Erzählformen: Das Reimpaar (38)

Das Reimpaar aus iambischen Vierhebern klingt schlicht, aber auch nachdrücklich und ist daher für ein Bekenntnis sehr geeignet. Ein Beispiel dafür gibt Anton Wildgans in „Ich liebe“:

 

Die Landschaft, so das Auge stillt
Und wahrer Seele Ruhe quillt;

Die Menschen, die, in sich gefasst,
Wie Inseln sind in Lebenshast;

Den Geist aus Stirnen, braungeglüht,
Der klar, wie Quell vom Felsen, sprüht;

Mich selbst, wenn ich, gefasst im Sinn,
Gestillt und klar, ich selber bin.

 

Die ersten drei Verspaare wirken ein wenig ungelenk, aber das gehört zum Reimpaar dazu – Wildgans hatte hier sicher keine Darstellungsschwierigkeiten. Die vierte Strophe nimmt die ersten drei wieder auf und fasst sie zusammen, durchaus überzeugend; so dass man dem „Ich“ die Selbstliebe auch nicht übel nimmt …

Erzählformen: Das Reimpaar (37)

Das Reimpaar aus iambischen Vierhebern wurde und wird häufig für das komische Gedicht verwendet, wo es gute Dienste leistet; dumm aber, wenn sich eine solche komische Wirkung unabsichtlich einstellt! Der Anfang von Ludwig Uhlands „Siegfrieds Schwert“ zeigt, dass daran, gerade in erzählenden Texten, oft das genau eingehaltete Auf und Ab des iambischen Maßes Schuld ist:

 

Jung Siegfried war ein stolzer Knab,
Ging von des Vaters Burg herab.

Wollt rasten nicht in Vaters Haus,
Wollt wandern in alle Welt hinaus.

Begegnet‘ ihm mancher Ritter wert
Mit festem Schild und breitem Schwert.

Siegfried nur einen Stecken trug,
Das war ihm bitter und leid genug.

Und als er ging im finstern Wald,
Kam er zu einer Schmiede bald.

 

Das erste und das fünfte Reimpaar wirken sehr geregelt und streifen zumindest das unfreiwillig Komische; die mittleren drei Verspaare wirken mit ihren eingestreuten zweisilbig besetzten Senkungen lebendiger und auch dem Erzählgedicht angemessener!

Erzählformen: Das Reimpaar (36)

Die folgenden Verse sind, dies als Warnung: vergleichsweise schlecht.

 

Den nackten Stecken in der Hand
Zog er allein durchs deutsche Land

Und schaut‘ nach starken Schmieden aus
Und fand die rechten bald heraus

Und übt in Feuers Licht und Brunst
Bei großen Meistern seine Kunst.

Er schlug, dass hell die Welt erklang
Und Splitter rings und Funke sprang,

Und schmiedet‘ sich ein funkelnd Schwert,
Das macht‘ ihn tausend Ritter wert.

Er zwang die Riesen Not und Leid,
Wusch sich im Blut des Drachen Neid,

Gewann das Kleid Unsterblichkeit
Und deutsche Kunst, die Sternenmaid.

Wie früh sein irdisch Auge brach!
Der Tod ihn hinterrücks erstach.

Doch ruht auf deutscher Seelen Grund
Des werten Helden goldner Fund

Und strahlt in Tag und Nacht hinein
Mit tiefer Glut und klarem Schein.

 

Aber obwohl sie schlecht sind, kommt man ins Grübeln, beschäftigt man sich mit den Umständen:  Die Verse  enstammen  Otto Ernsts „Prolog zu einer Nibelungen-Aufführung“ und sind „Hebbel der Nibelungendichter“ überschrieben; und Friedrich Hebbel ist damit auch der im ersten Verspaar genannte „er“!

