Erzählverse: Der Ioniker (5)

In diesem abschließenden Beitrag möchte ich noch einige „zeitgenössische Ioniker“ vorstellen. Ich bitte mir nachzusehen, dass es meine eigenen sind – ich wüsste im Augenblick nicht, wo ich mir andere beschaffen könnte …

Die folgenden Verse sind „Ein-Vers-Gedichte“, also Einzelverse ohne irgendeinen Zusammenhang. Manchen sieht man auch an, dass sie als Übungsverse geschrieben wurden; andere würde ich als vollwertige Gedichte gelten lassen. Aber ich hoffe, den typischen „Ioniker-Klang“ haben sie alle!

 

Dein Hirn juckt, und dir fällt ein Vers ein – doch warum? Nun: du kratzt dich.

Es braucht Mut. Wofür, wann? Das ist unklar, doch ich weiß eins: Es braucht Mut.

Ein Tanzschritt sei dein Lied, den das Wort mit dem Wort macht; aus Freude.

Was aufgeht, ist der Knopf, ist die Rechnung, ist schmackhaft: der Kuchen.

Ein Gesicht, das der Angstschweiß herabrinnt: wie der Frühtau die Rose.

Umsonst klang das Gedicht auf, umsonst sang es den Wohllaut den Tauben.

Die Uhr tickt. Sie schlägt zwölf. Vergeht Zeit, wenn die Uhr schweigt? Wer misst das?

Ein Wehklagen, und Gott, wie so oft: um ein Trostwort verlegen.

Der Kleinmut der Magie, die das Breitschwert in die Streitaxt verwandelt.

Das Kernstück des Gedichts ist Geduld; wie der Herzschlag Geduld hat.

Wer den Kopf in den Sand steckt, ist dem Strauß hörig, wer’s nicht tut – dem Sprichwort.

Ein beidhändig geschwungenes Schwert, das ein Ziel sucht und findet.

Im Baum tagt es, schon krächzt Krähe um Krähe dem Schwarm zu: Ich lebe!

Ein Gedicht ist ein Wort, dem ein Wort folgt, und ein Schlusswort; und Stille.

Erzählverse: Der Ioniker (4)

Versbetrachtung, Teil zwei.

Ich glaube, eines der Hauptprobleme des Ionikers ist, dass er Worte der Gestalt „— v“ – „Erde“, „Wasser“, „Feuer“ – nur sehr schwer unterbringen kann, erst recht, wenn die metrischen Einheiten, wie von Klopstock ja verlangt, „oft“ auch gleichzeitig Sinneinheiten sein sollen. In „v v — —“ passen solche Worte einfach nicht rein, und es bleibt eigentlich nur „Luft“ …

Von daher ist es sinnvoll, zu schauen, wie Klopstock dem entgegengewirkt hat. Einmal sicher durch das Ersetzen von „v v — —“ durch “ v v — v“, andererseits aber auch durch das Aufgeben der Übereinstimmung von metrischer Einheit und Sinneinheit. Um letzteres soll es nun gehen!

Von den 27 Versen zeigen knapp über die Hälfte in den ersten drei Einheiten (die Kadenzen sind ohnehin bis auf eine Ausnahme alle „sauber“) Übereinstimmung von metrischer Einheit und Sinneinheit, es sind dies die Verse 03, 05, 06, 07, 09, 10, 14, 15, 17, 18, 21, 22, 23, 24, 26.

Bei den anderen Versen gibt es verschiedene Arten der Trennung von Metrum und Sinn. Da sind einmal die Fälle, in denen die Sinneinheit nicht eine, sondern zwei metrische Einheiten umfasst, mit der Grenze innerhalb eines Wortes. Es sind dies einmal  Zusammenfassungen der Art „v v — / v v —“

des Unend– / lichen Lob (02), sein beseel– / teres Bild (08), in der End– / lichen Heer (13)

Diese Fälle stören die dem Ioniker eigene Bewegung kaum, vielleicht sind sie ein wenig schneller als zwei einzelne Sinneinheiten.

