Das Ein-Vers-Gedicht (21)

Ein drittes der hexametrischen „Plattdeutschen Sprichwörter“ von Friedrich Rückert! Danach sollen wieder andere Verfasser zum Zuge kommen.

 

Heißa, bin ich gestorben, so pisst mir der Hund an den Grabstein.

 

Der Hexameter ist ein Vers von eher, nun ja: würdevoller Haltung. Die wird hier durch den derben Inhalt unterlaufen; aber Rückerts Einzelvers bewegt sich trotzdem kräftig und ausdrucksstark, und gerade das „x X / x x X / x x X X“ der zweiten Vershälfte ist ein Auf- und Vorwärtsstreben, dem ich immer wieder gern nachhöre.

Das Ein-Vers-Gedicht (20)

Wieder eins von Friedrich Rückerts „Plattdeutschen Sprichwörtern“ (ich lese gerade wirklich gerne in ihnen), diesmal aber  ein wirklicher Hexameter, und das meint: ohne Reim!

 

Leisester Handdruck schmerzt, wenn einer die Gicht in der Hand hat.

 

Wieder eine feine Gestaltung der zwei- und dreisilbigen Einheiten – die zweisilbigen mit recht schwerer zweiter Silbe, die dreisilbigen mit sehr leichter zweiter und dritter Silbe:

Leisester / Handdruck / schmerzt, || wenn / einer die / Gicht in der / Hand hat.

Wollte man unbedingt etwas bekritteln, man könnte anmerken, die ersten beiden Versfüße stimmen mit den Wörtern überein, statt dass sich die beiden Größen „schneiden“ – aber das hieße einen guten Grundsatz übertreiben!

Das Ein-Vers-Gedicht (19)

1855 hat Friedrich Rückert mehrere Hundert „Plattdeutsche Sprichwörter“ geschrieben, was meint: oft schon vorhandene Sprichwörter in Versform gebracht, meist in die Form eines einzelnen Hexameters. Davon werde ich hier bestimmt noch einige vorstellen! Den Anfang macht ein Vers, in dem mich, ausnahmsweise! der Reim nicht stört; vielleicht, weil er, statt Aufmerksamkeit von der Bewegungslinie des Verses wegzunehmen, diese Linie vielmehr zu gestalten hilft!

 

Geld macht witzig was dumm ist, was rauh glatt, grade was krumm ist.

 

Geld macht / witzig was / dumm ist, || was / rauh glatt, / grade was / krumm ist.

Eine gar nicht mal so kleine Zahl dieser Sprichwörter ist gereimt, und viele sind auf andere Art rau oder ungeschliffen – das gehört vielleicht dazu, wenn es um solche „volkstümlichen“ Texte geht?! Hier ist, was den Versbau angeht, allerdings nichts davon zu bemerken: Die dreisilbigen Einheiten weisen, wie es sich gehört, sehr leichte Silben in der Senkung auf, während die zweisilbigen Einheiten eine vergleichsweise schwere Silbe in der Senkung haben – der Vers hat Kraft und Schwung, was durch den aufgelockerten Satzbau unterstützt wird; und davon kann auch der enthaltene Reim nicht ablenken!

Das Ein-Vers-Gedicht (18)

In Friedrich Hebbels Tagebüchern (sehr anregender Lesestoff!) findet sich im Februar 1849 folgender Eintrag:

 

Heute trat ich E. auf den Fuß und bat P. um Verzeihung.

 

Das ist, zum einen, das knappe schriftliche Festhalten eines doppelten Missgeschicks; es ist aber, zum anderen, auch ein Hexameter:

Heute / trat ich / E. auf den / Fuß || und bat / P. um Ver- / zeihung.

X x / X x / X x x / X || x x / X x x / X x

Gänzlich regelmäßig gebaut … Hebbel hat auch viele Distichen geschrieben und ein kürzeres Hexameter-Epos; die Bewegungslinien des Hexameters waren ihm also sicher vertraut! Trotzdem fehlt es Hebbels Satz, als Vers betrachtet! ein wenig an Schwung?! Ich glaube, dafür ist der doppelte Trochäus am Beginn verantwortlich; so was bremst doch immer sehr. Aber gut, so schrecklich entscheidend ist das nicht. Hinzu kommen sicherlich die beiden Abkürzungen „E.“ und „P.“, die zwei der wichtigen Hebungsstellen besetzen, aber zum sinnlichen Gehalt des Verses nichts beitragen!

