Erzählverse: Der trochäische Vierheber (69)

Epigramme haben, wie jede Dichtungsgattung, ihre bevorzugten Formen – im Barock zum Beispiel das Alexandrinercouplet und anderes gereimtes, später dann das Distichon, das allerdings die einzige reimlose Form blieb. Na ja, fast: Ausnahmen gibt es immer, und zu denen gehört zum Beispiel auch Christian Adolph Overbecks knapper Dreizeiler „Lebensgenuss“:

 

Morgen willst du leben? Armer!
Heute leben, heißt verspätet;
Wer gescheit ist, lebt schon gestern.

 

– Eine Ausdrucksweise dieser Erkenntnis, die heute ganz totgequatscht ist („Wann muss das fertig sein?“ „Vorgestern!“), aber auch vor 200 Jahren nicht mehr ganz frisch gewesen sein dürfte … Worauf es hier aber eher ankommt, ist die kennzeicnende Bewegung des ungereimten trochäischen Vierhebers, die sich, wie im Vortrag überprüfbar, hier auch in dem nahezu kleinstmöglichen Raum von nur drei Versen sicher und unüberhörbar verwirklicht!

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (68)

Ignatz Heinrich von Wessenberg beginnt sein „Die Wolken“ so:

 

Eine Wolke sprach zur andern,
Auf dem Wege ihr begegnend:
„Wohin ziehst du? Was beginnst du?“
Ernst versetzt darauf die andre:
„Weiß ich’s selber denn? Zum Spiele
Dienen ja wir armen Wolken
Allen Launen der verborg’nen,
Schnellen, wandelreichen Winde.“

 

„Also ist es“, bestätigt darauf die erste, und man wundert sich nicht nur, warum sie dann überhaupt gefragt hat, sondern auch, welche Geschichte sich aus diesem Beginn spinnen lässt?! Gar keine, wie sich zeigt – nach einer längeren Ausführung des Bildes offenbart sich, es war nur Verdeutlichung eines anderen Zusammenhangs! Die letzten beiden Vers lauten nämlich:

 

Was die Wolken sind den Winden,
Sind die Herrscher den Gesetzen.

 

Das mag stimmen oder auch nicht; den Versen merkt man ihre „Uneigentlichkeit“ jedenfalls an, in Inhalt und Aufbau – die trochäischen Vierheber klingen hier doch arg hölzern und geschäftsmäßig!

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (67)

„Querfeldein“ von Karl August Candidus ist keine große Dichtung, aber doch ein schönes Beispiel dafür, wie der trochäische Vierheber einem Inhalt Form und Gestalt geben kann; ihn beglaubigt.

 

Querfeldein am Ostermorgen
Trug mich Pegasus, bemäntelt,
Denn es flog um Ross und Reiter
Schnee, in dichten großen Flocken,
Ähnlich Schmetterlingsgespenstern,
Bleichen; aber drüber flogen
Hoch im Äther, jubilierend,
Lerchen, lebensrote Herzchen,
Frühlingsgläubig, blütensicher.

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (66)

Heinrich von Reder beschreibt in „Vor Bazeilles“ Einzelheiten eines der blutigeren Kämpfe des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 / 1871:

 

Vor Bazeilles im Straßengraben
Lag erstarrt ein junger Jäger,
Einer von den „blauen Teufeln“,
Die bei Weißenburg gefochten.
Auf dem blauen Odel schwammen
Seine blonden Ringellocken,
Und dazwischen hingen schmierig
Giftiggrün Kartoffelknollen.
Größer kaum wie Marmelschusser,
Die den Kindern sind ein Spielwerk,
Grub er sie beim Halt im Marsche
Mit den Fingern aus dem Feld.
Aufbewahrt fürs nächste Biwak
Waren sie aus seinem Brotsack,
Als er stürzte, ausgeronnen
In das Gold von seinen Locken.

