Erzählverse: Der Hexameter (161)

Heute bin ich durch einen freundlichen Kommentar zu Der Hexameter (52) auf Carel Vosmaer aufmerksam geworden, einen niederländischen Homer-Übersetzer, der aber auch eigene Texte in Hexametern geschrieben hat; „Londinias“ zu Beispiel. Nun kann ich zwar so gar kein Niederländlisch, aber das macht  zumindest bei den ersten beiden Versen nichts -wie so viele ernste wie weniger ernste Hexameter-Dichtungen beginnt auch die Vosmaers mit einer Musenanrufung:

 

Muze, bezing me den tocht van ’t viertal mannen uit Neerland
Over de schuimende zee, naar de rossenbedwingende Britten.

 

Und da hört man dann auch: die Hexameterbewegung, die einfach immer da ist, ganz gleich, welche Sprache den Vers gerade ausbildet. Schon erstaunlich …

Muse, besinge die Fahrt mir der vier Gefährten aus Neerland
Über das schäumende Meer zu den rossebeherrschenden Briten.

Das taugt als Übersetzung wahrscheinlich so gar nicht (wie gesagt …); ist aber auch nicht wichtig, wichtig ist nur die Versbewegung und ihre Wiedererkennbarkeit!

Na, ich werde noch ein wenig herumstöbern in der „Londinias“. Lohnt sich bestimmt …

Erzählverse: Der Hexameter (160)

Abraham Gotthelf Kästner (beim Verserzähler in diesem Eintrag näher vorgestellt) war ein unbedinger Anhänger des Reimes; für reimlose Verse hatte er nur Spott übrig. Den goss er dann allerdings auch schon einmal, der Verdeutlichung wegen sozusagen, in Hexameter:

 

Auf gewisse Gedichte

Aufgeduns’nes Gewäsch in reimlos ametrischen Zeilen,
Verse nennt ihr’s? Es ist nur tollgewordene Prosa.

 

Von Kästners Vorlieben (und Vorurteilen) abgesehen – das sind zwei gut gebaute, gut sich bewegende, gut klingende Hexameter eines Dichters, der nicht eben für sein rhythmisches Geschick bekannt war?! Und wie immer bei Epigrammen, die aus zwei Hexametern bestehen, ist der Vergleich mit dem Distichon aus Hexa- und Pentameter sinnvoll; Wie wird hier, wie da der Eindruck von Geschlossenheit und Vollständigkeit erreicht?

Erzählverse: Der Hexameter (159)

Ich habe mir heute, zum ersten Mal seit Jahren, ein Buch gekauft; für einen Euro gab es aus den Magazinbeständen einer Stadtbibliothek „Sämtliche poetische Werke“ von Johann Peter Uz zu erwerben, einen Nachdruck der entsprechenden Ausgabe von 1890. Schon erstaunlich, was die früheren Leser dieser Stadtbibliothek so alles angeboten bekommen haben …

Im Band selbst findet sich neben den Gedichten von Uz (der, auch wenn er heute vergessen ist, ein guter Dichter war!) viel anderes Wissenswertes, so der Hinweis auf ein Ode von Johann Jacob Bodmer, der gegen die anakreontischen Anwandlungen Uz‘ anschreibt, hier: gegen das Weintrinken das Wassertrinken als überlegen beschreibt.

 

Sieh mich an, ich trinke die Flut des sprudelnden Baches,
Was ich für fröhliche Stunden da trinke!
Süße, nicht brausende Lust, und der ich mir selber bewusst bin,
Die mir nicht unterm Genusse verschwindet.

 

Inhaltlich sage ich da nichts zu … Die Verse sind nicht schlecht gemacht, sowohl die Hexameter als auch die ihnen beigesellten daktylischen Vierheber (eine andere Art von „Zweivers“ als das elegische Distichon aus Hexa- und Pentameter). Was auch meint: Wenn man sie laut liest, haben sie Schwung und eine klar geformte Bewegungslinie!

Eigentlich verträgt sich der Hexameter mit so gut wie allen „Zweitversen“ … Einfach selbst versuchen und ein eigenes so gestaltetes Verspaar ins Leben rufen – es lohnt sich!