Ähnlich liegt der Fall bei den Zusammenfassungen der Art „v v — / v v — —“:

zu dem e– / wigen Heil hin! (19), Der unsterb– / liche Mensch weg (20)

Auch hier ist die Bewegungslinie des Grundverses weitestgehend erhalten. Anders liegt der Fall, wenn sich in zwei metrische Grundeinheiten zwei mit ihnen nicht deckungsgleiche Sinneinheiten einlagern! Eine Kombination von zwei Sinneinheiten, die häufiger vorkommt, hat die rhythmische Gestalt “ v — / — v v —“:

Erwach, / Har / fengetön (01), Erhebt, / sing/ ich dem Herrn (11), Des Seins / tie/ fen Entwurf (12)

( / = Trennung der metrischen Einheiten, / = Trennung der Sinneinheiten) Das deutlich vernehmbare „— v v —“ bringt dabei einen neuen Klang in den Vers, denn diese Einheit ist nicht, wie die metrischen Einheiten des Ionikers, „nach einer Seite offen“, sondern eine abgeschlossene Einheit, die dem Vers mehr einen Ruhepunkt gibt, ein Verharren, als Vorwärts-Bewegung. Und natürlich können hier auch einige „— v“-Wörter untergebracht werden! Für mein Ohr gehört auch dieser Fall noch dazu:

Der Angst / Stim/ me sich mischt (25)

Hierbei ist aber ein Stück weit auch die Einheit „v — — v“ zu vernehmen in „Der [b]Angst Stim[/b]me“, was ja vom Sinn her erst einmal zusammengehört. Ganz deutlich ist diese leicht unschöne Einheit (Klopstock nennt sie „abstechend“)  in folgendem Fall zu vernehmen:

Ohn‘ Aufhö/ ren / am Thron sein (16)

Wieder bekommt der Vers einen anderen Klang, diesmal einen etwas unruhigen.

In allen bisher gezeigten Fällen waren zwei metrische Einheiten betroffen, während die dritte Einheit immer die Übereinstimmung von metrischer Einheit und Sinneinheit aufwies. In den beiden verbleibenden Versen sind dagegen alle drei vor der Kadanz liegenden metrischen Einheiten keine Sinneinheiten. Es sind dies:

Und Erzen/ gel / entflamm/ endes Lob (04), Und sanft Lis/ peln / den Har/ fen entlockt (27)

Im letzten Fall gelangen dadurch sogar zwei „— v“-Wörter in den Vers, aber dafür werden auch so versfremde Einheiten wie “ v — — v“ und, zum einzigen Mal im Versinnern, „v — v“ hörbar. Aber das sind recht eindeutig Ausnahmen, so dass derlei wohl eher unter „Abwechlung erfreut“ fällt als unter „Viele Köche verderben den Brei“?!

Erzählverse: Der Ioniker (3)

Versbetrachtung, Teil eins!

Ohne viel Aufwand kann man etwas über die Versanfänge sagen und über die Versschlüsse, die Kadenzen.

Am Versanfang stehen ja zwei Möglichkeiten zur Verfügung, „v — —“ und „v v —“, die Frage ist also, geht der Vers eher langsam und gewichtig los oder schnell und flüchtig? Für Klopstock ist die Antwort eindeutig, „v — —“ eröffnet den Vers 24 mal, „v v —“ nur 3 mal.

Die Kadenz – man könnte angesichts ihres Umfangs auch sagen, die kürzere Vershälfte – kann vier verschiedene Formen annehmen. Diese sind unterschiedlich oft vertreten:

„v v — — / v — v“ kommt 16 mal vor,
„v v — — / v — —“ kommt 5 mal vor,
„v — — / v — v“ kommt 3 mal vor,
„v — — / v — —“ kommt 3 mal vor.

Also, wie zu erwarten, ein deutliches Übergewicht für die Normalform „v v — — / v — v“. Und obwohl bei so wenigen Versen natürlich keine sonderlich genauen Aussagen möglich sind, kann man doch Klopstocks Satz …

Der Baccheus darf nur selten für den Ionikus in der vierten Abteilung gesetzt werden; es muss aber auch nicht zu selten geschehen, damit der Schluss des Verses merklich, aber auch nicht eintönig sei.

… etwas verdeutlichen: In der vierten Einheit steht 21 mal der Ioniker und 6 mal der Baccheus, „selten, aber nicht zu selten“ meint hier also 22%.

