Erzählformen: Das Distichon (106)

Die deutschen Hexameter und Pentameter müssen sich immer auf die eine oder andere Weise mit ihren antiken Vorgängern vergleichen lassen: Was ist an Nachahmung möglich, was sinnvoll?! Friedrich Rückert hat in seinem Liedertagebuch des Jahres 1852 ein Distichenpaar, dessen erster Pentameter sich bezüglich der Wortstellung große Freiheiten nimmt – eben so, wie es die Vorgänger auch taten:

 

Neulich wollt‘ ich die zwei Iphigenien untereinander
Goethes vergleichen und dich, euripideisches Stück.
Was war da zu vergleichen? So ungleich waret ihr beide,
Du von hunderten eins, jenes ein einziges Werk.

 

Das gegebene Urteil weiß ich nicht einzuschätzen; aber die Stellung des „Goethes“ ist doch sehr … unbekümmert?!

Erzählformen: Das Distichon (105)

Ziemlich am Anfang von Anton Woldgans‘ „Panischer Elegie“ finden sich diese Distichen (das „Ich“ steigt an einem schönen Septembertag zum Hochwald auf):

 

Stille, ein Häher nur schreit, und tiefer dring‘ ich ins Dickicht:
Da, ein gefallener Stamm sperrt mir den spärlichen Weg.
Aus dem Erdreich gerissen, die Eingeweide des Wachstums
Haften mit Fasergewirr noch in der Wunde des Grunds.
Morsch ist der Riese, vom Blitze gespalten, die Stümpfe der Äste
Weißlich mit Flechte und Moos wie mit Verwesung bedeckt.
Weiter, Gerölle hinan! Und wieder gigantische Wurzeln,
Gleichend Urweltgetiers Resten, verknorrt und versteint,
Gleichend gewaltigen Knochen von sagenhaften Organen,
Fängen und Rüsseln, dereinst furchtbar mit Schuppen bewehrt.

 

Sehr bildsichere Verse von der Fülle, die Langversen wie Hexa- und Pentameter schlicht unverzichtbar ist! Manche Versfüße sind etwas uneben, zum Beispiel „Erdreich ge-„; aber so klangen Hexameter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eben, vom ganz klassischen Gleichmaß eines Hölderlins sind sie schon ein gutes Stück entfernt und haben einen raueren Klang.

Erzählformen: Das Distichon (104)

Heinrich von Kleist hat einige wirklich gelungene Einzeldistichen geschrieben; aber seine ganz eigene Art des Ausdrucks ist bestimmt um den größeren Raum, den eine ganze Reihe von Distichen bietet, nicht böse gewesen … Wie das wirken kann, zeigt sein „Prolog“:

 

Wettre hinein, o du, mit deinen flammenden Rossen,
Phöbus, Bringer des Tags, in den unendlichen Raum!
Gib den Horen dich hin! Nicht um dich, neben, noch rückwärts,
Vorwärts wende den Blick, wo das Geschwader sich regt!
Donnr‘ einher, gleichviel, ob über die Länder der Menschen,
Achtlos, welchem du steigst, welchem Geschlecht du versinkst,
Hier jetzt lenke, jetzt dort, so wie die Faust sich dir stellet,
Weil die Kraft dich, der Kraft spielende Übung, erfreut.
Fehlen nicht wirst du, du triffst, es ist der Tanz um die Erde,
Und auch vom Wartturm entdeckt unten ein Späher das Maß.

 

Da ist das Distichon immer noch die Größe, von der her der Text gedacht ist; aber weil der Gedanke insgesamt mehr Raum hat, geht er auch verschlungenere Wege, und die angeregte Art, in der er es tut, passt wunderbar zum „Wirklichkeits- und Bewegungshunger“ des Distichons?!

