Erzählverse: Der iambische Vierheber (14)

In (2) wurde Das Rosenband von Klopstock vorgestellt, samt der dafür verwendeten, dreizeiligen Strophe aus reimlosen iambischen Vierhebern. In „Kuss und Lied“ benutzt auch Wilhelm Müller diese Strophe:

 

Jüngst grüßte mich ein roter Mund;
Ein Liedchen saß auf meinen Lippen,
Und aus dem Liedchen ward ein Kuss.

Jetzt ist mein Mädchen fern von mir;
Zum Kusse will mein Mund sich schwellen,
Und aus dem Kusse wird ein Lied.

Fliegt nun, ihr lieben Verse, hin,
Und drückt sie euch an ihre Lippen,
So werdet wieder, was ihr wart!

 

Und wenn auch der Inahlt nicht der nachdenkenswerteste ist: Die Art, wie er sich aus der Form heraus entfaltet, aus Gegensetzung und Weiterführung: Das ist schon ein Hinsehen wert!

Erzählverse: Der iambische Vierheber (13)

Nikolaus Götz führt in „Süßigkeit der Liebe“ wieder einmal eine kleine Nichtigkeit vor:

 

Die Götter taten, uns zu necken,
Schmerz, Sorgen, Krankheit, Mangel, Schwermut
Und alle Gattungen von Übel
Vorzeiten in Pandorens Büchse;
Allein Cythere, unsre Freundin,
Tat ihren Sohn dazu: derselbe
Versüßt uns nun die Übel alle.

 

In der Form immerhin beachtenswert durch die weiblich, also unbetont schließenden iambischen Vierheber! Und den zweiten Vers selbstredend, der das Lastende „aller Gattungen von Übel“ sinnlich erfahrbar werden lässt.

Erzählverse: Der iambische Vierheber (12)

Regina Ullmanns „Erwachen“, zu finden in ihrem 1919 im Insel-Verlag erschienenen Band „Gedichte“, ist inhaltlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit, vermutlich; aber vom Aufbau her zeigt es einige bedenkenswerte Möglichkeiten des Vierhebers:

 

Ich lag in dir noch unverzweigt,
Du tiefer Felsen einer Nacht;
So kalt wie Stein und trostesarm.
Da fühlt ich plötzlich, wie der Tag
Sich an dem Sein im Licht verfing
Und liebewarm und flammenhaft
Sich an die kleinsten Dinge hing.
Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
Der sich an einem Zimbal schlug,
Erhörbar,
Und meines Engels Morgengang.

 

– Anfangs ein unscheinbarer Text aus ganz regelmäßigen iambischen, ungereimten Vierhebern; mit dem Erwachen macht sich aber ein Reim bemerkbar, dem im weiteren noch ein witerer folgt, und die beiden eingestreuten Kurzverse – ein Zweiheber, ein Einheber – lassen den Schluss eher wie ein Madrigal erscheinen?! Nicht ganz, dafür sind noch zu viele Verse ungereimt; aber eine eigenartige Verschiebung der formalen Grundlage ist es doch!

Erzählverse: Der iambische Vierheber (11)

Ich stecke im Augenblick in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts fest, also in den Zeiten vor Klopstock, in denen ein Gedicht grundsätzlich gereimt war; und im Fall, dass es das ausnahmsweise doch nicht war, dieses im Titel angemerkt wurde wie zum Beispiel bei Karl Friedrich Drollinger. „Unschuldige Frühlingslust, in reimenlosen Versen“ heißt das Gedicht, dessen zweite Hälfte ich vorstellen möchte; in der ersten Hälfte sammelt die „kleine Phyllis“ schon Blumen, als:

 

Doch, wenn ihr ein gewürzter Duft,
Den ein verborgner Veilchenbusch
Bis in die Ferne von sich haucht,
Geruch und Herze plötzlich rührt,
Dann fühlt sie einen neuen Trieb,
Dann wallt ihr Blut, dann eilt ihr Fuß.
Sie sucht, sie findt, sie jauchzt vor Lust.
Schau, wie sie lebt! Schau, wie sie lacht!
Schau, wie sie sich geschäftig bückt
Und pflückt und unersättlich pflückt,
Ihr Kleidchen füllt, das Haar bekränzt,
Und hüpft und singt; und dann zuletzt,
Beladen mit der süßen Last,
Nach ihrer Hütte wiederkehrt!
Da schüttet sie mit tausend Lust
Den Raub, den wunderschönen Raub,
Der himmelblauen Blüten Schatz
Der werten Mutter in den Schoß.

