Erzählverse: Der trochäische Vierheber (75)

Nach den fünfzeiligen ungreimten Strophen, die Georg Heym in (74) verwendet hat, hier dreizeilige Strophen, gleichfalls ungereimt, von Christian Morgestern:

 

Palmström stellt ein Bündel Kerzen
auf des Nachttischs Marmorplatte
und verfolgt es beim Zerschmelzen.

Seltsam formt es ein Gebirge
aus herabgeflossner Lava,
bildet Zotteln, Zungen, Schnecken.

Schwankend über dem Gerinne
stehn die Dochte mit den Flammen
gleichwie goldene Zypressen.

Auf den weißen Märchenfelsen
schaut des Träumers Auge Scharen
unverzagter Sonnenpilger.

 

Andere Abteilung, andere Wirkung! Schade, das Morgenstern nicht noch eine fünfte Strophe geschrieben hat, dann wären es 5×3 Verse gewesen gegenüber den 3×5 Heyms …

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (74)

Georg Heym ordnet 15 ungereimte trochäische Vierheber in drei Strophen zu je fünf Versen an und erzielt damit einige Wirkung:

 

Lichter gehen jetzt die Tage
In der sanften Abendröte
Und die Hecken sind gelichtet,
Drin der Städte Türme stecken
Und die buntbedachten Häuser.

Und der Mond ist eingeschlafen
Mit dem großen weißen Kopfe
Hinter einer großen Wolke.
Und die Straßen gehen bleicher
Durch die Häuser und die Gärten.

Die Gehängten aber schwanken
Freundlich oben auf den Bergen
In der schwarzen Silhouette,
Drum die Henker liegen schlafend,
Unterm Arm die feuchten Beile.

 

Da breitet sich anfangs eine für Heym leicht ungewohnte idyllische Stimmung aus, die sich in der zweiten Strophe noch hält, ehe sie in der dritten hässlich laut in Scherben fällt …

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (73)

Andreas Schumacher erzählt in „Der Brillenschleifer von Antwerpen“ von einem Juden, der inmitten der christlichen Festtagsstimmung des Johannistags versucht, Brillen zu verkaufen, als ihm vor der Kirche eine alte Frau begegnet:

 

„Mutter, kauft von meinen Brillen!“
Doch den Stab erhebt die Alte,
Und den eingeschrumpften Körper
Mit der Kraft nicht ihrer Jahre,
Sondern ihres Zornes streckend,
Schlägt sie mit des welken Armes
Ganzem Grimm des Juden Antlitz.
„Hast du Gott ans Kreuz geschlagen,
Und du gönnst ihm, schlechter Jude,
Nicht die Ruh‘ des heil’gen Tages?
Ahasver! Den Heiland willst du
Ruh’n nicht lassen vor dem Hause!
Steinigt den verfluchten Schacher,
Schlagt in Scherben seine Brillen,
Die, als Satanswerk, für alles
Sehend machen, nur für Gott nicht!“

 

Nun hat die Frau nicht Ahasver vor sich, und der Brillenhändler entkommt den Steinwürfen nur mit knapper Not …

Vom Vers her ist das ganze Stück ein wenig arg prosanah, der Vers als Einheit und Bezugsgröße wird nicht überall erfahrbar; aber in diesen Beispielversen dann doch, denke ich.

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (72)

Liebster Bruder, ich schicke dir hier einige Späße, denn da das Wetter schon sehr schlecht zu werden anfängt, so darf man das Lachen nicht ganz verlernen.

So Friedrich Schlegel in einem im November 1807 an seinen Bruder August Wilhelm gerichteten Brief; einer der angesprochenen Späße ist mit „Spanisch“ überschrieben, und seine Verse sind die den Romantikern aus dem Spanischen wohlvertrauten trochäischen Vierheber:

 

An dem Quell der Langeweile
Lag die Dichtkunst hingegossen,
Ihre Kinder, die Vokale,
Brachten große Wasserblumen.
Aus den Blumen Funken wurden,
Kleine LIchter funkelnd kamen,
Die, zu Wasser bald erloschen,
Als Romanzen talwärts eilen,
Die nun fließen und nun funkeln
Auf des Klanges leichten Spuren.

