Erzählformen: Das Distichon (125)

Die steigende und die sinkende Sonne, Morgen und Abend; im folgenden Doppeldistichon aus dem Jahr 1855 verschmilzt Rückert die beiden Begrifflichkeiten kurzerhand:

Her vom steigenden Morgen bis hin zum sinkenden Abend
Ringt des Vogelgesangs laut sich bekämpfender Chor;
Nicht in den Wettstreit mischest du dich der Sänger des Tages,
Nachtigall, in der Nacht singst du dein einziges Lied.

Wobei die im Distichon angelegten Gegensätze wieder einmal verwirklicht werden!

Erzählformen: Das Distichon (123)

In seinen alten Jahren hat Friedrich Rückert Gedichte nur noch für sich selbst geschrieben, ohne die Absicht, sie zu veröffentlichen; und das in großen Mengen, am Ende waren es Tausende.
Dieses Alterswerk herauszugeben hat sich erst 2002 der Wallstein-Verlag entschlossen, ein Ereignis, das vielerorts zur Kenntnis genommen und besprochen wurde, so etwa in der ZEIT (Wen stört denn ein Verrückter), in der Süddeutschen Zeitung (Einst auf unscheinbaren Schnitzeln) und in der FAZ (Seufzendste der Kreaturen). Alles dort über die „Liedertagebücher“ Geschriebene scheint mir sehr bedenkenswert!

Inzwischen sind nun 18 Jahre vergangen, und es liegen viele dieser Gedichte vor. Es zeigte sich, viele sind in Distichen geschrieben, oft hat Rückert die Form des Doppeldistichons genutzt; und schaut man die Menge dieser Doppeldistichen durch, zeigt sich, dass Rückert immer wieder den gleichen gedanklichen Ausgangspunkt wählt zur Beschreibung der verschiedensten Zusammenhänge, den gleichen bildlichen Rahmen; und solchen Linien ein Stück weit nachzugehen, scheint mir reizvoll und soll in diesem und den folgenden Distichon-Einträgen geschehen.

Hier, als Beginn, ein solches Doppeldistichon aus dem Jahr 1856 – in seiner sprachlichen Gestaltung ungefüge (nicht aber: reizlos) und, so scheint es, nicht sonderlich besorgt um etwaige Leser; vom Inhalt her an sich bemerkenswert, aber auch ein Startpunkt für die angedachte Wanderung durch Rückerts Wahl des Sonnenuntergangs.

So umsäumen die Wolken mit farbigem Edelgesteine,
Sonn‘, ohn‘ unterzugehn, hättest du nimmer gekonnt.
So geht unter ein Glück, dass Erinnerung schöner es male;
Untergegangene Sonn‘, aber es folgt dir die Nacht.

Erzählformen: Das Distichon (122)

Distichen sind seit jeher die Form für Grabinschriften und Grabaufschriften; kein Wunder also, dass seit der Antike die verschiedensten Verfasser auch das Dahinscheiden ihrer (Haus-)Tiere in Distichen besungen haben! Ein Beispiel von Friedrich Rückert:

Zierlich wedelndes Hündchen! So musste des finsteren Gottes
Herrischer Ruf auch dich ziehen hinab in die Nacht!
Oftmals hast du im Schatten die grasenden Herden bewachet,
Ruhig im Busche dabei lauscheten Hirtin und Hirt.
Aber nahete sich mit störenden Tritten ein Fremdling,
Weckte dein warnender Laut leise die Träumenden auf.
Treuer Wächter der Liebe! So fahr‘ in Frieden hinunter.
Und das Scheusal der Nacht, Cerberus, schrecke dich nicht!
In Elysiums Hainen, von frommen Hirten bewohnet,
Sei dir ein Schattenvolk weidender Lämmer beschert.
Und wann mich und das Mädchen hinab ein freundlicher Gott einst
Führt, aus Myrthengebüsch belle du wedelnd uns an!

Eine Rolle wird eingenommen, sicherlich; aber wirksam ist das Gedicht trotzdem!

