Erzählformen: Das Sonett (21)

Georg Heym hat eine Reihe von Sonetten über „Marathon“ geschrieben, also die antike Schlacht zwischen Griechen und Persern. Das dritte dieser Sonette gewährt einen Blick ins persische Heer:

 

Langbärt’ge Perser ziehn in Heeres Mitten
Mit kurzen Schwertern und mit großen Bogen,
Die durch Ägyptens Wüstenein gezogen,
Die gegen Krösus einst am Halys stritten.

Die hagren Libyer mit den Eisensehnen
Auf Eilkamelen Afrikas beritten.
Die Skythen, die sich kurze Pfeile schnitten,
Ihr Haar in Zöpfen, wie der Pferde Mähnen.

Des Sudans Neger, fettig und beleibt,
Die Luft durchschreiend, brüllend wie ein Stier.
Das Volk von Babylon, das Henna reibt

Und sich die Stirn bemalt mit Weiberzier.
Der Vögte Geißel, die die Menge treibt
Und sausend niederfährt auf Mensch und Tier.

 

Ein Sonett, das sich so gar nicht kümmert um die „innere Form“, um These, Antithese, Synthese und was da noch alles in einem Sonett zu finden ist, oft, und von einem Sonett erwartet wird, oft; und das stattdessen einfach aufzählt, zeigt, vor den Leser hinstellt. In überzeugender Manier!

Erzählformen: Das Sonett (20)

Ein zweites Musik-Sonett,  „Streichquartett“ von Max Bruns:

 

Wie sie voll Inbrunst in den Klängen knieen,
Die sie mit breiten Bogenstrichen binden,
Sich selten fliehen und bald wiederfinden
Und, selge Waller, Wunderstraßen ziehen

Und die verschlungnen Gegenmelodien
Zu einem schweren Strauß von Tönen winden;
Und dann, indes die Bässe schweigend schwinden,
Zwei Geigen silbern wie gen Himmel fliehen,

Um, gleich dem Springquell, hoch im Blau verfangen,
Die lichte Kuppe leicht und weich zu wenden
Und zum Bassin der Töne heimzulangen,

Die sie – wie Sieger auf geschmückten Händen –
In breitem Strome wogend warm empfangen
Und froh entspannt nun das Finale spenden!

 

Der erste Vers verlockt zum Weiterlesen (auch das ist eine Kunst, die zumSonett gehört!); tut man es, wird schnell klar, dass hier ein einziger langer und verschachtelter Satz durch sämtliche vierzehn Verse geführt wird. Ob das dem Inhalt gut tut, wer weiß – es ist doch in der Bildlichkeit alles ein wenig blässlich „hinten raus“?! Aber ein gewaltiger sprachlicher „Bogenstrich“, keine Frage!

Erzählformen: Das Sonett (19)

Sonette über die Musik gibt es manche; ihr Vergleich lehrt sicher auch einiges über die Darstellungsmöglichkeiten der Form. Hier eines von Franz Werfel, „Der Dirigent“:

 

Er reicht den Violinen eine Blume
Und ladet sie mit Schmeichelblick zum Tanz.
Verzweifelt bettelt er das Blech um Glanz
Und streut den Flöten kindlich manche Krume.

Tief beugt das Knie er vor dem Heiligtume
Des Pianissimos,der Klangmonstranz.
Doch zausen Stürme seinen Schwalbenschwanz,
Wenn er das Tutti aufpeitscht, sich zum Ruhme.

Mit Fäusten hält er fest den Schlussakkord.
Dann harrt er, hilflos eingepflanzt am Ort,
Dem ausgekommenen Klange nachzuschaun.

Zuletzt, dass er den Beifall dankend rüge,
Zeigt er belästigte Erlöserzüge
Und zwingt uns, ihm noch Größres zuzutraun.

 

Hübsch! Auf- und doch auch erzählend; und mit einem gehörigen Schuss Komik versehen. Das lässt sich sicher als Ausgangspunkt für einen Vergleich benutzen?!

