Erzählformen: Das Distichon (102)

Wie klingt es, wenn sich das schlichte Sprichwort „Steter Tropfen höhlt den Stein“ den Umhang eines Distichons umwirft, mit all seinem Bewegungswillen und seiner Lust auf die großen Worte?! Nun, bei Emanuel Geibel, in seinen „Distichen von Strande der See“, so:

 

Well‘ auf Welle zerrinnt, in die See rücktriefend, doch endlich
Kommt die Siegerin auch, welche den Felsen zerbricht.

 

Nicht lächerlich, aber sicher lächeln machend ….

Erzählformen: Das Distichon (101)

Die Trauerweide

Wie auch sehnend, o Baum, die Arme nieder du streckest,
Ach! aus den Tiefen der Gruft langst du ihn nimmer herauf.

 

So Karl Gottfried von Leitner in seinen „Friedhofsblumen, meinen lieben Toten zum Kranze gewunden“. Trauerweiden und Gräber sind sicher eine naheliegende Zusammenstellung, da lohnt der gelegentliche Vergleich, zum Beispiel mit dem in Der Blankvers (89) vorgestellten Text von Otto Julius Bierbaum?!

Die metrische Form:

Wie auch / sehnend, o / Baum, || die / Arme / nieder du / streckest,
Ach! aus den / Tiefen der / Gruft || langst du ihn / nimmer her- / auf.

— ◡ / — ◡ ◡ / — || ◡ / — ◡ / — ◡ ◡ / — ◡
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

Erzählformen: Das Distichon (100)

Eines der „Ventianischen Epigramme“ Johann Wolfgang Goethes geht so:

 

Ist denn so groß das Geheimnis, was Gott und der Mensch und die Welt sei?
Nein! Doch niemand hört’s gerne; da bleibt es geheim.

 

– Und das ist sicher schon „einfach so“ ein gutes Verspaar; aber ein kurzer Blick auf die Form lohnt trotzdem!

Im Pentameter fällt sicher die erste Hälfte auf, die mit zwei zweisilbigen Füßen besetzt ist, der deutlich seltensten Möglichkeit; und die Zäsur (nach „hört’s“), über die der Satz hier einfach hinweggeht.  Im Hexameter, bei dem, auch das eine der seltener genutzten Möglichkeiten, alle Einheiten dreisilbig sind, ist die Versbewegung nach der Zäsur ein genaueres Hinhören wert – abgeteilt nicht nach metrischen, sondern nach Sinneinheiten:

Ist denn so groß das Geheimnis, || was Gott | und der Mensch | und die Welt sei?

Dieses ◡ — | ◡ ◡ — | ◡ ◡ — — (Ich glaube, das „sei“ ist hier schwer?!) hat eine nachdrückliche Kraft – ein langsames Losgehen, das schneller wird und Kraft gewinnt … Wie so viele andere Bruchstücke des Hexameters kann man auch dieses, beziehungsweise seine Bewegung, in eigenen Texten nutzen und damit schöne Wirkungen erzielen – einfach einmal versuchen!

Erzählformen: Das Distichon (99)

Liest man in Friedrich Hebbels Tagebüchern und Briefen, fällt auf, wie eng seine Gedanken auch in alltäglichen Dingen mit seinen Gedichen verbunden sind …

Ich bin, nach einiger Stockung, in das Gedicht wieder hineingekommen und habe den vierten Gesang fast geendigt. Er ist fast ganz im Prater beim Veilchenpflücken entstanden; es waren himmlische Tage. Sowie ich einen Strauß beisammen hatte, waren auch dreißig oder vierzig Hexameter fertig.

Das sagt ein Tagebucheintrag vom 15. April 1856 über das Hexameter-Epos „Mutter und Kind“. Und dieser Eindruck blieb auch, als es Hebbel schlechter ging – 1859 schrieb er am 5. September in einem Brief an Friedrich Uechtritz:

Wo ist der schöne Frühling, in dem ich Veilchen pflückte und Dutzende von Hexametern schrieb! Der jetzige Frühling hat mich anders behandelt; ich bin in den Orden der Gichtbrüchigen eingetreten, habe drei Wochen liegen müssen wie ein krumm geschossener Soldat und genieße noch jetzt Kinderfreuden, indem ich Milch trinke und Gehen lerne …

Zu einem wiederum glücklicheren Anlass stellte Hebbel einmal auch ein Distichon an den Beginn eines Briefes, geschrieben am 11. April 1846 an Charlotte Rousseau:

Fromm verlangt ihr mich, Götter? So macht mich glücklich! Ich werd‘ euch
Niemals fürchten, ihr wisst’s, aber ich liebte euch gern!

