Erzählformen: Das Sonett (18)

Feodor Löwe, eigentlich eher Schauspieler als Dichter, hat „Südliche Sonette“ geschrieben, und darunter dieses:

 

Pan schläft! In allen Wipfeln Mittagsstille!
Man hört des Gottes tiefes Atemholen;
Die jungen Blätter flüstern wie verstohlen,
Und nur in langen Pausen zirpt die Grille.

In Schlummer liegt der hohe Götterwille
Und hat zu feiern der Natur befohlen,
Die Stunden schleichen wie auf Blumensohlen;
Pan schläft! In allen Wipfeln Mittagsstille!

Ein sonnig‘ Netz umschlingt mit goldnen Ringen
Die weite Flur und hält den Bach gefangen,
Bis seine muntern Wellen sanfter klingen;

Den Rosenbusch nur regt ein schüchtern Bangen,
Sehnsüchtig duftet er nach holdem Singen
Der Nachtigall und bebt voll Tauverlangen.

 

Da gefallen mir die Quartette um einiges besser als die Terzette; „Die Stunden schleichen wie auf Blumensohlen“ ist doch nett. Insgesamt sicher keine große Dichtung, aber auch nicht ganz das übliche Sonett-Einerlei?!

Erzählformen: Das Sonett (17)

Georg Trakls „Dezembersonett“ passt in die Jahreszeit, ist aber auch sonst ein eigenartiges Stück:

 

Am Abend ziehen Gaukler durch den Wald,
Auf wunderlichen Wägen, kleinen Rossen.
In Wolken scheint ein goldner Hort verschlossen,
Im dunklen Plan sind Dörfer eingemalt.

Der rote Wind bläht Linnen schwarz und kalt.
Ein Hund verfault, ein Strauch raucht blutbegossen.
Von gelben Schrecken ist das Rohr durchflossen
Und sacht ein Leichenzug zum Friedhof wallt.

Des Greisen Hütte schwindet nah im Grau.
Im Weiher gleißt ein Schein von alten Schätzen.
Die Bauern sich im Krug zum Weine setzen.

Ein Knabe gleitet scheu zu einer Frau.
Ein Mönch verblasst im Dunkel sanft und düster.
Ein kahler Baum ist eines Schläfers Küster.

 

– Eine bemerkenswerte Anhäufung von Dingen … Den Sonett-Raum bis unter die Decke vollgestapelt, sozusagen. In der ersten Fassung schloss das Sonett noch mit den beiden Versen „Man sieht noch in der Sakristei den Küster / Und rötliches Geräte, schön und düster“; demgegenüber weiß die gezeigte zweite Fassung noch einen weiteren Schritt auf dem eingeschlagenen Weg zu machen!

Erzählformen: Das Sonett (16)

Häufig benutzte Formen wecken Erwartungen, da sie meist auf eine bestimmte Art benutzt werden, die dem Leser vertraut wird und die er mit dieser Form verbindet. So auch beim Sonett! Nutzt es dann Friedrich Bodenstedt, um in „Der Ararat“ nicht in einem einzelnen Sonett, sondern in einem Sonett-Paar kein Liebesgedicht, keine gedankliche Zergliederung, kein „Ich“ zu verwirklichen, sondern eine Natur-Beschreibung (im ersten Sonett) samt der Schilderung einer kleinen Begebenheit (im zweiten Sonett), ist man zuerst einmal erstaunt!

Leider ist die Sprache der beiden Sonette recht formelhaft, was ihnen etwas von ihrer Wirkung nimmt?!

 

I.

Um Hocharmeniens alte Königsstadt
Im ersten Frühlingsblühn prangt die Natur;
Still ist’s umher – Cicaden schwirren nur
Durch’s junge Grün – am Baum regt sich kein Blatt.

Hier sieht das Aug’ an Schönheit sich nicht satt:
Fernher blitzt des Araxes Silberspur,
Zum blauen Himmel ragt aus blumiger Flur
Die Majestät des hohen Ararat.

