Erzählverse: Der Knittel (17)

Christoph Martin Wieland war, ohne jeden Zweifel, der Meister des anmutigen, erzählenden Reimverses. In seinem Gandalin (auch schon in (5) angesprochen!) nutzt er eine Art „gezähmten Knittel“, mit dem er die wunderbarsten Wirkungen zu erzielen weiß – so gleich zu Anfang der Erzählung, als er deren Helden eine „Art von Liebe“ bescheinigt,

 

Die tief im Eingeweid brennt und nagt,
Die alle Lust zu Spiel und Scherzen,
Die Schlaf und Esslust euch versagt
Und ohne Rast, den Pfeil im Herzen,
Durch Berg und Tal euch treibt und jagt,
Bis ihr erschöpft von Angst und Schmerzen,
Verblutet, lechzend, atemlos
Der schönen Feindin vor die Füße
Hinsinkt, das Köpfchen in ihren Schoß
Verbergt und sterbt, und glaubt wie süße
Der Tod euch schmecke, wenn allenfalls
Ihr glattes Pfötchen um Brust und Hals
Euch noch zur Letze freundlich krabbelt,
Und euer gebrochnes Herzchen wohl gar
An ihrem Busen sich verzabbelt:
Das nenn‘ ich lieben! Nur ist’s rar!

 

Das will, unbedingt! laut gelesen werden. Und klingt und schwingt dann, dass es scheint, als könne gar nicht anders erzählt werden als in Versen … Große Kunst, wenn auch nicht zeitgemäße.

Erzählverse: Der Knittel (16)

Die folgenden Verse sind ein kleiner Ausschnitt aus Eduard Mörikes längerem Knittel-Gedicht „Erzengel Michaels Feder“; die darin Vorgestellte ist taubstumm.

 

Einsmals schön Rahel saß allein
Beim Birkenwald am grünen Rain,
Dacht einem Traumgesichte nach,
Darin ihr Gott der Herr versprach,
Treu und wahrhaft, durch Engelsmund:
Sie sollte werden ganz gesund,
Wenn sie ihm täte dies und das –
Sie wusste leider nicht mehr was.
Hätt sie’s gewusst, sie könnt’s nicht sagen,
Müsst‘ es ewig bei sich selber tragen.
Das fiel ihr nun aufs Herz so schwer,
Dass sie seufzet laut und weinet sehr.

 

Da stehen die einzelnen Satzbestandteile oft wie zufällig im Vers? aber es klingt trotzdem immer richtig, immer sehr überzeugend: Mörike konnte das.  Vom eigentlichen „Knittel-Klang“ ist dagegen gar nicht so viel zu hören, nur hier und da mal eine zusätzliche unbetonte Silbe, ohne die der Text in Reimpaaren aus iambischen Vierhebern geschrieben wäre; erst am Schluss, im drittletzten Vers (der auch, wie so oft im Knittel, auf zwei Weisen zum Vortrag gelangen kann) und im letzten Vers, wird die Bewegungslinie etwas unruhiger.

Erzählverse: Der Knittel (15)

Von Theodor Storm stammt „Schneewittchen. Eine Märchen-Szene“. Darin wird die bekannte Geschichte erzählt; ich kann also einfach mittendrin einen kurzen Abschnitt rausnehmen und hier vorstellen:

 

Zwergenältester
Schneeweißchen, Königstöchterlein,
Wo ließest du die Pagen dein,
Wo ließest du die Wagen und Rosse,
Wie kamst du von des Königs Schlosse?

Schneewittchen
Ach, ich bin kommen arm und bloß!
Mütterlein schläft in Grabes Schoß;
Der König freite die zweite Frau,
Die schlug mich oft und schalt mich rau;
Schickte mich dann mit dem Jäger zu Walde,
Sollte mich töten auf Berges Halde,
Und der Königin als Zeichen
Sollt’ er mein blutend Herze reichen;
Doch ich bat ihn so lange, so lang‘ auf den Knien –
Da schoss er den Eber, und ließ mich fliehn.

