Erzählverse: Der iambische Trimeter (25)

Der Trimeter ist, seinem Wesen nach, ein eher getragener und würdevoller Vers. Das heißt aber nicht, es ließe sich mit ihm kein Unsinn treiben! Robert Prutz etwa lässt in seiner dramatischen Satire „Die politische Wochenstube“ einen gewissen Kilian sagen:

 

Schon aber mir im Herzen etwas reget sich
Und brodelt und kocht, wie Butter in der Pfanne tut,
Und durch die Glieder, leise krappelnd, rieselt es,
Nun hier, nun dort: und meinen Magen wärmt es mir.

 

Und das, keine Frage, klingt nicht sehr ernsthaft. Schon zwei Verse später wird es allerdings noch unernsthafter, als Kilian den Gegenstand „Magen“ noch weiter ausführt:

 

Wohl alles entstammt des Magens finsterm Grund: doch nicht
Das Böse bloß: auch jedes Gute stammt daher
Und jede Tugend, jede schöne Leidenschaft;
Ja selbst die große Götter- und Menschenkönigin,
Die Liebe selbst ist unsers Magens Tochter nur!
Darum auf Griechisch Appetite heißt sie auch.

 

Aha. An vielen Stellen teilt Prutz Stück‘ aber auch scharf und heftig aus gegen alles, was in Staat und Literatur schief lief nach Meinung des Verfassers; und das brachte diesem promt eine Klage wegen Mäjestätsbeleidigung ein. Viele der damaligen Ereignisse sind heute nicht nur nicht mehr wichtig, sondern sogar gar nicht mehr verständlich; aber eine solche Klagen, die soll es heute ja auch noch zu bestaunen geben …

Schaut man auf den Versbau, fallen die vergleichsweise zahlreichen doppelt besetzten Senkungen auf!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (24)

Conrad Ferdinand Meyer hat sich in einem Trimeter-Text „Schillers Bestattung“ angenommen:

 

Ein ärmlich düster brennend Fackelpaar, das Sturm
Und Regen jeden Augenblick zu löschen droht.
Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg
Mit keinem Kranz, dem kargsten nicht, und kein Geleit!
Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab.
Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur,
Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht,
Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war’s.

 

Eindrückliche Verse! Wobei der Vergleich mit der wirklichen Bestattung sicher interessant wäre, um einmal die Wirklichkeit mit dem zu vergleichen, was in einem Gedicht auffindbar sein muss, damit es leben und wirken kann … Die „Fackeln“ waren da, weil es eine nächtliche Beisetzung war; der „Sturm“ und der „Regen“ eher nicht?! Aber das gehört dann eben dazu, wie die „hastenden Träger“ auch; kommen mir dabei doch gleich Bilder einer anderen Bestattung in den Sinn: Amadeus Funeral Scene.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (23)

Einige Trimeter aus Victor von Scheffels „Pumpus von Perusia“:

 

Den Helm abnehmend von dem schwerbedrückten Haupt,
Fuhr mit der Rechten langsam er zur Stirn empor.
Gen Populonia rückwärts flog sein feuchter Blick,
Und blaue Blitze leuchteten im Heldenaug‘.
„O Wirtshaus zur Chimära!“, sprach er wehmutsvoll,
„Ist das das Ende? Winkte das im Vögelflug,
Der vor drei Tagen krächzend mir zur Linken strich?
Sprach das des Stieres rätselvolles Eingeweid‘?
O Wirtshaus zur Chimära! Was ist lieblicher,
Als einzuziehn, ein Gastfreund, in dein Gastgemach?
Beständig waltet dort ein vielgeübter Wirt,
Und edle Helden sitzen um den kühlen Trank,
Den von dem Berg herabgesendet Dimeros.“

 

„Und blaue Blitze leuchteten im Heldenaug‘.“ – Nicht dass Scheffel solche Verse nicht auch in gänzlich ernsten Gedichten verwendet hätte, aber hier ist, vor allem in Verbindung mit dem Titel, doch schnell klar, dass das Gedicht nicht unbedingt zur ernsthaften Sorte gehört. Derlei Texten verschließt sich der Trimeter selbstverständlich nicht, und die letzten drei Verse beseitigen dann auch die letzten Zweifel an seinem Wesen, denn es ward …

