Erzählverse: Der Hexameter (180)

Wenn man es wirklich will, kann man in einem Hexameter eine ganze Menge an Klangwirkung unterbringen. Ernst Moritz Arndt beginnt „An Antonia Amalia, Herzogin von Württemberg“ mit diesem Vers:

 

Knabe war ich, es drang kein Klang von gewaltigen Dingen

 

Das ist von der Versbewegung her ein gut gebauter Vers. In Bezug auf den Klang verliert er aber ein wenig das Maß … Da ist einmal der unmittelbare Reim „drang – Klang“; dann aber auch der Umstand, dass die ersten fünf Hebungssilben alle den Vokal „a“ aufweisen; und schließlich die Alliterationen der Hebungssilben in der ersten und in der zweiten Vershälfte: „Knabe – Klang“, „war – wal“, „drang – Ding“.

Uffa. Da war vielleicht weniger mehr; aber ein wirksamer Vers, trotz allem!

Erzählverse: Der Hexameter (179)

Als Gegenstück zu den in (178) angegebenen „gereimten Strophen unter Hexameterbeteiligung“ hier Werner Bergengruens „Capri VI, Castiglione“ (aus Figur und Schatten, Nymphenburger Verlagshandlung 1958, S. 101):

 

Liebstem Gassengewirr, begrünter Enge entkommen,
Heißer atmender, hast du bewachsene Felsen erklommen,
Schmales Mauergeviert an verfallener Burg der Korsaren,
Unter dir Blau, von verbrannten, versunkenen Schiffen befahren.
fauchender Panter, fährt aufspringender Wind dir entgegen,
Seeräuberwind der Freiheit! Sturmvogelschwingen in Schlägen!
Mit sich reisst er dein herz, du hängender über den Meeren.
Hochaufschäumende Flut am Bug bemannter Galeeren!
Und phönikisches Volk, sarazenisch entflammte Haufen!
Schwellende Jugend der Welt, Normannen und Hohenstaufen!
Aufschrei reisigster Kraft!: verscholl, versank in Gemäuer.
Aber da blieb der Ölbaum, es blieb der Weinstock getreuer.

 

Also „Hexameter-Reimpaare“. Hm. Bergengruen war allemal Dichter genug, um über das folgende lächelnd hinwegschweigen zu können:  Ich mag diese Verse nicht. Der Reim ist im besten Fall eine Ablenkung; aber im Eigentlichen vollkommen versfremd …

Erzählverse: Der Hexameter (178)

Hexameter und Reim vertragen sich nicht. Am wenigsten fällt das wohl auf, überführt man den Hexameter in eine Strophe und verbindet ihn darüber hinaus mit anderen Versen. Zwei Beispiele:

 

Wettgesang

Heute belauscht‘ ich am Bach wetteifernde Hirtengesänge,
Und schwellend hob sich meine Brust
Beim anschmeichelnden Hauch einfältiger landlicher Klänge
Von Liebesleid und Sommerlust.
Kunstlos war der Gesang, auch prunklos waren die Singer,
Und selber schmucklos war die Flur;
Doch vom Himmel ein Glanz war irdischer Mängel Bezwinger,
Ich sah verklärte Lichtnatur.
Hört, nicht wie es entsprang, wie mir in bezauberten Ohren
Das umgebot’ne Hirtenlied
Sein ursprüngliches Nackt im tönenden Schmucke verloren,
Und wie ich selbst den Streit entschied.

 

– Friedrich Rückert. Ein Hexameter und als Kurzvers dabei ein iambischer Vierheber – ein „iambischer Dimeter“, wie das die Alten genannt hätten. Insgesamt ein „1. pythiambisches Distichon“ (das 2. hat einen sechshebigen Iambus – einen „iambischen Trimeter“ – als Zweitvers). Rückert nennt das ein „modernes Idyll“ – passt wahrscheinlich, „Alte Form“ + „Reim“?!

 

An Braga (erste Strophe)

Komm, du Geber des Sangs, Apollens Besieger o Braga,
Bei mir warten dein Braten und Fisch,
Komm, sonst hol dich der Teufel, Papa der Barden und Aga,
Komm an meinen beschüsselten Tisch!

– Ludwig Hölty. Auch eine alte Form, ein „alkmanisches Distichon“, Hexameter + katalektischer daktylischer Vierheber, eben ein „alkmanischer Vers“, wahrscheinlich in aller Kürze so am sinnvollsten darstellbar: X x (x) / X x (x) / X x x / X. Zwei solcher Distichen in einer Strophe verbunden, und wie bei Rückert kreuzgereimt – das scheint möglich? Auch hier ein Gegensatz zwischen Süden (alte Form) und Norden (Reim); das muss aber sicher nicht sein. („Papa„, übrigens, wie damals üblich …)

Erzählverse: Der Hexameter (177)

Sing, Infernale, den Mann, der aus dem Geklüfte der Hölle,
Aus den Schwefelbezirken der Nacht dämonisch emporstieg
Und, von dem Geist Adramelechs beseelt, mit blutiger Klugheit
Einem der Fürsten zuerst das „Kreuzige, Kreuzige!“ zurief.

