Erzählverse: Der Blankvers (72)

In Ferdinand von Saars „Die Kuh“ durchwandert das „Ich“ einen sonnigen Herbstmorgen, als die Idylle jäh unterbrochen wird:

 

Da hört‘ ich lauten Aufschrei – und gewahrte,
Wie eine Kuh aus nied’rem Koben brach –
Und hinterdrein, halbwüchsig kaum, ein Mädchen,
Das wie in Todesangst den Schweif des Tiers
Umklammert hielt, um es am Flieh’n zu hindern.
Zu schwach doch war der Ärmsten Kraft; geschleift
Auf steilem Abhang, ließ sie endlich los,
Dieweil Frau Blässe rasch mit tollen Sätzen
Feldeinwärts sprang. (…)

 

Das Mädchen wird vom eigentlichen Wächter aufs heftigste beschimpft; der Schluss der Tirade:

 

„Nun auf! Nun lauf und bring‘ sie mir zurück –
Wenn dir dein Leben lieb ist, Gottverfluchte!“
So schrie er wild und mit geballten Fäusten,
Nach Odem ringend, in ohnmächt’ger Wut.

 

Entzückend. Das „Ich“ ist ratlos, wird dann aber der Notwendigkeit einer Entscheidung enthoben!

 

Ich selber – ratlos stand ich; wusste nicht,
Sollt‘ ich den Mann begüt’gen, sollt‘ ich rasch
Statt jener armen Kleinen nach der Kuh
In Lauf mich setzen – als ich plötzlich sah,
Wie diese, gleichsam sich besinnend, anhielt,
Dann, leichthin tänzelnd, wie nur Kühe tänzeln,
Den Schweif gehoben, sich zur Heimkehr wandte
Und munt’ren Brüllens nach dem Koben lief,
Den Jammer endend, den sie wachgerufen …

 

Ich bin nicht sicher, ob das ein gutes Gedicht ist; aber die letzten fünf Verse haben mich doch sehr für den Text eingenommen! Da bewegt sich die Sprache so geschickt und anmutig, und die Vorstellung ist so klar vermittelt, dass man einfach ganz und gar aufgeht im Geschilderten!

(Wer noch auf ein anderes Beispiel für „die Kuh in der Verserzählung“ neugierig ist, kann bei Hexameter (33) vorbeischauen!)

Erzählverse: Der Blankvers (71)

Wilhelm Hauffs „Der Schwester Traum“ erzählt von einer Schlafenden, die in der letzten Nacht des Jahres Besuch von den Seelen der Toten erhält. Ein Ausschnitt:

 

Sie schlummert; und es nahen die Verlornen,
Die schönen Toten, ihrem stillen Lager,
Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf
Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.

Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder
Als blühende, als irdische Gestalten;
Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden,
Nicht wie sie um den trauten Winterherd
Die schaurig-schönen Märchen dir erzählten,
Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz
Zum Maienfest die schönen Haare flochtest –
Dies alles blieb in ihrem frühen Grab.
Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer,
Umstrahlt von heil’gem, überird’schem Glanz.
Doch, sind die Blütenkränze abgestreift,
Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen,
Sie bringen doch die alte Liebe mit,
Und sanfter als in ihrer Erdenschöne,
Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht,
Das deine milden Züge still umschwebt,
Sind sie genaht, und deinem geist’gen Blick
Begegnen grüßend ihre lichten Augen,
Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.

 

Mir scheint, hier finden Satz und Vers sehr schön zusammen – die Erzählung enfaltet sich angenehm unaufgeregt und doch so abwechslungsreich, dass die Aufmerksamkeit des Lesers nie verloren zu gehen droht?!

