Erzählverse: Der Hexameter (164)

Ludwig Gotthard Kosegartens „Hymne an die Tugend“ lässt einen heutigen Leser fassungslos zurück. Nicht, weil sie wirklich schlecht wäre (obwohl sie, andererseits, auch nicht besonders gut ist); mehr, weil die sinnfreie Begeisterung, zu der sich ihre Hexameter aufschwingen im Lobpreis völlig abstrakter Konzepte, heute so gar nicht mehr als Mittel dichterischer Darstellung verstanden wird. Ein ganz knapper Ausschnitt:

 

Der du ernsten Blicks, gehorsamheischenden Anstands,
Hader schlichtend, und Frieden gebietend, und Brüder versöhnend,
Jene Scharen durchwallst: wer bist du, Himmelgeborner?
Rede, wer bist du! Wer trittst du einher so ruhigen Schrittes?
Sei mir gegrüßt in deinem Vermögen! Dich grüßen die Völker,
Grader gerechter Sinn! Des Rechtes ewiger Ecksein!
Goldner Pfeiler der himmlischen Ordnung! Schrecken des Drängers!
Aber der Leidenden Hort, ein Schild der flüchtenden Unschuld.

 

– Aber wer weiß: Vielleicht sollte das einmal wieder jemand versuchen; ganz ohne Wirkung bleibt es doch nicht, und das meint die Wirkung über die Erheiterung hinaus, denn unfreiwillig komisch wirkt dieser Text wohl unvermeidlich!

Erzählverse: Der Hexameter (163)

Josef Magnus Wehners „Herbstelegie“ lässt schon in den Naturschilderungen des Anfangs eine eigene Stimme vernehmen:

 

Öffnest du, bläulicher Herbst, so früh schon die Herbe des Todes?
Tummelnde Wildnis versank, es wächst an die Wolke der Stromleib
Und an den Hügeln verhaucht schon am Mittag die spärliche Goldsprut.
Schicksal, da hüllst du dich auf aus luftverhangnen Gedanken,
Bietest dem Träumenden Zeit und Tod den Schlangen des Wachstums.
Einwärts blindet der Baum, es grast ihm der Wind seine Augen,
Blumen verstrahlen ihr Haupt in die schüchterne Wallung der Wurzel,
Ungeborenen Kindern gleicht Wuchs und Versenkung der Wesen.

 

Schon der Gedanke, eine Elegie nicht wie üblich in Distichen, sondern in reinen Hexametern zu schreiben, ist ja ein Zeichen von Eigenständigkeit! Wie belastbar die ganze Elegie inhaltlich ist, will ich nicht beurteilen; die Verse jedenfalls sind durchgängig sicher gebaut und auch wirkungsvoll, an sich und im Dienste der Aussage. Hier noch einige aus dem Mittelteil:

 

Tote besuchen mich nachts und reden verzauberte Worte,
Wandern und kreisen am Bett, und manche sind friedlich und scheiden,
Manche gebärden sich wild, dem Gepfähle der Erde entbrochen,
Betteln für Odem und Blut mit schwärzlichem Blicke und warten,
Bis ihnen traumhaft rinnt ein fremdes Blut, das ich opfre.
Höret, ich fürchte mich nicht, ihr Toten aus drangvollen Gräbern,
Trag ich doch selber den Tod in Tiefen, die euch noch verhohlen.

 

Hier sind die Versschlüsse weniger gut gestaltet als in den Anfangsversen, aber insgesamt herrscht doch ein Eindruck von Fülle und Kraft vor, der die Verse in ihrer Bewegung durchaus anziehend macht!

Erzählverse: Der Hexameter (162)

Hexameter und Reim

Zwei Größen sind für jeden metrisch geregelten Vers von entscheidender Bedeutung, seine Bewegung und sein Klang; eine dieser Größen ist dabei die Grundlage des Verses, während die andere, obwohl sie für das Gelingen des Verses genauso wichtig ist, sich dienend unterordnet.

Ist, wie im Reimvers, der Klang die Grundgröße: dann achtet der Verfasser zwar auf eine anziehende und abwechslungsreiche Versbewegung, wählt sie aber so, dass sie auf den Gleichklang am Versende hinführt.

Ist, wie im Hexameter, die Bewegung die Grundgröße: so achtet der Verfasser auch auf einen vollen und abwechslungsreichen Klang, will aber mit ihm die Linien der Versbewegung erfahrbar machen.

