Erzählformen: Das Madrigal (22)

aus Friedrich Rückerts „Liedertagebüchern“ (je mehr ich in ihnen lese, desto mehr schätze ich sie), hier dem des Jahres 1855:

 

Gedichte dichten, die nur wieder Dichter lesen;
Kessel zu flicken, Besen
Zu binden, wäre verdienstlicher gewesen.

 

Hm. Zumindest das Kesselflicken und das Besenbinden sind heutzutage außer Gebrauch gekommen …

Ob meine Einordnung dieses Textes in die „Madrigal-Schublade“ wirklich zutrifft – wer weiß. Unterschiedliche Verslängen sind da, aber eben auch nur drei Verse und nur ein Reim. Dazu kommen die auflockernden doppelt besetzten Senkungen. Aber unter welchem Namen auch immer: Mir gefällt das Werklein!

Erzählformen: Das Madrigal (21)

Madrigale sind nach Herkunft und Anlage leichte, luftige Gebilde, in denen der Wohlklang sich zu Hause fühlt und die scherzende Muse geistreiche Plaudereien darbietet. Im Allgemeinen! Friedrich Schiller dagegen verschafft auch hier, wie eigentlich überall, eher dem Gedanklichen Raum:

 

„Wie tief liegt unter mir die Welt,
Kaum seh ich noch die Menschlein unten wallen!
Wie trägt mich meine Kunst, die Höchste unter allen,
So nahe an des Himmels Zelt!“
So ruft von seines Turmes Dache
Der Schieferdecker, so der kleine große Mann
Hans Metaphysikus in seinem Schreibgemache.
Sag an, du kleiner großer Mann,
Der Turm, von dem dein Blick so vornehm niederschauet,
Wovon ist er – worauf ist er erbauet?
Wie kamst du selbst hinauf, – und seine kahlen Höhn,
Wozu sind sie dir nütz, als in das Tal zu sehn?

 

– Aber immerhin, eine gewisse Schärfe ist vorhanden … Wieder findet sich die so häufige Mischung von vier- bis sechshebigen Versen, wobei die sechshebigen bemerkenswerterweise immer Alexandriner sind:

Der Turm, / von dem / dein Blick || so vor– / nehm nie– / derschau– / et,

Einmal treten Satz- und Verseinschnitt auseinander –

Der Schie– / ferdec– / ker, so || der klei– / ne gro– / ße Mann

– aber das lässt sich durch den gesamtem inhaltlichen Zusammenhang auch gut so vortragen?!

Eigentlich war Schiller ja kein Freund des Alexandriners; aber das heißt selbstredend nicht, dass er keine schreiben konnte. Wenn er wollte.

Erzählformen: Das Madrigal (20)

Christian Adolph Overbeck war vieles: Bürgermeister in Lübeck, Diplomat in Paris und Sankt Petersburg, Komponist; und auch ein Mann von einiger Sprachbegabung, was sich in vielen Übersetzungen niederschlug. Dass er auch Verse gemacht hat, wundert da nicht mehr … Seine Gedichte sind eine bunte Mischung, leichte Stücke, Kinderlieder, aber auch Werke wie „Auf das Bildnis einer Dulderin“:

 

Das ist ihr Blick, ihr freundlichfrommer Zug;
Das ist sie selbst, ihr atmend Leben;
Das hast du, Maler, hier gemalt,
Hast uns Natur in stiller Kunst gegeben;
Für deine Kunst und dich, genug.
Doch den verschleierten, ins sanfte Herz
Zurückgewichnen Zug, der nur in Leiden
Hervor, gleich dem Gestirn in Mitternächten, strahlt;
Die Gottgelassenheit in langem Schmerz,
Die harrende Geduld, an der sich Engel weiden;
Den Heldenzug, den nur ein Engel malt,
Den hast du, Maler, nicht gemalt.

 

Ein, dem Inhalt angemessen, ruhiger Text, nicht zuletzt durch den Wechsel von doch recht langen Versen; es sind Vier-, Fünf- und Sechsheber vertreten! Es gibt keine der im Madrigal üblichen Waisen, aber die einander zugehörigen Reimwörter stehen oft sehr weit auseinander, ehe am Schluss dann das doppelte „malt“ für einen kräftigen Abschluss sorgt.

