Hölderlins Reime

Hölderlins Ruhm gründet sich eher auf seine ungereimten Gedichte; aber er hat auch viele gereimte geschrieben, und sicher keine schlechten! Ein Beispiel dafür ist „Der Jüngling. An die klugen Ratgeber“, das auch Roger Willemsen einmal vorgetragen hat:

Der Jüngling. An die klugen Ratgeber

Da geht zwar manches durcheinander, und einmal fehlt sogar eine halbe Strophe;  aber was soll’s. Der Schwung des Vortrags ist da viel wichtiger, und wie er das Lebendige der Verse, und damit Hölderlin erfahrbar macht.

Wer mag, kann diese Strophe vergleichen:

 

Das Leben ist zum Tode nicht erkoren,
Zum Schlafe nicht der Gott, der uns entflammt,
Zum Joch ist nicht der Herrliche geboren,
Der Genius, der aus dem Äther stammt;
Er kommt herab; er taucht sich, wie zum Bade,
In des Jahrhunderts Strom und glücklich raubt
Auf eine Zeit den Schwimmer die Najade,
Doch hebt er heitrer bald sein leuchtend Haupt.

 

So nah dran am, oder so weit weg vom Text (je nach Sichtweise) ist der ganze Vortrag …

Neue Anapäste

Das meint, genauer: es steht ein neuer Eintrag im Hinterzimmer „Gesammeltes“, Rudolf von Gottschalls Anapästische Versmaße, ein Beitrag, der auch ganz gut verdeutlicht, dass man nicht immer allen alles glauben sollte …

Gottschall sagt allgemein über die metrischen Auflockerungsmöglichkeiten der anapästischen Verse:

Auch der Spondäus, dessen zweite Silbe einen höheren Ton erhalten muss, kann statt des Anapästus gesetzt werden.

Meint: Ein ◡ ◡ — kann gegen ein — — ausgetauscht werden, falls in diesem „Spondäus“ die zweite der beiden schweren Silben die gewichtigere ist.

Ein Beispiel von Gerhart Hauptmann, ein anapästischer Dimeter mit gleich zwei solchen Ersetzungen:

Licht glitzert das Eis, und der Schneesturm fegt

— — , ◡ ◡ — || ◡ ◡ — , — —

In den Beispielversen, die Gottschall für den anapästischen Dimeter gibt (entnommen aus August von Platens „Romantischem Ödipus“), hat aber in den Spondäen gleich dreimal die erste Silbe mehr Gewicht, also den „höheren Ton“!

Auf, auf, o Genossen! Er wandelt heran
Lichtschön, wie Apoll, der Köcher und Pfeil
Im Gebüsch ablegt, und die Leier bezieht
Mit Saiten! Es spült der kastalische Quell
An die Knöchel des Gotts und es schleicht Sehnsucht
In die liebliche Seele der Musen.

„Lichtschön“, „ablegt“, „Sehnsucht“. Das ist selbstverständlich von Platen so gewollt, der durch das Besetzen der Hebung mit der leichteren Silbe, während die schwerere Silbe in die Senkung rutscht, die dem antiken Spondäus eigene Gleichheit beider Silben so gut wie möglich im Deutschen nachbilden wollte; was nicht von allen Metrikern geschätzt wurde. Aber wie auch immer man dazu steht – erst eine Regel aufzustellen und dann ein Beispiel zu geben, das dieser Regel zuwiderläuft, ist doch ein wenig eigenartig …

Strophen haben ihre Schicksale

Sicherlich kann eine einigermaßen regelmäßig gebaute Strophe jeden beliebigen Inhalt aufnehmen. Oft war es aber so, dass ein Dichter in einer Strophe ein berühmtes Gedicht geschrieben hat, und dass die so bekannt gewordene Strophe danach vor allem für Gedichte ähnlichen Inhalts genutzt wurde!

Ein Beispiel ist die Strophe von Gottfried August Bürgers bahnbrechender Ballade „Leonre“:

 

Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde,
erweichten ihren harten Sinn,
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmückt mit grünen Reisern,
Zog heim zu seinen Häusern.