Zu seinen Füßen dehnen sich vier Länder;
Buntsamtne Au’n umschlingen als Gewänder
Die Knie – demanten schimmert seine Krone;

Der ewige Schnee umgürtet seine Hüfte,
Kaum wagen sich die Könige der Lüfte,
Die Adler, bis zu seinem Wolkenthrone.

 

II.

Zum ersten Male von der Hochburg Zinnen
Sah ich den Gipfel, der die Arche trug,
Da noch die Sündflut ihre Wogen schlug,
Daraus der Herr nur Noah ließ entrinnen.

Und wie ich stand in weihevollem Sinnen,
Schwang sich zum Licht ein Aar in stolzem Flug,
Und vor mir zog ein Karawanenzug,
Wo klar der Sanga heilige Fluten rinnen.

Da plötzlich hielten Pferd’ und Dromedare,
Die Reiter in blauschimmerndem Talare
Hinsanken betend auf der Erde Schoß.

Und heilige Stille herrschte in der Runde,
Nur von der Stadt aus des Muezzin’s Munde
Erscholl’s vom Minarette: „Gott ist groß!“

Erzählformen: Das Sonett (15)

In Georg Brittings „Gedichte 1940 – 1951“, erschienen 1957 in der Nymphenburger Verlagshandlung, finden sich zu Beginn, unter „Die Begegnung“, mehrere Dutzend Sonette, die den Tod zum Inhalt haben; darunter auch „Der zarte, kleine Herr“ (Seite 21):

 

Ein Engel, flammend, sollte vor mir stehn,
Mit goldnem Schwert, mit erzgetriebnem Schild –
Mein Auge würde sich vor diesem Bild
Entsetzen, und ein Sturmwind würde wehn

Von drüben her: So malte man dich wild!
In solchem Sturme würde ich vergehn!
Nun bist du anders, und ich darf dich mild
An meinem schweißgetränkten Lager sehn.

Bist dus denn, Tod? Der zarte, kleine Herr?
Und ungepanzert? Und in deiner Stimme
Ist nichts von eines Cherubs wildem Grimme?

Ach, Schwert und Panzer wären dir zu schwer!
Und so viel Aufwand wär auch fehl am Ort:
Brauchst nicht zu schrein! Ich hör dein leises Wort!

 

Da fielen mir schon einige Dinge ein, die nicht so ganz rund scheinen? Weniger der Kreuzreim des zweiten Quartetts – das stört nicht; aber die Verse dieses Quartetts scheinen unter dem Druck der Reime nicht ganz frei, in Inhalt und Bewegung …

Aber was soll’s! Insgesamt entwickelt sich der Inhalt in Übereinstimmung mit der grundlegenden Sonett-Architektur, und das reicht allemal, um überzeugend zu wirken.

Erzählformen: Das Sonett (14)

Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig,
Das ging auf Stelzen, Schritte ellenweit,
Trug weiße Wäsche und ein feines Kleid,
Inwendig aber war es grob und schmutzig.

Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig,
Jedoch von außen voller Würdigkeit;
Von der Courage sprach es lang und breit,
Und tat sogar recht trotzig und recht stutzig.

„Und weißt du, wer das ist? Komm her und schau!“
So sprach der Traumgott, und er zeigt mir schlau
Die Bilderflut in eines Spiegels Rahmen.

Vor einem Altar stand das Männchen da,
Mein Lieb daneben, beide sprachen: Ja!
Und tausend Teufel riefen lachend: Amen!

 

Der Traum ist eine Welt eigenen Gesetzes, wer in ihr und aus ihr erzählt, muss sich an dieses Gesetz halten. Heinrich Heine bleibt in diesem, seinen „Traumbildern“ zugehörigen Sonett nah der Wirklichkeit, und auch die Sonettform vernachlässigt er nicht: Die beiden Quartette sind eng aufeinander bezogen und durch das „inwendig“ unmittelbar verbunden; die Terzette davon klar geschieden und wiederum unter sich mit unterschiedlichen Teilen der Erzählung gefüllt, wobei der nach- und eindrückliche letzte Vers einen schönen Schlusspunkt setzt. Ein feines Beispiel für das Zusammengehen von Form und Inhalt, und für das Zusammengehen von „Sonett“ und „Erzählung“ auch!