 

Zum erstenmal, seit dass die Welt geschaffen stand,
Ein Held von einem andern Helden – angepumpt!
Das ist der Sang vom Pumpus von Perusia.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (22)

Noch einmal, wie in (21), ein Text Otto Erich Hartlebens, „Matrei“:

 

Es dunkelte schon im Tal. – Das Schloss am Berge stand
gespenstisch groß im gelben Abendsonnenschein.
Doch gegenüber auf dem Friedhof, der sich rings
mit weißer Mauer um die alte Kirche schloss,
ausbreitete still sich eine blaue, kühle Luft.

Und an den Gräbern gingen wir entlang. Sie zog
den Arm aus meinem Arm. – An jedem Kreuze hing
ein rostiges Becken voller Wasser und sie stieß
ein jedes Becken leise an und goss daraus
auf jedes Grab …

Dann sah sie mich mit einem ernsten Lächeln an
und sprach: „Die Stunde ist den armen Seelen lieb.“

 

Ganz ruhige Verse, die hier einmal eine doppelt besetzte Senkung haben, dort einmal die nicht so erwünschte Mittelzäsur, zahlreiche Zeilensprünge auch; aber all das schafft nur Abwechslung, keine Beunruhigung; auch der Kurzvers nicht. Und Unruhe wäre angesichts des Inhalts auch ein falsches Mittel der Darstellung?!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (22)

Ich habe mich am Wochenende über den Trimeter unterhalten, und ein wenig über ihn nach gedacht; eine gute Gelegenheit, wieder einmal einen der bewundertswerten Trimeter-Texte von Eduard Mörike vorzustellen. Wer mag, kann ihn auf seine Versbewegung hin anhören; der mühelosen Selbstverständlichkeit, die Mörike hier erreicht, auf die Schliche zu kommen, ist die dabei aufgewendete Zeit auf jeden Fall wert – ein „unnennbarer Reiz“, wie es der Text selbst sagt.

 

Göttliche Reminiszenz

Vorlängst sah ich ein wundersames Bild gemalt,
Im Kloster der Kartäuser, das ich oft besucht.
Heut, da ich im Gebirge droben einsam ging,
Umstarrt von wild zerstreuter Felsentrümmersaat,
Trat es mit frischen Farben vor die Seele mir.

An jäher Steinkluft, deren dünn begraster Saum,
Von zweien Palmen überschattet, magre Kost
Den Ziegen beut, den steilauf weidenden am Hang,
Sieht man den Knaben Jesus sitzend auf Gestein;
Ein weißes Vlies als Polster ist ihm unterlegt.
Nicht allzu kindlich deuchte mir das schöne Kind;
Der heiße Sommer, sicherlich sein fünfter schon,
Hat seine Glieder, welche bis zum Knie herab
Das gelbe Röckchen decket mit dem Purpursaum,
Hat die gesunden, zarten Wangen sanft gebräunt;
Aus schwarzen Augen leuchtet stille Feuerkraft,
Den Mund jedoch umfremdet unnennbarer Reiz.
Ein alter Hirte, freundlich zu dem Kind gebeugt,
Gab ihm soeben ein versteinert Meergewächs,
Seltsam gestaltet, in die Hand zum Zeitvertreib.
Der Knabe hat das Wunderding beschaut, und jetzt,
Gleichsam betroffen, spannet sich der weite Blick,
Entgegen dir, doch wirklich ohne Gegenstand,
Durchdringend ewge Zeitenfernen, grenzenlos:
Als wittre durch die überwölkte Stirn ein Blitz
Der Gottheit, ein Erinnern, das im gleichen Nu
Erloschen sein wird; und das welterschaffende,
Das Wort von Anfang, als ein spielend Erdenkind
Mit Lächeln zeigt’s unwissend dir sein eigen Werk.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (21)

Epistel

Des Meeres Gang ist höher heut und lauter auch!
Wohl dem, der hinter Wällen seines Lebens Arbeit fand
und sicher steht, gefestet auf ererbtem Grund.
Durch reichen Boden, den das Meer vordem genährt,
auf seinem Boden schreitet er und lenkt den Pflug
in grader Bahn und wendet ihn getrost am Ziel.

