Erzählverse: Der iambische Dreiheber (7)

Gebrauchs-, Anlass- und Gelegenheitsgedichte sind heutzutage ein arg unterschätze Gattung. Elisa von der Recke schrieb 1782 angesichts eines Sturms, der viele Bäume umgestürzt hatte, diese Verse (ein Ausschnitt):

 

Da wird ein Schiff zerschmettert,
Dort reißt des Landmanns Hütte
Der wilde Sturmwind nieder,
Und ach! – in meinem Wäldchen,
In dem die Nachtigallen
So liebetönend flöten,
Wo blaue Veilchen duften,
Wo Birk‘ und Espe säuseln,
Und wo mit teuren Freunden
Ich oft so froh gewesen,
In diesem schönen Wäldchen
Hat auch der Sturm gewütet,
Gestürzt die hohen Stämme,
Die meinen Kinderjahren
So milden Schatten liehen.
Schont doch, o schont! ihr Stürme,
Den kleinen Rest der Bäume,
Die schon als Kind ich liebte
Und deren sanftes Rauschen
Mir manchen Gram verscheuchte.
Macht euch an große Wälder,
Dort wütet nach Gefallen!

 

– Und wem wollten bei aller Schlichheit der Darstellung und Formelhaftigkeit der Bausteine diese Zeilen nicht gefallen? Erst recht, wenn dem Leser selbst schon einige derartige Bäume umgerissen worden sind …

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (6)

Als Erzählvers hat es der iambische Dreiheber nicht leicht; er ist sehr kurz, meist sind mehrere nötig, um einen Satz aufzunehmen, und er wird dadurch nicht recht als Einheit erfahrbar. August Kopisch benutzt ihn aber doch, in „Graf Roger auf Scilla“; Roger weist darin den Vorschlag der Fee Morgana zurück, die ihm nicht nur sich selbst, sondern auch das ganze, von ihm begehrte Sizilien hat schenken wollen, und

 

Morgana rief: „O wehe,
Wie viele Jahre wirst du
Nun schwere Schlachten kämpfen!“

 

Der Blick ins Geschichtsbuch lehrt: sehr viele, in der Tat. Roger verweist aber auf alte Gewohnheiten:

 

„Muss ich viel Jahre kämpfen,
So ist’s der Helden Sitte,
In langem Streit zu dauern.“

 

Worauf Morgana weinend verschwindet.

 

Er aber stieg vom Turme
Des schwarzen Scillafelsens;
Zu seinen Schiffen ging er;
Der Helden Mut zu höhen,
Ließ er Drommeten schmettern.
Da schwollen hundert Segel,
Zu tausend Siegen flogen
Sie stürmend nach Sizilien.

 

Und abgesehen davon, dass einem das ganze Heldengetue heutzutage ein wenig eigenartig vorkommt: Die Verse an sich sind eben doch eigenständig, jeder ist als ein Einzelnes erfahrbar; und dadurch ist auch der ganze Text spannungsreich und gut zu lesen.

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (5)

Wie nahe man der Grenze zur Bedeutungslosigkeit kommen kann, ohne sie zu überschreiten, zeigt Johann Michael Hamanns „Entschluss“, ein Text, der eben so auf der richtigen Seite der Grenze zu stehen kommt und darum wertig ist:

 

Wie schauerlich der Regen,
Der um mein Fenster rasselt!
Wie dunkel die Gedanken!
Wie matt der Schlag des Herzens!
Was soll ich bei den finstern
Und toten Büchern machen?
Hinaus, hinaus zum Mädchen!
In ihrem Aug‘ ist Frühling
Und milde Sommerwärme.
Ein Blick – und es erfreuet
Die halberstorbne Seele
Sich wie ein mattes Pflänzchen,
Das schon der Nord verletzet,
Beim Liebesstrahl der Sonne.
Gib mir den Mantel, Knabe!
Ich muss, ich muss zur Janthe.

 

„Janthe“ ist dem „Ich“ die Dame des Herzens … Das hier gerade so alles gut endet, ist sicher auch dem Versmaß zu verdanken; ein gewichtigerer Vers hätte Bedeutung eingefordert, wo keine sein kann, und den Text aus dem Gleichgewicht geworfen?!

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (4)

Die bisherigen Beispiele für den iambischen Dreiheber stammen aus der anakreontischen Tradition, was heißt: es waren leichte, tändelnde, spielerische Stücke. Der in diesem Beitrag vorgestellte Text findet sich dagegen in den Liedertagebüchern Friedrich Rückerts (hier dem von 1855), was einen ganz anderen Ton zum Klingen bringt: die sich selbst genügende Kargheit der Rückertschen Altersdichtung!

 

Im Winter streu‘ ich Brocken
Den Sperlingen vors Fenster
Und denke, dass im Sommer
Sie meine Kirschen fraßen:
Fräßet ihr bald sie wieder!
Nicht dass ich ihnen lieber
Sie gönnt‘ als mir, doch gönnt‘ ich
Uns beiderseits den Sommer.