Erzählformen: Das Madrigal (19)

Madrigale haben oft eine leichte, tändelnd-verspielte Note; aber nicht alle madrigalisch aufgebauten Texte klingen derartig! Josef Weinhebers Texte ruhen meist mehr als sie sich bewegen, ein Beispiel dafür ist „Die Badende“, die sich im zweiten Band seiner „Sämtlichen Werke“, erschienen 1954 bei Müller, auf Seite 78 findet:

 

Das Wasser wartete schon grau
der Nacht entgegen. Alles schwieg.
Jedoch im matten Himmelsblau
stand einer Wolke klarer Sieg,
durchsichtig Fleisch und helles Blut:
Wie eine Königin.
Ein Beben ging die Weiden hin,
ganz leis.
Die wunderbare Wolke stieg
in ihrem Abglanz, gliederweiß,
unirdisch, in die Flut.

 

Eindeutig madrigalisch gebaut – freie Anordnung der Reime (allerdings fehlen Waisen), unterschiedliche Verslängen! Trotzdem ein langsamer, getragener, ruhiger Text, was ja durchaus zum Inhalt passt. Zu dieser Schwere tragen sicher auch die ausschließlich betonten Versschlüsse bei.

Erzählformen: Das Madrigal (18)

Barthold Heinrich Brockes‘ bald 300 Jahre alte Gedichtsammlung „Irdisches Vergnügen in Gott“ in die Hand zu nehmen, lohnt durchaus. Nicht jedes Gedicht ist heute noch zumutbar, aber insgesamt ist in den Texten ein ganz eigener Ton zu finden, der sie sehr anziehend macht. Der Anfang von „Der Goldkäfer“:

 

Der Monat Junius beblümte Feld und Auen,
Als ich, die Wunderpracht der Blumen zu beschauen,
Im Garten ging. Mein ält’ster Sohn lief mit;
Sein reger Fuß hüpft‘ immer hin und her,
Mit fröhlichem, fast nimmer stillem Schritt.
Als er nun ungefähr
Ein güld’nes Käferchen auf einer Rose fand;
Ergriff er es mit seiner kleinen Hand,
Und kam darauf, in vollen Sprüngen,
Mir den gefund’nen Schatz zu bringen.
Ich lobte seinen Fund, und nahm ihn lächelnd hin,
Betrachtete, mit fast erschrock’nem Sinn,
Die Schönheit, Farben und Figur,
Mit welcher ihn die bildende Natur
Begabt und ausgeziert.
Durchs Auge ward mein Herz gerührt,
Als ich, mit höchster Lust, erblickte,
Wie ihm Smaragd und Gold den glatten Rücken schmückte;
Und ich bewunderte sein wandelbares Grün,
Das bald wie Gold, bald wie Rubin,
Und bald aufs neu Smaragden, schien,
Nachdem der Fürst des Lichts auf seine Teilchen strahlte,
Und die verschied’ne Fläche malte.

 

Das Anschauen der Welt um ihn herum, die Wahrnehmung ihrer Schönheit und Besonderheit, immer (noch) hingedacht auf Gott: darum geht es Brockes. Manchmal dreht er die Geschichte auch um, wie in „Hans und Mops“, das allerdings kein wirkliches Madrigal ist (nur ein Vierheber hat sich bei den Alexandrinern eingeschlichen – da fragt man sich, ob „dehnte alle vier“ einer dieser Dichterscherze ist -, und auch die Reime ordnen sich schnell: ab dem vierten Vers sind es ausschließlich Paarreime).

 

Hans stund des Morgens auf, und Mops, sein Hund, zugleich:
Hans zog die Kleider an, reckt‘ seinen Arm, und gähnte;
Mops reckte, schüttelt‘ sich, und dehnte
Nicht minder alle vier‘: Geback’nen weißen Teig
Aß Hans; da Mops nur bloß vom schwarzen Brote fraß.
Mops trank das Wasser roh, und Hans gekochtes Nass.
Hans ging darauf ins Feld; Mops gleichfalls. Hans beschritte
Ein Pferd; Mops aber nicht: Er lief, und jener ritte,
Bis dass der Mittag sie nach Hause wieder rief.
Hans aß; Mops ebenfalls. Wie Hans ein wenig schlief,
Schlief Mops nicht weniger. Das schöne Sonnenlicht
Ward nicht von Hans beschaut, von Mops imgleichen nicht.
Dass in der Frühlingszeit die Kreatur so schön,
Hat weder Hans noch Mops bemerkt und angesehn.
Sie machten sich daraus nicht die geringste Freude.
Durch wenig viel gesagt: Sie schlief- und wachten beide;
Sie tranken beide Nass; Sie aßen beide Brot;
Es lebten Hans und Mops; Jetzt sind sie beide tot.

