Erzählverse: Der iambische Trimeter (20)

Gleichsam als Gegenentwurf zu den gestrigen Reimpaaren Bürgers hier Rudolf Borchardts „Tiefe und Höhe II“ – ungereimte Langverse, ernst, schwer, ausdrucksstark:

 

Wo ist mein Sommer? Gib mir Antwort wenn du kannst,
Windharfe, Regenflöte! Trüber süßer Mund,
Gib mir nicht Antwort, wenn du nur solche Antwort weißt.
Mein Sommer liegt im groben Grase eingewühlt,
Ich weiß, die schweren Amseln hüpfen über ihm –
Er spürt es nicht; er drückt sich Mund und Augen zu,
Das stumme Schluchzen schüttert seinen schmalen Leib.

 

Im dritten Vers ist die Bewegungslinie gar nicht so einfach zu finden?! Mir scheint, es gibt mehrere Möglichkeiten … Einfach mal versuchen: Laut sprechen, nachhören! Vielleicht so, dann?!

Gib mir nicht Antwort, wenn du nur solche Antwort weißt.

Der Hebungsprall vorne ist inhaltlich begründbar; die doppelt unbesetzte Senkung hinten lässt sich nicht vermeiden, die Frage ist nur, wo spricht man sie …

Gib mir nicht Antwort, wenn du nur solche Antwort weißt.

Um die Zäsur herum fällt sie wie immer weniger auf! Vorne mit einer anderen Möglichkeit diesmal. Aber auch da gibt es noch andere. Wie gesagt: Versuchen!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (19)

In (14) wurden assonierende Trimeter aus der Feder Friedrich Schlegels vorgestellt. Eine eigenartige Gestaltung, für die es nicht viele Beispiele gibt! In Adelbert von Chamissos (zu Lebzeiten unveröffentlichtem) „Fortunat“ findet sich allerdings ein so gestalteter „Fluch-Monolog“:

 

Dir Baume fluch ich, fluche tief in dumpfer Gruft
Des Hurensohnes morschen Knochen, der zur Lust
Gepflanzt dich hat inmitten dieser öden Flur,
Mitsamt der Hahnereien hochgehürnte Zunft,
Die je gekostet, oder kosten werden deine Frucht.
Den Boden, welcher deinen Wurzeln, und die Luft,
Die deinen Poren Nahrung gaben, treffe Fluch.
Doch selber mir, dem blöden Toren, der mit Wut
Verderben mir bereitet, siebenfacher Fluch!

 

– Und immer so weiter. Die ganze Szene ist in diesen Versen geschrieben – die ersten sechzehn assonieren auf „u“, dann folgen 19 auf „a“ assonierende Trimeter, dann 40(!), die auf „i“ assonieren … Wirkung kann man ihnen nicht absprechen, zumal Chamisso ja zumindest anfangs auch noch viele andere betonte Silben mit „u“ und „o“ hat, was dann wirklich etwas „dumpf“ klingt; aber ein seltsamer Gedanke ist es doch, und ein dem Trimeter nicht gänzlich entsprechender auch!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (18)

„O Phantasie“ – so ruft Friedrich Rückert in seinem „Liedertagebuch“ von 1850 die Vorstellungskraft an; und schon da darf man gespannt sein, wie sich das Reiche, Bunte, Ausschmückende und Überbordende dieses Begriffs denn mit Rückerts oft staubtrockener Art verbinden lässt?!

 

O Phantasie, aus diesem Nebeljammertal,
Von dessen Brodem mir der Seelenodem stockt,
Komm, flügle mich auf goldner Schwing‘ in ein Gebiet
Von jenen vielen, die dir zu Gebote stehn.
Sei’s nun ein christlich himmlisches Jerusalem,
Sei’s ein aristophanisch Wolkenkuckucksheim.

 

– Schwer lässt es sich verbinden, scheint mir. Aber trotzdem ein lesbarer Text, im eindeutigsten Rückert-Ton … („in ein Gebiet“, ich glaube, das „ein“ muss ziemlich stark betont werden, damit es den folgenden Vers mittragen kann?! Sonst stünde dieser etwas verloren da.)

Erzählverse: Der iambische Trimeter (17)

Wieder, wie in (15),  Christian Morgenstern, wieder mit einem kurzen Text: „Einer Schottin“.