Nun waren solche Prologe keine Seltenheit; sie wurden allerdings vor allem in Blankversen geschrieben, oder auch in gereimten iambischen Fünfhebern, und andere Versformen, wie das hier von Ernst gewählte Reimpaar aus iambischen Vierhebern, kamen deutlichst seltener vor. Und auch der Inhalt, der Hebbels Leben in eine Art Nibelungen-Welt überträgt (was immerhin den „Drachen Neid“ und das „Waschen im Blut“ verständlicher macht), ist eher ungewöhnlich?!

Insgesamt ein sehr eigenartiger Text, der weniger schlicht – was vielleicht die Absicht war – wirkt als vielmehr wie nicht gekonnt … Aber wer weiß, vielleicht war er ja für diese besondere Aufführung, und damit: für dieses besondere Publikum genau das richtige!

Erzählformen: Das Reimpaar (35)

Ein letzter Eintrag noch zum „um einen dritten Vers ergänztes Reimpaar“, diesmal mit Gottfried August Bürgers ziemlich bekanntem „Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen“:

 

Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Ross?

Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut
Darf Klau’ und Rachen hau’n?

Wer bist du, dass, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Ross und Hund und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht, bei Egg’ und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!

 

Dreizeilige Strophen – aber ungereimte! Hat das Gedicht also gar nichts zu suchen unter der Überschrift „Reimpaar“? Ich denke, schon. Denn wie die letzten EInträge gezeigt haben, war das um einen dritten Vers, meistens einen iambischen, weiblich schließenden Dreiheber (hier, bei Bürger, schließt er männlich!) Reimpaar aus iambischen Vierhebern eine ziemlich gängige Form; und diese reimlosen Strophen Bürgers dürften von dieser Form aus gedacht und bewertet worden sein!

Aber auch „an unf für sich“ ist das eine geschlossene kleine Form, mit der sich viel anstellen lässt, wie mir scheint.

Erzählformen: Das Reimpaar (34)

Wenn das Reimpaar nicht, wie in (32) und (33), durch einen Kehrreim ergänzt wird, dann vielleicht durch einen Körnerreim?! So hält es zum Beispiel Josef Weinheber in „Jetzt kommt das Licht“:

 

Jetzt kommt das Licht mit einemmal
und flutet über Angst und Qual
und über Tat und Träume.

Wer heute noch in Fesseln ist,
tu ab den Zwang, der ihn umschließt,
auf dass er nicht versäume.

Denn morgen ist vielleicht auch er
voll Blüten und steht reich und schwer
und selig wie die Bäume …

 

Das ist auch eine reizvolle Möglichkeit, die eine schöne, geschmeidige Strophe hervorbringt! Die trägt sogar den „Olle-Kamelle-Reim“ „Träume – Bäume“, zwischen den sich hier noch das „(ver-)säume“ schiebt, etwas unvollendet (wen oder was versäumt „er“ nicht?), aber gerade dadurch wirkungsvoll.

Erzählformen: Das Reimpaar (32)

Im gestrigen Eintrag hat sich das Reimpaar mit einem Kehrreim verbunden, der als weiblich schließender iambischer Dreiheber daherkam. Das ist eine naheliegende und gute, aber keinesfalls die einige Wahl! Martin Greif nutzt in „Ganz so wie du“ zum Beispiel einen männlich schließenden iambischen Zweiheber als Kehrreim:

 

Ich kannt‘ ein Kind von holder Art,
Wie eine Frühlingsblume zart,
Ganz so wie du.

Was nur der Seele Blick gewahrt,
Sie hatte mir’s geoffenbart,
Ganz so wie du.

Zu leuchten meiner Lebensfahrt
Schien sie vom Glück mir aufgespart,
Ganz so wie du.

 

Kein großes Gedicht, aber immerhin eines con beachtlicher Geschlossenheit dank der gleichgereimten drei Reimpaare; und der gegenüber den Reimpaaren kürzere Kehrreim schließt  dreimal nachdrücklich, ohne dabei die Reimpaare zu übertönen. Eine runde Form!