 

Ist das „spaßig“? Hm. Aber ein gutes Beispiel für ein Gelegenheitsgedicht ist es allemal, und es zeigt die diesbezüglichen Möglichkeiten des Vierhebers recht deutlich! (Wobei dem Text, insgesamt und von der Bewegung her, der Verzicht auf einige der leblosen „-en“ am Versende sicher gutgetan hätte.)

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (71)

Johann Gottfried Herders ungereimte Gedichte reizen mich deutlich stärker als seine gereimten. In „Der Himmel“ schließt er ein Paar von ungereimten trochäischen Vierhebern mit einem ebensolchen Dreiheber ab, und die so gewonnene Strophe nutzt er dreimal:

 

Dünste steigen auf und werden
In den Wolken Blitz und Donner
Oder Regentropfen.

Dünste steigen auf und werden
In dem Haupte Zorn und Unmut,
Oder werden Tränen.

Freund, bewahre Deinen Himmel
Vor dem Dunst der Leidenschaften!
Deine Stirn sei Sonne!

 

Inhaltlich gefällig, aber nicht weltbewegend, obwohl „Deine Stirn sei Sonne!“ sehr schön zeigt, wie gut ein kräftiger, klarer Schlussvers einem Gedicht tut; in der Form aber ein guter Vergleichspunkt zu der in (70) vorgeführten, kanzonenähnlichen Gestaltung mit ihren gleichfalls dreiversigen Stollen! Man sieht, auch der nicht-gereihte ungereimte trochäische Vierheber lässt viel Raum für eigene Gestaltungsmöglichkeiten …

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (70)

Martin Greifs „Herbstblumen“ bietet inhaltlich nicht viel, aber das soll ja nicht daran hindern, den Eigenheiten der Form und des Verses nachzuspüren …

 

Blumen duften durch den Garten,
Doch es sind nur späte Blumen,
Keine Rosen stehn dabei.
Drum, wie lieblich sie auch duften,
Mehr der Trauer als der Freude
Wecken sie im Herzen auf.
Meldet jede doch darunter
Nur dasselbe wie die andre,
Dass der Glanz des Sommers fliehe,
Dass der Herbst schon angebrochen,
Dass der Winter nicht mehr fern.

 

Der erste Satz schließt in V3 auf eine betonte Silbe – das wird allgemein ganz gern gemacht, die längere Pause  – „der Punkt“ – ersetzt dabei die fehlende unbetonte Silbe! Auch der zweite Satz ist drei Verse lang, auch V6 schließt dann betont; und der dritte Satz ist fünf Verse lang und schließt, das wundert nun nicht mehr, wieder betont. Damit weist das Gedicht eine deutliche Dreiteilung auf; und obwohl die „Kanzonenform“ eigentlich gereimten Gedichten vorbehalten ist, setzt sie auch dieser ungereimte Text um – einem „Aufgesang“ aus zwei gleichgebauten Stollen (V1-V3, V4-V6) folgt ein „Abgesang“, der länger als ein einzelner Stollen, aber kürzer als der gesamte Aufgesang ist! Dadurch gewinnt der Text eine Abgeschlossenheit und Überzeugungskraft, die ihm angesichts seines Inhalts sicher nicht schadet …

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (69)

Epigramme haben, wie jede Dichtungsgattung, ihre bevorzugten Formen – im Barock zum Beispiel das Alexandrinercouplet und anderes gereimtes, später dann das Distichon, das allerdings die einzige reimlose Form blieb. Na ja, fast: Ausnahmen gibt es immer, und zu denen gehört zum Beispiel auch Christian Adolph Overbecks knapper Dreizeiler „Lebensgenuss“:

 

Morgen willst du leben? Armer!
Heute leben, heißt verspätet;
Wer gescheit ist, lebt schon gestern.

 

– Eine Ausdrucksweise dieser Erkenntnis, die heute ganz totgequatscht ist („Wann muss das fertig sein?“ „Vorgestern!“), aber auch vor 200 Jahren nicht mehr ganz frisch gewesen sein dürfte … Worauf es hier aber eher ankommt, ist die kennzeicnende Bewegung des ungereimten trochäischen Vierhebers, die sich, wie im Vortrag überprüfbar, hier auch in dem nahezu kleinstmöglichen Raum von nur drei Versen sicher und unüberhörbar verwirklicht!