An der Grabenböschung lagen
Mancher Türko und Zuave
Steif in ihren Pluderhosen,
In den Händen noch den Chassepot.
Ihre feuchten Reisrationen
Hingen aus den Blechgeschirren
Grau und klumpig am Tornister,
Besser kaum als die Kartoffeln.
Hie und da braunrote Tupfen
Klebten auf den Uniformen,
Schmutzbedeckt vom Staub der Straße
Und dem letzten Lagerplatz.
Sohn der Alpen, Sohn der Wüste,
Du verlor’n Pariser Kind!
Nimmer kann ich euch vergessen
Mit dem Totenfleckgesicht –

Plaudernd ritt ein Stab vorüber,
War gefolgt von einem Wagen,
Angefüllt mit Dienstpapieren,
Rotwein, Schinken und Konserven.

 

Nüchtern, aber auch etwas ungelenk werden Dinge und Ereignisse beschrieben, die 150 Jahre später kaum mehr in erinnerung sind:“Bei Weißenburg“ gab es einen Monat vor „Bazeilles“ eine Schlacht, „Turcos und Zuaven“ meint die Nordafrikaner, die in der französischen Armee dienten;  „Chassepot“ ist ein Gewehr.

Der trochäische Vierheber ist dabei auch dieser Aufgabe gewachsen; diesmal spröde und glanzlos leistet er, was in einem solchen Text geleistet werden muss.

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (65)

„Ewald Christian von Kleists sämtliche Werke, nebst des Dichters Leben aus seinen Briefen an Gleim“ heißt ein 1803 von Wilhelm Körte herausgegebener Band, der gleichsam im Vorübergehen auch manch eigenartige Geschichte aus dem Leben des Berufssoldaten Kleist erzählt, darunter diese:

Sein Umgang war auf seine Kameraden eingeschränkt, denen aber meist seine Bildung, so wie ihm ihre Rohheit, sehr lästig fiel. Es konnte dabei an tausend Streitigkeiten und Neckereien nicht fehlen. So hatte Kleist 1743 mit einem anderen Offizier, wegen ungünstiger Äußerungen über einige Potsdamer Damen, einen Zweikampf, in welchem er schwer am Arme verwundet wurde. Im Hause des Obristen von Schulze, dessen Tochter Gleim unterrichtete, wurde von dem jungen verwundeten Offizier mit ganz besonderer Teilnahme gesprochen. Gleim suchte sogleich den Helden auf und fand ihn äußerst entkräftet auf dem Bette, vor welchem Caesars „De Bello Gallico“ aufgeschlagen lag. Der Kranke führte bittre Klage darüber, dass er nicht lesen dürfe, und nahm das Anerbieten Gleims, ihm vorzulesen, auf das freundlichste an. Zufällig las dieser ihm einst sein scherzhaftes Gedicht „An den Tod“ vor:

Tod, kannst du dich auch verlieben?
Warum holst du denn mein Mädchen?
Hole lieber ihre Mutter!
Ihre Mutter sieht dir ähnlich.
Frische rosenrote Wangen,
Schöngefärbt von meinem Kusse,
Blühen nicht für blasse Knochen!
Tod, was willst du mit dem Mädchen?
Mit den Zähnen ohne Lippen
Kannst du es ja doch nicht küssen!

Der Schluss des kleinen Lieds überraschte den Kranken, in der Laune, worin er gerade war, bis zum lauten Lachen, dessen Erschütterung die Wunde aufriss und ein heftiges Erbluten veranlasste. Der eilig herbeigeholte Wundarzt versicherte: Das gewaltsame Erbluten der Wunde sei für das Genesen des Kranken äußerst wohltätig und erspare ihm viel Schmerzen. Die Wunde heilte wirklich sehr schnell nach diesem Vorfall. „Der Dichtkunst und Ihnen“, sagte der Genesene dankbar seinem Gleim, „verdank‘ ich also meine Genesung!“

Dichter leben ihr Leben wie alle anderen Menschen auch; an manchen Stellen ist ein solches Leben dann aber auf eine Weise einzigartig, wie es eben nur ein Dichterleben sein kann … Johann Wilhelm Ludwig Gleims Verse treten über die Geschichte ein wenig in den Hintergrund; es sind aber doch gut gemachte, wirkungsstarke trochäische Vierheber, denen man, laut vorgelesen, einen Eindruck auf die Zuhörerschaft durchaus zutrauen darf!

