Erzählformen: Das Triolett (10)

Die Wiederholung der Verse in der Mitte bzw. am Ende ist manchmal nicht ganz wörtlich, da haben die Dichter eine gewisse Freiheit; aber meist versuchen sie doch die genau wörtliche Wiederholung, denn darin liegt ja einer der Reize der Form: dem wiederholten Vers einen neuen, frischen, überraschenden Sinn zu geben. Von den 91 der hundert Triolette, die dabei in Betracht kommen, machen das immerhin 75 so, darunter auch „Willenskraft“ von Karl Heinrich Bruger:

 

Zwischen Wollen und Erfüllen
Bleibt das Leben immer jung.
Wage nur den kecken Sprung
Zwischen Wollen und Erfüllen!
Alles Glück liegt nur im Willen,
Wolle! Und du hast genung!
Zwischen Wollen und Erfüllen
Bleibt das Leben immer jung!

 

– Wobei die Schwierigkeit eher das sinnvolle Umsetzen des vierten Verses ist, der sich zwar wiederholen soll, aber eben auch eingebunden sein muss. (Und „genung“ ging früher noch!)

Was bleibt

Folgendes Schachproblem, ersonnen von Wolfgang Pauly, habe ich vor zwei Wochen das erste Mal gesehen und heute immer noch im Kopf; das ist ein gutes Zeichen …

Es handelt sich um ein Hilfsmatt in drei Zügen, was meint: Beide Seiten arbeiten zusammen, um das Matt des schwarzen Königs zu erreichen; die Zugfolge ist Schwarz zieht, Weiß zieht, Schwarz zieht, Weiß zieht, Schwarz zieht, Weiß setzt matt – jeder Seite macht drei Züge, Schwarz beginnt!

„Schwarz beginnt“ ist allerdings unschön, denn begönne Weiß, könnte er sofort mit Sc3 mattsetzen! Leider hat Schwarz auch keinen Abwartezug und muss die Stellung verändern. Aber dieses Matt bemerkt zu haben, lohnt trotzdem, wie die Lösung zeigt: 1. … Kb1-a2 2.Kd2-c3 Ka2-b1 3.Kc3-b4 Kb1-a2 – jetzt ist eine Stellung erreicht, die genau der Ausgangsstellung entspricht, nur am anderen Rand. Und diesmal ist Weiß wirklich am Zug! 4.Sd1-c3 matt!

Nicht schwer, aber einprägsam; und das ist eine gute Eigenschaft. Wer darüber hinaus noch etwas grübeln möchte, kann alle Steine eine Reihe nach rechts verschieben und dann noch einmal versuchen, ein Hilfsmatt in drei Zügen zu finden; Pauly hat dieses Problem als „Zwilling“ veröffentlicht!

Erzählformen: Das Triolett (4)

Die letzte, wirklich grundlegende Eigenschaft des Trioletts: Es hat nur zwei Reime! Von den 100 Trioletten halten sich 93 daran, 7 weisen drei Reime auf. Nun ist diese Reihe von Einträgen eine beschreibende, und wenn die entsprechenden Verfasser sagen, das sind trotzdem Triolette, dann widerspreche ich ihnen nicht; aber ein Blick auf die Texte zeigt, dass es eigentlich bloß triolett-ähnliche Texte sind, meint, sie nehmen sich oft noch andere Freiheiten. Ein Beispiel von Heinrich Schmidt:

 

 Die entschwundene Rosenzeit

Wo bist du, holde Rosenzeit?
Die heitern Blüten sind gefallen,
Entflohen sind die Nachtigallen,
Wo bist du, holde Rosenzeit?
Hört ihr die Totenglocken klingen,
Und meines Mädchens Grablied singen?
Wo bist du, holde Rosenzeit?

 

Die Wiederkehr der Rosen

Kehrst du uns wieder, Rosenzeit?
Seht, wie sich alles neu gestaltet!
Und Knosp‘ an Knospe sich entfaltet!
Kehrst du uns wieder, Rosenzeit?
So soll, auf’s Neu‘, in deinen Armen
Mein liebeskrankes Herz erwarmen?
Kehrst du uns wieder, Rosenzeit?

 

Wieder ein Doppel-Triolett – die sind recht beliebt und gestalten dann oft, wie hier, einen Gegensatz. Neben den drei Reimen fällt auch auf, dass die beiden Texte nur sieben Verse lang sind; Das trioletthafte beschränkt sich in ihnen eigentlich auf das dreimalige Vorkommen eines Verses! Was ohne Zweifel eine wirkungsstarke Form sein kann …

Erzählformen: Die Stanze (10)

Spätere Gedichte Goethes in Stanzen nutzen den Raum nicht mehr zum Erzählen, sondern oft zum Repräsentieren, zum Beispiel in die Stanzen „zum Geburtstag der Herzogin Luise am 30.1.1798“:

 

Der lang ersehnte Friede nahet wieder
Und alles scheint umkränzet und umlaubt,
Hier legt die Wut die scharfen Waffen nieder,
Dem Sieger ist sogar der Helm geraubt,
Das nahe Glück erreget frohe Lieder
Und Scherz und laute Freuden sind erlaubt,
Und wir, als ein Gebild aus höhern Sphären,
Erscheinen heute deinen Tag zu ehren.

 

Ich lasse es bei der ersten Strophe; so wirklich anzeihend ist derlei nicht mehr über 200 Jahre später?!

