Erzählformen: Das Distichon (110)

Eine große Anzahl von Einsilbern wird sowohl im Hexameter als auch im Pentameter mit Misstrauen betrachtet, unter anderem, weil sich dann leicht die Bewegungslinie verwischt, was meint: nicht mehr klar erkennbar ist, wo betont werden soll und wo nicht. Zwei Distichen aus Christian Graf zu Stolbergs „Elegie“:

 

Das sei fern‘, o Gott der Götter! Erbarme der Mutter
Du dich, o und sein, des den sie liebte, der dir
Reine Hände der Unschuld erhub als Jüngling und dir jetzt –
Furchtbar traf ihn dein Schwert! – feuriger dienet als Mann.

 

– Wer den ersten Pentameter „in einem Rutsch“ lesen kann, ganz ohne Nachprüfen und -zählen: dem sei zu seinem traumwandlerisch sicheren Verständnis der Pentameter-Bewegungslinie gratuliert! Etwaige Unsicherheiten ergeben sich aber eigentlich nicht aus dem Umstand, dass so viele Einsilber im Vers sind, sondern dadurch, dass nur eine der sechs Hebungen mit einer „Stammsilbe“ besetzt ist?!

Erzählformen: Das Distichon (109)

Ich habe heute in Jakob Minors „neuhochdeutscher Metrik“ gelesen, dass, wenn am Ende der ersten Pentameter-Hälfte nicht auch ein Wort schließt, der Pentametereinschnitt also innerhalb eines Wortes liegt und von diesem überbrückt wird: dass dann ein „Ioniker a maiore“ als Wortfuß vorliegt. Da ist was dran! Allerdings hat Minor nur Beispiele wie den bekannten Schlegel-Vers

 

Priamos auch und des speerschwingenden Priamos Volk

 

– und da gehört, will man denn pingelig sein, das „und des“ doch irgendwie auch noch zum Wortfuß, zum Ioniker „speerschwingenden“?! Aber es lässt sich ohne Mühe ein Beispiel schreiben, das derlei vermeidet:

 

Dichteralltag

Grimmend nimmt er sein Werk, zerreißt die Seiten und äußert
Wenigpoetisches: „Grundgütiger, was für ein Mist!“

 

Grund- || gütiger, genau auf dem Pentametereinschnitt und ein Wortfuß der Form — —◡◡!

Erzählformen: Das Distichon (108)

Der zweite Vers des Distichons, der Pentameter, hat bekanntlich diese Form:

— ◡ (◡) / — ◡ (◡) / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

Die beiden dreisilbigen Versfüße in der ersten Vershälfte können also gegen zweisilbige ausgetauscht werden, die beiden in der zweiten Vershälfte aber nicht! Da die Bewegung der zweiten Vershälfte kennzeichnend für Pentameter wie Distichon ist, sind Abweichungen von dieser Form selten. Aber: Es gibt sie! Betroffen ist fast ausschließlich der vierte Versfuß, der, wenn er zweisilbig daherkommt, die Grundbewegung sehr viel weniger angreift, als ein zweisilbiger fünfter Fuß das täte. Es geht also um folgenden Vers:

— ◡ (◡) / — ◡ (◡) / — || — ◡  / — ◡ ◡ / —

In der Anfangszeit des deutschen Distichons war er gar nicht so selten – Klopstocks „Die künftige Geliebte“, eine der allerersten deutschen Elegien (geschrieben 1747), hat unter 49 Pentametern zwölf dieser Form, also 24,5% – das ist jeder vierte Pentameter!

Je stärker das deutsche Distichon an seinem antiken Vorbild ausgerichtet regelsicher wurde, desto seltener wurden diese Pentameter; Klopstock hat sie sich aber nie ganz ausreden lassen, seine fünfzig(!) Jahre nach der „künftigen Geliebten“ geschriebenen „Winterfreuden“, die in 16 Distichen beklagen, dass der 75 Jahre alte Dichter das Schlittschuhlaufen aufgeben muss(!!), haben noch zwei solche Pentameter (12.5%)!

Während diese Pentameter danach bei den meisten Dichtern gar nicht oder allerhöchstens als seltene Lizenz vorkamen, haben einige sie auch ganz unbefangen gebraucht: Achim von Arnims 1808 erschienene „Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland“ hat unter 63 Pentametern 22 dieser Form, das sind stolze 35%! Er wird also gewusst haben, warum er über den Text die Anmerkung setzte „Der Verfasser bittet, diese Verse nicht für Hexameter und Pentameter zu halten.“ (Es sind natürlich trotzdem welche.)

Im 20. Jahrhundert änderte sich in dieser Hinsicht nicht viel, die Verfasser schrieben aber wieder etwas weniger streng. Schaut man sich zum Beispiel Anton Wildgans‘ „Panische Elegie“ (1925) an, finden sich unter 61 Pentametern sieben dieser Form, was 11,5% entspricht.