Ob und wie am Versanfang die metrischen Einheiten gleichzeitig Sinneinheiten sind oder nicht, und, wenn sie es nicht sind, auf welche Weise: Das muss man sich noch genau anschauen. Für den Versschluss ist die Frage dagegen leicht zu beantworten – die metrischen Einheiten entsprechen so gut wie immer den Sinneinheiten, die einzige wirklich gewichtige Ausnahme ist „dass sie reift‘, aufgehäufet.“, „v v — // v — v“.

Erzählverse: Der Ioniker (2)

Das eine Gedicht, in dem Klopstock die Ioniker verwendet hat, steht im 20. Gesang seines „Messias“. Ich werfe mal einen „metrischen Blick“ auf diese Verse; Anschauungsmaterial ist immer gut!?

Klopstock hat den Langvers für den Druck in zwei Kurzverse zerlegt, die Grenze liegt dabei immer hinter der zweiten oder der dritten Einheit (Ausnahme: Vers 1); ich habe die Verse hier wieder zusammengesetzt und die Grenze mit „|“ gekennzeichnet.

Die von mir druntergeschriebenen Einheiten sind natürlich nur ein Vorschlag – manchmal sogar eher geraten: Ist „wenn sie all‘ einst vorbei sind“ nun „v v — — / v — —“ oder doch eher  „v v — / v v — —“?! In diesen Bereich zählt sicher auch, dass ich im Sinne der Regel („v v — —“) die Endung „-ung“ als schwer bewertet habe statt im Sinne der Ausnahme („v v — v“) als leicht. Falls sich also jemand die Mühe machen sollte, das durchzusehen, und dabei zu anderen Einheiten kommt – immer her mit den Vorschlägen!

So, nun aber zu den Versen. Ich beschränke mich auf sie in diesem Beitrag, werde aber in zwei kommenden Beiträgen noch kurz einige Anmerkungen machen.

01 Erwach, Harfengetön, und erhebe dich | dem Psalm nach zum Throne!
01 v — — /  v v — / v v — v / v v — — / v — v

02 Dein Flug sei des Unendlichen Lob, | des Herrn Preis dein Festlied!
02 v — — / v v — / v v — / v — — / v — —

03 O, ihm, dem mit Entzückung | Harmonie des Gestirnheers emporsteigt,
03 v — — / v v — — / v v — / v v — — / v — —

04 Und Erzengel entflammendes Lob | in dem Anschaun ertönen,
04 v — — / v v — / v v — / v v — — / v — v

05 O, lispl‘ auch, mein Gesang, sein Lob dem! | Von dem Grab auch vernehme
05 v — — / v v — / v — — / v v — — / v — v

06 Sein Lob Gott! Wie beginn‘ ich’s? wie vollend‘ ich’s? | O Vorschmack des Himmels,
06 v — — / v v — — / v v — — / v — — / v — v

07 Des Herrn Preis, wer singt Dich und erliegt nicht? | Was ihn sonst hob, versinkt jetzt,
07 v — — / v — — / v v — — / v v — — / v — —

08 Sein beseelteres Bild, wie der Schimmer | von dem Aufgang Gemäld‘ ihm
08  v v — / v v — / v v — v / v v — — / v — v

09 Voll Goldglanz, wird ihm Dämmrung. | Wie ich kann, mit der Nacht Schein im Bilde,
09 v — — / v v — — / v v — / v v — — / v — v

10 Mit Nachhall und Laut nur, | wenn der Chorpsalm zu dem Thron auf sich donnernd
10  v — — / v — — / v v — — / v v — — / v — v

11 Erhebt, sing‘ ich dem Herrn. | Wer gleicht Dir? Wer, o Gott, ist, wie du bist?
11 v — — / v v — / v — — / v v — — / v — —

12 Des Seins tiefen Entwurf entwarfst du, | eh Gefühl war, Gedanken
12 v — — / v v — / v — — / v v — — / v — v

13 Und Zweck war in der Endlichen Heer! | O der Aussaat, die, Gott, du
13 v — — / v v — / v v — / v v — — / v — v

14 Gesät hast und Aeon auf Aeon, | dass sie reift‘, aufgehäufet.
14 v — — / v — — / v — — / v v — — / v — v

15 O Ratschluss: Die Aeonen, | wenn sie all‘ einst vorbei sind, wird Ernte
15 v — — / v v — v / v v — — / v — — / v — v

16 Ohn‘ Aufhören am Thron sein! | Die Erschaffung zu des Sohns Heil hast dann du
16 v — — / v v — — / v v — — / v v — — / v — v

