Erzählformen: Das Madrigal (31)

Moderne Gedichte sind gerne einmal gänzlich unverständlich; da muss man als Leser dann durch. Es gibt aber auch jahrhundertealte Gedichte, die zumindest mir höchst dunkel bleiben – wie etwa dieses kurze Madrigal von Christian Adolph Overbeck:

 

Der Phlegmatiker beim Sonnenuntergange

O wenn sie sich die kleine Mühe nähm‘
Und wirklich sich
Um unsere Erde drehte,
Und nicht bloß scheinbarlich!
Bei meinem Bauch! Es wäre so bequem
Für meine liebe Erd‘ und mich!

 

Hm. Bauch, Erde, mich … Immerhin, von der Form her ist alles madrigalische da – die verschiedenen Verslängen, die freie Reimstellung. die Waise; und sogar eine doppelt besetzte Senkung hat sich eingefunden, obwohl sich die im Vortrag leich ausgleichen lässt, möchte man es denn („uns’re“). Eine Sache, bei der keine Nachlässigkeit geduldet wird, ist der Hiat – von V1 nach V2 wird das  Zusammentreffen von Wortend- und Wortanfangsvokal sogar über die Versgrenze hinweg vermieden …

Erzählformen: Das Madrigal (30)

Johann Wolfgang Goethes Singspiele sind, wie alles von ihm, einen Blick wert; auch und vor allem in Hinblick auf die Versgestaltung! In „Scherz, Ernst und Rache“ sieht Scapine Charons Nachen sich nähren (oder behauptet das zumindest), und sagt zum Doktor:

 

Doch stille! Dass ich dich nicht nenne,
Dass dich der Alte nicht erkenne.
Du hast ihm so viel Fährlohn zugewendet,
So manches Seelchen ihm gesendet;
Erkennt er dich, so nimmt er dich nicht ein,
Du kannst ihm hüben mehr als drüben nützlich sein.

 

Wieder der hier schon häufiger vorgestellte Wechsel aus iambischen Vier-, Fünf- und Sechshebern, aber diesmal mit einem bemerkenswerten Anschwellen: erst ein Reimpaar aus Vierhebern, dann ein Reimpaar aus einem Fünf- und einem Vierheber, dann eines aus einen Fünf- und einem Sechsheber! Das könnte man einen „organischen Übergang“ nennen hin zu immer größeren Verslängen; der auch durch die Paarreime gehalten und verbunden wird.

Inhaltlich ist es in milder Form der Spott, den sich die Ärzte der damaligen Zeit in Gedichten und Epigrammen häufig anhören mussten; warum nicht auch im Singspiel …

Erzählformen: Das Madrigal (29)

J. Minckwitz stellt die Jugend Abraham Gotthelf Kästners so dar:

Sein Vater, Professor an der Leipziger Universität und Doktor der Rechte, beschleunigte die frühe Ausbildung der trefflichen Anlagen des Knaben dergestalt, dass derselbe, nachdem er schon im zehnten Jahre den väterlichen Vorlesungen beigewohnt, 1731 als zwölfjähriger Student der Rechtswissenschaft aufgenommen werden konnte. Neben juristischen Vorträgen aber hörte er nicht allein philosophische, mathematische und historische, sondern lernte auch unter Anleitung seines Oheims Rudolph Pommer, jenes berühmten Rechtsgelehrten, eine Reihe von Sprachen, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch und Holländisch. Vierzehnjährig wurde er Notar, siebzehnjährig Baccalaureus, achtzehnjährig Magister der sieben freien Künste und zwanzigjährig Dozent in der Philosophie und Mathematik an der Universität.

