Bücher zum Vers (107)

Heinz Mitlacher: Moderne Sonettgestaltung.

„Modern“ ist ein zeitabhängiger Begriff – dieses Bändchen ist 1932 bei Noske erschienen und sein Inhalt daher heute sicher nicht mehr „modern“; aber eiige sinnvolle Dinge finden sich selbstredend trotzdem in ihm.

Zu den Reimen des Sonetts sagt Mitlacher etwa (Seite 47):

Vollends unwichtig ist die Reimstellung der Terzinen, die ja von jeher größeren Spielraum gewährten als die Quartette und etwas „vogelfrei“ waren; einen typisch-einmaligen Charakter gewinnen sie nur, wenn sie mit einem Reimpaar enden: dann haben sie oft jenes Epigrammatische des Schlusses, das den Shakespeare-Sonetten anhaftet und das sie vorzüglich zur Prägung von Spruchweisheit geeignet macht:

Es ist am Besten, wo die Wesen trubeln,
Sich durchzuleiden und sich durchzujubeln.

Solche epigrammatische Wirkung ist aber jenen gepaarten Reimen, die im Innern der umschließend gereimten Quartette zusammentreten, versagt: weil sie nicht selbstständig, sondern in die Struktur des ganzen Quartetts einbezogen sind.

Das leuchtet ein, allerdings: „wo die Wesen trubeln“?! Klingt nach einem eher ungewöhnlichen Text … Ich hänge das entsprechende Sonett, „Ewige Bestimmung“ von Franz Werfel, noch an; da lässt sich sicherlich einiges sagen zur Reimgestaltung.

 

Da plötzlich steh ich wie vor offnen Toren
Und seh mich gehen, hör mich Sätze sagen,
Ich weiß mich wagen und in allen Lagen
Des Lebens zag sein oder unverfroren.

Warum hört nie das Heimweh auf, zu nagen?
Ich frage mich, in seinem Traum verloren:
Wieviele Mütter haben mich geboren,
Wie oft noch wird man mich zu Grabe tragen?

Dann weiß ich Nachts, warum die Sterne klagen,
Die um ein Zentrum ihre Bahnen schlagen
Wie Sträflinge den Hof im Trab umjagen.

Doch bald begreift mein weltliches Behagen:
Es ist am Besten, wo die Wesen trubeln,
Sich durchzuleiden und sich durchzujubeln.

Bücher zum Vers (105)

Walter Jost: Probleme und Theorien der deutschen und englischen Verslehre. Mit einem Sonderteil über die Form des alemannischen Mundarthexameters bei Johann Peter Hebel und den Schweizern.

Ein sperriger Titel, der eine eher trockene Abhandlung erwarten lässt; und tatsächlich lassen sich Josts Ausführungen selten „einfach so weglesen“. Lohnenswert sind sie aber trotzdem! Ein knappes Beispiel aus dem Hexameter-Kapitel, betreffend das „Gleichmaß von zwei- und dreisilbigem Takt“:

Die Forderung nach kräftiger Hebung im Zweisilber. Der Hexameter mit seinen Takten von zweierlei Silbenzahl bedarf in besonderem Maße der Rücksicht auf das Gebot annährender Gleichheit der Taktdauer.  Dazu bekennen sich auch Metriker, die nur bedingt taktgläubig sind, so mit Entschiedenheit Minor, so ohne wesentliche Einschränkung de facto auch der dem Taktprinzip abgeneigte Saran.

