Erzählformen: Die alkäische Strophe (17)

Zu Friedrich Gottlieb Klopstock gehört auf mehr als eine Weise der Begriff „Erhabenheit“. Viele seiner Texte beruhen auf ihm, auch viele seiner Oden, alkäischer oder anderer Art. In „Unterricht“ driftet diese Erhabenheit allerdings ins Komische ab – es geht dabei um das Zureiten einer Stute!

 

Iduna Hensler grüßet, mein Stolberg, dich,
Und sagt dir leichthinspielendes Ganges, hoch
Den Kopf, die Mähn‘ im Fluge: Dass sie,
Bei der entscheuchenden Kerze Schimmer,

In diesem stets noch starrenden Winter, (Ach
Zum ersten Male wagt‘ ich, die mürrischen
Ostwinde meidend, nicht, der Eisbahn
Tönende Flügel mir anzulegen!)

Durch mich zum Aufsitz stehen gelernt; durch mich
Gelernet kurzen Zephyrgalopp, verlernt,
Doch nicht zu sehr! den allzu frohen,
Launigen Schwung in die Läng‘ und Breite!

 

– Das sind die ersten drei der insgesamt sechs Strophen. Die Erhabenheit von Sprache und Form ist hör- und spürbar; der Inhalt hält sich aber so gar nicht daran, und diese Unverhältnis ist tatsächlich komisch?! Aber wie auch immer: Die Art, wie Klopstock hier die Sätze durch die Strophen führt, ist schon etwas besonderes, und da ein Auge und vor allem ein Ohr drauf zu haben, lohnt in jedem Fall.

Erzählformen: Die alkäische Ode (16)

Friedrich Hölderlin,  der Großmeister der deutschen Ode, hat auch diese dreistrophige alkäische Ode geschrieben, „Empedokles“:

 

Das Leben suchst du, suchst, und es quillt und glänzt
Ein göttlich Feuer tief aus der Erde dir,
Und du in schauderndem Verlangen
Wirfst dich hinab, in des Aetna Flammen.

So schmelzt‘ im Weine Perlen der Übermut
Der Königin; und mochte sie doch! hättst du
Nur deinen Reichtum nicht, o Dichter,
Hin in den gärenden Kelch geopfert!

Doch heilig bist du mir, wie der Erde Macht,
Die dich hinwegnahm, kühner Getöteter!
Und folgen möcht‘ ich in die Tiefe,
Hielte die Liebe mich nicht, dem Helden.

 

Über diese Verse haben wiederum kluge Leute viel geschrieben, so unter dem Titel „Poetische Individualität. Hölderlins Empedokles-Ode“ Martin Endres, der bei seinen Ausführungen auch auf den Aufbau und das Wesen der alkäischen Strophe eingeht. Wer mag, kann ja einmal in besagtem Werk vorbeischauen: Die Logik der Form – Die alkäische Ode, so der Titel des entsprechenden Kapitels, beginnt auf Seite 20!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (15)

Walther Hof gibt in seinem lesenswerten Buch „Hölderlins Stil als Ausdruck seiner geistigen Welt“ (Westkulturverlag Anton Hain 1954) auch einige Hinweise auf das Wesen der alkäischen Strophe (andere Beschreibungen finden sich in (2)!). Auf den Seiten 116 und 117 findet sich zum Silbenbild der Strophe:

x X x X x | X x x X x X
x X x X x | X x x X x X
x X x X x X x X x
X x x X x x X x X x

Die beiden ersten Zeilen sind gleich. Innerhalb der Zeilen sind erste und zweite Hälfte einander insofern entgegengesetzt, als die erste steigendes, die zweite fallendes Maß hat. In der Mitte, der Zäsur, stoßen aber keine Hebungen aufeinander, es kann also hier in keinem Sinn der Eindruck eines Gegeneinander entstehen. Vielmehr geht der Fluss der Bewegung durch die Pause hindurch. Beide Teile sind also einander harmonisch entgegengesetzt als steigender und fallender Ast eines Bogens. Stünde nach der Pause kein Daktylus, so entstünde eine ganz linerare Bewegung, weil die Pause dann gar nicht bemerkt würde. … Durch die Doppelsenkung aber wird die erste Hebung der zweiten Hälfte stärker hervorgehoben und damit auch die gegenrhythmische Unterbrechung in der Mitte. Mit der ersten Hebung der zweiten Hälfte beginnt so der Abklang, und zugleich bildet sie mit der durchklungenen Pause zusammen den Höhepunkt eines rhythmischen Bogens.