Das klingt einigermaßen beeindruckend und nach einem wirklichen Wunderkind! Es kommt aber auch immer darauf an, wen man fragt – M. Cantor und J. Minor merken zum Beispiel an, Kästner habe neben den von Minckwitz genannten „Vorträgen“ auch noch „Botanik, Chemie, Feldmessen, Anatomie und gerichtliche Medizin zu verschiedenen Zeiten gehört“; und vielleicht noch spannender, in Bezug auf Kästners Sprachkenntnisse:

Der Vater starb 1747 ohne Vermögen zu hinterlassen, und Kästner fiel die Sorge für die kränkliche Mutter zu, zunächst in Gemeinschaft mit dem Oheim, dann, als auch dieser 1750 starb, allein. Da galt es Geld zu erwerben und Kästner bediente sich dazu seiner Kenntnisse in den modernen Sprachen, welche zu jener Zeit, weil seltener, noch lohnbringend waren. Er fertigte Übersetzungsarbeiten der verschiedensten Art; bald war es Montesquieu’s eben erscheinender „Esprit des lois“, bald waren es die englischen Zeitromane „Grandison“ und „Pamela“, welche er für deutsche Leser bearbeitete, bald die schwedisch geschriebenen Abhandlungen der Stockholmer Akademie, Lulof’s physikalische Erdbeschreibung aus dem Holländischen, bald wieder Hellot, „Art de la teinture des laines“ etc. und Robert Smith, „Complete system of opticks“. Am interessantesten waren für Kästner in dieser Beziehung unzweifelhaft die schwedischen Abhandlungen, an deren Übersetzung er sich 1748 „mit einer mittelmäßigen Grammatik und einem noch weniger als mittelmäßigen Wörterbuche“ machte, ohne eine Ahnung von der Sprache zu besitzen, welche er erst während der Arbeit selbst kennenlernte.

Wieder zumindest bemerkenswert; zu dieser Zeit war Kästner übrigens schon Professor … Später wurde er (unter anderem) der Leiter der Göttinger Sternwarte, und als solchem lag ihm seine kurze „Erzählung“ sicherlich nicht fern:

 

Den Sternturm musst ein Jüngling oft besteigen,
Sein Lehrer wollt ihm da die Venus zeigen,
Und das bei hellem Sonnenschein.
Als beide manchen Weg sich nun umsonst gemacht,
Fand, ohne Lehrer, ganz allein,
Der Jüngling sie bei Nacht.

 

Das ist wesentlich eher ein Epigramm als eine wirkliche Erzählung; so wie Kästner ein guter Epigrammatiker war, aber in längeren Gedichten seine Leser durch zu große Einförmigkeit eher ermüdete …

Trotzdem, ein schönes, kleines Stück, auch im madrigalischen Wechsel der Verslängen und der Reime; wobei die Reimanordnung uns heute fremder vorkommen mag als Kästner und seinen Zeitgenossen. Aber davon ein andermal!

Erzählformen: Das Madrigal (28)

Christian Morgenstern hat viele eigenartige Texte geschrieben. Einer davon ist „Verse beim Erwachen“:

 

An dieser Verse kleinen Gliedern hängt
noch Tau der Nacht.
Ich hab‘ sie aus dem stummen Born, darin
der Morgen seine Pferde tränkt,
heraufgebracht.
Sie frösteln noch, als eben erst erwacht.
Ihr Auge flackert noch, als ohne Sinn,
denn den der fremden, dunklen Macht,
die drunten in der Tiefe wohnt …

 

Da ist alles vorhanden, was ein Madrigal ausmacht: Die unterschiedliche Länge der Verse – hier sind es Zwei-, Vier- und Fünfheber – sowie das freie Reimschema, zu dem mit dem Schlussvers auch eine „Waise“ gehört, ein Vers ohne Reimpartner.

Das alles schafft einen Eindruch von Unbestimmtheit, der wunderbar zum verhandelten Inhalt passt!

Erzählformen: Das Madrigal (27)

Ein kurzer Text von Friedrich Rückert, nur eine kleine Beobachtung, festgehalten in seinem Liedertagebuch für 1850:

 

Im harten Winter war ein Rosenstock erfroren;
Der Gärtner schnitt ihn knapp
Über der Wurzel ab;
Nun schlägt er kräftig aus und blüht wie neugeboren
Auf seinem eignen Grab.

