Erzählformen: Das Distichon (120)

O wie gering und wie schwach ist die Macht, die das Wort und die Kunst hat,
Wenn sich das Herz um das quält, was auf ewig dahin!

 

Ein Distichon Friedrich Wilhelm Rogges. Ein wahres; aber auch ein gut gebautes? Einige Dinge fallen auf: die große Menge der einsilbigen Worte samt der dadurch möglichen und verwirklichten großen Zahl von anapästischen Wortfüßen (vier, wenn man will, sogar fünf im Hexameter!); der unschöne Gleichklang „schwach – Macht“; vor allem aber das „das“ auf der Hebung vor dem Pentameter-Einschnitt, das gegen das folgende „quält“ bestehen muss, dafür aber eigentlich zu schwach ist – erst recht, weil der Verseinschnitt hier nicht mit dem Satzeinschnitt zusammenfällt, also keine Sprechpause die beiden Silben trennt. Man kann dem Distichon trotzdem eine schöne Versbewegung zuordnen; aber wirklich einfach ist es nicht …

Die metrische Form:

O wie ge- / ring und wie / schwach || ist die / Macht, die das / Wort und die / Kunst hat,
Wenn sich das / Herz um / das || quält, was auf / e– wig da- / hin!

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Erzählformen: Das Distichon (119)

Abhängigkeit

Mache dich nur von dem Göttlichen frei – schon bist du ein Sklave;
Mache dich ihm zum Knecht – und du beherrschest die Welt.

 

Viktor von Strauß und Torney setzt hier ganz auf die antithetischen Möglichkeiten des Distichons; damit lässt sich immer Wirkung erzielen. Heraus kommt aber trotzdem nur ein für die Epigramm-Dichtung des 19. Jahrhunderts beispielhaftes Durchschnittsdistichon … Das hat auch metrische Gründe:

Mache dich/ nur von dem / Göttlichen / frei || – schon / bist du ein / Sklave;
Mache dich / ihm zum / Knecht ||und du be- / herrschest die / Welt.

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Sicher gebaut, nur „ihm zu“ ist ein arg schwächlicher zweisilbiger Fuß.

Erzählformen: Das Distichon (118)

Als „Epigramm-Form“ wird das Distichon auch oft genutzt, um über Dichtungsarten und -formen zu reden. So findet sich dann zum Beispiel bei August von Platen ein Doppeldistichon über die Stanze, auch genannt „Oktave“:

 

Rhythmische Metamorphose

Episch erscheint in italischer Sprache der Ton der Oktave,
Doch in der deutschen, o Freund, atmet sie lyrischen Ton.
Glaubst du es nicht, so versuchs! der italische wogende Rhythmus
Wird jenseits des Gebirgs klappernde Monotonie.

 

Da hat er durchaus recht, der Herr Platen; warum das so ist, erklärt aber besser ein „Stanzen-Eintrag“ …

Erzählformen: Das Distichon (117)

Die reine Wiedergabe von Informationen macht sich in Versen wie Hexameter und Pentameter nicht gut, weil der weite Versraum sich am liebsten mit sinnlicher Wirklichkeit und Handlung füllt. Aber die Dichter wussten und wissen da Abhilfe; Ernst Moritz Arndt zum Beispiel beginnt „Die Lerche“ so:

 

Als man das achte Jahr zu Achtzehnhundert nach Christi
Unsers Herrn Geburt zählte, zur Zeit, wo der Klang
Geht der Sicheln ins Feld, da lag ich einsamen Schlummers
Fern in dem Lande, wo Jo* klinget zugleich mit dem Ja.

* Das Land, wo Jo gleich Ja klingt, ist Schweden.

 

Also auch noch ein Fußnotengedicht! (Wobei die Fußnote im „richtigen“ Text, wie es sich gehört, am Ende der Seite steht …) „Schweden, Sommer 1808; ich schlief“ wäre die Kurzfassung des Inhalts, der hier zwei Distichen beansprucht, die darüber hinaus einiges an seltenerem Sprachgebrauch aufbieten – die beiden Genitive „der Sicheln“ und „einsamen Schlummers“ etwa, abgetrennt der eine, qualitativ verwendet der andere.