Erzählformen: Das Sonett (13)

Der Verserzähler hat den Rheinfall nun schon in Hexameterform vorgeführt, und in eher freien Versen; hier nun eine Sonett-Fassung, geschrieben von Joseph Victor von Scheffel:

 

Zum hohen Randen trägt der Wind ein Brausen,
Durch hohlzerspülten Stromgrunds weite Bogen
Kommt voll und breit ein Flutenschwall gezogen
Und stürzt sich tosend durch die Felsenklausen.

Das sind die Donner Gottes, die hier sausen,
Das ist, milchweiß, ein Schaumgestieb der Wogen,
Von Irisglanz neunfarbig überflogen
Der Fall des Rheins im Tale von Schaffhausen.

Im Mondenschein wirst du sein Bild betrachten
Vom Hotel Weber und dort übernachten …
Wo Wasser schäumt, will auch der Schaumwein knallen,

Und schrilles Pfeifen hörst du jenseits schallen:
Glutroten Augs zischt durch des Bergschachts Tiefe
Der Neuzeit Drache, die Lokomotive.

 

– Die übliche Naturbeschreibung in den Quartetten, ehe „gut sonettisch“ sich in den Terzetten der Blickwinkel verschiebt! (In den Quartetten hat, behaupte ich mal, „Schaffhausen“ einen der Reime festgelegt; in den Terzetten sind die drei Paarreime eigentlich gar nicht so sonettgemäß …)

Erzählformen: Das Sonett (12)

Zu Weihnachten läuft man Gefahr, dem ein oder anderen Beschenkungsversuch nicht ausweichen zu können. So  ging es auch mir, und daher habe ich mir eben ein Audiobuch angehört, „made by WDR“: Robert Gernhardt spricht. Fertig ist das Sackgedicht heißt es.

Man kann 72 Minuten schlechter verbringen. Etwas störend ist, dass Gernhardt zwar viele Gedichte geschrieben hat, aber auf Lesungen nur wenige davon vorträgt, weswegen man manches schon einige Male gehört hat.

Erst recht gilt das für sein allgegenwärtiges Sonett „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“. Immerhin sagte er bei dieser Gelegenheit – die Lesung fand 1998 in Bonn statt – gleichsam im Vorbeigehen einen kleinen Satz, der mich aufhorchen ließ:

Man kann Sonette nicht richtig hören.

Und wenn Gernhardt dann liest, weiß man, was er meint: er ordnet den Vers fast vollständig dem Satz unter im Vortrag, die Reimwörter werden nicht herausgehoben, Gleichklänge scheinen damit fast zufällig da zu sein. Das kann man so machen, und es ist sicher auch wirkungsvoll; aber ist es eine Wesenseigenschaft von Sonetten?!

Wer mag, kann Gernhards Vortrag zum Beispiel auf Youtube lauschen (bei einer anderen, früheren Lesung):

Die allerletzten Gedichte

Das kann man sich alles anhören, das Sonett trägt er aber ab 3:10 vor.

Danach lohnt sich vielleicht noch ein Besuch bei lyrikline.org:

Materialien zu einer Kritik …

– Denn da steht zum einen der Text, also das Sonett (auch) als „Bild“; und zum anderen ist Gernhardt in der dort vernehmbaren Lesung nicht ganz so streng dem Vers gegenüber – den Übergang vom ersten ins zweite Quartett kennzeichnet er sehr deutlich, obwohl das vielleicht auch einfach nur ein Hakler ist; jedenfalls fällt im Vergleich auf, wieviel deutlicher auch das Reimwort zum Tragen kommt!