Erzählformen: Das Reimpaar (31)

Wie ergänzt man ein Reimpaar, und erhält im entstehenden Versgebilde doch den Eindruck und die Wirkung dieses Reimpaars?! Die einfachste Antwort auf diese Frage lautet: Mit einem Kehrreim! Ein klassisches Beispiel ist Adelbert von Chamissos „Tragische Geschichte“:

 

’s war Einer, dem’s zu Herzen ging,
Dass ihm der Zopf so hinten hing,
Er wollt‘ es anders haben.

So denkt er denn: wie fang ich’s an?
Ich dreh‘ mich um, so ist’s getan –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Da hat er flink sich umgedreht,
Und wie es stund, es annoch steht –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Da dreht er schnell sich anders rum,
’s wird aber noch nicht besser drum –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Er dreht sich links, er dreht sich rechts,
Es tut nichts Gut’s, es tut nichts Schlecht’s –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Und seht, er dreht sich immer noch,
Und denkt: es hilft am Ende doch –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

Er dreht sich wie ein Kreisel fort,
Es hilft zu nichts, in einem Wort –
Der Zopf, der hängt ihm hinten.

 

Man kann den dritten Vers auch ganz ungereimt lassen, dann ist es eine feine, kleine Strophe, die für vieles nutzbar ist; aber wie Chamissos Gedicht zeigt, kommt der Kehhreim zu ganz eigenen Wirkungen, er schafft Geschlossenheit und stegert dabei doch den Inhalt immer weiter, und das unabhängig davon, ob es sich wie hier um ein humoristisches Gedicht handelt oder ein erzählendes oder ein lyrisches.

Erzählformen: Das Reimpaar (30)

Nikolaus Lenau führt in „Die Drei“ das Reimpaar aus iambischen Vierhebern in seiner Reinform vor – keine auflockernden doppelt besetzten Senkungen, keine Abwechslung schaffenden weiblichen Versschlüsse, kein inhaltliches Übergreifen aus einem Verspaar ins nächste, kein nichts:

 

Drei Reiter nach verlorner Schlacht,
Wie reiten sie so sacht, so sacht!

Aus tiefen Wunden quillt das Blut,
Es spürt das Roß die warme Flut.

Vom Sattel tropft das Blut, vom Zaum,
Und spült hinunter Staub und Schaum.

Die Rosse schreiten sanft und weich,
Sonst flöss‘ das Blut zu rasch, zu reich.

Die Reiter reiten dicht gesellt,
Und einer sich am andern hält.

Sie sehn sich traurig ins Gesicht,
Und einer um den andern spricht:

„Mir blüht daheim die schönste Maid,
Drum tut mein früher Tod mir leid.“

„Hab Haus und Hof und grünen Wald,
Und sterben muss ich hier so bald!“

„Den Blick hab ich in Gottes Welt,
Sonst nichts, doch schwer mirs Sterben fällt.“

Und lauernd auf den Todesritt
Ziehn durch die Luft drei Geier mit.

Sie teilen kreischend unter sich:
„Den speisest du, den du, den ich.“

 

Das ist ein Inhalt, dem die formale Strenge, die Beschränktheit sehr gut tut!?

Bei sich zu Hause hatte Lenau selbst einen Geier, doch der war ausgestopft und wurde vom Dichter angedichtet, gleichfalls in Reimpaaren, aber in weiträumig-alexandrinischen; wodurch der Text einen ganz anderen Klang bekommt. In den ersten beiden Reimpaaren des langen Gedichts geht es bissig zu:

 

Du stehst so still und ernst, mein ausgebälgter Geier,
Ich bringe dir ein Lied mit meiner ernsten Leier.

Zwar hörst du nichts davon, dir geht mein Gruß verloren;
Doch Dichter sind gewohnt, zu singen toten Ohren.

 

Wobei die Dichter diesbezüglich bis heute keine Gelegenheit hatten, sich zu entwöhnen, scheint mir.