Dann rastet er – und lässt die Blicke schweifen, rings,
und sieht um sich in Ruhe wachsen seiner Hände Werk.

Nur manchmal horcht er wohl hinüber nach dem weiten Meer,
wanns einmal ungestümer donnert an den festen Damm,
und denkt des Freundes – der auf wilder Fluten Spiel
sein Los erkor und seines Willens Güter fand . . .

Des Meeres Gang ist höher heut, doch stolzer auch!

 

Diesem Text Erich Otto Hartlebens zu bescheinigen, er sei in Trimetern geschrieben, ist ein klein wenig kitzlig. Der zweite Vers ist ein Siebenheber, was zwar den Gesamteindruck nicht weiter beeinflusst; aber ein Fingerzeig ist auf das, was kommt! Denn die Verse Acht bis Zehn sind allesamt Siebenheber, und über drei Verse hinweg macht das dann doch Eindruch auf das Ohr! Auch wenn sich diese Verse nicht wirklich zu iambischen Siebenhebern ausbilden – dafür fehlt ihnen die kennzeichnende Zäsur nach dem vierten Iambus. Stattdessen fallen die Einschnitte so, dass die hintere Vershälfte gut „trimetrisch“ ist:

wanns ein– / mal un– / gestü– / mer don– / nert || an / den fes– /ten Damm,
x X / x X / x X / x X / x || X / x X / x X

Mit (zum Beispiel) einem zwei- statt viersilbigem Adverb wäre das ein feiner Trimeter:

wanns einmal rauer donnert || an den festen Damm,
x X / x X / x X / x || X / x X / x X

Besonders nachdrücklich sind auch die Trimeter nicht zäsuriert; bis auf den, der auf die Siebenheber folgt:

und denkt / des Freun– / des – || der / auf wil– / der Flu– / ten Spiel
x X / x X / x || X / x X / x X / x X

Der „klassische“ Einschnitt hinter der fünften Silbe! Zufall wird das nicht sein, daher: Ein Text, der wohl doch vom Trimeter her gedacht, entworfen und ausgeführt wurde.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (20)

Gleichsam als Gegenentwurf zu den gestrigen Reimpaaren Bürgers hier Rudolf Borchardts „Tiefe und Höhe II“ – ungereimte Langverse, ernst, schwer, ausdrucksstark:

 

Wo ist mein Sommer? Gib mir Antwort wenn du kannst,
Windharfe, Regenflöte! Trüber süßer Mund,
Gib mir nicht Antwort, wenn du nur solche Antwort weißt.
Mein Sommer liegt im groben Grase eingewühlt,
Ich weiß, die schweren Amseln hüpfen über ihm –
Er spürt es nicht; er drückt sich Mund und Augen zu,
Das stumme Schluchzen schüttert seinen schmalen Leib.

 

Im dritten Vers ist die Bewegungslinie gar nicht so einfach zu finden?! Mir scheint, es gibt mehrere Möglichkeiten … Einfach mal versuchen: Laut sprechen, nachhören! Vielleicht so, dann?!

Gib mir nicht Antwort, wenn du nur solche Antwort weißt.

Der Hebungsprall vorne ist inhaltlich begründbar; die doppelt unbesetzte Senkung hinten lässt sich nicht vermeiden, die Frage ist nur, wo spricht man sie …

Gib mir nicht Antwort, wenn du nur solche Antwort weißt.