Hm. Die Zäsur ist im deutschen Elfsilber immer ein Problemfall gewesen; Bemerkenswert, wie sie Hof hier zu beschreiben versucht?! Zum dritten und vierten Vers (Seite 117, 118):

Den beiden ersten Zeilen, deren jede bis zu einem gewissen Grade in sich geschlossen und im Gleichgewicht ist, folgen nun die beiden letzten, die für sich unselbstständig sind und erst zusammen ein Ganzes bilden. Und zwar stehen die beiden Zeilen dieses „Abgesangs“ genau im gleichen Verhältnis zueinander wie die Hälften der ersten beiden Zeilen. Die erste Zeile des Abgesangs stellt eine Verlängerung der ersten Halbzeile dar und hat steigenden Rhythmus, die zweite hat den fallenden Rhythmus der zweiten Halbzeile, verdoppelt deren Daktylus und endet klingend, so dass sie gegenüber dem Hebungsschluss der zweiten Halbzeile wirklich einen Ausklang darstellt. Sie verdoppelt gleichsam die Versfüße des „Adoneus“, dessen Wesen idealer Ausklang ist. Entsprechend dieser Verstärkung des Bauprinzips der Halbzeilen ist auch die Zäsur zwischen dritter und vierter Zeile stärker als zwischen den Halbzeilen und, da ja auch hier ein Übergang besteht, der Bogen höher und gespannter als innerhalb der beiden ersten Zeilen. Endlich findet sich auc zwischen der zweiten Zeile und dem Abgesang der Übergang eines Wellentals, der Übergang von fallendem und steigendem Rhythmus, und zwischen Strophenschluss und Anfang der neuen Strophe ergibt sich dasselbe Verhältnis, so dass das Strophenenjambement von diesem Maß geradezu herausgefordert wird. Aber auch wo es nicht vorhanden ist, bietet das Versmaß niemals einen harten und unbedingten Abschluss, sondern immer einen weichen und offenen Ausklang.

Das liest sich sehr ähnlich dem, was andere auch sagen zum Strophenbau, aber eben nicht ganz genau so; und die grundlegenden Dinge noch einmal erklärt zu bekommen, schadet ohnehin nicht. Daher folgt jetzt auch noch, als Schluss, der nächste Satz  Hofs, dessen Inhalt man nicht oft genug wiederholen kann:

Das alkäische Maß ist also zwar vierzeilig, aber dreiteilig.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (14)

Nach  Alkäus, dem „Erfinder“ der alkäischen Strophe, und Horaz, der die Form so meisterhaft gehandhabt hat, muss nun eigentlich Klopstock vorgstellt werden und eine seiner alkäischen Oden. Allerdings lesen sich diese heutzutage doch recht seltsam; und lang sind sie im allgemeinen auch … Ich belasse es daher bei zwei Strophen aus „Verschiedne Zwecke“, der sechsten und der siebten:

 

Gleich einer lichten Wolke mit goldnem Saum
Erschwebt die Dichtkunst jene gewölbte Höh‘
Der Heitre, wo, wen sie emporhub,
Reines Gefühl der Entzückung atmet.

Auch wenn sie Nacht wird, flieht der Genuss doch nicht
Vor ihren Donnern; feuriger letzt er sich!
Drauf schwebt sie, schöner Bläue nahe
Nachbarin, über dem Regenbogen.

 

Ja. So ist sie, die Dichtkunst … „Letzen“ meint „sich erquicken“, „sich erfreuen“?! Aber wenn man sich von der eigenartigen Bildlichkeit löst und der Bewegung nachhört, stellt man fest, dass Klopstock den Satz sicher durch die Strophe führt, mit etwas Spannung, aber nicht zuviel; und alles einen festen, schönen Klang hat.