Erzählverse: Der Hexameter (158)

„Eginhard und Petronilla, oder Die Eifersucht auf der Probe“ ist ein kurzes Hexameter-Stück von Johannes Daniel Falk, bei dem schon der Titel vermuten lässt, hier gehe es nicht allzu ernst zu … Der junge Ehemann täuscht die alte Ehefrau, um mit deren Zofe Annettchen zusammensein zu können:

 

Als nun ambrosisch die Nacht aufdämmerte, schlich die Gemahlin
Leis‘ und als Zofe vermummt in den Park, der Gemahl in Annettchens
Kämmerlein. Das, was ihr weiter begegnete, lässt sich erraten.
„Kleine Schäkerin du“, rief Eginhard, „büßen anjetzo
Sollst du mir List und Betrug!“ – und sie ließ es sich gerne gefallen.
Während in Hitz‘ und in Frost die betrogene Alte nun zähnklappt,
Schlummerte traulich dies Paar und in Liebe gesellt auf dem Lager.

 

Inhaltlich muss das nicht weiter vertieft werden, glaube ich; aber ich mag Falks Hexameter, angefangen vom Bau des dritten (mit seinem Einschnitt nach dem ersten Daktylus) bis zum „zähnklappt“ des vorletzten und der dem Vers gerecht werdenden freieren Satzstellung des letzten. Oder dem „geschleiften Spondäus“ „Nacht auf- / dämm-“ des ersten. Oder noch anderes; feine Verse, deswegen!

Erzählverse: Der Hexameter (157)

Es gibt unzählige Sonette über das Sonett, und nicht viel weniger Distichen über das Distichon; bei anderen Formen sind solche „Selbstbezüge“ seltener, aber immer doch vorhanden. Emanuel Geibel hat zum Beispiel „Deprekation“ geschrieben, und als Untertitel / Gattungsbezeichnung „Epistel“ hinzugefügt; und diese Epistel handelt – vom Briefeschreiben. Der Anfang:

 

Stets von allem Geschäft in der Welt das verhassteste war mir,
Briefe zu schreiben. So leicht mir das Wort in lebendiger Rede
Fließt, wenn die Sache mich reizt, so schwer entströmt es der Feder,
Langsam, brüchig und kalt, als ob auf dem längeren Umweg
Aus dem Herzen aufs Blatt mir Gefühl und Gedanke gefrören.
Kaum, dass ich munter begann, gleich blickt die verwünschte Kritik mir
Über die Schulter herein, und den Ausdruck allzu bedenklich
Wägend verpfusch‘ ich ihn leicht zu farblos steifer Korrektheit,
Statt im behaglichen Fluss frischweg von der Leber zu plaudern
Ganz, wie der Schnabel mir wuchs. (…)

 

Das sind, wie immer bei Geibel, formsichere, aber nicht besonders aufregende Verse, die zum Verständnis des Hexameters aber gerade darum viel beitragen können. Ihr Inhalt jedenfalls scheint in Bezug auf Geibel als Briefeschreiber wahr gewesen zu sein – der Schauspieler Max Grube schreibt diesbezüglich:

Besonders peinigten ihn die Antwortschreiben auf die ihm zur Prüfung übersandten Manuskripte, welche oft von recht unberufener Hand herrührten, die er aber doch mit rührender Gewissenhaftigkeit behandelte.

Einmal hatte ihm eine Dame vier Bände Poesie geschickt, noch dazu in augenmörderischer Schrift. Geibel war empört. „Diese Frechheit, rief er einmal über das andere, „aber ich habe es ihr auch geschrieben – eine wahre Unverschämtheit!“ Nach einer Weile setzte er hinzu: „Item, lieber Grube, Sie können mir ehrlich sagen, ob ich nicht zu grob geworden bin. Ich habe den ganzen Vormittag über den Brief gedacht.“ Und nun produzierte er ein Schreiben,

Mit dem könnt‘ eine Edelfrau
Am höchsten Feiertage geh’n.

Er erklärte es jedoch für den Inbegriff aller Grobheit und ich fürchte, er hat es sich noch einen Vormittag kosten lassen, um den herben Inhalt in noch freundlichere Worte zu fassen.

