Erzählformen: Das Reimpaar (25)

Gedichte in Reimpaaren stehen, zu Recht oder zu Unrecht, in dem Ruf, eher einfach gestrickt zu sein. Gottfried August Bürger konnte, wenn er wollte, auch anders; meist wollte er aber nicht und gab seinen Gedichten bewusst einen volksnahen Ton. Die folgenden Strophen sind der Anfang von „Männerkeuschheit“ – was für ein Titel, auch!

 

Wer nie in schnöder Wollust Schoß
Die Fülle der Gesundheit goss,
Dem steht ein stolzes Wort wohl an,
Das Heldenwort: Ich bin ein Mann!

Denn er gedeiht und sprosst empor
Wie auf der Wies‘ ein schlankes Rohr;
Und lebt und webt, der Gottheit voll,
An Kraft und Schönheit ein Apoll.

 

Wie gesagt: Da kannte Bürger nichts. Und unter den 17(!) Strophen seines Gedichts sind einige, die es noch toller treiben:

 

Sein Auge funkelt dunkelhell
Wie ein kristallner Schattenquell.
Sein Antlitz strahlt wie Morgenrot;
Auf Nas‘ und Stirn herrscht Machtgebot.

 

An der Bedeutung des letzten Verses werde ich noch lange rätseln … Aber auf seine ganz eigene Art macht das Gedicht doch auch Freude; weil Bürger eben ein echter Dichter war und selbst solche wunderlichen Inhalte überzeugend darstellen konnte!

Erzählformen: Das Reimpaar (24)

Der folgende, aus vier Reimpaaren bestehende und dabei recht hemdsärmlige Text stammt aus der Feder Wilhelm Buschs:

 

Ich saß vergnüglich bei dem Wein
Und schenkte eben wieder ein.
Auf einmal fuhr mir in die Zeh
Ein sonderbar pikantes Weh.
Ich schob mein Glas sogleich beiseit
Und hinkte in die Einsamkeit
Und wusste, was ich nicht gewusst:
Der Schmerz ist Herr und Sklavin ist die Lust.

 

Bemerkenswert ist er vor allem wegen der höchst eigenartigen Wirkung, die von dem Schlussvers ausgeht, der nicht wie die sieben Verse davor vierhebig ist, sondern fünfhebig! Jedenfalls, solange man keine dreisilbige Senkung lesen möchte:

Der Schmerz/  ist Herr / und Skla– / vin ist die Lust.

Auch das ginge?! Die drei Silben sind sehr leicht, man kann sie schnell lesen. Oder man lässt den Vers durch eine sehr deutlichen Sprechpause nach „Herr“ in einen Zwei- und einen Dreiheber zerfallen:

Der Schmerz / ist Herr, || und Skla– / vin ist / die Lust.

Wieder ein anderer Gedanke: Eine Sprechpause innerhalb der dreisilbigen Senkung!

Der Schmerz / ist Herr / und Skla– / vin – || ist die Lust.

Warum nicht – aber irgendwie verhalten muss man sich zu diesem Abweichler, und das macht aus einem nicht besonders beeindruckenden Gedicht immerhin noch eine echte Aufgabe in Bezug auf das Versverständnis und den Vortrag …

Erzählformen: Das Reimpaar (23)

Von Hermann Claudius hatte ich bisher nur die beiden Schlagwörter „Nazi-Dichter“ und „Urenkel von Matthias Claudius“ im Kopf (wie auch immer man die beiden zusammenbringen und -denken soll …) Jetzt kam mir der erste Band von Claudius‘ „Gesammelten Werken in zwei Bänden“ in die Hände, erschienen 1957 im Christian Wegner Verlag, und  von dem, was damals 20 Jahre zurücklag, findet sich – nichts. Stattdessen viele unauffällige Gedichte über die Natur, Gott und das einfache Leben, nichts wirklich Gutes, nichts abgrundtief Schlechtes; und dann und wann ein leiser, ferner Anklang und Bezug auf das, was 200 Jahre zurücklag, die Texte des berühmten Vorfahren. „Simple Ballade“ (zu finden auf Seite 52):