Wieder hundert Jahre später, also heute, schreibt Jan Wagner Elegien, deren Hexameter und Pentameter zwar als solche erkennbar sind, sich aber sehr eigenständig geben; in ihnen ist  durchaus auch einmal der fünfter Fuß eines Pentameters zweisilbig! Das aber, wie gesagt, ist ein starker Eingriff. Der zweisilbige vierte Fuß dagegen findet sich seit jeher auch im Epigramm, wo er durch die Knappheit der Form stärker auffällt! Ein Beispiel findet sich beim Verserzähler unter Das Distichon 45; ein anderes bietet das einzige mir bekannte Distichon Theodor Fontanes:

 

Unter ein Bildnis Adolph Menzels

Gaben, wer hätte die nicht? Talente – Spielzeug für Kinder,
Erst der Ernst macht den Mann, erst der Fleiß das Genie.

 

Trotz des „regelwidrig“ verkürzten Fußes ein überzeugendes Epigramm! Also, wer selbst Distichen schreibt, kann sich dieser Möglichkeit sicher bedienen – aber vorsichtig und nur in seltenen Fällen, und möglichst solchen, in denen damit eine Darstellungsabsicht verbunden und erkennbar ist!

Erzählformen: Das Distichon (107)

An …

Musenverachtender Mann! Du tatest der Taten, wie alle
Musen sie singen, allein deine besingen sie nicht!
Deine, so löblich sie sind, so rühmlich, deine verschwinden,
Musenverachtender Mann, in der Vergessenheit Meer!

 

Ludwig Gleim war nicht dafür bekannt, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen; und auch nicht als Distichenschreiber. Hier tut er beides, und das durchaus anziehend und mit Schwung; spannend zu hören zum Beispiel, wie das dreimalige „deine“, das als Pronomen nicht so recht hebungstauglich ist, über den Inhalt „betonungsberechtigt“ wird und so am Ende genau da steht, wo es hinpasst und hingehört; dreimal.

Erzählformen: Das Distichon (106)

Die deutschen Hexameter und Pentameter müssen sich immer auf die eine oder andere Weise mit ihren antiken Vorgängern vergleichen lassen: Was ist an Nachahmung möglich, was sinnvoll?! Friedrich Rückert hat in seinem Liedertagebuch des Jahres 1852 ein Distichenpaar, dessen erster Pentameter sich bezüglich der Wortstellung große Freiheiten nimmt – eben so, wie es die Vorgänger auch taten:

 

Neulich wollt‘ ich die zwei Iphigenien untereinander
Goethes vergleichen und dich, euripideisches Stück.
Was war da zu vergleichen? So ungleich waret ihr beide,
Du von hunderten eins, jenes ein einziges Werk.

 

Das gegebene Urteil weiß ich nicht einzuschätzen; aber die Stellung des „Goethes“ ist doch sehr … unbekümmert?!

Erzählformen: Das Distichon (105)

Ziemlich am Anfang von Anton Woldgans‘ „Panischer Elegie“ finden sich diese Distichen (das „Ich“ steigt an einem schönen Septembertag zum Hochwald auf):

 

Stille, ein Häher nur schreit, und tiefer dring‘ ich ins Dickicht:
Da, ein gefallener Stamm sperrt mir den spärlichen Weg.
Aus dem Erdreich gerissen, die Eingeweide des Wachstums
Haften mit Fasergewirr noch in der Wunde des Grunds.
Morsch ist der Riese, vom Blitze gespalten, die Stümpfe der Äste
Weißlich mit Flechte und Moos wie mit Verwesung bedeckt.
Weiter, Gerölle hinan! Und wieder gigantische Wurzeln,
Gleichend Urweltgetiers Resten, verknorrt und versteint,
Gleichend gewaltigen Knochen von sagenhaften Organen,
Fängen und Rüsseln, dereinst furchtbar mit Schuppen bewehrt.

 

Sehr bildsichere Verse von der Fülle, die Langversen wie Hexa- und Pentameter schlicht unverzichtbar ist! Manche Versfüße sind etwas uneben, zum Beispiel „Erdreich ge-„; aber so klangen Hexameter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eben, vom ganz klassischen Gleichmaß eines Hölderlins sind sie schon ein gutes Stück entfernt und haben einen raueren Klang.

Erzählformen: Das Distichon (104)

Heinrich von Kleist hat einige wirklich gelungene Einzeldistichen geschrieben; aber seine ganz eigene Art des Ausdrucks ist bestimmt um den größeren Raum, den eine ganze Reihe von Distichen bietet, nicht böse gewesen … Wie das wirken kann, zeigt sein „Prolog“:

 

Wettre hinein, o du, mit deinen flammenden Rossen,
Phöbus, Bringer des Tags, in den unendlichen Raum!
Gib den Horen dich hin! Nicht um dich, neben, noch rückwärts,
Vorwärts wende den Blick, wo das Geschwader sich regt!
Donnr‘ einher, gleichviel, ob über die Länder der Menschen,
Achtlos, welchem du steigst, welchem Geschlecht du versinkst,
Hier jetzt lenke, jetzt dort, so wie die Faust sich dir stellet,
Weil die Kraft dich, der Kraft spielende Übung, erfreut.
Fehlen nicht wirst du, du triffst, es ist der Tanz um die Erde,
Und auch vom Wartturm entdeckt unten ein Späher das Maß.