 

Nie hörte ich mit solchem Liebreiz je ein Weib
antworten, mit solch hingegebenster Weiblichkeit,
als dich dein ‚yes‘, dein ‚yes‘ auf deiner Nachbarn Wort.
Der sanften braunen Augen einer jungen Kuh
erinnert mich dies so von aller Feindlichkeit,
von aller Selbstigkeit entblößte, weiche ‚yes‘.
Und schottische Mondscheinnächte, wie ich manchmal sie
gemalt sah, steigen herzelösend vor mir auf
und zeigen mir die Heimat, deren Kind du bist.

 

„Die sanften braunen Augen einer jungen Kuh“?! Hm. Da fragt man sich, ob Morgenstern den Text besagter Schottin gezeigt hat …

Rein vom Vers her, jedenfalls: fällt die besonnene Art auf, mit der Morgenstern von den Möglichkeiten Gebrauch macht, die der Trimeter hat zur Auflockerung: das „antworten“ am Versanfang, die beiden mit zwei unbetonten Silben besetzten Senkungen im Versinneren, die zwei recht harten Zeilensprünge am Versende. Das ist nicht viel, und doch reicht es, dem Text seine Eintönigkeit und Schwere zu nehmen?!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (16)

„Ach nur einmal noch im Leben“ ist wieder einer dieser unnachahmlichen Plaudertexte Eduard Mörikes. Der Vers formt die Rede nur ganz leicht, fast kaum bemerkbar; und doch ist jederzeit klar, hier werden Verse vorgetragen. Ein Ausschnitt:

 

In meinem Garten aber (hieß‘ er nur noch mein!)
Ging so ein Hinterpförtchen frei ins Feld hinaus,
Abseits vom Dorf. Wie manches liebe Mal stieß ich
Den Riegel auf an der geschwärzten Gattertür
Und bog das überhängende Gesträuch zurück,
Indem sie sich auf rostgen Angeln schwer gedreht! –
Die Tür nun, musikalisch mannigfach begabt,
Für ihre Jahre noch ein ganz annehmlicher
Sopran (wenn sie nicht eben wetterlaunisch war),
Verriet mir eines Tages – plötzlich, wie es schien,
Erweckt aus einer lieblichen Erinnerung –
Ein schöneres Empfinden, höhere Fähigkeit.
Ich öffne sie gewohnter Weise, da beginnt
Sie zärtlich eine Arie, die mein Ohr sogleich
Bekannt ansprach. Wie? rief ich staunend: träum ich denn?
War das nicht „Ach nur einmal noch im Leben“ ganz?
Aus Titus, wenn mir recht ist? – Alsbald ließ ich sie
Die Stelle wiederholen; und ich irrte nicht!
Denn langsamer, bestimmter, seelenvoller nun
Da capo sang die Alte: „Ach nur einmal noch!“
Die fünf, sechs ersten Noten nämlich, weiter kaum,
Hingegen war auch dieser Anfang tadellos.

 

Wie leicht die Versbehandlung ist, kann man vielleicht an den zahlreichen „leichten“ Silben erkennen, die auf einer Hebungs-Stelle stehen?!

Und bog / das ü– / berhän– / gende / Gesträuch / zurück,

Das geht vor dem gleichfalls sehr schwachen „Ge-“ sicherlich, macht den Vers aber flüchtig?!

Für ih– / re Jah– / re noch / ein ganz / annehm– / licher

– Eine „leichte“ Silbe am Versende!

Ein schö– / neres / Empfin– / den, – / here – / higkeit.

Ein bemerkenswerter Vers durch die unerschiedliche Behandlung von „schöneres“ und „höhere“: im einen Fall – „schöneres“ – besetzt die zweite leichte Silbe „-res“ eine Hebungsstelle, wird als wichtig für den Vers herausgehoben; im zweiten Fall – „höhere“ – ist die zweite leichte Silbe „-re“ eine zusätzliche Silbe, die eigentlich gar nicht da sein bräuchte: Mörike macht von der Möglichkeit Gebrauch, ausnahmsweise zwei leichte Silben auf eine Senkungs-Stelle zu setzen. Beidesmal ein gesteigertes Adjektiv, beidesmal eine Verwendung, die leicht aus dem Trimeterrahmen fällt! Und obwohl es ganz unterschiedliche Abweichungen sind, fügt sich der Vers ganz wunderbar. Mörike war eben ein Mann mit einem sehr sicheren Gespür für Rhythmik …

Ach ja, wer wissen möchte, was die Tür denn da gesungen hat, die „mannigfach begabte“:

Deh per questo istante solo

– Das.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (15)

Ein recht kurzer Trimeter-Text von Christian Morgenstern:

 

Caesari immortali

Verzweifelnd, wie ich heut dem Unmut meiner selbst
entrinnen soll, ergreif‘ ich endlich den Plutarch
und schlage Cäsars Leben auf. Und mir geschieht,
als wüsch‘ ich mich in einem kalten klaren Quell
von aller Schwäche, Dumpfheit, Überspanntheit rein.
Ich fühle mich von jener zehnten Legion,
in die er seinen unüberwindlichen Willen goss;
und wo ein zager Flüchtling sich aufs Polster warf,
da steht ein straffer Krieger blitzenden Auges auf.