Aber selbst wenn seine Oden heute nicht mehr recht verständlich sind – die Leistung, die antiken Formen endgültig für die deutsche Dichtung gewonnen zu haben, kann Klopstock niemand mehr streitig machen!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (13)

Wie schon in den bisherigen Einträgen zur alkäischen Strophe erwähnt, führte ihr 2500 Jahre langer Weg ins Deutsche von Alkaios über Horaz hin zu Klopstock; und da eine alkäische Strophe von Alkaios in (10) vorgestellt wurde, ist jetzt Horaz an der Reihe! Als Übersetzer bleibe ich bei Emanuel Geibel, der Horaz‘ 31. Ode des ersten Buches unter dem Titel „An Apollo“ so ins Deutsche gebracht hat:

 

Was fleht zuerst der Sänger im Heiligtum Apolls?
Was heischt er, wenn er den Opferwein
Ihm feiernd ausgießt! Nicht die reiche
Frucht von Sardiniens Segensfluren,

Nicht Herden, wie das heiße Kalabrien
Sie nährt, nicht Gold noch indisches Elfenbein,
Landgüter nicht, an denen spiegelnd
Liris, der schweigende Strom, dahinwallt.

Kalenertrauben keltere froh, für wen
Das Glück sie blühn ließ. Möge der Handelsherr
Aus tiefem Goldkelch Weine schlürfen,
Die er um syrisches Gut erworben,

Der Götter Schützling, weil er im Jahreslauf
Dreimal und viermal glücklich den Ozean
Durchsteuert; mir genügt des Ölzweigs
Beere zum Mahl und die leichte Malve.

Doch gib, o Phöbus, dass ich gesund an Leib
Und Geist genieße, was du beschieden hast,
Und dass ich kein unrühmlich Alter
Leb‘, und die Zither getreu mir bleibe.

 

Sehr sichere Strophen, die Geibel hier abliefert. Wie gut sie als Übersetzung sind, ist eine andere Frage; aber sie bewegen sich nachdrücklich, das Lesen macht Spaß. Nur bei „Dreimal und viermal“, was ja eben nicht auf der ersten Silbe, wohl aber auf der vierten Silbe betont werden darf, muss man im Vortrag ein wenig hin- und herversuchen? Aber auch das liest sich, betont man es schwebend, ohne Stocken und wirkungsvoll.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (12)

Das meiste von dem, was Friedrich Leopold Stolberg vor über 200 Jahren geschrieben hat, ist heute nicht mehr recht genießbar. Aber ein Dichter war er schon, und da wundert es nicht, dass sich immer wieder einzelne Verse und Strophen finden, die aufhorchen lassen! Hier nöchte ich drei Strophen aus seinem Gedicht „Die Westhunnen“ vorstellen, geschrieben im alkäischen Maß:

 

Mit trunknem Wahnsinn stimmt sie ein Liedchen an,
Und Millionen stimmen in’s Liedchen ein,
Und wo es tönt, da sucht vergebens
Rettung die Unschuld mit wunder Seele;

 

Stolberg, 1819 gestorben, hat von den Schrecken des 20. Jahrhunderts nichts gewusst; aber wer einen Teil seiner Lebenszeit in ihm zugebracht hat, den lassen diese Verse wahrscheinlich trotzdem nicht gänzlich unberührt – zu gut scheinen sie zu passen …

 

Und wenn die blasse Wut der Verzweiflung
Der ersten Hölle glimmende Asche dir
Im Herzen aufhaucht, wenn des Lebens
Elend auf ewigen Jammer deutet;

Geh zum entweihten Tempel, und stürze dann
In blutgen Staub – du nanntest Vernunft sie – stürz
In Staub dich vor der nackten Hure,
Dass sie dir nun und im Tode helfe!

 

Auch nicht ganz der Inhalt, den man erwartet, von Stolberg, seiner Zeit, der alkäischen Strophe?! Aber davon abgesehen: die Art, wie Stolberg hier die in der Strophe angelegte Bewegung aufnimmt und verstärkt und wirklich in einem einzigen Schwung durch die Strophen rauscht, und Erregung und Empörung die Sätze in Unordnung bringen und doch nicht aus dem strengen Versschema ausbrechen – das macht diese beiden Strophen höchst lebendig und auch nach über 200 Jahren noch lesenswert!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (11)

Im evangelischen Gesangbuch findet sich ein Lied von Apelles von Löwenstern aus dem Jahre 1644:

 

Nun preiset alle
Gottes Barmherzigkeit!
Lob ihn mit Schalle,
Werteste Christenheit!
Er läßt dich freundlich zu sich laden;
Freue dich, Israel, seiner Gnaden!

Der Herr regieret
Über die ganze Welt.
Was sich nur rühret,
Ihm auch zu Füßen fällt.
Viel tausend Engel um ihn schweben,
Psalter und Harfen ihm Ehre geben.