 

Ein Achtzeiler, zusammengesetzt aus zwei Vierzeilern – einer sehr bekannten Kreuzreimstrophe aus Vier- und Dreihebern, gefolgt von einer selteneren Strophe aus zwei Reimpaaren, die aber wieder aus Vier- und Dreihebern bestehen!

Bürgers Ballade war ein großer Erfolg, und die „Lenorenstrophe“ wurde fürderhin vor allem für Balladen oder, allgemeiner, Erzählgedichte gebraucht.

Zu den Ausnahmen zählt „Die Kunst zu reimen“ von Karl Geisheim, eine sehr launige Abrechnung mit der Durchschnittsreimerei der Zeit:

 

Oft widerspenstig ist der Reim,
Gleich einer Doris Laune;
Doch der Poet kocht Götterleim
Und bricht den Reim vom Zaune.
Das Missgeschick führt er auf Glück,
Das Herz voll Schmerz auf Scherz zurück,
Und selbst dem Hoffnungslosen
Macht Hosen er aus Rosen.

 

Nicht, dass Geisheim den inneren Notwendigkeiten der Strophe weniger Aufmerksamkeit schenkte als Bürger; er füllt sie nur mit einem anderen Inhalt, und obwohl sie so einerseits erkennbar bleibt und dem Ohr vertraut klingt, ist doch der verwirklichte Inhalt etwas ganz anderes und sorgt für einen deutlich verschiedenen Höreindruck?!

Die zitierte Wahrheit

„Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr!“, schreibt Hermann Hesse bekanntlich in seinem „Siddhartha“; dann müsste aber doch auch das noch bekanntere, etwas großsprecherisch als „Weisheit der Dakota-Indianer“ daherkommende „Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab“, so es denn wahr ist, eine gegenteilige Entsprechung haben?

Heute habe ich in Elias Canettis sehr empfehlenswertem (vor allem, wenn man Aphorismen schätzt) „Das Buch gegen den Tod“ (Hanser 2014) als einen der Einträge des Jahres 1987 diesen knappen Satz gelesen: „Auf seinem toten Pferd reitet er weiter.“

  – Und ich finde, das ist gegenteilig genug; und wahr genug auch.

Hölderlin (irgendwie)

Bettina Brentano gibt wieder, wie Isaac von Sinclair Friedrich Hölderins Äußerungen wiedergegeben hat:

Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fühle sich in der Sprache, sie werfe das Netz über den Geist, in dem gefangen er das Göttliche aussprechen müsse, und solange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht von Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit; denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tiefer Geist Gefallen haben könne, sondern das sei Poesie: Dass eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne, dass nur im Rhythmus seine Sprache liege, während das Poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei – und ob es denn der Mühe lohne, mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr übrigbleibe als das mühselig gesuchte Kunststück, zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnüre. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingeborenen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden; denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen.

Nun – abgesehen davon, wer nun welchen Teil dieser Aussagen wie zu verantworten hat, und ob das alles in seiner Gesamtheit überhaupt Sinn macht: Reizvoll zu lesen ist es jedenfalls!

Klopstock und Besson

Für jemanden, der überhaupt nicht ins Kino geht (seit 30 Jahren nicht), lese ich erstaunlich viele Film-Kritiken … Im Falle von Luc Bessons „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ lohnt das aber durchaus, denn zum einen gründet dieser Film auf einem Comic, den ich in jungen Jahren sehr gern gelesen habe; und zum anderen zählt er zu den Dingen, die entweder Begeisterung oder Abscheu hervorrufen.

Diejenigen Kritiker, die von einem Film Dinge wie eine Geschichte oder Charakterentwicklungen oder überhaupt erst einmal Charaktere erwarten, werden hier eher enttäuscht; wer sich dagegen an der schieren Menge von Einfällen besaufen möchte, bekommt nie zuvor Gesehenes im Übermaß geboten.