Erzählformen: Das Distichon (103)

1893 erschienen Ferdinand von Saars „Wiener Elegien“ und zählten rasch zu seinen erfolgreichsten Dichtungen; heute wirken sie ein wenig veraltet, man kann sie aber noch gut lesen, jedenfalls da, wo der weite Raum der Distichen zur unaufgeregten Schilderung  der Wiener Verhältnisse genutzt wird. Als Beispiel die zehnte Elegie:

 

Sieh, schon wirbeln die Flocken um ragende Dächer; es sausen
Eisige Winde mit Macht durch die rings offene Stadt.
Ja, der Winter ist da! Mit ihm erschienen die Freuden,
Welche der Städter schon längst sommerverdrossen ersehnt.
Alle Theater gefüllt, Applaus erschüttert den Tonsaal –
Und so bewegt sich auch Wien wieder im alten Geleis.
Amt und Geschäft durchkreuzen die Straßen, auf glitschigem Pflaster
Humpelt der Omnibus, rast der Fiaker dahin;
Equipagen dazwischen, von stolzen Trabern gezogen,
Halten vor jedem Palast, wo man Besuche empfängt;
Stattliche Leute zu Fuß vereint der gewohnte Spaziergang,
Wohlig in Pelze gehüllt schreiten sie über den Ring.
Aber vergnüglicher noch hineilen die Schönen zum Eisplatz,
Wo der geschmeidige Wuchs sich am geschmeidigsten zeigt.
Knapp umschließt ihn die wärmende Jacke; auf braunen und blonden
Häuptern sitzen kokett Mützen, mit Zobel verbrämt.
Hui, wie fliegt sich’s dahin auf leicht einritzendem Schlittschuh,
Den mit bebender Hand kniend der Jüngling geschnallt!
Sieh nur den zierlichen Reigen! Es trennen und flieh’n sich die Paare,
Aber in reizendem Bug kehren sie wieder zurück.
Liebliches Meiden und Finden – gemeinsam wonniges Kreisen,
Bis die Dämmerung webt um das lebendige Bild.
Aber da zuckt auch empor das elektrische Licht und umschimmert
Magisch den spiegelnden Plan und die Gestalten darauf.
Ach, wer entfernte sich jetzt? Erstarren die Finger im Müffchen,
Spürt auch das Näschen den Frost – lodert in Flammen das Herz.

 

Sehr anschaulich! Und auch die Verse sind unaufgeregt und sicher gebaut; hier gibt es eine Nachlässigkeit (zum Beispiel einen sehr schwachen zweisilbigen  Versfuß), dort eine Besonderheit (etwa einen geschleiften Spondeus), doch insgesamt ist da ein Eindruck von Ruhe und Verlässlichkeit?!

Und wer einen Vergleich haben möchte: In Klopstocks Schulter (7) steht (unter anderem), was Goethe in „Dichtung  uund Wahrheit“ über das Schlittschuhlaufen zu sagen hat!

Erzählformen: Das Distichon (102)

Wie klingt es, wenn sich das schlichte Sprichwort „Steter Tropfen höhlt den Stein“ den Umhang eines Distichons umwirft, mit all seinem Bewegungswillen und seiner Lust auf die großen Worte?! Nun, bei Emanuel Geibel, in seinen „Distichen von Strande der See“, so:

 

Well‘ auf Welle zerrinnt, in die See rücktriefend, doch endlich
Kommt die Siegerin auch, welche den Felsen zerbricht.

 

Nicht lächerlich, aber sicher lächeln machend ….

Erzählformen: Das Distichon (101)

Die Trauerweide

Wie auch sehnend, o Baum, die Arme nieder du streckest,
Ach! aus den Tiefen der Gruft langst du ihn nimmer herauf.

 

So Karl Gottfried von Leitner in seinen „Friedhofsblumen, meinen lieben Toten zum Kranze gewunden“. Trauerweiden und Gräber sind sicher eine naheliegende Zusammenstellung, da lohnt der gelegentliche Vergleich, zum Beispiel mit dem in Der Blankvers (89) vorgestellten Text von Otto Julius Bierbaum?!

Die metrische Form:

Wie auch / sehnend, o / Baum, || die / Arme / nieder du / streckest,
Ach! aus den / Tiefen der / Gruft || langst du ihn / nimmer her- / auf.

— ◡ / — ◡ ◡ / — || ◡ / — ◡ / — ◡ ◡ / — ◡
— ◡ ◡ / — ◡ ◡ / — || — ◡ ◡ / — ◡ ◡ / —

Erzählformen: Das Distichon (100)

Eines der „Ventianischen Epigramme“ Johann Wolfgang Goethes geht so:

 

Ist denn so groß das Geheimnis, was Gott und der Mensch und die Welt sei?
Nein! Doch niemand hört’s gerne; da bleibt es geheim.