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (64)

Theobald Wilhelm Broxtermann hat sein „Röschen“ mit „Eine Romanze“ untertitelt. Der Anfang:

 

Wohlversorgt und wohlgerüstet
Und geneigte Wind‘ erwartend
Lag ein neu gebautes Kriegsschiff
In dem Hafen. Helle Sterne
Blinkten zahllos (denn die Sonne
War noch unter dem Gewässer),
Blinkten wie zur Vorbedeutung
Über ihm; doch alle Winde
Ruhten, und die Meereswogen
Wälzten aus der duft’gen Ferne
Schläfrig murmelnd sich herüber.
Aber sieh! Die duf’ge Ferne
Tagt indes. Der heil’ge Morgen
Rötet hoch und plötzlich höher
Die zerstreuten Wölkchen, rötet
Übers weite Meer die Segel
Und die Wimpel. Günst’ge Winde
Wehten. Und die Segel schwollen
Ungeduldig, und es dehnten
Sich die langgestreiften Wimpel
Flatternd nach der Glut hinüber.
So der unverdienten Ruhe
Längst schon müde, strebet endlich
Aus des grauen Vaters Arm,
Strebt ein junger Abenteurer
Stolz hervor, der Morgenröte
Seiner Hoffnungen entgegen.

 

– Und los geht die eigentliche Geschichte. Aber diese Morgenschilderung reicht eigentlich schon, um Broxtermann eine eigene Stimme zuzugestehen und ihre Eigenheiten zumindest einigermaßen zu erfassen. Wie stehen Satz und Vers zueinander, wie hält es der Verfasser mit den Wiederholungen, wie gestaltet er die Versenden?! Das sind einige der Fragen, mit deren Hilfe sich der „Fingerabdruck“ eines Verfassers ermitteln lässt; und, selbstverständlich: Der Vortrag der Verse, der auch hier die Lebendigkeit des ungereimten trochäischen Vierhebers bezuegt.

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (63)

August Kopisch lebte und dichtete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; da waren die Zeiten der Anakreontik schon lange vorbei. Trotzdem hat er eine ganze Reihe der für diese Stilrichtung kennzeichnenden leichten und tändelnden Gedichte geschrieben unter dem Leitgedanken „Amor“, zum Beispiel: „Langsam!“

 

Amor sprach, den Becher haltend:
„Nipp‘ ein wenig, nur vom Rande!“
Doch, als ich nun erst gekostet,
Nahm ich mir den Becher schräger.
„Langsam!“, rief er, rückwärts beugend:
„Denn ich gab dir nur zu kosten.
Alles trinkst du ja auf einmal!
Glaubst du denn, der Becher Amors
Halt‘ in sich die ganze Meerflut?“

 

Das hätte auch 70 Jahre vorher geschrieben sein können – Unterschiede zu den älteren Texten gibt es keine, schon gar nicht in der Handhabung des trochäischen Vierhebers, dessen schönen Fluss der eigene Vortrag ziemlich sicher bestätigen wird.

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (62)

Die Verse von Joseph von Eichendorffs „Die Jungfrau und der Ritter“ scheinen ganz gewöhnliche gereihte und ungereimte trochäische Vierheber zu sein:

 

Eine Jungfrau wandert‘ einsam
In dem wunderschönen Frankreich,
Gen Paris sie wollte ziehen,
Wo die Eltern ihrer harrten;
Von den Ihren abgekommen,
Hatt‘ sie sich verirrt im Walde,
Lehnte sich an eine Eiche,
And’re Wandrer abzuwarten.

Kam ein Ritter da geritten,
Gleichfalls gen Paris er trabte.
„Wenn es Euch beliebt, Herr Ritter,
Nehmt mich mit aus diesem Walde.“
„Herzlich gerne, schöne Herrin!“
Und, ihr höflich aufzuwarten,
Sprang der Ritter von dem Rosse,
Hob hinauf sie, in den Sattel
Drauf sich selber zu ihr schwingend.