 

Da ist das Distichon immer noch die Größe, von der her der Text gedacht ist; aber weil der Gedanke insgesamt mehr Raum hat, geht er auch verschlungenere Wege, und die angeregte Art, in der er es tut, passt wunderbar zum „Wirklichkeits- und Bewegungshunger“ des Distichons?!

Erzählformen: Das Distichon (103)

1893 erschienen Ferdinand von Saars „Wiener Elegien“ und zählten rasch zu seinen erfolgreichsten Dichtungen; heute wirken sie ein wenig veraltet, man kann sie aber noch gut lesen, jedenfalls da, wo der weite Raum der Distichen zur unaufgeregten Schilderung  der Wiener Verhältnisse genutzt wird. Als Beispiel die zehnte Elegie:

 

Sieh, schon wirbeln die Flocken um ragende Dächer; es sausen
Eisige Winde mit Macht durch die rings offene Stadt.
Ja, der Winter ist da! Mit ihm erschienen die Freuden,
Welche der Städter schon längst sommerverdrossen ersehnt.
Alle Theater gefüllt, Applaus erschüttert den Tonsaal –
Und so bewegt sich auch Wien wieder im alten Geleis.
Amt und Geschäft durchkreuzen die Straßen, auf glitschigem Pflaster
Humpelt der Omnibus, rast der Fiaker dahin;
Equipagen dazwischen, von stolzen Trabern gezogen,
Halten vor jedem Palast, wo man Besuche empfängt;
Stattliche Leute zu Fuß vereint der gewohnte Spaziergang,
Wohlig in Pelze gehüllt schreiten sie über den Ring.
Aber vergnüglicher noch hineilen die Schönen zum Eisplatz,
Wo der geschmeidige Wuchs sich am geschmeidigsten zeigt.
Knapp umschließt ihn die wärmende Jacke; auf braunen und blonden
Häuptern sitzen kokett Mützen, mit Zobel verbrämt.
Hui, wie fliegt sich’s dahin auf leicht einritzendem Schlittschuh,
Den mit bebender Hand kniend der Jüngling geschnallt!
Sieh nur den zierlichen Reigen! Es trennen und flieh’n sich die Paare,
Aber in reizendem Bug kehren sie wieder zurück.
Liebliches Meiden und Finden – gemeinsam wonniges Kreisen,
Bis die Dämmerung webt um das lebendige Bild.
Aber da zuckt auch empor das elektrische Licht und umschimmert
Magisch den spiegelnden Plan und die Gestalten darauf.
Ach, wer entfernte sich jetzt? Erstarren die Finger im Müffchen,
Spürt auch das Näschen den Frost – lodert in Flammen das Herz.

 

Sehr anschaulich! Und auch die Verse sind unaufgeregt und sicher gebaut; hier gibt es eine Nachlässigkeit (zum Beispiel einen sehr schwachen zweisilbigen  Versfuß), dort eine Besonderheit (etwa einen geschleiften Spondeus), doch insgesamt ist da ein Eindruck von Ruhe und Verlässlichkeit?!

Und wer einen Vergleich haben möchte: In Klopstocks Schulter (7) steht (unter anderem), was Goethe in „Dichtung  uund Wahrheit“ über das Schlittschuhlaufen zu sagen hat!

Erzählformen: Das Distichon (102)

Wie klingt es, wenn sich das schlichte Sprichwort „Steter Tropfen höhlt den Stein“ den Umhang eines Distichons umwirft, mit all seinem Bewegungswillen und seiner Lust auf die großen Worte?! Nun, bei Emanuel Geibel, in seinen „Distichen von Strande der See“, so:

 

Well‘ auf Welle zerrinnt, in die See rücktriefend, doch endlich
Kommt die Siegerin auch, welche den Felsen zerbricht.

 

Nicht lächerlich, aber sicher lächeln machend ….

Erzählformen: Das Distichon (101)

Die Trauerweide

Wie auch sehnend, o Baum, die Arme nieder du streckest,
Ach! aus den Tiefen der Gruft langst du ihn nimmer herauf.

 

So Karl Gottfried von Leitner in seinen „Friedhofsblumen, meinen lieben Toten zum Kranze gewunden“. Trauerweiden und Gräber sind sicher eine naheliegende Zusammenstellung, da lohnt der gelegentliche Vergleich, zum Beispiel mit dem in Der Blankvers (89) vorgestellten Text von Otto Julius Bierbaum?!

Die metrische Form:

Wie auch / sehnend, o / Baum, || die / Arme / nieder du / streckest,
Ach! aus den / Tiefen der / Gruft || langst du ihn / nimmer her- / auf.

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