Erzählverse: Der Blankvers (130)

Erich Freiherr von Feuchtersleben beginnt „Die Dioskuren“, den ersten Text seiner „Mythen“, in recht belehrender Weise:

 

Erhabnes Gleichgewicht ist Göttertugend,
Was Menschen adelt, wurzelt im Gefühl.
Des Geists Erhebung wie der Seele Neigung
Reißt Sterbliche zu schönen Wundern fort,
Die selbst der Götter Herzen sanft berühren,
Weil nur der Mensch sie wirkt und wirken kann.
Des Helden Tod, der ernsten Pflicht Erfüllung,
Der Lieb‘ und Treue rührende Gestalt –
Man sieht sie im Olymp, und selige Götter,
Das ewig heitre Gastmahl unterbrechend,
Sie nehmen Teil an dem verwandten Stamm,
Und Beifall nicken sie dem Sohn des Staubes,
Wenn er des Staubes Erbteil groß verwirft.

 

Das konne eigentlich nur das 19. Jahrhundert schreiben? Aber der Blankvers kommt auch damit gut zurecht.

Erzählverse: Der Blankvers (129)

„An eine unbekannte Schauspielerin nach einem Operettenabend“ hat Christian Morgenstern einen seiner Blankvers-Texte genannt. Er beginnt so:

 

Du siehst jetzt auch vielleicht auf deine Decke,
darunter sich dein schlanker Körper zeichnet,
und sinnst dem Rätsel deines Lebens nach…
Das wilde, wüste, aufgejagte Treiben
des Abends fiel zusammen wie ein Schaum,
von dem das Meer zurücktrat stumm und tot.
Die Maske liegt, der taube Trödel liegt
verachtet irgendwo, das Auge lächelt
nicht fürder; jener tiefe Leidenszug,
der abends schon dein Lächeln abgelöst,
beherrscht, verdunkelt nun dein Antlitz ganz.

 

Ein versgewordenes Nach-Denken im eigentlichen Sinn, und auch hier: Der Blankvers fasst es mit der größten Selbstverständlichkeit.

Erzählverse: Der Blankvers (128)

Im Sommer 1876 schrieb Ferdinand von Saar einen „Nachruf“, ohne zu erwähnen, wer denn da gestorben war. Denn, so hebt das Gedicht erklärend an:

 

Ich nenn‘ dich nicht. Wozu auch? Wer dich kannte,
Der weiß, wem diese Trauerrhythmen gelten –
Und wer dich nicht gekannt, wem bloß dein Name
Entgegenklang im wirren Lärm des Tages,
Dem sei genug das ernste Dichterwort:
Dass du ein edler, seltner Mensch gewesen.

 

Nun gut: Dichter, die verlangen, dass man ihnen glaube, weil sie doch Dichter sind. Das hat man schon einmal gehört … Aber eine eigenartige Idee trotzdem, und selbstredend eine, die umzusetzen dem Blankvers keinerlei Mühe macht.

Erzählverse: Der Blankvers (127)

„Michelangelo“ von Hugo Salus ist kein ganz schlechter Text, aber er überzeugt auch nicht völlig:

 

Vor einem Marmorblock in tiefer Nacht
Senkt Michelangelo die müde Hand,
Die göttliche, die Leben wecken kann,
Und die der Hammer heut zu Boden zieht.
Er wirft den Meißel fort, er senkt die Stirn;
Er seufzt; ihn fröstelt, denn die Nacht ist kalt.
„Kalt wie mein greises Herz, kalt, kalt und leer!“
Er blickt um sich. Die Steine höhnen: „Schutt!
Was war dein Leben? Plag und Meißelschlag,
Und keine Sonne lachte deinem Weg.
Was starrst du, wie ein Nachtgespenst, auf uns?
So lache doch! Wie hell lacht Raffael,
Der Sonne ist und Licht und Glück und Leben!“
Und Angelo stöhnt auf: „Weh, Raffael!
Weh, Raffael, der mich den Neid gelehrt,
Den Bettlerneid vor Krösus üppiger Schwelle!
Du großer Michelangelo, so klein,
So niedrig, so verzerrt von Neid! Weh dir,
Dass du so groß bist, um so klein zu sein!
Wie stahlst du dich noch gestern, neidgehetzt,
Aus Raffaels Garten! Bäume, Blumen, Frauen,
Die Männer rings, der Papst, wer sträubte sich
Und neigte sich nicht vor dem Göttlichen?
Er nahm es hin, als freudigen Tribut,
Und dankte kaum und senkte nur das Haupt
Vor Einem in der Runde, nur vor dir!
Da, weißt du’s? stieg der Neid dir auf im Herzen,
Die Eifersucht, der finstre Groll, die Scham,
Ohnmächtiger Neid! und knirschend schlichst du fort!
Pfui, Michelangelo!“ – Der Meister bebt;
Er löscht das Licht. Er brütet in die Nacht.
„Nein“, fährt er auf, „so niedrig bin ich nicht!
Dass doch der Morgen tagte! Raffael,
Zu deinen Füßen will ich Mitleid flehen:
Du bist der Sieger!“ Schritte, leise Stimmen.
Die Türe weicht. – „Was willst du noch, Antonio?
Was schläfst du nicht?“ „O Herr, wer schliefe heut?
Seid stark! Beherrscht euch! Hört das Furchtbare:
Sitzt nieder. Fasst euch! Raffael ist tot!“

