Erzählformen: Das Distichon (124)

Ein weiteres der Rückertschen Doppeldistichen, dieses stammt aus dem Jahr 1855:

Weg ist die Sonne gegangen, wohin? Und wozu? Und weshalben?
Also bist du hinweg, Liebster, gegangen von mir.
Wo du ferne verweilst, ich hoff‘ auf dich und die Sonne,
Und du kehrest gewiss mir wie die Sonne zurück.

Die Form des Doppeldistichons ist wie geschaffen für eine zweiteilige Darstellung des Inhalts: Zur Zweigliedrigkeit des Distichons (Hexameter – Pentameter) kommt der Umstand, dass der Text aus zwei Distichen aufgebaut ist. Beides setzt Rückert hier ein für eines der in seiner Sprödigkeit beispielhaften Gedichte seiner späten Jahre, das ganz nah am täglich Erlebten bleibt: Tag und Nacht, Sonnenauf- und Sonnenuntergang …

Erzählverse: Der Blankvers (132)

Sebastian Franz von Daxenberger hat einen alten Herodot-Bericht eigentlich nur versifiziert – sogar die Rahmenerzählung hat er beibehalten in „Das reinste Glück“:

Ein weiser Mann ward einst um Rat befragt:
„Wenn deine Lehre wahrhaft göttlich ist,
Und wenn sie gleicht dem ewigen Gesetze,
So muss sie reines Glück auf Erden geben:
Versprich mir dieses und ich folge dir.“
Der Weise schwieg. Nach einer kleinen Weile
Nachdenkens fing er zu erzählen an:
„Zwei Brüder lebten einst in Griechenland,
Biton und Kleobis, Kydippens Söhne,
Der Junopriesterun zu Argos. Einst,
Als bei der Göttin großem Jahresfest
Das Zweigespann der weißen Stiere fehlte,
Das sie zum Tempel führen sollte, zogen
Die frommen Kinder sie zum Opfer hin.
Gerührt ersah’s die Menge. Doch noch mehr
Ergriffen war in ihrem Innersten
Die Mutter von der heißen Sohnes-Liebe.
Und als die Hekatombe war vollbracht,
Lag sie am Altar lang noch im Gebet
Und flehte zu der heilg’gen Königin:
‚Gib meinen Kindern Glück, gewalt’ge Here,
Du gabst die Tugen ihnen, gib als Lohn
Das reinste Glück! Nicht wie’s die Götter senden,
Was oft nur scheint, was nimmer dauernd ist,
Was Schmerz verzehrt, was Schuld und Reu‘ vernichten,
Was sich vergiftet in der eignen Brust –
Nicht dieses, nein, das wahre reine Glück:
Du kannst es, hohe Schützerin der Griechen!‘
Und eine Stimme glaubt das Mutterherz
Zu hören, die das Himmlische verheißt.
Sie stehet auf und schreitet durch den Tempel:
Leer ist die Halle, dunkel schon der Raum;
Sie hofft am Ausgang Kleobis und Biton,
Die lautgepries’nen Glücklichen, zu finden,
Und findet sie – wie meinst du, Jüngling? Tot!
Sie lagen Brust an Brust, die holden Brüder,
Entseelet an des Tempels Stufen da,
Und Argos Volk stand um sie stillgebeugt,
Betrachtend ihrer Mienen Himmelslächeln.
Vernichtet sank die Mutter auf sie hin;
Du magst des Herzens Jammer leicht ermessen,
Den Schrei der Priesterin zu Here’s Thron.
Doch ihrer Göttin Stimme tönte klar:
‚Ich gab das Glück, um das dein Mund mich flehte,
Das reine Glück, das Reu und Schuld nicht kennt,
Das in der eig’nen Brust sich nicht vergiftet,
Das nicht bloß scheint, das ewig dauernd ist; –
Sie aber starben, weil’s nicht menschlich war.
Die Erd‘ erträgt nicht, was du im Gebet
Verlangtest, Sterbliche! – Ich konnt es geben
Zum sanften Tod nur für ein schöner’s Leben;
Dort ruhen sie in ewig gleichem Glück,
Verlangen dich, doch nicht nach dir zurück!'“ –
Und schweigend, als der Weise wieder schwieg,
Ging Timeon, der Jüngling, schnell von dannen.

Hier wird die Göttin zur Erklärung ihres Handelns gezwungen durch die Notwednigkeit, den „Jüngling“ zu belehren; ob das der (in sicheren, aber nicht besonders guten Blankversen geschriebenen) Geschichte gut tut?!

