Erzählverse: Der iambische Siebenheber (11)

Manchmal erkennt man den Wert und die Eigenart einer Sache erst, wenn sie fehlt. Der iambische Siebenheber, wie er beim Verserzähler vorgestellt wird, hat zum Beispiel einen festen Einschnitt nach der achten Silbe:

x X / x X / x X / x X || x X / x X / x X (/ x)

Wie prägend dieser Einschnitt für den Vers ist, zeigt sein Fehlen, etwa in Fred Endrikats „Der Philosoph ohne Regenschirm“:

 

Es ist nicht alles schön auf dieser wunderschönen Welt,
Novemberstürme gibt es auch im Monat Mai.
Beschimpfe nicht den Regen, der auf dich herniederfällt,
Bedenk: Der meiste Regen fällt an dir vorbei.

 

Ein netter Gedanke; von der Form her sind es zwei iambische Siebenheber (V1, V3) und zwei iambische Sechsheber (V2, V4), die allerdings keine der bei solchen Langversen üblichen, sondern beliebige Einschnitte aufweisen; und nicht, dass es darum schlechte Verse wären, doch etwas gegen die dadurch entstehende Beliebigkeit in der Versbewegung, eine gewisse „Lichtlosigkeit“ ankämpfen muss man beim Vortrag?!

(Auch ungewöhnlich: Der Kreuzreim. Siebenheber sind fast immer paargereimt, da sonst das Reimwort zu weit abdriftet, wahrscheinlich …)

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (10)

Siebenheber genügen sich selbst, können aber auch ohne weiteres mit anderen Versen zusammenstehen. Eine ungewöhnlich zusammengestellte Strophe benutzt August Schnezler im dritten Gedicht seiner Reihe „Vom Mummelsee im Schwarzwald“, „Mummelsees Rache“ –  zwei Beispielstrophen:

 

„Wer schleicht dort aus dem Tannenwald mit scheuem Tritte her?
Was schleppt er in dem Sacke nach so mühsam und so schwer?“
„Das ist der rote Dieter, der Wilderer benannt,
Dem Förster eine Kugel hat er ins Herz gebrannt,
Jetzt kommt er, ins Gewässer den Leichnam zu versenken,
Doch unser alter Mummler lässt sich sowas nicht schenken.

Der Alte hat gar leisen Schlaf, ihn stört sogar ein Stein,
Den man vielleicht aus Unbedacht ins Wasser wirft hinein;
Dann kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf,
Und flieht nicht gleich der Wandrer mit blitzgeschwindem Lauf,
So muss er in den Fluten als Opfer untergehen,
Kein Auge wird ihn jemals auf Erden wiedersehen!“

 

Drei Reimpaare; das erste besteht aus iambischen Siebenhebern, das zweite aber aus „neuen Nibelungenversen“:

x X x X x X x | x X x X x X

Das war im 19. Jahrhundert ein beliebter Erzählvers! Das dritte Reimpaar verlängert diesen Vers dann noch um eine unbetonte Silbe, was einen ziemlich unüblichen Vers ergibt, beziehungsweise zerfällt der Langvers dann ein wenig in zwei gleichgebaute dreihebige Verse?!

Aber die Strophe insgesamt – die hat schon ihre Wirkung und zeigt schön, dass sich auch im Bereich des Strophenbaues viel Nachdenkenswertes entdecken lässt!

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (9)

Johann Baptist Vogl hat mit seinem „Der Doktorwein“ ein Beispiel für eine harmlos-heitere, im iambischen Siebenheber gestalteten Erzählung gegeben:

 

Ein alter König, fromm und gut, todkrank darnieder lag;
Doktoren schrie ein ganzes Heer sich heiser Nacht und Tag.

Ein jeder rief: „Ich bin’s allein!“ und gab ihm dies und das,
Doch aller Mittel ungeacht der Kranke nicht genas!

Das hört‘ ein greiser Rittersmann, des Königs Kampfgenoss,
Der lacht und ruft den Knappen zu: „Schnell, sattelt mir mein Ross!“

Drauf stieg in den den Keller tief, da lag ein Fässchen Wein,
Das nimmt er auf und reitet froh damit zur Hofburg ein.