Erzählformen: Das Sonett (18)

Feodor Löwe, eigentlich eher Schauspieler als Dichter, hat „Südliche Sonette“ geschrieben, und darunter dieses:

 

Pan schläft! In allen Wipfeln Mittagsstille!
Man hört des Gottes tiefes Atemholen;
Die jungen Blätter flüstern wie verstohlen,
Und nur in langen Pausen zirpt die Grille.

In Schlummer liegt der hohe Götterwille
Und hat zu feiern der Natur befohlen,
Die Stunden schleichen wie auf Blumensohlen;
Pan schläft! In allen Wipfeln Mittagsstille!

Ein sonnig‘ Netz umschlingt mit goldnen Ringen
Die weite Flur und hält den Bach gefangen,
Bis seine muntern Wellen sanfter klingen;

Den Rosenbusch nur regt ein schüchtern Bangen,
Sehnsüchtig duftet er nach holdem Singen
Der Nachtigall und bebt voll Tauverlangen.

 

Da gefallen mir die Quartette um einiges besser als die Terzette; „Die Stunden schleichen wie auf Blumensohlen“ ist doch nett. Insgesamt sicher keine große Dichtung, aber auch nicht ganz das übliche Sonett-Einerlei?!

Erzählformen: Das Sonett (17)

Georg Trakls „Dezembersonett“ passt in die Jahreszeit, ist aber auch sonst ein eigenartiges Stück:

 

Am Abend ziehen Gaukler durch den Wald,
Auf wunderlichen Wägen, kleinen Rossen.
In Wolken scheint ein goldner Hort verschlossen,
Im dunklen Plan sind Dörfer eingemalt.

Der rote Wind bläht Linnen schwarz und kalt.
Ein Hund verfault, ein Strauch raucht blutbegossen.
Von gelben Schrecken ist das Rohr durchflossen
Und sacht ein Leichenzug zum Friedhof wallt.

Des Greisen Hütte schwindet nah im Grau.
Im Weiher gleißt ein Schein von alten Schätzen.
Die Bauern sich im Krug zum Weine setzen.

Ein Knabe gleitet scheu zu einer Frau.
Ein Mönch verblasst im Dunkel sanft und düster.
Ein kahler Baum ist eines Schläfers Küster.

 

– Eine bemerkenswerte Anhäufung von Dingen … Den Sonett-Raum bis unter die Decke vollgestapelt, sozusagen. In der ersten Fassung schloss das Sonett noch mit den beiden Versen „Man sieht noch in der Sakristei den Küster / Und rötliches Geräte, schön und düster“; demgegenüber weiß die gezeigte zweite Fassung noch einen weiteren Schritt auf dem eingeschlagenen Weg zu machen!

Erzählformen: Das Sonett (16)

Häufig benutzte Formen wecken Erwartungen, da sie meist auf eine bestimmte Art benutzt werden, die dem Leser vertraut wird und die er mit dieser Form verbindet. So auch beim Sonett! Nutzt es dann Friedrich Bodenstedt, um in „Der Ararat“ nicht in einem einzelnen Sonett, sondern in einem Sonett-Paar kein Liebesgedicht, keine gedankliche Zergliederung, kein „Ich“ zu verwirklichen, sondern eine Natur-Beschreibung (im ersten Sonett) samt der Schilderung einer kleinen Begebenheit (im zweiten Sonett), ist man zuerst einmal erstaunt!

Leider ist die Sprache der beiden Sonette recht formelhaft, was ihnen etwas von ihrer Wirkung nimmt?!

 

I.

Um Hocharmeniens alte Königsstadt
Im ersten Frühlingsblühn prangt die Natur;
Still ist’s umher – Cicaden schwirren nur
Durch’s junge Grün – am Baum regt sich kein Blatt.

Hier sieht das Aug’ an Schönheit sich nicht satt:
Fernher blitzt des Araxes Silberspur,
Zum blauen Himmel ragt aus blumiger Flur
Die Majestät des hohen Ararat.

Zu seinen Füßen dehnen sich vier Länder;
Buntsamtne Au’n umschlingen als Gewänder
Die Knie – demanten schimmert seine Krone;

Der ewige Schnee umgürtet seine Hüfte,
Kaum wagen sich die Könige der Lüfte,
Die Adler, bis zu seinem Wolkenthrone.