 

Schneewittchen redet dabei die wesentlich unordentlicheren Vierheber?! Die des Zwegenältesten gingen auch als iambische Reimpaare durch; ihre kann man nicht anders wahrnehmen denn als Knittel. Bis zum Schluss hat sich die „Vierhebigkeit“ auch schon festgesetzt im Hörerohr, und so vernimmt er

Und der nigin als Zeichen

und

Doch ich bat ihn so lange, so lang auf den Knien

jeweils als Vierheber, den acht- und den zwölfsilbigen Vers; obwohl beide in anderer Umgebung auch anders aufgefasst werden könnten?!

Erzählverse: Der Knittel (14)

In Goethes „west-östlichem Divan“ findet sich auch „Geständnis“:

 

Was ist schwer zu verbergen? Das Feuer!
Denn bei Tage verrät’s der Rauch,
Bei Nacht die Flamme, das Ungeheuer.
Ferner ist schwer zu verbergen auch
Die Liebe; noch so stille gehegt,
Sie doch gar leicht aus den Augen schlägt.
Am schwersten zu bergen ist ein Gedicht;
Man stellt es unter’n Scheffel nicht.
Hat es der Dichter frisch gesungen,
So ist er ganz davon durchdrungen.
Hat er es zierlich nett geschrieben,
Will er, die ganze Welt soll’s lieben.
Er liest es jedem froh und laut,
Ob es uns quält, ob es erbaut.

 

– Da bietet Goethe wieder einmal alles auf, was einen Knittel ausmacht, vor allem  die freie Verteilung von unbetonten Silben, insbesondere im Verseingang, der mal betont, mal unbetont ist.

Auch die Unklarheit bezüglich der Bewegungslinie eines Verses ist da – wie klingt zum Beispiel der Schlussvers?! Im schlichten „Auf und Ab“ käme er schwach daher – mir scheint diese Lesung kräftiger:

Ob es uns quält, ob es erbaut.
X x x X || X x x X

So ein „doppelter Choriambus“ setzt doch einen wunderbar deutlichen, hörbaren Schlusspunkt?!

Auch vernehmbar ist  die eine oder andere Härte im Satzbau; und der Paarreim, obwohl ja ein Kreuzreim das Gedicht einleitet.

Bemerkenswert auch, wie, sobald als drittes Beispiel das Gedicht genannt wird, ganz streng jedes Reimpaar einen Satz fasst!

Und inhaltlich? Da hat er recht, der Goethe; wie so oft …

Erzählverse: Der Knittel (13)

Noch einmal Theodor Fontane – geht es um den Knittel, führt an ihm kein Weg vorbei! „Die Frage bleibt“ ist ein recht bekanntes und sehr kurzes Gedicht, in dessen nur drei Reimpaaren aber trotzdem einige der Besonderheiten des Knittels hörbar werden:

 

Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht fragen, warum? warum?

Nur nicht bittere Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

Wie’s dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

 

Im ersten Vers setzt Fontane zwei betonte Silben nebeneinander, nur durch die Zäsur getrennt; der inhaltliche Einschnitt schafft hier zwei „Choriamben“, also zwei allgemein als stark und schön klingend geltende Einheiten!

Halte dich still, halte dich stumm,

X x x X / X x x X

Da lässt sich einiges an Wirkung erzielen, und Fontane hat diese Möglichkeit auch häufiger genutzt – „Andre sind reich, ich bin arm„, „X x x X / X x X“ findet sich zum Beispiel in „So und nicht anders“.

In V4 ist ein klein wenig unsicher, welche Silbe die zweite  Betonung trägt – am wahrscheinlichsten das „doch“, aber das „nur“ kommt auch in Frage, denke ich; dann hat der Vers eine dreisilbig besetzte Senkung, aber das klngt gar nicht mal so übel?!

V6 beginnt, als einziger der sechs Verse, mit einer unbetonten Silbe.

Erzählverse: Der Knittel (12)

„Waldemar Atterdag“ ist ein nicht ganz so bekannter Erzähltext Theodor Fontanes, geschrieben aber wie seine „großen Balladen“ im Knittel. Der Anfang:

 

Und Waldemar (König Christophers Sohn),
Im Dome zu Ringstedt nahm er die Kron’,
Nun führt er die Herrschaft mit kluger Hand
Über Dänemark-Meer und Dänemark-Land,
Nie fasst ihn Jähzorn, nie treibt ihn Eil,
„Erst wägen, dann wagen.“ „Eile mit Weil.“
Und ob es zur Tat ihn auch drängen mag,
Auf den andern Tag schiebt er’s: „Atterdag“.

