Erzählformen: Das Distichon (95)

Segen entatmet die Flur nach des Himmels flammendem Brautkuss,
Schöpferleben erfüllt leise die tauige Welt.

 

Der Moment nach dem Gewitter war und ist ja lyrisch nicht ganz unbeliebt und durchaus geeignet für die etwas größere Geste; aber ich habe den deutlichen Verdacht, dass es Wilhelm Hertz hier ein klein wenig übertrieben hat … Das Distichon entstammt einem längeren Gedicht.

Die metrische Form:

Segen ent- / atmet die / Flur || nach des / Himmels / flammendem / Brautkuss,
Schöpfer- / leben er- / füllt || leise die tauige Welt.

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Erzählformen: Das Distichon (94)

„Von Ruge einen Brief erhalten …“, schreibt Friedrich Hebbel in seinen Tagebüchern im Eintrag vom 8. Januar 1848, und über dessen Inhalt: „Er gibt mir … Belehrungen über den Versbau“. Nicht zu Hebbels Freude: „Er erweist sich als anmaßlichen Pedanten, dem es entgeht, dass die metrischen Abweichungen von der strikten Voß-Platenschen Observanz in meinen Distichen nicht bloß in dem Beispiel Schillers und Goethes eine Stütze finden, sondern nur aus der völligen Unmöglichkeit, im Deutschen einen vollkommenen, einen zugleich regelrechten und dabei wohlklingenden Hexameter zu Stande zu bringen, hervorgehen“.

Und wie Hexameter und Distichon schon zur Zerrüttung manchen Dichterverhältnisses beigetragen haben, kommt es auch hier, wie es kommen muss, denn der Eingangsatz liest sich vollständig so:

„Von Ruge einen Brief erhalten, der ein weiteres Verhältnis unmöglich macht.“

Doch immerhin weiß ich jetzt, wie das folgende Distichon Hebbels zustande gekommen ist:

 

Der Führer durchs Leben

Nie verbinde dich Einem, der das als Mittel behandelt,
Was dir Zweck ist, du selbst bist nur ein Mittel für ihn!

 

Gegen Ende des obigen Tagebuch-Eintrags findet sich nämlich dieser Satz: „Lehre: Verbinde dich nie mit einem Menschen, dem das Mittel ist, was dir Zweck ist!“ Ein weiteres nettes Beispiel für die Überführung aus der Prosa in den Vers, wobei hier die Prosafassung wohl den Vorzug verdient – das Distichon wirkt doch ein wenig aufgefüllt?!

Erzählformen: Das Distichon (93)

Der Käfer und der Schmetterling

Schmetterling, fliegest so stolz mich redlichen Käfer vorüber.
Gelt, du scheuest den Freund, der dich als Raupe gekannt.

 

Da hört man schon am „mich redlichen Käfer“ (und eigentlich am ganzen Hexameter): Das ist älter … Friedrich Müller, geboren 1749 und 76 Jahre alt geworden, hat in den Zeiten, in denen das Distichon noch in der „Erprobungsphase“ war, trotzdem schon einen ansehnlichen Vertreter geschaffen?!

Die metrische Form:

Schmetterling, / fliegest so / stolz || mich / redlichen / fer vor- / über.
Gelt, du / scheuest den / Freund, || der dich als / Raupe ge- / kannt.

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Erzählformen: Das Distichon (92)

Jahrelang stieg das Gerüst empor und strebten die Steine
Wie ein lebendig Gewächs einem Unendlichen zu.

 

So beginnt Johann Georg Fischer sein Gedicht „Turmbau“.

Die metrische Form:

Jahrelang / stieg das Ge- / rüst em- / por || und / strebten die / Steine
Wie ein le- / bendig Ge- / wächs || einem Un- / endlichen / zu.

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Viele dreisilbige Einheiten, ein später Hexameter-Einschitt und ein Zeilensprung – ein Distichon, das sich „entgrenzt“ seinem Inhalt gemäß.

Erzählformen: Das Distichon (91)

Über der tobenden Flut, die schaumaufstäubend im Wirbel
Kreist und im Strudel, erhebt düster und steil sich der Fels.

 

Bewegtes Wasser darzustellen ist für Bewegungsverse wie Hexa- und Pentameter eine dankbare Aufgabe; hier stellt sie ihnen Wilhelm Smets.

Die metrische Form:

Über der / tobenden / Flut, || die / schaumauf- / stäubend im / Wirbel
Kreist und im / Strudel, er- / hebt || düster und / steil sich der / Fels.

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„Und im Strudel“ schmeckt ganz leicht nach Füllsel?! Sonst ein feines Distichon vom Bau her.

Erzählformen: Das Distichon (90)

Nachteiliger Ruhm

Hättest du deine Dummheit der Welt nicht in Büchern verkündet,
Nur dein Weib und dein Kind hätten darüber gelacht.

 

Wolfgang Menzel war im 19. Jahrhundert ein berühmter Literaturkritiker und hat auch in epigrammatischer Form kräftig ausgeteilt; genauso, wie er eingesteckt hat, siehe etwa Das Distichon (51)!

Die metrische Form:

Hättest du / deine / Dummheit || der / Welt nicht in / chern ver- / kündet,
Nur dein / Weib und dein / Kind || hätten da- ber ge- / lacht.

