Erzählformen: Das Sonett (14)

Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig,
Das ging auf Stelzen, Schritte ellenweit,
Trug weiße Wäsche und ein feines Kleid,
Inwendig aber war es grob und schmutzig.

Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig,
Jedoch von außen voller Würdigkeit;
Von der Courage sprach es lang und breit,
Und tat sogar recht trotzig und recht stutzig.

„Und weißt du, wer das ist? Komm her und schau!“
So sprach der Traumgott, und er zeigt mir schlau
Die Bilderflut in eines Spiegels Rahmen.

Vor einem Altar stand das Männchen da,
Mein Lieb daneben, beide sprachen: Ja!
Und tausend Teufel riefen lachend: Amen!

 

Der Traum ist eine Welt eigenen Gesetzes, wer in ihr und aus ihr erzählt, muss sich an dieses Gesetz halten. Heinrich Heine bleibt in diesem, seinen „Traumbildern“ zugehörigen Sonett nah der Wirklichkeit, und auch die Sonettform vernachlässigt er nicht: Die beiden Quartette sind eng aufeinander bezogen und durch das „inwendig“ unmittelbar verbunden; die Terzette davon klar geschieden und wiederum unter sich mit unterschiedlichen Teilen der Erzählung gefüllt, wobei der nach- und eindrückliche letzte Vers einen schönen Schlusspunkt setzt. Ein feines Beispiel für das Zusammengehen von Form und Inhalt, und für das Zusammengehen von „Sonett“ und „Erzählung“ auch!

Erzählformen: Das Sonett (13)

Der Verserzähler hat den Rheinfall nun schon in Hexameterform vorgeführt, und in eher freien Versen; hier nun eine Sonett-Fassung, geschrieben von Joseph Victor von Scheffel:

 

Zum hohen Randen trägt der Wind ein Brausen,
Durch hohlzerspülten Stromgrunds weite Bogen
Kommt voll und breit ein Flutenschwall gezogen
Und stürzt sich tosend durch die Felsenklausen.

Das sind die Donner Gottes, die hier sausen,
Das ist, milchweiß, ein Schaumgestieb der Wogen,
Von Irisglanz neunfarbig überflogen
Der Fall des Rheins im Tale von Schaffhausen.

Im Mondenschein wirst du sein Bild betrachten
Vom Hotel Weber und dort übernachten …
Wo Wasser schäumt, will auch der Schaumwein knallen,

Und schrilles Pfeifen hörst du jenseits schallen:
Glutroten Augs zischt durch des Bergschachts Tiefe
Der Neuzeit Drache, die Lokomotive.

 

– Die übliche Naturbeschreibung in den Quartetten, ehe „gut sonettisch“ sich in den Terzetten der Blickwinkel verschiebt! (In den Quartetten hat, behaupte ich mal, „Schaffhausen“ einen der Reime festgelegt; in den Terzetten sind die drei Paarreime eigentlich gar nicht so sonettgemäß …)

Erzählformen: Das Sonett (12)

Zu Weihnachten läuft man Gefahr, dem ein oder anderen Beschenkungsversuch nicht ausweichen zu können. So  ging es auch mir, und daher habe ich mir eben ein Audiobuch angehört, „made by WDR“: Robert Gernhardt spricht. Fertig ist das Sackgedicht heißt es.

Man kann 72 Minuten schlechter verbringen. Etwas störend ist, dass Gernhardt zwar viele Gedichte geschrieben hat, aber auf Lesungen nur wenige davon vorträgt, weswegen man manches schon einige Male gehört hat.

Erst recht gilt das für sein allgegenwärtiges Sonett „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“. Immerhin sagte er bei dieser Gelegenheit – die Lesung fand 1998 in Bonn statt – gleichsam im Vorbeigehen einen kleinen Satz, der mich aufhorchen ließ:

Man kann Sonette nicht richtig hören.

