Erzählverse: Der Hexameter (189)

Je bewusster man sich der verschiedenen im Hexameter – und das meint vor allem: im antikisierenden Hexameter! – möglichen Wortfüße ist, desto abwechslungsreicher und damit anziehender gestalten sich beim Schreiben die eigenen Verse. Ich stelle daher in lockerer Folge einige dieser Wortfüße vor – den Anfang macht der Mesomacer, also die Silbenfolge „Leicht-Leicht-Schwer-Leicht-Leicht“, in der metrischen Schreibweise:

◡ ◡ — ◡ ◡.

Klopstock hat diesen Wortfuß in seiner 32 Wortfüße umfassenden und nach der Wirkung der Füße – „Sanftes“, „Starkes“, „Munteres“, „Heftiges“, „Ernstvolles“, „Feierliches“, „Unruhiges“ – geordneten Wortfußliste unter „Munteres“ aufgeführt; diesen Eindruck kann man teilen oder nicht, sicher ist, dass die vier leichten Silben etwas flüchtiges bewirken, der gesamte Wortfuß also Leichtigkeit und Schnelligkeit vermittelt. Allerdings ist er dadurch dem Ohr auch wenig eindrücklich! Oft findet man diese Silbenfolge in der Zusammensetzung „Artikel + Adjektiv“ verwirklicht, so zum Beispiel im folgenden Vers aus dem ersten Gesang der „Gesundbrunnen“ von Neubeck:

Alles erhöhte die Feierlichkeit des bezaubernden Anblicks.

„Des bezaubernden“ ist der Mesomacer. Er wird hier aber nicht recht hörbar, weil das Adjektiv nicht eigenständig ist, sondern Bezug nimmt auf das folgende Substantiv, und das meint immer: auch rhythmischen Bezug. (Hinzu kommt hier, dass der „Absprungspunkt“, die vorhergehende schwere Silbe, recht unscheinbar ist!)

Stärker tritt der Mesomacer hervor, wenn er ein eigenständiges Satzglied bildet:

Doch du könntest vielleicht die Gesinnungen ändern in Zukunft, (Neuffer, Hilkar 1,119)

„Die Gesinnungen“ sind der Mesomacer, der als Objekt hier schon vernehmbarer ist!

Die du herab auf den Pfad des Verwegenen blickst mit der Unschuld (Baggesen, Parthenais 10,88)

Das gilt, wie hier erkennbar, auch für ein Genitiv-Attribut wie „des Verwegenen“.

Satzpausen am Anfang und am Ende des Wortfußes helfen, den Mesomacer hörbar zu machen:

Wehe, was soll mir geschehn! O Schande doch, wenn ich entflöhe,
Fort durch die Menge geschreckt! Doch entsetzlicher, wenn sie mich fingen,
Denn die anderen der Danaer scheuchte Kronion!


– Homer, Ilias 11,404ff; übersetzt von Voß. Der Mesomacer „Doch entsetzlicher“ ist deutlich wahrnehmbar und prägt sich ein!

Am deutlichsten vernehmbar, und damit als Gestaltungsmittelam nachdrücklichsten nutzbar, wird der Mesomacer aber, wenn er zusätzlich nachgestellt, was meint: vereinzelt, aus dem Satzgefüge gelöst wird! Noch einmal Baggesen, kurz vor der genanneten Stelle (10,74f):

Jetzt bei der Öffnung, durch welche nicht Schloss noch Riegel den Eingang
Wehrte, die leicht nur ein Heck, ein geflochtenes, gitterte, weilt‘ er,


Hier ist „ein geflochtenes“ deutlich hörbar und hat damit gewichtigen Anteil an der rhythmischen Gestaltung des Verses! Zusätzlich lenkt diese Vereinzelung den Blick auch inhaltlich schärfer auf die „Dinge an sich“, losgelöst aus den gewohnten Beziehungsmustern. Beispiele dafür finden sich bei den unterschiedlichsten Verfassern:

Und sie lächelten sanft, die beweglichen, nickten dem Alten
Freundlich und gossen umher verschwenderisch Leben und Licht aus,
Dass kein Mensch es ertrüg‘, und dass es die Götter entzückte.


– Sagt Goethe in der „Achilleis“ (90ff) über die Horen, „die beweglichen“. Den so genutzten Mesomacer in den eigenen Hexametern zu verwenden, kann schöne Wirkung haben – man sollte es auf jeden Fall auf einen Versuch ankommen lassen!

Zm Schluss noch ein kurzer Blick über den Hexameter hinaus – der Mesomacer findet sich ja auch anderswo!

