Bücher zum Vers (116)

Walther Killy: Schreibweisen – Leseweisen

Die in diesem Band vorgelegten Untersuchungen gelten der Kunst des Lesens, die sich an verschiedenen Schreibweisen bewähren muss. – So beginnt der Text auf der Rückseite dieses 1982 bei Beck erschienenen Buchs, dessen Kapitel sich keineswegs immer mit Gedichten beschäftigen; aber selbst diejenigen, die es nicht tun, sind immer auch auf die Dichtung beziehbar, so dass eigentlich alles mit Gewinn gelesen werden kann. Über viele der eher grundsätzlichen Aussagen lohnt auch ein weiteres Nachdenken: Die zur Schrift gewordene Vergangenheit ist nicht mehr, wie in den hinter uns liegenden Jahrhunderten, ein Versprechen für die Zukunft, heißt es auf Seite 19 etwa; was aber dann, heute, weitere 36 Jahre später?!

Bücher zum Vers (115)

Friedrich Maurer, Hein Rupp (Hrsg.): Deutsche Wortgeschichte (2)

Dieser zweite Band der Deutschen Wortgeschichte deckt den Zeitraum „Vom Barock bis zur Gegenwart“ ab, meint bis 1974, als die neubearbeitete 3. Auflage bei de Gruyter erschienen ist. Seine 700 Seiten enthalten Unmengen an Wissenswertem – nicht nur, welchen Zeiten aufgrund welcher Vorstellungen welche Wörter wichtig waren, sondern auch, wie sich Vorstellungen und Wörter bei den einzelnen Verfassern verwirklicht haben.  Dazu schärft sich der Blick für die unzähligen Bedeutungsveränderungen, die viele Wörter zum Beispiel seit Goethes Zeiten erfahren haben und ohne deren Kenntnis die Texte des „Dichterfürsten“ an manchen Stellen missverständlich sind; und auch über das Zustandekommen manch seltsamer Wortbildung wird der Leser unterrichtet. So schreibt Friedrich Kainz zum Beispiel in „Klassik und Romantik“ (S. 291-292):

Schillers Reifen zum Klassiker ist gleichfalls durch das Aufgeben der Spracheigentümlichkeiten der Geniezeit und des Sturms und Drangs – vorab der burschikosen, unflätig-zynischen Kraftwörter -gekennzeichnet, ferner durch bewusste Abkehr von schwäbischen Mundartausdrücken, dann aber auch durch Verbesserung derselben mit Hilfe hyperkorrekter (hyperhochdeutscher) Formen, wofür das auch bei Hölderlin zu findende „zernichten“ („vernichten“) und das gleichfalls bei Uhland anzutreffende „zerschieden“ („verschieden“) bekannte Beispiele sind. (…) Wenn der junge Schiller sowie sein Landsmann Uhland von „zerschiedenen Szenen“, „zerschiedenen Eigenschaften“, „zerschiedenen Edelsteinen“ sprechen, so geht das auf den Umstand zurück, dass in ihrer Mundart die Vorsilbe „zer-“ fehlt und durch „ver-“ ersetzt wird (Kleider werden „verrisse“, Töpfe „verschlage“), ebenso ist das „bezauberte Schloss“ in Schillers „Geisterseher“ eine hyperkorrekte Überkompensation seiner schwäbischen Unsicherheit in Bezug auf die Vorsilbe „ver-„; dennoch ist nicht jedes „zer-“ bei Schiller die Verschlimmbesserung eines schwäbischen „ver-„, sondern im Sinne einer perfektivierend-intensivierenden Ausdruckssteigerung direkt erstrebtes  Wirkungsmittel: so etwa, wenn sich in „Wallensteins Tod“, einem Werk der Reifezeit Schillers, das Verb „zergrämen“ findet.

Aha! Das muss einem Nicht- Schwaben ja auch erst einmal jemand erklären …

Der größte Genuss und Gewinn liegt aber in den umfangreichen Beispiellisten, aus denen schöne, kluge, und durchaus heute noch brauchbare Wörter in großer Menge sich dem Leser bekanntmachen!