 

Ich weiß nicht … Mir gefällt es. Wer mag, sollte beide Texte einmal laut lesen! „Sie machten sich daraus nicht die geringste Freude“ – das muss für Verse erst recht nicht gelten, und Freude machen sie zuerst und vor allem: gehört.

Erzählformen: Das Madrigal (17)

Anfang diesen Jahres hat der zumindest da, wo WDR geschaut und gehört wird, „aus Film, Funk und Fernsehen bekannte“ Fritz Eckenga einen über 400 Seiten starken Gedichband veröffentlicht im Verlag Antje Kunstmann. „Mit mir im Reimen“ heißt er, und dementsprechend wird in ihm eigentlich ständig und überall und ohne Pause: gereimt. Eigentlich!

 

Der Christ isst

Zur Weihnacht brat ich Gans.
Ostern brat ich Lamm.
Zu Pfingsten wiegt mein Braten
mal grad zweihundert Gramm.
Pfingsten brat ich lediglich,
denn das befiehlt mein Glaube,
Taube.

 

Ein Gedicht, zu finden auf Seite 107,  „passend zur Jahreszeit“ … Mit Reimen ist es sparsam, gerade einmal vier der sieben Verse werden durch Gleichklänge verbunden. Auch die Verslänge ist nicht fest, mal steht Auftakt, mal fehlt er; aber das macht nichts, es ist trotzdem alles an seinem Platz. Und weil „Madrigal“ eine große und geräumige Schublade ist, in die manches nicht ganz so regelmäßige hineinpasst: findet auch das Gedicht einen Platz in der Ordnung der lyrischen Dinge?!

Wer mag, kann den Verfasser lesen hören und sehen: Fritz Eckenga. Das mittlere der drei vorgetragenen Gedichte gefällt mir am besten.

Erzählformen: Das Madrigal (16)

„Der Hirsch, der Hase und der Esel“ von Ludwig Gleim klingt schon in der Überschrift wie eine Fabel und liest sich wenig anders:

 

Ein Hirsch mit prächtigem Geweih
Von achtzehn Enden ging spazieren.
Ein Hase lief vorbei,
Sah ihn und stutzte. Starr auf allen Vieren
Steht er und gafft ihn an.
Macht Männchen, geht heran,
Sagt: Lieber, sieh mich an!
Ich bin ein kleiner Hirsch;
Denn, spitz ich meine Ohren,
So hab‘ ich solch Geweih wie du!

Ein Esel hörte zu,
Sprach: Häschen, du hast Recht,
Wir sind von einerlei Geschlecht,
Der Hirsch, und ich, und du!

Der Hirsch tat einen Seitenblick
Und ging in seinen Wald zurück!

 

Was ein Madrigal kennzeichnet, ist da: unterschiedlich lange, hier iambische Verse; überschaubare Länge; und eine freie Reimstellung, wobei hier insofern eine Besonderheit enthalten ist, als dass auf den dreifachen Gleichklang „an – dran – an“ plötzlich zwei Waisen – „Hirsch“, „Ohren“ – unmittelbar aufeinander folgen! Das ist ein ziemlich harter Wechsel, aber auch die kennt das Madrigal; und eigentlich wird hier der Fluss des Textes dadurch nicht gestört!?

Erzählformen: Das Madrigal (15)

In Friedrich Rückerts „Liedertagebüchern“ finden sich viele unscheinbare Texte, bei denen ein zweites Hinschauen und ein zweites Hinhören oft lohnen. So bei diesem kleinen Vierzeiler:

 

Die kluge Rose senkt ihr Haupt bescheiden,
So bleicht die Sonn‘ und wäscht der Regen sie nicht aus,
Und, sanft berührt die Woche lang von beiden,
Gibt sie am Sonntag einen Strauß.