Ein seltsamer kleiner Reim ist drin, „trat / bat“, in der Hexameter-Bewegung einmal Hebung und einmal Senkung; so wird er nicht ganz so stark hörbar, was eigentlich gut sein müsste?!

Das Ein-Vers-Gedicht (17)

Zum Abschluss der kleinen Aphorismen-Reihe noch ein Blick in „Deutsche Aphorismen“, herausgegeben von Klaus von Welser und erschienen 1988 in der Serie Piper. Ein Band, der sich ganz auf die großen Namen verlässt, wie schon die Verfasser der Aphorismen auf der ersten Seite zeigen: Jean Paul, Goethe (zweimal!), Nietzsche, Lichtenberg. Dazwischen eins von Eschmann; aber das ist dann eben über Goethe …

Auch in diesem Band sind viele der Aphorismen Verse. Ich wähle statt eines Hexameters diesmal einen iambischen Siebenheber, er findet sich auf Seite 69:

 

Gib nichts auf keines Menschen Wort; das ist die höchste Freiheit.

 

– Sagt (der nicht ganz so bekannte) Wilhelm Heinse. Im Silbenbild:

Gib nichts / auf kei– / nes Men– / schen Wort; || das ist / die höch– / ste Frei– / heit.

Eine schöne Bewegung unter Einschluss des für den Siebenheber kennzeichnenden, festen Einschnitts nach der achten Silbe! Mithin: Ein Ein-Vers-Gedicht.

Das Ein-Vers-Gedicht (16)

Ein Gegenstück zum im gestrigen Beitrag vorgestellten Band, in dem Aphorismen „von heute“ versammelt sind, ist der schöne Band: „Abgerissene Einfälle. Deutsche Aphorismen des 18. Jahrhunderts“, herausgegeben von Harald Fricke und Urs Meyer, und erschienen 1998 bei Beck. Vergleicht man die Sammlungen, stellt man fest: die heutigen Aphorismen sind, verglichen mit den 200 bis 300 Jahre älteren, deutlich kürzer! Aber „unbeabsichtige Verse“, sprich: Hexameter finden sich selbstredend auch unter diesen älteren Stücken.

 

Mäßigkeit erleichtert die Übung der Tugend sehr merklich.

 

– Schreibt Johann Georg Heinzmann, und wie das Silbenbild lehrt:

ßig- / keit er- / leichtert || die / Übung  der / Tugend sehr / merklich.

Ein metrisch einwandfreier Hexameter! Er bewegt sich vielleicht etwas einförmig; aber da sein Schöpfer vermutlich gar keinen Hexameter schreiben wollte, kann man das eigentlich weder Vers noch Verfasser zum Vorwurf machen …

Das Ein-Vers-Gedicht (15)

„Neue deutsche Aphorismen“ heißt eine Anthologie, die, herausgegeben von Tobias Grüterich, Alexander Eilers und Eva Annabelle Blume, 2010 in der Edition Azur erschienen ist (und inzwischen auch schon eine stark überarbeitete zweite Auflage erlebt hat). Eine schöne Sammlung von Aphorismen der Jetzt-Zeit, lesenswert an sich und für alle Verseschreiber, die sich gelegentlich auch als Epigrammatiker versuchen, eigentlich Pflicht!

Wobei einige der vorgestellten Aphorismen, wie könnte es anders sein, schon Verse sind – unabsichtliche, aller Wahrscheinlichkeit nach; aber Verse! Zum Beispiel dieser Aphorismus von André Brie, zu finden auf Seite 138:

 

Geh deinen eigenen Weg. Jeder andere führt nach Canossa.

 

Ein einwandfreier Hexameter …

Geh deinen / eigenen / Weg. || Jeder / andere / führt nach Ca- / nossa.

… und damit ein Ein-Vers-Gedicht!

Das Ein-Vers-Gedicht (14)

Beim Übersetzen von Versen macht man sich unweigerlich unglücklich – tut man dem Inhalt Genüge, geht das nur unter Abstrichen bei der Form, versucht man aber, der Form zu genügen, verbiegt sich der Inhalt!

 

Parturient montes, nascetur ridiculus mus.