Erzählformen: Das Distichon (121)

Selbstbezügliche Sonette oder auch Triolette gibt es in großer Menge; ähnliche Texte zum Distichon sind seltener, erst recht solche, die sich nicht epigrammatisch in einem einzelnen Distichon oder Doppeldistichon verwirklichen. Michael Beer verbindet diesen Selbstbezug aber mit einer netten kleinen Geschichte:

Haltet elegisches Maß, ihr Verslein! Dem lieblichen Takt nach
Eilt ein gefälliger Gott, Wonnen erdenkend, herbei.
Kaum vernimmt der den steigenden Tritt des Hexameters, hört kaum
Rauschend, wie stürzende Flut, schneller Pentameter Fall –
Gleich gedenkt er der römischen Zeit, der römischen Sänger,
Sinnt den beglückenden Lohn gleich der Geschmeichelte aus.
Reicher begabte der Gott nicht Ovidius süße Corinna,
Cynthia nicht des Properz, als er mein Mädchen geschmückt:
Alles ist Adel an ihr, und Füll‘ ist alles und Anmut,
Am vollendeten Werk kenn‘ ich den Meister. – Er ist’s.
Zeus kann Könige formen und Ares Helden, den Sänger
stattet mit strahlender Hand Phöbos, der herrliche, aus.
Pallas, die Wissende, wölbt die Stirn unsterblicher Denker,
Aber ein Mädchen wie dies bildet uns Amor allein.
Lange, wie zögernd der Künstler sich trennt vom lieben Gebilde,
Hat er sie sorgsam gehegt, gleich nicht sie jedem gewährt.
Plötzlich von bebenden Saiten erklingt der befreundete Rhythmus
(Dank dir, elegisches Maß, das mir den Losen getäuscht!)
Und er flattert herbei, er hofft erquickende Opfer,
Bringt zu besel’gendem Lohn schnell die Verborgene mit.
Bist du endlich betrogen, du Allbetrüger, und lockte
Dich ein Barbar, o Schmach, listig ins rhythmische Netz?
Weil du Cynthia gewährt, so hoffst du Properzius? Vergib mir!
Nur mein dürftiges Lied lohnt dir den göttlichen Dienst.

Ob Beers „Lied“ wirklich ein „dürftiges“ ist – wer weiß; eigentlich lesen sich seine Hexa- und Pentameter ganz angenehm.

Erzählformen: Das Distichon (120)

O wie gering und wie schwach ist die Macht, die das Wort und die Kunst hat,
Wenn sich das Herz um das quält, was auf ewig dahin!

 

Ein Distichon Friedrich Wilhelm Rogges. Ein wahres; aber auch ein gut gebautes? Einige Dinge fallen auf: die große Menge der einsilbigen Worte samt der dadurch möglichen und verwirklichten großen Zahl von anapästischen Wortfüßen (vier, wenn man will, sogar fünf im Hexameter!); der unschöne Gleichklang „schwach – Macht“; vor allem aber das „das“ auf der Hebung vor dem Pentameter-Einschnitt, das gegen das folgende „quält“ bestehen muss, dafür aber eigentlich zu schwach ist – erst recht, weil der Verseinschnitt hier nicht mit dem Satzeinschnitt zusammenfällt, also keine Sprechpause die beiden Silben trennt. Man kann dem Distichon trotzdem eine schöne Versbewegung zuordnen; aber wirklich einfach ist es nicht …

Die metrische Form:

O wie ge- / ring und wie / schwach || ist die / Macht, die das / Wort und die / Kunst hat,
Wenn sich das / Herz um / das || quält, was auf / e– wig da- / hin!

— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡
— ◡ ◡ / — ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

Erzählformen: Das Distichon (119)

Abhängigkeit

Mache dich nur von dem Göttlichen frei – schon bist du ein Sklave;
Mache dich ihm zum Knecht – und du beherrschest die Welt.

 

Viktor von Strauß und Torney setzt hier ganz auf die antithetischen Möglichkeiten des Distichons; damit lässt sich immer Wirkung erzielen. Heraus kommt aber trotzdem nur ein für die Epigramm-Dichtung des 19. Jahrhunderts beispielhaftes Durchschnittsdistichon … Das hat auch metrische Gründe:

Mache dich/ nur von dem / Göttlichen / frei || – schon / bist du ein / Sklave;
Mache dich / ihm zum / Knecht ||und du be- / herrschest die / Welt.

— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || — / — ◡ ◡ / — ◡
— ◡ ◡ / — ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

Sicher gebaut, nur „ihm zu“ ist ein arg schwächlicher zweisilbiger Fuß.