Das eingeschobene Zitat ist aus dem Faust I, wo der erste Vers vollständig „Ein Schmuck! Mit dem könnt‘ eine Edelfrau“ lautet. Aber man versteht, wie Geibel auf seine eigene, in der Epistel geäußerte Einschätzung kommt … Anders erging es ihm, so seine Aussage später in der Epistel, mit seinen Dichtungen, die nicht am Schreibtisch entstanden, sondern

 

Draußen im Freien, auf schweifendem Gang, wenn der Odem des Frühlings
Leis hinzog durch den Wald, mich bezaubernd, oder zur Herbstzeit,
Wenn von den Wipfeln das Laub sacht rieselte, goldenen Tränen
Ähnlich, und tief im Gemüt die entschlummerte Schwermut weckte.
Oder im Bette, des Nachts, aufdämmert‘ es mir, und am Morgen
War es zu Rhythmen erblüht, und fertig schrieb ich es nieder.

Erzählverse: Der Hexameter (156)

Gustav Pfizer hat ein seltsames Mischwesen erschaffen, das er „Ghasel“ überschrieben hat:

 

Hatte ich Wein getrunken am Morgen, um schnöd‘ zu vergessen,
Dass zu verzeih’n des Propheten Gebot ist?
Schmerz hat den Spiegel der Seele betrübt, nicht bedacht ich, dass Zürnen
Nicht zum Leben der Weg, nur zum Tod ist.
Treffen wollt‘ ich dein Herz, doch mein Pfeil jetzt vom eigenen Blute
Und vom Weinen das Auge mir rot ist.
Zürne, Geliebter, mir nicht! Schon duld‘ ich jegliche Strafe,
Die dem Verräter der Liebe gedroht ist.
Trotzig zog ich zum Kampf, doch die blaue Kling‘ ist gebrochen
Und besudelt die Fahne von Kot ist.
Wisse, dass Jammer mein Ross, und träumende Sorge mein Lager,
Tränen mein Wein und Kummer mein Brot ist.
Einst war ich reich an Zimmet und Weihrauch; aber dem Armen
Kaum noch vom Pfunde übrig ein Lot ist.
Kehre, o Holder, zurück! Du weißt, dass Hafis zum Leben
Liebe und Liebe genießen so not ist.

 

Das ist, denke ich, aus vielerlei Gründen ein schlechtes Gedicht; formal gesehen hält es die Vorgaben des Ghasels nicht ein, das ja ein Reimschema der Form aa xa xa xa … verlangt; dann benutzt es Hexameter in einem Reimgedicht, und ein „Bewegungsvers“ im Rahmen einer „Klangform“ ist nie ein guter Gedanke. Immerhin reimt sich nie der Hexameter, sondern die Reime auf „-ot“ (samt dem Überreim „ist“) stehen in den kürzeren Vierhebern; aber trotzdem.

Wieder einmal ein Beispiel, dass die Vermischung von Formen, die gegensätzliche Ansprüche an die Sprache stellen, zu einem unverträglichen Gemisch führt, in dem das eine Prinzip so wenig wie das andere wirken kann.

Erzählverse: Der Hexameter (155)

Georg Trakls „Frühling der Seele“ ist ein Gedicht aus 29 bewegungsstarken Langversen verschiedenster Art; keinesfalls ein Hexametertext, aber es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sich unter solchen Langversen keine Hexameter fänden?! Und wirklich, zwei Hexameter kann man heraushören:

 

Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes?
Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.

 

In Trakls Text stehen zwischen diesen beiden Versen sechs andere; aber sie können auch gut unmittelbar aufeinanderfolgen. Was nicht wundert: Gute Hexameter sind immer eine Einheit, etwas Abgeschlossenes, in sich Ruhendes; und der Mensch ist ein Sinnsucher ohnegleichen, wenn zwei zusammengestellte, „fertige“ Verse durch ihr Neben- und Nacheinander einen Sinn behaupten, wird ein Sinn gefunden werden!

Erzählverse: Der Hexameter (154)

Ludwig Wellmers „An die erste Schwalbe“, von dem ich den ersten Teil gebe, ist ein Gedicht, das einen zweiten Blick wert ist; allerdings nicht wegen seiner Hexameter (obwohl sie in Ordnung sind), sondern weil es ein „Fußnotengedicht“ ist; der Stern am Ende der dritten Zeile verweist nämlich auf eine solche Fußnote!

 

Bist du wieder erwacht, du freundlicher Bote des Frühlings?
Heiter entstiegen dem Grab, das kalt und feucht dich umhüllte?
Trauernd senktest du dich vom schwankenden Schilfe des Sees *
Tief in den Abgrund der Nacht, dort still auf ewig zu schlummern.
Aber dich hat ein Gott umschleiert mit dichtem Gewebe,
Wehrend des Elements feindselig zerstörenden Kräften,
Bis du, erwärmet vom Hauch des lebensausspendenden Lenzes,
Freudig begrüßest das Licht, die Flügel im Äther entfaltend.