 

Mir zumindest kommt es vor, als liefe das Gedicht ein kleinwenig leer. Hm. Vielleicht lohnt ja ein Vergleich mit dem schon vorgestellten Michelangelo-Gedicht Conrad Ferdinand Meyers, Il Pensieroso?!

Erzählverse: Der Blankvers (126)

Kaum ein Vers ist so wandlungs- und anpassungsfähig wie der Blankvers. In „Sokrates und der Jüngling“ gibt er Nikolaus Götz Raum für dessen ganz eigenen, nachlässig-anziehenden Ton:

 

Ein Jüngling tat auf seine Schönheit stolz:
Den führte Sokrates zu Phöbus Tempel,
Wo dieser schöne Gott in Marmor stand.
„Was spräche der, wofern er sprechen könnte,
Mit Wahrheit von sich selber?“, fragt er ihn.
Der Jüngling gibt zur Antwort: „Dieser spräche
Mit Wahrheit von sich selber: Ich bin schön.
„Warum“, erwiderte der weise Grieche,
„Stolzierst du denn mit Gaben eines Steins!
Willst du nicht höher als ein Stein dich schätzen?“

 

So waren sie, die der Überzeugungsarbeit zugetanen „weisen Griechen“ … Aber auch wenn hier mancher Ausdruck schon etwas fremd klingt:  Gut gemachte Verse!

Erzählverse: Der Blankvers (125)

Wilhelm Waiblinger vergleicht am Anfang von „An Karl von Bonstetten“ die Jugend mit „einer Rose Blütenbild“, ehe er zum Alter kommt:

 

Nicht so das Alter. Denn das Leben gleicht
Dem Bergstrom, der aus unbetretnen Höhn
Herabrauscht und durch Abgrund und Geklüft
Wildschäumend seine grüne Bahn sich bricht,
Und endlich frei und schön, im weiten Bett,
Von Fels und Fesseln länger nicht beengt,
In heitrer Klarheit fließt; das Unfer lacht
Mit Menschen, Dörfern, Früchten um ihn her,
Und spiegeleben, segenbringend trägt
Für menschlich Wirken er das stolze Schiff.
Das ist der Greis. Dem frommen Altertum
War er der Weisheit und der Tugend Bild.

 

„Bild“, ja … Das ist hier vielleicht nichts besonderes, aber die Art, wie die ausschließlich betont schließenden iambischen Fünfheber hier den Inhalt tragen – ruhig, zutiefst selbstverständlich -, ist schon ein Reinhören wert?!

Erzählverse: Der Blankvers (124)

Hugo von Hofmannsthals „Glückliches Haus“ ist ein kurzer Text, nur sechzehn Verse:

 

Auf einem offenen Altane sang
Ein Greise orgelspielend gegen Himmel,
Indes auf einer Tenne, ihm zu Füßen,
Der schlanke mit dem bärtigen Enkel focht,
Dass durch den reinen Schaft des Oleanders
Ein Zittern aufwärtslief; allein ein Vogel
Still in der Krone blütevollem Schein
Floh nicht und äugte klugen Blicks herab.
Auf dem behauenen Rand des Brunnens aber
Die junge Frau gab ihrem Kind die Brust.

Allein der Wanderer, dem die Straße sich
Entlang der Tenne ums Gemäuer bog,
Warf hinter sich den einen Blick des Fremden
Und trug in sich – gleich jener Abendwolke
Entschwebend, über stillem Fluß und Wald –
Das wundervolle Bild des Friedens fort.

 

Das hilft sicherlich, einen Eindruck von Abgeschlossenheit und Vollkommenheit zu erzeugen, und auch der Inhalt, der nichts weiter verlangt als Beschreibung, ist kein Hindernis in dieser Hinsicht. Aber trotzdem: Wie Hofmannsthal hier die Blankverse gestaltet, mit gelegentlicher doppelt besetzter Senkung und allem. ist schon sehr beeindruckend!