Erzählformen: Das Distichon (116)

Ernst Schulze hat einiges geschrieben, was zu lesen sehr lohnt; der folgende Anfang einer seiner Elegien gehärt noch nicht einmal unbedingt dazu:

 

Amor, himmelgeborener, komm, nicht jener, der sinnlos
Ins wildwogende Meer frevelnder Lüste sich senkt,
Nicht du verderblicher Gott, der tief in die Herzen den Pfeil uns
Schleudert und hoffnungslos ewige Gluten erweckt:
Nein, du reizendes Kind, du flüchtiges, welches die Götter
Mit ätherischem Band lieblich und lose verknüpft,
Komm, du romantischer Knabe, der Abenteuer Beschützer,
Zarten Geflüsters Freund, Freund der verschwiegenen Lust,
Der du keusch und üppig zugleich und flüchtig und treu bist,
Feind der Fesseln und doch immer in Fesseln geschmiegt,
Du, der Schmerz und Freude gewährt, doch nimmer in Trübsinn
Unsere Schmerzen und nie wandelt in Ekel die Lust.

 

Aber einen deutlichen Gestaltungswillen, den spürt man von Anfang an; und wenn sich im letzten Distichon der Satz, vom Versrahmen gehalten, ein wenig löst und locker wird und doch verständlich bleibt – das ist schon spannend zu lesen …

Erzählformen: Das Distichon (115)

Adlers Traum

Tief in finsteren Kerker gebannt saß träumend der Adler,
Hoch am eisernen Dach spielte verloren ein Strahl.
Lichtwärts hebt sich der Aar – tot liegt er am Boden zuerschmettert:
Toter, zerschlagener Aar! Sage, was hast du geträumt?

 

Ganz aus sich selbst heraus verständlich scheinen mir diese Verse von Christian Friedrich Scherenberg nicht – aber wenn man sie in Bezug auf den Versbau ansieht, fallen die schwächeren zweisilbigen Füße am Versbeginn auf, während die Hexameter-Füße, in denen die Zäsur liegt, „voller“ besetzt sind. Das wirkt auf seine eigene Art!

„Lichtwärts“ ist dann am Versbeginn ein kräftigerer zweisilbiger Fuß – und ein wirksames Wort gleich mit …

Erzählformen: Das Distichon (114)

Justus Friedrich Zehelein hat hübsche Epigramme in Distichen geschrieben, zum Beispiel „Frage an Laura“:

 

Als ich, o Laura, mit dir jüngst Blumen vom Gartenbeet pflückte,
Schmerzlich verwundete da mir eine Biene die Hand,
Und du rietest mir weise, mit Erde zu kühlen die Wunde,
Und der brennende Schmerz wich, und die Wunde ward heil.
Laura! Wird auch die Wunde, die tief im Herzen mir blutet,
Dann erst gekühlt und heil, wenn sie die Erde bedeckt?

 

Da könnte man auch über die Verse nachdenken, aber erstens sind die soweit gut gemacht; und zweitens ist der dargestellte Gedanke so nett, dass es hier einmal reichen muss, ihn einfach nur gut zu finden.

Erzählformen: Das Distichon (113)

Hahn, du kikerikihst, und Tiktak gehts in der Scheune;
Hast du die Drescher geweckt, oder die Dreschenden dich?
Du mit deinem Gesang bist ihnen ein Sporn zur Arbeit,
Sie mit ihrem Geklapp dir ein verheißender Gruß:
Wenn von der Tenne sie nun zum Frühstück gehn in die Stube,
Kommst du mit deinem Gefolg, pickest das deinige dir.