 

– Und das ist sicher schon „einfach so“ ein gutes Verspaar; aber ein kurzer Blick auf die Form lohnt trotzdem!

Im Pentameter fällt sicher die erste Hälfte auf, die mit zwei zweisilbigen Füßen besetzt ist, der deutlich seltensten Möglichkeit; und die Zäsur (nach „hört’s“), über die der Satz hier einfach hinweggeht.  Im Hexameter, bei dem, auch das eine der seltener genutzten Möglichkeiten, alle Einheiten dreisilbig sind, ist die Versbewegung nach der Zäsur ein genaueres Hinhören wert – abgeteilt nicht nach metrischen, sondern nach Sinneinheiten:

Ist denn so groß das Geheimnis, || was Gott | und der Mensch | und die Welt sei?

Dieses ◡ — | ◡ ◡ — | ◡ ◡ — — (Ich glaube, das „sei“ ist hier schwer?!) hat eine nachdrückliche Kraft – ein langsames Losgehen, das schneller wird und Kraft gewinnt … Wie so viele andere Bruchstücke des Hexameters kann man auch dieses, beziehungsweise seine Bewegung, in eigenen Texten nutzen und damit schöne Wirkungen erzielen – einfach einmal versuchen!

Erzählformen: Das Distichon (99)

Liest man in Friedrich Hebbels Tagebüchern und Briefen, fällt auf, wie eng seine Gedanken auch in alltäglichen Dingen mit seinen Gedichen verbunden sind …

Ich bin, nach einiger Stockung, in das Gedicht wieder hineingekommen und habe den vierten Gesang fast geendigt. Er ist fast ganz im Prater beim Veilchenpflücken entstanden; es waren himmlische Tage. Sowie ich einen Strauß beisammen hatte, waren auch dreißig oder vierzig Hexameter fertig.

Das sagt ein Tagebucheintrag vom 15. April 1856 über das Hexameter-Epos „Mutter und Kind“. Und dieser Eindruck blieb auch, als es Hebbel schlechter ging – 1859 schrieb er am 5. September in einem Brief an Friedrich Uechtritz:

Wo ist der schöne Frühling, in dem ich Veilchen pflückte und Dutzende von Hexametern schrieb! Der jetzige Frühling hat mich anders behandelt; ich bin in den Orden der Gichtbrüchigen eingetreten, habe drei Wochen liegen müssen wie ein krumm geschossener Soldat und genieße noch jetzt Kinderfreuden, indem ich Milch trinke und Gehen lerne …

Zu einem wiederum glücklicheren Anlass stellte Hebbel einmal auch ein Distichon an den Beginn eines Briefes, geschrieben am 11. April 1846 an Charlotte Rousseau:

Fromm verlangt ihr mich, Götter? So macht mich glücklich! Ich werd‘ euch
Niemals fürchten, ihr wisst’s, aber ich liebte euch gern!

Eine kecke Herausforderung, nicht wahr? Aber – sie hat geholfen! Wie? werden Sie fragen, hier die Antwort. Ich habe eine Braut und wahrscheinlich schon in vier Monaten eine Frau.

Ich denke, so ganz ernst hat er das mit der Herausforderung und dem Geholfenhaben nicht gemeint; aber ein schönes Distichon ist es trotzdem, und ein geistreich verwendetes auch …

Erzählformen: Das Distichon (98)

In „Das Distichon (97)“ sagte Johannes Minckwitz über die Versfolge Hexameter & erste Pentameter-Hälfte „Eine solche Strophenform, an und für sich tadellos, ist in der Lyrik auch wirklich gebraucht worden.“

Ein paar wenige Verse aus Ludwig Kosegartens „Das Blättchen“ können da als Beispiel dienen:

 

Emma, ich irr‘ hinauf und hinab im schaurigen Garten,
Wühl‘ im rasselnden Laub,
Und es hüllt mir Dämmrung die Seele, Dämmrung das Auge,
Denn es prediget mir
Jedes welkende Blatt und jedes sterbende Gräschen:
„Einstens grünt‘ ich, wie du!
Einstens welkt du wie ich. Wie Gras auf dem Felde sind Menschen,
Grünen und welken wie wir.“

 

Nur durchschnittlich gute Verse, denke ich, und auch inhaltlich nichts weltbewegend neues; aber wie die beiden Verse zusammen wirken – das wid doch deutlich?!