 

Das ist ein ziemlich bekannter Hexameter von Horaz, der, da jeder die Geschichte kennt, für sich allein stehen kann und gemeinhin so übersetzt wird:

 

Es kreißen die Berge, geboren wird eine lächerliche Maus.

 

Was ja auch passt, nur: der horazsche Hexameter ist so vollständig verloren gegangen …

Versucht man, den zu erhalten, und das meint dann ja auch den einigermaßen unüblichen Gleichklang am Schluss samt des einsilbigen Schlussworts, liest sich das so:

 

Schauet den kreißenden Berg, wie er aufschwillt! Komm doch heraus, Maus.

 

Jedenfalls in der Übersetzung von Johann Heinrich Voss. Da ist es sicher ein Hexameter, und der Versschluss ist nachgebildet, mit Gleichklang und allem; aber dafür hat der Inhalt heftig leiden müssen!

Tja: Wie man’s macht, macht man’s falsch.

Das Ein-Vers-Gedicht (13)

Auf einem der vielen Zettel, die hier herumliegen, fand ich heute die Worte geschrieben:

 

Ich frage dich nicht, wem du ähnelst. Ich frage dich, wer du bist. – Charles Nodier.

 

Nun weiß ich wirklich nicht mehr, woher ich das Zitat habe – ich glaube, im dazugehörigen Text ging es an dieser Stelle um Tauglichkeit oder Untauglichkeit von Metaphern?!

Aber diese Frage war der Versmaschine ohnehin herzlich gleichgültig – sie lief an und versuchte, den Gedanken Nodiers in einem eigenen Vers zu formen.

 

Nicht Wem ähnelst du? frage ich dich, ich frage: Wer bist du?

 

Der erste Versuch, ein Hexameter. (Der erste Versuch ist immer ein Hexameter.) Aber das ist gegenüber dem Ursprungszitat keine wirkliche Verbesserung, kein Mehr an Nachdrücklichkeit und Geschlossenheit?!

Das wundert aber auch nicht; schließlich ist das Zitat selbst schon gestaltete Sprache, und einem Hexameter dabei sehr ähnlich:

Ich / frage dich / nicht, wem du / ähnelst. || Ich / frage / dich, wer du / bist.

Ein Vers! Von einem Hexameter nur unterschieden durch das „Ich“, eine unbetonte Silbe, die eigentlich hinter dem „bist“ den Vers schließen müsste, hier aber an den Versanfang gewandert ist:

x / X x x / X x x / X x || x / X x / X x x / X

– Kein Hexameter, doch immer ein Vers von einiger Ausdruckskraft. Aber ich warte ab, was die Versmaschine noch alles ausspuckt – zum Stillstand kommt sie so schnell jedenfalls nicht wieder …

Das Ein-Vers-Gedicht (12)

„Die natürliche Tochter“ von Goethe ist ein eigenartiges Stück, in dem die Handelnden in verschiedenen Anordnungen herumstehen und sich in Sprichwörtern unterhalten.

– Das ist Quatsch, selbstredend. aber an manchen Stellen ist es wirklich so, zum Beispiel, wenn der Weltgeistliche anmerkt:

 

Die Trauer wird durch Trauren immer herber.

 

Das kann man als Lebensweisheit so stehen lassen. Der Herzog macht das im darauf folgenden Vers aber nicht, sondern stellt dagegen:

 

Durch Trauren wird die Trauer zum Genuss.

 

– Und der Leser kann sich aussuchen, welchem Sinnspruch er folgt …

Auch das restliche Gespräch der beiden hat noch einige dieser Sinnspruch-Blankverse zu bieten. Manche nicht ganz so aussagekräftig, zum Beispiel dieser Vers des  Weltgeistlichen:

 

Ein allgemeines Übel ist der Tod.

 

Da ist der Herzog ihm an Bedeutungsgehalt voraus, wenn er, diesmal immerhin einige Verse von der Anmerkung seines Gesprächspartners entfernt, anmerkt:

 

Das Wort verwundet leichter, als es heilt.

 

– Und das ist eine Wahrheit, die sich alle ab und an ins Gedächtnis rufen sollten. Finde ich … Einprägsam genug ausgedrückt hat sie Goethe in ihrer Blankvers-Gestalt jedenfalls – ein Vers, der ein Gedicht sein könnte.