 

„Unschuldig“ fürwahr; im höchsten Grade. Und auch „reimenlos“ – die eine Ausnahme, das „bückt / pflückt“, kann man Drollinger durchgehen lassen …

Erzählverse: Der iambische Vierheber (10)

In seinem „Hyperion“ schreibt Friedrich Hölderlin eine sehr rhythmische und sich darin dem Gedicht zuneigende Prosa. Immer wieder erstaunlich, wie lang die Abschnitte sind, die im steten Wechsel von betonten und unbetonten Silben dahinströmen; und auch als Verse gesetzt werden könnten!

 

Wenn euer Garten so voll Blumen ist,
Warum erfreut ihr Odem mich nicht auch?
– Wenn ihr so voll der Gottheit seid,
So reicht sie mir zu trinken.
An Festen darbt ja niemand,
Auch der Ärmste nicht.
Aber einer nur hat seine Feste unter euch,
Das ist der Tod.
Not und Angst und Nacht sind eure Herren.
Die sondern euch,
Die treiben euch mit Schlägen aneinander.
Den Hunger nennt ihr Liebe,
Und wo ihr nichts mehr seht,
Da wohnen eure Götter.
Götter und Liebe?

 

Die erste Silbe ist mal betont, mal unbetont – aber sonst? Erst ganz am Ende gibt es eine „zweisilbige Senkung“ im Vers! Klar, es sind keine Verse; aber die Sätze bewegen sich wie solche, und manchmal bilden sie sich sogar zu richtigen Strophen aus, wie dieser aus iambischen Vierhebern:

 

Des Herzens Woge schäumte nicht
So schön empor, und würde Geist,
Wenn nicht der alte stumme Fels,
Das Schicksal, ihr entgegenstände.

 

Das könnte wirklich eine Strophe sein?! Gut, der vierte und letzte Vers endet im Gesgensatz zu den drei Versen davor mit einer unbetonten Silbe; aber das Kennzeichnen des Strophenendes durch eine leichte metrische Veränderung ist ja nichts unübliches!

Gründe, immer mal wieder in den „Hyperion“ zu schauen, gibt es viele; der Bewegung seiner Sätze nachzuspüren, ist darunter nicht der schlechteste.

Erzählverse: Der iambische Vierheber (9)

Robert Walser hat den iambischen Vierheber in seinen „Dramoletten“ benutzt, zum Beispiel in „Aschenbrödel“ (zu finden im elften Band des Gesamtwerks Walsers, erschienen 1971 bei Kossodo, auf den Seiten 59 bis 103), wo gleich zu Beginn Aschenbrödel sich, sozusagen, selbst vorstellt und sagt:

 

Wenn sie mich weinen machen, weint
der lustige Sinn in mir, wenn sie
mich hassen, liebt sie meine Lust,
die selbst den Hass nicht hassen kann.
Verfolgen sie mich blind vor Wut
und mit des Ärgers giftigem Pfeil,
so lächle ich. Mein Wesen scheint
das ihrige wie Sonne an.
Rührt sie auch nicht der heitre Strahl,
so blendet einen Augenblick
er ihre bösen Herzen doch.
Und weil ich stets beschäftigt bin,
hab ich zum Weinen keine Zeit,
zum Lachen immer! Arbeit lacht.
Die Hände lachen, die sie tun,
die Seele lacht, die gerne tut,
was andre Seelen freundlich stimmt,
sind sie noch so verstockt. Komm Herz,
und lache meinen Kummer weg.

 

Was die „erste Schwester“ beobachtet und nicht wirklich gutheißt:

 

Die dumme blöde Träumerin.
Wir sind zu gütig gegen sie.
Die Schelmin lacht uns heimlich aus,
zieht traurige Mienen, wenn man sie
beim listigen Kichern überrascht.
Fortan will eine Peitsche ich
für ihre schlaue Trägheit sein.

