Erzählverse: Der Blankvers (115)

Folgende sechs Verse sind aus Michael Enk von der Burgs „Die Blumen“, gleich vorn aus der Ankündigung:

 

Dass keiner meinen Stoff mir niedrig nenne!
Vermag auch nicht im Heldenton die Muse
Ihr Lob zu singen; dennoch sind sie wert,
Dass heiter ihren Preis des Dichters Lied verkünde.
Denn was verdiente mehr des Liedes Preis
Als die, die unschuldsvoll, und zart, und reizend sind?

 

Das liest sich sehr angenehm, die Sprache fließt; was auch an der zwanglosen Art liegt, in der Enk Vier- und Sechsheber einmischt! HIer sind es der vierte und der sechste Vers, beide sind scheshebig; und obwohl man sie ohne großen Verlust fünfhebig halten könnte, schadet diese Erweiterung dem Text doch überhaupt nicht, sondern trägt eher zu seinem Wert bei!

Erzählverse: Der Blankvers (114)

Wer „Atlantis“ sagt, denkt dabei „Untergang“ mit. Wilhelm Fischer-Graz schildert diesen in seinem „Atlantis“, äh, eigenwillig:

 

Aufbrüllend bebt der Felsengrund; der Berge
Eisstarre Gipfel stöhnten schwingend sich
In Chaoswirbel – tiefer rollt’s herauf,
Und Antwort donnert aus dem dunkelrot
Durchgluteten Gewölke. Nahend stießen
Die Weltdämonenheere aufeinander.
Aufklafft den siedend heißen Rachen sperrend
Der Abgrund, Feuerschlammes Wolkendämpfe
Ausspeiend – niederstürzten in die Tiefe
Der Berge eisbedeckte Gipfel donnernd.

 

Und das hält der Verfasser durchaus noch ein Weilchen durch, ehe:

 

Weit prallt, zurückgetrieben, brüllend, hoch
Des Meeres Flut zum Himmel türmend auf
Sich, ebbend eines Riesenwasserberges.
Zerrissen zuckt der Erde Leib noch einmal,
Und angerauscht in Lüften brüllend kam
Die Flut und deckt mit einer Welle – alles.

 

Ja. Warum nicht. Wer mag, kann diese Verse bei Gelegenheit einem geneigten Publikum vortragen – so schräg und unfreiwillig komisch das alles auch klingt, es hat seine Wirkung …

Erzählverse: Der Blankvers (113)

Marie Eugenie Delle Grazie hat viele Blankverstexte geschrieben, oft von mittlerer Länge; der erste Abschnitt von „Heimkehr“ liest sich so:

 

Der Heimat Ufer! Fern dort taucht es auf,
Herüberwinken blau schon seine Berge.
Und sie, die müd der Welt und ihrer selbst
Dort heimkehrt, Jugendreiz noch auf der Stirn,
Des Lebens Bitterkeit im Herzen, tief
Im Aug sein qualgeläutertes Verständnis,
Das blasse, schlanke Weib, das keiner Freud mehr
Entgegeneilt, weil es gelernt, dass wir
Mit Tränen jeden dieser Schritte zahlen –
Sie hebt sich plötzlich, wie von Zaubermacht
Aus einer Agonie emporgerissen …

 

Wieder eine eigene Stimme, ein eigenes Verständnis des Blankverses. Zu dem auch die dauernde Verkürzung von Wörtern gehört, meist durch den Wegfall eines Schluss-e; das muss nicht jedem gefallen (ich zum Beispiel finde es arg befremdlich), aber es gehört hier halt dazu!

Erzählverse: Der Blankvers (112)

Es gibt Gedichte, die vor allem weit wirken: entgrenzt. Ein Beispiel ist die erste Hälfte von Hugo von Hofmannsthals „Botschaft“:

 

Ich habe mich bedacht, dass schönste Tage
Nur jene heißen dürfen, da wir redend
Die Landschaft uns vor Augen in ein Reich
Der Seele wandelten: da hügelan
Dem Schatten zu wir stiegen in den Hain,
Der uns umfing, wie schon einmal Erlebtes,
Da wir auf abgetrennten Wiesen still
Den Traum vom Leben niegeahnter Wesen,
Ja ihres Gehns und Trinkens Spuren fanden
Und übern Teich ein gleitendes Gespräch,
Noch tiefere Wölbung spiegelnd als der Himmel:
Ich habe mich bedacht auf solche Tage,
Und dass nächst diesen drei: gesund zu sein,
Am eignen Leib und Leben sich zu freuen,
Und an Gedanken, Flügeln junger Adler,
Nur eines frommt: gesellig sein mit Freunden.

 

Wenn 16 Blankverse vergehen müssen, bevor der erste „richtige“ Punkt nicht nur am Versende, sondern überhaupt erscheint: dann heißt das wohl, dass sich der Satz hier viel Raum nimmt, darüber aber der Vers nicht vergessen wird, der sich trotz aller Zeilensprünge jedesmal wieder hörbar ausbildet.