„Zum kranken König führet mich, ich bring‘ ihm Arzenei;
Und so der Herr mir folgen will, wird er vom Sichtum frei!“

 

Man ahnt, wie die Geschichte ausgeht: Der König wird über dem Leeren des Fässchens gesund. Das alles hat sich Vogl nicht ausgedacht, es ist nur seine Augestaltung einer alten Legende; und auch sein eigenes Ende war durch den Wein nicht aufzuhalten, wenn auch ratlose Doktoren im Spiel waren.

Die Kräfte sanken zusehends, und schneller, als er es selbst, als die behandelnden Ärzte, als es seine Freunde erwarteten, verschied er (wahrscheinlich an Blutzersetzung) nach leichtem Todeskampfe in den Armen seiner herbeigeeilten Mutter, und umgeben von treuen Freunden, am 12. April früh 7 1/4 Uhr. Möge ihm die Erde leicht sein!

So schließt der Nekrolog, der in der Bayrischen Zeitung zu lesen war. Nicht jeder ist ein König, nicht alles ist eine Geschichte … Trotzdem:

 

Der König trank mit langem Zug den gold’nen Becher leer –
Sein Auge glänzt, er ruft entzückt: „Gib mir des Trankes mehr!“

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (8)

Gottfried Keller verwendete den iambischen Siebenheber einmal für ein Ghasel:

 

Den Dichter seht, der immerdar erzählt von Lerchensang,
Wie er nun bald ein Dutzend schon gebratner Lerchen schlang!
Bei Sonnenaufgang, als der Tag in Blau und Gold erglüht,
Dad war es, dass sein Morgenlied vom Lob der Lerchen klang;
Und nun bei Sonnenuntergang mit seinem Gabelspieß
Er sehnend in die Liederbrust gebratner Lerchen drang!
Das heiß‘ ich die Natur verstehn, allseitig tief und kühn,
Wenn also auf und nieder sich sein Tag mit Lerchen schwang!

 

Der Überreim (das, was vor dem eigentlichen Reim in jedem Reimvers wiederholt wird) „Lerchen“ lässt aufhorchen und gleich zu Beginn vermuten, dass das Gedicht nicht ganz ernst klingen wird, und auch nicht sehr lang sein kann; und so kommt es auch, obwohl die Schluss-Erkenntnis gar nicht so unernst ist …

Der Siebenheber ist dabei eine starke Grundlage und wird in seinen Eigenarten unbeirrt umgesetzt; nur im zweiten Vers ist die Zäsur hinter der vierten Hebung nicht recht vernehmbar! Die Reimsilbe „-gang“, die erst als Senkungssilbe, dann als Hebungssilbe vernehmbar wird, ist ein nettes Extra im Versinnern.

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (7)

„Feuerkraft“ ist heutzutage eine militärische Angelegenheit, wie auch duden.de weiß: „Von Feuergeschwindigkeit, Reichweite und Explosionsgewalt abhängende Wirkung von Feuerwaffen.“ Das war nicht immer so, wie die 1833 erschienene „Kosmologische Vorschule zur Erdkunde“ von Gottlieb August Wimmer bezeugt, in der es heißt: „Denn in gewisser Weise haben beide Recht, sobald es sich von der Wirkung der Wasser- und Feuerkräfte auf die Erdrinde handelt, …“: Also „Feuerkraft“ wie „Wasserkraft“, die „Kraft des Feuers“ entspricht der „Kraft des Wassers“.

In der Dichtung gebraucht zum Beispiel Hermann Kurz das Wort in diesem Sinne in seiner „Jugendbitte“, die eigentlich ein Gebet ist, da das „Ich“ sich an Gott wendet. Die beiden Schlussverse:

 

Gib mir der Liebe Feuerkraft, die Feuerkraft des Weines,
Und werd‘ ich nie ein großes Licht, so sei ich dir ein reines.

 

Und das durchaus überzeugend – denkt man bei der ersten Nennung noch, wenigstens zum Teil, die ärgerlich viel Sinn habende „militärische Lösung“ mit, ist diese bei der zweiten Nennung schon „überschrieben“. Was, möglicherweise, auch an der Art liegt, wie Kurz den weiten Raum des Siebenhebers nutzt, um seinen Inhalt durch einigen Aufwand an sprachlichen Mitteln abzusichern und einzuprägen!

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (6)

Wer allzusehr mit Worten pocht, gibt deutlich an den Tag,
Dass seine Lunge ziemlich viel, sein Herze nichts vermag.

 

Der Schluss eines Epigramms und zwei sehr barock klingende Verse – was ein guter Hinweis auf ihren Urheber ist: geschrieben hat sie Friedrich von Logau, sicher einer der besten deutschen Epigrammatiker des 17. Jahrhunderts!