Heusler, der vom Dreivierteltakt des deutschen Hexameters ausgeht, will die Ebenbürtigkeit des Zweisilblers gegenüber dem Dreisilbler so erreichen: ‚Der zweisilbige Hexametertakt‘, schreibt er, ‚verlangt eine gewichtigere Iktussilbe als die zweisilbigen Takte der meisten anderen Maße, weil er die Waage halten muss den umgebenden und als taktsetzend empfundenen dreisilbigen Takten; quantitativ ausgedrückt: weil seine Hebungssilbe zwei Morae misst.‘

Entsprechend hatte schon Voß, der den Hexametertakt als vierzeitig betrachtet, bei trochäischer Taktfüllung, das heißt bei Füllung lang-kurz, der Hebung ‚Überlänge‘ zugesprochen, um zeitliche Gleichheit mit dem Daktylus herzustellen.“ (Seite 74)

Und auf diese Art aufzählend, vergleichend und beurteilend fährt er fort, sowohl in Bezug auf den deutschen als auch auf den englischen Hexameter.

Der umfangreiche „Sonderteil“ ist an sich gleichfalls sehr lesenswert, dürfte aber weiter südlich wohnenden Vers- Hexameterfreunden mehr Freude bereiten als mir, der ich dem „Alemannischen“ doch eher fremd gegenüberstehe!

Erschienen ist der Band 1976 bei Lang.

Bücher zum Vers (104)

Ernst Häublein: The Stanza.

Wer metrisch gebundene und womöglich gereimte Verse schreibt, kommt um das Nachdenken über die Strophe – was sie ist, wie sie wirkt, mit welchen Mitteln welche Wirkung erreichbar ist –  nicht herum.

Häubleins schmaler Band (knapp hundert Seiten, erschienen 1978 bei Methuen) leistet all das, zwar auf Englisch und auch bezogen auf die englische Dichtung, aber das macht nichts: das meiste ist auch für die deutschen Strophen verwendbar!

Von den fünf Abschnitten – „Definition of the stanza“, „Stanza forms“, „Stanzaic unity“, „Stanza and poetic structure“, „Conclusion“ – sind sicher der dritte und der vierte die ertragreichsten, behandeln sie doch sehr wichtige Fragen: wodurch wird eine Strophe als Einheit erfahrbar, auch und vor allem in Bezug auf die Gestaltung des Strophenanfangs und des Strophenendes; und auf welche Weisen können Strophen, als die Einheiten eines Gedichts, miteinander in Beziehung stehen?! Ohne darüber nachgedacht zu haben, sollte eigentlich niemand ein strophisches Gedicht schreiben; die Gefahr, einfach nur ein Silbenschema zu füllen und am Schluss mit einer leb- und spannungslosen Wortmasse dazustehen, ist groß und eine Herausforderung, die bestanden werden muss!

Bücher zum Vers (103)

Ezra Pound: „motz el son“ – Wort und Weise. Didaktik der Dichtung.

Daraus habe ich schon im vorgestrigen Eintrag zitiert – ein quadratisches, handliches Bändchen, erschienen 1957 im Verlag Die Arche. In ihm finden sich verschiedene, sonst nicht weiter aufeinander bezogene Texte Pounds theoretischen Wesens, die ihre Inhalte recht nachdrücklich vermitteln – am deutlichsten naturgemäß im Abschnitt „Credo“ (Seite 57-58), etwa:

Stil – Ich glaube an den Stil als Bewährungsprobe für die Aufrichtigkeit eines Menschen; an Regeln, wenn diese ermittelbar sind; an das Umstoßen jeder Konvention, die sich der Ermittlung von Regeln oder der präzisen Übersetzung der Eingebung entgegenstellt.“

Oder ein anderes Beispiel, Seite 51-52,  unter „Sprache“:

„Hüte dich vor Abstraktionen! Erzähle nicht in mittelmäßigen Versen, was bereits in guter Prosa gesagt wurde. Glaube nicht, dass sich ein kluger Mensch hinters Licht führen lässt, wenn du dich um die Schwierigkeiten der unsagbar schweren Kunst guter Prosa drückst, indem du deine Arbeit in regelmäßige Zeilen hackst!“

Wer so unbedingt sich ausdrückt, ist an vielen Stellen angreifbar, und oft zu Recht; aber das heißt ja nicht, das insgesamt das Nachdenken über solche Aussagen keine lohnende Sache wäre!