 

Inhaltlich muss ich Morgenstern die geschilderte Verwandlung glauben – bedenkenswerter sind sicherlich die Abweichungen, die er sich gegenüber dem strengen Auf und Ab des Trimeters erlaubt. Und da fällt eine sehr deutlich ins Ohr im drittletzten Vers, wo Morgenstern in einem einzelnen Wort gleich zweimal von der Lizenz Gebrauch macht, die Senkung statt mit einer unbetonten Silbe mit zwei unbetonten Silben zu füllen:

unüberwindlichen

X  x  x  X  x  x

Passt dann zum Inhalt, „überlebensgroß“, „alle Maße sprengend“ wären vielleicht passender; nur alternieren die dann wieder brav. Irgendwas ist immer …

Der Schlussvers nimmt diese plötzliche Beschleunigung dann noch einmal auf:

blitzenden Auges

X  x  x  X  x

– Wobei in allen Fällen die zwei unbetonten Silben so leicht sind, dass der Vers trotz allem kaum aus dem Tritt gerät. Wirkungsvoll!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (14)

Friedrich Schlegels Drama „Alarcos“ kennt heute kaum noch einer; und das zu Recht. Vom Vers her gedacht ist es aber doch einen Blick wert, denn Schlegel verwendet hier neben vielen anderen Versmaßen auch den Trimeter und versucht dabei eine gänzlich neue Art von Gestaltung: Er lässt die Versenden assonieren, und nicht nur das, er weist den einzelnen Vokalen dabei auch noch bestimmte Aufgaben zu – bestimmte Ausdruckswerte. Ein Beispiel aus dem zweiten Akt:

 

CLARA
Ganz fremd, verwandelt ganz, betratst du heut dein Schloss.
In froher Liebe naht‘ ich dir, dein Weib, getrost;
Du trittst zurück und machst mich vor den Dienern rot.
Es rührt dich nicht mein Blick, das Kind dich nicht im Schoß,
Ja seltsam heftig willst du und befiehlst, ich soll
Gleich es entfernen, fort aus deinen Augen, fort;
Ich war erstaunt, doch hab‘ ich schweigend dir gehorcht.

ALARCOS
Es frisst am innern Leben oft ein bittrer Wurm;
Dann wird der kalte Schmerz der schönen Liebe stumm.

 

Der Dialog ist länger, aber die letzte (betonte) Silbe in Claras Versen hat bis zur gezeigten Stelle immer ein „o“ als Vokal; bei Alarcos ist es immer ein „u“. Was über zwei, drei Verse kaum auffiele, hat über sieben Verse hinweg doch eine deutlich vernehmbare Wirkung!

Insgesamt eine ungewohnte Art, mit dem Trimeter umzugehen; aber warum nicht?! Ich glaube, so könnten wirksame Texte entstehen. Im Falle Schlegels gelingt das allerdings kaum, auch, weil er in seinen Trimetern kaum Zeilensprünge einsetzt und die Satzeinheiten ganz oft mit den Verseinheiten zusammenfallen; und dadurch wird der Vers … träge? Schlaff?! Irgendwie so; in jedem Fall langweilig, es macht keinen Spaß, ihn zu lesen. Wer mag, kann sich ja selbst einen Eindruck verschaffen und dabei nach dem passenden Begriff suchen; allerdings findet er dann auch diesen Vers des Alarcos, etwas später im Dialog (Clara und Alarcos sind inzwischen zu trochäischen Siebenhebern gewechselt):

 

Worte gibt es nirgend für den Abgrund dieser Tat.