Aber als sie so im Walde
Einsam ritten, da begann er
Ihr verliebt den Hof zu machen.
„Hüt‘ dich, Ritter, sei nicht schändlich,
Ein Todkranker war mein Vater
Und verpestet meine Mutter,
Siech und elend müsst verschmachten,
Wer mich frevelhaft berührte.“
Und der Ritter schwieg erblassend.
Aber in Paris am Tore
Still in sich die Jungfrau lachte.

„Warum lacht Ihr, schöne Herrin?“ –
„Über den feigen Ritter lach‘ ich,
Der sein Mädchen hat im Freien
Und nichts macht als Redensarten!“

Voller Scham sprach da der Ritter:
„Kehrt noch einmal um zum Walde,
Habe draußen was vergessen.“
Doch die schlaue Jungfrau sagte:
„Nimmer kehr‘ ich um, und tät‘ ich’s,
Keiner doch wagt’s, mir zu nahen,
Denn ich bin die Tochter Frankreichs,
Und der König ist mein Vater,
Und wer meinen Leib berührte,
Müsst’s mit seinem Kopf bezahlen.“

 

Genaueres Hinschauen und -hören zeigt aber, dass doch ein wenig mehr Ordnung in dem ganzen Text steckt: Die geraden Verse haben eine durchgängige Assonanz auf „a“! Eine viel unauffälligere Bindung der Verse als die durch einen Reim, aber darum noch lange keine wirkungslose …

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (61)

Johann Friederich von Cronegks „An den Amor“ ist die gewöhnliche, tändelnde Anakreontik:

 

Oft besungner Gott der Liebe,
Gott, den Dichter zärtlich ehren,
Den ich sonst vergnügt erhoben,
Jetzo lass mich mit dir zanken!
Ist denn dies der Lohn der Lieder,
Die ich dir so oft geweihet?
Ist denn dies der Lohn der Liebe,
Die ich Chloen zugeschworen?
Sonsten war ich frei und fröhlich:
Das Geschwätze müß’ger Toren,
Und die Predigten Tartüffens,
Und der finst’ren Weisen Schlüsse,
Und der ganze Schwarm der Sorgen
Konnten mich nicht traurig machen.
Und du Vater aller Freuden,
Und du, Amor, machst mich traurig!

 

– Einige Verse mehr aus einem längeren Text, weil es die einfach braucht, um in diesen Strom von Nichtigkeiten einzuschwingen, der aber trotzdem durchdacht ist und Form und Wirkung hat! Was mich erheitert hat beim Lesen, war aber schon ganz vorne das „Jetzo lass mich mit dir zanken!“ Den Vers werde ich so schnell nicht wieder los …

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (60)

Johann Georg Fischer hat einige lange Texte im trochäischen Vierheber geschrieben, die Freunde und Gefährten zum Inhalt hatten, und damit auch immer: Die Erinnerung an die gute, alte Zeit. So heißt es zum Beispiel in „Tuch und Leder“:

 

Alte Zeit und Augenweide,
Stolzer Fuhrknecht mit den sechs und
Acht und zwölf und zwanzig Rossen,
Zwanzig Knöpfen an dem Brusttuch,
Gold’ne Zeit, wer bringt dich wieder,
Deine Fuhren, deine Einkehr
Bei den schweren Metzelsuppen?
Nur des Schwarzwalds Tannenflößer
Haben deiner Herrlichkeit noch
Einen treuen Rest gerettet.
Aber auf dem Vorsprung ihrer
Wagen steh’n der Eisenbahnen
Uniforme Kondukteure,
Und dem Kellner aus der Hand noch
Reißt der eine Wurst und Bierglas,
Eh sie zischt, die Dampfmaschine,
Doch der and’re pfeift – und vorwärts
Schlenkerts vierundsechzig Wagen,
Dann ein Rauch noch, und dann nichts mehr!

 

Früher war, wie alle wissen, nicht alles besser. Aber darauf kommt es hier auch nicht an, sondern auf die Versbewusstheit des Textes, die trotz der manchmal harten Zeilensprünge immer für Schwung sorgt, für Bewegtheit und Spannung; in einer Art, in der es ein Prosatext nicht vermöchte. Den Beweis dafür liefert, wie immer, der eigene Vortrag; das laute Lesen.