Erzählformen: Die alkäische Strophe (28)

Formen erwecken Erwartungen gemäß der Art und Weise, wie sie bevorzugt eingesetzt werden. Die alkäische Strophe ist eine Odenstrophe und damit häufiger als nicht in einer feierlichen, getragenen Art gestaltet; aber eben nicht immer. Wenn sie zum Beispiel von Nikolaus Götz ist seiner unnachahmlich leichten und beiläufigen Art verwendet wird, klingt das so:

 

Sehnsucht nach dem Frühling

Besiege, liebenswürdigster Frühling, doch
Den Winter endlich! Schenke, den Zärtlichen
Zuliebe, doch den Hainen wieder
Kühlende Schatten und weichen Rasen!

Schon um den Mittag, schöne Geheimnisse
Zu decken, Frühling, herrsche die sanfte Nacht!
O eil‘! O säume nicht, da hundert
Zärtliche Herzen dich längst erwarten!

 

Da fällt dann vor allem die leichte Behandlung der Versenden auf durch den ebenso häufigen wie heftigen Zeilensprung; und die damit einhergehende sehr leichte Besetzung der Schlusssilben der jeweiligen ersten und zweiten Verse!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (27)

Der Bau der alkäischen Strophe ist in unserer Sprache so leicht, dass er sich gleichsam von selbst macht und daher leider nur von allzuvielen Stümpern missbraucht wird.

Schreibt der gestrenge Johannes Minckwitz und hat Recht damit, wie ich am eigenen Beispiel zeigen kann – alkäische Strophen nur zum Spaß habe ich endlos viele gestümpert …

 

Bis nah ans Fenster kommt er und hebt den Kopf
Mit stolzer Geste. Ahnt der Fasan denn nicht,
Dass dies auf frischgemähtem Rasen
Einen erheiternden Anblick bietet?

 

Die zum Beispiel.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (26)

Mit den Zäsuren ist es in der deutschen alkäischen Strophe so eine Geschichte … Die ersten beiden Verse haben zwar eine Zäsur, die wird aber fast genauso oft miss- wie beachtet; und der dritte und vierte Vers haben überhaupt keinen festen Einschnitt. Trotzdem gliedern sie sich in den meisten Fällen, und dazu merken die Metriken dann an, dass im dritten Vers ein Einschnitt nach der vierten oder der sechsten Silbe eine schöne Wirkung zeigt, im vierten Vers aber ein Einschnitt nach der vierten oder siebten. Die zweite Strophe aus Wilhelm Waiblingers „Der Monte Pincio“:

 

Wär‘ ich geboren, wär‘ ich erzogen auch
An deinem Lichtquell, könnt‘ ich die Reinheit doch,
Könnt‘ ich die Milde nicht, die Wärme
Dieser Natur in mein Lied einhauchen.

 

Da sind in den ersten beiden Versen die geforderten Einschnitte nach der fünften Silbe da, im dritten Vers nach der sechsten Silbe; und der vierte Vers gliedert sich durch zwei Wortfußgrenzen nach der vierten und siebten Silbe:

Dieser Natur | in mein Lied | einhauchen.
— ◡ ◡ — | ◡ ◡ — | ◡ — ◡

Das ist in der Tat eine abwechslungsreiche und darum wirksame Versgliederung; und wenn sie auch nicht häufig vorkommt, so findet sie sich vereinzelt doch bei so gut wie allen Verfassern alkäischer Strophen.

Dieses Gedicht ist wirklich an einem der schönen italischen Frühlingsmorgen, die der Dichter mit dem Dante oder seinen eigenen Phantasien unter den Akazien und Platanen der Villa Medizis zubrachte, in einer Art der Verzweiflung über das Gefühl der Unmöglichkeit entstanden, die Fülle der unermesslichen Schönheit um ihn herum mit Worten erfassen zu können.

Sagt Waiblinger zum Gedicht insgesamt; auch das ist einen Blick wert …

Erzählformen: Die alkäische Strophe (25)

Die erste Strophe von Ferdinand von Saars „Aufflug“ pflegt, wie es zur (alkäischen) Ode gehört, das große Wort:

 

O hehrer Vollklang attischen Rhythmenschwungs,
Wie fremd geworden bist du dem deutschen Ohr!
Für immer abgetan erklärte
Längst dich banausischer Zeiten Stumpfsinn.