Und wenn Gernhardt dann liest, weiß man, was er meint: er ordnet den Vers fast vollständig dem Satz unter im Vortrag, die Reimwörter werden nicht herausgehoben, Gleichklänge scheinen damit fast zufällig da zu sein. Das kann man so machen, und es ist sicher auch wirkungsvoll; aber ist es eine Wesenseigenschaft von Sonetten?!

Wer mag, kann Gernhards Vortrag zum Beispiel auf Youtube lauschen (bei einer anderen, früheren Lesung):

Die allerletzten Gedichte

Das kann man sich alles anhören, das Sonett trägt er aber ab 3:10 vor.

Danach lohnt sich vielleicht noch ein Besuch bei lyrikline.org:

Materialien zu einer Kritik …

– Denn da steht zum einen der Text, also das Sonett (auch) als „Bild“; und zum anderen ist Gernhardt in der dort vernehmbaren Lesung nicht ganz so streng dem Vers gegenüber – den Übergang vom ersten ins zweite Quartett kennzeichnet er sehr deutlich, obwohl das vielleicht auch einfach nur ein Hakler ist; jedenfalls fällt im Vergleich auf, wieviel deutlicher auch das Reimwort zum Tragen kommt!

Der Übergang aus den Quartetten in die Terzette, seit altersher ein Haltepunkt, ist aber so deutlich „nicht-haltend“ angelegt, dass deine Pause eigentlich unmöglich ist; trotzdem unterscheiden sich die beiden Lesungen auch da.

Na ja. Insgesamt kann man Sonette schon „richtig hören“, denke ich; wenn sie der Verfasser darauf anlegt und der Vortragende dann hörbar machen will. Und Zuhörer, die vertraut sind mit dem Sonettbau, sind bestimmt nicht von Nachteil dabei …

Erzählformen: Das Sonett (11)

Im wesentlichen gilt das, was der gestrige Eintrag zum dreiteiligen Bau vieler alter Lieder gesagt hat, auch für das Sonett: Ein Aufgesang aus zwei Stollen (V1-V4, V5-V8), ein Abgesang, länger als ein Stollen, aber kürzer als der Aufgesang (V9-V14); die Reime des Abgesangs sind neu, ihre Anordnung unterscheidet sich von der Reimanordnung des Aufgesangs (an diesem Bau ändern die drei Leerzeilen, mit denen ein Sonett heute dargestellt wird, nicht wirklich etwas!) Passend zum Tage soll das vor Augen führen ein Sonett von Hermann Kurz:

 

Weihnachten

Am schmucken Baume flimmern hundert Kerzen,
Mit lichtem Blick, mit Jauchzen hüpft der Knabe
Und mustert halb im Traume seine Habe;
Selbst Alte lockt der Glanz zu frischen Scherzen.

Mein Auge, sollte dich die Helle schmerzen?
Denkst du, o Herz, an manche schöne Gabe
Von ihnen, die da schlummern in dem Grabe?
Mahnt dich dies Fest an zwei gebrochne Herzen?

Frisch, Seele! deiner eignen Weihnacht denke,
Wie eine Flamme festlich dich durchdrang,
Wie dich begrüßten himmlische Geschenke,

Der Sonnengeist einzog durch alle Tore,
Und jenes schmerzlich stolze Lied erklang,
Das Opferlied: Anch‘ io sono pittore!

 

– Vielleicht kein wirklich großes Gedicht, aber doch eins, in das man hineinschauen kann … Ziemlich klassisch im Aufbau kommt es daher, eines der Sonette, für die man den so oft geforderten und so selten verwirklichten „These-Antithese-Synthese“-Aufbau vielleicht wirklich einmal gelten lassen darf; und eines, dessen Reime zu denken geben!