Erzählformen: Das Reimpaar (29)

„Das Märchen vom Waldfegerlein, der kleinen Marie erzählt“ stammt von Hermann Kurz und verwendet ein gutes Stück weit ausschließlich männlich schließende Reimpaare aus iambischen Vierhebern:

 

Waldfegerlein des Morgens fruh
Saß auf dem Zweig in guter Ruh,
Hatte die Nacht zum Schlaf genutzt,
Guckäuglein morgens hell geputzt,
Sah munter in den lieben Tag
Und sang ihn an mit süßem Schlag:
Erst sang es nur verstohlen leis,
Dann laut, herzhaft und trillerweis,
Netzt‘ in dem Tau das Schnäbelein
Und wetzt‘ es wieder am Baume rein.

 

Es steht über dem Text noch ein Zitat – „Ay Nachtigol, Waldvegerlain!“ Lied aus dem Kuhländchen – durchaus verständnisfördernder Art; aber eigentlich finde ich es viel spannender, ohne dieses Wissen in den Text hineinzulesen …

Warum wirken diese Verse so lebendig angesichts der geringen Abwechslung am Versende? Nun, Kurz nutzt den Versbeginn, um keine Gleichförmigkeit aufkommen zu lassen! Dort hat er Spondeen statt Iamben und  versetzte Betonungen (also Trochäus statt Iambus) die Menge; sogar im Versinnern trifft man, neben zweisilbig besetzten Senkungen, eine versetzte Betonung:

Dann laut, / herzhaft / und tril– / lerweis,

◡ — / — ◡ / ◡ — / ◡ —

Das sorgt für einige Auflockerung, die aber sehr gut zum schwungvoll-verschmitzten Tonfall des Textes passt!

Erzählformen: Das Reimpaar (28)

Metrisch geregelte Gedichte beziehen ihre Kraft aus dem Nebeneinander von Satz (Sprache) und Vers (Metrum); aus den unterschiedlichen Ansprüchen, die der Schreibende animmt und miteinander aussöhnt, und in deren Vereinigung das Gedicht lebt und atmet.

Keine der beiden Größen darf sich dabei aufgeben. Gedichte, in denen zum Beispiel der Satz nichts von seinen Rechten aufgibt und der Vers nur insofern eine Rolle spielt, als dass aus der Menge der möglichen Sätze die ausgesucht werden, die zusätzlich zu der vollständigen sprachlichen Richtigkeit auch die Vorgaben des Metrums umsetzen, klingen meist spannungsarm, langweilig, tot; einmal wegen des fehlenden Spannungsverhältnisses, zum anderen aber auch wegen der sprachlichen Verarmung – ein Großteil der möglichen Sätze wird ja durch das Metrum „verunmöglicht“!

Im fünften Band von Marie Luise Kaschnitz‘ „Gesammelten Werken“ (Insel 1985) findet sich auf den Seiten 125 und 126 der in Reimpaaren gehaltene Text „Vergänglichkeit“:

 

Ist keine Zeit so arge Zeit,
So tief ist keine Traurigkeit,

Dass nicht geheime Lebenskraft
Den Menschen sich zu Willen schafft.

Ob Feuer ihm das Haus verdarb;
Er ruht nicht, bis er’s neu erwarb.

Ob Not ihn aus der Heimat trieb;
Die fremde Erde ward ihm lieb.

Ob seinen Sohn die Kugel traf;
Er weckt sich andre aus dem Schlaf.

Ja, wenn man ihm das Herz zerbricht,
Er fühlt es nicht und weiß es nicht,

Weil unentwegt und unentwegt
Der Puls des Lebens weiterschlägt.

Und doch im Herbst ein kühler Hauch,
Ein fremdes Lied, ein bittrer Rauch

Genügt, dass seine ganze Welt,
Die blühende, zu Staub zerfällt.

 

„Er weckt sich andre aus dem Schlaf“ – ob dieser Ausdruck, dieser Satz ohne das Einwirken von Metrum und Reim so geschrieben worden wäre? Auch der Satzbau gleich des ersten Verspaars zeigt die angesprochene Spannung, und so vieles in diesen neun Verspaaren.