In „Der zürnende Jüngling“ – verwendet Johann Heinrich Voß einen aus vier steigenden Ionikern gebildeten Vers, in dem der dritte Ionikus regelmäßig durch einen Mesomacer ersetzt ist („Auflösung der zweiten Länge in zwei Kürzen“ nach antikem Vorbild):

◡ ◡ — —, ◡ ◡ — —, ◡ ◡ — ◡ ◡, ◡ ◡ — —

So entfleuch denn, o du Jungfrau, die so freundliche Melodie singt,

Das hat Wirkung, und eine ganz eigene, vom Hexameter verschiedene, in dem eine Folge von vier „leichten“ Silben ja nicht möglich ist!

Erzählverse: Der Hexameter (188)

Dass sich der Hexameter mit einem zweiten, anders gebauten Vers zu einem Verspaar verbindet, ist nichts ungewöhnliches! Allerdings gestaltet sich dann der ganze Text auf Grundlage dieses Verspaares, eine Praxis, von der Friedrich Gottlieb Klopstock in „An die nachkommenden Freunde“ abweicht – er verbindet, dabei ohne festes Muster wechselnd,  gleich drei verschiedene Verse als „Zweitvers“ mit dem Hexameter – diese:

X x x X

X x (x) X x x X

X x (x) X x (x) X x x X

Das gibt dem Gedicht einen ungewöhnlichen Aufbau; und auch der Inhalt ist, na ja: auf aufregende Weise eigenartig …

Unter Blumen, im Dufte des rötlichen Abends, in frohes
Lebens Genuss,
Das, mit glücklicher Täuschung, zu jugendlichem sich dichtet,
Ruh‘ ich, und denke den Tod.
Wer schon öfter als siebzigmal die Lenze verblüh’n, sich
Immer einsamer sah,
Sollte der Vergesser des Todes sein, des Geleiters
In die schönere Welt?
Wünschet‘ ich mir den Beginn zu erleben des neuen Jahrhunderts;
Wäre der Wunsch nicht ein Tor?
Denn oft säumet, zwischen dem Tod‘ und dem Leben, ein Schlummer-
Leben; ist nicht Leben, nicht Tod!
Und wie würde das mich bewölken, der immer sich jedem
Schlummer entriss.
Trennung von den Geliebten, o könnt‘ ich deiner vergessen;
So vergäß‘ ich des Todes mit dir.
Doch nichts schreckliches hat der Gestorb’ne. Nicht den Verwesten
Sehen wir, seh’n nicht Gebein;
Stumme Gestalt nur erblicken wir, bleiche. Ist denn des Maies
Blume nicht auch, und die Lilie weiß?
Und entfloh nicht die Seele des blumenähnlichen Toten
In die Gefilde des Lichts,
Zu den Bewohnern des Abendsterns, der Winzerin, Majas,
Oder Apollos empor,
Zu des Arktur, Zynosuras, des Sirius, oder der Ähre,
Asteropens, Zelenos empor?
Oder vielleicht zu jenes Kometen! der, flammend vor Eile,
Einst um die Sonne sich schwang,
Welche der schöneren, die der Erde strahlet, ihn sandte
Auf der unendlichen Bahn.
Glänzender flog der Komet, und beinah der sendenden Sonne
Unaufhaltbar, so schnell
Schwang der Liebende sich. Er liebt die Erde. Wie freut er,
Als er endlich näher ihr schwebt,
Da sich des Wiederseh’ns! Zu der Erde schallt ihm die Stimme
Aus den jungen Hainen hinab,
Aus den Talen der Hügel, der Berge nicht; und die Winde
Heißt er mit leiserem Fittige wehn:
Alle Stürme sind ihm verstummt, und am ehernen Ufer
Schweigt das geebnete Meer.

Erzählverse: Der Hexameter (187)

Das Beiwort im Hexameter (V)

August Wilhelm Schlegel merkte zum „schwerhinwandelnden Hornvieh“ samt vergleichbaren Bildungen an:

Freilich ist die Zusammensetzung nicht echt, und zerfällt von selbst wieder in ihre Bestandteile. Die erste Silbe bleibt, trotz der Weglassung des Zwischenraumes beim Schreiben, ein eignes bestimmendes Nebenwort, da es durch nichts von dem, was die wahre Wortvereinigung erfordert, mit dem darauf folgenden Partizipium in Eins verknüpft wird. Vo trennt selbst einmal Il.XXI,524: „in trüb aufstürmender Brandung“. Was ihm diese Zusammenstellung empfohlen hat, ist ohne Zweifel ihre prosodische Beschaffenheit.