 

Hans Peter Simpel sprang, ward groß,
trank seine Milch, aß seinen Kloß,
hatt‘ einen frischen, harten Mut,
schlug um sich und war wieder gut,
pflügt‘, säte, mähte, schlief auf Stroh,
nahm sich ein Weib, war mit ihm froh,
zeugt‘ lieber Kinder sechse, sieben,
ward hochbetagt und ist verschieden …
Und als er kam ins Himmelsland,
war’n Gott und er sich wohlbekannt.
Gott sprach: sitz nieder, liebe Seel,
Hans Peter Simpel, und verzähl! –

 

Das ist nun, die Überschrift ist Programm! bewusst einfach gehalten bis an die Grenze zum Ungeschickten – simpel eben. Immerhin lohnt es sich, über den Anteil nachzudenken, den das Reimpaar an diesem Eindruck hat; es bietet der schlichten Aufzählung, und aus mehr besteht das Gedicht ja eigentlich nicht, jedenfalls einen geeigneten Rahmen!

Matthias Claudius‘ bekanntes Gedicht „Der Mensch“ beginnt mit „Empfangen und genähret / vom Weibe wunderbar“ und schließt, nachdem die Stationen des Menschenlebens durchlaufen sind, mit „Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder, / Und er kömmt nimmer wieder.“ Wunderbar. Manchmal sind Gedichte einfach gestrickt; und manchmal sehen sie nur so aus …

Erzählformen: Das Reimpaar (22)

„PPP. Pamphlete – Parodien – Postcripta“ heißt ein 1964 bei Langen Müller erschienener Band Friedrich Torbergs, und darin findet sich von Seite 213 an „eine Literaturgeschichte in Beispielen“. Thorberg padodiert den Stil der angesprochenen Verfasser und lässt inhaltlich kein gutes Haar an ihnen; manchmal geht es auf diese Art aber auch gegen bestimmte Richtungen der Dichtung, zum Beispiel die „Großstadtlyrik“:

 

Fabriken stehen Schlot an Schlot,
vorm Hurenhaus das Licht ist rot.

Ein blinder Bettler starrt zur Höh,
ein kleines Kind hat Gonorrhoe.

Eitrig der Mond vom Himmel trotzt.
Ein Dichter schreibt. Ein Leser kotzt.

 

Reimpaare aus iambischen Vierhebern haben etwas Unmittelbares, Schnörkelloses; was Torberg sich hier zu Nutze macht, besonders im dritten und letzten Paar, das sich zwar erst einmal eine kleine Auflockerung gönnt in Form der versetzten Betonung „Eitrig der Mond“, dann aber im Schlussvers nachdrücklich mit einer einprägsamen Gegenüberstellung schließt.

„Großstadtlyrik“ ist, immer noch, ein Unterrichtsgegenstand in der Schule, glaube ich?! Diese Verse sind mir in den entsprechenden Materialien allerdings noch nicht aufgefallen … Schade eigentlich.

Erzählformen: Das Reimpaar (21)

Christian Morgenstern verstand es meisterhaft, aus ganz wenigen Reimpaaren ein wirkungsvolles, rundes Ganzes zu erschaffen. Ein berühmtes Beispiel ist „Die beiden Esel“:

 

Ein finstrer Esel sprach einmal
zu seinem ehlichen Gemahl:

„Ich bin so dumm, du bist so dumm,
wir wollen sterben gehen, kumm!“

Doch wie es kommt so öfter eben:
Die beiden blieben fröhlich leben.

 

Das sieht aus und klingt, als könne es jeder hinbekommen; aber wer es dann wirklich versucht, stellt fest: dem ist nicht so …

Erzählformen: Das Reimpaar (20)

Abwechslung ist immer wichtig; das Reimpaar ist da keine Ausnahme! Warum also nicht hier und da das Reimpaar um einen dritten Vers erweitern, der mit demselben Reim endet? Dadurch lässt sich einiger Nachdruck erzielen, mit dem in der Verserzählung zum Beispiel das Ende eines Abschnitts gekennzeichnet werden kann. Aber auch im Epigramm zeigt ein solcher Dreizeiler diesen Nachdruck, wie „Spötter“ von Friedrich von Logau zeigt:

 

Wer andrer Leute höhnisch lacht,
Der habe nur ein wenig Acht,
Was hinter ihm ein Andrer macht.