Bücher zum Vers (102)

Annemarie Schöne: Englische Nonsense- und Grusel-Balladen. Intellektuelle Versspiele in Beispielen und Interpretationen und mit Übertragungen im Anhang.

Ein nicht allzu umfangreicher Band, erschienen1970 bei Vandenhoeck & Ruprecht. Trotzdem lässt sich manches Neue erfahren in den Kapiteln „Grusel-Balladen und Spiele mit dem Grausigen“ (Mit so eigenartigen Gattungen wie der „Epigrammatischen Schauergroteske“), „Nonsense-Balladen“ (mit Werken von Edward Lear und Lewis Carroll) und „Berührungspunkte zwischen Nonsense und metaphysischem Humor“ (mit Werken von G. K. Chesterton und T. S. Eliot).

Und auch die Wiederbegegnung mit Bekanntem lohnt, etwa Carrolls „The Mad Gardener’s Song“. Eine Strophe daraus:

He thougt he saw a Rattlesnake
That questioned him in Greek:
He looked again, and found it was
The middle of Next Week.
„The one thing I regret“, he said,
„Is that it cannot speak!“

Bücher zum Vers (101)

Philip Hobsbaum: Metre, Rhythm and Verse Form.

Ein mit noch nicht einmal 200 Seiten nicht allzu umfangreicher Band (erschienen 1996 bei Routledge), der aber die Grundlagen von Metrum, Rhythmus und Vers im Englischen klar und bestimmt beschreibt, ohne irgendwelchen Schnickschnack; und dadurch auch dem, der diesen Größen im Deutschen nachspürt, einen Blick von Außen, und und damit einen Vergleich ermöglicht, der sehr hilfreich ist.

Of course it is possible to appreciate poetry without knowing how it is made. The appreciation, however, may be enhanced by an awareness of how poets work. Much more may be heard in a poem if one is consciously aware of its rhythmic structure.

So steht es im Vorwort; und ich glaube, das ist auch wirklich so.

Bücher zum Vers (100)

Winfried Menninghaus: Hälfte des Lebens. Versuch über Hölderlins Poetik.

Ein mit knapp 140 Seiten recht schmaler Band, erschienen 2005 bei Suhrkamp, in dessen Zentrum sein Verfasser eines von Friedrich Hölderlins berühmtesten Gedichten gestellt hat, eben: „Hälfte des Lebens“. Menninghaus nähert sich ihm allerdings von einer ungewonten Seite, wie auf Seite 10 zu erfahren ist:

Da Hölderlins dichterische Leistung sehr viel mehr an Rhythmus und Ton seiner Sprache hängt als an ihren pragmatischen und philosophischen Gehalten, bedeutet die heute zur Norm gewordene Vermeidung metrisch-rhythmischer Analysen letztlich eine Verneinung ihres Gegenstands. Aus dieser Grundannahme schöpft die vorliegende Studie den Mut, zuallererst ein Buch zu Geschichte und Signifikanz eines einzigen metrischen Kolons zu sein: des traditionell Sappho zugeschriebenen fünfsilbigen „Adoneus“, der vom Titel „Hälfte des Lebens“ bis zum Schlussvers „Klirren die Fahnen“ das gesamte untersuchte Gedicht prägt. Die in der Arbeit am metrischen Detail gewonnenen Befunde münden in das Projekt einer „allegorischen Metrik“.

Neben dem, was das Buch „zuallererst“ ist, ist es aber durchaus noch einiges mehr; und da es zudem klar geschrieben ist, kann jeder an Hölderlin, Pindar, Sappho, dem Adoneus oder der Dichtung allgemein Interessierte auf angenehme und anregende Weise manches Wissens- und Bedenkenswerte darin finden.

Bücher zum Vers (99)

Paul Böckmann:  Formensprache.