Erzählverse: Der Blankvers (70)

Idyllisch, eigentlich schon kitschig kommt Ada Christens Blankvers-Text aus ihrem Zyklus „Fünf Treppen hoch“ daher; Gegenstand ist die erinnernde Beschreibung einer Heimat, eines Hauses, das liebevoll geschildert wird, ehe das Gedicht dann so schließt:

 

Ganz unterm Dache aber steckt ein Stübchen,
In dem nichts steht als nur ein Kinderbett.
Ein schläferiges Mägdlein knieet dort,
Das folgsam seine schmalen Hände faltet
Und mühsam nachlallt, was die alte Frau
– Mit ihrem Wackelkinn und tausend Runzeln –
Ihr vorspricht, jedes lange Wort betonend,
Als müsse Gott das ganz besonders hören.
Am Fenster lehnt ein Mann mit weißem Haar
Und ernsten, starken, aber gütigen Zügen.
Er regt die Lippen nicht, er betet leise,
Und seine raue schwielenvolle Hand
Legt federleicht er auf des Kindes Köpfchen,
Als übermannt von Schlaf es flüsternd umsinkt,
Und tiefe Atemzüge durch das Stübchen wehn …

 

Das ist keiner größeren Beachtung wert, eigentlich. Aber was doch auffällt, hier wie bei vielen anderen Gelegenheiten: Wie weit selbst ein sich stark an die Prosa anschmiegendes Versmaß wie der Blankvers einen Inhalt „beglaubigt“ – liest man den Text laut, versinnlicht man ihn: wirkt er deutlich überzeugender, als er es bei der stummen Betrachtung durch Auge und Verstand vermag!

Erzählverse: Der Blankvers (69)

„Wie die Kinder lesen“ von Hugo Freiherr von Blomberg ist ein Gedicht ohne größeren Tiefgang, dabei aber angenehm zu lesen!

 

Saht ihr einmal – wie freilich solltet ihr!
Doch schade drum, denn hold und lustig ist es!
Wenn meine Kleine, siebzehn Monde alt,
In Vaters Büchern oder Briefen liest?
Wie sie das Ding schon so verständig anfasst,
Den Zeilen emsig mit dem Finger folgt,
Und ihren ganzen, winzgen Wörtervorrat:
Papa, Mama, und Baba und Raubau
Mit ungemeiner Wichtigkeit und mit
Nicht mindrer Modulierung an den Mann bringt?
(Denn, wie natürlich, kennt sie noch kein Jota!)
Und wir, die Eltern – lach uns aus, wer mag!
Wir horchen wie aufs Evangelium
Und sagen: „Ei, wie schön kann Eva lesen!“
Dann blickt sie stolz und glücklich zu uns auf.

Mir aber wird oft wunderlich dabei
Zumut – und auf dem Bänkchen neben ihr
Mein‘ ich ein ganzes großes Publikum
In gleichem Lesewerk vertieft zu sehn;
Gar alt‘ und hochgelahrte Männer drunter
(Auch, dass es niemand übel nimmt, mich selbst,
obwohl ich eben keins von beiden bin)
Und halten tausend klein‘ und große Bücher,
Nicht etwa Märchen und Romane nur,
Im Gegenteil! Recht vollgewicht’ge Bände:
Der Künste Buch, wie das der Wissenschaft,
Den dicken grauen Tröster: „Weltgeschichte“,
Selbst jenes größte – schwer nur klappt sich’s auf!
Das alte, das „Natur“ betitelt ist:
Und lesen ernst und laut einander vor
Und leiten zeilenweis sich mit den Fingern,
Die großen nämlich -Kleinste hören zu;
Doch mancher, fürcht‘ ich, hält das Buch verkehrt,
Und A bis Z steht lustig auf den Köpfen.

Der große Vater aber, denk‘ ich mir,
Sieht lächelnd nieder auf die kleine Welt
Und streichelt manches kluge Lockenköpfchen,
Als spräch‘ er: „Wie das Kind schon lesen kann!“
Im Stillen aber sagt er: „Warte nur,
Nehm‘ ich dich einst aufs Knie und lehre dich,
Dann lernst du’s anders!