Eine kecke Herausforderung, nicht wahr? Aber – sie hat geholfen! Wie? werden Sie fragen, hier die Antwort. Ich habe eine Braut und wahrscheinlich schon in vier Monaten eine Frau.

Ich denke, so ganz ernst hat er das mit der Herausforderung und dem Geholfenhaben nicht gemeint; aber ein schönes Distichon ist es trotzdem, und ein geistreich verwendetes auch …

Erzählformen: Das Distichon (98)

In „Das Distichon (97)“ sagte Johannes Minckwitz über die Versfolge Hexameter & erste Pentameter-Hälfte „Eine solche Strophenform, an und für sich tadellos, ist in der Lyrik auch wirklich gebraucht worden.“

Ein paar wenige Verse aus Ludwig Kosegartens „Das Blättchen“ können da als Beispiel dienen:

 

Emma, ich irr‘ hinauf und hinab im schaurigen Garten,
Wühl‘ im rasselnden Laub,
Und es hüllt mir Dämmrung die Seele, Dämmrung das Auge,
Denn es prediget mir
Jedes welkende Blatt und jedes sterbende Gräschen:
„Einstens grünt‘ ich, wie du!
Einstens welkt du wie ich. Wie Gras auf dem Felde sind Menschen,
Grünen und welken wie wir.“

 

Nur durchschnittlich gute Verse, denke ich, und auch inhaltlich nichts weltbewegend neues; aber wie die beiden Verse zusammen wirken – das wid doch deutlich?!

(Das „rasselnde Laub“ klang mir erst einmal fremd, aber der „Online-Grimm“ gibt als Bedeutung auch „ein hartes Geräusch verursachen“ und in Bezug auf „dürres Laub“ Versbeispiele von Bürger und Droste-Hülshoff – „Die Meute mit geschwoll’nen Kehlen / Ihm nach wie rasselnd Winterlaub.“)

Erzählformen: Das Distichon (97)

Wie bei allem muss auch in Bezug auf die den Vers betreffenden Fragen nicht alles geglaubt werden, was dazu geschrieben und gesagt wurde und wird.

Ein Beispiel, das eher zur Erheiterung des Lesenden als zur Vertiefung seines Vers-Verständnisses dient, ist Johannes Minckwitz‘ Erklärung, wie der Pentameter als zweiter Vers des Distichons entstanden ist:

Wie also der lyrische Dichter nachsann, auf welche Weise er am besten eine zweite ähnliche Reihe dem Hexameter zur Seite stellen könnte, so kam er zunächst auf den Gedanken, den ganzen ersten Anlauf, welchen der Hexameter bis zu seiner Hauptzäsur nimmt, zu wiederholen und zu der beabsichtigten Verszeile zu verwenden. Natürlich wählte er dazu die kräftigste Hauptzäsur aus, die männliche, da diese es ist, welche dem Hexameter seinen sichersten Halt gibt, wenn wir auch nicht berechtigt sind, sie die häufigste Hauptzäsur zu nennen. Nachdem der Dichter einen Hexameter vorausgeschickt hatte, wie etwa folgenden:

Singe den schrecklichen Zorn des berühmten Peliden Achilleus

… fuhr er, an die neue Reihe denkend, fort, indem er den ganzen ersten Anlauf des Hexameters wiederholte:

Singe den schrecklichen Zorn.

Dadurch hatte der Versifizierende nun wenigstens ein Stück für eine neue Reihe gewonnen, und bei diesem Wurfe hätte er sich allerdings beruhigen können; ist doch eine solche Strophenform, an und für sich tadellos, in der Lyrik auch wirklich gebraucht worden. Allein für den ersten Erfinder, der sich einmal nach einer neuen Form umsah, wird man es natürlich finden, dass er sich nicht mit dieser kurzen Reihe begnügte; er ging darauf aus, dem langen, vielsilbigen Hexameter einen verhältnismäßig ebenso langen Vers entgegenzustellen, damit der neue dem alten desto besser entspreche.  Dazu kam, dass der neue Vers im Grunde bloß ein Anlauf, ein Stück war und abgerissen klang, während er eine Zeile suchte mit gutem, richtigem und für den gesamten Rhythmenstrom entsprechendem Schlusse. Unmittelbar anhängen durfte er jedoch nichts, wenn er nicht ganz in den Hexameter zurückfallen wollte. Und ohne Weiteres schlug er den einfachsten und natürlichsten Weg ein: er gab dem Bilde sein Gegenbild und wiederholte den gesamten Rhythmenstrom des ersten Wurfs.

Um den glücklichen Griff möglichst zu verdeutlichen, will ich auch die nämlichen Worte für das Gegenbild beibehalten. Die ganze Strophe lautete nach dem Gesagten auf die nächste und einfachste Weise:

Singe den schrecklichen Zorn des berühmten Peliden Achilleus,
Singe den schrecklichen Zorn, singe den schrecklichen Zorn.

