Aus der Not gekommen

Wenn man in den Briefen der klassischen Schriftsteller herumstöbert, geht es selbstverständlich andauernd um Romane und Gedichte, um das Büchermachen und derlei mehr; aber auch das alltägliche Leben findet sich in reichlicher Menge. Und es ist immer wieder nett zu sehen, wie sich selbst da die Literatur und die Philologie und Sprache und Schrift durch die Hintertür wieder hineinschleichen.

1777 schrieb zum Beispiel Matthias Claudius (den zu lesen in jeder Form, auch im Brief, eine große Freude ist) an Johann Georg Hamann über die Geburt seiner Tochter:

Das Kind heißt Anna Friederica Petrina. Denkt nur um Himmels willen, die eine Frau Gevatterin hieß Prina, was war zu machen. Prina konnte mein Kind doch nicht getauft werden. Wir dachten also in corpore dem Dinge nach und Doktor Mumsen, sonst Oncle Toby genannt, brachte endlich heraus, dass Prina kontrakt und korrupt sei und eigentlich Petrina heißen sollte, und so kam ich aus der Not und mein Kind auch.

Wunderbar … Und das „dem Dinge nachdenken“ ist eine Sache, die man sich vielleicht sogar abschauen kann; klingt das nicht besser und vor allem einleuchtender als „über das Ding nachdenken“?!

Vom Überarbeiten

So: Böttigers „Literarische Zustände und Zeitgenossen“ ist ausgelesen. Nachdem bei der letzten Erwähnung dieses wirklich lesenswerten Buches eine etwas … anrüchige Auslassung Böttigers angeführt wurde, hier noch etwas mit wirklichem Nährwert für den Schreibenden, vom 27. Januar 1795:

„Wieland feilt seine Gedichte ohne Unterlass. Jetzt hat er wieder sein Caphalus und Procris unter dem Hammer. Nur dann, sagt er, wenn mir eine ganze Passage, die ich sonst für gut erkannte, auf einmal missfällt, traue ich mir selbst nicht, und lege das Gedicht weg, weil ich dies Missbehagen auf körperliche Indisposition und Verstimmung schiebe. Denn einmal muss man auch aufhören können.“

Und das, ohne Frage: ist ein weises Wort.

Verse finden Verse

Von jedem Vers führt ein Weg zu vielen anderen Versen, sei es inhaltlich, sei es bezogen auf die Form.  Von Friedrich Rückerts „Chidher“, gestern vorgestellt, geht ein solcher Weg zum Beispiel zu sechs Versen Christian Morgensterns:

 

O ihr kleinmütig Volk, die ihr vom Heute
nicht loskommt, die ihr meint: so ist es, war es
und wird es sein, solange Menschen leben –

O würdet ihr doch andrer Hoffnung Beute
und lerntet wieder schauen Offenbares
und Hirn und Herz zu höchstem Ziel erheben!

 

Das wirkt ein wenig, als seien einem Sonett die Quartette abhanden gekommen … Der Rückert-Bezug läge dann im ersten „Terzett“, das weniger erzählend und mehr feststellend daherkommt, aber inhaltlich nicht weit weg ist?!

Die ersten beiden Verse sind auch von der Form her einen Blick wert, weil sie sich am Versbeginn dem „Iambentrab“ verweigern:

◡ ◡ — — / ◡ — / ◡ — / ◡ — / ◡
◡ — — / ◡ ◡ — / ◡ — / ◡ — / ◡

Die große Strophe

Der Titel des Eintrags ist ein wenig großspurig; eine neunzeilige Strophe wie die folgende ist nicht wirklich „groß“ im Sinne von umfangreich, aber doch größer als das meiste, was im 19. und 20. Jahrhundert an gereimten Strophenformen verwendet wurde! Friedrich Rückert hat sie verwendet in einem recht bekannten Gedicht:

 

 Chidher

Chidher, der ewig junge, sprach:
Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
„Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
Und wird so stehen ewig fort. “
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: „Wie lang‘ ist die Stadt vorbei?“
Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
„Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei:
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt‘ ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach, und lachte meinem Wort:
„So lang‘ als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port. “
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum,
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum;
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
Er sprach: „Der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn‘ ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäum‘ hier fort.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: „Seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?“
Sie schrien, und hörten nicht mein Wort:
„So ging es ewig an diesem Ort,
Und wird so gehen ewig fort.“
Und aber nach fünfhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.