Wohlauf, ihr Heiden,
Das Trauern lasset sein!
Zu grünen Weiden
Stellet euch willig ein!
Da lässt er uns sein Wort verkünden,
Machet uns ledig von allen Sünden.

Er gibet Speise
Reichlich und überall,
Nach Vaters Weise
Sättigt er allzumal.
Er schaffet früh- und späten Regen,
Füllet uns alle mit seinem Segen.

Drum preis und ehre
Seine Barmherzigkeit,
Sein Lob vermehre,
Werteste Christenheit!
Uns soll hinfort kein Unfall schaden;
Freue dich, Israel, seiner Gnaden!

 

Das hat auf den ersten flüchtigen Blick nichts mit der alkäischen Strophe zu tun, der genauere zweite Blick zeigt aber: es sind alkäische Strophen, nur eben nach dem Geschmack der Zeit gestaltet, meint, in die vom Barock bei weitem bevorzugte Reimform gebracht!

Noch einmal die Grundform der Strophe:

x X x X x | X x x X x X
x X x X x | X x x X x X
x X x X x X x X x
X x x X x x X x X x

Die ersten beiden Verse sind nun an der Zäsur auseinandergenommen worden, und die vier entstehenden Verse kreuzgereimt; die letzen beiden Verse blieben, wie sie waren, und wurden paargereimt. Fertig:

x X x X x a
X x x X x X b
x X x X x a
X x x X x X b
x X x X x X x X x c
X x x X x x X x X x c

Eine eigenartige Ausformung der alkäischen Strophe! Aber auch, wenn der Reim jetzt die Versenden heraushebt und die Verse stärker vereinzelt – die grundlegende Bewegung der Strophe ist immer noch da.

Wer mag, kann sich ja einmal versuchen an dieser Strophe; zumindest wird sich das Gefühl verbessern, wie sich Reim und Rhythmus zueinander verhalten und einander beeinflussen. Am Ende hat der Reim nichts verloren in den Nachbildungen der antiken Formen; aber das heißt ja nicht, man könne es nicht hier und da trotzdem wagen …

Erzählformen: Die alkäische Strophe (10)

Wie in den bisherigen Einträgen zur alkäischen Strophe schon zu erkennen war, kann das antike Vorbild ganz gut im Deutschen wiedergegeben werden. Aber das allein genügt sicher nicht, um die große Zahl an Texten zu erklären, die in dieser Form verfasst wurden?!

Wichtig ist sicher auch, wer diese Form verwendet hat. Bekannt war die alkäische Strophe in Deutschland eigentlich immer, benutzt hat sie aber kaum jemand; bis Klopstock kam und nicht nur genug Formsinn hatte, die Strophe wirksam im Deutschen nachzubilden, sondern auch als Dichter mehr als genug damit zu sagen wusste! Und aus der Begeisterung über seine alkäischen (und anderen) Oden entstanden dann eigene Werke anderer, die Form aufnehmend; und immer so weiter.

Aber auch Horaz spielt eine Rolle, selbst über 1800 Jahre hinweg – viele seiner Oden benutzen die alkäische Strophe, und da Horaz im 18. Jahrhundert für viele eine wichtige Größe war, ja ein Gegenstand der Verehrung: fiel ein wenig von seinem Ruhm auch der Strophenform zu.

Und auch Horaz hat über 600 Jahre zurückgeschaut – eben zu Alkaios von Lesbos, dem „Erfinder“ der nach ihm benannten Strophe!

Leider ist von dessen Werk nicht allzuviel erhalten, aber das wenige liest sich immer noch sehr gut. Hier eine einzelne Strophe in der Übersetzung von Emanuel Geibel:

 

Daheim als Herold melde: Gerettet ist
Alkäos selbst, doch büsst‘ er die Waffen ein,
Und seinen Schild am Pallastempel
Hängte das Volk von Athen zum Schmuck auf.

 

– Ich weiß nicht, wie brauchbar das als Übersetzung ist, aber als deutsche Strophe gefällt es mir! Eine weitere Strophe, aus den Trinkliedern, wieder von Geibel übersetzt:

 

Nicht frommt’s, des Unheils ewig gedenk zu sein;
Denn völlig fruchtlos zehrt uns der Kummer auf.
Das bleibt der beste Trost, o Bakchos,
Wein zu kredenzen, bis dass wir trunken.