 

… Und los geht es mit der eigentlichen Geschichte. Schaut man auf den Vers, finden sich sehr viele Zeilensprünge, durchaus auch harte; und einige Senkungen, die doppelt besetzt sind. All das wäre in einem lyrischen Text nicht ganz so üblich, aber in einem Dramolett ist es vermutlich leichter begründbar?! „Sind sie noch so verstockt. Komm Herz“ ist ein Vers, der sich, wenn überhaupt, nur sehr schlecht ins iambische Maß fügt!

Erzählverse: Der iambische Vierheber (8)

Christian Morgenstern hat eine Reihe von Gedichten geschrieben, die Träume beschreiben – alle recht eigenartig, alle sehr lesenwert. Darunter ist auch „Der gläserne Sarg“:

Zwölf stumme Männer trugen mich
in einem Sarge von Kristall
hinunter an des Meeres Strand,
bis an der Brandung Rand hinaus.
So hatte ich’s im Testament
bestimmt: Man bette meinen Leib
in einem Sarge von Kristall
und trage ihn der Ebbe nach,
bis sie den tiefsten Stand erreicht.
Der Sonne ungeheurer Gott
stand bis zum Gürtel schon im Meer:
An seinem Glanze tränkte sich
wollüstig noch einmal die Welt.
Ich selber lag in rotem Schein
wie ein Gebilde aus Porphyr.
Da streckte katzengleich die Flut
die erste Welle nach mir aus.
Und ging zurück und schob sich vor
und tastete am Sarg hinauf
und wandte flüsternd sich zur Flucht.
Und kam zurück und griff und stieß
und raunte lauter, warf sich kühn
darüber, einmal, viele Mal.
Und blieb, und ihrer Macht gewiss
umlief frohlockend sie mein Haus
und pochte dran und schäumte auf,
als ihrer Faust es widerstand.
Und hoch und höher wuchs und wuchs
das Wasser um mein gläsern Schloss.
Nun wankte es, als hätt‘ ein Arm
und noch ein Arm es rauh gepackt,
und scholl in allen Fugen, als
ein Wellenberg auf ihm sich brach
und es wie ein Lawinensturz
umdröhnte und verschüttete.
Und langsam wich der nasse Sand.
Und seitlings neigte sich der Sarg.
Und, unterwühlt und übertobt,
begann er um sich selber sich
schwerfällig in die See zu drehn.
Zu mächtig, dass die Brandung ihn
zum Strand zu schleppen hätt‘ vermocht,
vergrub er rollend sich und mich
in totenstillen Meeresgrund.
So lag ich denn, wie ich gewollt.
Und dunkle Fische zogen still
zu meinen Häupten hin und her.
Und schwarzer Seetang überschwamm
mein Grab. Und mein Bewusstsein schwand.

– Es soll ja Leute geben, die die Verwendung von „und“ am Versanfang für unschicklich halten; denen wird dieser Text keine Freude machen. Davon abgesehen hat er aber einen ganz eigenen Ton, sehr „morgensternisch“; und ich bezweifle, dass dieser Ton in anderen Maßen so gut erreichbar gewesen wäre, wie er hier mit dem iambischen Vierheber glückt …

Erzählverse: Der iambische Vierheber (7)

Im elften Band von Robert Walsers „Gesamtwerk“, „Gedichte und Dramolette“ (erschienen 1971 bei Kossodo), findet sich auf Seite 17 „Heimkehr I“:

 

An meinen Wangen brennt es heiß,
auf meiner Lippe bebt es noch,
weil ich mein Herz ihr übertrug
Zum Sprechen; alle Sprache war
voll Irrtum und Befangenheit,
ein Übermut, ein jäher Klang.
So war mein Sprechen, ach, dies zeigt
sich auf den roten Wangen noch,
die ich nach Hause trage jetzt.
Ich senke meinen Blick zum Schnee
und geh‘ vorbei an manchem Haus,
an mancher Hecke, manchem Baum,
der Schnee ziert Hecke, Baum und Haus.
Ich geh‘ vorbei, den Blick zum Schnee
gesenkt, an meiner Wange ist
nichts als erinnrungsheißes Rot,
mich mahnend an die wüste Sprach‘.