Der Übergang aus den Quartetten in die Terzette, seit altersher ein Haltepunkt, ist aber so deutlich „nicht-haltend“ angelegt, dass deine Pause eigentlich unmöglich ist; trotzdem unterscheiden sich die beiden Lesungen auch da.

Na ja. Insgesamt kann man Sonette schon „richtig hören“, denke ich; wenn sie der Verfasser darauf anlegt und der Vortragende dann hörbar machen will. Und Zuhörer, die vertraut sind mit dem Sonettbau, sind bestimmt nicht von Nachteil dabei …

Erzählformen: Das Sonett (11)

Im wesentlichen gilt das, was der gestrige Eintrag zum dreiteiligen Bau vieler alter Lieder gesagt hat, auch für das Sonett: Ein Aufgesang aus zwei Stollen (V1-V4, V5-V8), ein Abgesang, länger als ein Stollen, aber kürzer als der Aufgesang (V9-V14); die Reime des Abgesangs sind neu, ihre Anordnung unterscheidet sich von der Reimanordnung des Aufgesangs (an diesem Bau ändern die drei Leerzeilen, mit denen ein Sonett heute dargestellt wird, nicht wirklich etwas!) Passend zum Tage soll das vor Augen führen ein Sonett von Hermann Kurz:

 

Weihnachten

Am schmucken Baume flimmern hundert Kerzen,
Mit lichtem Blick, mit Jauchzen hüpft der Knabe
Und mustert halb im Traume seine Habe;
Selbst Alte lockt der Glanz zu frischen Scherzen.

Mein Auge, sollte dich die Helle schmerzen?
Denkst du, o Herz, an manche schöne Gabe
Von ihnen, die da schlummern in dem Grabe?
Mahnt dich dies Fest an zwei gebrochne Herzen?

Frisch, Seele! deiner eignen Weihnacht denke,
Wie eine Flamme festlich dich durchdrang,
Wie dich begrüßten himmlische Geschenke,

Der Sonnengeist einzog durch alle Tore,
Und jenes schmerzlich stolze Lied erklang,
Das Opferlied: Anch‘ io sono pittore!

 

– Vielleicht kein wirklich großes Gedicht, aber doch eins, in das man hineinschauen kann … Ziemlich klassisch im Aufbau kommt es daher, eines der Sonette, für die man den so oft geforderten und so selten verwirklichten „These-Antithese-Synthese“-Aufbau vielleicht wirklich einmal gelten lassen darf; und eines, dessen Reime zu denken geben!

V1 schließt mit „Kerzen“; wenn dieses Wort als Reim in den Quartetten auftaucht, weiß man als Sonett-Leser sofort, was folgen wird: „Herzen, Schmerzen, Scherzen“. Sicher, da gäbe es auch „Terzen“ oder „Nerzen“, aber das wäre eine ziemliche Überraschung – die Frage ist ab dem Ende von V1 eigentlich nicht mehr das „Was“, sondern nur noch das „Wie“: die Bezüge und die Reihenfolge!

Kurz ordnet an, wie zu lesen ist. Bemerkenswert, wie das „Herz“ im Inneren von V6 anklingt, ehe die „Herzen“ in V8 die Quartette / den Aufgesang schließen, während das „schmerzlich“, V13, das „Schmerzen“ aus V5 im Vers noch einmal aufnimmt.

Den zweiten Reim der Quartette legt „Knabe“ fest; und da ist nicht ganz so klar, wie es weitergehen wird. Von daher ist die Hinwendung zu „Grabe“ vielleicht eine kleine Überraschung, erst recht in einem Weihnachtsgedicht, das ja auch „weihnachtsstimmig“ einsetzte?!

Immerhin hat Kurz so eine Reihe von Weihnachts-Sonetten begonnen, in denen andere Dichter Weihnachten mit dem Tod in Verbindung gebracht haben – ein Beispiel wäre Paul Heyse, in dessen Gedichten sich im Abschnitt „Meinen Toten“ unter „Weihnachten in Rom“ drei Sonette solchen Inhalts finden: „Drei Kinder in der Ferne, drei begraben“ sagt ein Quartett-Vers des ersten Sonetts, die anderen  Reimworte sind, wie bei Kurz, „-gaben“, „haben“ (das Verb) und „Knaben“!