 

Also, wie gesagt: Das kann man so weglesen und sich gut unterhalten fühlen dabei. Ein wirklich gutes Gedicht ist es meinem Gefühl nach aber nicht; keine Letztform. Und das hat, denke ich, auch mit dem Vers zu tun: Der nicht so bedingungslos selbstverständlich ist, wie er es in einem solchen Gedicht sein muss – für den Leser nicht mehr zu bemerken, und trotzdem da und wirksam. Stattdessen ist ein gewisses Bemühen zu spüren, was sich inhaltlich auch in einer, wie es mir scheint, übertriebenen Anbiederung an den Leser ausdrückt. Wäre das alles nicht – das Gedicht gefiele mir noch um einiges besser! Gerade und besonders der Mittelteil.

Erzählverse: Der Blankvers (68)

Emanuel Geibels „Pfarrhausidyll“ ist ein Text wie viele dieses Verfassers: Sicher geschrieben und dadurch unausweichlich von einiger Wirkung. Aber eben auch ein Text, der sich kaum etwas traut, und dem vielleicht gerade deswegen das Besondere fehlt.

Geibels sichere Handhabung des Blankverses lässt sich auf jeden Fall nicht leugnen, und sich zu vergewissern, auf welche Weise er welche Wirkung erzielt: Das lohnt allemal!

 

Der Samstagabend dämmert. Draußen flockt
Der Schnee herab. Im Zimmer dunkelt’s tief,
Und nur des Ofens Flackerschein umspielt
Den großen Schreibtisch und den Bücherschatz,
Der Band an Band sich an den Wänden reiht.
In seinem Armstuhl ruht zurückgelehnt
Der junge Prädikant und übersinnt
Den Text noch einmal, den er andern Tags
Erläutern soll. Die Predigt hat er schon
Vollendet in der Früh‘, und eben jetzt
Schwebt ihm der Übergang zum Amen vor,
Der Segensspruch, mit dem er schließen will,
Wie wohl ein Gärtner den gelungnen Strauß
Zuletzt noch krönt mit einer Lilie.
Bewegt in tiefster Seele findet er
Das rechte Wort, und hoch und höher trägt
Ihn des Gedankens Adlerflug hinan:
Da tritt sein junges Weib herein mit Licht.
Doch wie sie des geliebten Mannes Stirn
Vom Strahl des Geistes überleuchtet sieht,
Erscheint er plötzlich schöner ihr wie sonst,
Voll fremder Hoheit, fast wie ein Prophet,
Und zaudernd bleibt sie auf der Schwelle stehn.

Erzählverse: Der Blankvers (67)

Christian Friedrich Scherenberg erlangte einige Bekanntheit mit Epen über die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens noch nicht allzu ferne napoleonische Zeit: „Waterloo“ (1849), oder auch „Abukir. Die Schlacht am Nil“ (1855). Daraus einige Verse, die zeigen, wie sich denn der Blankvers auf See bewährt; bei den Vorbereitungen auf die Schlacht, genaugenommen …

 

Noch einmal überschaut von seiner Höhe
Der Admiral den Halbmond seiner Flotte,
Des Hörnerspitzen fern im Dunst zerflossen.
Dann hob er wieder den gesenkten Stab,
Und winkte: „Fertig zur Aktion!“ Und rauschend,
Wie wenn das Drama auf den engen Brettern
Beginnen soll, der Vorhang aufrollt, rollt
Herab die Segelwand, und schwirrend, wie
Am Webstuhl, fliegt von Hand zu Hand die Arbeit
Auf knappem, straff umsponnenen Verdeck:
Gerefft wird, was losbändig, ausgehändet
Das Pulver, das Geschütz geladen, los
Gemacht die Taljen, durchgeholt das Stück,
Geöffnet sind die Luken, die Lunte brennt,
Der Stückmatrose tritt an seine Kanone,
Der Arzt legt aus sein Wundzeug – still ist alles.

 

Aber nicht lange … Na, worauf es ankommt: Ich finde, das kann man lesen (die Probe ist, wie immer, der eigene, laut gesprochene Vortrag), mitsamt der manchmal heftigen Zeilensprünge und der nicht immer klaren Wechsel zwischen den Zeiten. Die Verse werden als Verse erfahren; das allein zählt!

