Scheinform

Rettung

Sie kamen aus der Kapelle, der Fürst und sein bräutlich Gemahl:
Sie schritten über die Schwelle hinauf in den festlichen Saal.
Dahinter, im Hochzeitsreigen, in der Gäste buntem Schwarm,
Ging einer in Trauer, mit Schweigen, den traf ihr Blick so warm.
Und als sie die Stufen erstiegen, da flüstert sie: „Rette mich!
Was lang‘ meine Lippen verschwiegen, nun hör’s: Ich liebe nur dich.“

 

Man ahnt ein Drama; und wie der weitere Verlauf zeigt, zurecht … Aber was mir darüber hinaus auffällt: Der Verfasser Felix Dahn hat hier Binnenreime genutzt, um die ersten Vershälften zu kennzeichnen; dadurch werden sie aber zu eigenständigen Versen?!

Sie kamen aus der Kapelle,
Der Fürst und sein bräutlich Gemahl:
Sie schritten über die Schwelle
Hinauf in den festlichen Saal.

Ich denke, das ist das, was das Ohr hört (also eine durch zweisilbig besetzte Senkungen aufgelockerte „Brunnenstrophe“), und die Langverse der Druck-, der Augenfassung sind nur Schein; eine Scheinform eben!

Durch Zeiten und Sprachen: Anapäste

1779 hat Klopstock bezüglich seiner „anapästischen Versart“ – beim Verserzähler schon einmal knapp vorgestellt in Die Bewegungsschule (21) – geschrieben:

Ich gebe dem Anapäst den Baccheus zum Begleiter, weil dieser das Feuer desselben, ohne es zu unterdrücken, am besten mäßigt.

Meint: An verschiedenen Stellen im Vers kann der Anapäst, ◡ ◡ —, durch einen Baccheus, ◡ — — ersetzt werden; aus dem von Klopstock genannten Grund.

In Verse. An Introduction to Prosody von Charles O. Hartman, erschienen 2015 bei Wiley Blackwell, habe ich heute bezüglich dieses Austauschs (und dem des Anapäst, ◡ ◡ —,  gegen einen Kretikus,  — ◡ —) gelesen (Seite 68):

Especially by using these two substitutions the poet can keep the reader just sligthly off balance und therefore intrigued. The reader slows down to pay attention yet continues to feel the forward monumentum of the anapestic norm.

Das sagt sicher etwas anderes aus als Klopstocks Worte; aber immerhin etwas sehr ähnliches, 230 Jahre später und in einer benachbarten Sprache: „Mannigfaltigkeit“, um die Aufmerksamkeit des Lesers zu erhalten; und „mäßigen, ohne zu unterdrücken“.

Dieses mit jenem

Lesen heißt auch immer: verknüpfen. Das, was man schon gelesen hat, mit dem, was man gerade liest. Heute erinnerte ich mich an eine wegen ihres letzten Verses sehr bekannten Strophe Johann Gottfried Seumes (aus „Die Gesänge“):

 

Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.

 

Daran erinnert hat mich ein Satz von Ezra Pound in der Übersetzung von Eva Hesse: „Verbrecher haben keine geistigen Anliegen.“ Über die Unterschiede dieser beiden Aussagen lässt sich nachdenken …

Der Frühling; Am ersten Maimorgen

In den letzten Jahren hat der Verserzähler mehrere Gelegenheiten verstreichen lassen, das folgende Gedicht von Matthias Claudius am passenden, nämlich dem im Titel erwähnten ersten Mai-Tag, vorzustellen – nicht noch einmal!

 

Heute will ich fröhlich, fröhlich sein,
Keine Weis‘ und keine Sitte hören;
Will mich wälzen und für Freude schrein,
Und der König soll mir das nicht wehren;

Denn er kommt mit seiner Freuden Schar
Heute aus der Morgenröte Hallen,
Einen Blumenkranz um Brust und Haar
Und auf seiner Schulter Nachtigallen;

Und sein Antlitz ist ihm rot und weiß,
Und er träuft von Tau und Duft und Segen –
Ha! Mein Thyrsus sei ein Knospenreis,
Und so tauml‘ ich meinem Freund entgegen.