Als wäre er dabeigewesen, der Herr Minckwitz … Aber das heißt selbstverständlich nicht, dass diese metrische Räuberpistole nicht auch an ein, zwei Stellen Bedenkenswertes äußerte; über die Aufteilung des Distichons in „Drei Pentameter-Hälften und zweite Hexameter-Hälfte“ hat sich zum Beispiel auch Ludwig Strauß Gedanken gemacht in seinem sehr lesenswerten Aufsatz „Zur Struktur des deutschen Distichons“!

Erzählformen: Das Distichon (96)

Weither kracht von dem Meer, hülfrufend, der Schlag des Geschützes,
Durch die empörte Natur schreitet Entsetzen und Tod.

 

Siegfried August Mahlmann hat dieses Distichon in seinem Gedicht „Die Sturmnacht“ – ein Gegenstand, der sich mit den rhythmischen Möglichkeiten des Distichons sicher gut verträgt!

Die metrische Form:

Weither / kracht von dem / Meer, || hülf- / rufend, der / Schlag des Ge- / schützes,
Durch die em- / pörte Na- / tur || schreitet Ent- / setzen und / Tod.

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„-Her“ (schwere Senkungssilbe) und „Meer“ (Hebungssilbe) bilden einen unschönen, weil hörbaren Gleichklang?!

Erzählformen: Das Distichon (95)

Segen entatmet die Flur nach des Himmels flammendem Brautkuss,
Schöpferleben erfüllt leise die tauige Welt.

 

Der Moment nach dem Gewitter war und ist ja lyrisch nicht ganz unbeliebt und durchaus geeignet für die etwas größere Geste; aber ich habe den deutlichen Verdacht, dass es Wilhelm Hertz hier ein klein wenig übertrieben hat … Das Distichon entstammt einem längeren Gedicht.

Die metrische Form:

Segen ent- / atmet die / Flur || nach des / Himmels / flammendem / Brautkuss,
Schöpfer- / leben er- / füllt || leise die tauige Welt.

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Erzählformen: Das Distichon (94)

„Von Ruge einen Brief erhalten …“, schreibt Friedrich Hebbel in seinen Tagebüchern im Eintrag vom 8. Januar 1848, und über dessen Inhalt: „Er gibt mir … Belehrungen über den Versbau“. Nicht zu Hebbels Freude: „Er erweist sich als anmaßlichen Pedanten, dem es entgeht, dass die metrischen Abweichungen von der strikten Voß-Platenschen Observanz in meinen Distichen nicht bloß in dem Beispiel Schillers und Goethes eine Stütze finden, sondern nur aus der völligen Unmöglichkeit, im Deutschen einen vollkommenen, einen zugleich regelrechten und dabei wohlklingenden Hexameter zu Stande zu bringen, hervorgehen“.

Und wie Hexameter und Distichon schon zur Zerrüttung manchen Dichterverhältnisses beigetragen haben, kommt es auch hier, wie es kommen muss, denn der Eingangsatz liest sich vollständig so:

„Von Ruge einen Brief erhalten, der ein weiteres Verhältnis unmöglich macht.“

Doch immerhin weiß ich jetzt, wie das folgende Distichon Hebbels zustande gekommen ist:

 

Der Führer durchs Leben

Nie verbinde dich Einem, der das als Mittel behandelt,
Was dir Zweck ist, du selbst bist nur ein Mittel für ihn!

 

Gegen Ende des obigen Tagebuch-Eintrags findet sich nämlich dieser Satz: „Lehre: Verbinde dich nie mit einem Menschen, dem das Mittel ist, was dir Zweck ist!“ Ein weiteres nettes Beispiel für die Überführung aus der Prosa in den Vers, wobei hier die Prosafassung wohl den Vorzug verdient – das Distichon wirkt doch ein wenig aufgefüllt?!

Erzählformen: Das Distichon (93)

Der Käfer und der Schmetterling

Schmetterling, fliegest so stolz mich redlichen Käfer vorüber.
Gelt, du scheuest den Freund, der dich als Raupe gekannt.

 

Da hört man schon am „mich redlichen Käfer“ (und eigentlich am ganzen Hexameter): Das ist älter … Friedrich Müller, geboren 1749 und 76 Jahre alt geworden, hat in den Zeiten, in denen das Distichon noch in der „Erprobungsphase“ war, trotzdem schon einen ansehnlichen Vertreter geschaffen?!

Die metrische Form:

Schmetterling, / fliegest so / stolz || mich / redlichen / fer vor- / über.
Gelt, du / scheuest den / Freund, || der dich als / Raupe ge- / kannt.

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