Bilge Ebiri bringt das bei the village voice so auf den Punkt:

Valerian and the City of a Thousand Planets is a movie made by someone who knows how to seduce our eyes and ears, and knows well enough to leave our brains alone.“

Und das hat mich an Lessing erinnert, der über eine von Klopstocks längeren Hymnen, „Die Allgegenwart Gottes“, so urteilte:

„Wenn ich Ihnen sagen sollte, was ich denn nun von der Allgegenwart Gottes mehr gelernt, als ich vorher nicht gewusst; welche von meinen dahin gehörigen Begriffen der Dichter mir mehr aufgeklärt; in welcher Überzeugung er mich mehr bestärket: so weiß ich freilich nichts darau zu antworten. Eigentlich ist das auch des Dichters Werk nicht. Genug, dass mich eine schöne, prächtige Tirade uber die andere angenehm unterhalten hat; genug, dass ich mir, während dem Lesen, seine Begeisterung mit ihm zu teilen geschienen habe: muss uns denn alles etwas zu denken geben?“

Eine andere Zeit, eine andere Sprache, ein anderes Medium; aber einige Dinge sind halt, was und wie sie sind …

Hebbels Tagebücher

Heute habe ich einmal wieder mit genuss in Friedrich Hebbels Tagebüchern gelesen, genauer: in dem von 1848. Da stehen dann solche Einträge drin wie der vom 13. Januar:

Ein großer Leichenzug zieht eben an unserem Fenster vorbei. Der Tote muss zum Wenigsten Feldmarschall gewesen sein, denn ihm folgen ganze Regimenter mit Fahnen, Trommeln und Kanonen. Zum ersten Mal sehe ich ein Pferd, dem die Schleppe nachgetragen wird; ein schwarzes in schwarzem Flor. Meine Frau steht neben mir am Fenster und säugt ihr Kind, das mächtig trinkt.

„Ihr“ Kind meint allerdings schon „unser“ Kind (eine Tochter). Bei dieser Schilderung kommen Erinnerungen hoch an ein beim Verserzähler schon vorgestelltes, schönes Sonett Hebbels, siehe Sonett (2)!

Andere Einträge sind Gedanken zu zukünftigen Stücken, oft in der wörtlichen Rede. Am 20. Februar:

„Ja, würden die Jahre dessen, den ich tötete, meinen zugelegt, dann -„

Und manchmal sind es auch ganz allgemeine Gedanken, die aber immer eine bildhafte Form finden. Form! Am 7. Januar:

Was ist doch ein Mensch, dem die Form fehlt! Ein Eimer voll Wasser ohne den Eimer!

Wer gerne Tagebücher liest – das, und die anderen Hebbels lohnen sich auf jeden Fall!

Ein Konjugationsgedicht

Heute bin ich mal wieder diese vier Verse von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau gelesen:

 

Ich liebe, du liebest, er liebet das Lieben,
Was liebet, wird alles vom Lieben getrieben,
Wir lieben, ihr liebet, sie lieben zusammen,
Drum kommet, ihr Nymphen,und kühlet die Flammen.

 

Und nun ist das inhaltlich durch die Art der Darsellung eine Anhäufung von sehr Ähnlichem, und in der Versbewegung ein unentwegtes „ta TAM ta“- tatsächlich ist die einzige hörbare rhythmische Figur der Amphybrach! Trotzdem sind diese vier Zeilen gute Dichtung, sie haben Schwung und lassen aufhorchen. Dazu muss man dann wohl wirklich Dichter sein … (Was bei Hoffmannswaldau aber ohnehin außer Frage steht!)

Das Lächeln

„Das Lächeln“, im Untertitel „Eine Frühlingsballade“ genannt, ist ein Gedicht des im gestrigen Beitrag erwähnten Anton Wildgans. Es hat sieben Strophen; die vierte, fünfte und sechste lesen sich so:

 

In meinem Leben weiß ich einen Kranken,
Gelähmt an Gliedern, Willen und Gedanken,
Nur seine Seele war dem Wunder heil –
Der konnte lächeln, wenn der erste Schimmer
Der Frühlingssonne in sein traurig Zimmer
Sich leise schob, ein goldner, zarter Keil.

Der konnte lächeln über jede Blüte,
Dass dieses Lächelns wundervolle Güte
Dem toten Auge flüchtig Leben gab:
Der konnte weinen über Kinderlieder
Und tiefer atmen, wenn der Duft vom Flieder
Ihn grüßen kam in seiner Kissen Grab.