Das „ziemlich“ sieht wie ein Füllwort aus, aber trotzdem tut den Versen die Aufteilung in ungleich lange Teilverse gut (vier Hebungen || drei Hebungen); sie wirken lebendiger und abwechslungsreicher.

(„Pochen“ war früher ein weiteres Wort als heute – das grimmsche Wörterbuch gibt auch „ungestümes, zorniges, unmutiges, trotziges, hoffärtiges, prahlerisches, höhnisches Auftreten, Handeln und Reden“.)

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (5)

Das in (4) vorgestellte Reimpaar der Form …

x X / x X / x X / x X || x X / x X / x X
x X / x X / x X / x X || x X / x X / x X

… hat der von Langverspaaren sehr angetane Carl Spitteler in „Die Weltpost“ verwendet und dabei von dem stetigen, von keinem Zeilenumbruch aufgehaltenen Schreiten dieser Langverse guten Gebrauch zu machen gewusst:

 

Auf einem Berg ein Posthaus steht, das keinem andern gleicht,
Das nie ein Wandrer hat geschaut und nie ein Brief erreicht.
Die Riesensäle gähnen leer, kein Wort, kein Ruf erschallt.
Statt Menschengeist und Menschenhand wirkt eiserne Gewalt.
Von selber läuft das Räderwerk und eilt der Pendel Takt.
An allen Enden schafft es leis, prickelt und pocht und knackt.
Beständig summt der Telegraf und saust Depeschenflug.
Im Hofe vor dem Fenster fährt ein Doppelschienenzug.
Die einen Wagen fahren her, die andern fahren hin,
Viel tausend Seelen sitzen stumm und totenbleich darin.

Nur einmal, wenn auf Mitternacht der Wanduhrzeiger steht,
Juckt durch die Wand ein Glockenspiel, ein Hahn springt vor und kräht.
Die heiligen Apostel zwölf marschieren langsam auf.
Ein Herold hebt den Botenstab und eine Tür geht auf.
Jetzt öffnet er den Stentormund und stampft mit Stab und Fuß:
„Erhebet Euch, der Meister kommt, entbietet ihm den Gruß.“
Da braust ein Aufruhr durch das Haus und hast’ger Stimmenhall,
Urplötzlich stockt das Räderwerk und die Maschinen all:
Im Hofe stemmt den Eisenfuß die Doppelschienenbahn,
Alles pausiert erwartungsvoll und hält den Atem an.
Durch schwarzes Schweigen tönen laut elf Glockenschläge nur –
Doch wenn den zwölften Glockenschlag getan die Wunderuhr,
Da kichert’s in der Gegenwand und lacht wie Teufelshohn,
Ein Klingelruf, ein Judasschrei schrillt aus dem Telefon:
„Den Meister heischet ihr umsonst, der Meister der ist krank.“
Der Herold senkt den Botenstab und knarrend in den Schrank
Verschwinden Hahn und Glockenspiel, die Wand verschlingt das Tor,
Der Seelenzug hebt wieder an die Fahrt. Und wie zuvor
Geht bei geschäft’gem Rädertakt und Telegrafensang
Die wundersame Weltenpost den geisterhaften Gang.

 

Spannend zu hören, auch: Wo Spitteler den Vers mit einem tiefen Sinneinschnitt und damit einer deutlichen Pause schließt, und wo er, seltener, den Inhalt über die Versgrenze hinwegfließen lässt?! Die Zäsur wird nur im drittletzten Vers durch einen stärkeren, in der Nähe befindlichen Satzeinschnitt verwischt; auch die Auflockerung durch eine versetzte Betonung ist nur gelegentlich vernehmbar!

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (4)

Starke Bande gibt es zwischen dem „iambischen Siebenheber“ und der beliebten „Chevy-Chase-Strophe“. Die sieht so aus:

x X / x X / x X / x X a
x X / x X / x X b
x X / x X / x X / x X a
x X / x X / x X b

Wird diese Strophe nun nicht wie üblich und hier gezeigt kreuzgereimt – abab -, sondern nur im Halbreim xaxa, ist der Weg zum Siebenheber nicht mehr weit: Je zwei Kurz-Verse werden zu einem Lang-Vers zusammengefasst, der ehemalige Zeilenumbruch ist jetzt die Zäsur, der Reim ein Paarreim aa:

x X / x X / x X / x X || x X / x X / x X a
x X / x X / x X / x X || x X / x X / x X a