 

Das könnte man auch als Strophenform auffassen, aber ich nehme es als Madrigal; und da fällt dann auf, wie wenig der ständige Wechsel der Verslänge – von fünf auf sechs auf fünf auf vier Hebungen – dem Eindruck von Geschlossenheit schadet?! Rückert sieht von Zeilensprüngen ab, der Sechsheber hat dafür einige innere Spannung, die den langen Vers lebendig hält; und der Kreuzreim tut das seinige und verklammert die beiden Strophenhälften zu einer Einheit.

Feines Handwerk!

Dass der Inhalt dabei nicht wirklich überzeugen kann – geschenkt; Mein Dank gilt Rückert für das Vorführen der Möglichkeiten, die in der Verwendung von Versen verschiedener Länge liegen.

Erzählformen: Das Madrigal (14)

Johann Nikolaus Götz ist ein Dichter, der der näheren Betrachtung wert ist. Unbedingt! Auch wenn er gern, wie hier, nur Versatzstücke aus der Antike beziehungsweise der Schäferdichtung aneinanderreiht – darauf kommt es nicht an. Sondern darauf, wie sich seine Verse bewegen und ineinandergreifen, und überall Maß waltet und Wohlklang; und das macht Götz einfach wunderbar. Nicht umsonst hatten andere Dichter eine hohe Meinung von ihm, zeitgenössische wie spätere!

 

Die Macht der Liebe

Mich wiegete das Flüstern reger Bäume
Und mein geliebter Bach in einem Erlenhain
In sanften Schlaf und sanfte Träume
Bei spätem Abend ein.
Ein Waldsirenenchor durch tausend süße Lieder
Erweckte mich am Morgen wieder.
Aurora ging geschmückt hervor
Aus ihrem Rosentor,
Gleich einer Braut an ihrem Feste.
Der Flora leichte Hand, der Hauch der linden Weste
Bestreuete die Flur, erfüllete die Luft
Mit Purpur und mit Balsamduft.
Ismene kam: nun hatt‘ ich für Auroren,
Für Zephyrn und für Floren
Kein Auge mehr, und für der Vögel Chor
Und meinen Bach kein Ohr.

 

„Aus nichts etwas machen“ nennt man das wohl; aber auch dieses Auffächern, dieses Darreichen will gelernt und gekonnt sein!

Erzählformen: Das Madrigal (13)

Ab 1848 war Friedrich Rückert im Ruhestand, und was er ab da in seine Liedertagebücher schrieb, schrieb er unter dem festen Vorsatz, es zu seinen Lebzeiten auf keinen Fall mehr zu veröffentlichen; das hat er unter anderem auch in einigen Gedichten dieser Tagebücher so gesagt. Ob die Gedichte dieser Jahre dadurch anders klingen als die in den älteren Liedertagebüchern, noch freier, sorgloser im Bau? Hm. Auf jeden Fall klingen sie an manchen Stellen schon sehr rückschauend und abschließend:

 

Samen hab ich gesät,
Und geh in meinem stillen Lauf davon,
Weiß nicht was künftig geht
Früh oder spät
Viel oder wenig auf davon.

 

– So lautet eines der am 19. November 1850 ins Liedertagebuch eingetragenen Gedichte.  Ganz bestimmt keine große Dichtung, aber doch einen Blick wert durch  seinen Aufbau?!

Zu den unterschiedlichen Verlängen, die das Madrigal ja kennzeichnen, kommen noch einige doppelt besetzte Senkungen; dann ist da das seltsam verrückte „auf“, das dort, wo es zu stehen kommt, den Doppelreim „Lauf davon / auf davon“ (eigentlich ein identischer Reim, fast schon) ermöglicht, außerdem das „geh“ im zweiten, das „geht“ im dritten Vers erst einmal eigenartig nebeneinanderstellt; und schließlich – „auf davon“ – stark an den Ausdruck auf und davon erinnert, was da inhaltlich aber gar nicht mehr verhandelt wird im Gegensatz zum zweiten Vers. Oder doch?

Solche Texte finden sich bei Rückert viele. Ich mag sie, weil sie ziemlich unbekümmert von Erwartungen irgendwelcher Art einfach nur sich selbst genügen!