Erzählverse: Der Blankvers (123)

Der Tod wird uns an seine Hände nehmen,
Der Führer jener Seelen, welche irrten,
Und sprechen: „Dieses ist der rechte Weg!“
Und weiter sprechen: „Dieses ist das Land,
Nach welchem ihr Verlangen habt und Tränen.“
Dann aber werden wir die Blicke senken
Und voller Trauer fragen: „Dieses nur?“

 

Sieben Blankverse aus einem längeren Gedicht Walter Calés, die aber wunderbar für sich alleine stehen können; und dann mit den letzten beiden Versen, mit der Schlussfrage eine ganz eigenartige, dringliche Wirkung haben …

Erzählverse: Der Blankvers (122)

Als 1771 Johann George Scheffners „Gedichte im Geschmack des Grécourt“ erschienen, war die Aufregung groß: Nach den Maßstäben der Zeit waren sie ungemein freizügig. Was sich dann zum Beispiel so las – das Ende von „Ein lehrreicher Traum“, in dem Amor einem schlafenden Mann erscheint und ihn anspricht:

 

„Dies ist“, hier wies er seinen kleinen Szepter,
„Der Heber, der die wundertät’gen Säfte
Wollüstig eintrinkt, und dann aus sich spritzt;
Leg ihn nur an den Rand der Nektarschale,
Er wird sich bald mit ihr vertraut vereinigen,
Und weißer Schaum wird ihn und sie umziehn.
Füll lang, beglückter Jüngling, Chloens Becher,
Er öffne sich, wenn du dich dürstig näherst,
Wie Rosen, wenn sich West und Sonne nah’n,
Und wenn du gnung aus diesem Kelch getrunken,
Dann küss zur Stärkung Chloens vollen Busen,
Und trinke Wein aus ihrer hohlen Hand.“

 

Heutzutage ist die Reaktion auf derlei vielleicht etwas unaufgeregter … Betrachtet man den Vers, so fällt auf, dass der fünfte Vers ein wenig unregelmäßig ist: „vereinigen“, was man aber einfach als „verein’gen“ lesen kann oder eben mit zweisilbig besetzter Schlusssenkung. In der erweiterten Ausgabe „Gedichte nach dem Leben“ (1792) ist auch dieser Gedichtschluss erweitert:

 

„Dies ist“, hier wies er seinen kleinen Szepter,
„Des Allgewalt die Schäferin und Fürstin
Erkennen, und der sie oft bis zur Ohnmacht rührt,
Dies ist der Heber, dessen wundertät’ges Druckwerk
Die Menschensaat zum Mutterschoße führt.
Leg ihn nur an den Rand der Nektarquelle,
Ihr mildes Nass wird ihm die Wege glätten
Und mischt sich gern mit ihrem Lebensöl.
Füll lang und fleißig Chloens Becher,
Er öffnet sich, wenn du dich durstig näherst,
Wie Rosen, wenn sich West und Sonne nahen;
Und wenn nach manchem Meisterzug aus ihm
Ein kleiner Müdheitsschau’r dich überfällt,
Dann küss zur Stärkung Chloens Schwanenbusen,
Schlürf etwas Wein aus ihrer Hand:
Doch wenn vom Wein und diesem Stärkungskusse
Die Lust zum Trunk aus meinem Lieblingsschälchen
Nicht wiederkehrt, dann leg dich hin und – schlaf.“

 

Erweitert ist dabei auch die Unregelmäßigkeit – V3 und V4 sind entweder sechshebig oder haben zwei doppelt / mehrfach besetzte Senkungen, zusätzlich stellt sich ein Reim ein (V3, V5)! Sehr eigenartig … Am Ende, im viertletzten Vers, ist dann noch ein Vers zu einem Vierheber verkürzt, wobei die lange Sprechpause aber den fehlenden Versfuß halbwegs ausgleicht?!

Inhaltlich läuft der Text nicht mehr einfach aus, sondern gönnt sich noch eine kleine Pointe; das tut ihm sicher gut.

Erzählverse: Der Blankvers (121)

Der Bergmann Heinrich Kämpchen schrieb in den Zeiten der Industrialisierung den mit drei Versen sehr knapp-lakonischen Text „Der Gedanke“ :

 

Dampf heißt der Gott des Tages. Die Maschine
ersetzt den Menschen. Nur des Menschen Geist,
den Gottesfunken Denkkraft kann sie nicht ersetzen.

 

Und so war das auch. Heute, über hundert Jahre später, spielt der Dampf eine kleinere Rolle; und ob die Maschinen den „Gottesfunken Denkkraft“ werden ersetzen können, klärt sich vielleicht bald?!

Die Eignung des Blankverses für eher epigrammatische Texte lässt sich an diesem Dreizeiler jedenfalls gut überprüfen!