 

Dazu ließe sich sicherlich auch inhaltlich vieles sagen; ich finde aber bezüglich der Form das Reimschema ababcccdd sehr bemerkenswert – da finden zwei scheInbar sehr unterschiedliche Reimmuster in derselben Strophe Verwendung, und doch wirkt alles wie eine vollkommene Einheit! Wobei sich Rückert als jemand, dem die Sprache für jede Tüftelei willig zur Verfügung stand, sich das Kunststück des in allen fünf Strophen durchgehaltenen, dreifachen „-ort-Reims“ nicht verkneifen kann – neben dem gleichfalls durchgehaltenen „-ei“-Reim im anfänglichen Kreuzreim, selbstverständlich …

Ein noch etwas älteres Beispiel ist Johann Wolfgang Goethes „Hochzeitslied“, eine Beispielstrophe:

 

So rennet nun alles in vollem Galopp
Und kürt sich im Saale sein Plätzchen;
Zum Drehen und Walzen und lustigen Hopp
Erkieset sich jeder ein Schätzchen.
Da pfeift es und geigt es und klinget und klirrt,
Da ringelt’s und schleift es und rauschet und wirrt,
Da pispert’s und knistert’s und flistert’s und schwirrt,
Das Gräflein, es blicket hinüber,
Es dünkt ihn, als läg‘ er im Fieber.

 

Das ist schon etwas mutwillig, aber trotzdem ein schönes Beispiel, was man mit dieser Strophe anstellen kann. Also, wer einmal etwas mehr Raum beanspruchen möchte – hier ist eine Form, die es ermöglicht!

Die Schmeißfliege

Ich lese immer noch in Böttigers „Literarischen Zuständen und Zeitgenossen“ …

In seinem Vorwort zum 1997 im Aufbau-Verlag erschienenen Buch schreibt (Mit-)Herausgeber René Sternke:

Der Autor verstand es, ohne es zu beabsichtigen, verschiedene seiner Zeitgenossen, unter ihnen Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder, die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Schelling, so zu verärgern, dass sie ihn öffentlich als „Arschgesicht“, „Vogelscheuche“, „Lügner“ oder „Schmeißfliege“ verunglimpften.

Eine eindrucksvolle Liste … Und so ganz unrecht hatten die Geistesgrößen nicht; Böttiger lässt sich oft zu Klatsch und Tratsch hinreißen. So berichtet er etwa über Ferdinand Justus Christian Loder, damals schon ein bekannter Mann, der später noch zum Leibarzt von Königen und Zaren werden sollte:

Seinen anatomischen Vorträgen weiß er da, wo die Zeugungsteile vorkommen, alle mögliche Würde zu geben. Bemerkt er, dass fremde Studenten aus sträflicher Neugier gerade diese Stunde zum Hospitieren abgepasst haben, so ruht er nicht eher, als bis diese abgetreten sind, oder er behandelt sogleich außer der Ordnung eine andere Materie.

So weit, so harmlos (wenn man sich auch fragen kann, warum das mitteilenswert ist). Der Punkt lässt Böttiger aber nicht los – drei Sätze später schreibt er:

Wegen eines monströs großen Penis in seiner Präparatensammlung hat er viel Ärger ausgestanden. Er wusste diese Rarität bei einem angesehenen Bürger in Jena noch bei Lebzeiten des Besitzers zu entdecken, und brachte (es) durch Bestechung des Totengräbers dahin, dass er dies schöne Specimen noch aus dem Sarge rettete. Unglücklicherweise hatte die Frau des Verstorbenen Verdacht geschöpft und verlangte nun vom Totengräber, dass er ihr den Sarg noch einmal öffnen solle, weil sie sich nicht eher zufriedengeben könne, als bis sie wisse, es sei mit dem Leichnam ihres Mannes nichts unrechtes vorgegangen.  Als der Totengräber keine Ohren dazu hatte, wandte sie sich an den Stadtrat und verlangte von diesem die Erlaubnis, und nur durch strenge und standhafte Verweigerung konnte man es dahin bringen, dass sie sich zwar nicht beruhigte, aber doch nichts zu unternehmen wagte.

Und dass er sich mit dergleichen eher keine Freunde macht, hätte er wissen können … Aber heute, keine Frage: liest sich sein Buch auch wegen dieser Klatsch-Geschichten sehr angenehm, weil abwechslungsreich!

Wieland, Lucian, Böttiger

Karl August Böttiger war ein Zeitgenosse Schillers, Goethes, Wielands und Herders; sein „Literarische Zustände und Zeitgenossen“ (herausgegeben von Klaus Gerlach und Rene Sternke, erschienen 1997 im Aufbau-Verlag) ein wunderbares Buch, und das in vielerlei Hinsicht, zum Beispiel, weil es erahnbar macht, wie tief die klassischen Dichter in ihren Dichtungen und ihren anderen Arbeiten versanken.