 

II.

Zum ersten Male von der Hochburg Zinnen
Sah ich den Gipfel, der die Arche trug,
Da noch die Sündflut ihre Wogen schlug,
Daraus der Herr nur Noah ließ entrinnen.

Und wie ich stand in weihevollem Sinnen,
Schwang sich zum Licht ein Aar in stolzem Flug,
Und vor mir zog ein Karawanenzug,
Wo klar der Sanga heilige Fluten rinnen.

Da plötzlich hielten Pferd’ und Dromedare,
Die Reiter in blauschimmerndem Talare
Hinsanken betend auf der Erde Schoß.

Und heilige Stille herrschte in der Runde,
Nur von der Stadt aus des Muezzin’s Munde
Erscholl’s vom Minarette: „Gott ist groß!“

Erzählformen: Das Sonett (15)

In Georg Brittings „Gedichte 1940 – 1951“, erschienen 1957 in der Nymphenburger Verlagshandlung, finden sich zu Beginn, unter „Die Begegnung“, mehrere Dutzend Sonette, die den Tod zum Inhalt haben; darunter auch „Der zarte, kleine Herr“ (Seite 21):

 

Ein Engel, flammend, sollte vor mir stehn,
Mit goldnem Schwert, mit erzgetriebnem Schild –
Mein Auge würde sich vor diesem Bild
Entsetzen, und ein Sturmwind würde wehn

Von drüben her: So malte man dich wild!
In solchem Sturme würde ich vergehn!
Nun bist du anders, und ich darf dich mild
An meinem schweißgetränkten Lager sehn.

Bist dus denn, Tod? Der zarte, kleine Herr?
Und ungepanzert? Und in deiner Stimme
Ist nichts von eines Cherubs wildem Grimme?

Ach, Schwert und Panzer wären dir zu schwer!
Und so viel Aufwand wär auch fehl am Ort:
Brauchst nicht zu schrein! Ich hör dein leises Wort!

 

Da fielen mir schon einige Dinge ein, die nicht so ganz rund scheinen? Weniger der Kreuzreim des zweiten Quartetts – das stört nicht; aber die Verse dieses Quartetts scheinen unter dem Druck der Reime nicht ganz frei, in Inhalt und Bewegung …

Aber was soll’s! Insgesamt entwickelt sich der Inhalt in Übereinstimmung mit der grundlegenden Sonett-Architektur, und das reicht allemal, um überzeugend zu wirken.

Erzählformen: Das Sonett (14)

Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig,
Das ging auf Stelzen, Schritte ellenweit,
Trug weiße Wäsche und ein feines Kleid,
Inwendig aber war es grob und schmutzig.

Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig,
Jedoch von außen voller Würdigkeit;
Von der Courage sprach es lang und breit,
Und tat sogar recht trotzig und recht stutzig.

„Und weißt du, wer das ist? Komm her und schau!“
So sprach der Traumgott, und er zeigt mir schlau
Die Bilderflut in eines Spiegels Rahmen.

Vor einem Altar stand das Männchen da,
Mein Lieb daneben, beide sprachen: Ja!
Und tausend Teufel riefen lachend: Amen!

 

Der Traum ist eine Welt eigenen Gesetzes, wer in ihr und aus ihr erzählt, muss sich an dieses Gesetz halten. Heinrich Heine bleibt in diesem, seinen „Traumbildern“ zugehörigen Sonett nah der Wirklichkeit, und auch die Sonettform vernachlässigt er nicht: Die beiden Quartette sind eng aufeinander bezogen und durch das „inwendig“ unmittelbar verbunden; die Terzette davon klar geschieden und wiederum unter sich mit unterschiedlichen Teilen der Erzählung gefüllt, wobei der nach- und eindrückliche letzte Vers einen schönen Schlusspunkt setzt. Ein feines Beispiel für das Zusammengehen von Form und Inhalt, und für das Zusammengehen von „Sonett“ und „Erzählung“ auch!