Daher ist dem Hexameter der Endreim fremd, denn der Reim lenkt die Aufmerksamkeit des Hörers auf den Gleichklang am Schluss des Verses und zieht sie ab von der Grundgröße, der Versbewegung, die am Beginn des Verses einsetzt und dann auf die den Hexameter bestimmenden Art den Versraum durchschwingt.

Trotzdem können, wenn schon nicht Endreime, so doch  Gleichklänge im Hexameter gebraucht werden. Gleich einen dreifachen Gleichklang benutzt Anton Wildgans im Kirbisch (7,72-73), um den Augenblick zu beschreiben, in dem ein zuvor heimlich weitergereichtes Gerücht öffentlich wird:

 

Was das Vöglein gewispert, am hellichten Tage gedieh es
Dort zum staunenden, raunenden, endlich posaunenden Chorus!

 

Neben dem Reim fällt auch die falsche Zäsur nach dem dritten Fuß auf; der Vers ist kaum noch als Hexameter erfahrbar. Auch die Verseingänge sind schwach, und einer davon, „Was das“, ist sogar eine Art Gleichklang; und ja, derlei zu vermeiden lohnt sich!

Verse wie diese beiden sind möglich, aber rar, und sie benötigen immer eine starke inhaltliche Begründung. Im Allgemeinen gilt: Hexameter reimen sich nicht!

Erzählverse: Der Hexameter (161)

Heute bin ich durch einen freundlichen Kommentar zu Der Hexameter (52) auf Carel Vosmaer aufmerksam geworden, einen niederländischen Homer-Übersetzer, der aber auch eigene Texte in Hexametern geschrieben hat; „Londinias“ zu Beispiel. Nun kann ich zwar so gar kein Niederländlisch, aber das macht  zumindest bei den ersten beiden Versen nichts -wie so viele ernste wie weniger ernste Hexameter-Dichtungen beginnt auch die Vosmaers mit einer Musenanrufung:

 

Muze, bezing me den tocht van ’t viertal mannen uit Neerland
Over de schuimende zee, naar de rossenbedwingende Britten.

 

Und da hört man dann auch: die Hexameterbewegung, die einfach immer da ist, ganz gleich, welche Sprache den Vers gerade ausbildet. Schon erstaunlich …

Muse, besinge die Fahrt mir der vier Gefährten aus Neerland
Über das schäumende Meer zu den rossebeherrschenden Briten.

Das taugt als Übersetzung wahrscheinlich so gar nicht (wie gesagt …); ist aber auch nicht wichtig, wichtig ist nur die Versbewegung und ihre Wiedererkennbarkeit!

Na, ich werde noch ein wenig herumstöbern in der „Londinias“. Lohnt sich bestimmt …

Erzählverse: Der Hexameter (160)

Abraham Gotthelf Kästner (beim Verserzähler in diesem Eintrag näher vorgestellt) war ein unbedinger Anhänger des Reimes; für reimlose Verse hatte er nur Spott übrig. Den goss er dann allerdings auch schon einmal, der Verdeutlichung wegen sozusagen, in Hexameter:

 

Auf gewisse Gedichte

Aufgeduns’nes Gewäsch in reimlos ametrischen Zeilen,
Verse nennt ihr’s? Es ist nur tollgewordene Prosa.

 

Von Kästners Vorlieben (und Vorurteilen) abgesehen – das sind zwei gut gebaute, gut sich bewegende, gut klingende Hexameter eines Dichters, der nicht eben für sein rhythmisches Geschick bekannt war?! Und wie immer bei Epigrammen, die aus zwei Hexametern bestehen, ist der Vergleich mit dem Distichon aus Hexa- und Pentameter sinnvoll; Wie wird hier, wie da der Eindruck von Geschlossenheit und Vollständigkeit erreicht?

Erzählverse: Der Hexameter (159)

Ich habe mir heute, zum ersten Mal seit Jahren, ein Buch gekauft; für einen Euro gab es aus den Magazinbeständen einer Stadtbibliothek „Sämtliche poetische Werke“ von Johann Peter Uz zu erwerben, einen Nachdruck der entsprechenden Ausgabe von 1890. Schon erstaunlich, was die früheren Leser dieser Stadtbibliothek so alles angeboten bekommen haben …

Im Band selbst findet sich neben den Gedichten von Uz (der, auch wenn er heute vergessen ist, ein guter Dichter war!) viel anderes Wissenswertes, so der Hinweis auf ein Ode von Johann Jacob Bodmer, der gegen die anakreontischen Anwandlungen Uz‘ anschreibt, hier: gegen das Weintrinken das Wassertrinken als überlegen beschreibt.