Über Christoph Martin Wieland, der die sämtlichen Werke des Lucian von Samosata vorbildlich übersetzt hatte, schreibt Böttiger:

Wieland hat ein Makulaturexemplar des Lucians. Dies war lange Zeit seine Lektüre und Serviette, wenn er im Tempel der Cloacina saß. Hier, gestand er mir, konnte er sich oft selbst nicht genug über die glücklichen Wendungen und Orginalität seiner Übersetzung wundern, so dass er einigemal sogleich in seine Bibliothek lief, um zu sehen, ob Lucian hier auch treu übersetzt sei, aber allezeit fand, dass er dem Griechen sein volles Recht hat wiederfahren lassen.

Bei manchen Dingen weiß ich nicht recht, ob ich sie mir vorstellen will und soll oder nicht; aber hier ist die Entscheidung dann doch ein „Ja“ …

Vielleicht noch ein Satz aus dem Lucian, in Wielands Übersetzung  – es geht um das Innere eines nicht bildlichen, sondern wirklichen Tempels:

Hier atmet man diesen ambrosischen Wohlgeruch, der von der Luft des glücklichen Arabiens gerühmt wird; er duftet einem schon von ferne unbeschreiblich angenehm entgegen und verlässt einen auch nicht, wenn man wieder weggeht, sondern setzt sich in die Kleider, und man glaubt ihn noch lange überall zu spüren.

Schön gesagt, schön übersetzt.

Residenzgras

In seinem Buch „Deutsche Dichter-Abende“ hat Jakob Loewenberg 1904 verschiedene seiner Vorträge versammelt, unter anderem einen über den Dramatiker Christian Dietrich Grabbe, den er mit einer Schilderung von dessen Geburtsstadt beginnt:

Am Fuß des Teutoburger Waldes, im Kern des alten Westfalenlandes, liegt die kleine lippische Residenz Detmold. Ein munterer Bach, von schmalen Brücken überwölbt, von hohen Bäumen überschattet, durchplätschert ihre Hauptstraße, deren zierliche Häuser aus wohlgepflegten Gärten freundlich zurückhaltend und würdig respektvoll herüberschauen, als wollten sie dem aus den Bergen kommenden Wanderer sagen: „Geh nur weiter, das große stattliche Fürstenschloss liegt am Ende der Straße.“

Ein eigener Hauch durchweht das alte deutsche Residenzstädtchen. Das Gras wächst munter zwischen den Pflastersteinen, macht unter jedem Tritte einen höflichen Knix und richtet sich gleich hinterher stolz und selbstbewusst wieder auf: „Ich gehör‘ doch auch zur Residenz, ich bin Hofgras!“ Fernab zieht der Strom des großen Lebens, kaum dass ein leises Rauschen herübertönt. Aber man hat einen empfänglichen Sinn für alle Dinge, die das Leben schmücken; die Kultur des Geistes und der Sitte hat hier einen alten Boden, und man ist stolz auf große geschichtliche Erinnerungen. Eine Tietmelle, eine Volksgerichtsstätte, erhob sich schon in ältester Zeit hier auf freiem Grund, und dort, in den Waldbergen, als deren höchster die Grotenburg aufragt, hat Hermann der Cherusker die Römer geschlagen.

Man verpasst nichts, wenn man Buch und Vortrag nicht kennt; aber diese tiefenentspannte Art der Schilderung mag ich doch, und der Einfall mit dem „Hofgras“ ist allerliebst!

Das versbewegte Ohr

In Wilhelm August Schlegels „Urteile, Gedanken und Einfälle über Literatur und Kunst“ aus dem Jahre 1798 findet sich ganz unterschiedliches; alles aber lesbar und oft eher anekdotisch und mit Sinn für die kleine Spitze nebenher als übermäßig tiefgründig. So schreibt Schlegel in Bezug auf die Kunsträubereien, die Napoleon 1796/1797 während seines italienischen Feldzugs betrieben hatte:

105. Gegen den Vorwurf, dass die eroberten italienischen Gemälde übel behandelt würden, hat sich der Säuberer derselben erboten, ein Bild von Carracci halb gereinigt und halb in seinem ursprünglichen Zustande aufzustellen. Ein artiger Einfall! So sieht man bei plötzlichen Lärm auf der Gasse manchmal ein halb rasiertes Gesicht zum Fenster herausgucken; und mit französischer Lebhaftigkeit und Ungeduld betrieben mag das Säuberungsgeschäft überhaupt viel von der Barbierkunst an sich haben.

Bei den kürzeren Einträgen, die schon ins Aphoristische gehen, regt sich aber auch der „Verssinn“, der gestaltete Sprache wittert und ein mögliches Epigramm ahnt!

50. Die Poesie ist Musik für das innere Ohr, und Malerei für das innere Auge: aber gedämpfte Musik, aber verschwebende Malerei.