Da ist was dran – wenn Voß im Stolberg-Text aus (186) diese (schönen!) Verse hat:

Und nun trat aus dem Licht ein Unsterblicher: seine Gestalt war
Morgenglanz, sein Gewand ein feurigwallender Nordschein.

Dann könnte da statt „feurigwallender“ genausogut „feurig wallender“ stehen?! Aber hm … Bei

Und zur Priesterin weiht‘ ich die keusche, heilige Jungfrau
Im Orakel der hohen Natur: dass sie täglich, mit Nektar
Sprengend die sternenhellen und töneduftenden Kränze,
Aus dem Getön weißsagte; und Völker von Morgen und Abend
Beteten an die Natur, des Unendlichen sichtbare Gottheit.

könnte statt „töneduftenden“ auch „Töne duftenden“ stehen; allerdings, je nach Zusammenhang, könnte es auch „von Tönen duftenden“ meinen, und dann wäre es mit reinem Auseinanderschreiben ja nicht getan!

Suche den einsamen Nachtigallhain, den rosenumblühten,
Murmelnden Bach, und den See, mit Abendröte bepurpert,
Und im reifenden Korne den haselbeschattenen Rasen;

Hier ist es eindeutig, denke ich: „von Rosen umblühten“, „von Hasel beschattenen“. Und dann ist das eine Wahl, die den Schreibenden hilft: in der Zusammenschreibung fällt eine leichte Silbe weg, in der Auseinanderschreibung steht eine leichte Silbe zur Verfügung! Und das gibt Möglichkeiten beim Versbau.

Erzählverse: Der Hexameter (186)

Das Beiwort im Hexameter (IV)

Was uns ein ungewöhnliches Beiwort ist, war nicht immer eins. „Fernherwandelnd“, wie bei Hölderlin, findet sich zum Beispiel auch bei Siebenpfeiffer. Bei dem geht eigentlich eher das Lämpchen „Hambacher Fest“ an; aber Hexameter hat er auch geschrieben, so diese beiden aus „Rudolph und Helmina“:

Frühe, begleitet vom Strahl der fernherwandelnden Sonne,
Stiegen die beiden hinan den sanft sich hebenden Fahrweg.

Andere „Fernher-Bildungen“ sind „fernherrauschend“, „fernherklingend“, „fernhertönend“, „fernherflüsternd“, „fernherkommend“ – oder „fernherschreitend“, was ich eben in „Der verlorene Sohn“, einer „epischen Schilderung“ nach biblischem Vorbild von einem Pfarrer namens Trautschold, gelesen habe:

Liebe zum Leben, du tief im Herzen verschlossener Funken,
Wunderbarer und mächtiger Trieb: Wie flammest du hoch auf,
Wenn das Verderben, das grässliche, fernherschreitend uns nachsetzt!

Neben Hölderin ist mir aber in dieser Hinsicht vor allem Voss im Ohr (Aus „An Friedrich Leopold, Grafen zu Stolberg“):

Allda ruht‘ ich vom sinnenden Gang‘, am beschatteten Bergquell,
Horchend der lockenden Wachtel im grünlichen Rauche der Ähren,
Und dem Wogengeräusch, und dem fernhersäuselnden Südwind.

Und da gibt es noch Dutzende Bildungen, von denen ich nichts weiß … Wie sieht es denn mit „fernhinwandeln“ aus? Wo ein „her“ ist, ist auch ein „hin“:

Nicht ist es unser Geschenk, was der fernhinwandelnden Erde
Wir zu göttlichem Trost bringen aus himmlischem Land!

Das ist nun allerdings ein Distichon, aus Mosengeils „Dichterweihe“. Womit wir aber einen Schritt näher sind an der Quelle solcher Beiwörter: Homer, beziehungsweise seiner Übersetzung durch Voss. Aus der Ilias:

Doch du weidetest, Phöbos, das schwerhinwandelnde Hornvieh
Durch die waldigen Krümmen des vielgewundenen Ida.

Und dieses „schwerhinwandelnde Hornvieh“ hat dann durchaus Karriere gemacht …

Erzählverse: Der Hexameter (185)

Das Beiwort im Hexameter (III)

Das Beiwort von vorneherein „besonders“ zu bilden und klingen zu lassen, ist eine Möglichkeit, es im Hexameter wirkungsstark zu verwenden; eine zweite ist, es beweglich zu machen, meint, es von seiner in der Prosa fast ausschließlich verwendeten Stellung vor dem Hauptwort zu lösen und hinter das Hauptwort zu bringen! Hölderlin, „Der Archipelagus“:

Bis, erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen
Aufgeht, jugendlich froh, und der Liebe segnender Odem
Wieder, wie vormals oft, bei Hellas blühenden Kindern,
Wehet in neuer Zeit und über freierer Stirne
Uns der Geist der Natur, der fernherwandelnde, wieder
Stilleweilend der Gott in goldnen Wolken erscheinet.