 

Das sind Verse, gegen die sich manches sagen lässt, nicht zuletzt in Bezug auf die große Menge an Pronomen in der zweiten Hälfte des Textes; aber eindringlich sind sie doch, und einnehmend, auf ihre ganz eigene Art.

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (3)

Auch in diesem Beitrag: Ein anakreontisches Gedicht. Wie auch nicht? Der Dreiheber ist vor allem und zuallererst mit dieser poetischen Richtung verbunden. Friedrich von Hagedorn stellt in „Anakreon“ ihren Begründer in den Mittelpunkt:

 

In Tejos und in Samos
Und in der Stadt Minervens
Sang ich von Wein und Liebe,
Von Rosen und vom Frühling,
Von Freundschaft und von Tänzen;
Doch höhnt ich nicht die Götter,
Auch nicht der Götter Diener,
Auch nicht der Götter Tempel,
Wie hieß ich sonst der Weise?
Ihr Dichter voller Jugend,
Wollt ihr bei froher Muße
Anakreontisch singen;
So singt von milden Reben,
Von rosenreichen Hecken,
Vom Frühling und von Tänzen,
Von Freundschaft und von Liebe;
Doch höhnet nicht der Gottheit,
Auch nicht der Gottheit Diener,
Auch nicht der Gottheit Tempel.
Verdienet, selbst im Scherzen,
Den Namen echter Weisen.

 

Das ganze Programm, ohne Furcht vor der Wiederholung, ohne Angst vor dem abgegriffenen Ausdruck; wodurch, auch heute noch, aber eher ein Eindruck von Leichtigkeit und Verspieltheit erzeugt wird, als dass so viel altbekanntes und wiederholtes langweilt.

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (2)

Nicolaus Götz hatte diese gewisse Leichtigkeit und Nachlässigkeit, die ein anakreontisches Gedicht unbedingt braucht und die sich im ungereimten iambischen Dreiheber besonders leicht verwirklichen lässt. „Der flüchtige Amor“:

 

Jüngst sah ich den Cupido
Am Feuer brauner Augen
Sich kleine Pfeile schmieden;
Da trat ich etwas näher,
Und guckte zu, und lachte.
Da sprüheten auf einmal
So viele Feuerfunken
Auf seine nackten Glieder,
Dass er entfliehen wollte;
Doch seiner Flügel Spitzen,
Die waren schon versenget,
Und konnt‘ er nicht mehr weiter
Als in mein Herze flattern.

 

– Ausschließlich einsilbige Bauwörter vorn, was ähnlich zu werten ist wie die ausschließlich zweisilbigen Wörter am Versende in Wilhelm Müllers Text aus (1): das ist die leichteste und flüchtigste Art, diesen Vers zu gestalten – das doppelte „da“ ist ein Zeichen dafür. Und dass der Satzbau genauso nachlässig wie alles andere gehandhabt wird, zeigt der Schluss … Aber wie immer: Reizlos ist das alles nicht!

Erzählverse: Der iambische Dreiheber (1)

„Iambischer Dreiheber“, das meint diesen Vers:

x X / x X / x X / x

– Also die siebensilbige, „weiblich“ schließende Form! Die kommt sehr häufig vor in den Verspaaren und Strophen von Reimgedichten; Hier soll es aber um die ungereimte und gereihte Fassung gehen, die zum Beispiel in der Anakreontik zur Darstellung von leichten, tändelnden Gedichten genutzt wurde. Wilhelm Müller, „Ein Rosenblättchen zwischen zwei Lippen“:

 

Ein junges Rosenblättchen,
Der Knospe kaum entwunden,
Will gar sich unterfangen,
Mit deines Mundes Röte
Sich prahlend zu vergleichen.
Da kommen die Zephyre
Und blasen es herunter,
Und tragen es gerade
Auf deine Purpurlippen,
Wo es in Schimpf und Schande
Sich büßend muss verzehren.

 

Freunden gedankenschwerer Gedichte darf man mit so etwas nicht kommen; trotzdem hat es seinen Reiz, an dem der Eindruck von Mühelosigkeit sicher beteiligt ist; und um den zu erzeugen, eignet sich der Dreiheber vorzüglich! Der Vers ist kurz, es kann also nicht viel Inhalt da sein, der ihn füllt, ehe das Zusammentreffen zweier unbetonter Silben den Verswechsel kennzeichnet; und die ausschließlichen Versenden auf „unbetontes e“, die in anderen Versformen (Hexameter!) gar nicht gern gehört werden, sind hier durchaus am Platz, den der Eindruck des Gewöhnlichen ist ja gewollt!

Auf der anderen Seite klingen solche Verse, wenn man sie wirklich gedankenlos hinschreibt (und nichts ist einfacher als das), entsetzlich platt. Aber die guten Dichter konnten und können es so aussehen lassen, als ob derlei Verse eine Augenblicksschöpfung sind; und das ist dann ein ganz anderer Fall …