Erzählverse: Der iambische Dreiheber (13)

Georg Joseph Keller war eine Art früher Selbstverleger: Er hat seine Gedichte Mitte des 19. Jahrhunderts auf eigene Kosten veröffentlicht. Auf viel Gegenliebe stieß er damit nicht, wie 1847 eine Besprechung in den „Blättern für literarische Unterhaltung“ zeigt:

Suchen wir nach einem Grunde, der den Verfasser dieser Gedichtsammlung veranlassen konnte, die Lieder dem Verschlusse seines Pultes zu entziehen und sie auf seine Kosten drucken zu lassen, so unterziehen wir uns einer vergeblichen Mühe: wir finden keinen.

Oha. So schlecht liest sich manches gar nicht:

Amor und Venus

„Ach! Mutter! Liebe Mutter!
Das Täubchen ist entflohen,
Das du am meisten liebtest!“,
Sprach Amor zu Cytheren.
Sanft lächelnd sagte Cypris:
„Mein lieber Sohn! Befürchte
Du nichts; sie kehret wieder,
Die Flüchtige; wer einmal
Getragen meine Fesseln,
Der will nicht mehr die Freiheit,
Wenn man sie ihm auch böte!“

Mittelmäßigkeit ist allerdings kein Maßstab, an dem Dichtung gemessen werden sollte, jedenfalls nicht nach Meinung der genannten Besprechung, die  Keller bescheinigt, er hätte weiser gehandelt, wenn er sich auf die Lust des Schaffens und Bildens seiner Lieder beschränkt und dem Gelüst, sich der Menge zu zeigen, widerstanden hätte; denn sie gehören alle der Mediokrität an, und wird diese im Sprichworte eine aurea genannt, so bezieht sich dies Beiwort doch mehr auf das moralische und konventionelle Leben als auf das poetische Treiben und Bilden.

Noch einmal: Oha!

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (12)

Karl von Reinhard hat einige hübsche, kleine Augenblicksbeschreibungen im iambischen Dreiheber verwirklicht – ein Beispiel ist „Unbestand“:

 

Ich saß mit meiner Phillis
Im Dunkel meiner Laube.
Sie deutete mir lächelnd,
Wie sich des Spiels der Liebe
Im Grün der jungen Blätter
Zwei muntre Spatzen freuten.
Da trennte sich das Pärchen.
„Ach!“, rief die holde Phillis
Mit trauervoller Miene
Und einem halben Seufzer,
„Sieh, wie ihr Glück sich endet.
Es ist das Männchen, wett‘ ich,
Das Männchen ist entflogen!“

 

Gut gemacht; und nicht zu lang, wogegen der Dreiheber durch seine vergleichsweise Kürze und Unbewegtheit (leider!) anfällig ist.

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (11)

Wilhelm Müller einmal mehr, und einmal mehr eine, wenn man ehrlich ist, Vers und Form gewordene Leere – „Entknopsung“:

 

Was flüstert ihr, Zephyre,
Mit diesen Rosenknospen?
Ihr flüstert, und sie reißen
Entzwei die grünen Schleier,
Und schauen euch entgegen
Mit rosenroten Wangen. —
Ob ihr von Liebe flüstert? —
Ich flüstre, singe, spiele
Von Liebe meiner Schönen
Schon viele, viele Tage;
Sie aber will die Hülle
Der harten spröden Knospe,
Die ihres Herzens Rose
Vor meinem Blick umschließet,
Noch immer nicht zerreißen.

 

Und trotzdem ist das ein Gedicht, das sich entwickelt und lebt, und dessen Vers genau der Vers ist, den diese Entwicklung benötigt …

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (10)

Weniger als Erzähl- und mehr als Beschreibvers nutzt Wilhelm Waiblinger den Dreiheber in „Am Ticino“. Zumindest am Anfang:

 

Du wunderlicher Pluvius,
Du gießest unaufhörlich
Vom Himmel dein Gewässer.
Und Tropf‘ an Tropfen träufelt
Aus deinen nassen Haaren.
Die graue Nebelwolke
Hängt schwankend um die Berge,
Und wandelt über Wälder
Um Piottinos Wände.
Es trauert die Kastanie,
Die überm Glockentürmchen
Der einsamen Kapelle
Die feuchten Blätter wölbet.
In fürchterlichen Schlünden
Wirft donnernd der Ticino,
In Schaumgewölken wirbelnd,
Von Riss zu Felsriss wütend,
Hinab die grünen Wellen.
Dort sucht noch eine Ziege
Auf grüner Mooswand Gräser;
Hier wandelt langsam klingelnd,
Mit tief verhülltem Säumer,
Von Gotthards Wolkenstegen
Ein Maultier seine Straße.