 

– Klingt zwar etwas altertümlich, aber Logau war ja auch ein Barock-Dichter. Und ein ganz hervorragender Epigrammatiker dazu, weswegen seine „Sinnsprüche“ auch heute noch mit Gewinn gelesen werden können, einmal des Inhalts wegen; und dann ihres Aufbaus wegen, da kann jeder, der heutzutage Epigramme schreiben möchte, sicher einige Anregungen mitnehmen!

Hier leistet das dreimal wiederholte Reimwort eine enge Verklammerung der drei iambischen Vierheber, die sonst – jeder enthält einen Satz – vielleicht ein wenig auseinanderfallen würden?!

Erzählformen: Das Reimpaar (19)

Ein einzelnes Reimpaar aus iambischen Vierhebern ist ein vergleichsweise kleiner Raum – selbst bei „weiblichem“ Reim umfasst er gerade einmal achtzehn Silben. Aber wenn ein Haiku, siebzehnsilbig, wenn es silbenreich im 5-7-5 daherkommt, oder ein Hexameter, der in seiner längsten Ausgestaltung gleichfalls auf siebzehn Silben kommt; wenn diese beiden Formen einem vollständigen Gedicht zugrunde liegen können, dann kann es ein Reimpaar selbstverständlich auch!

 

Frühlingstrost

Was zagst du, Herz, in solchen Tagen,
Wo selbst die Dornen Rosen tragen?

 

– Das findet sich als sechstes unter Ludwig Uhlands „Frühlingsliedern“. Und ist ein gutes Beispiel für die Geschlossenheit, die ein Gleichklang immer hervorruft.

Erzählformen: Das Reimpaar (18)

Reimpaare lassen sich selbstverständlich auch nutzen, um Strophen zu bauen. Wilhelm Jordans „Laurentiustränen“ sind ein Beispiel – die erste Strophe:

 

Mein Auge trank die stille Pracht
Der heiligen Laurentiusnacht.
Da schießt und rennts, da blitzt und brennts
Im Ruheglanz des Firmaments,
Als spalt‘ ein Stern zu Spänen.
Die lichte Kielspur ihrer Trift
Verschlingt sich mir zu Runenschrift,
Und Urgeheimes offenbart
Die scharenweise Niederfahrt
Der Himmelsfeuertränen.

 

Des heiligen Laurentius wird am 10. August gedacht, die „Laurentiustränen“ sind also die Perseiden, ein in der ersten Augusthälfte viele Sternschnuppen hervorbringender Meteorstorm.

Jordans Gedicht hat elf Strophen, alle gebaut wie die erste: Zwei Reimpaare aus männlich schließenden, iambischen Vierhebern, denen ein weiblich schließender Dreiheber folgt; dann wieder zwei vierhebige Reimpaare, und schließlich wieder ein mit dem ersten reimender Dreiheber. Die Strophenmitte weist immer einen tiefen Sinneinschnitt auf.

Insgesamt eine schöne, runde Form; und ein gutes Beispiel dafür, wie sich einzelne Bausteine zu beachtenswerten Strophen zusammensetzen lassen?!

Erzählformen: Das Reimpaar (17)

Reimpaare aus iambischen Vierhebern sind heute auch oft die Form, die Gelegenheitsgedichten gegeben wird. Dann klingen die Text schon mal leicht unordentlich und nachlässig – und sind das auch! Was aber, wenn solche Reimpaare so klingen bei Dichtern, die nachweislich mit Sprache umzugehen wissen?!

Das klassische Beispiel dürfte da Ludwig Tieck sein, dessen Gedichte ja schon von seinen Zeitgenossen als sehr nachlässig beurteilt wurden.

Am Anfang von Tiecks „Phantasus“ sitzt ein Ich, von allerlei Unbill geplagt, „betrübt“ im Zimmer.