 

– Der Beginn von Johann Gottfried Seumes „Apotheose“, gut gebaute und dabei schwungvolle Hexameter! Ansonsten ein klassischer Anfang, mit Anrufung und allem; die gleich mehrere ältere epische Anfänge aufruft, vom „Sing, unsterbliche Seele, des sündigen Menschen Erlösung“ des Messias bis hin zum  „Waffen ertönt mein Gesang und den Mann, der vom Troergefild‘ einst / Kam …“ der Aeneis.

Erzählverse: Der Hexameter (176)

In den Tagen der „Flüchtlingskrise“ ist auch Johann Wolfgang Goethes von Flüchtenden erzählendes Epos „Hermann und Dorothea“ wieder ein Stückweit ins Bewusstsein gerückt, wie im Herbst 2016 eine „szenische Lesung“ am Burgtheater in Wien bewies oder, zu Beginn des letzten Jahres, diese als Youtube-Schnippsel verfügbare Lesung bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen:

Hermann und Dorothea

Zum Vortrag kommen diese Verse aus „Klio“, also dem sechsten Gesang:

 

Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke.
Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle;
Denn der rote Latz erhebt den gewölbeten Busen,
Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;
Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet
Und umgibt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmut;
Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund,
Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;
Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe
Und den blauen Rock, der vielgefaltet vom Busen
Reichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel.

 

Ich gehe davon aus, dass die Vortragenden wissen, was sie tun; aber ob sie nicht doch dem Vers etwas mehr hätten vertrauen können, oder gar: sich ihm anvertrauen?!

Erzählverse: Der Hexameter (175)

Manchmal findet man an ganz unvermuteten Stellen Wissensbröckchen, wertvolle oder doch zumindest unterhaltsame. Mir ging es gerade so, als ich aus welchen Gründen auch immer durch Reinhard Lauers 2005 bei Beck erschienene „Kleine Geschichte der russischen Literatur“ blätterte und dort auf Seite 46 im Zusammenhang mit Wassili Trediakowski (1703-1769) und seiner „Tilemachida“, dem Werk, mit dem der russische Hexameter seinen Anfang nahm und das sehr ungewohnt daherkam, über den spöttischen Umgang mit demselben lesen musste:

So wurden in der Hofgesellschaft Katharinas Verstöße gegen die Ettikette durch das Lesen und Auswendiglernen Trediakowskischer Hexameter geahndet.

Das sollte einen Hexametristen wohl empören; aber ach …

Erzählverse: Der Hexameter (174)

Englische Hexameter sind ein seltenes Gut; der Verserzähler hat aber schon einige Mal auf Longfellows 1847 erschienener „Evangeline“ hingewiesen – in (13), (71) und (118), um genau zu sein. Ein Werk, das Einfluss hatte: Schon 1848 erschien Arthur Hugh Cloughs „The Bothie of Tober-na-Vuolich“, ein Werk, das nach einem, bezeichnenderweise lauten! Lesen der „Evangeline“ entstand. Dabei sind Clougs Hexameter aber durchaus eigenständig:

 

But in the interval here the boiling, pent-up water
Frees itself by a final descent, attaining a basin,
Ten feet wide and eighteen long, with whiteness and fury
Occupied partly, but mostly pellucid, pure, a mirror;
Beautiful there for the color deriv’d from green rocks under;
Beautiful, most of all, where beads of foam up-rising
Mingle their clouds of white with the delicate hue of the stillness.
Cliff over cliff for its sides, with rowan and pendant birch boughs,
Here it lies, unthought of above at the bridge and pathway,
You are shut in, left alone with yourself and perfection of water,
Hid on all sides, left alone with yourself and the goddess of bathing.

 

Da ist ein gewisser Hang zum Alternieren, wohl auch bedingt durch die häufiger als sonst üblich zweisilbigen fünften Füße; aber trotzdem bewusste und wirkungsstarke Verse, nicht nur nach meiner Meinung (die nicht zählt, weil ich kaum Englisch kann), sondern auch nach der der zeitgenössischen Kritik, die dem Werk insgesamt wohlwollend gesonnen war.

Erzählverse: Der Hexameter (173)

Ich habe gerade auf lyrikline.org Marie Luise Kaschnitz ihr Ahasver lesen hören, also auch diese drei Verse:

 

Im Bauch seiner Teekanne sah er sich selbst, verzerrt
Mit gewaltig lachendem Munde. Er nahm den Hörer auf
Die schwarze Muschel rauschte wie das Meer.

 

Und da steckt ein schöner Hexameter drin:

Sah er sich / selbst, ver- / zerrt, || mit ge- / waltig / lachendem / Munde.