Einmal ein besonderes Beiwort, das dieses Auszeichnung auch verdient, und dann die Nachstellung! Dass Hölderlin hier auch im Satzbau recht anspruchsvoll ist, hat mit der Nachstellung aber nichts zu tun; die kommt auch in viel einfacher gebauten Versabschnitten vor!

Denn es ruhn die Himmlischen gern am fühlenden Herzen;
Immer, wie sonst, geleiten sie noch, die begeisternden Kräfte,
Gerne den strebenden Mann und über Bergen der Heimat
Ruht und waltet und lebt allgegenwärtig der Äther,
Dass ein liebendes Volk in des Vaters Armen gesammelt,
Menschlich freudig, wie sonst, und e i n Geist allen gemein sei.

Man kann, das nur zur Ergänzung, aber auch vorne Bei- und Hauptwort durch ein Fürwort vertreten lassen und sie dann hinten zusammen nachreichen; auch das wird ganz gerne gemacht, hier von Hölderlin wieder in einem … sprachlos machenden Satzgebäude.

Erzählverse: Der Hexameter (184)

Das Beiwort im Hexameter (II)

Es ist schon eine eigenartige Sache mit der Wortbildung. „Oma pellt Kartoffeln“, „Peter spielt Trompete“, „Napoleon besiegt die Preußen“ – da liegt ein Satzmuster zugrunde, das jeder kennt und bei dem keiner irgendwelche Bedenken hat, es für eigene, nie zuvor verwendete Sätze nutzbar zu machen – „Der Frosch stapelt Farbpatronen“ (bestimmt hat genau den, nur um mich zu ärgern, dann doch schon wer benutzt!). Nun ist „Wortbildung“ sicher nicht das gleiche wie „Satzbildung“, aber: Im wesentlichen geht es genauso! Es gibt ein Muster, zum Beispiel: „handverlesen“, „mundgeblasen“, „naturbelassen“, „angstgetrieben“, „schweißgebadet“ – und nach diesem Muster kann sich jeder seine eigenen Worte bauen. Das Gute am Hexameter ist, dass er durch  seine rhythmischen Anforderungen an den Schreibenden diesen, solche Möglichkeiten auch in Anspruch zu nehmen; über die allgemein bekannten, in der Prosa immer wieder zu lesenden Beiwörter hinaus eigene zu suchen und zu finden. Ich schaue noch einmal bei Baggesen rein (II,171):

Wandte sich schnell zu den Holden der herzerbitterte Nordfrank,

„Nordfrank“ ist hier Eigenname; und das „herzerbittert“ ist das Beiwort, das nach dem gut bekannten, eben vorgestellten Muster gebaut ist. Es wirkt erst einmal ungewohnt, ist aber gut verständlich und erreicht den Leser gerade durch seine Frische!

Erzählverse: Der Hexameter (181)

Was der Hexameter nicht will, weil er es nicht kann: unanschaulich werden. Wie aber dann zum Beispiel Maße beschreiben? Friedrich Rückert findet in einer Epistel, die den Angeschriebenen auffordert, für das schreibende „Ich“ einen als Geschenk gedachten Spiegel zu kaufen, diese Lösung:

Also, wie breit und wie lang? So lang und so breit als genug ist,
Nicht für ein Prunkgemach, ein fürstliches, sondern ein stilles
Örtchen, wo er soll hangen, um keinerlei Ort zu beneiden.
Also nur eben so lang, dass, wenn das Mädchen hineinschaut,
Unter dem zierlichen Köpfchen der Hals auch noch und des Busens
Oberste Ränder sich zeigen, die schwellenden, ohne dass drüber
Über den Spiegel hinaus entrücket werde das Häubchen.
Und desgleichen so breit nur wenigstens, dass ich zu höchster
Not, wenn ich enge genug an die Schläf‘ ihr mich schmieg‘, in dem Glase
Ihrem Gesicht zur Seite mein eigenes kann mit den dunklen
Locken sehn, wie die Wolke, die schattende, neben der Sonne.