V1 schließt mit „Kerzen“; wenn dieses Wort als Reim in den Quartetten auftaucht, weiß man als Sonett-Leser sofort, was folgen wird: „Herzen, Schmerzen, Scherzen“. Sicher, da gäbe es auch „Terzen“ oder „Nerzen“, aber das wäre eine ziemliche Überraschung – die Frage ist ab dem Ende von V1 eigentlich nicht mehr das „Was“, sondern nur noch das „Wie“: die Bezüge und die Reihenfolge!

Kurz ordnet an, wie zu lesen ist. Bemerkenswert, wie das „Herz“ im Inneren von V6 anklingt, ehe die „Herzen“ in V8 die Quartette / den Aufgesang schließen, während das „schmerzlich“, V13, das „Schmerzen“ aus V5 im Vers noch einmal aufnimmt.

Den zweiten Reim der Quartette legt „Knabe“ fest; und da ist nicht ganz so klar, wie es weitergehen wird. Von daher ist die Hinwendung zu „Grabe“ vielleicht eine kleine Überraschung, erst recht in einem Weihnachtsgedicht, das ja auch „weihnachtsstimmig“ einsetzte?!

Immerhin hat Kurz so eine Reihe von Weihnachts-Sonetten begonnen, in denen andere Dichter Weihnachten mit dem Tod in Verbindung gebracht haben – ein Beispiel wäre Paul Heyse, in dessen Gedichten sich im Abschnitt „Meinen Toten“ unter „Weihnachten in Rom“ drei Sonette solchen Inhalts finden: „Drei Kinder in der Ferne, drei begraben“ sagt ein Quartett-Vers des ersten Sonetts, die anderen  Reimworte sind, wie bei Kurz, „-gaben“, „haben“ (das Verb) und „Knaben“!

Im zweiten Terzett schließlich reimt Kurz Wörter aus verschiedenen Sprachen. Das ist dann sicher vollständig unerwartet, andererseits aber schon beim Einsetzen des bekannten Zitats sicher. „Auch ich bin Maler!“ soll Correggio gerufen haben, als er vor einem Bild Raffaels stand; das ist, zum Guten  oder Schlechten des Sonetts, allerdings eine Gewichtsklasse, in die Kurz bei weitem nicht gehört … Aber gut:

 

Dies Lied hat schroffe Züge, und es ist,
Als reihten sich Felsblöcke aneinander
Zu Strichen eines Bildes, – aber doch,
Wenn auch nicht mir, ist’s meinem Schatten ähnlich.
Ja mancher einzle Zug trifft zu und malt
Mir seltsam längst vergessne Wirklichkeit.

 

Das sind sechs Blankverse von Kurz, aus einem ganz anderen Text; die hier als Schlusswort stehen mögen.

Erzählformen: Das Sonett (10)

Nikolaus Lenau hat vier „Stimme-Sonette“ geschrieben; von denen gefällt mir „Stimme des Regens“ deutlich am besten:

 

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und Mein und Dein vergessen traurig beide.

Nun plötzlich wankt die Distel hin und wider,
Und heftig rauschend bricht der Regen nieder,
Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,
Er hört die windgepeitschte Distel sausen,
Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.

 

„Nicht zu sagen“; und sagt es doch. Wobei Lenau ja ziemlich häufig so klingt; aber wie er die Stimmung hier durch das Sonett führt und dabei dessen Grundgerüst, das ja viel eher auf gedankliche Arbeit irgendeiner Form angelegt ist, getreulich verwirklicht: das kann man sich schon einmal ansehen und wohl auch etwas daraus mitnehmen für die eigenen Sonette, denke ich.

Erzählformen: Das Sonett (9)

Wieder ein Sonett von Franz Werfel, “ Die befreite Seele“, in seinen gesammelten Werken zu finden im Band “Das lyrische Werk” (Fischer 1967) auf den Seiten 422 und 423. Es ist das auf „Der Tod des Priesters„, vorgestellt im fünften Sonett-Eintrag, folgende Gedicht; vielleicht lohnt sich daher der Blick auf des Vor-Gedicht …

Mit Werfels Gedichten habe ich so meine Mühe; irgendetwas in ihnen bürstet mich immer gegen den Strich. Aber gerade darum lohnt wahrscheinlich die Beschäftigung mit ihnen? Ob „Die befreite Seele“ ein Erzählsonett ist, möge jeder selbst entscheiden:

 

Noch einmal! Auf! Ein wilder Fluchtversuch!
Doch haften bleibt sie an der Sterbestelle.
Weh! Unter ihr das Wachs, das Corporelle
Bedrängt sie mit verdicktem Ichgeruch.

