Erzählverse: Der iambische Dreiheber (3)

Auch in diesem Beitrag: Ein anakreontisches Gedicht. Wie auch nicht? Der Dreiheber ist vor allem und zuallererst mit dieser poetischen Richtung verbunden. Friedrich von Hagedorn stellt in „Anakreon“ ihren Begründer in den Mittelpunkt:

 

In Tejos und in Samos
Und in der Stadt Minervens
Sang ich von Wein und Liebe,
Von Rosen und vom Frühling,
Von Freundschaft und von Tänzen;
Doch höhnt ich nicht die Götter,
Auch nicht der Götter Diener,
Auch nicht der Götter Tempel,
Wie hieß ich sonst der Weise?
Ihr Dichter voller Jugend,
Wollt ihr bei froher Muße
Anakreontisch singen;
So singt von milden Reben,
Von rosenreichen Hecken,
Vom Frühling und von Tänzen,
Von Freundschaft und von Liebe;
Doch höhnet nicht der Gottheit,
Auch nicht der Gottheit Diener,
Auch nicht der Gottheit Tempel.
Verdienet, selbst im Scherzen,
Den Namen echter Weisen.

 

Das ganze Programm, ohne Furcht vor der Wiederholung, ohne Angst vor dem abgegriffenen Ausdruck; wodurch, auch heute noch, aber eher ein Eindruck von Leichtigkeit und Verspieltheit erzeugt wird, als dass so viel altbekanntes und wiederholtes langweilt.

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (2)

Nicolaus Götz hatte diese gewisse Leichtigkeit und Nachlässigkeit, die ein anakreontisches Gedicht unbedingt braucht und die sich im ungereimten iambischen Dreiheber besonders leicht verwirklichen lässt. „Der flüchtige Amor“:

 

Jüngst sah ich den Cupido
Am Feuer brauner Augen
Sich kleine Pfeile schmieden;
Da trat ich etwas näher,
Und guckte zu, und lachte.
Da sprüheten auf einmal
So viele Feuerfunken
Auf seine nackten Glieder,
Dass er entfliehen wollte;
Doch seiner Flügel Spitzen,
Die waren schon versenget,
Und konnt‘ er nicht mehr weiter
Als in mein Herze flattern.

 

– Ausschließlich einsilbige Bauwörter vorn, was ähnlich zu werten ist wie die ausschließlich zweisilbigen Wörter am Versende in Wilhelm Müllers Text aus (1): das ist die leichteste und flüchtigste Art, diesen Vers zu gestalten – das doppelte „da“ ist ein Zeichen dafür. Und dass der Satzbau genauso nachlässig wie alles andere gehandhabt wird, zeigt der Schluss … Aber wie immer: Reizlos ist das alles nicht!

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (1)

„Iambischer Dreiheber“, das meint diesen Vers:

x X / x X / x X / x

– Also die siebensilbige, „weiblich“ schließende Form! Die kommt sehr häufig vor in den Verspaaren und Strophen von Reimgedichten; Hier soll es aber um die ungereimte und gereihte Fassung gehen, die zum Beispiel in der Anakreontik zur Darstellung von leichten, tändelnden Gedichten genutzt wurde. Wilhelm Müller, „Ein Rosenblättchen zwischen zwei Lippen“:

 

Ein junges Rosenblättchen,
Der Knospe kaum entwunden,
Will gar sich unterfangen,
Mit deines Mundes Röte
Sich prahlend zu vergleichen.
Da kommen die Zephyre
Und blasen es herunter,
Und tragen es gerade
Auf deine Purpurlippen,
Wo es in Schimpf und Schande
Sich büßend muss verzehren.

 

Freunden gedankenschwerer Gedichte darf man mit so etwas nicht kommen; trotzdem hat es seinen Reiz, an dem der Eindruck von Mühelosigkeit sicher beteiligt ist; und um den zu erzeugen, eignet sich der Dreiheber vorzüglich! Der Vers ist kurz, es kann also nicht viel Inhalt da sein, der ihn füllt, ehe das Zusammentreffen zweier unbetonter Silben den Verswechsel kennzeichnet; und die ausschließlichen Versenden auf „unbetontes e“, die in anderen Versformen (Hexameter!) gar nicht gern gehört werden, sind hier durchaus am Platz, den der Eindruck des Gewöhnlichen ist ja gewollt!

Auf der anderen Seite klingen solche Verse, wenn man sie wirklich gedankenlos hinschreibt (und nichts ist einfacher als das), entsetzlich platt. Aber die guten Dichter konnten und können es so aussehen lassen, als ob derlei Verse eine Augenblicksschöpfung sind; und das ist dann ein ganz anderer Fall …