Der Doppelrätsler

Jean Dufresne war ein Berliner Schachmeister des 19. Jahrhunderts, von Berufs wegen aber eigentlich Journalist. Da kann es nicht wundern, dass er auch über das Schach geschrieben hat – sein „Kleines Lehrbuch des Schachspiels“ war sehr bekannt und sehr langlebig! Seine zwei Seiten kamen auch in Bezug auf die Rätselei zum Vorschein – er hat eine Sammlung von Schachproblemen veröffentlicht, selbst einige wenige Probleme gebaut und ansonsten Rätselgedichte geschrieben. Ein kleiner Zweizeiler:

 

Palindrom

Dem schmucken Renner steht’s wohl an,
und rückwärts, wohlgepflegt, dem Mann.

 

Gesucht ist das Wortpaar „Trab – Bart“. Als Schachaufgabe stelle ich ein Selbstmatt Dufresnes aus dem Jahr 1849 vor – Weiß zwingt dabei den Schwarzen, ihn selbst mattzusetzen!

Selbstmatt in sechs Zügen! Keine sehr schwere Aufgabe, in der die ersten beiden Züge verwendet werden, die schwarzen Zugmöglichkeiten einzuschränken und ein gut bekanntes Schema zu verwirklichen; danach spult sich die Lösung dann recht mechanisch ab: 1. Sc3-a4+ Kc1-d1, 2.Lg6-h5+ Tg8-g4. Nun kann nur noch der schwarze Bauer auf h4 ziehen. Weiß muss derweil den zum Matt benötigten Springer heranführen: 3. Sa4-b6 h4-h3, 4. Sb6-d5 h3-h2, 5. Sd5-f4. Wandelt Schwarz nun den Bauern in eine Dame oder einen Turm um, ist Weiß sofort Matt. Sonst bleibt aber nur 5. … h2-h1L, 6. Sf4-g2 Lh1xg2# oder 5. … h2-h1S, 6.Sf4-g2 Sh1-g3#.

Aber gut. Für alle, die dem Schach nicht so zugetan sind, hier noch ein Rätselgedicht Dufresnes:

 

Homonym

Womit schon manch ein Mann geschwind
Sich großen Reichtum hat erhandelt,
Damit hat manch ein armes Kind
Schon harte Herzen umgewandelt.

 

„Mit Weinen“. Das mag so sein, das mit dem Handeln; da kenne ich mich wenig aus …

Geteilte Reime

Wilhelm Müller schrieb zu  seiner Gedichtreihe „Ständchen in Ritornellen aus Albano“:

Ich bin in der Form und im Ton meiner deutschen Ritornelle von den rückertschen Vorläufern abgewichen. Ich reime mit den Vokalen im ersten und dritten Verse (Assonanz), und mit den Konsonanten im ersten und zweiten (Alliteration). Die Vereinigung dreier Ritornelle zu einem Gedicht gibt ihnen lyrischen Ton, und die italienischen Lokalfarben mögen an die Heimat dieser Form erinnern.

Das liest sich dann so:

 

Rosensamen

Ich ging vorüber heut‘ an deinem Fenster,
Und zankte mit dem dichten grünen Ginster,
Der dich vor meinen Blicken ganz versteckte.

Da sah ich, wie aus dem Gesträuch geschwinde
Heraus sich streckten deine weißen Hände,
Und Wasser niedertroff von ihren Fingern.

Wie gern hätt‘ ich ein Tröpfchen aufgefangen!
Doch alle hat die Erde gleich verschlungen,
Und morgen werden Rosen aus ihr wachsen.

 

Übermäßig ernst nehmen muss man diese Verse nicht – inhaltlich; Von der Form ist es schon etwas anderes, auch wenn man die „Alliteration“ vielleicht gar nicht bemerkt, wird man nicht darauf hingewiesen: „-ster“ in V1, V2, „-nde“ in V4, V5, „-ngen“ in V7, V8. Eigentlich ist’s ein „geteilter Reim – die das Reimwort aus V1 ergänzenden Laute stehen in V2 (Konsonanten) und in V3 (Vokal)?! Schöner Kniff, und allemal einen eigenen Versuch wert!

Der andere Ton

Beim Namen „Johann Heinrich Voß“ denken die meisten an die Homerübersetzungen von Voß, und dann an metrische Wunderlichkeiten und sprachliche Wagnisse, die er im Versuch einer immer genaueren Übersetzung einzugehen bereit war. Das ist ja auch so; aber der ganze Voß ist es eben nicht, wie zum Beispiel „Die Spinnerin“ zeigt:

 

Ich armes Mädchen!
Mein Spinnerädchen
Will gar nicht gehn,
Seitdem der Fremde
In weißem Hemde
Uns half beim Weizenmähn!

Denn bald so sinnig,
Bald schlotternd spinn ich
In wildem Trab,
Bald schnurrt das Rädchen,
Bald läuft das Fädchen
Vom vollen Rocken ab.

Noch denk ich immer
Der Sense Schimmer,
Den blanken Hut,
Und wie wir beide
An gelber Weide
So sanft im Klee geruht.

 

Drei Schweifreimstrophen mit kurzen Versen, Zwei- und Dreiheber; und ein volksliedhaft-schlichter Ton, der so gar nicht an Homer und die Antike erinnert …