 

Wobei der folgende erzählende Teil dann eher … schematisch wirkt. Aber der Vers wirkt, leicht, flüchtig, passend zum Geschehen.

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (9)

Otto Ludwigs Gedichte sind keine ganz große Dichtung, und seine Jugendgedichte schon gar nicht;  aber vielleicht lohnt gerade darum ein Blick auf den folgenden kleinen Vierzeiler aus dieser frühen Zeit?!

 

Der Lenz bringt neue Blumen,
Der Himmel neue Röten,
Die Fern‘ bringt neue Lüfte,
Ich bring‘ mein altes Herz.

 

Drei wie auch immer gebaute, weiblich (also unbetont) schließende Verse, denen ein vierter männlich (also betont) schließender Vers folgt – das war schon immer ein guter Bauplan für eine Strophe, oder, wie hier, einen vollständigen Text!

x X / x X / x X / x
x X / x X / x X / x
x X / x X / x X / x
x X / x X / x X

Die Endsilben der ersten drei Verse lassen die Sprache fließen und heben gleichzeitig den Versschluss heraus durch das Aufeinandertreffen zweier unbetonter Silben;  die betonte Endsilbe des letzten Verses schließt den Text kräftig und nachdrücklich.

Ansonsten ist wieder einmal hübsch zu sehen, wie wenig es im Aufbau braucht: ein wenig Aufzählung, ein wenig Gegensatz – und fertig …

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (8)

Als Elisabeth Kulmann 1825 mit nur 17 Jahren starb, verlor die deutschsprachige Dichtung ein großes Talent, auf jeden Fall aber eine gewaltige Sprachbegabung – zu diesem Zeitpunkt beherrschte Kulmann bereits elf Sprachen und hatte schon 100.000 Verse geschrieben! Der iambische Dreiheber war dabei eines ihrer liebsten Darstellungsmittel, in „Saphho“ klingt er zum Beispiel (ausschnittsweise) so:

 

O meiner schönen Jugend
Zu schnell entflohne Tage!
Wo ich, der Kunst nur lebend,
Die Zierde war der Feste,
Die Königin der Mähler;
Aus jedem frohen Reigen
Nur meine Lieder hörte;
Auf Blumen durch die Straßen
Beim Zuruf der Bewohner
Die Sängerin einherzog;
Und in den heil’gen Hainen,
Ja in der Götter Tempel
Mein Standbild ich erblickte,
Und Lesbos seinen Münzen
Der Götter Bild und meines
Vereint aufprägte! Sappho,
Des zarteren Geschlechtes
Gerechter Stolz und Sehnsucht
Der Jünglinge und Männer,
Die stets von meiner Jugend
Und meiner Lieder Reizen
Gleich stark gerührt, den Preis mir
Des Kampfes zuerkannten,
Selbst wenn Alcäus kämpfte,
Der König im Gesange!

 

Sichere, gute Verse! Ein wenig atemlos vielleicht, aber das ist ein Eindruck, der sich beim kurzen Dreiheber schnell einstellt, sollen denn mehrere Verse dieser Art einen längeren Satz aufnehmen?!

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (7)

Gebrauchs-, Anlass- und Gelegenheitsgedichte sind heutzutage ein arg unterschätze Gattung. Elisa von der Recke schrieb 1782 angesichts eines Sturms, der viele Bäume umgestürzt hatte, diese Verse (ein Ausschnitt):

 

Da wird ein Schiff zerschmettert,
Dort reißt des Landmanns Hütte
Der wilde Sturmwind nieder,
Und ach! – in meinem Wäldchen,
In dem die Nachtigallen
So liebetönend flöten,
Wo blaue Veilchen duften,
Wo Birk‘ und Espe säuseln,
Und wo mit teuren Freunden
Ich oft so froh gewesen,
In diesem schönen Wäldchen
Hat auch der Sturm gewütet,
Gestürzt die hohen Stämme,
Die meinen Kinderjahren
So milden Schatten liehen.
Schont doch, o schont! ihr Stürme,
Den kleinen Rest der Bäume,
Die schon als Kind ich liebte
Und deren sanftes Rauschen
Mir manchen Gram verscheuchte.
Macht euch an große Wälder,
Dort wütet nach Gefallen!