Man kann diese elf Verse noch auf manch andere Eigenschaft hin abklopfen, und mit Gewinn; aber die art, wie Rückert hier eben nicht „40x80cm“ schreibt, ist schon für sich ein helles Licht auf das, was den Hexameter ausmacht …

Erzählverse: Der Hexameter (180)

Wenn man es wirklich will, kann man in einem Hexameter eine ganze Menge an Klangwirkung unterbringen. Ernst Moritz Arndt beginnt „An Antonia Amalia, Herzogin von Württemberg“ mit diesem Vers:

 

Knabe war ich, es drang kein Klang von gewaltigen Dingen

 

Das ist von der Versbewegung her ein gut gebauter Vers. In Bezug auf den Klang verliert er aber ein wenig das Maß … Da ist einmal der unmittelbare Reim „drang – Klang“; dann aber auch der Umstand, dass die ersten fünf Hebungssilben alle den Vokal „a“ aufweisen; und schließlich die Alliterationen der Hebungssilben in der ersten und in der zweiten Vershälfte: „Knabe – Klang“, „war – wal“, „drang – Ding“.

Uffa. Da war vielleicht weniger mehr; aber ein wirksamer Vers, trotz allem!

Erzählverse: Der Hexameter (179)

Als Gegenstück zu den in (178) angegebenen „gereimten Strophen unter Hexameterbeteiligung“ hier Werner Bergengruens „Capri VI, Castiglione“ (aus Figur und Schatten, Nymphenburger Verlagshandlung 1958, S. 101):

 

Liebstem Gassengewirr, begrünter Enge entkommen,
Heißer atmender, hast du bewachsene Felsen erklommen,
Schmales Mauergeviert an verfallener Burg der Korsaren,
Unter dir Blau, von verbrannten, versunkenen Schiffen befahren.
fauchender Panter, fährt aufspringender Wind dir entgegen,
Seeräuberwind der Freiheit! Sturmvogelschwingen in Schlägen!
Mit sich reisst er dein herz, du hängender über den Meeren.
Hochaufschäumende Flut am Bug bemannter Galeeren!
Und phönikisches Volk, sarazenisch entflammte Haufen!
Schwellende Jugend der Welt, Normannen und Hohenstaufen!
Aufschrei reisigster Kraft!: verscholl, versank in Gemäuer.
Aber da blieb der Ölbaum, es blieb der Weinstock getreuer.

 

Also „Hexameter-Reimpaare“. Hm. Bergengruen war allemal Dichter genug, um über das folgende lächelnd hinwegschweigen zu können:  Ich mag diese Verse nicht. Der Reim ist im besten Fall eine Ablenkung; aber im Eigentlichen vollkommen versfremd …

Erzählverse: Der Hexameter (178)

Hexameter und Reim vertragen sich nicht. Am wenigsten fällt das wohl auf, überführt man den Hexameter in eine Strophe und verbindet ihn darüber hinaus mit anderen Versen. Zwei Beispiele:

 

Wettgesang

Heute belauscht‘ ich am Bach wetteifernde Hirtengesänge,
Und schwellend hob sich meine Brust
Beim anschmeichelnden Hauch einfältiger landlicher Klänge
Von Liebesleid und Sommerlust.
Kunstlos war der Gesang, auch prunklos waren die Singer,
Und selber schmucklos war die Flur;
Doch vom Himmel ein Glanz war irdischer Mängel Bezwinger,
Ich sah verklärte Lichtnatur.
Hört, nicht wie es entsprang, wie mir in bezauberten Ohren
Das umgebot’ne Hirtenlied
Sein ursprüngliches Nackt im tönenden Schmucke verloren,
Und wie ich selbst den Streit entschied.

 

– Friedrich Rückert. Ein Hexameter und als Kurzvers dabei ein iambischer Vierheber – ein „iambischer Dimeter“, wie das die Alten genannt hätten. Insgesamt ein „1. pythiambisches Distichon“ (das 2. hat einen sechshebigen Iambus – einen „iambischen Trimeter“ – als Zweitvers). Rückert nennt das ein „modernes Idyll“ – passt wahrscheinlich, „Alte Form“ + „Reim“?!

 

An Braga (erste Strophe)

Komm, du Geber des Sangs, Apollens Besieger o Braga,
Bei mir warten dein Braten und Fisch,
Komm, sonst hol dich der Teufel, Papa der Barden und Aga,
Komm an meinen beschüsselten Tisch!

– Ludwig Hölty. Auch eine alte Form, ein „alkmanisches Distichon“, Hexameter + katalektischer daktylischer Vierheber, eben ein „alkmanischer Vers“, wahrscheinlich in aller Kürze so am sinnvollsten darstellbar: X x (x) / X x (x) / X x x / X. Zwei solcher Distichen in einer Strophe verbunden, und wie bei Rückert kreuzgereimt – das scheint möglich? Auch hier ein Gegensatz zwischen Süden (alte Form) und Norden (Reim); das muss aber sicher nicht sein. („Papa„, übrigens, wie damals üblich …)