17 Vollendet! O, dann führt das Glück uns | und das Elend ins Lichtreich!
17 v — — / v v — / v — — / v v — — / v — —

18 Was einst uns, dem Beglückten und dem Dulder, | Labyrinthweg und Nacht war,
18 v — — / v v — v / v v — v / v v — — / v — —

19 Das führt uns zu dem ewigen Heil hin! | Indes welkt auf Erden
19 v — — / v v — / v v — — /  v — — / v — v

20 Der unsterbliche Mensch weg | und empfindet Herannahn des Todes,
20 v v — / v v — — / v v — v / v — — / v — v

21 Herannahn der Verwesung, | und verweint, in Wehklag‘ ergossen,
21 v — — / v v — — / v v — / v — — / v — v

22 Den Beginn des Daseins | und weiß doch, dass es Gott einst mit Wonne
22 v v — / v — — / v — — / v v — — / v — v

23 Vollbringt, er, der ihn auch zu dem Heil schuf! | Ja, so, Gott, vollbringst du’s!
23 v — — / v v — / v v — — / v — — / v — —

24 Ach, trüb‘ ist und Nacht ist der Gedanke, | dass ins Loblied der Himmel
24 v — — / v — — / v v — v / v v — — / v — v

25 Der Angst Stimme sich mischt, | und mit Tränen sich die Wehmut von Gräbern
25 v — — / v v — / v v — v / v v — — / v — v

26 Emporhebt ins Getön, wo Entzückung | der Chorpsalm zum Thron ruft
26 v — — / v v — / v v — — / v — — / v — —

27 Und sanft Lispeln den Harfen entlockt, | wenn in Dank weint die Wonne!
27 v — — / v v — / v v — / v v — — / v — v

Erzählverse: Der Ioniker (1)

Der Ioniker ist ein von Friedrich Gottlieb Klopstock Mitte des 18. Jahrhunderts erfundener Vers. Klopstock hat die theoretischen Grundlagen dieses Verses ausführlich dargelegt und hatte wohl auch große Pläne mit ihm; am Ende hat er aber nur ein einziges Gedicht geschrieben, das diesen Vers benutzt. Danach ist dieser Vers nicht wieder verwendet worden – niemals nicht, von niemandem!

Und das aus gutem Grund: der Ioniker verlangt metrische Grundeinheiten, von denen die einen sagen, es gibt sie im Deutschen nicht, und die anderen, es gibt sie zwar, aber sie sind so beschwerlich zu beschaffen, dass die Mühe nicht lohnt!

Daher sollte sich mit diesem Vers vielleicht besser nur auseinandersetzen, wer Geduld und Leidensfähigkeit mitbringt; und über eine gewisse „metrische Sicherheit“ verfügt. Die Belohnung besteht dann in einem Vers, der sich sehr fremd und doch auch anziehend bewegt!

Der Ioniker besteht aus drei metrischen Grundeinheiten:

Erstens, dem „Ionicus a minore“. Dabei folgen auf zwei kurze, unbetonte (= leichte) Silben zwei lange, betonte (= schwere) Silben. Im Schema: v v — —. Laut Klopstock ist diese Einheit die wichtigste.

Zweitens, dem „Bacchius“: Einer leichten Silbe folgen zwei schwere, im Schema v — —.

Drittens, dem „Anapäst“: Zwei leichten Silben folgt eine schwere. Schema: v v —.

Insgesamt hat der Vers fünf Einheiten. Nun darf aber nicht in jeder Einheit jede der drei obengenannten Möglichkeiten stehen. Klopstocks Übersicht sieht so aus:

.     1               2                 3                4              5
.            | v v — — | v v — — | v v — — | v —  v
v — — | v — —     | v — —    | v — —    | v — —
v v —  | v v —       | v v —

Also, man sieht: In der ersten Einheit kann ein Bacchius stehen oder ein Anapäst, aber kein Ioniker. In der zweiten und dritten Einheit können alle drei Füße stehen.

Die vierte und die fünfte Einheit bilden die „Kadenz“; die sieht im Regelfall so aus, v v — — / v — v, oder so: v v — — / v — —

Selten, aber immer mal wieder besteht die vierte Einheit aus einem Bacchius, dann sieht die Kadenz so aus, v — — / v — v, oder so: v v — / v — —.