 

Claudius ist, wie ich finde, ein Unterschätzter. Die Unbekümmertheit und Kraft dieses Textes, die erst beim lauten Vortrag wirklich erfahrbar wird, hat mich jedenfalls schon immer für ihn eingenommen! Ein Stückweit ist dafür sicher auch die etwas ungewöhnliche Strophenform verantwortlich.

Schachprobleme und Gedichte

… scheinen nicht viel gemeinsam zu haben, erst einmal; aber das täuscht. Beides sind zum Beispiel Dinge, mit denen man sich ohne jegliches Hilfsmittel beschäftigen kann, sowohl aufnehmend und bedenkend als auch selbst schaffend – mehr als den eigenen Kopf braucht es dafür nicht. Auch nehmen beide in Anspruch, „Kunst“ zu sein; die Gedichte unmittelbar, die Schachprobleme etwas verstohlener, aber immer noch bemerkbar.

Da wundert es nicht, dass einiges von dem, was über den einen Bereich gesagt wird, ohne Schwierigkeiten auf den anderen übertragbar ist.  1913 hat Alan C. White das Buch „Sam Loyd and his Chess Problems“ veröffentlicht,  das, übersetzt von Wilhelm Massmann, 1926 auch auf Deutsch erschienen ist; eine Ausgabe, von der 1984 in der Edition Olms ein Nachdruck erschienen ist. In diesem sehr gelungenen Buch über einen einzigartigen Rätselerfinder, der viele noch heute bewunderte Schachprobleme ersonnen hat, findet sich auch dieses Zitat Samuel Loyds.

Jeder Verfasser stößt auf einfache und bedeutungslose Gedanken, und wenn er sich nun die Mühe gemacht hat, sie darzustellen, so erblickt er nichts Böses darin, sie auch zu veröffentlichen; dabei vergisst er aber, dass er sie darbietet als Proben seiner Fertigkeit und seines Stils.

Und doch, ja: Das sind Worte, die sich auch sehr viele derer, die Gedichte schreiben, über den Schreibtisch hängen könnten; und aus deren Betrachtung sie Gewinn zögen.

Vom Büchermachen

Bücher müssen gemacht, was heißt: erarbeitet werden; das war schon immer so, und ist auch nicht wirklich abhängig von ihrem Inhalt.

Der aus Aleppo stammende Syrer Philipp Stamma war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einer der besten Schachspieler, und 1737 veröffentlichte er in Paris, später dann, 1745, noch einmal in London eine Sammlung von Schachproblemen. Diese Sammlung haben gut hundert Jahre später die Berliner Ludwig Bledow und Otto von Oppen neu herausgegeben – „Stammas hundert Endspiele“, erschienen 1856 bei von Veit. Die eigentliche Arbeit hat dabei Bledow geleistet, wie von Oppen am Anfang des Buches in einer Art, die wiederum 150 Jahre später seltsam anrührend wirkt, beschreibt:

Endlich ging er selbst ans Werk und legte sich den Apparat zurecht mit der ihm eigentümlichen behaglichen Umständlichkeit und Sorgfalt, welche uns noch jetzt in Zweifel lässt, ob er denn gar keine anderen Geschäfte, oder ob der Tag mehr Stunden für ihn gehabt habe als für die übrige Welt. Bledow war ein Pedant im guten Sinne des Worts, er nahm einen Folioband von solchem Umfange, wie er ihn nach seinem Überschlage für nötig hielt, und fügte demselben die nötige Zahl blauer Büchlein wie Adjudanten bei; dann entwarf er mit seiner zierlichsten Handschrift den Titel, ganz so wie er gedruckt werden sollte und ich ihn beibehalten habe, ließ die Zahlenübersicht der sämtlichen Endspiele mit Ergänzungen folgen, welche sich auf abweichende Aufstellungen der bisherigen Ausgaben beziehen, gab ein vollständiges Verzeichnis dieser Ausgaben mit eigenen kurzen Notizen und ging dann zu den Spielen selbst über. Ein jedes bekam in dem Hauptbuche sein besonderes Blatt oder auch mehrere, wo viel zu notieren war, er vermerkte Übereinstimmung oder Abweichungen aller bisher erschienenen Ausgaben sowie die eigenen Äußerungen der Autoren, oder wies, wo sie zu umfangreich waren, auf die Werke selbst hin; selbst deren Druckfehler entgingen seiner Aufmerksamkeit nicht. Seine eigenen Glossen beschränkten sich auf kurze Sätze, Fragen, Frage- oder Ausrufungszeichen, Bezugnahmen dessen, was er schon bearbeitet hatte und was leider großen Teils verloren ist; dann studierte er jedes einzelne Spiel, prüfte es wiederholt und notierte erst den Zweifel, dann die festgestellte Gewissheit. In den blauen Büchlein führte Bledow noch eine besondere Kontrolle und trug in ihnen alles zusammen, was ihm als Material irgendwie brauchbar erschien.