 

Sieh mich an, ich trinke die Flut des sprudelnden Baches,
Was ich für fröhliche Stunden da trinke!
Süße, nicht brausende Lust, und der ich mir selber bewusst bin,
Die mir nicht unterm Genusse verschwindet.

 

Inhaltlich sage ich da nichts zu … Die Verse sind nicht schlecht gemacht, sowohl die Hexameter als auch die ihnen beigesellten daktylischen Vierheber (eine andere Art von „Zweivers“ als das elegische Distichon aus Hexa- und Pentameter). Was auch meint: Wenn man sie laut liest, haben sie Schwung und eine klar geformte Bewegungslinie!

Eigentlich verträgt sich der Hexameter mit so gut wie allen „Zweitversen“ … Einfach selbst versuchen und ein eigenes so gestaltetes Verspaar ins Leben rufen – es lohnt sich!

Erzählverse: Der Hexameter (158)

„Eginhard und Petronilla, oder Die Eifersucht auf der Probe“ ist ein kurzes Hexameter-Stück von Johannes Daniel Falk, bei dem schon der Titel vermuten lässt, hier gehe es nicht allzu ernst zu … Der junge Ehemann täuscht die alte Ehefrau, um mit deren Zofe Annettchen zusammensein zu können:

 

Als nun ambrosisch die Nacht aufdämmerte, schlich die Gemahlin
Leis‘ und als Zofe vermummt in den Park, der Gemahl in Annettchens
Kämmerlein. Das, was ihr weiter begegnete, lässt sich erraten.
„Kleine Schäkerin du“, rief Eginhard, „büßen anjetzo
Sollst du mir List und Betrug!“ – und sie ließ es sich gerne gefallen.
Während in Hitz‘ und in Frost die betrogene Alte nun zähnklappt,
Schlummerte traulich dies Paar und in Liebe gesellt auf dem Lager.

 

Inhaltlich muss das nicht weiter vertieft werden, glaube ich; aber ich mag Falks Hexameter, angefangen vom Bau des dritten (mit seinem Einschnitt nach dem ersten Daktylus) bis zum „zähnklappt“ des vorletzten und der dem Vers gerecht werdenden freieren Satzstellung des letzten. Oder dem „geschleiften Spondäus“ „Nacht auf- / dämm-“ des ersten. Oder noch anderes; feine Verse, deswegen!

Erzählverse: Der Hexameter (157)

Es gibt unzählige Sonette über das Sonett, und nicht viel weniger Distichen über das Distichon; bei anderen Formen sind solche „Selbstbezüge“ seltener, aber immer doch vorhanden. Emanuel Geibel hat zum Beispiel „Deprekation“ geschrieben, und als Untertitel / Gattungsbezeichnung „Epistel“ hinzugefügt; und diese Epistel handelt – vom Briefeschreiben. Der Anfang:

 

Stets von allem Geschäft in der Welt das verhassteste war mir,
Briefe zu schreiben. So leicht mir das Wort in lebendiger Rede
Fließt, wenn die Sache mich reizt, so schwer entströmt es der Feder,
Langsam, brüchig und kalt, als ob auf dem längeren Umweg
Aus dem Herzen aufs Blatt mir Gefühl und Gedanke gefrören.
Kaum, dass ich munter begann, gleich blickt die verwünschte Kritik mir
Über die Schulter herein, und den Ausdruck allzu bedenklich
Wägend verpfusch‘ ich ihn leicht zu farblos steifer Korrektheit,
Statt im behaglichen Fluss frischweg von der Leber zu plaudern
Ganz, wie der Schnabel mir wuchs. (…)

 

Das sind, wie immer bei Geibel, formsichere, aber nicht besonders aufregende Verse, die zum Verständnis des Hexameters aber gerade darum viel beitragen können. Ihr Inhalt jedenfalls scheint in Bezug auf Geibel als Briefeschreiber wahr gewesen zu sein – der Schauspieler Max Grube schreibt diesbezüglich:

Besonders peinigten ihn die Antwortschreiben auf die ihm zur Prüfung übersandten Manuskripte, welche oft von recht unberufener Hand herrührten, die er aber doch mit rührender Gewissenhaftigkeit behandelte.