Des Körpers Nachgefühl drückt wie ein Fluch
In ihr Befreitsein sich mit grober Delle.
Bis dies auch stirbt und langsam Zell‘ um Zelle
In ihr sich ausfeint, Hauch wird, Schleiertuch.

Nun ist es leer um sie. Wohin? Empor!
Doch wo ist: oben, was bedeutet: Richtung,
In diesen Zwischenräumen unbeirrt?

Da erst gibt sie sich hin. Wie Rauch und Flor
Saugt sie ein Zug in Schichten der Entdichtung,
Wo alles lockrer, leichter, heiter wird.

 

Mag es ein, auch dieses Gedicht „entdichtet“ sich gegen Ende hin?! Jedenfalls ein eigenartiger Text, bei dem spannend zu verfolgen ist, wie er die Ansprüche, die die „innere Form“ des Sonetts anmeldet, zu erfüllen versucht.

Erzählformen: Das Sonett (8)

„Von Kindern“ ist ein Erzähl-Sonett von Gottfried Keller, und mir darum ein besonderes, weil es ihm gelingt, mir gleichzeitig zu gefallen und auf die Nerven zu gehen mit all seiner echten und / oder vorgetäuschten Niedlichkeit. Immerhin zeigt es ganz gut, wie sich der Sonett-Aufbau – zwei Quartette, zwei Terzette – mit den Anfordernissen eines „geordneten Erzählens“ vereinen lässt?!

 

Man merkte, dass der Wein geraten war:
Der alte Bettler wankte aus dem Tor,
Die Wangen glühend wie ein Rosenflor,
Mutwillig flatterte sein Silberhaar.

Und vor und hinter ihm die Kinderschar
Umdrängt‘ ihn, wie ein Klein-Bacchantenchor,
Draus ragte schwank der Selige empor,
Sich spiegelnd in den hundert Äuglein klar.

Am Morgen, als die Kinderlein noch schliefen,
Von jungen Träumen drollig angelacht,
Sah man den braunen Wald von Silber triefen.

Es war ein Reif gefallen über Nacht;
Der Alte lag erfroren in dem tiefen
Gebüsch, vom Rausch im Himmel aufgewacht.

Erzählformen: Das Sonett (7)

Die Henne

War nicht am Anfang diese Henne schon und saß
breit auf dem Ei, dem zimmerlosen Hause
der Einfachheit, das die Gestirne rasend ohne Pause
abzeichnen an den Himmel, unverlierbar Maß?

Im Dunkel aber der umwölbten Klause
bewegt sich schon, was sich ins Dasein fraß,
klopft an die Tür des Tags, die spröd wie Glas
aufkracht im Kreis: da liegt die Welt zum Schmause.

Ja kaum entkrochen, feucht im Erdenwind,
auf Stelzenbeinchen stehend, dreht’s den Kopf,
es äugt die Hirse, zielt, und traut dem Schein.

Die Mutter aber, bei gesträubtem Schopf,
schlägt mit den Flügeln wild, bestaunt das Kind,
und schreitet würdevoll und führt es ein.

 

„Die Henne“ ist ein Sonett von Franz Janowitz. Ein im Wortsinn unbekümmertes; jedenfalls ist das mein Eindruck. Auch angesichts der drei Sechsheber im ersten Quartett, von denen zumindestens zwei genausogut Fünfheber sein könnten; und von denen der Text im weiteren nichts mehr wissen will, wenn er ausnahmslos den für das Sonett kennzeichnenden iambischen Fünfheber verwirklicht?