Wieder einmal kein wirkliches „Vers-Buch“ (erschienen 1966 bei Hoffmann & Campe); aber doch bemerkenswert genug. Es enthält zum Beispiel „Hölderlins Naturglaube. Zur Interpretation des Archipelagus-Gedichts“, und dieser Text zu Hölderlins wunderbarem Hexameter-Text beginnt so:

Wie alle große Lyrik lebt auch diejenige Hölderlins zunächst und vor allem aus der Einmaligkeit ihrer sprachlichen Prägung. Es ereignet sich hier das der Lyrik eigene Wunder, dass sich in Gedichten von wenigen Verszeilen die der Sprache eigene Unendlichkeit mit der des Lebens so vermählt, dass die Worte in sich selber schwingen und im Hersagen sich ständig erneuern.

Nur auf das letzte Wort geschaut, „erneuern“: Was macht denn dann nicht-große Lyrik mit den Worten, was Nicht-Lyrik? Nutzen sie die Worte ab? Verbrauchen sie sie?!

Unschöne Vorstellung … Aber wie sagt Hölderlin im „Archipelagus“:

Deiner Inseln ist noch, der blühenden, keine verloren.

Streiche „Inseln“; setze „Worte“.

Bücher zum Vers (98)

Jean-Jacques Kariger: Blitzröhren und Kultur des feingeistigen als poetisches Argument. Neue Epigrammatik.

Ein „Buch zum Vers“ ist dieser Band in Wahrheit nur zum kleinen Teil, den zwanzig Seiten am Anfang nämlich, die „Kultur des Feigeistigen als poetisches Argument. Untersuchungen zu den heutigen Möglichkeiten des Epigramms“ überschrieben sind („heutig“: meint dabei: 1982, in diesem Jahr ist das Buch bei The World of Books erschienen). Der restliche, weit umfangreichere Teil ist ein Epigrammsammlung des Titels „Blitzröhren“, darin Epigramme in allen Formen und Versen enthalten sind. Ich gebe als Beispiel, meinen Vorlieben entsprechend, einen auf Seite 22 im Kapitel „Sittenglossen“ zu findenden Hexameter, also ein „Ein-Vers-Gedicht“:

 

Hockermoral

Frag noch nach Haltung unsrer Modernen! Sie sitzen ja immer –

 

Insgesamt nicht ganz 200 Seiten, die man durchaus mit Gewinn und Vergnügen lesen kann; beide Teile, die Theorie wie die Praxis.

Bücher zum Vers (97)

Peter Hess: Epigramm

1989 als 248. Band der „Sammlung Metzler“ bei Metzler erschienen, ist dieser Band trotz seines vergleichsweise geringen Umfangs eine schöne Einführung in eine heute, im Vergleich zu früheren Zeiten, eher weniger beachtete literarische Gattung.

Nach zwei kurzen Kapiteln zur Theorie des Epigramms und deren Geschichte widmet sich der restliche Text dem „Epigramm in der deutschen Literatur“, sowohl im allgemeinen wie auch anhand der Epigrammatiker Martin Opitz, georg Rudolph Weckherlin, Friedrich von Logau, Johannes Grob, Christian Wernicke, Daniel Czepko, Johannes Scheffler, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Franz Grillparzer, Eduard Mörike, Friedrich Hebbel und Bertolt Brecht.

Wenn euch einige dieser Männer eher Theoretiker des Epigramms waren als selbst schaffende Verfasser von Epigrammen, und wenn ich auch nicht recht einsehe, warum gerade Grillparzer so viel Raum gegönnt wird (der Wert seiner Epigramme zumindest erscheint mir gering): Die Auswahl ist gut und die Beschäftigung mit Gedanken und Werken der Genannten fördert und vertieft das eigene Verständnis der Gattung Epigramm ganz sicher!

Ein ganz kurzes Epigramm darf am Schluss nicht fehlen:

 

An die Leser

Leser, wie gefall ich dir?
Leser, wie gefällst du mir?

 

– Das stammt von Friedrich von Logau, einem wirklich wunderbaren Barock-Epigrammatiker!