Welche Darstellung die bessere ist, muss sich von Fall zu Fall entscheiden …

Klopstock hat die Chevy-Chase-Strophe auch ganz ungereimt benutzt; Goethe ist ihm nachgefolgt in diesem kleinen Achtzeiler:

 

Monolog des Liebhabers

Was nützt die glühende Natur
Vor deinen Augen dir,
Was nützt dir das Gebildete
Der Kunst rings um dich her,
Wenn liebevolle Schöpfungskraft
Nicht deine Seele füllt,
Und in den Fingerspitzen dir
Nicht wieder bildend wird?

 

Auch das kann in iambische Siebenheber umgeformt werden:

 

Monolog des Liebhabers

Was nützt die glühende Natur vor deinen Augen dir,
Was nützt dir das Gebildete der Kunst rings um dich her,
Wenn liebevolle Schöpfungskraft nicht deine Seele füllt,
Und in den Fingerspitzen dir nicht wieder bildend wird?

 

Goethe wird mir nachsehen, wenn ich sage: Warum nicht! Je weniger sich die Reime bemerkbar machen als Kennzeichnungen der Versenden, desto leichter fließt die Sprache durch die neugebildeten Siebenheber! Allerdings müssen dann die Zäsuren aus der Satzführung erschließbar sein, da die in der strophischen Darstellung vorhandenen Zeilenumbrüche diese Aufgabe nicht mehr wahrnehmen können. Hier sind die Zäsuren, so gesehen, schwach; aber vielleicht gerade noch ausreichend vernehmbar?!

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (3)

Friedrich von Logau war ein großartiger Epigrammtiker! Sicher, durch den zeitlichen Abstand lesen sich viele seiner Texte heute fremd, sie klingen im eigentlichen Sinne „barock“. Aber spannend sind sie trotzdem, und das nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt des Versmaßes – Logau verwendet viele, viele verschiedene Arten von Versen! Darunter auch, und nicht einmal selten: Der iambische Siebenheber.

 

Die Liebe

Was ist die Lieb‘? Es ist die Lust zu dem, das uns gefällt;
Das macht, dass mancher mit der Magd mehr als der Frau es hält.

 

Der Siebenheber hat bekanntlich eine Zäsur nach der vierten Hebung; die kommt hier nicht recht zur Geltung, da Logau die Satzeinschnitte und den Verseinschnitt auseinandertreten lässt:

Was ist / die Lieb‘? || Es ist / die Lust || zu dem, || das uns / gefällt;

Aber vorhanden ist der Verseinschnitt, das muss er als notwendiger Bestandteil des Verses; und im Vortrag hörbar gemacht werden muss er auch. Das ist gar nicht so schwierig – ein leichtes Absetzen, kürzer als bei den Satzeinschnitten, aber vernehmbar; und schon gliedert sich der Vers wie von selbst in angenehm zu sprechende Einheiten.

In zweiten Vers stellt sich die Frage, ob es nach der Zäsur eine versetzte Betonung gibt? Wenn eine solche auftaucht im Inneren eines iambischen Verses, dann fast immer nach dem Verseinschnitt!

Das macht, || dass man– / cher mit / der Magd || mehr als / der Frau / es hält.

Das passt in die Reihe der „M-Betonungen“, jedenfalls … und vom Sinn her auch. Logau lässt seine Verse eher selten langweilig „dahinklappern“ – dieses Epigramm ist ein ganz gutes Beispiel!

Erzählverse: Der iambische Siebenheber (2)

Epigramme, die aus einem Paar von Langversen bestehen, neigen zur Antithetik: Des einen Verses Inhalt steht gegen den Inhalt des anderen Verses, oder der Inhalt der einen Vershälfte gegen den Inhalt der anderen Vershälfte. So auch beim Verspaar aus iambischen Siebenhebern, wie „Disharmonie“ von Wilhelm Müller zeigt:

 

Erzähl dein Glück dem Unglück nicht, dein Unglück nicht dem Glück!
Hier klingt dir Leid auf deine Lust, dort Lust auf Leid zurück.

 

Das wirkt durch den die einzelnen Teile streng verknüpfenden Aufbau möglicherweise sinniger, als es in Wirklichkeit ist; aber auch so, oder: gerade so?! ist es ein Beispiel für die Wirksamkeit solcher Versgestaltung …