 

Im Distichon bieten die Halbverse von Hexa- und Pentameter ebenso wie das Nacheinander der beiden Verse unzählige Möglichkeiten, Gegensätze wirksam Versgestalt gewinnen zu lassen, und in seinem Liedertagebuch aus dem Jahre 1855 bestreitet Friedrich Rückert dann auch die ganze kleine ländliche Szene, die er vorführt, mit nichts als solchen Gegensätzen ..

Erzählformen: Das Distichon (112)

Nach den doch recht in die breite geschriebenen Distichen des gestrigen Beitrags hier, als Ausgleich sozusagen, ein Epigramm: Ein einzelnes, die Dinge genau auf den Punkt bringendes Distichon von Freidrich Hebbel.

 

Prophezeiung

„Deine Freunde sind jung, es wird dir mit ihnen ergehen
Wie mit den Früchten dem Baum: reifen sie, fallen sie ab!“

 

Ach je … Aber manchmal treffen Prophezeiungen ja auch nicht ein. (Ich frage mich das seit Jahren – hat es hier mit den „Anführungszeichen“  eine besondere Bewandnis?!)

Erzählformen: Das Distichon (111)

Einer der Dichter, die mir immer ein Rätsel bleiben werden, ist Ludwig Theobul Kosegarten. Sein „An Rosa“ fängt so an:

 

Eine Rose blühte. Sie war die schönste des Gartens;
Ihre schwellende Brust funkelt‘ im perlenden Tau;
Ihre Blätter erglühten im Wiederscheine des Frührots;
Ihr vollströmender Duft lockte den Wand’rer herbei.
Jünglinge liebten die Holde; des Tales blühendste Töchter
Hingen zärtlich an ihr, staunten errötend sie an –
Aber sie welkt‘; ihr Purpur verblich, ihr atmender Duftkelch
Lechzte versiegt; verdorrt trieben die Blätter umher.

 

Der erste Satz aus drei Worttrochäen ist der untauglichste Weg überhaupt, einen Hexameter zu beginnen; und wofür genau waren jetzt überhapt diese vier Distichen gut – was beginnen sie?

 

Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge starben; der Rose
Uranfänglicher Stoff schwebet‘ im Äther umher.
Und es beseelte des Ewigen Hauch den wandelnden Urstoff,
Hauchete Stimm‘ und Gesang, Leben und Lieben ihm ein.
Eine Nachtigall ward er, die Liederreichste des Tales.
Durch die Weiden am Bach flötet ihr schmelzendes Lied.
Liebende wandelten horchend am Bach, und inniger schlang sich,
Wenn die Sängerin schlug, an den Verlobten die Braut.
Einen Frühling lang sang sie. Es welkte der freundliche Frühling,
Und der Sängerin Lied tönte nicht ferner am Bach.
Mit den sinkenden Blättern entsank sie dem Aste des Strauches
Und zum Äther gerückt wallte der flüchtige Staub.

 

Ah … ja. Gut. Dieses wissend: wie geht es weiter?!

 

Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge welkten. Noch immer
Wallte der Sängerin Staub in dem ätherischen Raum.

 

Anscheinend gar nicht – oder doch, jetzt:

 

Wieder beseelte des Ewigen Odem den wandelnden Urstoff,
Hauchte lebendigen Hauch, edlere Schönheit ihm ein.
Und er reift‘ empor zu einer unsterblichen Seele
Leuchtender Hülle, zu dir, edele Rosa, empor.

 

Wir nähern uns – wem oder was, ist noch unklar. Wer ist denn, erst einmal,  diese Rosa?!

 

Sieh‘, ein holdes Mädchen entblühte der Asche, mit jeder
Herzgewinnenden Huld, jeglicher Güte begabt.
Traut, wie Schatten, demütig, wie Veilchen, milde, wie Lenztau,
Rein, wie der Lilie Kelch, süß, wie Narzissengedüft.

 

… Eine Ansammlung von Klischees, augenscheinlich. Ich breche hier ab, der Text geht aber noch ein gutes Stück weiter, was ich weiß, weil ich ihn gelesen habe; aber warum bloß? Dieser Kosegarten ist mir ein Rätsel …