Und dieses Lächeln, diese Tränen waren
So überreich an jenem Wunderbaren,
Des alle darben, die so dumpf-gesund.
Und ich hielt dieses Mannes Hand im Sterben,
Und ward zu seines Lächelns Erben,
Das wie ein Blühen lag um seinen blassen Mund.

 

– Und das sind fraglos sichere Verse. Die sechste Strophe weicht allerdings etwas ab vom gewöhnlichen Aufbau der verwendeten Schweifreim-Strophe: Der fünfte Vers hat nur vier Hebungen statt der vorgesehenen fünf, dafür ist dann aber der sechste Vers um eine Hebung zu lang, er hat deren sechs!

An der Wirkung der Strophe ändert das nichts, die Silbenzahl bleibt ja gleich, es wird nur leicht „umverteilt“. Schaut man in die anderen Strophen, fällt allerdings noch eine weitaus größere Abweichung auf – die zweite Strophe:

 

Dass über Nacht ein Wunder neu geboren,
Dass aus der alten Häuser tiefen Toren
Nun wieder Kinderlaut und Kühle weht –
Und dass sich Wölkchen bilden in den Lüften
Von Zigaretten- und Orangendüften
Oder Parfum, wenn eine schöne Frau vorübergeht –

 

Was ist da vom letzten Vers zu halten? Sind das nicht sogar sieben Hebungen?! Zum Glück kann man Verfasser selbst befragen – es gibt eine historische Lesung des „Lächelns“ von ihm, aus dem Jahre 1931:

Anton Wildgans liest „Das Lächeln“

Wie man damals eben so vortrug, sehr weihevoll-getragen … Den „Parfum-Vers“ liest sein Schöpfer, wie mir scheint, aber mit nur fünf Hebungen, also zwei dreisilbig besetzten Senkungen?! Oder, wenn man will, fünfeinhalb Hebungen; das „oder“ vorn ist nicht ganz schwach.

Insgesamt haben vier von sieben Strophen verlängerte Schlussverse; das ist also sicher kein Zufall, sondern gestalterische Absicht!

Von den Anfängen

Wo beginnt ein Dichter-Sein?! Im Falle Anton Wildgans‘ in allerfrühester Jugend, wie er in „Mein Leben“ berichtet.  Als ihm 1885 vierjährig die Mutter starb, zog er wenig später mit Vater und Tante um, und:

Untertags war ich hier auch hier meistens allein. Des Abends aber legte sich mein Vater früh zu Bett, und zwar war mein Gitterbett an das seine angeschoben. Da pflegte er nun bei dem Lichte eines kleinen Petroleumlämpchens zu lesen und mir einzelne Gedichte Schillers laut vorzusagen. Da ich ein empfängliches Gedächtnis hatte, redete ich ihm bald einzelne Verse nach, und es dauerte nicht lange, so konnte ich „Hektors Abschied“ und den „Handschuh“ auswendig. Nun brachte mir mein Vater eine Art Vortrag bei, indem er mich anleitete, die Worte Hektors mit anderer Betonung und Stimme zu sprechen als die der Andromache. Er war dabei sehr liebevoll und ohne Strenge. Auch belohnte er jedes Gedicht, das ich neu auswendig konnte, mit einem Geschenk in Form farbiger Bleistifte und vieler Bilderbogen. Wenn wir nicht gerade Gedichte auswendig lernten, so hatte mein Vater eine andere Beschäftigung mit mir. Er gab mir Wörter auf, zu denen ich ihm die Reimwörter sagen musste. Dieses Spiel liebte ich bald besonders.

Schiller also, und in so jungen Jahren. Nun ja, warum nicht. Obwohl man sich sicher fragen kann, was der kleine Anton denn zum Beispiel von der Schlussstrophe des „Abschieds“ verstanden hat:

 

 Hektor

All mein Sehnen will ich, all mein Denken
In des Lethe stillen Strom versenken,
Aber meine Liebe nicht.
Horch! der Wilde tobt schon an den Mauern,
Gürte mir das Schwert um, lass das Trauern,
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.

 

Also abgesehen davon, dass er danach wusste, wie dieser ganz eigene Schiller-Ton klingt …