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (68)

Ignatz Heinrich von Wessenberg beginnt sein „Die Wolken“ so:

 

Eine Wolke sprach zur andern,
Auf dem Wege ihr begegnend:
„Wohin ziehst du? Was beginnst du?“
Ernst versetzt darauf die andre:
„Weiß ich’s selber denn? Zum Spiele
Dienen ja wir armen Wolken
Allen Launen der verborg’nen,
Schnellen, wandelreichen Winde.“

 

„Also ist es“, bestätigt darauf die erste, und man wundert sich nicht nur, warum sie dann überhaupt gefragt hat, sondern auch, welche Geschichte sich aus diesem Beginn spinnen lässt?! Gar keine, wie sich zeigt – nach einer längeren Ausführung des Bildes offenbart sich, es war nur Verdeutlichung eines anderen Zusammenhangs! Die letzten beiden Vers lauten nämlich:

 

Was die Wolken sind den Winden,
Sind die Herrscher den Gesetzen.

 

Das mag stimmen oder auch nicht; den Versen merkt man ihre „Uneigentlichkeit“ jedenfalls an, in Inhalt und Aufbau – die trochäischen Vierheber klingen hier doch arg hölzern und geschäftsmäßig!

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (67)

„Querfeldein“ von Karl August Candidus ist keine große Dichtung, aber doch ein schönes Beispiel dafür, wie der trochäische Vierheber einem Inhalt Form und Gestalt geben kann; ihn beglaubigt.

 

Querfeldein am Ostermorgen
Trug mich Pegasus, bemäntelt,
Denn es flog um Ross und Reiter
Schnee, in dichten großen Flocken,
Ähnlich Schmetterlingsgespenstern,
Bleichen; aber drüber flogen
Hoch im Äther, jubilierend,
Lerchen, lebensrote Herzchen,
Frühlingsgläubig, blütensicher.

Erzählverse: Der trochäische Vierheber (66)

Heinrich von Reder beschreibt in „Vor Bazeilles“ Einzelheiten eines der blutigeren Kämpfe des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 / 1871:

 

Vor Bazeilles im Straßengraben
Lag erstarrt ein junger Jäger,
Einer von den „blauen Teufeln“,
Die bei Weißenburg gefochten.
Auf dem blauen Odel schwammen
Seine blonden Ringellocken,
Und dazwischen hingen schmierig
Giftiggrün Kartoffelknollen.
Größer kaum wie Marmelschusser,
Die den Kindern sind ein Spielwerk,
Grub er sie beim Halt im Marsche
Mit den Fingern aus dem Feld.
Aufbewahrt fürs nächste Biwak
Waren sie aus seinem Brotsack,
Als er stürzte, ausgeronnen
In das Gold von seinen Locken.

An der Grabenböschung lagen
Mancher Türko und Zuave
Steif in ihren Pluderhosen,
In den Händen noch den Chassepot.
Ihre feuchten Reisrationen
Hingen aus den Blechgeschirren
Grau und klumpig am Tornister,
Besser kaum als die Kartoffeln.
Hie und da braunrote Tupfen
Klebten auf den Uniformen,
Schmutzbedeckt vom Staub der Straße
Und dem letzten Lagerplatz.
Sohn der Alpen, Sohn der Wüste,
Du verlor’n Pariser Kind!
Nimmer kann ich euch vergessen
Mit dem Totenfleckgesicht –

Plaudernd ritt ein Stab vorüber,
War gefolgt von einem Wagen,
Angefüllt mit Dienstpapieren,
Rotwein, Schinken und Konserven.

 

Nüchtern, aber auch etwas ungelenk werden Dinge und Ereignisse beschrieben, die 150 Jahre später kaum mehr in erinnerung sind:“Bei Weißenburg“ gab es einen Monat vor „Bazeilles“ eine Schlacht, „Turcos und Zuaven“ meint die Nordafrikaner, die in der französischen Armee dienten;  „Chassepot“ ist ein Gewehr.

Der trochäische Vierheber ist dabei auch dieser Aufgabe gewachsen; diesmal spröde und glanzlos leistet er, was in einem solchen Text geleistet werden muss.