Erzählverse: Der Blankvers (111)

Johann Michael Hamanns „Frage und Antwort“ zeigt schön, wie weit die bloße Reihung einen Text bringen kann:

 

Wie kömmt’s doch, dass von allen Blumen, die
Auf Feld und Anger blühn, so wenig nur
Den Wohlgeruch, den süßen Duft uns weihn,
Der dieses Veilchen hier so wert uns macht?
Sie trinken alle doch denselben Tau,
Denselben Strahl der Sonne und des Monds?
Sie sprossen alle ja aus einem Schoß,
Und eine Mutter ist es, die sie nährt?
So sprach der Jüngling zu dem weisen Mann.
Wie kömmt’s, mein Sohn, erwidert‘ er, dass von
Den Menschen nicht ein jeder Wohlgeruch
Zum Himmel schickt, durch edle, gute Tat?
Hat die Natur doch keinen je versäumt.
Es leuchtet jedem ja die Sonne mild,
Und milder noch der Mond. Für jeden schmückt
Die Erde sich mit goldner Frucht. Es wölbt
Für jeden sich der blaue Äther, weht
Mit kräftgem Lebenshauch um seine Stirn.
Es flimmert jedem doch der Stern des Rechts,
Und jedem schallt die Stimme des Gefühls.

 

Nun gilt es zwar als unhöflich, auf eine Frage mit einer Gegenfrage zu antworten, aber vielleicht gelten da für „weise Männer“ ja andere Regeln …

Eine andere Frage, auf die eine Antwort zu erhalten wertvoll wäre, ist diese: Was gewänne oder verlöre dieses nicht eigentlich in Blankversen, sondern in sehr regelmäßigen iambischen Fünfhebern, die dafür einige harte Zeilensprünge aufweisen, geschriebene Gedicht, fehlten einige Elemente der Aufzählung?!

Erzählverse: Der Blankvers (110)

Der Blankvers kann eigentlich alles; auch „Überzeugungsrede“. In Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ sagt zum Beispiel Natalie zum Kurfürsten, der gegenüber einer Begnadigung Bedenken in Bezug auf das „große Ganze“ hat, hier in Gestalt des Vaterlands:

 

O Herr! Was sorgst du doch? Dies Vaterland!
Das wird, um dieser Regung deiner Gnade,
Nicht gleich, zerschellt in Trümmern, untergehn.
Vielmehr, was du, im Lager auferzogen,
Unordnung nennst, die Tat, den Spruch der Richter,
In diesem Fall, willkürlich zu zerreißen,
Erscheint mir als die schönste Ordnung erst:
Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen,
Jedoch die lieblichen Gefühle auch.
Das Vaterland, das du uns gründetest,
Steht, eine feste Burg, mein edler Ohm:
Das wird ganz andre Stürme noch ertragen,
Fürwahr, als diesen unberufnen Sieg;
Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,
Erweitern, unter Enkels Hand, verschönern,
Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne
Der Freunde, und zum Schrecken aller Feinde:
Das braucht nicht dieser Bindung, kalt und öd,
Aus eines Freundes Blut, um Onkels Herbst,
Den friedlich prächtigen, zu überleben.

 

Der ganz eigene Kleist-Ton ist da; und die überzeugende Wirkung deutlich zu spüren. Was ich nie richtig verstanden habe, ist das „feenhaft“; aber es ist ja erst einmal ein „Mehr und immer mehr“, und da ist es vielleicht auch nicht ganz so wichtig …

Erzählverse: Der Blankvers (109)

Prosa und Blankvers haben viele Berührungspunkte. Goethe hat bekanntlich im Falle seiner „Iphigenie“ die erste, in Prosa geschriebene Fassung später in Blankverse umgeschrieben, und zu diesen Sätzen daraus …

 

Sie zwangen mich vor den Altar, wo die Göttin, barmherzig, mich vom Tod errettete und wundervoll hierher versetzte. Agamemnons und Klytemnestras Tochter ist’s, die mit euch spricht.

 

… merkte Alfred Stahr schon 1839 an: „Man vergleiche dies fleisch- und blutlose Redegerippe mit der seelen- und lebensvollen Ausführung, die, durchwärmt von der Glut der erhabenen Leidenschaftlichkeit, wie sie der Moment notwendig erheischt, uns in den letzten, sich immer steigernden Worten gleichsam den klopfenden Herzschlag einer von allen Schrecken der zurückgerufenen Erinnerung durchschauerten Seele hören lässt“, um dann die Versfassung der Stelle folgen zu lassen:

 

Sie rissen mich vor den Altar und weihten
Der Göttin dieses Haupt. – Sie war versöhnt:
Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend
In eine Wolke mich; in diesem Tempel
Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
Des Atreus Enkel, Agamemnons Tochter,
Der Göttin Eigentum, die mit dir spricht.