(Das „rasselnde Laub“ klang mir erst einmal fremd, aber der „Online-Grimm“ gibt als Bedeutung auch „ein hartes Geräusch verursachen“ und in Bezug auf „dürres Laub“ Versbeispiele von Bürger und Droste-Hülshoff – „Die Meute mit geschwoll’nen Kehlen / Ihm nach wie rasselnd Winterlaub.“)

Erzählformen: Das Distichon (97)

Wie bei allem muss auch in Bezug auf die den Vers betreffenden Fragen nicht alles geglaubt werden, was dazu geschrieben und gesagt wurde und wird.

Ein Beispiel, das eher zur Erheiterung des Lesenden als zur Vertiefung seines Vers-Verständnisses dient, ist Johannes Minckwitz‘ Erklärung, wie der Pentameter als zweiter Vers des Distichons entstanden ist:

Wie also der lyrische Dichter nachsann, auf welche Weise er am besten eine zweite ähnliche Reihe dem Hexameter zur Seite stellen könnte, so kam er zunächst auf den Gedanken, den ganzen ersten Anlauf, welchen der Hexameter bis zu seiner Hauptzäsur nimmt, zu wiederholen und zu der beabsichtigten Verszeile zu verwenden. Natürlich wählte er dazu die kräftigste Hauptzäsur aus, die männliche, da diese es ist, welche dem Hexameter seinen sichersten Halt gibt, wenn wir auch nicht berechtigt sind, sie die häufigste Hauptzäsur zu nennen. Nachdem der Dichter einen Hexameter vorausgeschickt hatte, wie etwa folgenden:

Singe den schrecklichen Zorn des berühmten Peliden Achilleus

… fuhr er, an die neue Reihe denkend, fort, indem er den ganzen ersten Anlauf des Hexameters wiederholte:

Singe den schrecklichen Zorn.

Dadurch hatte der Versifizierende nun wenigstens ein Stück für eine neue Reihe gewonnen, und bei diesem Wurfe hätte er sich allerdings beruhigen können; ist doch eine solche Strophenform, an und für sich tadellos, in der Lyrik auch wirklich gebraucht worden. Allein für den ersten Erfinder, der sich einmal nach einer neuen Form umsah, wird man es natürlich finden, dass er sich nicht mit dieser kurzen Reihe begnügte; er ging darauf aus, dem langen, vielsilbigen Hexameter einen verhältnismäßig ebenso langen Vers entgegenzustellen, damit der neue dem alten desto besser entspreche.  Dazu kam, dass der neue Vers im Grunde bloß ein Anlauf, ein Stück war und abgerissen klang, während er eine Zeile suchte mit gutem, richtigem und für den gesamten Rhythmenstrom entsprechendem Schlusse. Unmittelbar anhängen durfte er jedoch nichts, wenn er nicht ganz in den Hexameter zurückfallen wollte. Und ohne Weiteres schlug er den einfachsten und natürlichsten Weg ein: er gab dem Bilde sein Gegenbild und wiederholte den gesamten Rhythmenstrom des ersten Wurfs.

Um den glücklichen Griff möglichst zu verdeutlichen, will ich auch die nämlichen Worte für das Gegenbild beibehalten. Die ganze Strophe lautete nach dem Gesagten auf die nächste und einfachste Weise:

Singe den schrecklichen Zorn des berühmten Peliden Achilleus,
Singe den schrecklichen Zorn, singe den schrecklichen Zorn.

Als wäre er dabeigewesen, der Herr Minckwitz … Aber das heißt selbstverständlich nicht, dass diese metrische Räuberpistole nicht auch an ein, zwei Stellen Bedenkenswertes äußerte; über die Aufteilung des Distichons in „Drei Pentameter-Hälften und zweite Hexameter-Hälfte“ hat sich zum Beispiel auch Ludwig Strauß Gedanken gemacht in seinem sehr lesenswerten Aufsatz „Zur Struktur des deutschen Distichons“!