Erzählformen: Das Sonett (13)

Der Verserzähler hat den Rheinfall nun schon in Hexameterform vorgeführt, und in eher freien Versen; hier nun eine Sonett-Fassung, geschrieben von Joseph Victor von Scheffel:

 

Zum hohen Randen trägt der Wind ein Brausen,
Durch hohlzerspülten Stromgrunds weite Bogen
Kommt voll und breit ein Flutenschwall gezogen
Und stürzt sich tosend durch die Felsenklausen.

Das sind die Donner Gottes, die hier sausen,
Das ist, milchweiß, ein Schaumgestieb der Wogen,
Von Irisglanz neunfarbig überflogen
Der Fall des Rheins im Tale von Schaffhausen.

Im Mondenschein wirst du sein Bild betrachten
Vom Hotel Weber und dort übernachten …
Wo Wasser schäumt, will auch der Schaumwein knallen,

Und schrilles Pfeifen hörst du jenseits schallen:
Glutroten Augs zischt durch des Bergschachts Tiefe
Der Neuzeit Drache, die Lokomotive.

 

– Die übliche Naturbeschreibung in den Quartetten, ehe „gut sonettisch“ sich in den Terzetten der Blickwinkel verschiebt! (In den Quartetten hat, behaupte ich mal, „Schaffhausen“ einen der Reime festgelegt; in den Terzetten sind die drei Paarreime eigentlich gar nicht so sonettgemäß …)

Erzählformen: Das Sonett (12)

Zu Weihnachten läuft man Gefahr, dem ein oder anderen Beschenkungsversuch nicht ausweichen zu können. So  ging es auch mir, und daher habe ich mir eben ein Audiobuch angehört, „made by WDR“: Robert Gernhardt spricht. Fertig ist das Sackgedicht heißt es.

Man kann 72 Minuten schlechter verbringen. Etwas störend ist, dass Gernhardt zwar viele Gedichte geschrieben hat, aber auf Lesungen nur wenige davon vorträgt, weswegen man manches schon einige Male gehört hat.

Erst recht gilt das für sein allgegenwärtiges Sonett „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“. Immerhin sagte er bei dieser Gelegenheit – die Lesung fand 1998 in Bonn statt – gleichsam im Vorbeigehen einen kleinen Satz, der mich aufhorchen ließ:

Man kann Sonette nicht richtig hören.

Und wenn Gernhardt dann liest, weiß man, was er meint: er ordnet den Vers fast vollständig dem Satz unter im Vortrag, die Reimwörter werden nicht herausgehoben, Gleichklänge scheinen damit fast zufällig da zu sein. Das kann man so machen, und es ist sicher auch wirkungsvoll; aber ist es eine Wesenseigenschaft von Sonetten?!

Wer mag, kann Gernhards Vortrag zum Beispiel auf Youtube lauschen (bei einer anderen, früheren Lesung):

Die allerletzten Gedichte

Das kann man sich alles anhören, das Sonett trägt er aber ab 3:10 vor.

Danach lohnt sich vielleicht noch ein Besuch bei lyrikline.org:

Materialien zu einer Kritik …

– Denn da steht zum einen der Text, also das Sonett (auch) als „Bild“; und zum anderen ist Gernhardt in der dort vernehmbaren Lesung nicht ganz so streng dem Vers gegenüber – den Übergang vom ersten ins zweite Quartett kennzeichnet er sehr deutlich, obwohl das vielleicht auch einfach nur ein Hakler ist; jedenfalls fällt im Vergleich auf, wieviel deutlicher auch das Reimwort zum Tragen kommt!

Der Übergang aus den Quartetten in die Terzette, seit altersher ein Haltepunkt, ist aber so deutlich „nicht-haltend“ angelegt, dass deine Pause eigentlich unmöglich ist; trotzdem unterscheiden sich die beiden Lesungen auch da.

Na ja. Insgesamt kann man Sonette schon „richtig hören“, denke ich; wenn sie der Verfasser darauf anlegt und der Vortragende dann hörbar machen will. Und Zuhörer, die vertraut sind mit dem Sonettbau, sind bestimmt nicht von Nachteil dabei …