Im zweiten Terzett schließlich reimt Kurz Wörter aus verschiedenen Sprachen. Das ist dann sicher vollständig unerwartet, andererseits aber schon beim Einsetzen des bekannten Zitats sicher. „Auch ich bin Maler!“ soll Correggio gerufen haben, als er vor einem Bild Raffaels stand; das ist, zum Guten  oder Schlechten des Sonetts, allerdings eine Gewichtsklasse, in die Kurz bei weitem nicht gehört … Aber gut:

 

Dies Lied hat schroffe Züge, und es ist,
Als reihten sich Felsblöcke aneinander
Zu Strichen eines Bildes, – aber doch,
Wenn auch nicht mir, ist’s meinem Schatten ähnlich.
Ja mancher einzle Zug trifft zu und malt
Mir seltsam längst vergessne Wirklichkeit.

 

Das sind sechs Blankverse von Kurz, aus einem ganz anderen Text; die hier als Schlusswort stehen mögen.

Erzählformen: Das Sonett (10)

Nikolaus Lenau hat vier „Stimme-Sonette“ geschrieben; von denen gefällt mir „Stimme des Regens“ deutlich am besten:

 

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und Mein und Dein vergessen traurig beide.

Nun plötzlich wankt die Distel hin und wider,
Und heftig rauschend bricht der Regen nieder,
Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,
Er hört die windgepeitschte Distel sausen,
Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.

 

„Nicht zu sagen“; und sagt es doch. Wobei Lenau ja ziemlich häufig so klingt; aber wie er die Stimmung hier durch das Sonett führt und dabei dessen Grundgerüst, das ja viel eher auf gedankliche Arbeit irgendeiner Form angelegt ist, getreulich verwirklicht: das kann man sich schon einmal ansehen und wohl auch etwas daraus mitnehmen für die eigenen Sonette, denke ich.

Erzählformen: Das Sonett (9)

Wieder ein Sonett von Franz Werfel, “ Die befreite Seele“, in seinen gesammelten Werken zu finden im Band “Das lyrische Werk” (Fischer 1967) auf den Seiten 422 und 423. Es ist das auf „Der Tod des Priesters„, vorgestellt im fünften Sonett-Eintrag, folgende Gedicht; vielleicht lohnt sich daher der Blick auf des Vor-Gedicht …

Mit Werfels Gedichten habe ich so meine Mühe; irgendetwas in ihnen bürstet mich immer gegen den Strich. Aber gerade darum lohnt wahrscheinlich die Beschäftigung mit ihnen? Ob „Die befreite Seele“ ein Erzählsonett ist, möge jeder selbst entscheiden:

 

Noch einmal! Auf! Ein wilder Fluchtversuch!
Doch haften bleibt sie an der Sterbestelle.
Weh! Unter ihr das Wachs, das Corporelle
Bedrängt sie mit verdicktem Ichgeruch.

Des Körpers Nachgefühl drückt wie ein Fluch
In ihr Befreitsein sich mit grober Delle.
Bis dies auch stirbt und langsam Zell‘ um Zelle
In ihr sich ausfeint, Hauch wird, Schleiertuch.

Nun ist es leer um sie. Wohin? Empor!
Doch wo ist: oben, was bedeutet: Richtung,
In diesen Zwischenräumen unbeirrt?

Da erst gibt sie sich hin. Wie Rauch und Flor
Saugt sie ein Zug in Schichten der Entdichtung,
Wo alles lockrer, leichter, heiter wird.

 

Mag es ein, auch dieses Gedicht „entdichtet“ sich gegen Ende hin?! Jedenfalls ein eigenartiger Text, bei dem spannend zu verfolgen ist, wie er die Ansprüche, die die „innere Form“ des Sonetts anmeldet, zu erfüllen versucht.