Schachprobleme (6)

Matt in vier Zügen

Als Nachwuchsschaffender tritt man erst einmal auf kleiner Bühne auf; im Falle dieses Problems war dies das „Mitteilungsblatt der Kieler Schachgesellschaft von 1884 e.V.“, in dem Dr. H. Laue aber eine feine Problemecke führte und in der Ausgabe vom März 1986 diesen Vierzüger veröffentlichte.
Wenn Schwarz am Zug wäre, könnte Weiß nach einem Zug des schwarzen Springers mit Sc6 mattsetzen; allein, Weiß ist am Zug! Es gibt aber einen Weg, das zu ändern: 1.Kd7 Kb8 (Der Springer muss stillhalten) 2.a7+ Kxa7 3.Kc8 Weiß hat das Zugrecht auf Kosten eines Bauern auf Schwarz abgewälzt, 3. … S ~ 4.Sc6# ist die Folge.

Schachprobleme (5)

Matt in zwei Zügen

Erschienen am 21. November 1985 im „Stern“, kommt dieses Problem knappe hundert Jahre zu spät; solche Häufungsaufgaben gibt es nämlich schon lange, und bessere auch … Immerhin, ein fünffaches Läuferopfer:

1.Le4 droht 2.Dxf5#. Schwarz kann spielen:

1. … Kxe4 2.De6#
1. … fxe4 2.exf4#
1. … Txe4 2.Sd3#
1. … Scxe4 2.Lxd4#
1. … Sdxe4 2.Sf3#

Schachprobleme (4)

Matt in 3 Zügen (J. Hönemann gewidmet)

Erschienen am 18. Oktober 1985 in der Schachecke der „Welt“ – und das einzige Problem, das ich je jemandem gewidmet habe; in diesem Fall dem Mann, der die damalige Schachjugend meiner Heimatstadt mit großem Aufwand betreut und gefördert hat!

1.Lg7 – Zugzwang; 1. … Sf2 2.Sc3+ Ke3 3.Lh6#, 1. … Sg3 2.Sxc5+ Kf4 3.Lh6#, 1. … c4 2.Ld4 ~ 3.S(x)c3#.

Erzählverse: Der Blankvers (132)

Ferdinand von Saars „Das erwachende Schloss“ zeigt den Blankvers einmal mehr als Mittel der Beschreibung. Das geht über einige Verse, da es sich aber nie langweilig liest, sollen deren alle hier folgen; in ihrer formalen Gestaltung sind sie dabei durchaus einen Blick wert!

Der Morgen dämmert. Seine ersten Lichter
Erhellen matt und kühl des Parkes Grün.
Rings tiefe Stille; leise zwitschernd nur
Regt’s in den Wipfeln sich, und aus dem Spiegel
Des Teiches schnellt ein Silberfisch empor.

Mit dicht verhüllten Fenstern lautlos liegt
Das Schloss, und in den dunkelnden Gemächern,
Vom Schlaf umfangen, liegen die Bewohner.
Selbst jene, die der kurzen Sommernacht
Langsame Stunden schlummerlos gezählt,
Im Seelenaufruhr hin und her sich werfend –
Selbst jene hat des Morgens Schauer jetzt
Zur Ruh‘ gebracht …

Noch eine Stunde. Dann ein erster Ruck –
Und nach und nach belebt sich dieses Schweigen.
Emporgerüttelt aus dem kurzen Schlaf
Der Arbeit hat die Pflicht den Dienertross.
Mit unvergnügter Hast geht er an’s Tagwerk,
Indes verschlaf’ne Bonnen, leisen Fußes,
Vorsorglich seid’nen Kinderbetten nah’n,
Und gähnend ihre Brust die träge Amme
Dem Säugling reicht, der schon nach ihr gewimmert.