Erzählformen: Das Distichon (118)

Als „Epigramm-Form“ wird das Distichon auch oft genutzt, um über Dichtungsarten und -formen zu reden. So findet sich dann zum Beispiel bei August von Platen ein Doppeldistichon über die Stanze, auch genannt „Oktave“:

 

Rhythmische Metamorphose

Episch erscheint in italischer Sprache der Ton der Oktave,
Doch in der deutschen, o Freund, atmet sie lyrischen Ton.
Glaubst du es nicht, so versuchs! der italische wogende Rhythmus
Wird jenseits des Gebirgs klappernde Monotonie.

 

Da hat er durchaus recht, der Herr Platen; warum das so ist, erklärt aber besser ein „Stanzen-Eintrag“ …

Erzählformen: Das Distichon (117)

Die reine Wiedergabe von Informationen macht sich in Versen wie Hexameter und Pentameter nicht gut, weil der weite Versraum sich am liebsten mit sinnlicher Wirklichkeit und Handlung füllt. Aber die Dichter wussten und wissen da Abhilfe; Ernst Moritz Arndt zum Beispiel beginnt „Die Lerche“ so:

 

Als man das achte Jahr zu Achtzehnhundert nach Christi
Unsers Herrn Geburt zählte, zur Zeit, wo der Klang
Geht der Sicheln ins Feld, da lag ich einsamen Schlummers
Fern in dem Lande, wo Jo* klinget zugleich mit dem Ja.

* Das Land, wo Jo gleich Ja klingt, ist Schweden.

 

Also auch noch ein Fußnotengedicht! (Wobei die Fußnote im „richtigen“ Text, wie es sich gehört, am Ende der Seite steht …) „Schweden, Sommer 1808; ich schlief“ wäre die Kurzfassung des Inhalts, der hier zwei Distichen beansprucht, die darüber hinaus einiges an seltenerem Sprachgebrauch aufbieten – die beiden Genitive „der Sicheln“ und „einsamen Schlummers“ etwa, abgetrennt der eine, qualitativ verwendet der andere.

Erzählformen: Das Distichon (116)

Ernst Schulze hat einiges geschrieben, was zu lesen sehr lohnt; der folgende Anfang einer seiner Elegien gehärt noch nicht einmal unbedingt dazu:

 

Amor, himmelgeborener, komm, nicht jener, der sinnlos
Ins wildwogende Meer frevelnder Lüste sich senkt,
Nicht du verderblicher Gott, der tief in die Herzen den Pfeil uns
Schleudert und hoffnungslos ewige Gluten erweckt:
Nein, du reizendes Kind, du flüchtiges, welches die Götter
Mit ätherischem Band lieblich und lose verknüpft,
Komm, du romantischer Knabe, der Abenteuer Beschützer,
Zarten Geflüsters Freund, Freund der verschwiegenen Lust,
Der du keusch und üppig zugleich und flüchtig und treu bist,
Feind der Fesseln und doch immer in Fesseln geschmiegt,
Du, der Schmerz und Freude gewährt, doch nimmer in Trübsinn
Unsere Schmerzen und nie wandelt in Ekel die Lust.

 

Aber einen deutlichen Gestaltungswillen, den spürt man von Anfang an; und wenn sich im letzten Distichon der Satz, vom Versrahmen gehalten, ein wenig löst und locker wird und doch verständlich bleibt – das ist schon spannend zu lesen …

Erzählformen: Das Distichon (115)

Adlers Traum

Tief in finsteren Kerker gebannt saß träumend der Adler,
Hoch am eisernen Dach spielte verloren ein Strahl.
Lichtwärts hebt sich der Aar – tot liegt er am Boden zuerschmettert:
Toter, zerschlagener Aar! Sage, was hast du geträumt?

 

Ganz aus sich selbst heraus verständlich scheinen mir diese Verse von Christian Friedrich Scherenberg nicht – aber wenn man sie in Bezug auf den Versbau ansieht, fallen die schwächeren zweisilbigen Füße am Versbeginn auf, während die Hexameter-Füße, in denen die Zäsur liegt, „voller“ besetzt sind. Das wirkt auf seine eigene Art!

„Lichtwärts“ ist dann am Versbeginn ein kräftigerer zweisilbiger Fuß – und ein wirksames Wort gleich mit …