Das Deutsche hat nicht viele anapästische Wörter, aber „Poesie“ und „Malerei“ gehören dazu; und „Musik“ ist auch ein „steigendes“ Wort! Kein Wunder also, dass die Suche in Richtung anapästischer Versmaße geht, und tatsächlich – unter Weglassung zweier (entbehrlicher) leichter Silben ergibt sich ein anapästischer Tetrameter!

Poesie / ist Musik / für das in– / nere Ohr, || Malerei / für das in– / nere Au– / ge.

◡ ◡ — / ◡ ◡ — / ◡ ◡ — / ◡ ◡ — || ◡ ◡ — / ◡ ◡ — / ◡ ◡ — / ◡

Etwas eintönig vielleicht in der ausschließlichen Verwendung von Anapästen (ein hier und da eingestreuter „steigender Spondeus“ tut dem Vers ganz gut), aber metrisch überhaupt nicht zu beanstanden!

Der Rheinfall im Vergleich

Wieder ein Gedicht zum „Rheinfall von Schaffhausen“ – er fand schon Erwähnung in Der Hexameter (53), Das Sonett (13), Ganz frei , Das Distichon (73) und Die Wogenpferde (und nicht zu vergessen Das Distichon (41) zum Zackenfall).

– Ich weiß, die Überschrift klingt leicht missverständlich … Es geht um die Beschreibung des Rheinfalls am Anfang von Friedrich Gottlieb Klopstocks Ode „Aganippe und Phiala“, bei der es aber gar nicht wirklich um den Rheinfall geht, sondern er als Vergleichsgegenstand herhalten muss, hier: des Gesangs! Womit Klopstock dann auch schon seinen eigenen meinte … Die ersten fünf Strophen:

 

Wie der Rhein im höheren Tal fern herkommt,
Rauschend, als käm Wald und Felsen mit ihm,
Hochwogig erhebt sich sein Strom,
Wie das Weltmeer die Gestade

Mit gehobner Woge bestürmt! Als donnr‘ er,
Rauschet der Strom, schäumt, fliegt, stürzt sich herab
Ins Blumengefild‘, und im Fall
Wird er Silber, das emporstäubt.

So ertönt, so strömt der Gesang; Thuiskon,
Deines Geschlechts. Tief lags, Vater, und lang
In säumendem Schlaf, unerweckt
Von dem Aufschwung und dem Tonfall

Des Apollo, wenn, der Hellenen Dichter,
Phöbus Apoll Lorbeern, und dem Eurot
Gesänge des höheren Flugs
In dem Lautmaß der Natur sang,

Und den Hain sie lehrt‘, und den Strom. Weitrauschend
Halltest du’s ihm, Strom, nach, Lorbeer, und du
Gelinde mit lispelndem Wehn,
Wie der Nachhall des Eurotas.

 

Dazu ließe sich jetzt manches sagen, aber ich denke, für die heutige Zeit ist das doch deutlich zu verschwurbelt und inhaltlich ohnehin nicht mehr verständlich?! Aber immerhin, die zweite Strophe, die mit dem Rheinfall: die ist gut! (Auch wenn Klopstock, wie alle anderen, die den Rheinfall besungen haben, nicht ohne das „donnern“ auskommt.)

Wer metrische Tüftelarbeit liebt, kann ja einmal versuchen, der Strophe auf die Schliche zu kommen, die Klopstock hier verwendet hat; aber Vorsicht! Es ist eine seiner Eigenentwicklungen, und daher ziemlich ungewöhnlich. Aber darum geht es ja der ganzen Ode – um genau diese Art von „Gesang“ …

Hölderlins Reime

Hölderlins Ruhm gründet sich eher auf seine ungereimten Gedichte; aber er hat auch viele gereimte geschrieben, und sicher keine schlechten! Ein Beispiel dafür ist „Der Jüngling. An die klugen Ratgeber“, das auch Roger Willemsen einmal vorgetragen hat:

Der Jüngling. An die klugen Ratgeber

Da geht zwar manches durcheinander, und einmal fehlt sogar eine halbe Strophe;  aber was soll’s. Der Schwung des Vortrags ist da viel wichtiger, und wie er das Lebendige der Verse, und damit Hölderlin erfahrbar macht.

Wer mag, kann diese Strophe vergleichen:

 

Das Leben ist zum Tode nicht erkoren,
Zum Schlafe nicht der Gott, der uns entflammt,
Zum Joch ist nicht der Herrliche geboren,
Der Genius, der aus dem Äther stammt;
Er kommt herab; er taucht sich, wie zum Bade,
In des Jahrhunderts Strom und glücklich raubt
Auf eine Zeit den Schwimmer die Najade,
Doch hebt er heitrer bald sein leuchtend Haupt.

 

So nah dran am, oder so weit weg vom Text (je nach Sichtweise) ist der ganze Vortrag …