 

So saß ich still in mich gebückt,
Den Kopf in meine Hand gedrückt,
Als ich, so sinnend, es vernahm,
Dass jemand an die Türe kam;
Es klopfte, und ich rief: „Herein!“
Da öffnet schnell ein Händelein,
So weiß wie Baumesblüt‘, herfür
Trat dann ein Knäblein in die Tür,
Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,
Die eben aus den Knospen losen,
Wie Rosenglut die Lippen hold,
Das krause Haar ein funkelnd Gold,
Die Augen dunkel, violbraun,
Der Leib gar lieblich anzuschaun.
Er trat vor mich und tät sich neigen
Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:
„Wie kömmt’s, mein lieber kranker Freund,
Dass Ihr hier sitzt, da Sonne scheint?“

 

„losen“ = „los, frei werden“, „herauskommen“. Ist das jetzt also nachlässig geschrieben?! Hm. Das macht sich ja am allerehesten daran fest, dass sich Füllsel-Verse einschleichen; der erste Vers des Reimpaars sagt inhaltlich etwas aus, aber kein Reimwort bietet sich an, die Sache im zweiten Vers weiterzuführen; also wird der Vers einfach gefüllt mit einem Zusatz, und erst das nächste Reimpaar nimmt die Handlung wieder auf.

Davon ist nichts zu bemerken bei Tieck?! Nur das „Händelein“, klingt, heutzutage erst Recht, gewöhnungsbedürftig; das wird dann einem „Knäblein“ zugeordnet, was, je nach Sichtweise, die Sache rechtfertigt – oder noch schlimmer macht!

Wenn man Tiecks Text liest, klingt so manches eigenartig. Man merkt aber auch, es hat seinen eigenen Ton, der nicht wackelt und nicht schwankt, und es erzählt geradeheraus und von daher: So kann man schreiben, wenn man mag. Oder man konnte es; heut sollten auch Reimpaartexte wohl etwas anders klingen …

Erzählformen: Das Reimpaar (16)

2002 ist bei Hanser „So und nicht anders“ erschienen, ein Gedichtband mit „ausgewählten und neuen Gedichten“ Günter Kunerts. Das ist schon an sich ein lesenswertes Buch mit vielen guten und bedenkenswerten Texten; darüber hinaus finden sich aber auch einige in iambischen, vierhebigen Reimpaaren verfasste Gedichte darin! Eines von ihnen, ein kurzes und recht bekanntes,  steht auf Seite 85:

 

Bruder Kleist

Legendenlast: du trägst sie schwer.
Du ahnst zuviel. Und wagst nichts mehr.
Die Welt verläuft. Du bist allein.
Und bist zugleich der Widerschein
von einem längst verwehten Geist
von dem du nur den Namen weißt.
Ein deutsches Schicksal: Was da tönt
ist stets ein Schuss. Bleibt unversöhnt.

 

– Rein von der Form, von der Bewegung her ein eindrücklich aufgebautes Gedicht?! Zuerst werden die Vierheber als solche gar nicht vernehmbar, zu tief schneidet die Zäsur genau in der Versmitte und lässt den Vers eher wie ein Paar von Zweihebern erscheinen; und das über die ersten drei Verse hinweg! Dann aber, mit dem zweiten Vers eines Reimpaars & wieder über drei Verse: Satz und Nebensatz, der eine füllt zwei Verse, der andere einen – ein weiter Bogen, ein scharfer Gegensatz zu den kleinen Schritten der ersten drei Verse. Und zum Schluss wieder zwei scharf zäsurierte Verse, einmal ist die Zäsur um eine Silbe nach hinten verschoben; dann aber fällt der Schlussvers wieder ins Muster des Einstiegs: Zwei knappe Sätze, beide noch auf den Vorvers bezogen, die den Vers genau in der Mitte spalten.

Ein wirkungsvoller Aufbau!? So ähnlich klingt auch noch ein anderes Gedicht der Sammlung, „Kleinstadt“ (S. 97), auch wenn der Gegensatz zwischen „Stocken“ und „Strömen“ dort nicht ganz so ausgeprägt ist.