Bücher zum Vers (114)

Hans-Dieter Gelfert: Was ist ein gutes Gedicht?

Ein gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswertes Buch; einmal durch den Umstand, dass sich da jemand traut, eine einer Antwort nicht wirklich zugängliche Frage zu beantworten; dann aber auch, weil ein tatsächliches Buch aus dieser Antwort geworden ist – denn wirklich unter den Fingern brennen diese Frage und diese Antwort sicher den wenigsten … Aber da ist es, 2016 bei Beck erschienen, und die „Einführung in 33 Schritten“ (so der Untertitel) nimmt sich dem Problem erfreulich unaufgeregt unter den verschiedensten Gesichtspunkten an, immer auf eine sehr grundlegende Art und Weise. Und gleich, ob man am Ende „Ja“ zu einem der „Schritte“ sagt (was wahrscheinlich ist) oder „Nein“ (was auch vorkommen wird): Mit Gewinn lesen kann man dieses knapp über 200 Seiten umfassende Taschenbuch allemal!

Bücher zum Vers (113)

Peter Hacks: Die Maßgaben der Kunst

Dieser zuletzt 2010 bei Suhrkamp erschienene Band ist nicht wirklich ein „Buch zum Vers“, eher ein zum Theater, eigentlich aber eines zu allem möglichen; aber hier und da findet sich auf seinen beeindruckenden 1200 Seiten doch etwas über den Vers, und wenn, dann ist es eigentlich immer die Zeit wert, die man braucht, es zu durchdenken. So finden sich gleich am Anfang fünf Seiten „Über den Vers in Müllers Umsiedlerin-Fragment“, und an deren Anfang (S. 39) diese Sätze:

Über das Grundprinzip der Verslehre sind sich die Metriker inzwischen einig geworden. Wert, Schönheit und Leben eines Verses beruhen nicht auf der Identität von Metrum und Rhythmus, sondern auf ihrem Widerspruch. Iamben, bei denen der natürliche Tonfall der Sprache, Hebung für Hebung und Senkung für Senkung, mit dem Versschema zusammenstimmt, sind keine guten Iamben, sondern schlechte. Vielmehr ist die Dialektik die: das Metrum setzt ein Erwartungsschema, und in dem Wechsel von Erfüllung und Nichterfüllung der Erwartung liegt der ästhetische Reiz. Weit entfernt davon, Fehler zu sein, gehören Abweichungen vom Metrum gerade zum Wesen der gebundenen Sprache: sie machen die formale Schönheit, und sie sind das einzige Mittel, inhaltliche Akzente in formale Akzente umzusetzen: sie ermöglichen Betonung.

Wie groß „die Einigkeit der Metriker“ diesbezüglich ist, mag ich nicht beurteilen, und inwieweit widerum die Verschaffenden mit den Metrikern einig sind, kann ich schon überhaupt nicht sagen; aber wahr sind sie schon, diese Sätze, und der Welt wären eine Menge schlechter Verse erspart geblieben, wäre immer schon auf sie gehört worden …

Bücher zum Vers (112)

Dr. Ernst Kleinpaul: Poetik. Die Lehre von der deutschen Dichtkunst.

Ein erfolgreiches Buch aus dem 19. Jahrhundert, erschienen noch 1892 in neunter Auflage bei Heinsius. Wenn man sich nicht an der  etwas altertümliche Erklärungsweise stört, lässt sich vieles erfahren; und wenn auch nicht alles heutigem Kenntnisstand entspricht, kann man über dieses Viele doch allemal lohnend nachdenken!