Um die Zäsur herum fällt sie wie immer weniger auf! Vorne mit einer anderen Möglichkeit diesmal. Aber auch da gibt es noch andere. Wie gesagt: Versuchen!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (19)

In (14) wurden assonierende Trimeter aus der Feder Friedrich Schlegels vorgestellt. Eine eigenartige Gestaltung, für die es nicht viele Beispiele gibt! In Adelbert von Chamissos (zu Lebzeiten unveröffentlichtem) „Fortunat“ findet sich allerdings ein so gestalteter „Fluch-Monolog“:

 

Dir Baume fluch ich, fluche tief in dumpfer Gruft
Des Hurensohnes morschen Knochen, der zur Lust
Gepflanzt dich hat inmitten dieser öden Flur,
Mitsamt der Hahnereien hochgehürnte Zunft,
Die je gekostet, oder kosten werden deine Frucht.
Den Boden, welcher deinen Wurzeln, und die Luft,
Die deinen Poren Nahrung gaben, treffe Fluch.
Doch selber mir, dem blöden Toren, der mit Wut
Verderben mir bereitet, siebenfacher Fluch!

 

– Und immer so weiter. Die ganze Szene ist in diesen Versen geschrieben – die ersten sechzehn assonieren auf „u“, dann folgen 19 auf „a“ assonierende Trimeter, dann 40(!), die auf „i“ assonieren … Wirkung kann man ihnen nicht absprechen, zumal Chamisso ja zumindest anfangs auch noch viele andere betonte Silben mit „u“ und „o“ hat, was dann wirklich etwas „dumpf“ klingt; aber ein seltsamer Gedanke ist es doch, und ein dem Trimeter nicht gänzlich entsprechender auch!

Erzählverse: Der iambische Trimeter (18)

„O Phantasie“ – so ruft Friedrich Rückert in seinem „Liedertagebuch“ von 1850 die Vorstellungskraft an; und schon da darf man gespannt sein, wie sich das Reiche, Bunte, Ausschmückende und Überbordende dieses Begriffs denn mit Rückerts oft staubtrockener Art verbinden lässt?!

 

O Phantasie, aus diesem Nebeljammertal,
Von dessen Brodem mir der Seelenodem stockt,
Komm, flügle mich auf goldner Schwing‘ in ein Gebiet
Von jenen vielen, die dir zu Gebote stehn.
Sei’s nun ein christlich himmlisches Jerusalem,
Sei’s ein aristophanisch Wolkenkuckucksheim.

 

– Schwer lässt es sich verbinden, scheint mir. Aber trotzdem ein lesbarer Text, im eindeutigsten Rückert-Ton … („in ein Gebiet“, ich glaube, das „ein“ muss ziemlich stark betont werden, damit es den folgenden Vers mittragen kann?! Sonst stünde dieser etwas verloren da.)

Erzählverse: Der iambische Trimeter (17)

Wieder, wie in (15),  Christian Morgenstern, wieder mit einem kurzen Text: „Einer Schottin“.

 

Nie hörte ich mit solchem Liebreiz je ein Weib
antworten, mit solch hingegebenster Weiblichkeit,
als dich dein ‚yes‘, dein ‚yes‘ auf deiner Nachbarn Wort.
Der sanften braunen Augen einer jungen Kuh
erinnert mich dies so von aller Feindlichkeit,
von aller Selbstigkeit entblößte, weiche ‚yes‘.
Und schottische Mondscheinnächte, wie ich manchmal sie
gemalt sah, steigen herzelösend vor mir auf
und zeigen mir die Heimat, deren Kind du bist.

 

„Die sanften braunen Augen einer jungen Kuh“?! Hm. Da fragt man sich, ob Morgenstern den Text besagter Schottin gezeigt hat …

Rein vom Vers her, jedenfalls: fällt die besonnene Art auf, mit der Morgenstern von den Möglichkeiten Gebrauch macht, die der Trimeter hat zur Auflockerung: das „antworten“ am Versanfang, die beiden mit zwei unbetonten Silben besetzten Senkungen im Versinneren, die zwei recht harten Zeilensprünge am Versende. Das ist nicht viel, und doch reicht es, dem Text seine Eintönigkeit und Schwere zu nehmen?!