Auch inhaltlich scheinen die Quartette ein wenig richtungslos; was sich in den Terzetten ändert, wo der Text dann spätestens ein wirkliches Erzählsonett ist.

Erzählformen: Das Sonett (6)

Ist das folgende Sonett von Friedrich Rückert wirklich ein „Erzählsonett“?

 

Amaryllis

Amara, bittre, was du tust ist bitter,
Wie du die Füße rührst, die Arme lenkest,
Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest,
Die Lippen auftust oder zu, ists bitter.

Ein jeder Gruß ist, den du schenkest, bitter,
Bitter ein jeder Kuss, den du nicht schenkest;
Bitter ist, was du sprichst und was du denkest,
Und was du hast, und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, dass mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

 

An sich: Nein. Aber  Rudolf Borchardt hat sich in seiner 1926 erschienenen Anthologie „Ewiger Vorrat deutscher Poesie“ auf Seite 469 zu Rückerts Werk im allgemeinen – diesem bescheinigt er eine „unerschütterliche Existenz“ – und seinen Amaryllis-Sonetten im besonderen geäußert:

Es sind die einzigen durch und durch leidenschaftlichen Liebesgedichte, die der Vorrat deutscher Poesie besitzt, die einzigen ausfluchtlosen, die meinen, was sie sagen, und fast alles sagen, was sie meinen, eine erbitterte Burschenwerbung um ein sprödes Ding, – besessen, mit zusammengebissenen Zähnen, rasend und reizend, taub gegen die ganze Welt.

Und das hat dann doch wieder mit dem Erzählen zu tun; einiges. Aber von dieser Frage abgesehen ist Rückerts Text einfach ein gutes Gedicht, eine nähere Betrachtung allemal wert!

Erzählformen: Das Sonett (5)

„Der Tod des Priesters“ ist ein Sonett von Franz Werfel, in seinen gesammelten Werken zu finden im Band „Das lyrische Werk“ (Fischer 1967) auf Seite 422.

 

Gesammelt und geordnet liegt er fest,
Damit kein Tropfen Sterbens ihm entgehe.
Er will, die Hände auf die Brust gepresst,
Dass wie ein Messdienst rein sein Tod geschehe.

Die schwarze Nonne, die ihn nicht verlässt,
Kniet fern. Sein Hingang duldet keine Nähe.
Sie ministriert ihm, nun der Röchelrest
Des Atems einen Psalm singt, kurz und zähe.

Sein Auge hängt mit unnachsichtiger Strenge,
In die sich fein ein sichres Lächeln löst,
Am Winkel, wo die Spinne zieht den Faden.

Er harrt, dass dort der Engel in der Enge
Die dünne Wand der Hiesigkeit durchstößt,
Um ihn gemessenen Winkes vorzuladen.

 

Die Quartette sind abab / abab gereimt, statt des häufigeren abba / abba; aber das passt zu der Art, wie viermal je zwei Verse eine Einheit bilden?! Also eigentlich ein ab / ab / ab / ab. Die Terzette reimen cde / cde, und auch hier entpricht der Satzbau dieser Reimanordnung; ein Satz, eine Aussage für jedes Terzett.

An zwei Stellen wird die strenge Alternation unterbrochen: „unnachsichtiger“, „gemessenen“. Aber zum einen schadet das nichts, ein wenig Auflockerung tut immer gut; und zum anderen kann jeder, der es doch lieber im strengen Auf und Ab tönen lassen will, „unnachsicht’ger“ und „gemess’nen“ sagen …

„Wo die Spinne zieht den Faden“ klingt etwas ungelenk?! Nicht ungelenker als vieles von Werfel – er schrieb halt so  -, aber in diesem Text fällt es doch auf und stört mich ein wenig. Aber eben nur ein wenig – insgesamt halte ich dieses Gedicht für ein starkes Erzähl-Sonett!