Ein Beispiel aus dem Hexameter-Abschnitt:

„Dass der nach der Betonung gut gebaute Hexameter keineswegs der deutschen Sprache widerstrebt, erhellt am klarsten aus der Tatsache, dass nicht ganz selten in der Prosa, selbst schon in Luthers Bibelübersetzung, einzelne Hexameter völlig unbeabsichtigt sich bilden, zum Beispiel: Wunder im Lande Hams und schreckliche Werke am Schilfmeer (Psalm 106, 22).“

Mein liebster Satz ist aber der allerletzte, das Buch schließende:

„So ist nunmehr der Kreislauf unserer Poetik beendigt, und wir drücken unseren Lesern, die uns mit Aufmerksamkeit und Verständnis gefolgt sind, im Geiste die Hand.“

Ein schöner Gedanke …

Bücher zum Vers (111)

Horst Turk: Dramensprache als gesprochene Sprache. Untersuchungen zu Kleists „Penthesilea“.

Wie in (110), steht auch hier Heinrich von Kleists Sprachkunst im Blickpunkt, allerdings geht es weniger um den (Blank-)Vers an sich, sondern mehr um die allgemeinen sprachlichen Besonderheiten.

 

Der junge Tag, wahrhaftig, liebste Freundin,
Wenn ihn die Horen von den Bergen führen,
Demanten perlen unter seinen Tritten;
Er sieht so weich und mild nicht drein, als er.

 

Diese vier wunderbaren Verse dienen Turk als Beispiel eines „rückwirkend beziehenden Einschubs“, und auf Seite 66 merkt er dazu an:

Hier ist der umfassende Zusammenhang, der sich im Innern des Satzes expliziert, verkürzt im Subjekt aufgerufen und mitgedacht. „Der junge Tag“ evoziert ein Vergleichsfeld, das Penthesilea in diesem Zitat auf den Peliden anwenden will. Der Vergleich selbst ist aber offensichtlich umfassender gedacht, als der Satzanfang vermuten lässt, in dem er in gewisser Weise beschlossen liegt. Nur wenn er den Ordnungsanspruch des Subjekts durchbricht und sich im Satzinnern verselbstständigt, kann er ganz aus sich heraustreten und sich vollständig sprachlich realisieren.

Der Band ist schon älter, in zweiter Auflage 1968 bei Bouvier erschienen; aber immer noch lesenswert, denke ich.

Bücher zum Vers (110)

Dirk Dethlefsen: Zu Metrum und Rhythmus des Blankverses in den Dramen Heinrich von Kleists.

Dieser 1970 bei Fink erschienene, mit 140 Seiten nicht allzu umfangreiche Band hat zwar einen sperrigen und nicht sehr einladenden Titel, kommt aber im Inneren klar und verständlich daher in Kapiteln, die dazu recht gründlich in die Tiefe gehen (und das Erkannte auch noch anhand vieler Tabellen darstellen und absichern). Alles sehr lesbar! Ich füge hier aber trotzdem nur ein auf Seite 14 zu findendes Zitat Kleists an:

Ich bemühe mich aus meinen besten Kräften, dem Ausdruck Klarheit, dem Versbau Bedeutung, dem Klang der Worte Anmut und Leben zu geben; aber bloß, damit diese Dinge gar nicht, vielmehr einzig und allein der Gedanke, den sie einschließen, erscheine. Denn das ist die Eigenschaft aller echten Form, dass der Geist augenblicklich und unmittelbar daraus hervortritt, während die mangelhafte ihn, wie ein schlechter Spiegel, gebunden hält und uns an nichts erinnert als an sich selbst.

Schon an sich bedenkenswerte Worte; und außerdem eine kleine Erinnerung daran, dass Kleist auch als Prosaist eine Größe war.

Bücher zum Vers (109)

Verena Doebele-Flügel: Die Lerche

Alles war schon einmal da, und es ist allemal besser, sich schreibend zum schon Dagewesenen bewusst zu verhalten statt so zu tun, als träte der entsprechende Inhalt mit den eigenen Versen frisch wie der neue Tag in die Welt.