Erzählverse: Der Blankvers (66)

Georg Heyms „Dionysos“ ist ein langes Gedicht; ich stelle hier die letzten fünfzehn Verse vor. Heym hat Dreiergruppen von ungereimten iambischen Fünfhebern geschrieben, also: von Blankversen. Vielleicht könnte man auch „Strophen“ sagen; aber wirkliche Strophen wiederholten auch die Anordnung der „männlichen“ und „weiblichen“ Schluss-Silben; und das geschieht eben nicht, die Dreiergruppen haben mal diese Versenden, mal andere:

 

Sie passen in die Königskleider nicht,
Die Zwerge, die wie kleine Affen hocken
Im Götterpurpur auf der Blitze Thron.

Kehr wieder, Gott, dem Pentheus einst erlag.
Du Gott der Feste und der Jugendzeit.
Kehr wieder aus des Waldes grünem Reich.

Kehr wieder, Gott. Erlösung, rufen wir.
Erlöse uns vom Kreuz und Marterpfahl.
Tritt aus dem Walde. Finde uns bereit.

Wir wolln dir wieder Tempel bauen, Herr.
Wir wollen Feuer an die Kirchen legen,
Vergessen sei des Lebens Traurigkeit.

Wir flehn zu dir in mancher stillen Nacht.
Wir sehen hoffend zu den Sternen auf.
Tritt aus den Sternen. Hör das Rufen, Herr.

 

Ein wirkungsvolles Gedicht, keine Frage! Das sicher auch durch die Art geprägt wird, auf die Satz und Vers fast immer zusammenfallen; deckungsgleich sind. Wie das im Expressionismus im Allgemeinen und bei Heym im Besonderen halt so üblich war … Ob auch die Verteilung von betonten (Im Textausschnitt in großer Überzahl) und unbetonten Schluss-Silben eine Rolle spielt?! Wer weiß; dafür müsste man sicher das ganze Gedicht ansehen.

Erzählverse: Der Blankvers (65)

Es gibt unendlich viele völlig zurecht vergessene Gedichte, jedenfalls, wenn es ums ganze Werk geht; an einzelnen Stellen kann auch das schlechteste Gedicht etwas zu bieten haben, das aufhorchen lässt. Ein Beispiel ist „Der homerische Esel“ von Heinrich Joseph von Collin:

 

Wie laut Homeros oft den Esel rühmt,
Den nun die Welt nur mit Verachtung nennt.
Ich wag’s und preis‘ ihn auch, ein edles Tier!
Nur in der Knechtschaft wird er dumm und träge,
Was selbst der hohen Menschheit widerfährt;
Doch frei hüpft er, wie mutig, Wälder durch –
Er hat Gemüt, ist melancholisch worden.

 

Ja. Nichts besonderes, aber im vorletzten Vers hat Collin, zum Inhalt passend, eine versetzte Betonung im Versinnern:

Doch frei / hüpft er, / wie mu– / tig, Wäl– / der durch

Versetzte Betonungen im Versinnern gibt es beim Blankvers selten, und wenn, dann nach einem Sinneinschnitt, so dass die entstehende Sprechpause das Aufeinandertreffen der beiden betonten Silben abmildert. Hier stehen sie „einfach so“ nebeneinander, was aber gut zum „frei“ und zum „Hüpfen“ passt!