Jetzt konnte er anfangen, die hundert Endspiele, wie er es auf dem Titel angekündigt hatte, zu bearbeiten und binnen wenigen Wochen ein klassisches Werk vollenden; der Tod nahm ihm die Feder aus der Hand. Ich habe die meinige dem abgeschiedenen Freunde geliehen, ich schrieb alles, und doch ist alles, oder fast alles, Bledows Nachlass.

Von Oppen ist hier sicher ein wenig umständlich – aber was passte besser zum Inhalt? Der eigentliche Inhalt, die hundert Schachprobleme Stammas, folgt danach. Ich stelle zum Schluss eines der einfacheren davon vor:

Gefordert ist ein Matt in drei Zügen, die Lösung lautet: 1.Tg4-g5+ Kh5xg5, 2.Sd8-f7+ Kg5-h5, 3.g2-g4#. Da auch dem weißen König einiges Ungemach droht, muss Weiß schnell sein, sprich: von Beginn an Schach geben!

Neu im Hinterzimmer

Unter „Gesammeltes“ findet sich Neues zu den anapästischen Versen:

R. Benedix: Anapästische Verse

Das ist allerdings ein recht harsche Zurückweisung jedweden anapästischen Verses; genaugenommen bestreitet Benedix sogar, dass es so etwas wie Anapäste im Deutschen überhaupt gibt!

Der Anapäst kommt im Deutschen als Wortfuß niemals vor, wie schon oben nachgewiesen. Demnach ist er auch kein deutscher Versfuß. Er kann das auch aus dem Grunde nicht sein, da er die Arsis auf der dritten Silbe hat.

Holla. Aber zu solchen Einsichten kommt Benedix in seinem Buch „Das Wesen des deutschen Rhythmus“ häufiger. Und warum auch nicht? Ein ernsthaftes Bemühen ist ihm nicht abzusprechen, und dadurch sind seine Ergebnisse auch da werthaltig, wo sie nicht unbedingt richtig sind.

Die Wogenpferde

Wieder ein Gedicht zum „Rheinfall von Schaffhausen“ – er fand schon Erwähnung in Der Hexameter (53), Das Sonett (13), Ganz frei und Das Distichon (73) (und nicht zu vergessen Das Distichon (41) zum Zackenfall). Diesmal besingt ihn Christian Wagner:

 

Welch Donnersausen
Und Wogenbrausen,
Sich überstürzen,
Mit Schaum sich schürzen!

Sind’s Fohlen mit ihren Müttern,
Die, bange vor Sturmgewittern,
Bei rollenden Donnerstimmen
Den Strom durchschwimmen?

Die Mähnen, die weißen Mähnen
So sturmwild flattern;
Dort übereinander sich lehnen
Die Müdern, die Altersmattern.

Die Hengste mit starken Hufen
Sich breite Stufen
Ins Wasser schlagen
Und weiter jagen.

Noch kündet donnerd‘ Gewieher
Viel tausend der gleichen Flieher,
Und tausend der grauen Stuten
Tief unten stromabwärts fluten.