Das wirkt zwar erstmal verwirrend, aber man findet doch durch! Ein Gedicht in diesem Versmaß besteht aus beliebig vielen Versen diesen Aufbaus.

Wie gesagt, Klopstock hat nur wenige Verse in dieser Versart geschrieben, und nach ihm niemand sonst. Es hat also jeder die Möglichkeit, den Vers für sich zu erkunden und zu gestalten. Das macht auch Spaß!  Und soooo seltsam sind diese „verdoppelten schweren Silben“ dann auch nicht, sie tauchen durchaus in normalen Texten auf!

Ich versuche mal einen richtigen Ioniker:

Ein Gedicht, das vom Hufschlag der Sinnsilben nicht auftönt, bewegt nicht.

Ein Gedicht, / das vom Hufschlag / der Sinnsil /-ben nicht auftönt, / bewegt nicht.

Was, wenn man das vollständige Schema bemüht, so aussieht:

.     1               2                 3                4              5
.            | v v — — | v v — — | v v — — | v —  v
v — — | v — —     | v — —    | v — —    | v — —
v v —  | v v —       | v v —

Aber ich denke, das ist auf Dauer nicht sehr übersichtlich; ich wechsle also doch auf die „Kurzform“:

v v — / v v — — / v — — / v v — — / v — v

Da ist eine besondere Bewegung erkennbar, oder?!

Klopstock hat noch zwei Anmerkungen zum Aufbau des Verses gemacht:

Einmal könne, in seltenen Ausnahmen, statt des Ionikus  v v — — auch der dritte Päon v v — v stehen aufgrund der Ähnlichkeit dieser beiden Einheiten; allerdings nicht als vierte Einheit, um die Kadenz nicht zu schwächen; und die metrische Einheit muss in einem solchen Fall auch eine Sinneinheit sein.

Zum anderen sollten laut Klopstock ohnehin die metrischen Einheiten oft mit den Sinneinheiten übereinstimmen.

Ich gebe zum Schluss noch drei Verse, die Klopstock als Beispiele geschrieben hat. Stört euch nicht an dem für Klopstock typischen religiösen Inhalt – einfach nur auf die Bewegung achten, bitte!

O entfleuch zum Gebein, ins Gefild, wo die Schlacht schweigt, Erobrer,
Und ruf dort dir selbst, Würgen, Weh zu, dass des Herrn Zorn nicht donnernd
Dir aufsteh, du den Wehruf des Gerichts von dem Thron her nicht tot hörst.

Mit diesen drei Versen wollte Klostock zeigen:

– den schnellsten Vers dieser Versart:

O entfleuch / zum Gebein, / ins Gefild, / wo die Schlacht schweigt, / Erobrer,

v v — / v v — / v v — / v v — — / v — v

Die ersten drei Einheiten sind mit dem Anapäst besetzt, der ja nur eine schwere Silbe hat; dadurch wird der Vers schnell. Auch die Schluss-Silbe, die ja leicht oder schwer sein kann, ist leicht besetzt.

– den langsamsten Vers dieser Versart:

Und ruf dort / dir selbst, Wür– / gen, Weh zu, / dass des Herrn Zorn / nicht donnernd

v — — / v — — / v — — / v v — — / v — —

Hier sind die ersten drei Einheiten mit Bacchius besetzt, der Vers wird langsam durch das Übermaß an schweren Silben. „Donnernd“ hat Klopstock wirklich als — — angegeben, was etwas seltsam ist. In diesem Vers stimmt an einer Stelle die metrische Gliederung nicht mit der Sinngliederung überein. Das ist aber der einzige Fall in allen drei Versen!

– den vielleicht schönsten Vers dieser Versart:

Dir aufsteh, / du den Wehruf / des Gerichts / von dem Thron her / nicht tot hörst.

v — — / v v — — / v v — / v v — — / v — —

„Schönste“ heißt hier natürlich, „schönste“ nach Klopstocks persönlichem Geschmack. Da muss jeder selbst schauen – mehr als ein Hinweis kann es nicht sein. Mir jedenfalls gefällt dieser dritte Vers sehr gut, von der Bewegung her!