Schachprobleme (2)

Wie es am Anfang immer geht: Es ist alles noch nichts besonderes, aber man findet freundliche Menschen, die die eigenen Interessen teilen und sich bemühen, den zu ihnen stoßenden Anfänger zu fördern. Godehard Murkisch, der die Schachspalte der „Landeszeitung“ aus Lüneburg betreute, war so freundlich, dort am 29. Juni 1985 folgende Aufgabe zu veröffentlichen:

Matt in zwei Zügen – Circe

„Circe“ ist eine etwas eigenartige „Märchenschach“-Bedingung: geschlagene Figuren tauchen auf dem Feld wieder auf, auf dem sie am Anfang der Partie gestanden haben! Wenig überraschend wird in der Lösung viel geschlagen:

1.Txg2 (Ta8) – die Klammer zeigt an, dass der geschlagene Turm auf a8 wieder erscheint. Nun droht 2.Tg3#; Schwarz kann zwecks Abwehr dieser Drohung den erschienenen Turm zwar für ein Abzugsschach nutzen, allein, es hilft nichts, weil die dabei geschlagenen weißen Figuren ihrerseits einen Abzug ermöglichen: 1. … Sxc6+ (Lf1) 2.Tg8#, oder 1. … Sxd7+ (Th1) 2.Lb8#.

Erzählverse: Der Hexameter (183)

Das Beiwort im Hexameter (I)

Verse formen Sprache, und wer es ernst meint mit dem Schreiben metrisch geregelter Texte, ist sich dessen bewusst; er arbeitet daran, sich die sprachlichen Möglichkeiten, die dem Vers im Vergleich zur Prosa eigen sind, verfügbar zu machen und sie, nötigenfalls, gegen den Vorherrschaftsanspruch der Prosa durchzusetzen.

Beispiel Hexameter: Ein Vers, der viel mehr ist als eine Abfolge von Hebungen und Senkungen. Wer sich bei seiner Gestaltung auf die in der Prosa üblichen Mittel beschränkt, verlangweilt ihn! Das lässt sich gut an den Beiwörtern zeigen, die im Hexameter ganz anders eingesetzt werden können – und sollten! – als in der Prosa. Das schließt ihre Neubildung ein!

Es gibt zum Beispiel das Bildungsmuster „Sinn“, „sinnig“, „feinsinnig“; „Maul“, „mäulig“, „großmäulig“; „Fuß“, „füßig“, „beidfüßig“. Das ist, wie gleicht gezeigt wird, eine Wortstruktur, die dem Bau des Hexameters gelegen kommt; warum also nicht neue Wörter nach diesem Bildungsmuster schaffen?!

Mählig erhöht, weichgrasig, gemach dem müdesten Wandrer.

Das ist ein Vers aus Jens Baggesens Parthenais (II,213); er beschreibt einen Hügel. „Mählig“, „mählich“ ist das noch unverstärkte „allmählich“, also „nach und nach“; „gemach“ meint hier „bequem“. Aber das eigentlich interessante Wort ist, natürlich! das „weichgrasig“, gebildet nach dem angeführten Muster: „Gras“, „grasig“, „weichgrasig“! Einige Verse weiter (II,228) findet man es wieder:

Rechts, wo mählig hinauf weichgrasige Matten emporblühn,

Aber dabei bleibt es nicht. II,292/293:

Endlich bestiegen sie alle nunmehr den helvetischen Wagen,
Wägli genannt, kleinrädrig, mit zween Sitzbrettern gerüstet;

Wenn „Geist“, „geistig“, kleingeistig“, warum dann nicht „Rad“, „rädrig“, „kleinrädrig“?! „Mit kleinen Rädern“ alterniert, „der kleine Räder hatte“ auch; das gewählte, geschaffene Wort dagegen fügt sich dem rhythmischen Anforderungen des Hexameters aufs Schönste:

Wägli genannt, kleinrädrig, mit zween Sitzbrettern gerüstet;

— ◡ ◡, — —, — ◡ ◡ , — — , — ◡ ◡ , — ◡

Das neue Wort hilft also, die zweisilbige Einheit möglichst „spondeusähnlich“ zu füllen!

Und das meine ich, wenn ich sage, jeder (und das meint wirklich: jeder!)Vers hat Anforderungen und Möglichkeiten. Da muss man schon ein wenig Arbeit hineinstecken, manchmal weniger, manchmal, wie beim Hexameter, mehr; und der Prosa gelegentlich auf die Finger hauen. Aber: die Mühe lohnt sich! Versucht es einfach einmal und schaut, nein

Baut euch ein Wort schrägsinniger Art, das den Leser verwundert!

Wer sich nämlich verwundert, wer staunt: der langweilt sich nicht – und ist zumindest einen Augenblick lang frei von der Herrschaft der Prosa.

Erzählverse: Der iambische Trimeter (26)

August von Platens „Philemons Tod“ ist ein kurzer, in Bezug auf die Versbehandlung aber interessanter Text:

Als einst Athen Antigonus belagerte,
Da saß der alte, neun und neunzigjährige
Poet Philemon, mächtiger Dichter Überrest,
In dürftiger Wohnung saß er da gedankenvoll:
Er, der Athens glorreichsten Tagen beigewohnt,
Der deine Philippiken angehört, Demosthenes,
Und oft den Preis errungen durch anmutige
Weisheitserfüllte, die er schrieb, Komödien.
Da schien es ihm, als schritten neun jungfräuliche
Gestalten leis an ihm vorbei, zur Tür hinaus.
Der Greis jedoch sprach dieses: Sagt, o sagt, warum
Verlasst ihr mich, Holde, Musenähnliche?
Und jene Mädchen, scheidend schon, erwiderten:
Wir wollen nicht den Untergang Athens beschaun!
Da rief Philemon seinem Knaben und foderte
Den Griffel, dieser wird sofort ihm dargereicht.
Den letzten Vers dann einer unvollendeten
Komödie schreibt der Alte, legt das Täfelchen
Hinweg, und ruhig sinkt er auf die Lagerstatt,
Und schläft den Schlaf, von dem der Mensch niemals erwacht.
Bald ward Athen zur Beute Makedonien.

