Erzählverse: Der iambische Vierheber (5)

Gelegenheitsgedichte bekommen nicht immer die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht – von den richtigen Verfassern geschrieben, haben sie ihren ganz eigenen Wert! Der folgende Ausschnitt stammt aus einem „Brautgedichtchen“, wie der Idyllendichter Franz Xaver Bronner selbst das Werklein nennt der Empfängerin (die Tochter des berühmten Idyllendichters Salomon Gessner) gegenüber.

 

Oft, wenn sein Herz vom süßen Drang,
Sich mitzuteilen, überfloss,
Und rings in öder Wildnis doch
Kein mitempfindend Wesen traf;
Oft, wenn geschäftig seine Hand
Aus Weiden kleine Reusen flocht,
Und wenn er einsam seinen Kahn
Auf raschen Fluten treiben ließ,
Beim Angeln und beim Netzeziehn,
Beim Hahnengruß und Eulenruf,
Schwang auf der Sehnsucht Fittichen
Sein Geist sich zu Palämons Haus
In seiner Lieben Arme hin –
Wie ein gefangnes Vögelchen
Begierig sich ins Freie schwingt,
Bis es des Fadens Fessel fühlt,
An dem ein loser Knab‘ es hält.

 

Leicht hingetupfte Verse, doch nicht ohne Reiz! Ungereimte iambische Verse formen die Sprache noch weniger als ungereimte trochäische Verse, was hier ganz gut hörbar wird?!

Statt Herden hütenden Hirten, wie sie gewöhnlich die Idylle bevölkern, setzt Bronner nicht nur hier, sondern auch sonst auf Fischer (was in den Zeiten, in denen die Idylle wichtiger genommen wurde als heute, tatsächlich Gegenstand von Diskussionen war).

Das Gedicht ist recht lang; wer mag, kann es im Hinterzimmer des Verserzählers finden unter seinem Titel Der Getröstete, wo in der in Versform gehaltenen Vorrede des Verfassers schon manches klar wird. Ich gehe aber sicher noch einmal auf dieses Stück ein!

Erzählverse: Der iambische Vierheber (4)

Grablied

Weh dir! dass du gestorben bist.
Du wirst nicht mehr Auroren sehn,
Wenn sie vom Morgenhimmel blickt
In roter Tracht, mit güldnem Haar;
Und die betauten Wiesen nicht,
Auch nicht im melanchol’schen Hain
Die Sonn‘ im Spiegel grüner Flut.
Der Veilchen Duft wird dich nicht mehr
Erfreun, und das Gemurmel nicht
Des Bachs, der Rosen-Büsche tränkt,
Auf dem vor Zephirs sanftem Hauch
Die kleinen krausen Wellen fliehn.
Auch wird dich Philomele nicht
Mehr rühren durch der Töne Macht,
Auch meines Krausens Laute nicht,
Die Philomelen ähnlich seufzt.

Allein du wirst auch nicht mehr sehn,
Dass sich der Tugendhafte quält,
Sich seiner Blöße schämt und darbt
Und seine Lebenszeit verweint;
Indessen dass in Seid‘ und Gold
Der Bösewicht stolziert und lacht.
Du wirst nicht sehn, dass ein Tyrann
Die Ferse freigebornem Volk
In den gebognen Nacken setzt,
Das ihm Tribut und Steu’r bezahlt,
Nicht für den Schutz, nein, für die Luft.
Kein Narr, kein Höfling wird dich mehr
Mit dummer Falschheit peinigen,
Und keine Rachsucht sieht auf dich
Mit scheelen Blicken eines Wolfs.
Nicht Ungewitter, Pestilenz
Und Erderschütterung und Krieg
Erschreckt dich mehr. Der Erde Punkt
(Samt Pestilenz und Krieg und Not)
Flieht unter deinen Füßen fort,
In Dunst und Blitz gewickelt. Sturm
Und Donner ruft weit unter dir,
Und Ruh‘ und Freude labt dein Herz
In Gegenden voll Heiterkeit.
Wohl dir, dass du gestorben bist!