 

Die Verse wirken schnell, Fontane besetzt viele Senkungen mit zwei unbetonten Silben?! Die für den Knittel kennzeichnende gelegentliche Unklarheit über die Lage der betonten Silben begegnet hier in diesem Vers:

Nie fasst ihn Jähzorn, nie treibt ihn Eil,

Die erste Möglichkeit:

Nie fasst ihn Jähzorn, nie treibt ihn Eil,

Die zweite Möglichkeit:

Nie fasst ihn Jähzorn, nie treibt ihn Eil,

Man kann die Verhälften auch mischen, dann kommen noch zwei Möglichkeiten dazu. Ich lasse es aber bei diesen beiden. Möglich sind sie beide – die erste hält die doppelt besetzten Senkungen bei und fügt sich dadurch gut in den restlichen Text ein; die zweite fällt, in den Halbversen, in ein alternierendes Auf und Ab, was sonst im Text nicht häufig vorkommt, hier aber den Inhalt unterstützt, die ruhige, unaufgeregte Art Waldemars.  Jeder wähle, wie es ihm gefällt!

Wie schnell ein solcher Knittel werden kann und wie stark vorwärtsdrängend, zeigt der erste Vers des dritten Abschnitts:

Und ein Jahr und ein Tag, und auf Schloss Helsingör

Und ein Jahr und ein Tag, und auf Schloss Helsingör

x x X / x x X || x x X / x x X

Also: Sehr schnell. (Wobei das, nebenbei angemerkt, ja der Vers ist, der hier im Verserzähler in der „Bewegungsschule“ verhandelt wird; nur dass er im Knittel-Rahmen als Reimvers auftaucht.)

Ich hänge noch den wildbewegten vorletzten Abschnitt an; auch in diesem lohnt es sich sehr, den Bewegungslinien nachzuspüren. Vier Hebungen, immer! – wenn man diesem Grundgedanken folgt, findet man die entsprechenden Linien diesmal eigentlich ohne Anstrengung?!

 

Und wieder ein Jahr und auf Schloss Wordingborg
In Stille sitzt er und doch in Sorg’,
In Sorg’ um Heilwig. Auf seinem Sinn
Lastet die schöne Königin.
Es heißt, sie sei krank, ohne Schlaf ihre Ruh,
Aber ein Kämmerling flüstert ihm zu:
„Der Königin Krankheit ist Lug, ist Schein,
Sten Sture geht lachend aus und ein,
Er ist noch ein Knabe, noch halb ein Kind,
Das lieben die Frauen, wie Frauen sind.
Auf, Waldemar, stör ihre Lust, ihre List,
Zeige, dass du der König bist,
Überrasche Schön-Heilwig, erforsche sie, frag“
„Es würde sie töten – Atterdag.“

Erzählverse: Der Knittel (11)

Die Jahre

Die Jahre sind allerliebste Leut:
Sie brachten gestern, sie bringen heut,
Und so verbringen wir Jüngern eben
Das allerliebste Schlaraffen-Leben.
Und dann fällts den Jahren auf einmal ein,
Nicht mehr, wie sonst, bequem zu sein;
Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen;
Sie nehmen heute, sie nehmen morgen.

 

Dieses kleine Stück steht in Goethes Gedichten unter „Epigrammatisch“; wo sich ja mancherlei Knittel finden. Die Verse lesen sich recht selbstverständlich, bis auf einen, den vorletzten. Da gibt es, denke ich, mehrere Möglichkeiten?!

Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen;

Betont man das doppelte „Wollen“, fängt man sich zwei dreisilbige Senkungen ein; die gehen nicht jedem einfach von den Lippen, und ich kann mich erinnern, diesen Vers auch schon mit zwei „Woll’n“ gesehen zu haben – vermutlich aus genau diesem Grund?!

Die zweite Möglichkeit: Man betont die beiden „nicht“.

Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen;

Dann gibt es eine zweifach besetzte Senkung am Versanfang und eine dreifach besetzte in der Versmitte, die aber durch die Zäsur in eine einsilbige und eine zweisilbige Einheit getrennt wird?!