 

Das liest sich nicht schlecht?! Leider misslingen von Saar die folgenden vier Strophen in ihrem „Ich will es trotzdem wagen“ ziemlich … „Aufgeflogen“ in einem anderen Sinn, wenn man will. Immerhin, die dritte Strophe hat durchaus ihren Reiz:

 

Wen noch ergreift heut Klopstocks, des Barden, Lied?
Veraltet ist es – mit ihm veraltet auch
Sind Hölderlins, des Sehnsuchtsvollen,
Tönende Hymnen und Platens Hochsinn.

 

Wahr; jedenfalls in Bezug auf Klopstock und Platen …

Erzählformen: Die alkäische Strophe (24)

Friedrich Gottlieb Klopstock schätzte es, seine Gedanken zu Fragen der Dichtung auch in Versform darzustellen. In „An Johann Heinrich Voß“, also einen anderen Dichter, der sich viel aus den Fragen der Versbewegung machte, findet sich diese alkäische Strophe:

 

Dank euch noch einmal, Dichter! Die Sprache war
Durch unsern Iambus halb in die Acht erklärt,
Im Bann der Leidenschaften Ausdruck,
Welcher dahin mit dem Rhythmus strömet.

 

Das ist nun so gar nicht lyrisch oder odengemäß getragen und feierlich, aber trotzdem passend; denn der große Rhythmiker Klopstock war den iambischen Versmaßen gar nicht zugetan, die nicht sehr viel „rhythmischen Spielraum“ lassen, und lobt hier also die Dichter, die ihm gefolgt sind in seinen Versuchen, diese iambischen Versmaße durch zum Beispiel die Nachbildungen antiker Formen zu ersetzen. Und in welcher Form könnte das besser geschehen als in einer Odenstrophe?!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (23)

In seiner sehr empfehlenswerten „Einführung in den neueren deutschen Vers“ (Metzler 1989) schreibt Alfred Behrmann auf Seite 79:

Wer die Sorgfalt für die einzelne Silbe, die das Dichten in strengen gräko-lateinischen Versen erzwingt, als subaltern empfindet, mag auf Bürger hören, der erklärte: „Ich verkündige allen denen, die es noch nicht wissen, ein großes und wahres Wort: Ohne die Silbenstecherei darf kein ästhetisches Werk auf Leben und Unsterblichkeit hoffen.“

Nun ist Bürgers Aussage eine sehr einseitige, damit angreifbare und auch oft angegriffene; aber das Beispiel, das Behrmann dann für die alkäische Ode angibt – Friedrich Hölderlins zweistrophige Ode „An unsre großen Dichter“ -, lässt doch sehr stark vermuten: Es ist etwas dran …

 

Des Ganges Ufer hörten des Freudengotts
Triumph, als allerobernd vom Indus her
Der junge Bacchus kam, mit heilgem
Weine vom Schlafe die Völker weckend.

O weckt, ihr Dichter! weckt sie vom Schlummer auch,
Die jetzt noch schlafen, gebt die Gesetze, gebt
Uns Leben, siegt, Heroën! ihr nur
Habt der Eroberung Recht, wie Bacchus.

 

Um eine Strophe so selbstverständlich, so überzeugend füllen zu können, muss man schon einiges an Arbeit aufwenden; und Erfahrung schadet ganz bestimmt auch nicht. Und selbst einer der großen Dichter sein, wahrscheinlich; Hölderlin eben.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (22)

Wenn man sich so durch Youtube treiben lässt, stößt man auf erstaunliche Dinge …

 

Furchtlos bleibt aber, so er es muss, der Mann
Einsam vor Gott, es schützet die Einfalt ihn,
Und keiner Waffen brauchts und keiner
Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.

 

Das ist die letzte Strophe von Friedrich Hölderlins „Dichterberuf“, und ohne Frage eine vollendete alkäische Strophe. Begegnet ist sie mir eben in Fritz Lang recites Hölderlin, einem Ausschnitt aus dem Film „Le Mépris“. Schöner Vortrag, wirklich; und auch sonst ebenso erheiternde wie beachtenswerte anderthalb Minuten, nicht zuletzt durch das viersprachliche Durch-, Mit- und Gegeneinander!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (21)

Die deutschen Nachbildungen antiker Strophen reimen sich genausowenig, wie es ihre Vorbilder getan haben; und das aus gutem Grund. Rudolf von Gottschall hat trotzdem viele derartige Versuche unternommen, zum Beispiel in dieser selbstbezüglichen Strophe:

 

O zage vor dem kühneren Schwunge nicht,
Der alten Brauches sklavische Fessel bricht,
Der um die Regel, die uns bindet,
Zartere Blüten des Reimes windet.