 

– Und wem wollten bei aller Schlichheit der Darstellung und Formelhaftigkeit der Bausteine diese Zeilen nicht gefallen? Erst recht, wenn dem Leser selbst schon einige derartige Bäume umgerissen worden sind …

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (6)

Als Erzählvers hat es der iambische Dreiheber nicht leicht; er ist sehr kurz, meist sind mehrere nötig, um einen Satz aufzunehmen, und er wird dadurch nicht recht als Einheit erfahrbar. August Kopisch benutzt ihn aber doch, in „Graf Roger auf Scilla“; Roger weist darin den Vorschlag der Fee Morgana zurück, die ihm nicht nur sich selbst, sondern auch das ganze, von ihm begehrte Sizilien hat schenken wollen, und

 

Morgana rief: „O wehe,
Wie viele Jahre wirst du
Nun schwere Schlachten kämpfen!“

 

Der Blick ins Geschichtsbuch lehrt: sehr viele, in der Tat. Roger verweist aber auf alte Gewohnheiten:

 

„Muss ich viel Jahre kämpfen,
So ist’s der Helden Sitte,
In langem Streit zu dauern.“

 

Worauf Morgana weinend verschwindet.

 

Er aber stieg vom Turme
Des schwarzen Scillafelsens;
Zu seinen Schiffen ging er;
Der Helden Mut zu höhen,
Ließ er Drommeten schmettern.
Da schwollen hundert Segel,
Zu tausend Siegen flogen
Sie stürmend nach Sizilien.

 

Und abgesehen davon, dass einem das ganze Heldengetue heutzutage ein wenig eigenartig vorkommt: Die Verse an sich sind eben doch eigenständig, jeder ist als ein Einzelnes erfahrbar; und dadurch ist auch der ganze Text spannungsreich und gut zu lesen.

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (5)

Wie nahe man der Grenze zur Bedeutungslosigkeit kommen kann, ohne sie zu überschreiten, zeigt Johann Michael Hamanns „Entschluss“, ein Text, der eben so auf der richtigen Seite der Grenze zu stehen kommt und darum wertig ist:

 

Wie schauerlich der Regen,
Der um mein Fenster rasselt!
Wie dunkel die Gedanken!
Wie matt der Schlag des Herzens!
Was soll ich bei den finstern
Und toten Büchern machen?
Hinaus, hinaus zum Mädchen!
In ihrem Aug‘ ist Frühling
Und milde Sommerwärme.
Ein Blick – und es erfreuet
Die halberstorbne Seele
Sich wie ein mattes Pflänzchen,
Das schon der Nord verletzet,
Beim Liebesstrahl der Sonne.
Gib mir den Mantel, Knabe!
Ich muss, ich muss zur Janthe.

 

„Janthe“ ist dem „Ich“ die Dame des Herzens … Das hier gerade so alles gut endet, ist sicher auch dem Versmaß zu verdanken; ein gewichtigerer Vers hätte Bedeutung eingefordert, wo keine sein kann, und den Text aus dem Gleichgewicht geworfen?!

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (4)

Die bisherigen Beispiele für den iambischen Dreiheber stammen aus der anakreontischen Tradition, was heißt: es waren leichte, tändelnde, spielerische Stücke. Der in diesem Beitrag vorgestellte Text findet sich dagegen in den Liedertagebüchern Friedrich Rückerts (hier dem von 1855), was einen ganz anderen Ton zum Klingen bringt: die sich selbst genügende Kargheit der Rückertschen Altersdichtung!

 

Im Winter streu‘ ich Brocken
Den Sperlingen vors Fenster
Und denke, dass im Sommer
Sie meine Kirschen fraßen:
Fräßet ihr bald sie wieder!
Nicht dass ich ihnen lieber
Sie gönnt‘ als mir, doch gönnt‘ ich
Uns beiderseits den Sommer.

 

Das sind Verse, gegen die sich manches sagen lässt, nicht zuletzt in Bezug auf die große Menge an Pronomen in der zweiten Hälfte des Textes; aber eindringlich sind sie doch, und einnehmend, auf ihre ganz eigene Art.