* Bekanntlich senken sich viele Schwalben im Spätherbst auf diese Weise in Seen und Flüsse, wo sie tief auf dem Grunde bis zum Eintritte des Frühlings in einem todähnlichen Zustande ruhen.

 

„Bekanntlich“. Hm. Aber trotzdem gut, dass die Fußnote da ist, ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts; sonst verstünde man den Inhalt der Verse gar nicht … Und vielleicht sind ja gerade Hexameter-Texte in ihrer Wirklichkeitsgier der geeignete Ort für das eine oder andere „Sternchen“!

Erzählverse: Der Hexameter (153)

Die Grundform des Hexameters, in der alle Versfüße bis auf den letzten dreisilbig sind (also schwer – leicht – leicht), ist vergleichsweise selten. Das leuchtet ein: Ein metrisch geregelter Vers lebt auch von dem Wechselspiel zwischen Wiederholung und Abwandlung, und wird die Grundform, die sonst als Vergleichsgröße im Hintergrund mitschwingt, voll verwirklicht, fällt die Abwandlung weg, und die Wiederholung herrscht! Weswegen ein solcher Vers selbstverständlich möglich ist, mehrere davon hintereinander aber selten vorkommen.

 

Morgen, verschlafener Morgen, wie lange noch denkst du zu schlafen?

 

Ein Vers im unverwechselbaren Ton Friedrich Rückerts, der hier die Grundform verwirklicht:

— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ || ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡

Ein schöner Vers, der durch seine Gliederung der Eintönigkeit des Metrums entgegenwirkt. Zwei derartige Verse hintereinander klingen so:

 

Mich mit den Frohen zu freuen, zu schauen den herbstlichen Jubel
Bin ich herauf von den Hütten der gastlichen Freundschaft gestiegen.

 

– So Friedrich Hölderlin in seinem frühen Werk „Die Teck“, das noch wenig von der Sprachgewalt der späten Hexameter Hölderlins zeigt; und auch diese beiden Verse sind nicht schlecht, aber im Verbund doch ein wenig zu schnell, zu flüchtig?!

 

Aber ein lockenumkräuselter Knab‘, wie der lachende Amor,
Thanatos, scheinst du mir hier, in dem flimmerndem Schutte Pompejis,
Spielend mit goldigem Staub und mit Scherben zerbrochener Vasen.

 

Drei solcher Verse, zu finden in „Euphorion“, geschrieben von Ferdinand Gregorovius. Der Eindruck von eintöniger Flüchtigkeit hat sich sehr verstärkt, und es wunderte nicht, verlöre der Text die Aufmerksamkeit des Lesers / Hörers, ginge das über noch längere Strecken so!

Aber, wie gesagt: Ein einzelner derartiger Vers ist üblich und in seinem Verzicht auf die Abwechslung – auch selbst eine Art von Abwechslung.

Erzählverse: Der Hexameter (152)

Eduard Engel schrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Literaturgeschichte einen bedenkenswerten Satz anlässlich Julius Grosses Versdichtung „Gundel vom Königssee“:

Eine gute Novelle, aber nur eine, wie es sehr viele in Prosa gibt; man empfindet die gewählte Form, den Hexameter, als eine Überflüssigkeit, ja einen Missgriff.

Aha!? Da redet jemand einer Unterscheidung der Erzählweisen das Wort; in der Prosa so, im Vers aber anders … Und das sicher zu recht!

Wobei das gefällte Urteil der „Gundel“ nicht ganz gerecht wird … Der Anfang:

 

Horch! Schon läuten sie aus bei den Franziskanern am Berge,
Und der Schall der Posaunen ertönt – Klarinetten und Waldhorn –
Bautz, ein krachender Böllerschuss, weiß wirbelt der Rauch auf –
Bautz, noch einer und jetzt laut knallen die Büchsen der Bauern;
Wie im Geplänkel der Schacht hinflattert Geschrei und Geschnatter.

 

Da macht sich der Hexameter als Formkraft schon bemerkbar, einerseits durch die nachdrückliche Bewegung vor allem des dritten und fünften Verses, andererseits auch durch die freiere Satzstellung vor allem des vierten Verses?!