Einmal hatte ihm eine Dame vier Bände Poesie geschickt, noch dazu in augenmörderischer Schrift. Geibel war empört. „Diese Frechheit, rief er einmal über das andere, „aber ich habe es ihr auch geschrieben – eine wahre Unverschämtheit!“ Nach einer Weile setzte er hinzu: „Item, lieber Grube, Sie können mir ehrlich sagen, ob ich nicht zu grob geworden bin. Ich habe den ganzen Vormittag über den Brief gedacht.“ Und nun produzierte er ein Schreiben,

Mit dem könnt‘ eine Edelfrau
Am höchsten Feiertage geh’n.

Er erklärte es jedoch für den Inbegriff aller Grobheit und ich fürchte, er hat es sich noch einen Vormittag kosten lassen, um den herben Inhalt in noch freundlichere Worte zu fassen.

Das eingeschobene Zitat ist aus dem Faust I, wo der erste Vers vollständig „Ein Schmuck! Mit dem könnt‘ eine Edelfrau“ lautet. Aber man versteht, wie Geibel auf seine eigene, in der Epistel geäußerte Einschätzung kommt … Anders erging es ihm, so seine Aussage später in der Epistel, mit seinen Dichtungen, die nicht am Schreibtisch entstanden, sondern

 

Draußen im Freien, auf schweifendem Gang, wenn der Odem des Frühlings
Leis hinzog durch den Wald, mich bezaubernd, oder zur Herbstzeit,
Wenn von den Wipfeln das Laub sacht rieselte, goldenen Tränen
Ähnlich, und tief im Gemüt die entschlummerte Schwermut weckte.
Oder im Bette, des Nachts, aufdämmert‘ es mir, und am Morgen
War es zu Rhythmen erblüht, und fertig schrieb ich es nieder.

Erzählverse: Der Hexameter (156)

Gustav Pfizer hat ein seltsames Mischwesen erschaffen, das er „Ghasel“ überschrieben hat:

 

Hatte ich Wein getrunken am Morgen, um schnöd‘ zu vergessen,
Dass zu verzeih’n des Propheten Gebot ist?
Schmerz hat den Spiegel der Seele betrübt, nicht bedacht ich, dass Zürnen
Nicht zum Leben der Weg, nur zum Tod ist.
Treffen wollt‘ ich dein Herz, doch mein Pfeil jetzt vom eigenen Blute
Und vom Weinen das Auge mir rot ist.
Zürne, Geliebter, mir nicht! Schon duld‘ ich jegliche Strafe,
Die dem Verräter der Liebe gedroht ist.
Trotzig zog ich zum Kampf, doch die blaue Kling‘ ist gebrochen
Und besudelt die Fahne von Kot ist.
Wisse, dass Jammer mein Ross, und träumende Sorge mein Lager,
Tränen mein Wein und Kummer mein Brot ist.
Einst war ich reich an Zimmet und Weihrauch; aber dem Armen
Kaum noch vom Pfunde übrig ein Lot ist.
Kehre, o Holder, zurück! Du weißt, dass Hafis zum Leben
Liebe und Liebe genießen so not ist.

 

Das ist, denke ich, aus vielerlei Gründen ein schlechtes Gedicht; formal gesehen hält es die Vorgaben des Ghasels nicht ein, das ja ein Reimschema der Form aa xa xa xa … verlangt; dann benutzt es Hexameter in einem Reimgedicht, und ein „Bewegungsvers“ im Rahmen einer „Klangform“ ist nie ein guter Gedanke. Immerhin reimt sich nie der Hexameter, sondern die Reime auf „-ot“ (samt dem Überreim „ist“) stehen in den kürzeren Vierhebern; aber trotzdem.

Wieder einmal ein Beispiel, dass die Vermischung von Formen, die gegensätzliche Ansprüche an die Sprache stellen, zu einem unverträglichen Gemisch führt, in dem das eine Prinzip so wenig wie das andere wirken kann.

Erzählverse: Der Hexameter (155)

Georg Trakls „Frühling der Seele“ ist ein Gedicht aus 29 bewegungsstarken Langversen verschiedenster Art; keinesfalls ein Hexametertext, aber es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sich unter solchen Langversen keine Hexameter fänden?! Und wirklich, zwei Hexameter kann man heraushören:

 

Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes?
Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische.

 

In Trakls Text stehen zwischen diesen beiden Versen sechs andere; aber sie können auch gut unmittelbar aufeinanderfolgen. Was nicht wundert: Gute Hexameter sind immer eine Einheit, etwas Abgeschlossenes, in sich Ruhendes; und der Mensch ist ein Sinnsucher ohnegleichen, wenn zwei zusammengestellte, „fertige“ Verse durch ihr Neben- und Nacheinander einen Sinn behaupten, wird ein Sinn gefunden werden!