 

Die Tat ist das wüste Durcheinander aus Versen und Formen, zu dem Schlegel den „Alarcaros“ gemacht hat; und Worte dafür, der Vers sagt es: gibt es nicht. Nicht mal eines.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (13)

Stefan Georges „Der Auszug der Erstlinge“:

 

Uns traf das los: wir müssen schon ein neues heim
In fremdem feld uns suchen die wir kinder sind.
Ein efeuzweig vom feste steckt uns noch im haar ·
Die mutter hat uns auf der schwelle lang geküsst ·
Sie seufzte leis und unsre väter gingen mit
Geschlossenen munds bis an die marken · hingen dann
Zur trennung uns die feingeschnizten tafeln um
Aus tannenholz – wir werfen etliche davon
Wenn einer aus den lieben brüdern stirbt ins grab.
Wir schieden leicht · nicht eines hat von uns geweint ·
Denn was wir tun gereicht den unsrigen zum heil.
Wir wandten nur ein einzigmal den blick zurück
Und in das blau der fernen traten wir getrost.
Wir ziehen gern: ein schönes ziel ist uns gewiss
Wir ziehen froh: die götter ebnen uns die bahn.

 

– Im ganz eigenen George-Klang, wie zu erwarten; und im George-Schriftbild, Rechtschreibung, Groß- / Kleinschreibung, Zeichensetzung und alles.

Aber wenn man daran einmal vorbeidenkt und sich die Verse vorspricht , merkt man – jedenfalls ging es mir so: Hier fällt es recht schwer, den Vers als Einheit hörbar zu machen, viel schwerer jedenfalls als zum Beispiel in einem Trimeter-Text von Mörike.

Das liegt auch an den manchmal sehr unscheinbaren Zäsuren, der sich nicht sofort erschließenden Unterteilung des Langverses?!

Viel länger dürfte der Text jedenfalls nicht sein; er fordert dem Leser viel Aufmerksamkeit ab, was über eine kurze Anzahl von Versen sicher zu leisten ist; aber je länger, deso mühsamer, und von daher denke ich, der Text ist aus gutem grund nicht noch umfangreicher.

Aber wie auch immer: Eine eigene Trimeter-Stimme auch dies, und wenn man sich den Text nicht nur einmal, sondern mehrere Male vorspricht, hat man einen Bezugspunkt mehr im Ohr, wenn es an das Schreiben eigener Trimeter geht?!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (12)

Eduard Mörikes „Auf eine Lampe“ ist ein sehr bekanntes Gedicht. Zu Recht!

 

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,
An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,
Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs.
Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand
Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht,
Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn.
Wie reizend alles! lachend, und ein sanfter Geist
Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form –
Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?
Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.

 

Wunderbare Verse. Mörike hat viele Trimeter-Gedichte geschrieben und diesen Vers fast immer vorbildlich behadelt; wer den Trimeter wagen möchte, sollte sich also auf jeden Fall diese Werke zu eigen machen!

Auch hier lässt sich viel lernenaus der Art, wie Mörike jeden Vers anders gliedert als den davor erklungenen, wie er manchmal einen Zeilensprung setzt, und manchmal nicht, bis schließlich im Schlussvers ein wirlich vollkommener Trimeter das Gedicht eindrucksvoll beschließt. Auch die verwendeten Wörter sollte man sich genau anschauen!

Zu diesem Gedicht gibt es auch viele Auslegungen, durchaus auch im Netz; wer schaut, wird fündig werden. Aber eigentlich begeistert mich hier am meisten Mörikes Vers-Meisterschaft.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (11)

Die folgenden Trimeter stehen ziemlich am Anfang von Hugo von Hofmannthals „Idylle“. „Die Frau“ sagt:

 

Im blütenweißen kleinen Garten saß ich oft,
Den Blick aufs väterliche Handwerk hingewandt,
Das nette Werk des Töpferns: wie der Scheibe da,
Der surrenden im Kreis, die edle Form entstieg,
Im stillen Werden einer zarten Blume gleich,
Mit kühlem Glanz des Elfenbeins. Darauf erschuf
Der Vater Henkel, mit Akanthusblatt geziert,
Und ein Akanthus-, ein Olivenkranz wohl auch
Umlief als dunkelroter Schmuck des Kruges Rand.

 

Der Trimeter ist ein weiter Vers, er kann vieles aufnehmen und muss das auch, muss eine gewisse Fülle aufweisen, damit er nicht schwach und kraftlos wirkt. Das kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden, manche sind dabei gefährlicher als andere. Hofmannthals Verse hier sind schön, und ich schätze sie auch; trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, viele der verwendeten Adjektive kommen auch vor, weil der Vers eben diese Fülle braucht; und sind diese Adjektive nicht doch ein wenig mechanisch, fast lieblos gesetzt?!

Der surrenden im Kreis, die edle Form entstieg,
Im stillen Werden einer zarten Blume gleich,
Mit kühlem Glanz des Elfenbeins.

Mir jedenfalls will die Art, wie hier aber auch jedes Substantiv durch ein vorgestelltes Adjektiv ergänzt wird, nicht recht gefallen.