 

Und er braucht dafür, wie könnte es anders sein! das „Donnern“.  Sogar dreimal, was sicher ein wenig übertrieben ist und ein wenig geistlos wirkt?! Dafür ist aber die Ausgestaltung des alten und gutbekannten „Wasserpferde-Bilds“ gar nicht so schlecht gemacht, und die Reime sind auch vergleichsweise frisch; insgesamt also durchaus lesbar!

Hier noch, als Erinnerung und zum Vergleich, Eduard Mörikes distichische Wogenrösser:

 

Rosse der Götter, im Schwung, eins über dem Rücken des andern,
Stürmen herunter und streun silberne Mähnen umher;
Herrliche Leiber, unzählbare, folgen sich, nimmer dieselben,
Ewig dieselbigen – wer wartet das Ende wohl aus?

 

Da liegt der Nachdruck, wie bei dieser Form zu erwarten, viel stärker auf der Wortbewegung als auf dem Klang, und Mörike macht das wirklich sehr beeindruckend!

Eine vergessene Strophe

In „Silenius“ von Johann Peter Uz singt der im Titel genannte Silen in der ersten Strophe; die zweite beginnt so:

 

Der Muse sei vergönnt, dir, Vater! nachzulallen!
Ich hör ihr Saitenspiel, ich hör es schon erschallen;
Sie wiederholt dein göttlich Lied.

 

Und nun erwartet man, wenn man denn überhaupt etwas erwartet, am ehesten die Vervollständigung der Strophe durch ein weiteres Alexandriner-Reimpaar und einen sechsten, vierhebigen Vers, der mit dem vierhebigen dritten Vers reimt, sprich: eine Schweifreim-Strophe, gereimt aabccb. Aber es kommt ganz anders:

 

Der Muse sei vergönnt, dir, Vater! nachzulallen!
Ich hör ihr Saitenspiel, ich hör es schon erschallen;
Sie wiederholt dein göttlich Lied.
Du sangst, wie ungestüm das finstre Chaos brüllte,
Bis Erd‘ und blaue Flut und Luft und Feuer schied,
Und sich die alte Zwietracht stillte.

 

Es folgen also tatsächlich zwei Alexandriner und ein Vierheber, aber die Reimform ist aabcbc! Das gibt, zusammen mit dem tiefen Sinneinschnitt nach dem dritten Vers, einen ganz eigenartigen Höreindruck, so als würden Versgestaltung und Reimgestaltung einander widersprechen, oder doch, zumindest: Nichts voneinander wissen wollen.

Ein anderes Beispiel für diese Form, wieder von Uz – eine Strophe aus seiner „Fröhlichen Dichtkunst“. Die ersten drei Verse:

 

Einst lag ich sorgenvoll im Schatten finstrer Buchen,
Wo sich ein träger Bach, den Faunen bloß besuchen,
Durch eimsames Gefilde wand.

 

Wieder das Alexandriner-Reimpaar, dem der Vierheber folgt, und der tiefe Sinneinschnitt. Und dann? Wieder keine Schweifreimstrophe, sondern das Reimschema aabcbc; aber diesmal mit noch anderen Versen!

 

Einst lag ich sorgenvoll im Schatten finstrer Buchen,
Wo sich ein träger Bach, den Faunen bloß besuchen,
Durch eimsames Gefilde wand.
Mein Saitenspiel vergaß der Schönen,
Und meine scherzgewohnte Hand
Verirrte sich zu trauervollen Tönen.

 

Die zweite Strophenhälfte bilden ein weiblich schließender Vierheber, ein zweiter männlich schließender Vierheber – und ein weiblich schließender Fünfheber!

Schaut man nach diesen Beispielen noch einmal auf Kästners gestern vorgestellten Text …

 

Den Sternturm musst ein Jüngling oft besteigen,
Sein Lehrer wollt ihm da die Venus zeigen,
Und das bei hellem Sonnenschein.
Als beide manchen Weg sich nun umsonst gemacht,
Fand, ohne Lehrer, ganz allein,
Der Jüngling sie bei Nacht.

 

… wird auch dort dieses Muster sichtbar. Also vielleicht gar kein so „madrigalischer“ Text; aber weil er keine zweite Strophe hat, kann man nur aus ihm selbst heraus nichts anderes erkennen.