 

So also fing alles an. Und dann ging die Reise bis zu Klopstock, und dann kam Hölderlin; und hat atemberaubende Meisterwerke geschrieben in einer bald 2500 Jahre alten Form. Schon erstaunlich …

Erzählformen: Die alkäische Strophe (9)

In Theodor Fontanes erstem Roman, „Vor dem Sturm“, hat die alkäische Strophe in Form von Friedrich Hölderlins „An die Parzen“ einen recht bemerkenswerten Auftritt – ich denke, es lohnt gleich aus mehreren Gründen, den kurzen Auschnitt zu lesen!

 

Hansen-Grell hatte mittlerweile alles gefunden, was ihm wünschenswert erschien, und präsentierte jetzt, nachdem er, ängstlich die Diele haltend, den weiten Weg zwischen Ofen und Fenster zurückgelegt hatte, seinem Gaste eine bis an den Rand hin gefüllte Tasse Kaffee.

Dieser nahm, schlürfte und lobte und sagte dann: „Ich bin überrascht, Sie bei Hölderlin zu finden. Nach dem Bilde, das ich mir von Ihnen gemacht habe, mussten Sie mit der ums Morgenrot fahrenden Lenore für dieses und jenes Leben verbunden sein. Ich kann Ihnen auch allenfalls den wilden Jäger oder die Chevyjagd gestatten, aber Hölderlin? Nein.“

Hansen-Grell hatte sich auf den gegenüberliegenden Binsenstuhl gesetzt und sagte, während er seine beiden Hände auf das bequem übergeschlagene Knie legte: „Sie berühren da einen feinen Punkt, wenn Sie wollen, einen Widerspruch in meiner Natur. Vielleicht auch in mancher andern. Es ist ganz richtig, dass ich meiner Empfindung und, wenn ich von so Unbedeutendem sprechen darf, auch meiner Dichtung nach ganz in die neue Schule hineingehöre; ich halte es wohl oder übel mit den Romantikern und werde nie von etwas anderem träumen als von nordischen Prinzessinnen und siegreichen Schlangentötern. Und wird es mir gelegentlich des romantischen Apparates zu viel, so pfleg‘ ich mich, nach der Lehre vom Gegensatz, mit einer Art Passion auf Rokokodinge zu werfen und vor Puder und Reifrock nicht zu erschrecken. Aber etwas Klassisches nie, weder nach Form noch Inhalt.“

Lewin lächelte und wies auf das zwischen ihnen liegende Buch.

„Ich komme darauf“, fuhr Hansen-Grell fort, „das ist es ja eben, was mich von einem Widerspruche sprechen ließ. Ich werde nie klassisch empfinden, nie auch nur den Versuch machen, einen Hexameter oder gar eine alkäische Strophe aufzubauen, und doch, wo immer ich mit dieser Welt des Klassischen in Berührung komme, fühl‘ ich mich in ihrem Banne und sehe, solange dieser Zauber anhält, auf alles Volksliedhafte wie auf bloße Bänkelsängereien herab. Ich habe dann plötzlich aller naiven Dichtung gegenüber ein Gefühl, als ob ich hübsche Dorfmädchen auf einem Hofball erscheinen sähe; sie bleiben hübsch, aber die Buntheit und die Willkürlichkeit ihres Aufputzes lässt selbst ihren wirklichen Reiz als untergeordnet erscheinen.“

„Ich kann Ihnen darin nicht zustimmen“, erwiderte Lewin. „Sie sprachen schon selbst das Wort aus, auf das es mir anzukommen scheint, solange der Zauber anhält. Da liegt es. Auch in der Kunst gilt das Toujours perdrix, und jedes Zuviel weckt das Verlangen nach einem Gegenteil.“

„Möglich, dass Sie es mit dem Toujours perdrix getroffen haben“, sagte Hansen-Grell, „aber nach meiner eigenen persönlichen Erfahrung muss ich es doch in etwas anderem suchen. Vielleicht haben Sie Ähnliches beobachtet. Unsere dichterische Produktion, und das ist der Punkt, auf den ich Gewicht lege, entspricht unserer Natur, aber nicht notwendig unserem Geschmack. Dieser kann sich über jene erheben. Wollen wir einen Einklang herstellen, soll unser Geschmack, der unsere Lektüre bestimmt, auch unsere Produktion bestimmen, so lässt uns die Natur, die andere Wege ging, im Stich, und wir scheitern. Wir haben dann unseren Willen gehabt, aber das Geborene ist tot.“