Welche der beiden Möglichkeiten (oder, vielleicht, auch eine ganz andere?!) man bevorzugt, hängt vom eigenen Vortrag ab … Da ist der Knittel ja anpassungsfähig dank seiner ganz allgemein höheren Achtsamkeit dem Satz gegenüber!

Den Vers sechshebig zu lesen, ist dagegen eine Ausflucht; und bringt den Betrachter und zukünftigen Vortragenden um das Vergnügen, unter den verschiedenen Bewegungslinien, die der Knittel hier anbietet, eine begründete Wahl zu treffen.

Erzählverse: Der Knittel (10)

Einer der bekanntesten und wichtigsten Knittelvers-Schreiber des 16. Jahrhunderts war Hans Sachs, der den Vers zum Beispiel in Fastnachtsspielen gebraucht hat. Als Ricarda Huch 400 Jahre später ihre „Fastnachtspossen“ geschrieben hat, und in denen dann sogar Hans Sachs vorkam, ins Jetzt versetzt: da wundert es nicht, dass diese Stücke im Knittelvers geschrieben sind!

So erklärt zum Beispiel ein Dr. Hugo Zürner Hans Sachs, was es mit Margarine auf sich hat (zu finden in Huchs gesammelten Werken, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, im fünften Band auf Seite 660):

 

ZÜRNER
Man mache halt immer gute Miene,
Dann schmeckt statt Butter auch Margarine!

SACHS
Was ist denn das nun, Zapperlot?!

ZÜRNER
Das ist ein Kunstprodukt der Not.
Die Armen und Ärmsten, denen es kläglich
Und traurig geht, die können ihr täglich
Stück Brot mit Butter und Schmalz nicht bestreichen!
Um diesen Notstand auszugleichen,
Bemühten sich kluge Köpfe unsäglich,
Bis man ein Surrogat erfand –
Nun hat ein Ende der Übelstand.
Man wollt es färben grün oder rot,
Um Kunst und Natur zu unterscheiden;
Doch was hilft Schminke der blassen Not?
Drum wollens die Volksvertreter nicht leiden,
Dass die Chemie die Nahrung bedroht.
Zwar hab ich das chemische Wort nicht behalten,
Auf deutsch wars ungefähr so gestalten:
Vereklioschmieripfuideibelloid –
Misübelschlimmkotzidulbrechoperfid.
Wär solch ein Vorgehn nicht sehr herb?
Das wär doch unlaut’rer Fettbewerb!

 

Das wird hintenraus nun ziemlich albern, mit dem Wortspiel des Schlussverses und allem; aber das ist einer Fastnachtsposse ja durchaus am Platze. Die Verse jedenfalls bewegen sich überzeugend meinem Ohr nach; man findet die Bewegungslinie ohne Schwierigkeit, und der Vortrag hat dann Schwung und macht Spaß. – Einfach selbst versuchen! Die Ein-Vers-Wörter kann man da ja als sportliche Herausforderung nehmen; oder einfach weglassen.

Erzählverse: Der Knittel (9)

Der Knittelvers, wie man ihn heute im allgemeinen im Ohr hat, ist noch gar nicht so alt – es ist der Knittelvers Goethes, Schillers, dann Fontanes …

Eigentlich ist der Vers aber schon viel älter; er verkam nur immer mehr, bis er schließlich durch die sich durchsetzenden Ansichten Martin Opitz‘ im 17. Jahrhundert für eine Weile ganz aus der „Hochdichtung“ verschwand; Mitte des 18. Jahrhunderts war er dann wieder da, wenn auch in leicht abgewandelter Form.

Wie haben diese älteren Verse geklungen? Dafür kann man in „Des Knaben Wunderhorn“, einer Sammlung alter deutscher Lieder, herausgegeben von Achim von Armin und Clemens Brentano; zum ersten Mal erscheinen 1805. Da sollte auch heute noch jeder reinschauen, eigentlich; eine wahre Fundgrube!

Die folgenden Verse stammen aus „Moritz von Sachsen“, als Quelle geben Arnim und Brentano „Die Geschichten und ritterlichen Taten Moritz Herzog zu Sachsen, durch Leonhardt Reutter, 1553, Flugschrift“.