Den macht Kaschnitz nicht unbedingt im Vortrag hörbar, aber ich finde, die zweite Vershälfte verrät ihn durch die Wortwahl – „mit gewaltig lachendem Munde“ klingt einfach unglaublich stark nach Hexameter: Anschaulich, große Worte, Partizipien …

 

Harte Gewältiger, gleißender Haut, mit lachenden Zähnen
Zwischen dem schwelgenden Munde, Verzehrende, Flammengeschwister,

 

Schreibt Rudolf Borchardt in seiner „Klage der Daphne“; und solcher Beispiele fänden sich viele …

Erzählverse: Der Hexameter (172)

Das Hinterzimmer (meint: der Menüpunkt „Gesammeltes“) ist wieder einmal gewachsen, an verschiedenen Stellen; eine davon ist Der heroische Vers von Franz Ficker, eine knappe (und damit als Einführung weniger geeignete) Erläuterung des Hexameters, die auch durch ihre Bestimmtheit beeindruckt – wie die Verfasser im 19. Jahrhundert halt gerne klangen … Ein Beispiel:

Der Schlussfall des Hexameters muss vernehmbar sein.

Ein Satz wie in Stein gemeißelt. Ausgeführt wird er immerhin ein wenig:

Man darf daher nicht willkürlich, wie es sich gibt, und wo, den Vers beschließen, oder mit unvollendeten Gliedern von Zeile zu Zeile herüberspringen, und noch weniger den Vers mit der Hälfte eines Worts schließen; sondern muss darauf bedacht sein, dass an der Stelle ein Satzteil mit einem gewichtigeren Worte sich ende, obgleich keine Interpunktion nötig ist.

Das ist in seiner Klarheit insofern willkommen, als dass es keine Schwierigkeiten geben dürfte, sich dazu zustimmend oder ablehnend zu verhalten. Wobei die Frage der „Vers-Integrität“ ja durchaus ihre Berechtigung hat!

 

„Welch eine Stimme war dies?!“, aufschrie die gefolterte Seele,
Aber der Schrei blieb stumm und gehetzt, geknebelt, von Sinnen
Stürzte der Pfarrer zum Fenster und keuchte nach Atem. Da riß am
Finsteren Rande des Himmels vom wütenden Zerren des Sturmwinds
Plötzlich die Schwärze entzwei, und inmitten des klaffenden Spaltes
Stieg aus den wogenden Sümpfen der faulig beleuchteten Nebel
Rund ein Entsetzliches auf, eine Brunst von der schmutzigen Röte
Fieberkranken Urins, eine Scheibe, ein Ball, eine Blase!

 

So zu finden in Anton Wildgans‘ „Kirbisch“. Ist der „Schlussfall“ des dritten Verses da inhaltlicher Kommentar – nicht nur die Schwärze reißt entzwei, auch der Satz – oder einfach schlechtes Verswerk?!

Erzählverse: Der Hexameter (170)

1828 schrieb Matthias Altmann sein „Oberösterreichisches Georgicon“, und er da er schon in diesem Titel Bezug auf Vergils „Georgicon“ nimmt, beginnt der Text dann auch mit einer Anrufung des alten Römers:

 

Dich, unsterblicher Vergil! Du Sänger lieblicher Lieder,
Der du besangst die Geschäfte des nimmerruhenden Landmanns,
Nachahmen möcht‘ ich dich gern; doch es wohnt in mir nicht die Gottheit,
die den himmlischen Funken in deinem Busen dir nährte!
Nicht Italiens milder Himmel lächelt mir Fernem,
Nicht in Neapels herrlichem Lande glänzt mir die Villa,
Duften Orangen mir nicht die süßesten Wonnegerüche.
Zwar im Schatten der Bäume steht freundlich mein Haus mir gezimmert,
Rings umgeben von fruchtbaren Feldern, mit Bäumen bewachsen,
Und von grünenden Wiesen, die abwärts zum Bache sich dehnen,
Der durch die Erlen sich schleicht. Allein, sei auch unsere Gegend
Noch so lieblich und fruchtbar, sie bleibt nur trockene Prosa
Gegen Italiens Land, und es mag bei süßem Falerner
Und behaglicher Ruh‘ ein Lied wohl eher gelingen
Als bei herbem Most und Kräfte erschütternder Arbeit.

 

Ein Werk, das die Bekanntheit des Vorgängers und Anregers nun gar nicht erreicht hat (und ursprünglich, trotz seiner beachtlichen Länge von 15 Gesängen, auch gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war); und trotzdem gut zu lesen ist und den Hexameter sicher verwirklicht! Manchmal muss man zweimal ansetzen, um die Bewegungslinie zu finden, und manchmal sind halbe, ja sogar ganze Verse eine Ansammlung von vergleichsweise leeren Einsilbern (hier V3), aber insgesamt: doch!