 

Ein Gedicht, das sich ganz auf die einfachen Wörter verlässt; und keine Scheu davor hat, sie sogar zu wiederholen, manche mehr als einmal! Trotzdem ist der Text wirksam, von Beginn an und weiter, bis er am Ende mit dem „erinnerungsheiß“ und dem abgeschnittenen „Sprach“ doch noch, ein wenig! zur Wörter-Gestaltung findet.

Der ungereimte iambische Vierheber trägt diese (scheinbare?!) Schmucklosigkeit überzeugend und hat so, finde ich, Teil an der Wirkung des Gedichts. Andere Verse wirkten auch anders – der Blankvers wäre zum Beispiel weniger spröde.

Erzählverse: Der iambische Vierheber (6)

Der im gestrigen Eintrag erwähnte Christian Friedrich Daniel Schubert bevorzugte in seinen eigenen Texten trotz der Liebe zu Klopstocks „Messias“ den Reimvers, schrieb aber gelegentlich auch ungereimte Verse meist iambischer Art. Ein Beispiel ist „Das wundertätige Kruzifix“, dessen Anfang so lautet:

 

Ein Eremit, dem Tode nah‘,
Sprach zu Sebastian, dem Knaben,
Den er als Sohn erzog: „Ich sterbe!
Sebastian, mein Sohn, begrabe
Mich neben dieser Hütt‘, ins Grab,
Das ich mir selbst geschaufelt. Wisse,
Du guter Baste, der du mir
Den süßen Vaternamen gabst,
Dein Vater bin ich nicht, ich fand
Dich einst, als Mordsucht mit dem Schwert
Die Ketzer würgte: ach, der Himmel
Sah rot und schien sich zu entsetzen
Ob diesem Gräu’l! – da fand ich dich
Im Arm des trunknen Kriegers, der
Dich eben aufwärts schleudern wollte,
Um dich zu fangen mit dem Schwerte.“

 

Rasch und ungezwungen sich bewegende iambische Vierheber, allerdings leicht unübliche; denn während es beim Blankvers zum Wesen des Verses gehört, zwischen betonten und unbetonten Vers-Schlüssen zu wechseln, weisen ungereimte, gereihte iambische Vierheber meist ausschließlich betonte Vers-Schlüsse auf. Schubart wechselt hier aber blankverstypisch, was sicher auch zum prosanahen Eindruck der Verse beiträgt!

Erzählverse: Der iambische Vierheber (5)

Gelegenheitsgedichte bekommen nicht immer die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht – von den richtigen Verfassern geschrieben, haben sie ihren ganz eigenen Wert! Der folgende Ausschnitt stammt aus einem „Brautgedichtchen“, wie der Idyllendichter Franz Xaver Bronner selbst das Werklein nennt der Empfängerin (die Tochter des berühmten Idyllendichters Salomon Gessner) gegenüber.

 

Oft, wenn sein Herz vom süßen Drang,
Sich mitzuteilen, überfloss,
Und rings in öder Wildnis doch
Kein mitempfindend Wesen traf;
Oft, wenn geschäftig seine Hand
Aus Weiden kleine Reusen flocht,
Und wenn er einsam seinen Kahn
Auf raschen Fluten treiben ließ,
Beim Angeln und beim Netzeziehn,
Beim Hahnengruß und Eulenruf,
Schwang auf der Sehnsucht Fittichen
Sein Geist sich zu Palämons Haus
In seiner Lieben Arme hin –
Wie ein gefangnes Vögelchen
Begierig sich ins Freie schwingt,
Bis es des Fadens Fessel fühlt,
An dem ein loser Knab‘ es hält.

 

Leicht hingetupfte Verse, doch nicht ohne Reiz! Ungereimte iambische Verse formen die Sprache noch weniger als ungereimte trochäische Verse, was hier ganz gut hörbar wird?!

Statt Herden hütenden Hirten, wie sie gewöhnlich die Idylle bevölkern, setzt Bronner nicht nur hier, sondern auch sonst auf Fischer (was in den Zeiten, in denen die Idylle wichtiger genommen wurde als heute, tatsächlich Gegenstand von Diskussionen war).

Das Gedicht ist recht lang; wer mag, kann es im Hinterzimmer des Verserzählers finden unter seinem Titel Der Getröstete, wo in der in Versform gehaltenen Vorrede des Verfassers schon manches klar wird. Ich gehe aber sicher noch einmal auf dieses Stück ein!