 

– Die beiden Sechsheber bestimmen den Leseeindruck, das zwischen sie eingeschobene Dreiheber-Reimpaar V2/V3 wirkt wie ein weiterer, aber aufgeteilter Sechsheber, wobei diese Aufteilung genutzt wird, um die strenge Alternation mit einer versetzten Betonung am Anfang von V3 aufzulockern; ein schließender Dreiheber nutzt denselben Reim wie V2 und V3 und gibt dem Gedicht so Geschlossenheit.

Nach dem Lesen kann man auch den Eindruck einer vierzeiligen Strophe aus Sechs- und Dreihebern bekommen, die um den dritten Vers erweitert wurde; aber wie immer man das Textlein formal auffassen mag, die „madrigalische Mühelosigkeit“, die Rückert so erreicht, ist großartig!

Erzählformen: Das Madrigal (26)

Christoph Martin Wieland erzählte gerne in Versen, und er tat es gut: Leicht und abwechslungsreich fließen ihm die Sätze durch die Verse. Ein Beispiel aus seinem „Schach Lolo“, mit dem schon bekannten Wechsel von Vier-, Fünf- und Sechshebern bei freier Reimstellung, ist der Beginn eines typischen Tages im Leben des „Helden“:

 

Schach Lolo streckt sich, gähnt, bohrt in der Nase, dreht
Die Augen, und so fort – kurz, steht ein wenig dummer
Als gestern auf, verrichtet sein Gebet,
Wird abgewaschen, angezogen,
Beräuchert, nimmt sein Frühstück, geht
In seinen Divan – wo, sobald die goldne Türe
In ihren Angeln knarrt, die Emirn und Wesire
(Als Erdgeschöpfe, die den Glanz der Majestät
Mit bloßen Augen nicht ertragen)
An seines Thrones Fuß die Sklavenstirnen schlagen.
Der Großwesir verrichtet nun sein Amt,
Und Lolo, der indes mit hohen Augenbrauen
Im Staate sitzt und sich mit Betelkauen
Die Zeit vertreibt, begnadigt und verdammt,
So wie sich’s trifft, die Bösen und die Frommen.

 

Das liest sich, als wäre es im Augenblick hingeworfen worden; doch auch, dass man dem Text die viele Arbeit, die es kostet, diesen Eindruck zu erwecken, nicht ansieht, gehört zu seinem Wert!

Erzählformen: Das Madrigal (25)

Ludwig Gleim hat einmal die uralte Geschichte von „Fuchs und Rabe“ nacherzählt:

 

Vogel! sprach ein Fuchs zu einem Raben,
Der auf einem hohen Baume saß
Und in seinem Schnabel einen schönen Fraß,
Einen Käs‘ hielt; welche Stimme musst du haben!
Ei! du bist ja schön!
Solchen Vogel hab‘ ich nie gesehn!
Fremdling, ohne Zweifel, hoch in Ehren,
Deine Stimme möcht‘ ich hören!

Rap, und Rap, und Rap, erschallt
Augenblicklich durch den Wald.
Aus des Sängers aufgemachtem Schnabel
Fällt der Käse nieder vor dem Fuchs;
Und der Schmeichler nimmt ihn flugs!

Fürsten, merkt euch diese Fabel!

 

Wie in (24) und schon häufiger, so auch hier: bunt gemischte Drei-, Vier-, Fünf- und Sechsheber, aber diesmal nicht iambische, sondern trochäische; was für die Klangwirkung doch einen überraschend deutlichen Unterschied macht!

Erzählformen: Das Madrigal (24)

Als Conrad Ekhof, einer der größten Schauspieler seiner Zeit, im Jahre 1778 starb, schrieb Friedrich Wilhelm Gotter ein Lob-Gedicht auf ihn.