 

Und zugegeben, das klingt gar nicht einmal so schlecht.  Trotzdem ist es keine alkäische Strophe mehr, denn das, was sie ausmacht – die beiden kleinen Bögen in V1 und dann V2, an die sich der große, durch V3 und V4 schwingende Bogen anschließt – wird hier durch die Reime zerstört, die, wie üblich, die Aufmerksamkeit weg von der Bewegung auf den Klang lenken, aber eben auch die Bewegung an sich zerstören. Ich denke, für die alkäische Strophe gilt, was für Hexameter, Distichon und all die anderen „alten“ Maße auch gilt: Ohne Reim ist sie besser dran.

Erzählformen: Die alkäische Strophe (20)

Die im letzten Beitrag von Isolde Kurz aufgeworfene „Götter-Frage“ haben auch andere gestellt – und wie sie in der alkäischen Strophe beantwortet! So der vierzig Jahre jüngere Josef Weinheber:

 

Wir hatten ja im Anfang mit Göttern und
Dämonen viel zu tun. Und es waren da
noch hohe Menschen: Als ein Durchgang
mächtiger Gegner und hehrer Streite.

Doch dann verfiel der Raum, und es kam die Zeit.
Da zogen sich die Götter zurück. Wo war
denn noch für sie zu tun? Die Halle
starrte verlassen mit Säulentrümmern.

Und was wir an Dämonen uns aufgepflegt,
ward dünn und dürr. Sie trieben kein Reis mehr: Qual,
sonst nichts. Und hatten einst uns doch den
Göttern, dem Gott, an die Brust getrieben.

Jetzt essen wir das mühsam gesparte Brot
der Ausgeglichenheit, und wir zahlen es
mit kleinster Münze. Arme Götter!
Arme Dämonen! Vorbei — Geht schlafen!

 

Auch hier: Vier Strophen. Die beiden Gedichten gemeinsamen „schlafenden Götter“ scheinen ein anziehendes Bild zu sein, wenn sie auch ganz unterschiedlich Verwendung finden; genauso die „Trümmer“.  Erstaunlich das eigenartig umgangsspachliche „ja“ im ersten Vers?!

Erzählformen: Die alkäische Strophe (19)

Wenn eine Verfasserin eigentlich nur gereimte Gedichte in ihren „gesammelten Werken“ hat; aus welchen Gründen sind dann die wenigen Texte in „antiken“ Maßen entstanden? Ein weitverbreiteter Grund – die Wahl der Form als Folge des gewählten Inhalts – lässt sich bei Isolde Kurz‘ „Tote Götter“ vermuten:

 

Dein Tempel ist verwaist und dein Gott ein Traum,
Kein Glaube wärmt, o Seele, dein ödes Haus,
Doch bleibt der Ort geweiht, und fernab
Rauscht des geschäftigen Tags Gemeinheit.

So liegt im Hain zertrümmert ein Götterbild,
Sein Dienst vergessen, ach, seine Priester tot!
Das edle Haupt zerschellt, doch Hoheit
Strahlt von dem herrlichen Rumpf noch immer.

Der Vorzeit Geister hüten die Stätte treu,
Den Leib umgießt verklärendes Abendrot,
Die Lüfte reden leis‘, und lieblich
Duften die Blumen, wo Götter schlafen.

Ja, tote Götter, euer ist noch der Ort,
Und dein des Herzens Stille, Erinnerung;
Doch euer Tag ist um, und ewig
Trauert die Seele, dass Götter sterben.

 

„Doch euer Tag ist um“ – das ist, irgendwie, eine sehr schnörkellose Feststellung … Die alkäischen Strophen sind sicher gebaut, man merkt, dass Kurz ungeachtet der Reim-Vorliebe ein sicheres Verständnis dieser Form hatte! Die Art, wie in den ersten beiden Versen jeder Strophe die Zäsur nach der fünften Silbe mal beachtet, mal abgewandelt wird, gefällt zum Beispiel; Das „Springen“ von einer Strophe in die nächste, was die antiken Strophenformen ja viel eher ermöglichen als spätere Reimstrophen, fehlt allerdings. Nicht schlimm, aber ein wenig eine verpasste Möglichkeit …