Inhaltlich geht es um ein unruhiges „Ich“, das schließlich in Schlaf fällt und einen Traum hat:

 

Da sah ich erst ein traurig Heer,
Wenig Volk, viel Fähnlein dabei,
Die waren von Farben mancherlei,
Waren zerrissen und zerplundert,
In meinem Traume es mich sehr wundert,
Was doch das all bedeuten tät?
Funfzehn schwarze Fähnlein man hätt,
Die trug man um ein Leich herum,
Ich erschrak sehr, und sah mich um,
Da sah ich ein Haufen in schwarzem Kleid,
Die trugen allesamt groß Leid,
Und wollten auch mitgehn zu Grab.
Nach der Leich, da ritt ein Knab,
Der hatt einen schwarzen Harnisch an,
Däucht mich es war ein Edelmann,
In der Hand hatt‘ er ein bloßes Schwert,
Die Spitze kehrt‘ er zu der Erd,
Und saß so gewaltig verdrossen,
Auch war der Harnisch durchschossen,
Hinten unter dem Gürtel ’nein,
Ich dacht, wes‘ mag die Leiche sein?

 

Es ist die Leiche des besagten Moritz von Sachsen, der am 11. Juli 1553 an einer in der Schlacht erhaltenen Wunde gestorben war. „Tagesaktuell“, dieses Flugblatt. Sozusagen.

Die Verse klingen zwar deutlich anders als die der späteren Verfasser, haben aber doch die kennzeichnenden Eigenschaften aller Knittelverse; im besonderen die Beweglichkeit der vier betonten und herausgehobenen Silben. Ein Beispielvers: „Ich erschrak sehr, und sah mich um,“ Möglich wäre diese Anordnung:

Ich erschrak sehr, und sah mich um,

– Aber so ganz gerecht scheint sie dem Inhalt des Verses nicht zu werden?! Also doch eher so:

Ich erschrak sehr, und sah mich um,

Wenn das auch einem Ohr, das eher an das „Auf und Ab“ gewöhnt ist, etwas seltsam klingen mag. Aber beim Knittelvers liegt man eben eher richtig, wenn man sich, so weit es geht, am Sinn ausrichtet beim Ermitteln der Bewegungslinie!

Bemerkenswert noch dieses Vers- und Reimpaar:

Und saß so gewaltig verdrossen,
Auch war der Harnisch durchschossen,

– Da wird es schwierig, vier betonte Silben unterzubringen?! Im ersten ginge es noch (neben den drei sicheren Betonungen das „so“), aber im zweiten? Hm … Dann wohl doch besser als Dreiheber lesen; ausnahmsweise.

Erzählverse: Der Knittel (8)

Ein recht bekannter Text von Theodor Fontane, „Die Alten und die Jungen“:

 

„Unverständlich sind uns die Jungen“
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möcht ich’s damit halten:
„Unverständlich sind mir die Alten.“
Dieses am Ruder bleiben Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses sich unentbehrlich Vermeinen
Samt ihrer „Augen stillem Weinen“,
Als wäre der Welt ein Weh getan –
Ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Besseres schaffen und leisten,
Ob dem Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschheit bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sä’n oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen –
Eins lässt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.

 

Wie immer beim Knittel muss man ein wenig schauen, wo die Betonungen sitzen; aber meist ergibt sich die Bewegungslinie der Verse ganz selbstverständlich. Etwas ungewöhnlich vielleicht dieser Vers:

Oder bloß einen Maulwurfsgel erklommen,

Da sollte man, denke ich, zwei zweisilbige Worte in die (dann zweisilbige) Senkung „drücken“ und dafür das „bloß“ durch Betonung herausheben?! Tönt mir am sinnigsten …

Die kursiven „sie“ des Schlussverses hat meine Fontane-Ausgabe so; das zweite ist kein Problem, aber wie die Hervorhebung fürs Auge – das Kursive – eine Hervorhebung fürs Ohr werden kann im Vortrag; das weiß ich nicht recht, irgendwie klingt der Vers dann eigenartig?!

„Ob“ steht oft am Versbeginn, aber da mal betont, mal unbetont, fällt das gar nicht auf …

„Eurer Augen stilles Weinen / Kann ich nicht verstehn.“ hat Schiller im „Ritter Toggenburg“ geschrieben; ich nehme an, darauf nimmt Fontane Bezug?!