 

Je nun. Abgesehen davon, dass Stahr ein wenig zu sehr versucht, ein „fleisch- und blutloses Redegerippe“ zu vermeiden und dadurch in seiner Prosa auf leichte Abwege gerät – der Vergleich zuwischen Prosa und Vers ist lehrreich und offenbart auch manches über den Blankvers!

Erzählverse: Der Blankvers (108)

Wie viele Verse braucht es, um den ganz eigenen „Blank-Vers-Ton“ des jeweiligen Verfassers zu verinnerlichen, oder auch nur den eines einzigen seiner Gedichte? Manchmal viele, manchmal reichen aber auch schon ganz wenige:

 

Aus rot und blau und gelb gezirkten beeten
Marschwiesen brückchen hügelchen kanälchen
Aus dem gezirp verspäteten behagens
Mit mattem hausglück stand ein Junger auf
Dem wärmte glühende Welle noch das herz
Dem war das steilste leicht und suchen war
Sein tag und seine nächte waren licht
Vom beten um die gnade um erfüllung.

 

Das sind die ersten Verse von Karl Wolfkehls „Nur wir“, im ersten Band seinergesammelten Werken (Claassen 1960) auf Seite 81 zu finden. Insgesamt weniger aus ein Zehntel des gesamten Textes, aber seinen Ton hat er hier schon gefunden?!

 

Erzählverse: Der Blankvers (107)

Der Mittelteil von „Vor dem Zuchthause“, geschrieben von Otto Ernst, liest sich so:

 

Wer aber diesem steinernen Gespenst
In sturmzerriss’ner Nacht vorüberschreitet,
Dem bohrt sich ein Gedanke tief ins Hirn,
Und in das Ohr raunt ihm ein Unsichtbarer:
„Sieh diese Stätte schuldbeladnen Elends
Und überschlag’ den Wert der eignen Tugend!
Wer fiel von diesen, deren Klageruf
An unbarmherzig kalte Mauern gellt –
Wer fiel in Schande, weil du mitleidlos
An seinem Jammer einst vorübergingst,
Als er noch gut war, doch vom Glück verlassen?
Wer fiel in Schande, weil du ihn verkannt?
Wer fiel in Schande, weil du seiner Jugend
In frevlem Leichtsinn eitle Lehren gabst,
Die abwärts führten, statt hinauf zum Lichte?
Wer fiel in Schande, weil du lässig warst,
Zum Guten ihn zu führen, seine Seele
Mit reinem Himmelslichte zu erfüllen,
Weil du in Faulheit deines eignen Wohlseins
Behaglich nur gewartet und sein Herz
Dalag, ein toter Acker, nur bedeckt
Vom Herbstesnebel eines öden Daseins?“

 

Da spricht ein „Unsichtbarer“, der dafür ziemlich tief in die Rhetorikkiste gegriffen hat; und damit durchaus Wirkung erzielt! Durchaus auch in Verbindung mit dem Blankvers, der sich hier zwar nicht in den Vordergrund drängt (macht er ja ohnehin selten), aber doch mitgestaltet und dem Text eine Festigkeit verleiht, die seinem Gegenstand bzw. dessen Ernst entspricht und daher ein „Mehr“ ist.

Erzählverse: Der Blankvers (106)

Im ersten Band von Karl Wolfkehls gesammelten Werken (Claassen 1960) findet sich ab Seite 366 der „Maskenzug 1904“, der mit „Dionysos“ beginnt:

 

Blickt her blickt her! ich selber herr des ringes
Der sich verschlingt und sich gebärt, blickt her!
Mit allen meinen wunden steig ich auf.
Geheimsten ort erschließt das goldne Dunkel
Das zeugende das allumfassende.
Ihr alle meine wahl ihr meine Herde
Blickt her! schart euch und wallet, wirkt und wogt!
Wo ihr auch schweifet folgend meiner macht –
Denn euer keinen miss ich aus dem kreis:
Nicht der auf eigner glutbahn wähnt zu fahren
Um finstre sterne, nicht der im gewölb
Brünstigen gärens um gesichte ringt:
Nicht der da welkt, nicht der da prangt: mein reich
Des schwingens und schwärmens grenzenlose zonen …
Befruchtend graun göttliche trunkenheit
Brich ein! brich aus! schmück borden und gebälk!
Gerüst und schranke saug in deine lampen!
Mit weingewinden höhe alle pforten!
Es ist die nacht, die tag ist, aufgegangen.

 

Da ist, allemal, eine eigene Stimme zu vernehmen, und das auch jenseits der wunderlichen Zeichensetzung und des „Kleinschreibung-bis-auf-den-Versanfang-Spaßes“.  Wobei, auch das will erwähnt werden, manches doch etwas behauptet wirkt … aber gut, trotzdem: sehr lesbar!