 

Ewald von Kleist zeigt hier, aus wie wenig sich Dichtung machen lässt: Ein einfaches Gegeneinander, das in seinen beiden Teilen fast ausschließlich aufzählend gestaltet wird, wobei besonders der erste Teil eigentlich nur aus lyrischen Versatzstücken besteht; ein leicht herausgehobener Startpunkt als erster Vers, die gegenteilige Aussage als  leicht herausgehobener Schlusspunkt; und fertig! Das ist sicher keine große Dichtung; aber auch keinesfalls ein schlechtes Gedicht.

Kleists Blankvers-Texte achten oft gar nicht auf die Einheit des Verses. Hier, im kürzeren Vierheber, ist es nicht ganz so schlimm – der Vers bleibt erkennbar, und es gibt nur wenige harte Zeilensprüge, und die meist noch da, wo sie auch Wirkung haben („Sturm / Und Donner“)! Dadurch trägt der gereihte iambische Vierheber sicher auch bei zum zwanglosen Eindruck des Gedichts, das dabei aber eben doch auch gestaltet wirkt?!

Erzählverse: Der iambische Vierheber (3)

„Das Feuer im Walde. Eine Idylle“ stammt von Ludwig Hölty. Es ist ein einigermaßen seltsamer Text, der oft unfertig und roh wirkt; aber er zeigt doch ganz gut, wie sich mit dem ungereimten, gereihten iambischen Vierheber erzählen lässt. Der dabei auch schon mal erzwungen wird; aber Verkürzungen wie „Feur“ statt „Feuer“ klangen damals weniger fremd als sie es heute tun …

 

Zween Knaben liefen durch den Hain,
Und lasen Eichenreiser auf,
Und türmten sich ein Hirtenfeur.
Sie freuten sich der schönen Glut,
Die, wie ein helles Osterfeur,
Gen Himmel flog, und setzten sich
Auf einen alten Weidenstumpf.
Sie schwatzten dies, und schwatzten das,
Vom Feuermann, und Ohnekopf,
Vom Amtmann, der im Dorfe spukt,
Und mit der Feuerkette klirrt,
Weil er nach Ansehn sprach und Geld,
Wie’s liebe Vieh die Bauren schund,
Und niemals in die Kirche kam.
Sie schwatzten dies, und schwatzten das,
Vom sel’gen Pfarrer Habermann,
Der noch den Nussbaum pflanzen tät,
Von dem sie manche schöne Nuss
Herabgeworfen, als sie noch
Zur Pfarre gingen, manche Nuss!
Sie segneten den guten Mann
In seiner kühlen Gruft dafür,
Und knackten jede schöne Nuss
Noch einmal in Gedanken auf.
Da rauscht das dürre Laub empor,
Und, sieh, ein alter Kriegesknecht
Wankt durch den Eichenwald daher,
Sagt guten Abend, wärmet sich,
Und setzt sich auf den Weidenstumpf.
Wer bist du, guter, alter Mann?
Ich bin ein preußischer Soldat,
Der, in der Schlacht bei Kunnersdorf,
Das Bein verlor, und, leider Gotts!
Vor fremden Türen betteln muss.
Da ging es scharf, mein liebes Kind!
Da sauseten die Kugeln uns,
Wie tausend Teufel, um den Kopf.
Dort flog ein Arm, und dort ein Bein.
Wir patschelten durch lauter Blut,
Und Ross und Reiter lagen da,
Wie Kraut und Rüben. Lieber Gott!
Sprach Hans, und sahe Töffeln an.
Mein Seel! ich werde kein Soldat,
Und wandre lieber hintern Pflug.
Da sing ich mir die Arbeit leicht,
Und spring und tanze wie ein Hirsch,
Und lege, wann der Abend kommt,
Mich hintern Ofen auf die Bank.
Doch kommt der Schelmfranzos zurück,
Der uns die besten Hühner stahl,
Und unser Heu und Korn dazu,
Dann nehm‘ ich einen roten Rock,
Und auf den Buckel mein Gewehr,
Dann komm nur her, du Schelmfranzos!
Das Feuer sank, und wölkte kaum
Noch Dampf empor; sie gingen fort.