Erzählverse: Der Blankvers (64)

Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das literarische Deutschland erbittert darum stritt, auf welche Weise die Epen Homers ins Deutsche übertragen werden sollten, stand Gottfried August Bürger zuerst auf Seiten derer, die eine Übersetzung in fünfhebige reimlose Iamben bevorzugten; Blankverse also! Der Hexameter, das Versmaß Homers, schien zu fremd, iambische Verse dagegen galten als das deutsche Gegenstück des Hexameters; als das dem Deutschen eigene epische Maß. Bürger, als Dichter von einiger Befähigung, machte sich sogleich daran, Proben einer solchen Verdeutschung anzufertigen. Der Beginn des dritten Gesangs der Ilias:

 

Als jeglich Heer, samt seinen Obersten,
Geordnet war, zog mit Gekreisch und Lärm,
Den Vögeln gleich, der Troer Schar einher.
So lärmet durch die Luft ein Kranichflug,
Von Schlackerwetter und Dezemberfrost
verscheucht, und lärmet übern Wogenstrom
Des dunklen Ozeans dahin und bringt
Herab von oben den Pygmäen Mord
Und Untergang durch schwere Fehd‘ im Land.
Doch die Achäer rückten schnell heran,
Mutschnaubend, und gefasst in ihrem Sinn,
Für einen Mann zu stehn. Wie wenn der Süd
Die Wipfel des Gebirgs in Nebel hüllt,
Verhasst dem Hirten, aber günstiger
Dem Dieb als Mitternacht; denn rings umher
Kann Steinwurfweite kaum das Aug erschaun;
So stieg, von ihrem Fußtritt aufgewühlt,
Der Staub in Wirbelwolken in die Luft;
Denn rasch durchwandelten sie das Gefild.

 

– Das liest sich gut?! Und auch über eine längere Strecke würde wahrscheinlich keine Langeweile, keine Gewöhnung aufkommen, denn Bürger sorgt innerhalb seiner Verse für viel Abwechslung in Bezug auf die Bewegungslinien; wobei sogar alle Verse „männlich“ enden und die dem Blankvers offenstehende Möglichkeit, auch „weibliche“ Versenden zu verwenden, gar nicht in Anspruch genommen wird!

Trotzdem ging damals der Hexameter als Gewinner aus dem Wettstreit hervor; vor allem die Übersetzung von Johann Heinrich Voss verdrängte bald alle anderen Versuche.

 

Aber nachdem sich geordnet ein jegliches Volk mit den Führern,
Zogen die Troer in Lärm und Geschrei einher, wie die Vögel;

 

Ohne die Frage „Welche Fassung ist besser?“ stellen oder gar beantworten zu wollen: Was für ein Unterschied! Und der rührt fast ausschließlich von den verwendeten Versmaßen her … Ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Entscheidung für dieses oder jenes Maß am Anfang der Text-Planung ist.

(„Schlackerwetter“, sagt duden.de, ist „Wetter mit viel Schlackerschnee“; „Schlackerschnee“ wiederum sei „nasser, im Tauen begriffener Schnee“. Soll mal einer sagen, epische Texte vergrößerten nicht den Wortschatz …)

Erzählverse: Der Blankvers (63)

Leopold Schefer ist einer der vielen zu Lebzeiten berühmten, heute aber gut und gründlich vergessenen Dichter des 19. Jahrhunderts. Und das völlig zu Recht! Vor allem die eher didaktischen Gedichte, mit denen er bekannt geworden ist, kann man heute nicht mehr lesen. Tut man es aber doch, stellt sich schnell ein eigenartiges Gefühl ein – als steckte man den Kopf in eine Blechtonne, gegen die unaufhörlich getreten wird:

 

Das Sonnenstäubchen

Die Sonne zwar ist größer, aber nicht
Erstaunenswerter als – ein Sonnenstäubchen!
Der Mensch ist kleiner, aber nicht geringer
An Geist und Liebe als der Geist des Alls,
Und Gott und Mensch sind nur aus einem Stoff,
Dem einen Element im ganzen All.
Aus diesem Wort nimm dir Gesetz und Leben!

 

Ein unüblich kurzes, aber bezeichnendes Beispiel aus Schefers „Vigilien“ – manchmal ist ein Gedicht eben auch ein Holzhammer … Aber auch hier tut der Blankvers unbewegt und ungerührt seinen Dienst und ordet auch diesen Inhalt unauffällig, aber spürbar. Ein wunderbares Maß!