Was fällt auf? Die recht hohe Zahl an doppelt besetzten Senkungen, sicher, und die dem antiken Trimeter nachempfundenen Längen in der Senkung, auch die vielen schwachen Endsilben; vor allem aber der etwas freiere Satzbau, besonders das

Weisheitserfüllte, die er schrieb, Komödien.

Ein solches Auseinanderstellen von Bei- und Hauptwort sieht man nicht alle Tage …

Erzählverse: Der Hexameter (182)

Karl Ludwig von Knebels „Philomela in Tiefurt“ ist ein kurzer Text von nur 50 Hexametern, allerdings eigenen Inhalts. Das Ende:

Also sang vom schwankenden Ast weissagend der Vogel,
Und der Nordwind verstummte; es nahten sich lindernde Weste.
Aber es schwebt‘ in der Höh‘ mit ausgespreiteten Rudern,
Und mit gierigem Aug‘ ein Geier, dürstend nach Blute.
Dieser ersah den lieblichen Sänger, und stürzt von der Höhe,
Fasst und drückt ihn gewaltig mit krummgespitzeter Klaue,
Reißt ihm die blutende Brust auf, und hackte begierig sein Leben.
Nicht ein leiser wimmernder Laut ward weiter gehöret;
Es entfloh die Seele mit stiller Wehmut von dannen.

Das „Ende vom Ende“, der letzte Vers, ist bemerkenswert – seines Anfangs wegen; denn viele deutsche Hexametristen haben ja der Versuchung nachgegeben, die erste Hebung mit einer zwar betonungsfähigen, ansonsten aber sehr leichten Silbe zu besetzen, was vor allem im zweisilbigen Fuß nicht so recht befriedigt. Knebels erster Fuß ist zweisilbig, und das „es“ auf der Hebung könnte ein Kandidat für die leichteste jemals dort gefundene Silbe sein – hebungsfähig aber ist sie, da ihr eine Vorsilbe folgt („ent-„), der gegenüber sich das „es“ behaupten kann.

Schachprobleme (1)

„Schachprobleme“ meint hier: Eigene Schachprobleme, selbst ausgedachte. Das ist etwas, auf das ich in jungen Jahren verfallen war; und irgendwann habe ich mich getraut, den Leiter einer Schachspalte – den damals schon über achtzigjährigen Hans Klüver, der die Problemecke des „Stern“ betreute – anzuschreiben und ihm einige dieser Probleme zu schicken. Und siehe da: Eines davon erschien, in einem Akt der Nachwuchsförderung, am 5. April 1984 im „Stern“!

Matt in zwei Zügen

Die Lösung ist schnell gefunden: 1.Kb2 fesselt zwar eigene Figuren, den Sb4 und den Td4, droht dafür aber 2.Dc2#. Dagegen hat Schwarz zwei Verteidigungen: 1. … Sb6, was aber den Sb4 wieder zugfähig macht und außerdem der Df6 den Blick nach a6 verstellt, wodurch 2.Sxa6# möglich wird; und 1. … Se5, was nun wiederum den Td4 wieder zugfähig macht und dem Th5 den Blick nach d5 verstellt; 2.Txd5# ist die Folge. Ob dieser Gehalt den betriebenen Aufwand rechtfertigt, lasse ich besser offen; aber immerhin, ein gewisser Wille zur Gestaltung ist erkennbar; und ein junger Mensch war damals sehr stolz darauf, „in der Zeitung zu stehen“!

Titelfindung

Doktor Sotz steht plötzlich still.
Das geschieht, wenn ein Gedanke
In ihm keimt, der wachsen will.

Dieser wächst zum Riesen auf!
Keine neuronale Schranke
Hindert seinen Hirndurchlauf,

Bis er Sotz aus beiden Ohren
Schießt und fort ist und verloren …
Der ihn dachte, bleibt zurück,
Stutzt und – schreibt ein Bühnenstück:

„Fenster auf!“, befiehlt der Kranke.

Erzählformen: Das Triolett (10)

Die Wiederholung der Verse in der Mitte bzw. am Ende ist manchmal nicht ganz wörtlich, da haben die Dichter eine gewisse Freiheit; aber meist versuchen sie doch die genau wörtliche Wiederholung, denn darin liegt ja einer der Reize der Form: dem wiederholten Vers einen neuen, frischen, überraschenden Sinn zu geben. Von den 91 der hundert Triolette, die dabei in Betracht kommen, machen das immerhin 75 so, darunter auch „Willenskraft“ von Karl Heinrich Bruger:

 

Zwischen Wollen und Erfüllen
Bleibt das Leben immer jung.
Wage nur den kecken Sprung
Zwischen Wollen und Erfüllen!
Alles Glück liegt nur im Willen,
Wolle! Und du hast genung!
Zwischen Wollen und Erfüllen
Bleibt das Leben immer jung!

 

– Wobei die Schwierigkeit eher das sinnvolle Umsetzen des vierten Verses ist, der sich zwar wiederholen soll, aber eben auch eingebunden sein muss. (Und „genung“ ging früher noch!)