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Zweisilbige Pronomen – „deine“ – geben keine besonders guten zweisilbigen Versfüße ab; es fehlt ihnen an Masse und Gewicht. Manchmal sind sie vom Sinn her besonders hervorgehoben und können dann stärker betont werden, aber das scheint hier nicht wirklich der Fall zu sein?!

Erzählformen: Das Distichon (89)

Weinenden klage dein Leid, und Frohen erzähle die Freude.
Ach! Es begreifet der Mensch nur, was er selber empfand.

 

Justine Wilhelmine von Kruft ist heute keine wirklich bekannte Dichterin mehr; ihr Distichon klingt zwar auch schon etwas altmodisch (vor allem das „Ach!“, eine Art von Ausruf, die längst aus der Dichtung verschwunden ist), ist aber inhaltlich heute noch genauso gültig wie zu den Lebzeiten der Verfasserin, und weil es die Baugesetze des Distichons recht zuverlässig umsetzt, wirkt es auch „richtig“: Der Hexameter ist zweigegliedert und stellt einen Sachverhalt vor; der Pentameter erklärt ihn.

Die metrische Form:

Weinenden / klage dein / Leid, || und / Frohen er- / zähle die / Freude.
Ach! Es be- / greifet der / Mensch || nur, was er / selber em- / pfand.

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Erzählformen: Das Distichon (88)

Jakob Julius David hat nicht sonderlich viele Gedichte geschrieben, und schon gar nicht in Distichen; aber da, wo er dem Leser eine antike Gestalt vor Augen stellten wollte: da doch!

 

Penelope

Endlos währte die Nacht. Mein Lager netzt‘ ich mit Tränen,
Drückt‘ an die Lippen den Pfühl, denkend des fernen Gemahls.
Bänglich graute der Tag. Ich ließ behende mein Bette
Und umwandelte zag Ithakas felsiges Rund;
Stieg zu den Höhen hinauf und wieder abwärts zur Küste,
Die mit gewaltigem Laut heiser die Meerflut umbrüllt.
Und ich spähte nach Wolken; es flog mein Blick nach den Bergen;
Ach! kein helles Fanal leuchtet mehr kündend darauf!
Längst erlosch mir die Glut, die Ilions Fall mir gemeldet,
Tief in der Seele mit ihr starb mir das frohe Vertraun.
Und mein Freund ward die See. Sie machte glanzlos mein Auge,
In das bewegliche Herz zog ihre Unrast mir ein,
Und wie Kunde von Fernen erklingt mir oft ihre Weise,
Sie zu deuten vermag nimmer mein armer Verstand.
So verblüh‘ ich denn einsam. Der Gattin des ratklügsten Mannes
Bleicht in ratlosem Leid langsam das nächtige Haar …

 

Keine Frage: Das sind nur durchschnittliche Hexameter und Pentameter, ein Hinweis von vielen sind da die vier Verse, die mit einer zweisilbigen Einheit beginnen, deren schwere (erste) Silbe mit „Und“ besetzt ist. Aber die Stimmung an sich bringen auch sie recht zuverlässig an den Leser!

Erzählformen: Das Distichon (87)

Tritten des Wandrers über den Schnee sei ähnlich mein Leben,
Es bezeichne die Spur, aber beflecke sie nicht.

 

Im Winter 1805 waren bei Karl Ludwig von Knebel Freunde zu Gast und ins Gespräch vertieft; draußen schneite es unbemerkt. Als Johann Wolfgang Goethe hinaussah und die durch den Schnee völlig veränderte Umgebung bemerkte, schlug er vor, jeder der Anwesenden solle ein Gedicht darauf machen, und Knebel schrieb obiges Distichon, von dem Goethe so begeistert gewesen sein soll, dass er ausrief: „Knebel, für dieses Distichon gäbe ich einen Band meiner Werke!“

Die metrische Form:

Tritten des / Wandrers / über den / Schnee || sei / ähnlich mein / Leben,
Es be- / zeichne die / Spur, || aber be- / flecke sie / nicht.

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„Es be-“ ist eine sehr schwache zweisilbige Einheit, vor allem das „es“ hat eigentlich zu wenig Gewicht, um auf der Hebungsstelle stehen zu können. Zur Not geht dergleichen; besser, man kommt ohne aus! (Dass Goethe da keine Bedenken hatte, wundert nicht: Ihm sind selbst seine „zu leichten ersten Einheiten“ in Hexa- und Pentameter vorgeworfen worden. Oft!)

Erzählformen: Das Distichon (86)

Wahrheit, lebendig gesagt, so dass die Worte verschwinden,
Zeiget jedem sein Bild wie ein geschliff’ner Kristall.

 

„Lebendig gesagt“ erscheint, selbst in der Schrift, auch dieses Distichon von Wilhelm Heinse. Und darum, vielleicht: auch wahr?!

Die metrische Form:

Wahrheit, le- / bendig ge- / sagt, || so / dass die / Worte ver- / schwinden,
Zeiget / jedem sein / Bild || wie ein ge- / schliff’ner Kris- / tall.

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Der Satz durchläuft auf schöne Art den durch das Distichon aufgespannten Raum! „Dass die“ ist eine etwas schmalbrüstige zweisilbige Einheit, aber ach: das geht schon.