Erzählverse: Der trochäische Achtheber (2)

Conrad Ferdinand Meyer verwendet in „Mit zwei Worten“ den Achtheber auf eine ungewöhnliche Art: Er fasst vier davon zu einer Strophe zusammen und reimt sie einheitlich!

 

Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,
„London?“ frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
„London?“ bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,
Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.
Meer und Himmel. »London?« frug sie, von der Heimat abgekehrt,
Suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt …

„Gilbert?“ fragt die Sarazenin im Gedräng‘ der großen Stadt,
Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
„Tausend Gilberts gibts in London!“ Doch sie sucht und wird nicht matt.
„Labe dich mit Trank und Speise!“ Doch sie wird von Tränen satt.

„Gilbert!“ „Nichts als Gilbert? Weißt du keine andern Worte? Nein?“
„Gilbert!“ … „Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein –
Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein –
Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein!“

„Pilgrim Gilbert Becket!“ dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,
Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

 

Manchmal gibt es einen leichten Verdacht, dass der Reim den Inhalt bestimmt. Aber das bleibt eine Randbemerkung, denn die Strophen wirken durchaus überzeugend gestaltet, und der weite Raum der Achtheber lebendig gefüllt!

Erzählverse: Der trochäische Achtheber (1)

Caspar Gottlieb Lindner hat 1739 ein langes Gedicht veröffentlich, das dabei auch einen langen Titel hatte: „Poetische und historische Beschreibung der höchstmerkwürdigen und überaus blutigen Tartarischen Schlacht bei Liegnitz in Schlesien, welche sich im Jahr 1241, den 9. April, unter dem heldenmütigen Herzoge, Heinrich dem Frommen, ereignet hat“.

Das klang dann so:

 

Zittre doch, erschrockne Erde! Bebe doch, bestürztes Feld!
Winselt, jammert, Jung‘ und Alte! Seht! da liegt der edle Held,
Seht! da liegt der fromme Fürst, seht! da schmerzt ihn seine Wunde,
Seht! da nimmt man ihm das Schwert, seht! da plündern ihn die Hunde,
Ach! da tritt man Schild und Lanze, Bogen, Pfeil und Helm entzwei,
Ach! da bringen ihm die Mörder noch viel andre Wunden bei,
Ach! da wird aus Rachbegier, seht für mich, ich mags nicht schauen,
Ach! da wird das edle Haupt unsres Herzogs abgehauen,
Ach! da wird es, o! der Bosheit, o! des Schimpfes, o! der List,
Den Geflüchteten zum Schrecken auf den längsten Speer gespießt.

 

Der trochäische Achtheber sieht so aus:

X x / X x / X x / X (x) || X x / X x / X x / X (x)

Kleinere Abweichungen sind möglich. Es ist jedenfalls ein Vers mit viel Raum; Lindner nutzt ihn. Sicher auf eine Art, die einem heutigen Leser fremd erscheint, aber trotzdem nicht gänzlich ohne Geschick, wie der laute Vortrag beweist! Schule gemacht hat dieses Beispiel aber trotzdem nicht, der Achtheber wurde erst im 19. Jahrhundert beliebter als Erzählvers, und dann in leicht anderer Form, als ihn Lindner hier verwendet. Wobei seine Wahl nicht ohne Reiz ist – wenn der Vers auf eine unbetonte Silbe schließt, schließt die erste Vershälfte männlich, wodurch im Versinnern zwei betonte Silben aufeinandertreffen:

Ach! da / wird aus / Rachbe- / gier, || seht für / mich, ich / mags nicht / schauen,

Schließt der Vers aber mit einer betonten Silbe, wodurch an Versende und Versanfang zwei betonte Silben aufeinandertreffen, schließt die erste Vershälfte mit einer unbetonten Silbe!

Den Ge- / flüchte- / ten zum / Schrecken || auf den / längsten / Speer ge- / spießt.

Neben der Atemlosigkeit des Erzählers also viel Abwechslung auch im Versbau.