Und später dann, von einsam öden Lagern,
Aus öden Träumen, heben seufzend sich
Empor die Lehrer und die Gouvernanten,
Die mit ergrau’nden Häuptern immer noch
Als lebende Vocabelntrichter wandeln.
Sie schlüpfen rasch in abgenützte Tracht
Und blicken in den Hof stumpfsinnig nieder,
Wo wiehernd schon die stolzen Rosse stampfen
Der stolzen Herren, die mit Sporngeklirr
Zum Morgenritt hinab die Treppen eilen.
So Jung, wie Alt. Mit leerer Stirn die Einen
Und leerem Herzen; And’re kühnen Geistes,
Die Brust zerwühlt vom Drang der Leidenschaften,
Von Herrschsucht, Ehrgeiz, Eifersucht und Hass,
Die Brau’n gefaltet und durchfurcht das Antlitz
Von Sorgen des Besitzes und der Macht,
Von Sorgen, die schon früh die Haare bleichen,
Doch auch zum Widerstand die Glieder stählen …

Schon blitzt es gold’ger um das Laub des Parks;
Taufrischer Rosen Duft dringt süß durch Fenster,
So man geöffnet leise zur Erquickung
Für heiße Stirnen, die auf Spitzenkissen
Im Wachen noch fortträumen jene Träume,
Wie sie die Frauen träumen …
Allgemach
Bewegen weiße Arme sich und Schultern,
Und von dem Schnee der Linnen richtet sich
In unbelauschter Pracht die Schönheit auf,
Hier im Erblühen – dort schon im Verblüh’n.

Stets höher steigt die Sonne. Würzig duften
Jasmin und Nelke. Heimgekehrt, erhitzt,
Ist schon die Reiterschaar. Einladend blinken
Unter Platanenwipfeln Silberkannen,
Von holden Lippen tönen Morgengrüße,
Es strecken zarte Hände sich entgegen
Zum Druck und Kuss; von Stimmen wird es laut,
Es klirren Tassen – und nun rollt der Tag
Durch jedes Leben dieser Welt im Kleinen,
Der Tag mit seinem Schicksal – bis sich wieder
Zum Schlummer sanft das letzte Aug‘ geschlossen.

Schachprobleme (3)

Matt in drei Zügen

Ein kleiner Dreizüger, am 10. Oktober 1985 im „Stern“ erschienen. Der Betreuer der dortigen Problemsparte, Hans Klüver, war wahrscheinlich genau so wie ich ziemlich unsicher, ob ein so schlichtes Problemchen nicht schon zuvor jemand anderem eingefallen war – „einfach mal so“ in einer Online-Datenbank nachsehen konnte man damals noch nicht; aber ich denke, das lief dann milder betrachtet unter „Nachwuchsförderung“.

1.Ta1 cxb4 (1. … Kxb4 2.Ld2#) 2.Ka2 Kxc2 3.Tc1#

Schachprobleme (2)

Wie es am Anfang immer geht: Es ist alles noch nichts besonderes, aber man findet freundliche Menschen, die die eigenen Interessen teilen und sich bemühen, den zu ihnen stoßenden Anfänger zu fördern. Godehard Murkisch, der die Schachspalte der „Landeszeitung“ aus Lüneburg betreute, war so freundlich, dort am 29. Juni 1985 folgende Aufgabe zu veröffentlichen:

Matt in zwei Zügen – Circe

„Circe“ ist eine etwas eigenartige „Märchenschach“-Bedingung: geschlagene Figuren tauchen auf dem Feld wieder auf, auf dem sie am Anfang der Partie gestanden haben! Wenig überraschend wird in der Lösung viel geschlagen:

1.Txg2 (Ta8) – die Klammer zeigt an, dass der geschlagene Turm auf a8 wieder erscheint. Nun droht 2.Tg3#; Schwarz kann zwecks Abwehr dieser Drohung den erschienenen Turm zwar für ein Abzugsschach nutzen, allein, es hilft nichts, weil die dabei geschlagenen weißen Figuren ihrerseits einen Abzug ermöglichen: 1. … Sxc6+ (Lf1) 2.Tg8#, oder 1. … Sxd7+ (Th1) 2.Lb8#.

Erzählverse: Der Hexameter (183)

Das Beiwort im Hexameter (I)

Verse formen Sprache, und wer es ernst meint mit dem Schreiben metrisch geregelter Texte, ist sich dessen bewusst; er arbeitet daran, sich die sprachlichen Möglichkeiten, die dem Vers im Vergleich zur Prosa eigen sind, verfügbar zu machen und sie, nötigenfalls, gegen den Vorherrschaftsanspruch der Prosa durchzusetzen.

Beispiel Hexameter: Ein Vers, der viel mehr ist als eine Abfolge von Hebungen und Senkungen. Wer sich bei seiner Gestaltung auf die in der Prosa üblichen Mittel beschränkt, verlangweilt ihn! Das lässt sich gut an den Beiwörtern zeigen, die im Hexameter ganz anders eingesetzt werden können – und sollten! – als in der Prosa. Das schließt ihre Neubildung ein!