Dieser 1977 bei de Gruyter erschienene Band, eine „Motivgeschichtliche Untersuchung“,  schafft die Voraussetzungen dafür in Bezug auf die Lerche, zumindestens von der Spätantike bis hin zu den Romantikern Tieck, Brentano und Eichendorff.  Viele Erklärungen und Einordnungen samt einem ausführlichen Stellenverzeichnis („Wenn das Blau voll Lerchen hängt“ – Eichendorff) lassen nur wenige Wünsche offen und geben sehr viel Futter zum Nachdenken.

Bücher zum Vers (108)

Derek Attridge: Moving Words. Forms of English Poetry.

„Moving Words“, erschienen 2013 bei Oxford University Press, ist auch für jemanden, der eher über deutsche Verse nachdenken möchte, ein lesenswertes Buch. Neben allgemeinen Betrachtungen und Betrachtungen zum Reim fand ich besonders den zweiten Teil gut,“Rhythm and Metre“, und darin das Kapitel „Rhythm in English Poetry: Beat Prosody“. Gegenstand der Untersuchung ist die erste Strophe eines Gedichts von Alan Alexander Milne (das ist der, der Winnie-the-Pooh geschrieben hat), „Disobedience“ (erschienen 1924 in „When We Were Very Young“):

 

James James
Morrison Morrison
Weatherby George Dupree
Took great care of his mother
Though he was only three.
James James said to his mother
Mother he said, said he:
You mustn’t go down to the end of the town if you don’t go down with me.
James James Morrison’s Mother
Put on a golden gown.
James James Morrison’s Mother
Went to the end of the town
James James Morrison’s Mother
Said to herself, said she:
I can go right down to the end of the town and be back in time for tea!

 

– Und da stellt sich dann heraus, dass das, was hier ziemlich durcheinander aussieht, eben doch einem genauen Grundrhythmus folgt!

Bücher zum Vers (107)

Heinz Mitlacher: Moderne Sonettgestaltung.

„Modern“ ist ein zeitabhängiger Begriff – dieses Bändchen ist 1932 bei Noske erschienen und sein Inhalt daher heute sicher nicht mehr „modern“; aber eiige sinnvolle Dinge finden sich selbstredend trotzdem in ihm.

Zu den Reimen des Sonetts sagt Mitlacher etwa (Seite 47):

Vollends unwichtig ist die Reimstellung der Terzinen, die ja von jeher größeren Spielraum gewährten als die Quartette und etwas „vogelfrei“ waren; einen typisch-einmaligen Charakter gewinnen sie nur, wenn sie mit einem Reimpaar enden: dann haben sie oft jenes Epigrammatische des Schlusses, das den Shakespeare-Sonetten anhaftet und das sie vorzüglich zur Prägung von Spruchweisheit geeignet macht:

Es ist am Besten, wo die Wesen trubeln,
Sich durchzuleiden und sich durchzujubeln.

Solche epigrammatische Wirkung ist aber jenen gepaarten Reimen, die im Innern der umschließend gereimten Quartette zusammentreten, versagt: weil sie nicht selbstständig, sondern in die Struktur des ganzen Quartetts einbezogen sind.

Das leuchtet ein, allerdings: „wo die Wesen trubeln“?! Klingt nach einem eher ungewöhnlichen Text … Ich hänge das entsprechende Sonett, „Ewige Bestimmung“ von Franz Werfel, noch an; da lässt sich sicherlich einiges sagen zur Reimgestaltung.

 

Da plötzlich steh ich wie vor offnen Toren
Und seh mich gehen, hör mich Sätze sagen,
Ich weiß mich wagen und in allen Lagen
Des Lebens zag sein oder unverfroren.

Warum hört nie das Heimweh auf, zu nagen?
Ich frage mich, in seinem Traum verloren:
Wieviele Mütter haben mich geboren,
Wie oft noch wird man mich zu Grabe tragen?

Dann weiß ich Nachts, warum die Sterne klagen,
Die um ein Zentrum ihre Bahnen schlagen
Wie Sträflinge den Hof im Trab umjagen.

Doch bald begreift mein weltliches Behagen:
Es ist am Besten, wo die Wesen trubeln,
Sich durchzuleiden und sich durchzujubeln.