Lewin wollte antworten, Hansen-Grell indes fuhr in Entwickelung seines Gedankens mit Lebhaftigkeit fort: „Im übrigen, was unseren schwäbischen Hyperion angeht«, und dabei schlug er mit dem Finger auf das vor ihm liegende Bändchen, „so löst sich der Widerspruch, den ich Ihnen anfänglich zugestand, auf eine vielleicht viel einfachere Weise. Hölderlin, aller Klassizität seiner Form unerachtet, ist Romantiker von Grund aus. Darf ich Ihnen meine Lieblingsstrophen vorlesen?“

„Ich bitte darum.“

Es dunkelte schon. Da Hansen-Grell aber die Strophen so gut wie auswendig wusste, so genügte jede Beleuchtung, und er las:

Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen,
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Dass williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe!

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinabgeleitet; einmal
Lebt‘ ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Er legte das Buch aus der Hand und fuhr ohne Pause fort: „Das sind alkäische Strophen, klassisch in Bau und Form, und doch klingt es in ihnen romantisch trotz Orkus und aller Schatten- und Götterwelt der Klassizität.“ Nun erst sah er auf Lewin.

Dieser schwieg noch immer. Aber sein Schweigen sagte mehr, als es die enthusiastischsten Worte gekonnt hätten. Endlich sprach er vor sich hin: „Wie schön, und wie ist die Stimmung getroffen!“

Erzählformen: Die alkäische Strophe (8)

August von Platen hat die Odenmaße sehr von ihrer antiken Form her gedacht. Hier zwei Strophen aus einer seiner Oden:

 

Reiz lockt und Schönheit, deren die Welt entlang
Kein reicher Maß ausspendete Gott als hier;
Doch schmerzt die Habsucht jeden, welchem
Liebe beglückender als Genuss dünkt.

Huldreiches Wort anhören mit offener Hand,
Was kennt das Herz Unedleres? Ach, es klagt,
Dass, gleich der Pest, Leichtsinn entstelle
Solche Gebärden und solche Züge!

 

Wenn man sich noch einmal die „antike“ Strophe in Erinnerung ruft …

# — v — # | — v v — v #
# — v — # | — v v — v #
# — v — # — v — #
— v v — v v — v — #

mit ihrer Möglichkeit, an den mit „#“ gekennzeichneten Stellen eintweder eine lange (—) oder eine kurze (v) Silbe zu gebrauchen, erkennt man, Platen hat wirklich von hier aus gedacht. Der Aufbau der ersten Strophe, in „Längen-Kürzen-Schreibweise“:

— — v — — | — v v — v —
— — v — — | — v v — v —
v — v — — — v — v
— v v — v v — v — —

Sicher, da könnte man auch einige Silben als „kurz“, also als im Deutschen unbetont ansehen; aber eigentlich hat Platen eher noch mehr „Längen“ unterbringen wollen, als ich ihm hier gegönnt habe?!

Das Herbeischaffen von Längen hat er auf ganz verschiedenen Wegen versucht: am Anfang und am Ende hat er – „Reiz lockt“, „Genuss dünkt“ – sehr „schwere“ Einsilber (umfangreich, Sinnsilbe) auf eine Senkungsstelle gesetzt; bei „ausspendete“ nutzt er den „geschleiften Spondäus“, der also nicht nur im Hexameter von den „Antikisieren“ verwendet wurde!

In der zweiten Strophe hat er einen solchen Spondäus gleich viermal, zweimal im ersten, einmal im zweiten und einmal im dritten Vers:

— — v — — | — v v — v v —
— — v — — | — v v — v —
— — v — — — v — v
— v v — v v — v — v

(Warum der erste Vers hier eine Silbe zuviel hat – „offene“ – weiß ich nicht wirklich …)

Das stellt an den Vortrag sicher einige Anforderungen?! Ein Text von so großer, künstlich erzeugter Schwere muss erst einmal fremd klingen; doch wenn man Geduld hat und so lange versucht, bis die Verse annehmbar klingen, ohne ihre Eigenart zu verlieren: dann bemerkt man, dass sie sehr kraftvoll sind und auf ihre eigene Art auch schön.

Trotzdem kann ein solcher Vers- und Strophenbau nicht Maßstab sein, und im nächsten EIntrag zur alkäischen Strophe gibt es dann wieder Beispiele, die von den Gegebenheiten des Deutschen her gedacht und geschrieben sind!