran, und diese Unverhältnis ist tatsächlich komisch?! Aber wie auch immer: Die Art, wie Klopstock hier die Sätze durch die Strophen führt, ist schon etwas besonderes, und da ein Auge und vor allem ein Ohr drauf zu haben, lohnt in jedem Fall.

Erzählformen: Die alkäische Ode (16)

Friedrich Hölderlin,  der Großmeister der deutschen Ode, hat auch diese dreistrophige alkäische Ode geschrieben, „Empedokles“:

 

Das Leben suchst du, suchst, und es quillt und glänzt
Ein göttlich Feuer tief aus der Erde dir,
Und du in schauderndem Verlangen
Wirfst dich hinab, in des Aetna Flammen.

So schmelzt‘ im Weine Perlen der Übermut
Der Königin; und mochte sie doch! hättst du
Nur deinen Reichtum nicht, o Dichter,
Hin in den gärenden Kelch geopfert!

Doch heilig bist du mir, wie der Erde Macht,
Die dich hinwegnahm, kühner Getöteter!
Und folgen möcht‘ ich in die Tiefe,
Hielte die Liebe mich nicht, dem Helden.

 

Über diese Verse haben wiederum kluge Leute viel geschrieben, so unter dem Titel „Poetische Individualität. Hölderlins Empedokles-Ode“ Martin Endres, der bei seinen Ausführungen auch auf den Aufbau und das Wesen der alkäischen Strophe eingeht. Wer mag, kann ja einmal in besagtem Werk vorbeischauen: Die Logik der Form – Die alkäische Ode, so der Titel des entsprechenden Kapitels, beginnt auf Seite 20!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (15)

Walther Hof gibt in seinem lesenswerten Buch „Hölderlins Stil als Ausdruck seiner geistigen Welt“ (Westkulturverlag Anton Hain 1954) auch einige Hinweise auf das Wesen der alkäischen Strophe (andere Beschreibungen finden sich in (2)!). Auf den Seiten 116 und 117 findet sich zum Silbenbild der Strophe:

x X x X x | X x x X x X
x X x X x | X x x X x X
x X x X x X x X x
X x x X x x X x X x

Die beiden ersten Zeilen sind gleich. Innerhalb der Zeilen sind erste und zweite Hälfte einander insofern entgegengesetzt, als die erste steigendes, die zweite fallendes Maß hat. In der Mitte, der Zäsur, stoßen aber keine Hebungen aufeinander, es kann also hier in keinem Sinn der Eindruck eines Gegeneinander entstehen. Vielmehr geht der Fluss der Bewegung durch die Pause hindurch. Beide Teile sind also einander harmonisch entgegengesetzt als steigender und fallender Ast eines Bogens. Stünde nach der Pause kein Daktylus, so entstünde eine ganz linerare Bewegung, weil die Pause dann gar nicht bemerkt würde. … Durch die Doppelsenkung aber wird die erste Hebung der zweiten Hälfte stärker hervorgehoben und damit auch die gegenrhythmische Unterbrechung in der Mitte. Mit der ersten Hebung der zweiten Hälfte beginnt so der Abklang, und zugleich bildet sie mit der durchklungenen Pause zusammen den Höhepunkt eines rhythmischen Bogens.

Hm. Die Zäsur ist im deutschen Elfsilber immer ein Problemfall gewesen; Bemerkenswert, wie sie Hof hier zu beschreiben versucht?! Zum dritten und vierten Vers (Seite 117, 118):

Den beiden ersten Zeilen, deren jede bis zu einem gewissen Grade in sich geschlossen und im Gleichgewicht ist, folgen nun die beiden letzten, die für sich unselbstständig sind und erst zusammen ein Ganzes bilden. Und zwar stehen die beiden Zeilen dieses „Abgesangs“ genau im gleichen Verhältnis zueinander wie die Hälften der ersten beiden Zeilen. Die erste Zeile des Abgesangs stellt eine Verlängerung der ersten Halbzeile dar und hat steigenden Rhythmus, die zweite hat den fallenden Rhythmus der zweiten Halbzeile, verdoppelt deren Daktylus und endet klingend, so dass sie gegenüber dem Hebungsschluss der zweiten Halbzeile wirklich einen Ausklang darstellt. Sie verdoppelt gleichsam die Versfüße des „Adoneus“, dessen Wesen idealer Ausklang ist. Entsprechend dieser Verstärkung des Bauprinzips der Halbzeilen ist auch die Zäsur zwischen dritter und vierter Zeile stärker als zwischen den Halbzeilen und, da ja auch hier ein Übergang besteht, der Bogen höher und gespannter als innerhalb der beiden ersten Zeilen. Endlich findet sich auc zwischen der zweiten Zeile und dem Abgesang der Übergang eines Wellentals, der Übergang von fallendem und steigendem Rhythmus, und zwischen Strophenschluss und Anfang der neuen Strophe ergibt sich dasselbe Verhältnis, so dass das Strophenenjambement von diesem Maß geradezu herausgefordert wird. Aber auch wo es nicht vorhanden ist, bietet das Versmaß niemals einen harten und unbedingten Abschluss, sondern immer einen weichen und offenen Ausklang.

Das liest sich sehr ähnlich dem, was andere auch sagen zum Strophenbau, aber eben nicht ganz genau so; und die grundlegenden Dinge noch einmal erklärt zu bekommen, schadet ohnehin nicht. Daher folgt jetzt auch noch, als Schluss, der nächste Satz  Hofs, dessen Inhalt man nicht oft genug wiederholen kann:

Das alkäische Maß ist also zwar vierzeilig, aber dreiteilig.