 

Die deutsche Bühne war der Nachbarn Hohn;
Verzerrung stand für Witz, Klopffechten und Gebelle
Für Leidenschaft; da sandt‘ Natur uns ihren Sohn.
Ein Proteus an Gestalt, ein Zauberer im Ton
Stieß er den Unsinn vom entweihten Thron
Und setzte Wahrheit an die Stelle.
Die ihr dem Heiligtum Melpomenens euch naht:
Ihm opfert dankbar an des Tempels Schwelle,
Ihm widmet Herz und Mund und Tat!
Wisst: Ekhof war es, der dem tiefen Briten,
Dem leichten Gallier den Lorbeerzweig entwand!
Wisst: Er schuf euch die Kunst, und adelte den Stand,
Orakel eures Spiels, und Vorbild eurer Sitten.

 

Auch eine Sorte Gedicht, die heute nicht mehr geschrieben wird und doch geschrieben werden sollte – das Lob eines großen Menschen (Ekhof hat in der Tat viel für’s deutsche Theater geleistet!). Formal ist’s die Mischung aus iambischen Vier-, Fünf- und Sechshebern, die das 18. Jahrhundert liebte und die hier beim Verserzähler schon häufiger vorgeführt wurde. Gotter, kein wirklich guter, aber ein sicherer Dichter, weiß damit umzugehen und schafft einen Text, der inhaltlich auf Versatzstücke zurückgreift und doch durch ihre Anordnung und die Verteilung der Reime ein spannungsvolles Ganzes bildet.

Erzählformen: Das Madrigal (23)

Gotthold Ephraim Lessing ist berühmt für die Klarheit und Schärfe seiner Prosa; seine Verse ragen dagegen kaum über den Durchschnitt seiner Zeit heraus. Beispielhaft ist „Faustin“:

 

Faustin, der ganzer funfzehn Jahr
Entfernt von Haus und Hof und Weib und Kindern war,
Ward, von dem Wucher reich gemacht,
Auf seinem Schiffe heimgebracht.
„Gott“, seufzt der redliche Faustin,
Als ihm die Vaterstadt in dunkler Fern‘ erschien,
„Gott, strafe mich nicht meiner Sünden,
Und gib mir nicht verdienten Lohn!
Lass, weil du gnädig bist, mich Tochter, Weib und Sohn
Gesund und fröhlich wieder finden.“
So seufzt Faustin, und Gott erhört den Sünder.
Er kam, und fand sein Haus in Überfluss und Ruh.
Er fand sein Weib und seine beiden Kinder,
Und – Segen Gottes! – zwei dazu.

 

Das wirkt heute recht betulich?! Aber die Verse tragen es; Vierheber, Fünfheber, sechshebige Alexandriner (mit dem kennzeichnenden Mitteleinschnitt), bunt gemischt und gereimt, doch ohne feste Reimordnung – ein weiter Raum, durch den die Erzählung ihren ruhigen Gang geht. So waren damals viele Texte aufgebaut, einige hat der Verserzähler auch schon vorgestellt; und ich denke, auch jetzt überzeugt dieser Aufbau noch. Ein wenig schneller müsste alles sein, sicher; aber nicht viel, das Getragene, Geschlossene, Gebundene ist auch im 21. Jahrhundert wirksam!

Erzählformen: Das Madrigal (22)

aus Friedrich Rückerts „Liedertagebüchern“ (je mehr ich in ihnen lese, desto mehr schätze ich sie), hier dem des Jahres 1855:

 

Gedichte dichten, die nur wieder Dichter lesen;
Kessel zu flicken, Besen
Zu binden, wäre verdienstlicher gewesen.

 

Hm. Zumindest das Kesselflicken und das Besenbinden sind heutzutage außer Gebrauch gekommen …

Ob meine Einordnung dieses Textes in die „Madrigal-Schublade“ wirklich zutrifft – wer weiß. Unterschiedliche Verslängen sind da, aber eben auch nur drei Verse und nur ein Reim. Dazu kommen die auflockernden doppelt besetzten Senkungen. Aber unter welchem Namen auch immer: Mir gefällt das Werklein!