Es gibt zum Beispiel das Bildungsmuster „Sinn“, „sinnig“, „feinsinnig“; „Maul“, „mäulig“, „großmäulig“; „Fuß“, „füßig“, „beidfüßig“. Das ist, wie gleicht gezeigt wird, eine Wortstruktur, die dem Bau des Hexameters gelegen kommt; warum also nicht neue Wörter nach diesem Bildungsmuster schaffen?!

Mählig erhöht, weichgrasig, gemach dem müdesten Wandrer.

Das ist ein Vers aus Jens Baggesens Parthenais (II,213); er beschreibt einen Hügel. „Mählig“, „mählich“ ist das noch unverstärkte „allmählich“, also „nach und nach“; „gemach“ meint hier „bequem“. Aber das eigentlich interessante Wort ist, natürlich! das „weichgrasig“, gebildet nach dem angeführten Muster: „Gras“, „grasig“, „weichgrasig“! Einige Verse weiter (II,228) findet man es wieder:

Rechts, wo mählig hinauf weichgrasige Matten emporblühn,

Aber dabei bleibt es nicht. II,292/293:

Endlich bestiegen sie alle nunmehr den helvetischen Wagen,
Wägli genannt, kleinrädrig, mit zween Sitzbrettern gerüstet;

Wenn „Geist“, „geistig“, kleingeistig“, warum dann nicht „Rad“, „rädrig“, „kleinrädrig“?! „Mit kleinen Rädern“ alterniert, „der kleine Räder hatte“ auch; das gewählte, geschaffene Wort dagegen fügt sich dem rhythmischen Anforderungen des Hexameters aufs Schönste:

Wägli genannt, kleinrädrig, mit zween Sitzbrettern gerüstet;

— ◡ ◡, — —, — ◡ ◡ , — — , — ◡ ◡ , — ◡

Das neue Wort hilft also, die zweisilbige Einheit möglichst „spondeusähnlich“ zu füllen!

Und das meine ich, wenn ich sage, jeder (und das meint wirklich: jeder!)Vers hat Anforderungen und Möglichkeiten. Da muss man schon ein wenig Arbeit hineinstecken, manchmal weniger, manchmal, wie beim Hexameter, mehr; und der Prosa gelegentlich auf die Finger hauen. Aber: die Mühe lohnt sich! Versucht es einfach einmal und schaut, nein

Baut euch ein Wort schrägsinniger Art, das den Leser verwundert!

Wer sich nämlich verwundert, wer staunt: der langweilt sich nicht – und ist zumindest einen Augenblick lang frei von der Herrschaft der Prosa.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (26)

August von Platens „Philemons Tod“ ist ein kurzer, in Bezug auf die Versbehandlung aber interessanter Text:

Als einst Athen Antigonus belagerte,
Da saß der alte, neun und neunzigjährige
Poet Philemon, mächtiger Dichter Überrest,
In dürftiger Wohnung saß er da gedankenvoll:
Er, der Athens glorreichsten Tagen beigewohnt,
Der deine Philippiken angehört, Demosthenes,
Und oft den Preis errungen durch anmutige
Weisheitserfüllte, die er schrieb, Komödien.
Da schien es ihm, als schritten neun jungfräuliche
Gestalten leis an ihm vorbei, zur Tür hinaus.
Der Greis jedoch sprach dieses: Sagt, o sagt, warum
Verlasst ihr mich, Holde, Musenähnliche?
Und jene Mädchen, scheidend schon, erwiderten:
Wir wollen nicht den Untergang Athens beschaun!
Da rief Philemon seinem Knaben und foderte
Den Griffel, dieser wird sofort ihm dargereicht.
Den letzten Vers dann einer unvollendeten
Komödie schreibt der Alte, legt das Täfelchen
Hinweg, und ruhig sinkt er auf die Lagerstatt,
Und schläft den Schlaf, von dem der Mensch niemals erwacht.
Bald ward Athen zur Beute Makedonien.

Was fällt auf? Die recht hohe Zahl an doppelt besetzten Senkungen, sicher, und die dem antiken Trimeter nachempfundenen Längen in der Senkung, auch die vielen schwachen Endsilben; vor allem aber der etwas freiere Satzbau, besonders das

Weisheitserfüllte, die er schrieb, Komödien.

Ein solches Auseinanderstellen von Bei- und Hauptwort sieht man nicht alle Tage …