Erzählverse: Der iambische Vierheber (2)

„Ungereimt und gereiht“, das war bezüglich des iambischen Vierhebers die Vorgabe im ersten Teil. „Ungereimt“ ist nicht verhandelbar; „gereiht“ schon, denn ohne Reim wirken auch Strophen gänzlich anders als mit Reim!

Ein Beispiel dafür ist „Das Rosenband“ von Friedrich Gottlieb Klopstock:

 

Im Frühlingsschatten fand ich sie;
Da band ich sie mit Rosenbändern:
Sie fühlt‘ es nicht, und schlummerte.

Ich sah sie an; mein Leben hing
Mit diesem Blick‘ an ihrem Leben:
Ich fühlt‘ es wohl, und wusst‘ es nicht.

Doch lispelt‘ ich ihr sprachlos zu,
Und rauschte mit den Rosenbändern:
Da wachte sie vom Schlummer auf.

Sie sah mich an; ihr Leben hing
Mit diesem Blick an meinem Leben,
Und um uns ward’s Elysium.

 

Die verwendete Strophe ist diese:

x X / x X / x X / x X
x X / x X / x X / x X / x
x X / x X / x X / x X

Eine gliedernde, ordnende Wirkung geht von ihr aber kaum aus?! Vielleicht auch, weil innerhalb der einzelnen Strophen viele tiefe Einschnitte wirken, meist am Ende der Verse. Erhellend ist hier der Vortrag, ich verweise auf diese beiden Sprecher:

Fritz Stavenhagen

Jürgen Holtz

Das zerfällt alles sehr, vor allem bei Stavenhagen?! Es lassen sich mit kleiner Mühe noch mehr Fassungen finden; auch vertont ist „Das Rosenband“ mehrere Male worden, zum Beispiel von Zelter, Schubert und Strauss. Da reinzuhören lohnt durchaus!

Schon seltsam: Klopstock war so gar kein Feund von iambischen Versen; aber dieses Gedicht aus iambischen Vierhebern ist eines seiner bekanntesten. Solche Streiche spielt einem die Nachwelt! Aber was will man machen, es ist einfach ein guter Text; ein gutes Gedicht.

Erzählverse: Der iambische Vierheber (1)

Iambische Vierheber sind eigentlich Reimverse! Sie wurden und werden zwar auch ungereimt & gereiht eingesetzt, aber die Menge der Texte, die so vorgehen, ist doch gering.

Eigentlich schade: Denn wirkungsvoll ist der Vierheber auch hier, es entstehen angenehm unaufdringliche Verse, deren Gestaltung und Bewegung immer wahrnehmbar ist, sich aber nie zu sehr in den Vordergrund drängt.

Gegenüber dem „großen Verwandten“, dem fünfhebigen Blankvers, fällt dabei die weitestgehende Abwesenheiten der vielen metrischen Ausnahmen auf, die den längeren Vers so vielgestaltig machen! Der Vers hat also so gut wie immer diese Gestalt:

x X / x X / x X / x X

Als erstes Beispiel nun Conrad Ferdinand Meyers „Das Seelchen“:

 

Ich lag im Gras auf einer Alp,
In sel’ge Bläuen starrt‘ ich auf –
Mir war, als ob auf meiner Brust
Mich etwas sacht betastete.
Ich blickte schräg. Ein Falter saß
Auf meinem grauen Wanderrock.
Mein Seelchen war’s, das flugbereit,
Die Schwingen öffnend, zitterte.
Wie sind die Schwingen ihm gefärbt?
Sie leuchten blank, betupft mit Blut.

 

Spannend auch, dass Meyer mehrere Fassungen dieses Textes geschrieben hat, und die ersten davon in Reimstrophen verfasst waren; am Ende stand dann aber der ungereimte, unstrophische iambische Vierheber.